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Full text of "Geschichte der in der preussischen Provinz Sachsen vereinigten Gebiete. Ergänzung, Gesch. d. europ. Staaten."

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Geschichte der 
in der 

preussischen 
Provinz 
Sachsen ... 



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1 ]i"<l>: infinit»- 

zur Geschichte der europäischen Staaten. 




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Geschichte 



der in der 



Preulsisdicii Provinz Sachse 



vereinigten Gebiete. 



Von 



Eduard Jacobs. 





Gotha. 

Friedrich Andreis Perthes. 
1884. 



Geschichte 

der in der 

Preußischen Provinz Sachsen 

vereinigten Gebiete. 

Von 

Eduard Jacobs. 




Gotha. 

Friedrich Andreas Perthes. 
1883. 



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Vorwort. 



Zur Übernahme einer Geschichte der Provinz Sachsen, 
das heifst der in derselben bei ihrer Einrichtung im Jahre 
1815 vereinigten geschichtlichen Bildungen und Gebiete, hat 
sich der Unterzeichnete nicht ohne mancherlei Bedenken 
und nur nach einigem Zögern entschlossen und mag, nach- 
dem der Versuch im Vorliegenden gemacht ist, denselben 
nicht ohne einige Vorbemerkungen an die Öffentlichkeit 
treten lassen. 

Die Schwierigkeiten einer solchen Arbeit liegen weniger 
in der grofsen Summe der zu berücksichtigenden Thatsachen 
und Ereignisse oder in der Menge der in der Provinz ver- 
einigten früheren Hoheiten und Selbständigkeiten. Erstere 
könnte doch nur zu einer darstellenden Verarbeitung ein- 
laden, und an Zahl der Territorien übertrifft beispielsweise 
Rheinpreufsen, dem doch beziehungsweise eine gröfsere Ein- 
heit und Gleichförmigkeit zuerkannt werden mufs, unser 
Sachsen um ein Bedeutendes. Dem gegenüber tritt sofort die 
gröfsere Verschiedenheit in den Grundlagen der Bevölkerung 



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iv Vorwort. 

der Provinz Sachsen nach Völkern und Stämmen hervor, die, 
abgesehen von älteren Einsprengungen und ihrem Eingreifen 
in das Gebiet des Hessenstammes bei Dorla und Treffurt und 
in das der Franken im Kreise Schleusingen, im Norden dem 
sächsisch-niederdeutschen, im Süden dem thüringischen Stamm- 
und Kolonisationsgebiet angehört, wozu dann noch die ge- 
schichtlich so bedeutsame Abteilung in eine kleinere stamm- 
deutsche und eine gröfsere früher slavische Hälfte tritt. 
Aufserdem löst sich nicht, wie bei der Rheinprovinz, die 
Unzahl von Herrschaften und Territorien in eine atomistische 
Vielheit auf, die sich doch wegen dynastischer und sonstiger 
Gemeinsamkeit unter eine allgemeinere Ubersicht bringen 
liefse, sondern unser Sachsen enthält neben manchen unter- 
geordneten eine ganze Reihe bedeutender, meist ganz selb- 
ständiger geistlicher und weltlicher, dabei eigenartiger Fürsten- 
tümer und Städte, deren Entwickelung von Anfang an zu 
verfolgen ist: das Erzstift Magdeburg, das Hochstift Halber- 
stadt, die Altmark, die Landgrafschaft Thüringen, das Her- 
zogtum Sachsen- Wittenberg, die wettinischen Marken, das 
Eichsfeld und die Stadt Erfurt mit ihrem Gebiete, die 
Städte Magdeburg, Mühlliausen, Nordhausen. Die Bistümer 
Havelberg, Brandenburg, Merseburg, Naumburg-Zoitz büfsten 
allerdings mehr oder weniger ihre vollfreie Bewegung und 
Oberhoheit als brandenburgische und bzw. sächsisch - wetti- 
nische Landesbistümer durch ihre Oberlehensherrschaften ein. 
Von ihren Geschicken konnte daher nur gelegentlich ge- 
handelt werden, ebenso wie von den teilweise sehr merk- 
würdigen und zahlreichen Graf- und Herrschaften dort das 
Nötigste beizubringen war, wo sie zuerst und zumeist in die 
geschichtliche Bewegung eingreifen. 



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Vorwort. v 

Aber auch die größere Zahl notwendig zu berücksich- 
tigender ansehnlicher Elemente bietet an und für sich nicht 
die gröfste Schwierigkeit für die Aufgabe einer geschicht- 
lichen Übersicht, die vielmehr darin beruht, dafs die weit- 
aus gröfsero Hälfte des Bodens unserer Provinz Staaten an- 
gehört, die zwar zumeist hier ihre Wurzeln haben, deren 
Hoheitssitz und Schwerpunkt aber in früherer oder späterer 
Zeit nach aufserhalb verlegt wurde. So geschah es bei den 
brandenburgischen wie bei den wettinischen Stammlanden, 
während Erfurt und das Eichsfeld ilu*e Oberherrschaft von 
altersher in der Ferne hatten. In den Landen der Wettiner 
blieben oder wurden freilich Wittenberg, Torgau, Weifsen- 
fels, Merseburg, Zeitz Regierungssitze noch im 16. — 18. 
Jahrhundert. Nach der Schlacht bei Mühlberg und nach 
den Freiheitskriegen wurden endlich Thüringen und alte 
Stammgebiete Kursachsens vollständig auseinandergeschnitten, 
bei der ersteren Teilung allerdings so, dafs hinfort das 
Sachsen - ernestinische Thüringen ganz aus dem Rahmen un- 
serer Ubersicht heraustritt. Im übrigen mufste bei den 
hohenzollernschen und wettinischen Landesteilen der Faden 
der brandenburg-preufsischen und kursächsischen Geschichte 
insoweit kurz verfolgt werden, als dabei die Geschicke jener 
Gebiete unmittelbar beteiligt waren, und galt es aufserdem, 
die für die diesseitigen Orte und Territorien in Betracht 
kommenden besonderen Begebnisse zu berücksichtigen. Be- 
ruht doch in dem wetteifernden Bestreben Brandenburg- 
Preufsens, der Wettiner, auch des Erzstifts Mainz nach 
Machterweiterung in den Gebieten unserer Provinz, zumal 
den geistlichen, ein nicht geringer Teil des geschichtlichen 
Interesses seit dem späteren Mittelalter, 



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vi Vorwort. 

Angesichts der grofsen Schwierigkeiten, welche die Be- 
rücksichtigung eines geschichtlichen Stoffes von dieser Viel- 
gestaltigkeit mit sich bringt, wird man für die vorliegende 
Ubersicht nicht eine solche Originalität in Anspruch nehmen, 
wie für eine einfachere und frei gewählte , zumal auch das 
Ziel für die Fertigstellung nicht zu weit hinausgeschoben 
werden durfte. Ein Zurückgehen auf die ersten Quellen 
war nur zum kleinsten Teile möglich , für den gesainten 
Stoff aber unter den gegebenen Umständen ganz unaus - 
führbar. Es wurde vielmehr ans einer sehr ansehnlichen 

Zahl originaler Arbeiten das dem vorliegenden Zweck Ent - 
sprechende ausgezogen. Und da von Quellencitaten abzu - 
sehen war, so ist bei der Benutzung fremder Arbeit keincs- 
wegs danach gestrebt, durch stilistische Änderungen den 
Ursprung solcher Entlehnungen zu verdunkeln. Nach dem 
Sinne des Verfassers ist solche Arbeit freilich nicht, da er 
sich vielmehr seiner Neigung nach lieber mit der Herausgabe 
und Bearbeitung von Quellen befassen möchte. Gleichwohl 
konnte er sich der Einsicht von dem Nutzen und einem 
gewissen Bedürfnis der vorliegenden Provinzialgeschichte 
nicht vcrschliefscn. 

Denn auf dem min seit etwa sieben Jahrzehnten unter 
einer gemeinsamen Verwaltung vereinigten Boden unserer 
Provinz, welche die Bevölkerung eines ansehnlichen König- 
reichs hat, vollzog sich seit dem frühesten Mittelalter eine 
solche Fülle grofser geschichtlicher Ereignisse und Be- 
wegungen, wie kaum auf einem zweiten gleich grofsen Ge- 
biet deutscher Zunge. Iiier finden wir im Thüringerreich 
zuerst auf deutschem Boden den Versuch einer rein deut- 
schen Staatenbildung, hier ist der eigentliche Sitz des säch- 



Vorwort. vn 

Bischen, teilweise auch des salischen Königsgeschlechts, das 
in Halberstadt und Sachsen - Thüringen vorzugsweise die 
Kämpfe des Invostiturstreits auszufechten hat. Die nörd- 
lichen, östlichen und südöstlichen Teile sind die Wiegen- 
länder der askanischen und wettinischen Marken, von denen 
die wichtigsten deutschen Staaten ausgehen. Von Magde- 
burg und seinen Suflraganbistümern an der Saal -Elb -Linie 
geht im 10. — 12. Jahrhundert die Eroberung Slaviens für 
die christlich - deutsche Kultur aus. Seit dem Endo des 
Mittelalters ist unser Sachsen-Thüringen die Stätte eines gei- 
stigen weltgeschichtlichen Ringens, das sich an die Städte 
Erfurt, Magdeburg, dann Eisleben, Wittenberg und ihre 
Schulen anknüpft. Von der Zeit der Thüringer, Avaren, 
Ungarn, Slaven an bis zu den Kämpfen Heinrichs IV., den 
Entscheidungen des schmalkaldischen, dreifsigjährigen , teil- 
weise des siebenjährigen und des Freiheitskrieges ist beson- 
ders der Süden und Südosten unserer Provinz der Schau- 
platz kriegerischer Bewegungen und entscheidender Kämpfe. 
Seinen regen Anteil am geistigen Ringen in Kirche, Sehule 
und Wissenschaft hat unser Sachsen-Thüringen auch bis auf 
die Gegenwart behauptet. 

Ist so für Schule und Lehrer wie für den ernsten Vater- 
landsfreund die Summe des Denkwürdigen eine grofse, so 
ist auch schon von urteilsfähigen Männern beobachtet wor- 
den, in welcher Stärke in der scheinbar so irrational ge- 
stalteten und zusammengesetzten Provinz das Gefühl der 
Gemeinschaft, der Sinn für deren Geschichte und ihre Denk- 
mäler erwacht ist. Den unzweideutigsten Thatbeweis liefern 
hierfür die ansehnlichen Opfer, welche die Provinzial- 
vertretung unseres Sachsens wie keine zweite für die pro- 



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vni Vorwort. 

vinzielle Geschichtsforschung darbringt, indem sie einem be- 
sonderen Ausschusse die Mittel gewährt, alle Zweige der 
heimischen Geschieht»-, Quellen- und Altertumskunde zu 
fördern und zu pflegen. 

Wernigerode, 20. September 1883. 

Eduard Jacobs. 



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Inhalt. 



Seite 



I. Die vorchristliche Zeit 1 

II. Von der Pflanzung des Christentums bis zu Kaiser Otto I. 20 

III. Von der Gründung des Erzbistums Magdeburg bis zum 

Ausgang des sächsischen Königshauses 45 

IV. Übersicht der mittelalterlichen Stifter und Klöster inner- 

halb des Bereichs der Provinz Sachsen 75 

V. Die ostsächsisch - thüringischen Lande zur Zeit der sa- 

lischen Kaiser .... 129 

VI. Von Lothar dem Sachsen bis zum Zwischenreich . . . 167 
VII. Von Rudolf von Habsburg bis zum Aussterben der Her- 
zöge von Sachsen -Wittenberg und der Nachfolge der 
Ilohenzollern in der brandenburgischen, der Wettiner 

in der sächsischen Kurwürde 228 

VIII. Das Jahrhundert vor der Reformation 288 

IX. Das Zeitalter der Kirchenerneuerung 316 

X. Von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Dreifsig- 

jährigen Kriege 371 

XI. Die sächsisch-thüringischen Länder der Provinz zur Zeit 

des grofsen deutschen Krieges 391 

XII. Vom West fäli scheu Frieden bis zu den Schlesischen 

Kriegen 436 

XIII. Von der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Untergange 

des deutschen Reichs 475 

XIV. Die Zeit der Fremdherrschaft bis zur Bildung der 

Provinz 41<8 



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Berichtigungen. 



8. 21, Z. 27 v. o. statt Karl Ii«« Karlmann, — 8. 23 werden nach Jaffa Bibl. rar. 
Germ. III, 21 st. 723 and 724 die Jahre 722 and 723 anzunehmen Bein. — 8. 77, Z. 24 
t. o. nt. Kienntedt 1. Riestedt. — 8. 88, Z. 3 v. o. st. Abbnerode 1. Abbenrode. — 
Za 8. 06 erinnert Herr Ol. Menzel in Sangerhausen daran, dafs eich bai der 1220 
geweihten Kirche im Helnwthale (früher nrknndl. Marienkirche, 1452 Katharinen- 
kirche) da» Ansammeln eines Jungfrauenkonventa nicht erweisen, insofern auch nicht 
ron dessen Verlegung nach 8angerhaosen reden lasne. Das Kloster der dort schon 
1122 anter einem Propst lebenden KloBtarjungfrauen — das einzige weibliche in jener 
Stadt — wird Kl. bei 8. Ulrich, in 8. Ulrich oder auch Jnngfranenkloster 8. Ulrich 
bezeichnet. — 8. 102, Z. 4 u. 22 1. Droysig. — 8. 108: Das Franziakanerkloster zu 
Torgau bestand schon vor 1243. Vgl. cod. dipl. 8ax. reg. II, I, Nr. 124. — 8. 109, 
Z. 2 v. u. et. Domkloster 1. Dom. -Kloster. — 8. 120, Z. 3 v. n. st. Doppeltharen 1. 
Doppelthorrae. — 8. 128, Z. 17 u. 18 v. u. 1. Domgymnasium. — 8. 181, 8. 7 v. u.: 
Um diese Zeit löste si ch auch u. s. f. — Z. 178, Z. 1 v. o. 1. auf dem Kustaberg. — 
B. 205, Z. 10 t. o. 1. jüngstem Sohne. — 8. 208, Z. 2 t. o. st. brandenbnrgischen 1. 
wettinischen. — 8. 238, 8. 6 f. o. 1. Sprache. — 8. 251, Z 6 r. u. und hinter 
Gewaltsamkeiten 1. willen. — 8. 257 Seitenüberschrift: st. Kugelwit 1. Kagelwit. — 
8. 301, 8. 16 t. o. 1. Herzogs. — 8. 303, Z. 6—7 v. o. 1. Andeutungen. — Z. 311, 
Z. 20 — 21 t. o.: Nordhausen und M&hlhansen mit 80O0 Gulden. — 8. 424 Seiten- 
überschrift: st. neunter 1. elfter Abschnitt. — 8. 468, Z. 18 v. u. ist als Freyling- 
hausensches Lied st. „Wie wohl ist mir, o Freund der Seelen" (von W. Chr. Deisler) 
anzuführen: „Wer ist wohl wie du." — S. 479, Z. 19 v. o 1. Salrauth. 



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Erster Abschnitt. 

Die vorchristliche Zeit. 



Der Aufbau einer jeden bis zu den ersten Anfangen 
zurückverfolgten Geschichte führt durch eine geheimnisvolle 
Vorhalle einer ur- oder vorgeschichtlichen Altertumskunde, 
welche mit Hilfe wissenschaftlicher Vergleichung, besonders 
des ältesten Sprachschatzes und der aus dem Schofse der 
Erde hervorgeforderten frühesten Erzeugnisse menschlichen 
Kunstfleifses , endlich aus den Schädeln und Gerippen der 
ersten Bevölkerung selbst die Rätsel der Vorzeit zu lösen 
sucht. Da aber die eigentliche Geschichte erst da beginnt, 
wo schriftliche Uberlieferung von den Bewegungen und Ge- 
schicken der Völker und Stämme Auskunft giebt, so können 
wir an der Schwelle unserer Provinzialgeschichte nur mit 
kurzen Worten die uns betreffenden Ergebnisse dieser zwar 
mannigfaltigen und «anziehenden, im einzelnen aber noch 
wenig gesicherten Altertumswissenschaft niederlegen. 

Danach haben nun die erst in der neuesten Zeit mit 
gröfserer Einheitlichkeit und Überblick betriebenen Aus- 
grabungen ergeben, dafs in den Gegenden zu beiden Seiten 
der Mittelelbe, Saale und bis zur Weira und Aller, wie 
auch in anderen europäischen Kulturgebieten, sich bei Tief- 
grabungen in einer gewissen Reihenfolge Spuren verschiedener 
Kulturen oder Völker entdecken lassen. Wenn schon die 
Altertumskunde es nicht wagt, bestimmte Völker zu nennen, 
denen die älteren Schichten angehören, sondern sich damit 
begnügt, eine Stein-, Bronze- und Eisenzeit zu unterscheiden, 
so genügt es hier darauf hinzuweisen, dafs jene Funde von 
verschiedenen Strömungen und Wanderungen zeugen, die 
sich über unseren heimatlichen Boden bewegten. Einen 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 1 



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2 



Krater Abschnitt. 



gröfseren Reichtum an solchen Funden haben im allgemeinen 
die südharzisch-thüringischen Gegenden aufzuweisen. 

Bei manchen zutage geforderten Kunsterzeugnissen lehrt 
die vergleichende Beobachtung, dafs sie nicht im Lande 
selbst gearbeitet, sondern durch Tauschverkehr eingeführt 
wurden, wie dies mit etruskischen Schalen, Hängebecken u. a. 
der Fall ist, die bei Torgau, bei Neilingen und Darsekau 
in der Altmark und bei Krölpa im Kreise Ziegenrück ge- 
funden wurden. Noch mufs bereits als ein Ergebnis au» 
den verhältnismäfsig spärlichen Ausgrabungen östlich der 
Elbe und Saale hervorgehoben werden, dafs hier in den 
meist flachen lange von Wenden besetzten Gebieten überall 
neben slavischen und angeblich keltischen aufgefundene ger- 
manische Altertümer die Angaben der Alten von der einstigen 
Verbreitung deutscher Völker bis zur Oder und Weichsel 
bestätigen. 

Um die Mitte des vierten vorchristlichen Jahrhundert» 
hatten die bis zum Westrande Mitteleuropas wohnenden 
Kelten auch bis weit ins heutige Deutschland hinein sich 
verbreitet. Von da ab scheinen sie wie von den Römern 
im Süden, so von den Germanen im Osten bis über den 
Rhein zurückgedrängt zu sein. Bestimmte Spuren von ihrer 
Ansässigkeit in unseren Gegenden haben wir nicht, denn 
die Namen der Flüsse Elbe, Saale, Mulde, . Havel, Elster 
und mehrere andere sind mit Bestimmtheit keiner der leben- 
den Sprachen, sondern einer älteren arischen Tochtersprache 
zuzuweisen. Auch einzelne Gebirgsnamen entziehen sich 
als älteste Zeugnisse einheimischer Völkerbewegungen sicherer 
Deutung, so der Name unserer höchsten Gebirgserhebung, 
die als Bacenis, neben Melibocus, Aridadon in Anspruch 
genommen wird, wofür aber seit dem neunten Jahrhundert 
der Name Hart, dann Harz auftritt; Loiba (Laube) ist die 
alte Benennung des Thüringer Waldes. 

So weit unmittelbare Zeugnisse des Altertums zurück- 
reichen, finden wir unser Provinzialgebiet bereits von Deut- 
schen bewohnt. Wenn um 340 vor unserer Zeitrechnung 
Pytheas von Massilien westlich von den Guttonen, etwa in 
Holstein, die Teutonen ansässig findet, so sehen wir damit 
die deutschen Stämme bis zur Elbe vorgedrungen und dür- 
fen annehmen, dafs sie auch den Boden unserer engeren 
Heimat erreicht hatten, wo unter den ältesten überlieferten 
Personen- und Ortsnamen gerade sehr viele mit theot oder 
diot gebildete auftauchen, so neben den Rufnamen Theotrich, 
Diotrich, Diotmar, Diother, Diotwin besonders Ortsnamen 
wie Deotfurt, Ditfurt an der Bode und Holtemme, Thioddorf 



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Früheste Kunde von den deutschen Bewohnern. 



3 



(bei Mühlhausen), Thiedestorp (Diesdorf), Thiotheresdorp 
bei Magdeburg, Thiederzingerode bei Wernigerode, Tutinsode, 
Tuteleben, Tutichenrode u. a. in unseren südharzischen 
Gegenden. 

Der erste, der die deutschen Bewohner unserer Elb- 
gegend mit Namen nennt, ist im 1. Jahrhundert vor 
unserer Zeitrechnung Cäsar, dann Strabon. Tacitus zu Ende 
des ersten, Ptolomäus seit Mitte des 2. Jahrhunderts 
n. Chr. wissen, dafs der zuerst von Cäsar gebrauchte Name 
Sueven keinen einzelnen Stamm bezeichnet, sondern ein sich 
weit erstreckender, wahrscheinlich nach einer Lebensgewohn- 
heit hergenommener Sammelname ist. Letzterer unterscheidet 
die Langobarden-, Angeln- und Semnonen-Sueven. 

Aus eigener Anschauung lernten die Romer die Bewoh- 
ner unserer Gegenden nur selten kennen. Drusus drang im 
Jahre 6 n. Chr. bis zur Elbe vor, Domitius Ahenobarbus 
überschritt sie sogar, doch ohne Kämpfe mit den Deutschen 
zu bestehen, und errichtete jenseits des Flusses, etwa zwi- 
schen Magdeburg und Wittenberg, dem römischen Kaiser 
einen Altar. 

Die furchtbaren Kriege der Römer mit den Germanen 
berührten fast nur unsere westlichsten Gebiete, besonders 
die Cherusker am Harz. Denn die vielfach zerteilten Stämme, 
die sich nur zu oft in inneren Fehden und Gegensätzen 
selbst zerfleischten, liefsen es selten zu einer gröfseren, nie 
zu einer dauernden Vereinigung gegen den gemeinsamen 
Feind kommen. Freilich lernten die Deutschen von Rom, 
dessen Heereskraft schon seit dem ersten christlichen Jahr- 
hundert mehr und mehr auf den geworbenen und über- 
getretenen Germanen ruhte, von ihren Meistern die Künste 
und Listen des Krieges. Diese im Verein mit der Kraft 
und Kühnheit seiner Scharen liefsen den Cherusker Armin, 
der einen grofsen Teil seiner Volksgenossen zur gemeinsamen 
Sache zu vereinigen wufste, im Jahre 9 n. Chr. den ver- 
nichtenden Schlag im Osning gegen Varus und seine rö- 
mischen Legionen ausfuhren. Dem furchtbaren Kampfe 
sahen die unter Armins Nebenbuhler Marbod vereinigten 
südöstlichen Germanen ruhig zu; doch hatten sich gerade 
zu beiden Seiten der mittleren Elbe die Semnonen und 
Langobarden dem Befreier ihres Volkes von der römischen 
Knechtschaft angeschlossen. Ums Jahr 17 wurde zwischen 
Armin und Marbod östlich der Saale eine der frühesten 
jener Schlachten zwischen deutschen Volksgenossen, von 
denen wir Kunde haben, doch ohne Entscheidung geschlagen. 
Armin, dessen Streben dahin ging, sein Gaukönigtum zu. 

1* 



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4 



Erster Abschnitt. 



einem allgemeinen Volkskönigtum zu erweitern, erreichte 
sein Ziel nicht und blieb im Jahre 21 in einer inneren 
Fehde; Marböd dagegen, dem der Kömer List im eigenen 
Keiche Gegner erweckt hatte, endete ruhmlos in römischer 
Gefangenschaft. 

Versuchen wir es nun, nach den Angaben griechisch- 
römischer Schriftsteller die Sitze der deutschen Stämme auf 
unserem Boden in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten 
zu bestimmen, so wohnten rechts von der mittleren Elbe 
bis zur Oder — dem Suevenflufs bei Ptolomäus — die 
Semnonen, der zahlreichste Stamm der Sueven, mit dem 
hochgefeierten Volksheiligtum in der Stille des (Semana-?) 
Waldes. Vellejus Paterculus läfst zu Anfang des ersten 
Jahrhunderts die Elbe an den Semnonen und Hermunduren 
vorbeifliefsen, und also den letzteren Namen, der später mit 
dem der Duringer oder Thüringer wechselt, sich weiter nach 
Osten ausbreiten, als es nach Tacitus der Fall ist. Ums 
Jahr 58 n. Chr. sehen wir die Hermunduren mit ihren west- 
lichen Nachbarn, den Katten (Hessen), um die Salzquellen 
an ihrer Grenze im Streit und als Sieger dieses Grenzgebiet 
bei Salzungen und Suhl (Schleusinger Kreis) behaupten. 

Bei Ptolomäus wohnen im nördlichen Thüringen und bis 
zur Elbe die suevischen Angeln, die auch Tacitus schon 
erwähnt. Statt des Namens Hermunduren hat er etwa nörd- 
lich vom Thüringer Wald die Teuriochämen oder Thüriheimer. 
Entweder hatten die Angeln die Thüringer nach Süden ge- 
drängt, oder erstere waren, wie es die alte Überschrift des 
Volksgesetzes der „ Angler und Weriner — das ist der Thü- 
ringer" — besagt, ein Teil der Thüringer. 

Wie jenes Volksgesetz Angler und Weriner oder Warner 
als Bestandteile des Thüringer Volkes neben einander nennt, 
so erwähnt auch Tacitus die Angeln und Variner unmittel- 
bar nach einander. Der sonst mehr nördlich zu suchende 
Stamm scheint südlich bis in das Land zwischen Elbe und 
Havel vorgedrungen zu sein. Auf dem linken Elbufer safsen 
die später fast nur im lüneburgischen Bardengau nachweis- 
baren suevischen Langobarden in der Altmark, namentlich 
bis zur Ohre herauf; der nördliche Teil der Altmark gehörte 
ihnen jedenfalls. Südwestlich, etwa an die obere Aller, wer- 
den noch die Dulgibier (vulnerantes, bellatorcs) gesetzt. 

Es bleibt uns nun von den frühesten nachweisbaren Be- 
wohnern unserer Provinz noch der berühmte Name der 
Cherusker zu nennen. Zu Cäsars Zeit schied sie der Harz 
von den Sueven. Durch die furchtbaren Kämpfe mit den 
Römern und mit Bruderstämmen sehr geschwächt, wurden 



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Sitze der Stämme. Tauschverkehr. 



5 



sie nach Armins Tode von dessen Neffen Italicus beherrscht. 
In geschichtlich hellerer Zeit im 9. Jahrhundert noch 
einmal als Haruden genannt, nehmen sie wenigstens später 
den ziemlich ausgedehnten Harzgau, das Land von den 
Höhen des Brockens bis zum Oschersleber Bruch und zwi- 
schen Bode und Oker, ein. 

Sind es schon dürftige, wenig bestimmte Nachrichten, 
die wir aus der Zeit der Kämpfe eines Drusus und Germa- 
nicue über die Germanen unserer Elbgegenden erhalten, so 
war in den letzten Jahrhunderten des Römerreichs noch 
weniger Anlafs zu Berichten, denn seit der Niederlage des 
Varus konnten wohl Raub- und Beutezüge, aber keine 
Eroberungskriege gegen das innere Germanien unternommen 
werden. Statt dessen suchten sich die Römer besonders seit 
der Zeit Domitians (81 — 96) bis zu der des Probus (276 — 282) 
durch einen am rechten Rhein- und linken Donauufer ge- 
zogenen befestigten Pfahlgraben gegen die Einfälle der 
Germanen zu schützen. Hierdurch wurde auf ein Jahrhun- 
dert dem Überströmen der halb sefshaften germanischen 
Stämme ein Damm entgegengesetzt. 

Für die letzteren war dieses Schutzmittel von nicht ge- 
ringer Bedeutung, indem sie genötigt wurden, mehr und 
mehr zur Sefshaftigkeit und zu festen Ansiedelungen über- 
zugehen. Manches wurde schon damals vom Kunstfleifs und 
Ackerbau der Römer gelernt, wobei Kriegsgefangene mehr- 
fach als Lehrer dienen mochten. Diese Vorteile verhältnis- 
mäfsig ruhiger Zeiten genossen aber ganz besonders die 
Bewohner unserer Gegenden. Weil sie nämlich nicht un- 
mittelbar an der Grenze safsen, so kamen sie selten in 
feindliche Berührung mit dem Römerreich. Standen doch 
nach des Tacitus Zeugnis gerade die an der Saale und Elbe 
wohnenden Hermunduren in aufrichtigem Freundschaftsver- 
hältnis zu den Römern, wemi auch, z. B. im Jahre 167, 
Teile des damals weiter nach Süden ausgebreiteten Stammes 
an dem grofsen Kampfe der Markomannen gegen Rom teil- 
nahmen. Das vorherrschende Freundschaftsverhältnis be- 
günstigte einen lebhaften Handelsverkehr, der die Kultur 
der kriegerischen Stämme mächtig fordern mufste. Noch 
bis in die neueste Zeit haben Funde nördlich und nament- 
lich südlich vom Harz Erzeugnisse römischen Kunstfleifses 
und Münzen hervorgefördert und von diesem Verkehr das 
sicherste Zeugnis gegeben. 

Jene verhältnismäfsige Ruhe und Freiheit der Bewegung 
führte aber auch zur Gründung des ältesten eigentlich deut- 
schen Staatswesens auf heimischem Boden, des Reichs der 



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6 



Erster Abschnitt. 



Thüringer, von dem wir freilich fast nur bei seiner Zer- 
störung in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts hören. 
Wie nämlich in anderen Gegenden Deutschlands seit dem 
3. und 4. Jahrhundert an die Stelle der einzelnen zahl- 
reichen Stammnamen die Völkerbündnisse der Franken, 
Sachsen u. a. treten, so erscheint an unserer Mittelelbe und 
weiter südlich Volk und Reich der Thüringer. Dem Namen 
und der Sache nach mag ein Zusammenhang zwischen diesen 
Thüringern oder Duringern mit den früheren Hermunduren 
und den Teuriochämen des Ptolomäus bestehen. Dafs aber unter 
dem neueren Thüringen ein zusammengesetztes Volks- und 
Staatswesen zu verstehen sei, geht daraus hervor, dafs darin 
alle Sondernamen: Angeln, Warner, Langobarden u. a. auf- 
gehen und verschwinden. Die Toringi treten bereits hervor 
in des Vegctius Tierarzneikunde imd bei Sidonius Apollinaris 
im 5. Jahrhundert. 

Der Umfang des Thüringer Reichs scheint zeitweise den 
Boden unserer gesamten Provinz, vielleicht mit Ausschlufs 
der östlichsten Striche, eingeschlossen zu haben. Im Norden 
reichte er bis zum Bardengau nördlich der Altmark, nach 
Westen bis zu den Grenzen der Sachsen und Hessen, nach 
Süden breitete das Reich sich weit über den Thüringer 
Wald (erst später die Grenzmark zwischen Thüringen und 
Franken) bis an die Donau aus. Nach Osten haben sich 
jenseits der Elbe und Saale die Spuren verwischt. Wenn 
aber noch zu Anfang des 9. Jahrhunderts in dem über- 
elbischen Lande gegen Magdeburg der Name Werinafeld 
oder Warnerfeld sich erhielt, und, wie wir sahen, die Angeln 
einst bis zur Elbe hin wohnten, so dürfte das Thüringer 
Reich die Gebiete bis zur Havel und östlich der Saale bis 
zur Elbe mit umfafst haben. Dem entspricht es auch, wenn 
wir den Kernpunkt des Reichs und den Herrschersitz seiner 
Könige in den Gauen an der unteren Unstrut und Saale 
erkennen. 

Als um das Jahr 375 das wilde Volk der Hunnen mit 
, »einen türkisch-ugrischen Bundesgenossen durch das kaspische 
Völkerthor bis über den Don vordrang, zunächst das Ost- 
gotenreich Ermanrichs zerstörte, die westlichen Germanen 
in Bewegung brachte, endlich ums Jahr 410 den lange be- 
haupteten Riegel des römischen Grenzwalles für immer 
durchbrach, konnten auch die deutschen Stämme von der 
Werra bis über die Mittelelbe nicht unberührt bleiben, und 
in dem bunten Völkergemisch, das der furchtbare Kriegs- 
herr Attila — der Ezzel unserer Volksdichtung — zur 
Heeresfolge zwang, werden auch mit Langobarden und 



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Das Reich der Thüringer. 



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Brukterern (Cheruskern) die Toringer oder Thüringer ge- 
nannt. 

Mit Attilas Tode zerfiel die der inneren Lebenskraft 
ermangelnde Gewaltherrschaft asiatischer Horden wieder. 
Des Römerreichs Tage waren gezählt, aber seine Haupthelfer, 
dann Haupterben, die Franken, die dem Cäsarenreiche vor 
Ablauf des 5. Jahrhunderts ein Ende machten, kamen 
auch bald mit der Thüringer Herrschaft in Streit In seiner 
mächtigen Ausdehnung war es ein natürlicher Nebenbuhler 
des stammverwandten Reiches, denn bei einem Schriftsteller, 
dem Geographen von Ravenna, ist der Name Thüringen 
gleichbedeutend mit dem ehemaligen (inneren oder eigent- 
lichen) Germanien. 

Der fränkische Geschichtschreiber, Bischof Gregor, er- 
zählt den persönlichen Anlafs zu dem Kriege in folgender 
Weise : „ Der buhlerische Frankenherrscher Childerich entwich 
vor dem Zorn seiner Volksgenossen nach Thüringen, wo er 
sich beim Könige Bisin und dessen Gemahlin Basina oder 
Bisina — woran noch Bisiniburg (Bösenburg), Bisinistede 
(Beesenstedt) im Hessengau und Bisenwinda erinnern — ver- 
barg. Bisina zog, als Childerich zurückgekehrt war, diesem 
ihrem Verfuhrer nach und wurde die Mutter des berühmten 
Chlodowech oder Chlodwig. Diese Schmach zu rächen sollen 
die Thüringer wiederholt verwüstende Einfalle ins Franken- 
land gemacht haben. Wenn es aber heifst, Chlodowech 
habe im zehnten Jahre seiner Herrschaft die Thoringer unter- 
worfen, so ist nicht an das zunächst noch selbständige Thü- 
ringer Reich, sondern an einen so genannten Stamm links 
vom Niederrhein zu denken. 

Die Unterwerfung Thüringens und der Untergang seines 
Königsgeschlechtes erfolgte aber unter Bisinos Söhnen, den 
Brüdern Baderich, Hermanfried und Berthar. Wahrschein- 
lich hatte Hermanfried im Bündnis mit dem zu Metz herr- 
schenden Könige Theoderich seinen Bruder Berthar gestürzt, 
dem Bundesgenossen aber den Anteil an dem eroberten 
Lande vorenthalten und sich so mit ihm verfeindet. Zu seiner 
Sicherheit verband er sich mit dem mächtigen Ostgotenkönig 
Theoderich, indem er um dessen Schwestertochter Amala- 
berga warb und dieselbe auch zur Gemahlin erlüelt. Als 
aber der mächtige Beschützer gestorben war, überzog Theo- 
derich von Metz samt seinem Bruder Chlotar im Jahre 531 
das Thüringer Reich mit Krieg; bei Runiberg (Ronnenberg) 
im Gau Marstem unfern Hannover kam es zum Kampf, 
•worin die Thüringer geschlagen wurden und Baderich 
fiel. 



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8 



Erster Abschnitt. 



Zwar verliefs danach Chlotar mit den Seinen den Bru- 
der, aber Theoderich verstärkte sich durch sächsische Krieger, 
denen die Demütigung ihrer thüringischen Nachbarn will- 
kommen sein mochte, und schlug mit ihnen vereint den 
Hermanfried in einer zweiten Schlacht an der Unstrut, die 
sich als ein hartnäckiger Volkskampf lange in der Erinne*- 
rung der Geschlechter erlüelt. Die Menge der Leichen soll 
den Franken als Brücke über den reifsenden Flufs gedient 
haben. Da Hermanfried sich nun in der benachbarten Bursr 
Scheidungen (Schidingi) verschanzte, so ward er dort be- 
lagert und die Burg, wie erzählt wird infolge eines Verrats, 
von den Sachsen erstürmt, die Besatzung niedergemacht. 

Nach einer zwar sagenhaften, doch sehr alten und merk- 
würdigen Uberlieferung war es ein Teil der in ihre alten 
festländischen Sitze aus Britannien zurückkehrenden Sachsen,, 
mit denen die Franken diesen Vertrag und Bündnis einge- 
gangen waren und deren Führer Hadugot oder Hathagat 
vom Geschlecht des Hengist oder der Ascinge Burgschei- 
dungen erstieg und einnahm. 

Hermanfried, der mit den Seinen entflohen war, suchte 
seine Herrschaft nochmals herzustellen; er soll aber vom 
König Theoderich nach Zülpich gelockt und dort mit seinen 
Kindern meuchlings getötet sein. Ein letzter Zug des Fran- 
kenkönigs Theodebert machte im Jahre 535 dem Thüringer 
Reiche vollends ein Ende und brachte den gröfseren südlichen 
Teil unter fränkische Herrschaft, während die Geb iotc nörd- 
lich und südöstlich vom Harz bis zur unteren Helme, Un- 
strut und Saale an die Sachsen kamen. Doch rechnete nach 
dem Fall des Thüringer* Reiches der Franke Theodebert in 
einem Briete an K. Justinian auch die nordöstlich vom Harz 
bis zur Bode und Saale wohnenden Nordschwaben (Norsavi) 
zu seinen Unterthanen. Danach wird ein fränkisches Ober- 
hoheitsverhältnis auch hier anzunehmen sein. 

Ein Versuch der Thüringer, im Verein mit den Sachsen 
das fränkische Joch abzuschütteln, gelang nicht, ganz Thü- 
ringen und der Sachsen Land wurde im Jahre 556 von 
Chlotar verwüstend durchzogen. Auch eine Empörung der 
Warner oder Weriner, die wir als einen Bestandteil der 
Thüringer bereits kennen lernten, wurde im Jahre 595 so 
blutig niedergeschlagen, dafs nur wenige von ihnen übrig 
blieben. 

Die in die früher thüringischen Gegenden zwischen Bode, 
Harz, Helme, Unstrut und Saale eingezogenen Sachsen 
— einige lassen sie auch den bis zur Aller reichenden Der- 
lingau besetzen — hatten auch mit ihren zeitweiligen frän- 



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Teilung des Thüringerreichs. Gaue. 



9 



kischen Bundesgenossen unter König Chlotar (f 561) und 
Sigibert (f 575) Kämpfe zu bestehen und suchten 568 im 
Anschlufs an die nach Italien ziehenden Langobarden neue 
Wohnsitze. Die verlassenen Striche wurden von den Franken 
den sogen. Nordschwaben, den Überbleibseln der zwischen 
Elbe und Oder gesessenen Sueven, und anderen Stämmen 
zur Besiedelung überlassen. Mitte des 8. Jahrhunderts 
werden sie als Sachsen bezeichnet, doch unterscheidet Wi- 
dukind besondere, von denen der Sachsen verschiedene Ge- 
setze der Nordschwaben. 

Kaum hatten sich die neuen Einwanderer hier nieder- 
gelassen, als die nach Italien gezogenen Sachsen ihre frü- 
heren Sitze wieder aufsuchten und auch den zu einem 
billigen Abkommen bereiten Nordschwaben den Mitbesitz 
des besetzten Landes nicht gestatten wollten. Sie wurden 
aber 575 und 577 in zwei Schlachten fast vernichtet. Ihre 
Überbleibsel fanden unter fränkischem Schutze Aufnahme 
in den vorher von ihnen innegehabten nordthüringischen 
Gegenden. 

Mit dem letzten Jahrzehnt des 6. Jahrhunderts hat für 
unsere deutschen Stämme die Völkerwanderung ihr Ende 
erreicht. Zwar finden auch noch später Bewegungen durch 
Zuflufs aus dichter besetzten Gegenden des deutschen Mutter- 
landes statt, aber durch eine anders geartete, wenn auch im 
einzelnen bedeutsame Besiedelung. Wir werfen daher einen 
Blick auf die Einteilung des Landes, wie sie nach zu- 
verlässigen geschichtlichen Quellen die Grundlage der spä- 
teren Zustände und Entwickelung bildet. 

Beginnen wir im Norden, so lassen sich Spuren der 
sonst weiter nördlich im Bardengau wohnenden Langobarden 
nur noch in der Nordwestecke der späteren Altmark im 
Gau Osterwohld verfolgen. Zeugnis für die Verbreitung 
der Thüringer nördlich vom Harz ist nicht nur der grofse, 
zwischen Elbe, Bode, Ohre, teilweise darüber nach Norden 
hinaus, westlich bis zur Grenze der Provinz ausgedehnte 
Nordthüringgau und das Vorkommen von Ortsnamen wie 
Thuringe8gibutli rechts von der Oker bei Braunschweig, 
Duringesrod an demselben Flufs im Derlingau, Turwar- 
dingerode (Darlingerode) in der Gralschaft Wernigerode, 
sondern die vom Norden der Altmark nach Süden zu bis 
zum Thüringerwald immer mehr sich verdichtende Menge 
noch bestehender oder wüstgewordener Ortsnamen mit den 
vorzugsweise als thüringisch geltenden Endungen - städt 
und - leben. Im 8. und 9. Jahrhundert wird aber jeden- 
falls ganz Nordthüringen zu Sachsen, und zwar zum ost- 



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10 



Erster Abschnitt. 



falischen Sachsen gerechnet, Arendsee (Arnseo) 822 als in 
Ostsachsen gelegen bezeichnet. 

Weiter nach Süden bildete seit dem 7. Jahrhundert die 
Saale die Markscheide zwischen den Thüringern und ihren 
östlichen Nachbarn, doch gehörte ihr Unterlauf bis zur Ein- 
mündung der Unstrut Sachsen an. Es ist schon hier daran 
zu erinnern, dafs das spätere Bistum Halberstadt bzw. sein 
Bischof als das Haupt Ostsachsens erscheint und dafs die 
ältesten Zeugnisse deutscher Sprache bis in die Gegend von 
Eisleben, Halle und Merseburg sächsisch-niederdeuteche Ge- 
stalt haben. Auch ein wüstes Sachsendorf unweit der Saale 
bei Burgwerben sowie ein noch bestehendes gleichnamiges 
Dorf zwischen Kalbe und Aken sind Zeugen von der Ein- 
wanderung sächsischer Stammesgenossen. In welcher Weise 
der Sachsenname aber auch auf die kleineren im nördlichen 
Teile des ehemaligen Thüringer Reichs angesiedelten Abtei- 
lungen deutscher Stämme überging, zeigten wir schon an 
den zuweilen so bezeichneten Nordschwaben. 

Kaum an einer zweiten Stelle Deutschlands läfst sich die 
Ubereinstimmung der jüngeren Gaunamen mit den hier 
angesessenen Stämmen so deutlich nachweisen, wie in unseren 
Harzgegenden. Des noch im 9. Jahrhundert erwähnten 
Namens der Hamiden im Harde- oder Hartingow (Harzgau) 
gedachten wir schon als des Sitzes der übrig gebliebenen 
Cherusker, ebenso des sich östlich von der Bode bis zur 
Saale und Unterharz daranschliefsenden Nordschwaben- oder 
Suevengaus. Weiter südlich und südöstlich folgt zwischen 
Saale, kleinen Helme und Unstrut der Huohsiga oder Hasse- 
gau, dessen Untergau wieder im nördlichen und westlichen 
Mansfeld das Friesenfeld ist. 

Während die bisher genannten Stämme und Gaue in 
den Sachsennamen aufgingen, blieb das übrige südlich von 
Harz und Unstrut gelegene Gebiet bis zur Loiba (Thüringer- 
wald), Saale und Eichsfeld das Stammland der Thüringer. 
Die westlichsten und südwestlichsten Teile waren den Hessen 
abgerungen. Das Land an den Südgehängen des Waldes, 
das in der ersten christlichen Missionszeit noch als Thüringen 
erscheint, also auch der Kreis Schleusingen, gehörte doch 
später dem Land und Stamm der Ostfranken an, mit denen 
sich die sitzen gebliebenen Thüringer verbunden haben moch- 
ten. Im östlichen Teile des eigentlichen Thüringen erstreckte 
sich ziemlich lang an der Schmücke und Finne bei Kindel- 
brück, Cölleda, Eckartsberga der Gau Engilin, in welchem 
Namen wir den der Angeln wieder erkennen , während 
Namen wie Wirintagarot und Wernestide im Suevengau 



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Gaue südlich des Harzes. Der heidnische Volksglaube. 11 

noch eine Erinnerung an den Bruderstamm der Weriner, 
Wiruner (Ptol.) oder Warner enthalten mögen. Eine Vor- 
führung der einzelnen Gaue würde nicht der geschichtlichen 
sondern einer beschreibenden Darstellung angehören. 

Von den Vorstellungen und Einrichtungen der auf 
unseren Gebieten gesessenen deutschen Stämme dürfen wir 
nur weniges kurz andeuten, was sich eigenartig und be- 
stimmt aus den Quellen ergiebt. 

In ihren Glaubensanschauungen huldigten sie einem feier- 
lichen bilderlosen Naturdienst, gleich anderen Stämmen. Er 
war besonders an die Namen des Himmelsherrn Wodan, 
des Donnergotts Thunar oder Donar und des Kriegsgotts 
Ziu geknüpft. An den Wodansdienst erinnert der Name 
des nordöstlich von Magdeburg hoch und weit sichtbar ge- 
legenen Dorfs Gutenswegen, im 10. und 11. Jahrhundert 
Watanesweg , Vodens- , Wodenewege , der Wodansberg (so 
1277) in der Gegend von Artern und Walhausen (Kyff- 
häuser?), auch Wotaneshusen südöstlich von Cölleda (jetzt 
weimarisch). 

Als dem Dienste des Donar, des Gottes der Fruchtbar- 
keit und des Ackerbaus, geweiht sind mehrere Höhen, so 
der schon im Mittelalter mehrfach erwähnte Donreshö vor dem 
Harz, nicht weit von Halberstadt, und verschiedene Donners- 
haug im Thüringerwald anzusehen ; und wenn wir bei einem 
Petersberg in der goldenen Aue im 13. Jahrhundert bei 
Zusammenkünften des Landvolks abergläubisches Wesen be- 
zeugt und von der Kirche bekämpft finden, so dürfen wir 
hier mit ziemlicher Bestimmtheit eine Spur des Donars- 
dienstes, wenn auch in ganz veränderter Gestalt, erkennen. 
An das Thorsthor (jetzt Schersthorklippe), die Heidenstege, den 
Krodenbeke und Schächerborn im hohen Harz- und Brocken- 
gebiete wollen wir erinnern, während wir die höchste Spitze 
des Harzgebirges nicht selbst als Sitz alter Götterverehrung 
annehmen können. Doch hat die ein so überaus weites 
Gebiet inmitten mehrerer Stämme beherrschende Höhe jeden- 
falls früh einen mächtigen Eindruck auf das ahnende Gefühl 
unserer heidnischen Vorfahren geübt. Das mit den ost- 
elbischen Sueven gemeinsame Heiligtum im Semnonenhain 
konnte seit der Auswanderung der dortigen Stämme nicht 
mehr der Gottesverehrung dienen. 

Bei dem dritten Wesen in der Dreiheit der höchsten 
germanischen Götter, dem Kriegsgott Ziu, können wir nicht 
in gleicher Weise auf bestimmte Orte der Verehrung hin- 
deuten. Wie sehr aber auch unsere Sachsen, Cherusker, 
Sueven, Hermunduren und Thüringer als kampfesfrohe Ger- 



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12 



Erster Abschnitt. 



manen über die Mafsen dem Kriegsgott huldigten, das be- 
zeugen ihre blutigen verderblichen Bruderkriege und selbst 
ihre Namen, die meist auf Krieg und Waffen Bezug haben. 
So sind die Sachsen (von sahs, sahsnot) die Schwertträger, 
ebenso die Cherusker und Haruden die Schwertgenossen, 
von heru = Schwert. Auch den Namen der altmärkischen 
Dulgibinen erklärt man als Wundenschläger. Die ältesten, 
ursprünglich jedenfalls im Zusammenhang mit der Götter- 
verehrung gefeierten Spiele beziehen sich auf den Krieg, so 
das Mai- oder Frühlingsfest, die Feier des durch den 
Sommer besiegten Winters, dessen Spuren z. B. in Erfurt 
weit zurückreichen und das als Spiel vom Rosengarten zu 
Langensalza im 14. Jahrhundert urkundlich bezeugt ist. 

Dafs auch bei unseren Elbgermanen das Heer die 
Grundlage der Verfassung bildet, die einzelnen Stämme 
ursprünglich nur wandernde Kriegsscharen sind, tritt gerade 
auch bei ihnen noch im 6. Jahrhundert deutlich hervor. 
Wie hier zehn die Grundzalü bildet, so sehen wir die säch- 
sischen Ascinge unter Scharen von je 1000 und Tausend- 
fuhrern heranziehen, die wieder in Hunderte und Zehnte 
zerfallen. Den Gauen liegt auch ursprünglich die kriegerische 
Abteilung der Hundertschaften zugrunde. 

Als unseren sächsisch-thüringischen Stämmen eigen haben 
wir das zur Zeit Karls des Grofsen aufgeschriebene aber 
aus der heidnischen Vorzeit stammende Gewohnheitsrecht 
der Angeln und Warner, d. h. der Thüringer, zu betrachten. 
Danach sehen wir Adalinge oder Grundherren, Frilinge, 
Gemeinfreie und Hörige sowie Freigelassene unterschieden. 
Der Mann, der Krieger, der Verteidiger des Hauses, tritt 
so entschieden hervor, dafs das Erbe von Grund und Boden 
erst im fünften Gliede an die weiblichen Nachkommen lallt. 
Die Töchter erben Schmuck und weibliches Gerät. Der 
Wert eines Angehörigen aus den verschiedenen Ständen 
wird wie bei allen deutschen Stämmen nach Geld (Wergeid) 
berechnet. Danach gilt der Adelige dreimal so viel als 
der Freie. Bei der Tötung einer Frau entschied nicht die 
Würde des Alters, sondern nächst dem Stande kam in 
Betracht, ob sie noch Kinder hätte gebären können, daher 
z. B. als Entschädigung für eine solche adelige Frau 1800 so- 
lidi zu zahlen waren. Entsprechende Rücksicht war auch 
auf die ZeugungsfUhigkeit beim Manne genommen. Sonst 
waren für jedes Glied, jede Wunde und Beleidigung je 
nach Alter und Stand der Beschädigten besondere Bufsen 
festgesetzt. Ein weiter Spielraum ist in dem Gesetze dem 
Zweikampf, der Blutrache, dem Ordal (glühende Pflugschar) 



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Kriegswesen. Volksgesetze. Kulturanfänge. 13 



eingeräumt. Hervorzuheben ist auch der Weiberraub, die 
Vergiftung eines Mannes durch die Frau und die nräfsige 
Strafe für die Verkaufung eines freien Mannes oder Frau 
in und aufserhalb des Landes. Für die Schuld des Hörigen 
haben die Herren aufzukommen. 

Wir dürfen uns die vorchristliche Bevölkerung der 
Thüringer und der benachbarten Stämme nicht ohne manche 
Künste des Friedens und nicht als auf einer ganz niederen 
Stufe äufserer Gesittung stehend vorstellen. Schon ein 
näheres Eingehen auf die alten Rechts- und Sprachalter- 
tümer würde dagegen zeugen. Das Volksgesetz der Thü- 
ringer erwähnt eine mannigfaltige weibliche Kleidung und 
Geschmeide. Schon die Hermunduren standen mit den 
Römern in einem lebhaften Handelsverkehr und kamen 
deshalb bis nach Augsburg; und wenn sie zunächst auch 
nur Rohstoffe, Landeserzeugnisse und durch Tauschhandel 
mittelbar Bernstein ausführten, so mufsten doch in der langen 
Zeit der durch den Pfahlgraben geschlossenen Römergrenze 
mittels gefangener Künstler und Handwerker die Anfange ein- 
heimischer Kunstfertigkeit begründet werden. Das Schmiede- 
handwerk, das z. B. südlich vom Walde bei Schleusingen 
betrieben wurde, reicht in sehr frühe Zeit zurück. Früher 
als jede andere Kultur wird bei den Thüringern die Pferde- 
zucht erwähnt, worin sie besonderen Ruf hatten; in ihrem 
Volksgesetz tritt sie auch sichtbar hervor: es wird besonders 
streng bestraft, wenn jemand ein Pferd aus dem Pferch 
(vgl. stuotgart) raubt. 

Von den heute noch nachweisbaren Orten ist wohl der 
älteste das seit 531 bezeugte Scheidingi, Burgscheidungen 
an der Unstrut im Hassegau, dem ein anderes gegenüber 
auf dem rechten Ufer im Gau Wigsegi gelegenes Schidingun, 
Kirchscheidungen, entspricht. Wenn schon Ptolomäus ein 
Kalaigia, Mesuvium, Argelia nennt, so waren das jedenfalls 
keine festen, dauernden Ortschaften, und nur mit gröfserer 
oder geringerer Wahrscheinlichkeit hat man sie nach Kalbe a. S., 
Halle a. S., Mesuvium nach Merseburg oder in Meseberg 
nördlich von Magdeburg, Argelia nach Artern oder Aschers- 
leben zu verlegen gesucht. Es werden vorübergehende 
Handelsniederlagen gewesen sein, wie am Königssitze Mar- 
bods, bei dessen Eroberung durch Katualda man römische 
Händler vorfand. Jedenfalls war aber das bei besonderer 
Gelegenheit genannte Scheidungen keineswegs die einzige, 
auch schwerlich eine Hauptniederlassung aus deutsch- 
vorchristlicher Zeit. Von Erfurt (Arpes-, Erphesfurt) sagt 
Bonifatius im Jahre 742, dafs es schon seit alter Zeit ein 



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u 



Erster Abschnitt. 



Hauptort des heidnischen Landvolks war. Bei manchen 
Orten, die aber nicht immer die frühestbekundeten sind, 
läfst schon der Name auf besonders hohes Alter scldiefsen, 
so die mit der Endung -loh = Wald gebildeten, wie 
Thurniloha, Durnloha (zuerst 860) = Dorla (Kreis Mühl- 
hausen), Getlo (1019) wüst im Suevengau, oder mit -aha 
= Wasser, wie Fargalaha (8. Jahrhundert) = Grofs- und 
Klein-Vargula bei Erfürt, Biberaha (968) = Bibra (Kreis 
Eckartsberga), mit lara und buri = Wohnung, wie Lara 
= Lohra im Honsteinschen , Leri , Waterleri , Husleri 
(10. — 12. Jahrhundert) im Kreis (Grafschaft) Wernigerode, 
Rediburun, Hadeburun (10. — 11. Jahrhundert) = Reddeber, 
Heudeber. Auch die mit -tar, triu = Baum zusammen- 
gesetzten sind hierhin zu rechnen wie Apoldar, Apholtra 
(Apfelbaum) = Effelder (Kreis Mühlhausen), vielleicht auch 
Drubiki (8. Jahrhundert), Trobike == Drübeck (Grafschaft 
Wernigerode). 

Noch waren die Verschiebungen und Kämpfe zwischen 
den der vollen Sefshaftigkeit sich erst nähernden Stämmen 
an der Mittelelbe und Saale kaum zu Ende gekommen, als 
ihnen vom Südosten her eine Gefahr durch den Ansturm 
eines erst vor kurzem aus Asien eingedrungenen Volks, der 
türkischen Avaren, drohte. Diese hatten als Erben des 
Hunnenreichs — die deutschen Quellen nennen sie auch oft 
Hunnen — besonders Ungarn und Niederösterreich besetzt 
und glaubten nach dem Tode des Frankenkönigs Chlotar 
dessen noch nicht lange eroberte thüringische Lande weg- 
nehmen zu können. Aber der junge König von Ostfranken, 
Sigibert, tritt ihnen kräftig entgegen und schlägt um 562 
ihren Chakan am Elbstrom im Thüringerlande so, dafs sie 
um Frieden bitten. Vier Jahre später erleiden sie bei einem 
ähnlichen Einfall eine neue Niederlage, doch mufs später 
im Jahre 596 ihr Abzug durch Geld erkauft werden. 

Der Avarensturm war aber nur eine jener zwar ent- 
setzlich verwüstenden aber vorübergehenden Heimsuchungen, 
welche die Völker Europas von den Hunnen bis zu den 
Mongolen im 13. Jahrhundert durch eine Reihe türkisch- 
finnisch-mongolischer Horden trafen. Von ganz anderer 
Bedeutung sollten die Berührungen werden, in welche, nicht 
ganz ohne Zusammenhang mit der Ausbreitung der Avaren- 
macht, die t hüringisch - sächsischen Stämme wenige Jahr- 
zehnte nach den Avarenzügen mit den slavischen Völkern 
an ihrer Ostgrenze traten. 

Die Slaven, von den Deutschen Winiden oder Wenden, 
sonst auch mit einem Gesamtnamen Serben oder Sorben ge- 



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Die ältesten Ortsanlagen. Vordringen der Slaven im Osten. 15 



nannt, waren der letzte im Lauf der Jahrtausende nach Europa 
vorgedrungene arische Völkerstamm, dem germanisch-deutschen 
sprachlich näher stehend als Kelten, Romanen und Griechen. 
Im 1. und 2. christlichen Jahrhundert zwischen Wolga und 
Maeotis erwähnt, hatten sich die Slaven-Serben besonders an 
und von den Karpaten aus verbreitet. Zwischen 332 — 350 
waren sie von dem kriegstüchtigen Gotenvolke und Könige 
Ermanarich unterworfen. Seit dem Hunnensturm gewannen 
die unkriegerischen Slaven Raum für ihre Ausbreitung. 
Prokop und Jordanis in der Mitte des 6. Jahrhunderts sind 
erstaunt über ihre Menge. So dringen sie über die Weichsel 
und den einstigen Suevenstrom, die Oder, dann auch zur 
Elbe. Die östlichen Striche unserer Provinz erreichen sie 
jedenfalls noch im 6. Jahrhundert, doch ist bis zu dessen 
zweiter Hälfte noch bis zur Elbe Thüringen. Nur ungefähr 
vermögen wir die Zeit der slavischen Einwanderung bis zur 
Elb- und Saalgegend zu bestimmen. Längere Zeit dürfte 
ein ausgedehnter, grofsenteils von wenig fruchtbarem Lande 
ausgefüllter Raum zwischen beiden Völkergruppen ziemlich 
oder ganz verlassen gewesen sein. Wir verweisen bei einer 
solchen Annahme nur auf ähnliche Fälle von grofsen Ein- 
öden am römischen Pfahlgraben im fruchtbaren Badenschen 
Lande, im Mainwindengebiet (11. Jahrhundert) und in der 
nördlichen Altmark. Unmitteloare Zeugnisse von der An- 
wesenheit der Slaven auf dem Boden unserer heutigen Pro- 
vinz beginnen erst um die Mitte des 8. Jahrhunderts. 

Die Verbreitung dieser Stämme, welche uns übersichtlich 
zuerst in der slavischen Völkertafel bei dem sogen, bayerischen 
Geographen nach einer dem Ende des 9. Jahrhunderts an- 
gehörenden Handschrift entgegentritt, ist in der Osthälfte 
unserer Provinz folgende: In dem zu Anfang des 10. Jahr- 
hunderts ausschliefslich slavischen Gebiet östlich der Elbe 
in den heutigen Kreisen Jerichow I und II wohnen Stämme, 
die sich aus sprachlichen Gründen, besonders weil sie die 
Nasenlaute in Stamm- und Wurzelsilben anwenden, den 
Wilzen, auch den Obotriten, anschliefsen , der nördliche, 
später dem Bistum Havelberg überwiesene Strich zwischen 
Elbe, Havel und Stremme heifst Lizizi. Südlich davon 
erstreckt sich der Gau Morizane (wol von moraöa = Sumpf). 
Es bleibt dann noch bei Lübs und Walternienburg ein 
Streifen Landes übrig, der zu dem jetzt gröfstenteils an- 
haltischen Gau Zervisti gehört, im Osten aber bei Ziesar 
ein gröfserer, der einen Teil des märkischen Heveller- oder 
Stoderanerlandes bildet. 

Dem eigentlichen Serbenstamme gehören die südlicher 



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16 



Erster Abschnitt. 



wohnenden Slaven östlich der Saale an ; so im Gau Zirmnti, 
Serimunt zwischen Saale, Elbe, Mulde, Fuhne, ein jetzt 
größtenteils anhaltisches Gebiet. Die Ecke an der Saale 
und Elbe bei Aken hiefs Zitizi. An Serimunt schliefst sich 
südlich bis zur Elstermündung, östlich bis zur Löber Nudizi 
und Neletizi an. Nach Südosten erstreckt sich dann bis über 
die Mulde bei Lützen, Schkeuditz, Eilenburg und bis ins 
Königreich Sachsen die gröfsere Landschaft Chutizi. Süd- 
westlich aber folgen die dichter besetzten Ländchen Tu- 
churini (Teuchern), Puonzowa (bei Zeitz), Weitaha (bei 
Naumburg). 

An Zervisti im Süden grenzt, südöstlich in ansehnlicher 
Ausdehnung zu beiden Seiten der Elbe, östlich bis zur 
Schwarzen Elster, westlich bis zur unteren Mulde , südlich 
bis gegen die heutige Landesgrenze sich erstreckend, Kizizi, 
mit mehreren Untergauen, und zwischen diesem Lande, 
Chutizi und Neletici zu beiden Seiten der Mulde der Gau 
Susali. 

Von den abgetrennten Stücken der Provinz gehörte die 
Gegend des Kreises Ziegenrück dem gleichfalls slavischen 
Orlagau an, Gefell aber mit den benachbarten Exklaven zu 
dem bereits 830 genannten, später zum Bistum Bamberg 
gelegten Gau der Mainwenden oder Moinwinidi. Ganz im 
Osten war das Land östlich der Schwarzen Elster, das 
Land Schlieben und ein Teil des Kreises Elsterwerda ein 
Bestandteil der einst sehr ausgebreiteten Landschaft (Nieder-) 
Lausitz (Luzice, Lunsizi, von luh = Aue, Niederimg). Schon 
zur Oberlausitz gehörten die ganz am Südrand des Kreises 
Elsterwerda bis Ortrand wohnenden Milziener oder Milt- 
schaner. 

Aber wenn auch schon zu Karls des Grofsen Zeit Elbe 
und Saale als Grenze der Wenden gegen die Deutschen, 
letztere im 8. Jahrhundert als alte Markscheide zwischen 
Thüringern und Sorben galt, so drangen doch zeitweise 
Teile dieses Volks erobernd über beide Flüsse vor, oder 
sie wurden als zinspflichtige und hörige Leute, wie von 
Karl dem Grofsen, auf deutschem Boden angesiedelt. Die 
Altmark mufs schon des Begriffes Mark, als eines von den 
Feinden eroberten und gegen sie befestigten Grenzlandes 
wegen, in ihrem ganzen Umfang als vorübergehend wen- 
disches Land angesehen werden , wie es das nördlich an- 
stofsende Land der Drewaner und Lipaner (das „Wend- 
land") ohne Zweifel war. Jedenfalls war jedoch die wen- 
dische Herrschaft nur eine ganz kurze. Zu Karls des 
Grofsen Zeit reichte Sachsen auch hier zur Elbe. Allerdings 



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Ausbreitung der Wenden an Mittelelbe und Saale. 17 

kommen bis in den äufsersten Nordwesten der Altmark im 
Gau Osterwohld in den ältesten Urkunden des Klosters Dies- 
torf ganze Reihen von Slavendörfern vor. Aber ihre alter- 
tümlichen Namen und die bis hier verbreiteten thüringischen 
Endungen „städt" und „leben" zeigen, dafs diese deutschen 
Gründungen spätestens bis Anfang des 6. Jahrhunderts an- 
zusetzen sind. Aufserdem sind bis auf das in einer den 
wendischen Überflutungen am meisten ausgesetzten Grenz- 
gegend gelegene Werben sämtliche altmärkische Städte deut- 
schen Ursprungs und deutscher Benennung. 

Wie es nun kam, dafs deutschnamige und deutsche Orte 
von Wenden besetzt wurden, das erklärt sich zur Genüge 
aus dem durch sichere Nachrichten gekennzeichneten blu- 
tigen Vernichtungskriege. So überschwemmen im Jahre 929 
die Redarier verwüstend die Wische, erobern Welsleben a. 
Uchte, nehmen sämtliche Einwohner gelangen und schlach- 
ten sie alle, — eine unzählbare Menge, wie Widukind sagt. 
So kennt auch noch Helmold die von den deutschen Be- 
wohnern einst angelegten grofsen Elbdeiche zu einer Zeit, 
als nur Slaven jene Ufer innehatten. Im allgemeinen zeigt 
sich von Norden nach Süden zu eine Abnahme der slavischen 
Ansiedelungen. Wie wenig selbst im ostelbischen Lande 
die slavische Besiedelung eine wirklich dauernde war, geht 
daraus hervor, dafs wir schon in älteren havelbergischen 
Urkunden hier deutschnamige Orte zu suchen haben, die 
nach ihrer Zerstörung keine Spuren zurückliefsen , sowie, 
dafs die meisten Berg- und Gewässernamen sich als deutsch 
und nicht slavisch erweisen. 

Auch in den Gauen Nordschwaben, Hassegau, Wigsezi 
drangen Slaven über die Saale und gründeten eine Menge 
Dörflein oder Weiler. Sie lagen aber meist dicht gedrängt 
nur am Ostrande dieser Gaue. Dafs sie meist sehr klein 
und beziehungsweise neue Gründungen waren, geht daraus 
hervor, dafs über die Hälfte von ihnen wieder wüst wurde. 
Wo die Slaven als Eroberer kamen, behaupteten sie sich 
doch nur durch friedliches Abkommen mit den deutschen 
Herren dieser Grenzstriche. 

Auf friedliche Weise und zum Vorteil der deutschen 
Nutzniefser wurde aber endlich noch eine nicht geringe 
Zahl höriger Slaven bis über unsere Westgrenze hinaus ins 
Hessische in kleineren Ortchen oder in einer kleineren und 
gröfseren Anzahl zinspflichtiger Familien angesiedelt, worüber 
wir besonders im 43. Abschnitt m der Fulder Auftragungen 
merkwürdige Auskunft finden. Ahnliche Bewandtnis hat es 
mit dem kleinen Wendengau (Winidon) bei Sondershausen. 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 2 



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18 



Erster Abschnitt, 



Über die religiösen Anschauungeu unserer polabischen 
oder Elb-Slaven haben wir keine ausreichenden alten Nach- 
richten. Bei ihrer mit den Deutschen gemeinsamen Ver- 
götterung der Naturgewalten teilten sie die Gottheiten in 
wohlthätige Lichtwesen und schadenkräftige Nachtwesen 
(Bielbog , Tschernebog). Die Kräfte wurden dabei Öfter 
durch die Mehr- und Vielköpfigkeit dieser Götter angedeutet. 
Da sie, ungleich den Deutschen, wirklichen Götzendienst 
trieben , so haben sich gerade hiervon Erinnerungen auf 
unserem deutschen Boden im Pomeibog und Jodute (der 
rettende, gute Gott) erhalten — Goldene Aue, Mansfeld. 
Sie knüpften auch ihre heidnischen Vorstellungen an Steine, 
Bäume, Quellen, Seeen, die ihnen heilig waren. Ihr nächt- 
liches Unholdenwesen, ihre Nachtfahrer- und Koboldsage hat 
sich, mit deutschem Aberglauben vermengt, im späteren 
Mittelalter bis in neuere Zeit zu dem geschichtlich, aber in 
traurigster Weise, bedeutsamen Hexen- und Blocksbergs- 
Aberglauben umgestaltet. 

Ein Urteil über die körperlichen und geistigen Eigen- 
schaften der heidnischen Wenden zu fallen ist schwer, da 
wir in der ältesten Zeit nur auf die Zeugnisse ihrer deutschen 
Feinde angewiesen sind, die sich mit roher Gewalt und 
Bedrückung jedenfalls schwer an ihnen versündigt haben. 
Dennoch können die Klagen über ihre Un Zuverlässigkeit 
und Treubruch jedenfalls nicht als nur durch den Hafs der 
Feinde begründet angesehen werden. Ursprünglich ohne 
rechten Verband und unkriegerisch, waren sie schon vor 
ihrem Einziehen in unsere Grenzen von Goten, Hunnen 
und Avaren unterjocht gewesen. Auch ein billig denkender 
Mann wie Bonifatius, der die eheliche Treue der slavischen 
Frauen, die nach ihres Gatten Tode zu leben verschmähten, 
rühmt, bezeichnet doch die Wenden als ein schmutziges, 
ekelhaftes Geschlecht. 

In ihrer äufseren Erscheinung stachen sie jedenfalls von 
den hohen kräftigen Gestalten der Deutschen ab, und wenn 
letztere einst ihrer römischen Feinde Sprache und Staats- 
wesen bewundert hatten und nun mit einem Gefühle geistiger 
Überlegenheit auf die Slaven herabsahen, so erkannten diese 
die Überlegenheit ihrer deutschen Herren selbst an. Daher 
nannten z. B. die Drewaner im Norden der Altmark einen 
stattlichen jungen Mann einen „Deutschen" (nemec) und 
entsprechend eine schöne Jungfrau oder Mädchen nemt- 
jejuka. 

Bei ihren meist nur unbedeutenden Ansiedelungen und 
Weilern sehr geschickt und anspruchslos in ihren Bedürf- 



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Religiöse Anschauungen und Natur der Elbslaven. 19 



Dissen als Fischer, Vieh- und Bienenzüchter und Acker- 
bauer, entbehrten sie doch der rechten Kraft, und mit ihrem 
kleinen hölzernen Hakenpflug bestellten sie das Land nur 
oberflächlich im Vergleich zu den Deutschen mit ihrem 
Eisenpfluge. Auch gewannen die Deutschen ihnen einen 
grofsen Vorsprung ab, indem sie die von den Slaven ver- 
nachlässigten Waldgebiete einnahmen. Letztere suchten be- 
sonders die Gewässer und Niederungen, wie in der Altmark 
die Wische, auf, wo ihnen die Deutschen auch bald durch 
gründlichere Bearbeitung des Ackers den Rang abliefen. 

Zur Zeit der gröfsten Ausbreitung der Slaven nach 
Westen vom Ende des 6. bis zum 9. Jahrhundert nahmen 
dieselben teils als Herren, teils als dienende Ansiedler etwa 
zwei Dritteile des Bodens unserer späteren Provinz ein, und 
als deutsche Völker ganz Europa mit dem Ruf, aber auch 
mit dem Schrecken ihres Namens erfüllten und den Erdteil 
zu einem germanischen machten, dabei aber auch in un- 
aufhörlichen Kämpfen ihr Blut verspritzten und grofsenteils 
mit ihrer Sprache in anderen Völkern aufgingen, verloren 
sie von der Weichselgegend an ein für ihre Weltstellung 
ungemein wichtiges Gebiet bis zu den Westgrenzen unserer 
Altmark. Dieselben Sachsen und Angeln, die das nach 
ihnen genannte Volk der Engländer bildeten , hatten in 
unserer Provinz gesessen und derselbe Name der Sueven 
und Weriner, dessen wir bei uns zu gedenken hatten, kehrt 
neben Vandalen und Alanen unter den Eroberern Spaniens 
wieder. 

Ein grofser Teil des Interesses unserer Provinzial- 
geschichte konzentriert sich nun darin, dafs gerade unsere 
sächsisch- thüringischen Marken vorzugsweise der Ausgangs- 
punkt für die Wiedereroberung der für die gesamte Stellung 
des deutschen Volks so wichtigen seit der sogen. Völker- 
wanderung aufgegebenen Gebiete in Mitteleuropa bis zur 
Oder und Weichsel waren. 



2* 




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20 



Zweiter Abschnitt. 



Zweiter Abschnitt. 

Ton der Pflanzung des Christentums in Thüringen- 
Sachsen Ms zu Kaiser Otto I. 



Damit aber unsere Vorfahren diesen grofsen Kampf des 
Geistes und des Schwertes mit geeinter Kraft führen konn- 
ten, mufsten sie erst eine geistige Ausrüstung erhalten, ohne 
welche diesem Ringen sein rechter Erfolg und wahre Be- 
deutung gefehlt hätte: sie mufsten dem Christenglauben ge- 
wonnen und mit demselben die Kulturelemente der alten 
Welt auf sie übertragen werden. Die Deutschen an der 
Elbe und Saale, gehörten zu den letzten Gliedern unseres 
Volkskörpers, zu welchen das Christentum siegreich vor- 
drang, und hierbei läfst sich im allgemeinen ein Fort- 
schreiten von Süden nach Norden verfolgen. 

Schon vor dem Beginn dieser evangelischen Predigt 
waren Angriffe der zahlreichen slavischen Stämme auf die 
zum Frankenreiche gezogenen sächsisch-thüringischen Grenzen 
erfolgt und hatten gezeigt, welche Gefahr darin lag, da das 
Christentum noch nicht den durch blutige, gewaltsame 
Unterwerfung begründeten Gegensatz von Franken, Thü- 
ringern und Sachsen aufgehoben oder wenigstens gemildert 
hatte. 

Jene Gefahr trat zuerst ums Jahr G28 hervor, als die 
sorbischen Wenden zur Zeit des Frankenkönigs Dagobert 
entschieden zum Angriff auf die deutschen Nachbarlande 
übergingen. Sie hatten, bis dahin durch ihre Zersplitterung 
machtlos, durch einen deutschen Uberläufer, den fränkischen 
Kaufmann Samo, ein Haupt erhalten und in Böhmen ein 
Königreich gegründet. So erstarkt, drangen sie siegreich im 
östlichen Thüringen, vereinzelt bis zum Harz und den thü- 
ringischen Westgrenzen Vor. 

Da Dagobert die Notwendigkeit einer festen Verbindung 
der Grenzstämme gegen diesen Feind erkannte, so ging er, 
wie es heifst, auf das Ansinnen der Sachsen und Nord- 
thüringer ein, ihnen gegen die Verpflichtung des Kampfes 
wider die Sorben den vom König Chlotar ihnen auferlegten 
Zins von 500 Kühen zu erlassen. Und da die besonderen 
Aufgaben, welche den austrasischen Franken erwuchsen, 
immer mehr hervortraten, gab er ihnen 633 in seinem drei- 
jährigen Sohne Siegfried IL einen besonderen König. 



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Früheste christliche Einwirkungen in Sachsen-Thüringen. 21 

Aber der Frankenkönig sah sich sogar noch weiter ver- 
anlafst, den Grenzlanden gegen die Wenden eine gewisse 
Selbständigkeit dadurch zu verleihen, dafs er ihnen in Ra- 
dulf (Ratolf) einen eigenen Herzog, d. h. ein zunächst für 
die Führung des Heerbanns, dann auch für die Vertretung 
des Königs im Gericht bestimmtes Oberhaupt setzte. Dieser 
bekämpfte denn auch die Sorben mit Nachdruck und Erfolg 
und trieb sie über die Saale zurück. Zum Schutz der 
Grenzen errichtete er Turmfesten und Burgen. Da aber 
später Radulf sich mit Hilfe der Wenden vom Könige 
Siegfried unabhängig machen wollte, so zog dieser gegen 
ihn. Bei einer Belagerung an der Unstrut, wohl in der 
Gegend von Memleben, gelang es dem Herzoge nicht nur 
sich zu behaupten, sondern der König mufste ihm auch sein 
Herzogtum erblich machen. Es folgte ihm aus seinem Ge- 
schlecht Hedan oder Hathan, zu dessen Zeit die Sorben 
sich wieder weiter in Thüringen ausbreiteten. Nach zwei 
kurze Zeit ihres herzoglichen Amts waltenden Söhnen und 
des letzteren Sohne Hedan H. erreicht um 716 das thü- 
ringische Herzogtum seine Endschaft. Dies hängt zusammen 
mit dem Wiedererstarken der Frankenmacht unter Karl 
Martell. Als dieser sich thatsächlich zur Oberherrschaft 
emporgeschwungen hatte, zog er selbst gegen die Wenden, 
die er auf kurze Zeit bis über die Mulde drängte. Auch 
gegen das den Thüringern benachbarte Sachsen, zunächst 
das nordthüringische von den Franken in Anspruch ge- 
nommene, zog er, wie 743 und 748 seine Söhne Karl 
und Pipin, und behauptete dieses nord- und ostharzische 
Land. 

Die erwähnten thüringischen Herzöge hatten ihren Sitz 
nicht inmitten des später und heute so genannten Thüringens 
(Mittelthüringen), sondern zu Würzburg im ehemaligen Süd- 
thüringen, das dann ziemlich früh in den Namen Franken 
oder Ostfranken aufging. Auf jenes Gebiet südlich vom 
Walde oder der Laube (Loiba) ist auch das zu be- 
ziehen, was wir von einer Verbreitung des Christentums in 
Thüringen am Ausgang des 7. und Anfang des 8. Jahr- 
hunderts hören. Zwar dafs der Schall des Evangeliums 
schon zur Zeit des mit der Nichte des Ostgoten Theodorich, 
der arianischen Amalaberga, vermählten letzten Thüringer- 
königs ins Land gedrungen sei und Verbreitung gefunden 
habe, ist nicht sicher bezeugt, wenn es auch nicht ausbleiben 
konnte, dafs bei dem Verkehr der Thüringer mit den früher 
bekehrten Brudervölkern ein Einflufs auf ihre religiösen 
Vorstellungen geübt wurde. Auch ist es gar nicht un- 



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22 



Zweiter Abschnitt. 



wahrscheinlich, dafs König Dagobert, der in Erfurt, dem 
Hauptort Thüringens, eine fränkische, also christliche, Be- 
satzung hatte, wie es heifst, auf dem dortigen Petersberge 
eine Kapelle habe erbauen lassen. Aber von einer Bekeh- 
rung des Thüringervolks nördlich des Waldes in irgendwie 
größerer Ausdehnung konnte noch nicht die Rede sein. Die 
Götteropfer waren noch zu des Bonifatius Zeit so sehr im 
Schwange, dafs dieser selbst Getauften das Verkaufen von 
Leibeigenen zur Verwendung bei den Opfern verbieten 
mufste. Das Missionsfeld des Schotten Kilian oder Kyllena 
und seiner Genossen war das alte Thüringerland südlich 
des Waldes , wozu auch der Schleusinger Kreis gehört. 
Kilianskirchen zu beiden Seiten des Thüringerwaldes deuten 
keineswegs auf eine unmittelbare Stiftung durch diesen 
Glaubensboten, sondern nur auf einen Zusammenhang mit 
Würzburg. 

Die sicheren Spuren einer Mission im heutigen Thüringen 
beginnen mit dem Anfang des 8. Jahrhunderts, was wir 
namentlich aus des Bonifatius Briefen ersehen, aus denen 
besonders hervorgeht, wie er bereits mit der abweichenden 
Weise der sogenannten altbri tischen Mission zu kämpfen hatte. 
Dieselbe hatte einen weniger hierarchischen Charakter, doch 
wird ihr auch ein weniger strenger Wandel der Geistlichen 
und die Priesterehe vorgeworfen. Der Mann nun, durch 
dessen rastloses Bemühen gegen solche wirkliche oder ver- 
meintliche Irrtümer gekämpft, dann aber auch, wie in anderen 
Ländern deutscher Zunge, so besonders in Thüringen, zuerst 
das Christentum gepflanzt wurde, ist der schon genannte 
Angelsachse Winfrid, oder mit dem kirchlichen Namen 
Bonifatius. 

Geboren ums Jahr 680 zu Kirton im südwestlichen 
England aus edlem angelsächsischem Geschlecht und durch 
gründliche Bildung, vorzüglich aber durch glühende Liebe 
fiir seinen hohen Beruf vorbereitet, begab er sich nach 
einem vergeblichen Versuch, den Friesen das Evangelium 
zu predigen, im Jahre 718 nach Rom, wo ihn Papst 
Gregor II. bevollmächtigte, allen deutschen Stämmen das 
Wort Gottes zu verkündigen. Im Sommer des nächsten 
Jahres wirkte er in Mainthüringen bei den schon getauften 
Edlen und trat den bei den teils alt- teils neubritisch-fränkischen 
Priestern vorgefundenen Misbräuchen und Irrtümern ent- 
gegen. In den nächsten Jahren ist er dann mit seinem 
Landsmann Willibrord bei der Missionierung Frieslands 
thätig. Bei der Rückkehr ins Frankenland lernt er zu 
Pfalzel bei Trier den Gregor, Enkel der Klostervorsteherin 



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Mission des Bonifatius. 



23 



Addula, kennen, der hinfort auf allen Reisen sein treuer 
Gefahrte und nachher sein Lehensbeschreiber wurde. 

Im Jahre 723 sehen wir Bonifatius zum z weitenmale 
in Rom. Hier weiht ihn der Papst zum Missionsbischof 
und giebt ihm bei seiner Rückkehr nach Deutschland eine 
Sammlung des päpstlichen Kirchenrechts und fünf Be- 
glaubigungs- und Empfehlungsschreiben mit, eins an den 
Machthaber im Frankenlande, Karl Martell, ein zweites an 
seine Mitbischöfe, Priester und Diakonen, ein drittes an vier 
namentlich aufgeführte Edle und die übrigen getauften 
Christen in Thüringen, deren Standhaftigkeit im Glauben 
«er rühmt, sie zum Gehorsam gegen Bonifatius anweisend. 
Ein vierter Brief richtet sich an das gesamte Volk der 
Thüringer, dem er in herzlicher Weise seinen geheiligten 
Bruder Bischof Bonifatius empfiehlt und zu Gewissen fuhrt, 
dafs er nicht zeitlichen Gewinnes wegen, sondern in Sorge 
für ihr Seelenheil diesen Boten zu ihnen sende. Das fünfte 
«Schreiben endlich richtet sich in gleichem Sinne an das 
Sachsenvolk, auf welches gleichzeitig das Absehen bei dieser 
Mission gerichtet war. 

Im Frühling des Jahres 724 übergiebt Bonifatius, nach 
Deutschland zurückgekehrt, Karl Martell das an diesen ge- 
richtete päpstliche Schreiben. Karl sichert ihm seinen fürst- 
lichen Schutz zu, will aber streitige Fälle vor seinem Hof- 
gericht zur Entscheidung gebracht wissen. Bonifatius fand 
zwar diese Unterstützung des Hausmeiers nicht nach sei- 
nem Wunsche , doch begab er sich zunächst an sein Be- 
kehrungswerk in Hessen, wo er kühn die Wodans- (Donar?) 
Eiche bei Geismar fällte. Wenn ihn darauf die Sage das 
Kloster Falken bei Treffurt gründen läfst, so ist daran wohl 
so viel richtig, dafs er bis in diese Gegend an der Werra, 
wo unsere Provinz in das Gebiet des Hessenstammes hinein- 
ragt, missionierend vordrang. 

Genaueres über Ziel und Richtung der Missionsreisen 
des Bonifatius während der folgenden zwölf Jahre seines 
eifrigen Wirkens auf dem thüringischen Arbeitsfelde ver- 
mögen wir nicht anzugeben. Nur so viel erfahren wir aus 
seinen eigenen Briefen, dafs er unter viel Mühsal und 
Beschwerde wie ein trostbedürftiger Verbannter ohne festen 
Sitz predigend, aufbauend und schlichtend von Ort zu Ort 
zog. W^enn die Kirchen zu Langensalza, Thamsbrück, 
Tretenburg a. d. Unstrut , Monra u. a. unmittelbar von 
Winfrid gegründet sein wollen, so ist das nicht unwahr- 
scheinlich, aber auch nicht bestimmt zu erweisen, im all- 
gemeinen aber anzunehmen, dafs die in die Ehre dieses 



S" 



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24 



Zweiter Abschnitt. 



apostolischen Mannes geweiheten Kirchen von dessen Schü- 
lern ausgingen. Unmittelbare und nicht zu bezweifelnde 
Nachricht läfst zwei Stiftungen an dem Hauptort Thüringens 
diesseit des Waldes ums Jahr 743 von Bonifatius gegründet 
sein, nämlich das Benediktiner - Mannskloster St. Marien 
und das Benediktiner - Jungfrauenkloster zu Erfurt, ersterea 
die Wurzel des spateren Chorherren- oder Domstifts, letz- 
teres seit 1123 auf den Cyriaksberg vor der Stadt 
verlegt. 

Der Briefwechsel des Bonifatius mit Rom, besonders mit 
Freunden und Gönnern im englischen Mutterlande, mit denen 
er sich zu gegenseitiger Fürbitte für Lebende und Ver- 
storbene verbündet, um so Trost bei den oft finsteren und 
stürmischen Fahrten seines Missionsberufs zu finden, vergönnen 
uns manchen Einblick in dieses für unser Heimatland so 
überaus wichtige Wirken. Wie sehr er durch äufsere sinn- 
liche Eindrücke auf die zu Bekehrenden einzuwirken suchte, 
zeigte er z. B. dadurch , dafs er sich aufser anderen 
Büchern aus England eine Sammlung der Petrusbriefe mit 
Goldbuchstaben erbat, um damit bei den Ununterrichteten 
tiefes Staunen zu erwecken. Auch suchte er wohl für heid- 
nische Bräuche und Feiern in christlichen Zeremonieen einen 
Ersatz zu bieten. 

Nachdem Bonifatius schon 732 — so grofs war der 
Erfolg seiner Missionsthätigkeit — vom Papst zum Erz- 
bischof und apostolischen Vikar befördert war, ging er im 
Jahre 738 zum drittenmale nach Rom und kehrte im 
nächsten Frühjahr mit päpstlichen Empfehlungsschreiben 
nach Deutschland zurück. Diesmal waren es drei: ein 
allgemeines an die Geistlichkeit, eins an Edle und Volk der 
Deutschen in allen Gauen. Neben Thüringern und Hessen 
werden hierbei noch die Bewohner des östlichen Land- 
strichs besonders genannt; es ist dabei an unsere sächsisch- 
thüringischen Grenzgebiete im nördlichen Teile des einstigen 
Thüringer Reichs zu denken. Der dritte Brief war an die 
Bischöfe Bayerns und Allemanniens gerichtet. 

Bonifatius, der natürlich die Ernte seiner überreichen 
Saat nicht allein einzuscheuern vermochte und aus England 
nach und nach eine Reihe von Gehilfen, seine späteren 
Nachfolger Lull, Willibald, Wunnibald, Wiprecht, Abt zu 
Fritzlar, von Frauen Chunihild und deren Tochter Tekla, 
Walpurg, Leobgyth oder Lioba u. a. zugesandt erhielt, sollte 
bald eine aufserordentliche Unterstützung durch seinen frän- 
kischen Oberherrn finden. Als nämlich Karl Martell im 
Jahre 741 gestorben war, folgte ihm in den deutsch - frän- 



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"Wirksamkeit des Bonifatius. Bistum Erfurt. 25 



kischen und also auch in unseren Ländern, soweit sie der 
Herrschaft der Franken schon unterworfen waren , sein 
Sohn Karlmann. Unter diesem der Mission und Kirche 
ganz zugethanen Herrn konnte Bonifatius sofort zur Ein- 
richtung von Bistümern im Lande der bekehrten Stämme 
schreiten. Es waren ihrer vier: l) Erfurt für Thüringen 
nördlich des Waldes ; 2) Würzburg für Südthüringen ; 
3) Buraburg für Hessen; 4) Eichstädt für den bayerischen 
Nordgau. Jedem dieser Bistümer war ein Missionsschüler 
zum Bischof bestimmt, Witta für Buraburg, Adolar für 
Erfurt. Als aber Bonifatius 745 zum Erzbischof von Mainz 
bestimmt und 748 vom Papst bestätigt war, scheint er 
sofort den für Erfurt bestimmten Sprengel unmittelbar zu 
seiner eigenen Diöcese gezogen zu haben. Adolar erscheint 
wirklich nicht als Bischof, sondern nur als Presbyter und 
erlitt als solcher in Friesland den Märtyrertod. Seine Ge- 
beine kamen mit denen Eobans nach Erfurt. Für die 
Geschicke Thüringens war es überaus folgenschwer, dafs es 
nicht unter einem besonderen Bischof eine gewisse Selbstän- 
digkeit erhielt, sondern von dem entfernten Mainz abhängig 
blieb. Auch das hessische Bistum Buraburg wurde von 
Rikulf, dem zweiten Nachfolger des Bonifatius auf dem 
erzbischöflichen Stuhle, dem Mainzer Erzstift einverleibt. 

Auf Karlmanns eifriges Befördern kam bereits im Jahre 
742 in Verbindung mit einer Reichsversammlung ein erstes 
deutsches Nationalkonzil zustande, und bald darauf ein 
zweites zu Liftinae im heutigen Belgien. Hier wurden die 
Grundzüge der kirchlichen Ordnungen festgestellt, die Be- 
stimmungen über die Erlernung des Vaterunsers, des Glau- 
bensbekenntnisses, die Teufelsabsagung in der Muttersprache 
getroffen. 

Die von vornherein in allen seinen Bestrebungen eifrigst 
durchgeführte völlige Unterordnung der vaterländischen 
Kirche unter das hierarchisch - römische System ist vielfach 
dem Bonifatius zum Vorwurf gemacht worden; doch darf 
dabei nicht vergessen werden, dafs in der ersten Jugend 
der geschichtlichen Entwicklung eine solche Unterordnung 
auch manchen Gefahren von innen und aufsen Widerstand 
entgegensetzte. Schon Pipin war, als Karlmann 747 seine 
Herrschaft niedergelegt und sich als Mönch nach Montecassino 
zurückgezogen hatte, inbetreff der hierarchischen Stellung 
des Bonifatius anderer Ansicht als sein Bruder und wollte, 
als er die Zügel des gesamten Frankenreichs in seine feste 
Hand genommen hatte, den Bonifatius nicht als Stellvertreter 
des Papstes in Deutschland anerkennen. 



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26 



Zweiter Abschnitt. 



Gleich nach Karinianns Rücktritt folgte ein Ereignis, 
das für die Geschichte unserer Gegenden besonders merk- 
würdig ist. Pipins Halbbruder Grifo nämlich, die grofs- 
mütige Befreiung aus langer Haft, in der ihn Karlmann 
gehalten hatte, übel lohnend, empörte sich gegen Pipin und 
floh mit seinem Anhang nach dem östlichen Sachsen, d. h. 
in unsere thüringisch-sächsische Gegend, und fand liier zu- 
nächst im Nordschwabengau zwischen Harzwipper und Bode 
willige Aufnahme. Unsere fränkische Quelle (Fortsetzung 
des Fredegar) nennt gerade diese Stämme zum Abfall stets 
bereit. Es dauerte hier an den Grenzmarken noch die 
Erinnerung an die alte Selbständigkeit fort. Pipin drang 
aber siegreich durch Thüringen gegen Grifo und seine 
Bundesgenossen vor und nahm dabei die feste Hochsee- 
burg — wie es scheint über Seeburg am Süfsen See im 
Mansfeldischen gelegen. An der Oker in der Nähe von 
Ohrum lagen sich Pipins und Grifos Heer gegenüber. Letz- 
terer wagte aber keine Schlacht anzunehmen und entwich, 
während Pipin vierzig Tage lang das aufsässige Land ver- 
wüstend durchzog und die hier erbauten Burgen zerstörte. 
Nach völliger Demütigung der Empörer zwang er sie auch 
wieder zur Zahlung des Tributs, den Chlotar ihnen einst 
auferlegt hatte. Sehr erleichtert wurde dem Franken- 
herrscher sein Werk dadurch, dafs die Nachbarn der Thü- 
ringer und Ostsachsen, die Slaven, ihm unter ihren Häupt- 
lingen in hellen Haufen zuhilfe eilten, — wohl 100000 Streiter, 
sagen die fränkischen Jahrbücher. 

Diese einhellige Hilfsbereitschaft der Slaven ist leicht 
erklärlich und zeugt dafür, dafs die deutschen Grenzstämme 
ihre Mark tapfer verteidigt, auch die Wenden jenseit der- 
selben bedrängt hatten. Sie benutzten daher jede Gelegen- 
heit, die sich ihnen bot, sich an ihnen zu rächen. Sie 
fanden auch schon links der Elbe und Saale Landsleute 
angesiedelt. Wenn es nun heifst, dafs Bonifatius die Wen- 
den zwischen Harz und Saale bekehrt habe, so ist diese 
Angabe un verwerflich. Gerade die Flucht Grifos zu den 
Sachsen und Nordschwaben benutzte der jede sich dar- 
bietende Gelegenheit mit Eifer ergreifende Apostel zur För- 
derung seines Werkes und empfahl Pipins aufständischem 
Bruder die Bekehrung der ihm zugewandten Gegenden, was 
ersterer dem Erzbischof sehr verdachte. Pipin sollte aber 
noch mit den ihm zeitweilig gegen deutsche Stämme bei- 
stehenden Slaven zu tliun bekommen: im Jahre 766 schlugen 
die Franken die Sorben in einer Schlacht bei Weidahaburk 
an der Wethau bei Naumburg, der ersten näher nach dem 



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Flucht uud Verfolgung Grifos. Karl der Grofse. 



27 



Ort bezeichneten in der langen Reihe blutiger Kämpfe 
zwischen beiden Völkern. Der Zug gegen Grifo brachte 
auch ein Werk des Friedens in seinein Gefolge, denn wir 
hören, dafs die meisten Nordsehwaben von Priestershand 
getauft wurden und sich zum christlichen Glauben bekehrten. 
Pipin aber gewährte auf des Bonifatius Bitten den Unter- 
halt für die unter den deutsch-christlichen Stämmen an der 
Heidengrenze stehenden Priester. 

Nachdem der Apostel der Deutschen noch im Jahre 744 
das in der Folge für Sachsen-Thüringen so wichtige Kloster 
Fulda in Buchonien gegründet, endlich als Greis bei einem 
letzten Missionszuge nach Friesland 755 bei Dockum das 
Ende eines Blutzeugen gefunden hatte, war der Same des 
Evangeliums bereits bei dem weitaus gröfsten Teile der auf 
dem Boden unserer Provinz wohnenden deutschen Stämme 
ausgestreut. Aber als gesichert und vollendet konnte die 
Pflanzung der christlichen Kirche hier erst gelten, wenn 
auch die nördlichen und nordwestlichen Nachbarn, das streit- 
bare Volk der Sachsen, bezwungen und unter das Joch 
Christi gebeugt war. Durch ihre Uberlalle litten die Grün- 
dungen des Bonifatius noch mehrfach, so 745. Nach län- 
geren Versuchen seiner Vorgänger führte erst Karl der 
Grofse in einem dreifsigjährigen, durch mohrfache, doch öfter 
die Sachsen treffende blutige Niederlagen bezeichneten Kriege 
dieses Werk zum Ziele. Der im Jahre 772 beschlossene 
Sachsenkrieg soll 803 in dem Frieden von Selz seinen Ab- 
schlufs gefunden haben. Der grofse gewaltige Frankenherrscher 
kam dabei auch wiederholt bis in unsere Gegenden, doch we- 
niger im eigentlichen Kampfe mit dem Sachsenvolke. Als er 
780 zur Oker vordrang, liefs die herzuströmende Menge 
des Volks sich taufen. Weiter zog er dann bis zur Elbe, 
nördlich von Magdeburg bei der Einmündung der Ohre, wo 
er sich länger aufhielt, um die Angelegenheiten des Grenz- 
landes zu ordnen. Im Jahre 789 überschritt er die Elbe 
und griff die zwischen Mittelelbe und Oder wohnenden 
Wilzen an, wobei ihm sehr zustatten kam, dafs die nörd- 
lichen Stammverwandten, die Obotriten in Mecklenburg und 
die Sorben im Süden, seine Bundesgenossen waren und ihm 
samt den Sachsen Heeresfolge leisteten. Letztere hatte er 
noch im Jahre vorher, da sie plündernd die Saale über- 
schritten hatten, bekriegen müssen. 

Als mit König Karls erfolgreichem Zuge bis zur Elbe 
im Jahre 780 die Unterwerfung Sachsens im wesentlichen 
vollendet war, traf er eine umfassende Neuordnung des 
eroberten Landes. Die Sachsen unterwarfen sich ihm alle, 



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28 



Zweiter Abschnitt. 



stellten Geiseln, Freie und Liten, und er verteilte das Land 
unter Bischöfe, Presbyter und Abte, damit sie dort tauften 
und predigten, — so die allzu karge gleichzeitige Nachricht 
über Einrichtungen , die für unsere geschichtliche Ent- 
wickelung von der gröfsten Wichtigkeit waren. In diese 
und die nächste Zeit setzt nämlich die gewöhnliche Annahme 
die Gründung des Bistums Halberstadt und der anderen 
sächsischen Bistümer. Mit Bestimmtheit anzunehmen ist nur, 
dafs Karl eine Mafsregel, womit er schon früher begonnen 
hatte, in diesem Jahre mit dem Lande bis zur Elbe durch- 
führte , dafs er nämlich einzelne Landstriche an Geist- 
liche, auch Missionsbischöfe, zur Predigt und Taufe über- 
wies. 

Nach späteren Nachrichten soll Hildegrim, Bruder Liud- 
gers , schon vorher Bischof zu Chalons an der Marne, 
780/81 erster Bischof zu Halberstadt gewesen sein. Da 
er aber noch 797 Diakonus war und erst um 804 Bischof 
in Frankreich wurde, so ist jene Angabe hinfällig. Wenn 
wir ihn aber 809 und 810 als Abt und Bischof zu Werden 
erscheinen sehen, so ist es nicht unmöglich, dafs er sich in 
seiner letzten Lebenszeit — er starb erst 827 — der Mission 
Nordthüringens, d. h. des späteren Halberstädter Sprengeis, 
als Missionsbischof annahm, wie ein Mönch zu Werden in 
seiner Litanei auf ihn sagt. Unverwerflich ist die Nach- 
richt, dafs der Anfang der Halberstädter Kirche an einem 
Orte Seligenstadt war, dessen Identität mit dem späteren 
Oster wieck mit Unrecht bestritten worden ist. Ganz un- 
erweislich aber ist die Angabe, dafs Liudger das nach ihm 
genannte, erst in bedeutend späterer Zeit bezeugte Kloster zu 
Helmstädt gestiftet und in dessen Nachbarschaft, auch im 
Halberstädtischen, missioniert habe. Missionierende Einflüsse 
von Werden aus mögen hier stattgefunden haben, vielleicht 
auch aus seinem ansehnlichen Besitze hierselbst zu schliefsen 
sein. Auch an ähnliche Einwirkungen des freilich erst 816 
gegründeten Corvei mag erinnert werden. 

Wenn aber auch die Fragen nach der Gründung der 
einzelnen Bistümer hier unerledigt bleiben müssen, so steht 
doch fest, dafs die wesentlichen vorbereitenden Einrich- 
tungen im Jahre 780 getroffen wurden, aus denen dann in 
unbedeutendem Zeitunterschiede die sächsischen Bistümer 
bis in die ersten Jahrzehnte des 9. Jahrhunderts zum Ab- 
schlufs gebracht wurden. Auch war die Bekehrung der 
sächsischen Gegenden wesentlich eine Fortsetzung der angel- 
sächsischen Mission des Bonifatius. Mit Recht ist Halber- 
stadt als der das sächsische Nordthüringen umfassende 



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Ostsächsisches Bistum Halberstadt. Kampf der Thüringer. 29 



Sprengel erkannt und bezeichnet worden. Der Begriff 
Ostfalen deckt sich aber damit so wenig, dafs Halberstadt 
vielmehr nur als dessen Teil und Zubehör aufgefafst werden 
kann. Zwar wird in späterer Zeit der Bischof von Halber- 
stadt wohl als Haupt und Führer der Osterleute bezeich- 
net, aber diese sind nicht als die Ostfalen zu verstehen. 
Von der nordharzisch - deutschen Gegend westlich der Elbe 
blieb jedoch im Norden und Nordwesten unserer späteren 
Altmark bei Arendsee, Salzwedel, Diestorf, ein ansehnliches 
Gebiet übrig, das nicht zu Halberstadt, sondern zu dem um 
786 begründeten Bistum Verden gelegt wurde. Jenseit des 
Thüringer Waldes gehörte der Kreis Schleusingen zum 
Würzburger Sprengel. 

Wenn es heifst, dafs schon ums Jahr 780 viele der 
rechtselbischen Wenden das Christentum angenommen hätten, 
so war das jedenfalls nicht von Dauer; dagegen dürfen wir 
-annehmen, dafs, wenn König Karl damals eine grofse Anzahl 
von Geiseln mit sich ins westliehe Frankenreich führte und 
sie dort besonders in Klöstern unterweisen liefs, auch eine 
Anzahl Wenden sich darunter befunden haben mögen. 

Während nun die nördlichen Gaue bis zu den Grenzen 
der Altmark durch den schnell ausgebreiteten Christen- 
glauben, durch Gesetze und kriegerische Vorkehrungen fest 
mit dem fränkischen Reiche verbunden wurden , loderte 
unter den thüringischen Grofsen unter Hardrats Führung in 
einem Anschlage auf König Karls Leben noch einmal die 
Flamme der Empörung «auf mit dem Bestreben, der frän- 
kischen Reichseinheit entgegen sich eine Sonderstellung zu 
erringen. Aber Karl kam im Jahre 785 den Verschworenen 
zuvor, und ein ansehnlicher Teil des einheimischen Adels 
wurde vernichtet, seine Besitzungen eingezogen. Schon im 
nächsten Jahre folgte der thüringische Heerbann seinem 
fränkischen Oberherrn gegen Herzog Tassilo von Bayern, 
darauf 789 und 791 noch weiter nach Südosten gegen das 
Avarenreich. 

Ein wichtiger Schritt vorwärts, vorläufig zwar nicht zur 
Erweiterung, aber doch zur Sicherung der sächsisch-thürin- 
gischen Grenze gegen die mächtig andringende Flut der 
Slavenstämme, wurde unter dem Weihnachten 800 in Rom 
zum Kaiser gekrönten Erneuerer des römischen Reichs unter 
der Oberleitung seines gleichnamigen älteren Sohnes im 
Jahre 805 gethan. Vier Heere überschritten die Grenze, 
davon zwei gegen die Czechen in Böhmen , zwei gegen die 
nördlichen Wenden , Sorben . und Daleminzier. Ein Heer 
fuhr zu Schiff bis Magdeburg und bekriegte von da aus 



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30 



Zweiter Abschnitt. 



den Feind mit Nachdruck im Warnerfelde (Hwerenofelda). 
Im nächsten Jahre wurde ein neuer Feldzug unternommen, 
den ebenfalls Karl der Grofse leitete. Von Waladala (bald 
für Waldau bei Schleusingen, bald für Walhausen, bald auch 
für Waldau östlich Aschersleben bei Bernburg gehalten) 
brach man auf. Besonders die jenseit der Saale sitzenden 
Sorben wurden gründlich geschlagen, ihr König Miliduoch 
fiel ; die anderen Häuptlinge unterwarfen sich und stellten 
Geiseln. Um aber eine Schutzwehr für die Zukunft zu 
haben, errichtete Kaiser Karl zwei Burgen, die eine bei 
Halle, die andere nördlich oder nordöstlich Magdeburg 
gegenüber. Seitdem verhielten sich die Wenden eine Zeit 
lang.ruhig. 

Überhaupt wurde aber unter dem mächtigen Vollender 
der germanischen Weltmonarchie sowohl die Sicherung 
unserer Marken, als die einheitliche Einrichtung des frän- 
kischen Reichs in unserem Sachsen - Thüringen mit solcher 
Kraft und Konsequenz zur Durchführung gebracht, wie sie 
sich in dieser Weise nur kurze Zeit erhielt, um bald nach 
deren Zersetzung Ansätze zu neuen Entwicklungen zu hinter- 
lassen. 

Die fränkische Verwaltung beruhte auf den Gaugrafen, 
die den König, von dem sie ernannt wurden, bei den An- 
gelegenheiten des Kriegswesens wie im Gericht vertraten. 
Durch die unter Karl dem Grofsen zahlreicher erlassenen 
Reichsgesetze (Kapitularien) wurden allgemeinere Bestim- 
mungen auch in unseren Elb- und Saalgegenden zur Geltung 
gebracht, Bestimmungen, die bei der Natur des damaligen 
Reichswesens sich sowohl auf weltliche wie auf kirchlich- 
geistliche Dinge bezogen. 

Schon seit Anfang des 8. Jahrhunderts, als es in Thü- 
ringen keine Herzöge mehr gab, wurden die Grafschafts- 
einrichtungen getroffen. Ein thüringischer Gau wird mit 
bestimmtem Namen zuerst 775 im Altgau an der mittleren 
Unstrut bei Sömmerda, Tennstädt, Gebesee genannt. In 
Thüringen ist die Zahl der teilweise ziemlich kleinen Gaue 
gegen zwanzig, nördlich vom Harz bis zur unteren Unstrut 
dagegen mit Einschlufs der Untergaue höchstens zehn, aber 
sie sind meist von bedeutenderem Umfang (Hassegau- Friesen- 
feld, Schwabengau, Harzgau, Darlingau, Nordthüringau, 
Mosidi, Belkesheim, Osterwohld, dazu die slavische Lipo- 
wanermark). 

Neben und über diesen Gaugrafen trat besonders unter 
Karl dem Grofsen eine ausgezeichnete Einrichtung ins Leben, 
die der königlichen Sendboten oder Königsboten (missi do- 



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Die karolingische Reichaverfassung in Sachsen-Thüringen. 81 



minici) mit ihren je eine Anzahl Gaue oder gröfsere Land- 
schaften umfassenden Amtsbezirken. Sie dienten besonders 
zur Beaufsichtigung der Grafen und sollten die freien Leute 
gegen eine Bedrückung durch dieselben schützen. Der 
Kaiser oder König liels nämlich jährlich die Gaue durch 
einen Grafen und einen Bischof bereisen, um die Amts- 
führung der Grafen zu prüfen und über die Zustände im 
Lande unmittelbare Auskunft zu erhalten. Daneben gab es 
auch für andere Zwecke besondere königliche Boten und 
Bevollmächtigte. 

Wir haben hier auch der polizeilichen Aufsichtsbeamten 
zu gedenken, welche der Reichserlafs von Diedenhofen im 
September 805 in unseren Gegenden einsetzte. Es wurde 
angeordnet, wie weit die Kaufleute, die mit den Avaren in 
der östlichen Donaugegend und mit den Slaven Handel 
trieben, mit ihren Waren gehen durften. Hauptsächlich für 
das nördlich von unserer Provinz gelegene Sachsen waren 
die Niederlagen für den Handel mit den polabischen Slaven 
Bardewiek bei Lüneburg und Schesel bei Stade. Für den 
Kaufverkehr zwischen den Slaven und den Deutschen in 
Nordthüringen war Magdeburg, dessen Name hier zum 
erstenmale in der Geschichte erscheint, der Stapelort. Aito 
war hier damals der kaiserliche Aufsichtsbeamte. Im süd- 
lichen oder eigentlichen Thüringen nahm Erpesfurt oder 
Erfurt diese Stelle ein ; Madalgaud führte die Aufsicht, dem 
damals auch noch dieses Amt in der oberen Maingegend 
befohlen war, eine Verbindung, die freilich nicht lange be- 
stand. 

Die Aufsicht war zunächst eine polizeilich- militärische, 
und Aito und Madalgaud waren mit einer aufserordentlichen, 
durch die Zustände jener Grenzlande bedingten Aufgabe 
und Gewalt bekleidet. Jedenfalls waren aber Magdeburg 
und Erfurt schon seit merovingischer Zeit Hauptorte und 
Sitze der fränkischen Verwaltung. In Erfurt begegnet 
schon drei Jahre vor der Diedenhofener Festsetzung ein 
königlicher Sendbote oder missus mit Namen Werner. 

Die Kaufleute sollten nun nach den Bestimmungen des 
Kapitulars an die genannten Orte keine Waffen und Panzer, 
die ja den Feinden den Kampf gegen die Franken erleich- 
tert hätten, zum Verkauf bringen. Wurden sie mit solcher 
verbotenen Ware ertappt, so sollte ihnen der ganze Vor- 
rat genommen, die Hälfte davon an die königliche Pfalz 
geliefert, die andere Hälfte zwischen dem Königsboten 
und dem, welcher die verbotene Ware entdeckte, geteilt 
werden. 



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32 



Zweiter Abschnitt. 



Ist hier auch nur von einem durch die Grenzverteidigung 
bedingten Verbot die Rede, so gewinnen wir doch aus dem- 
selben einen Einblick in den friedlichen Verkehr der meist 
nur beim feindlichen Zusammenstoß genannten Völker. 
Magdeburg und Erfurt waren Zielpunkte von Handels wegen, 
die von Deutschland in das Land Slavien führten. Die 
slavischen Nachbarn waren danach nicht ohne mancherlei 
Gewerbfleifs und unternehmende Kaufleute oder Händler. 
Schon zur Zeit des Bonifatius sehen wir sie bis weit nach 
dem Westen des Reichs des Handels wegen unterwegs. Sie 
hatten überhaupt vom 8. bis 10. Jahrhundert für die 
Landeskultur eine gröfsere Bedeutung, als es auf den ersten 
Blick scheinen möchte. Die alten Schenkungen an Fulda 
zeigen sie uns an manchem thüringischen Orte in gröfserer 
oder geringerer Zahl von Familien ansässig, in Sömmerda 
13, in Vargula ebenso viel, in Heringen 73 Familien- 
häupter u. s. f. 

Wenn nun das Regiment Karls des Grofsen sich den 
Grenzschutz entschieden angelegen sein liefs, so ist doch die 
Einrichtung bestimmter Marken zu seiner Zeit noch nicht 
erweislich ; aber die Richtung hatte er gewiesen, und seine 
Einrichtungen genügten noch vorläufig bei dem wechselnden 
unsicheren Regiment, das unter Ludwig dem Frommen und 
dessen Söhnen folgte. Wenn sich die Sorben im Jahre 815 
einmal der fränkischen Obergewalt entzogen, so wurden sie 
im Jahre darauf ohne Mühe wieder bezwungen. Im Jahre 
826 mufste sich der Sorbenfürst Tunglo vor dem fränkischen 
Herrscher zur Rechtfertigung stellen und seinen Sohn zum 
Pfand der Treue zurücklassen. Bald sah man sich aber 
genötigt, in unseren Marken durch bestimmtere Abgrenzung 
der gebietenden Gewalten die Landesverteidigung zu sichern, 
und so wurden aus den mit aufserordentlicher Gewalt be- 
kleideten Königsboten Markgrafen oder Markherzöge. 

Schon bei der Teilung des Reichs zwischen den Brüdern 
Lothar und Karl im Juni 839 wird in der Abteilung des 
ersteren das Herzogtum Thüringen sowohl als der säch- 
siche Herrschaftsbezirk (regnum) je mit seinen Marken auf- 
geführt. Noch sehen wir sie nicht mit Namen unterschieden, 
aber bei den Marken Sachsens ist darunter jedenfalls der 
Kern der späteren Nordmark begriffen, gegen die Sorben 
im Süden aber ohne Zweifel Merseburg der Hauptort der 
einen derselben. Nach wiederholten Teilungen hatten die 
thüringisch - sächsischen Gegenden das günstige Geschick, 
endlich dem kräftigen Ludwig dem Deutschen (f 876) zu- 
zufallen. Wir sehen ihn und seinen gleichnamigen Sohn 



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Die thüringisch-sächsischen Marken zur fränkischen Zeit. 33 



(f 882) wiederholt im Felde wie im Gericht die Angelegen- 
heiten in unseren Marken ordnen. So zieht im Jahre 852 
Ludwig der Deutsche nach Abhaltung eines Gerichtstags zu 
Minden über Engern durch das Land der Haruden (Harz- 
gau), Schwaben (Nordschwabengau) und Hohsinger nach 
Thüringen und erfüllt die Aufgaben eines deutschen Fürsten 
und Königs, indem er an allen Orten, wo er sich aufhält, 
Recht spricht und Streitigkeiten schlichtet Zu Erfurt hielt 
er eine Reichsversammlung ab, wobei besonders ein Beschluis 
gefafst wurde, der gegen die Vereinigung der Vogtei über 
kirchliche Stifter mit der gräflichen und richterlichen Gewalt 
gerichtet war. 

Im Jahre 849 tritt uns zuerst in Thakulf ein Mark- 
herzog der Sorbenmark entgegen. Der Feldzug gegen die 
Sorben soll damals durch die Eifersucht der übrigen Heer- 
führer gegen diesen tüchtigen, der Sprachen und Sitten der 
Wenden kundigen Mann mit einer schimpflichen Niederlage 
geendigt haben. Im zweiten und dritten Jahre danach 
kämpft König Ludwig selbst an der Spitze der Thüringer 
erfolgreich gegen die Sorben, und eine Niederlage der Thü- 
ringer und Sachsen im Jahre 872 erklärt Rudolf von Fulda 
daraus, dafs kein fränkischer König an der Spitze des 
Heeres stand. 

Das Gebiet des fränkischen Reichs war um diese Zeit 
schon über die Saale vorgeschoben; im Jahre 858 wird die 
Sorbenmark (Ihnes Sorabicus) zuerst unter dem einheimisch- 
slavischen Fürsten Zistibor genannt. Schon zu Ludwigs des 
Deutschen Lebzeiten wurden unsere Gegenden zu seines 
gleichnamigen Sohnes Anteil geschlagen. Im Sommer des 
Jahres 869 fuhrt er Thüringer und Sachsen gemeinsam gegen 
die übermütigen Sorben. Mit beiden Stämmen wies er auch 
den Angriff seines über den Rhein dringenden Oheims Karls 
■des Kahlen zurück. 

Auf den Markgrafen Thakulf war inzwischen in gleicher 
Stellung Ratolf gefolgt, der im Jahre 874 mit Erzbischof 
Liutbert von Mainz gegen die aufständischen Sorben und 
die um Düben an der Mulde wohnenden Siusler zog und 
sie ohne eigentlichen Kampf durch Verwüstung des Landes 
züchtigte. Im Jahre 877 mufste wieder gegen sie und die 
Linonen zufelde gezogen werden. — Ratolfs Nachfolger 
wurde Poppo aus dem berühmten Geschlechte der Baben- 
berger. Unter ihm beginnt das Streben der Grofsen, sich 
durch die markgräfliche Gewalt eine höhere, freiere Stellung 
zu erringen, mehr hervorzutreten. Er wird auch Herzog 
der Thüringer genannt (883), geriet aber in einen heftigen 

Jacobs, Gasch. d. Prov. Sachsen. 3 



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Zweiter Abschnitt. 



Kampf mit einem Grafen Egino und wurde im Jahre 892 
vom König Arnulf abgesetzt Poppo zeichnete sich beson- 
ders 880 im Slavenkriege aus. Nur die Schwächung der 
fränkisch- deutschen Macht durch die furchtbaren Normannen- 
kämpfe gab damals den Slaven den Mut zu einem Angriff 
auf die Anwohner der Saale, aber es erscheinen bereits neben 
den Sorben die ferner wohnenden Daleminzier (im Meils- 
nischen) und die Czechen. Es heifst, dafs Poppo die Feinde 
bis auf den letzten Mann vernichtet habe. 

Auf den Babenberger Poppo folgte in der thüringischen 
Markgrafschaft Konrad, damals der Alteste eines andern 
angesehenen fränkischen Geschlechts. Zu seiner für unser 
weiteres und engeres Vaterland von inneren Kämpfen sehr 
bewegten Zeit hören wir von keiner Unternehmung zur 
Befestigung und Erweiterung der Slavenmarken. Die Auf- 
lösung und der Kampf der edeln Geschlechter im Reich 
liefs unsere Grenzen ohne den hinreichenden Schutz. — Wie- 
der einem fränkischen Geschlechte gehörte Burchard an, der 
auf Konrad als thüringischer Markgraf folgte. Unter ihm, 
der mehr als sein Vorgänger hervortritt, scheinen nicht un- 
bedeutende slavische Gebiete nach Osten zu Thüringen hinzu- 
gewonnen zu sein. 

Aber während alle Ordnungen des Reichskörpers, den 
Karl der Grofse so fest begründet hatte, aus den Fugen 
gingen, strömte teils gegen die bayerischen, teils gegen 
unsere sächsisch - thüringischen Grenzen eines der wildesten 
Kriegernomaden Völker, welches die Geschichte kennt, die 
Magyaren in Ungarn, mit Brand, Mord und Verwüstung 
heran. Wie schon vor ihnen die Avaren, so werden auch 
sie in unseren Quellen vielfach als Hunnen bezeichnet. Im 
Jahre 908 suchten sie Thüringen heim; ihrem Andrang ver- 
mochte Herzog Burchard mit seinen Mannschaften nicht zu 
widerstehen, er unterlag und fiel an der Spitze der Seinigen. 
Eine furchtbare Plünderung und Verwüstung des Landes 
folgte. Der Schlag fand wohl aufserhalb unserer heutigen 
Provinz in der Gegend von Eisenach oder bei Saalfeld statt. 
Als das wilde Volk vier Jahre später wieder gegen Thü- 
ringen und das Fränkische vordrang, war kein Oberhaupt 
im Lande, das ihnen mannhaften Widerstand entgegengesetzt 
hätte. 

Gerade zu dieser Zeit, als die Naturkraft roher Bar- 
baren keine genügende Gegenwehr fand und der Bestand 
des Reichs durch innere Zersetzung gefährdet schien, be- 
reitete sich ein Umschwung bevor, der die ersten Jahrzehnte 
des 10. Jahrhunderts sowohl zu einem glücklichen W f ende- 



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Die letzten thüring. Herzöge. Die sächs. Brunoneil. 8ö 



punkt für das Gesamtvaterland machte, als auch unsere Ge- 
genden am Harz, an der Saale und Mittelelbe auf etwa ein 
Jahrhundert zum Hauptsitze des sich kräftig entwickelnden 
Deutschen Reiches erhob, unsere sächsisch - thüringischen 
Lande zum Schauplatz der merkwürdigsten Bewegungen, 
Gründungen und Einrichtungen machte. Und wenn bisher 
der ältere Thüringername vorgewaltet hatte, so war es hin- 
fort der der Sachsen, der entschieden in den Vordergrund 
trat und der herrschende wurde. 

Wir dürfen hier nur in aller Kürze darauf hinweisen, 
wie das durch Schwertesschärfe bezwungene, erst 785 durch 
ein blutiges Gesetz gezügelte Sachsenvolk, erstaunlich schnell 
zugleich mit dem Siege des Cliristentunis fest mit dem 
Frankenreiche verwachsen, schon 797 mit einem milderen 
Gesetz und unter Ludwig dem Frommen mit weiteren Frei- 
heiten beschenkt war. Schon um die Mitte des 9. Jahr- 
hunderts sah sich Ludwig der Deutsche veranlafst, dem 
tapferen Sachsenstamme in dem Grafen Ludolf, vielleicht 
aus Wittekinds Geschlechte, zunächst behufs einheitlicher 
Bekämpfung der Normannen, ein besonderes Oberhaupt zu 
setzen. Bis hierhin haben wir die Quelle der Bezeichnung 
„Herzogtum Sachsen" zurückzuverfolgen, die durch 
eine merkwürdige Verkettung der Geschicke heute auf un- 
serer thüringisch - sächsischen Provinz ruht. 

Auf Ludolfs Sohn Bruno, der 880 gegen die Normannen fiel, 
folgte Ludolfs zweiter Sohn Otto der Erlauchte, der sich zum 
angesehensten Fürsten des Reichs emporschwang. Auf ihm 
ruhte beim Ermatten der Karolinger die Hofrhung der Sachsen 
und Thüringer im Kampf gegen die Wenden, nachdem im 
Jahre 889 der tapfere König Arnulf einen letzten Zug zu 
deren Schutze unternommen hatte. Gerade nach dem öst- 
lichen Sachsen und Thüringen, am Harz, an Saale und 
Unstrut dehnte sich Ottos Macht und Besitz aus. Nach ge- 
wöhnlicher Annahme trat er einfach in die Stellung Burchards. 
Schon zu dessen Lebzeiten hatte er die Grafschaft in Süd- 
thüringen an der obern Unstrut, besonders im Eichsfeld. 
Seine Erbgüter higen auch am Südharze bei Walhausen, 
NordhaiLsen und Memleben. Einen grofsen Einflul's in Thü- 
ringen hatte er schon dadurch, dafs er seit Anfang des 
10. Jahrhunderts mit der weltlichen Gewalt eines Abts zu 
Hersfeld, das in unserm Thüringen die ausgedehntesten Be- 
sitzungen und Rechte hatte, bekleidet war. Eine noch wei- 
tere Vermehrung des thüringischen Besitzes stand in Aus- 
sicht, als Ottos Sohn Heinrich 906 mit Hathcburg, Erb- 
tochter des männlicher Nachkommen entbehrenden Grafen 

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36 



Zweiter Abschnitt. 



Erwin, der bei Merseb 




reich begütert war, vermählt 



wurde. Gerade auf Merseburg, die wichtige Feste gegen 
das Sorbenland, wurde von Heinrich besonderer Wert ge- 
legt. Von hier aus zog er noch mit seinem Vater, dann 
auch allein gegen die Daleminzier. 

Finden wir daher auch in gleichzeitigen Quellen erst 
seinen Sohn Heinrich als Herzog der Thüringer bezeichnet, 
so war es doch im wesentlichen schon sein Vater Otto. 
Wenn aber 912 die Ungarn keinen Führer in den deutschen 
Grenzlanden ihnen entgegentreten sahen, so mag das daraus 
zu erklären sein, dafs gerade damals Otto hochbetagt heim- 
ging. Seines Alters wegen hatte er auch, als am 24. Septem- 
ber 911 die deutschen Karolinger mit Ludwig dem Kinde 
ausgestorben waren, die königliche Würde zugunsten des 
Franken Konrad abgelehnt. Mit letzterem und dessen Schütz- 
lingen, Erzbischof Hatto von Mainz und den Grafen Burchard 
und Bardo, Herzog Burchards Söhnen, hatte Ottos Sohn 
Heinrich viele Kämpfe in Sachsen und besonders in Thü- 
ringen zu bestehen. Auf ansehnliche Macht und Tüchtig- 
keit gestützt, blieb er überall Sieger; Burchards und Bardos 
Besitzungen verteilte Heinrich an seine Getreuen. 

Als nun König Konrad sein Ende voraussah — er 
.starb am 23. Dezember 918 — , empfahl er in edler Für- 
sorge für des Reiches Wohl selbst seinen mächtigen Gegner 
Heinrich, den Herzog der Sachsen und Thüringer, den ersten, 
der diese Würden in einer Hand vereinigte, zu seinem 
Nachfolger auf dem deutschen Königsthron. Am 14. April 
des Jahres 919 wurde wirklich der Sohn Ottos des Er- 
lauchten zu Fritzlar — nicht wie eine unserer schönsten 
bis ins 12. Jahrhundert zurückreichende Sage will, vom 
Finkenherde zu Quedlinburg — zum Könige gewählt, und 
nun ruhte das Schwergewicht des deutschen Reichs und 
Königtums auf den von diesem unmittelbar verwalteten 
Stammherzogtümern Sachsen und Thüringen, wobei, wie 
schon angedeutet, der letztere Name fortan hinter dem des 
mächtigen Sachsenstammes zurücktritt: „Bei den Sachsen 
steht im Reiche die höchste Gewalt", läfst der für seinen 
Stamm begeisterte Widekind den sterbenden König Konrad 
sagen. Dieses Schwergewicht der Sachsen-Thüringer bedeutete 
nicht nur den Wiedergewinn einer gewissen Selbständigkeit 
und Vorherrschaft unserer mittelelbischen Volksgenossen, 
sondern den Abschlufs der Loslösung des deutschen Reichs 
und Volkstums von der Mitherrschaft romanisch - welschen 
Wesens. Den Namen eines römischen Kaisers trug der 
Sachse Heinrich nicht. 



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König Heinrich, Herzog d. Sachsen-Thüringer. Quedlinburg. 87 

Sowohl die Notwendigkeit des Schutzes der mehrfach 
bedrohten nahen Ostgrenzen, seine vorwiegenden Besitzungen, 
als auch wohl eine besondere heimatliche Vorliebe hielten 
König Heinrich vorzugsweise in der Harzgegend, nördlich 
und südlich des Gebirges. So finden wir ihn (922, 930) 
wiederholt auf" seiner Pfalz zu Walhausen, zu Ritteburg 
(Reot) südöstlich von Artern (932), zu Erfurt (932), wo 
unter ihm eine Synode abgehalten wurde, zu Nordhausen 
(934 und öfter), zu Rohr im Kreise Schleusingen und noch 
zuletzt zu Memleben an der Unstrut, wo er am 2. Juli 936 
starb. 

Aber kein Ort zog ihn so sehr an, sah ihn so oft als 
Quitilingeburg vor dem Unterharze. Von einer vereinzelten 
Ansiedelung nach sächsischer Art stieg Quedlinburg zu einer 
ansehnlichen mit stattlicher Burg und schönen kirchlichen 
Gebäuden gezierten Ortschaft empor. Dort fanden denn 
auch seine Gebeine neben denen seiner Gemahlin Ma- 
thilde unter dem Schlosse in der Kirche des von ihm be- 
gründeten und von seinem Sohne vollendeten freiweltlich 
adeligen Frauenstifts S. Servatii ihre letzte Ruhestätte. Mit 
aufserordentlichen Privilegien ausgestattet und unmittelbar 
unter dem Kaiser stehend, entwickelte sich diese Stiftung 
zu einer der wichtigsten dieser Art im ganzen Reiche. 

Waren unter Heinrich Sachsen und Thüringer durch 
ihren gemeinsamen Herzog und König geeinigt, so sollte 
gemeinsame Gefahr und Kampf gegen Ungarn und Slaven 
das innere Band zwischen den Nachbarstämmen noch fester 
knüpfen. Merseburg diente hier besonders als Stütz- und 
Mittelpunkt der Landesverteidigung. Zunächst forderten die 
Ungarn des Königs Schwert heraus. In den Jahren 912 
und 915 machten sie verheerende Züge sogar bis nach Fulda 
ins Hessenland; 919, dann 924 und im nächsten Jahre 
suchten sie zu der Bewohner Furcht und Entsetzen mit 
ihren verheerenden Scharen das unglückliche Sachsen und 
Thüringen heim. Als dann aber Heinrich durch die Frei- 
gebung eines gefangenen Oberanführers und die Gewährung 
eines jährlichen Tributs die Feinde zum Abschlufs eines 
neunjährigen Waffenstillstandes veranlafst hatte, benutzte er 
diese Zeit aufs eifrigste, um erneuten Angriffen einen erfolg- 
reichen Widerstand entgegensetzen zu können. 

Es hatte sich nämlich herausgestellt, dafs bei der einge- 
tretenen Lockerung der fränkischen Kriegs- und Heerbann- 
ordnung die Widerstandskraft der deutschen Krieger in 
offener Feldschlacht sehr ermattet war. Durch fleifsige 
Übung und zweckmälsige Bewaffnung machte daher Heinrich 



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88 



Zweiter Abschnitt. 



seine Krieger zum Kampf mit dem furchtbaren Feinde ge- 
schickt, und da dessen Ubermacht besonders in der Reiterei 
bestand, so liefs er sich die Vermehrung und Ausbildung 
dieser Waffengattung besonders angelegen sein. Sie wurde 
fortan auch bei Thüringern und Sachsen die bevorzugte und 
geehrte Waffe und Reiter oder Ritter und Edler galt als 
gleichbedeutend. 

Eine für den Grenzkampf besonders geübte und geeig- 
nete Truppe waren die Merseburger oder Keuschberger, ge- 
waltthätige, räuberische Gesellen, die eigentlich ihr Leben 
verwirkt hatten, die aber König Heinrich durch Ausbildung 
und Mannszucht für die Landesverteidigung nutzbar zu 
machen wufste. Um aber das Land vor der Raublust der 
feindlichen Reiterhorden möglichst zu sichern, baute er eine 
Anzahl von Burgen, in die er seine Dienstleute legte, und 
umgab offene Plätze mit Befestigungen. Wenn diese Mafs- 
regel dem Könige den Namen des Städteerbauers einge- 
tragen hat, so ist damit allerdings zu viel gesagt. Dafs aber 
die Vereinigung der Mannschaft in festen Plätzen der Aus- 
gangspunkt späterer städtischen Anlagen werden konnte, 
während bis dahin besonders die Sachsen vorzugsweise in 
einzelnen Höfen wohnten, ist nicht zu bestreiten und mag 
daher besonders in unserer städtereichen Provinz, die in 
unmittelbarstem Bereich der Thätigkeit König Heinrichs für 
die Landesverteidigung lag, für manchen Ort von grofser 
Bedeutung gewesen sein. Sonst waren es nur königliche 
Pfalzen und die Sitze von Bischöfen und Stiftern, die eine 
zahlreichere Bevölkerung zusammenführten; nun aber brachte 
die Not und des Königs Gebot dazu, in greiseren geschütz- 
ten Anlagen eine Sicherung gegen Raub und Verwüstung 
zu suchen. Heinrich traf die Anordnung, dafs von den ge- 
rade in den Grenzlanden und Marken zahlreich angesiedelten 
Dienstleuten der zehnte Mann in die mit Auf bietung aller 
Kräfte hergestellten umwallten Orte und Burgsitze zog, 
während für die übrigen Speicher, Vorratsräume und Woh- 
nungen gebaut wurden, in die man beim Hereinbrechen 
des Feindes zog und Getreide und andere Nahrungsmittel 
barg, welche die aufserhalb wohnenden bauten und zogen. 
Die aufserhalb dieser festen Orte gelegenen Häuser sollten 
nur leicht und wertlos sein. Innerhalb der Stadtmauern 
mufsten hinfort alle Gerichtstage, die Versammlungen, Feste 
und Gelage des Volks gehalten werden, und bald wurde 
das Gebotene zur Gewöhnung: Handel und Verkehr schlu- 
gen ihren Sitz unter dem Schutz von Wall und Mauern 
Auf. Indem aber diese Richtung zum Zusammenwohnen 



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Anfange der Städte. Lösung des Geschlechterverbands. 39 



gegeben und dessen Vorzüge erkannt wurden, leitete sich 
ein Umschwung ein, der zu den bedeutsamsten gehört, 
welche die Geschichte kennt. Der alte Geschlechterverband, 
der freilich in unseren vielfacher Kolonisation ausgesetzten 
Grenzlanden schon sehr gelockert war, wurde nun mit 
der Zeit gelöst. Mit besonderen Gerechtsamen ausgestattete 
Stadtgemeinden finden wir aber erst in der Folgezeit. 

Jedenfalls erstreckte sich diese segensreiche wichtige 
Mafsregel besonders auch auf die innerhalb unserer heutigen 
Provinz gelegenen, von den Slaven eroberten nächsten Grenz- 
gebiete zwischen Elbe und Havel und zwischen Saale und 
Mulde. Dafs die deutsche Herrschaft hier schon eine be- 
festigte war, geht daraus hervor, dafs König Heinrich nur 
mit entfernteren Slavenstämmen , aber nicht mehr mit den 
Morazianern und Bethenizern, Magdeburg und der Altmark 
gegenüber, oder mit den Sorbenstämmen bis zur Elbe zu 
kämpfen hatte. Die Gründung fester Burgplätze im ost- 
saalischen und überelbischen Slavenlande hatte schon zur 
Karolingerzeit begonnen. So war die Weidahaburg schon 
766 vorhanden und die Niun- oder Naumburg — beide im 
sorbischen Weitahagau — gewifs nicht viel jünger. Magde- 
burg gegenüber und zu Halle sahen wir Karl d. Gr. feste 
Plätze bauen und auch die in die Gegend von Landsberg 
oder Zörbig zu setzende Kesigesburg ist im 9. Jahrhundert 
schon vorhanden. Und wenn dann Manenburg oder Ka- 
belitz (949) nördlich von Jerichow, Walternienburg, Gi- 
bichenstein (961 Givicansten) und das durch teilweise hohe 
Lage und die es umfliefsende Mulde feste Eilenburg (I Iburg, 
liilburg) schon im 10. Jahrhundert bezeugt sind, so dürfen 
wir unbedenklich annehmen, dafs diese Plätze neben anderen 
im ehemaligen Slavien zu König Heinrichs Zeit teils er- 
weitert, teils neu angelegt und als Burgwartsorte zur Siche- 
rung eines umliegenden Gebietes befestigt wurden. Der 
Name des als ein solcher Burgwartsort merkwürdigen Keusch- 
berg (Cuskiburg) südöstlich von Merseburg im Slavengau 
Chutizi wurde schon genanni 

Nur vier Jahre seit dem Abschlufs des Waffenstillstands 
mit den Ungarn hatten Bauern und Handwerker im vollen 
Frieden rastlos bauen und schanzen, das Kriegsvolk, bei 
dem bereits die Dienstleute und königlichen Scharen vor 
dem älteren deutsch -fränkischen Heerbann vorzuwiegen be- 
ginnen, sich tüchtig im Waffenhandwerk üben können, als 
sich im Jahre 928 bereits Gelegenheit bot, die Tüchtigkeit 
der neuen Einrichtungen und Arbeiten im Kampf mit den 
slavischen Nachbarn zu erproben. Zuerst drang Heinrich 



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40 



Zweiter Abschnitt. 



mit seinen Thüringern und Sachsen gegen den Volksstamm 
der Heveller vor, der im Gebiet der Havelseeen zu beiden 
Seiten des Flusses wohnte. In den heutigen Jerichower 
Kreisen reichten sie bei Ziesar und Görzke eine gute Strecke 
weit in unsere Provinz hinein. In wiederholten Kämpfen 
waren die Deutschen siegreich. Der Hauptschlag aber wurde 
durch die Belagerung und Eroberung des Hauptortes, der 
Brennaburg, wie die Deutschen sie nannten, später Branden- 
burg, geführt, jenes Orts, an dessen Namen in Zukunft vor- 
zugsweise das siegreiche Vordringen der Deutschen gegen 
den slavischen Osten geknüpft sein sollte. Mit Brandenburg 
war den Deutschen das Hevellergebiet als Siegespreis zuge- 
fallen. 

Weitere Kämpfe desselben Jahres galten den Daleminziern 
im heutigen Königreich Sachsen und den Böhmen. Beide 
Völker wurden von unseren Grenzen aus bezwungen. Sehr 
blutig war die Eroberung der Dalemin zierfeste Gana bei 
Meifsen. Was nicht dem Schwerte anheimfiel, wurde als 
Sklave verkauft. Dieser harten Weise der Zeit ist es zu 
verdanken, dafs der Name unserer östlichen Nachbarn zur 
Bezeichnung der Knechtschaft wurde. 

Wo sie die Übermacht hatten, verfuhren die Slaven ebenso 
blutig, wo nicht noch furchtbarer, gegen die Deutschen. So 
als 929 die Redarier aus dem südöstlichen Mecklenburg und 
der Uckermark in die spätere nördliche Altmark einfielen. 
Wallislevu (Walsleben an der Uchte), damals ein volkreicher 
befestigter Ort, wurde von ihrer Ubermacht mit stürmender 
Hand genommen und an einem Tage die gesamte Bewohner- 
schaft hingeschlachtet. Dieser Erfolg ermutigte die Wenden 
der bis dahin in friedlicher Unterordnung gehaltenen Gegen- 
den zum Aufstande wider die gehafsten Sachsen. König 
Heinrich, der selbst beschäftigt war, betrieb in aller Eile 
seine Rüstungen und gebot den Grafen Bernhard und Thiet- 
mar, die Wenden in Lunkini oder Lenzen zu belagern. 
Die Mannschaften der Marken und der in aller Eile ver- 
sammelte Heerbann wurden entboten, die Gefahr abzuwen- 
den. Nach fünftägiger Belagerung erfuhr man, dafs ein 
heranziehendes Wendenheer die Belagerer bei nächtlichem 
Dunkel überfallen wolle. Als dieses bei strömendem Regen 
sich herabsenkte, standen die Sachsen auf ihrer Hut, wäh- 
rend die Wenden bei dem Unwetter den Angriff scheuten. 
Da wagte beim Morgengrauen der deutsche Heerführer, 
nachdem er vorher mit seinen Mannen im Angesicht des 
Todes das Abendmahl genommen hatte, selbst die Feinde 
anzugreifen. Nach heftigem Ringen und mehrmaligem Hin- 



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Kämpfe gegen Heveller, Redarier, Lausitzer. 



41 



und Herwogen des Kampfes siegten die Sachsen, auf die 
ihnen sichtbar vor Augen schwebende Hilfe Gottes ver- 
trauend, besonders durch ihre bessere Reiterei und eine im 
entscheidenden Augenblicke von Graf Thietmar zuhilfe ge- 
sandte Reiterschar. Nun folgte ein furchtbares Blutbad 
unter den Wenden, die sich teilweise verzweifelnd in den 
benachbarten See stürzten. Bei der tags darauf erfolgenden 
Einnahme von Lenzen wurde den Bewohnern das Leben 
geschenkt, aber Weiber, Kinder, Hab und Gut fiel in die 
Hände und in die Knechtschaft der Sieger. 

Waren hier im blutigen Entscheidungskampf unsere 
Grenzen gesichert, so sollte es dem hehren Könige aus 
sächsischem Stamm auch noch gelingen, drei Jahre später, 
das letzte Stück Landes, das von dem Boden unserer heu- 
tigen Provinz noch in der Hand heidnischer Slaven war, der 
deutschen Herrschaft zu unterwerfen. Es war dies ein Teil 
des Lausitzerlandes, das sich später, mehr oder weniger einge- 
schränkt, von der Schwarzen Elster aus weithin nach Osten 
bis über die Neifse erstreckte. Der Hauptort des Stammes 
der Lusizi war damals Liubusua oder Lebuse im heutigen 
Kreise Schweinitz nordöstlich von Schlieben im Gau Zliwini. 
Wie es heifst, zählte der Ort zehntausend Bewohner und 
hatten seine zehn Mauern zehn Thore. Heinrich belagerte 
die Feste mit seinen thüringisch-sächsischen Mannen, zwang 
sie zur Ergebung und machte das ganze Land zinspflichtig. 
So war die eigentliche kriegerische Eroberung der slavischen 
Osthälfte des Bodens unserer Provinz vollendet. 

Es war die höchste Zeit, dafs der König hierdurch mit 
den Wenden fertig geworden war und sie in Furcht erhielt, 
denn schon wälzten sich die verherrenden Scharen der Ungarn 
gegen Thüringens und Sachsens Grenzen heran, um sich 
nach Ablauf des neunjährigen Waffenstillstands ihren Tribut 
oder reiche Siegesbeute zu holen. Heinrich, der vor neun 
Jahren einen demütigenden Vertrag durch die mangelnde 
Widerstandskraft der Landesverteidigung für unumgänglich 
erkannt hatte, hielt nun die Zeit schon für gekommen, wo 
er die wilden Feinde zupaaren treiben könnte. Er berief 
daher einen Landtag, stellte ihm das Schimpfliche der Tribut- 
zahlung vor und wie die dem Lande entzogenen Summen 
für Kirchen und Altäre zu verwenden seien. So wurden 
alle zur feurigen Begeisterung für den Kampf hingerissen 
und schwuren, treu zusammenzuhalten und den Kampf aus- 
zufechten. 

Als nun den ungarischen Gesandten der fallige Tribut 
verweigert wurde, rüstete sich jenes Volk alsbald zum Auf- 



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12 



Zweiter Abschnitt. 



bruch gegen das sächsisch-thüringische Land, denn nur auf 
dieses hatte sich der neunjährige Vertrag bezogen. Wie 
früher forderten sie von den bei ihrem Zuge berührten 
Slavenvölkern Geld und Zuzug. Die Daleminzier aber, die 
wufsten, dafs der deutsche König seinen Feinden jetzt durch- 
aus gewachsen sei, warfen den Ungarn statt der Hilfsgelder 
einen feisten Hund hin. Diese verschoben ihre Rache bis 
auf die erhoffte Rückkehr und warfen sich sofort auf die 
thüringischen Gaue, die sie im Winter des Jahres 932 zu 
933 entsetzlich verheerten, wenn auch die festen Orte ihren 
Gelüsten manchen Widerstand entgegensetzten. 

Heinrich, der gewartet hatte, bis die Sorge für den 
Unterhalt die Feinde zu einer Trennung ihrer Scharen nö- 
tigen würde, griff erst, als ein Teil der Ungarn nach Sachsen 
unterwegs war, die an der Saale zurückgebliebenen Seharen 
mit seinen Sachsen und Thüringern tapfer an. Die Feinde, 
die von der W T interkälte um so mehr zu leiden hatten, als 
die Deutschen ihnen das Eindringen in ihre befestigten Orte 
verwehrten, verloren auch im Kampf ihre Anfuhrer. Andere 
verhungerten oder fanden ihren Tod als Gefangene, denn 
grausam war die damalige Kriegsfiihrung, zumal gegen einen 
so räuberischen rohen Feind. 

Die zurückgebliebene feindliche Hauptmacht suchte in 
einer nicht näher zu bestimmenden Feste — der Stadt eines 
Wido, der König Heinrichs aufser der Ehe gezeugte Schwe- 
ster zur Gemahlin hatte — sich der hier geborgenen Schätze 
zu bemächtigen, und nur die eingetretene Dunkelheit ver- 
hinderte sie an der Bezwingung derselben. Als sie aber 
von der Niederlage ihrer Landsleute und dem Heranrücken 
Heinrichs mit seinen Thüringern und Sachsen hörten, liefsen 
sie sofort die Ihrigen sich sammeln, um den Kampf mit 
dem Könige aufzunehmen. Mit anbrechendem Morgen stellte 
Heinrich seine Scharen in Schlachtordnung auf und befeuerte 
ihren Mut und Kampfeseifer durch eine Ansprache, in der 
er ihnen Zutrauen auf Gottes Hilfe und ihre Waffenübung 
einflöfste und sie auf die hohe Bedeutung des Kampfes 
hinwies. Unter dem Banner des Erzengels Michael zog 
man dann mutig dem Feinde entgegen, und weil der König 
fürchtete, die Ungarn möchten einer Feldschlacht ausweichen, 
wenn sie die ansehnlichen Reiterscharen der Deutschen sähen, 
sandte er 1000 Mann thüringisches Fufsvolk und eine ge- 
ringe Zahl Reiter voraus. So wurde denn ein Treffen zwi- 
schen beiden Teilen zustande gebracht. Als aber die Un- 
garn die Ubermacht der Sachsen und Thüringer gewahr 
wurden, wandten sie sich zu einer so eiligen Flucht, dafs 



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Besiegung der Ungarn t)33. König Otto u. Magdeburg 43 

die Deutschen bei ihrer Verfolgung auf zwei Meilen weit 
nur eine geringe Zahl der Feinde niedermachen oder ge- 
fangen nehmen konnten. Das Lager aber mit seiner Beute 
fiel in Heinrichs Hände. Bei den Abweichungen der Haupt- 
gewährsmänner Liutprand und Widukind im Bericht über 
diesen wichtigen Siegestag des 15. März 933, bleiben wir 
selbst hinsichtlich des Schlachtfelds im ungewissen. Ge^ 
wohnlich wird mit dem ersteren Merseburg angenommen; 
Widukinds noch gewichtigeres Zeugnis nennt Riade, wobei an 
Ritteburg südöstlich von Artern zu denken sein dürfte. 

Hiermit war die Blutarbeit des tapferen Königs, der, 
wo er es nur irgend konnte, die Werke des Friedens dem 
männermordenden Kampfe vorzog, gethan. Als Herzog und 
König in Krieg und Frieden gehörte er besonders unserer 
engeren Heimatgegend an. Abgesehen von dem bevorzugten 
Merseburg, war ganz besonders die Harzgegend, zumeist 
Quedlinburg, sein liebster Aufenthalt An dem letztern, lieb- 
lich vor den Bergen des Unterharzes gelegenen Orte lebte 
er mit seiner geliebten Gemahlin Mathilde, die mit ihrem 
frommen sanften Wesen und ihrem wohlthätigen Sinn manche 
Härten des Gemahls milderte. 

Neben Quedlinburg wurde schon zu Heinrichs Zeit, weit 
mehr aber zur Zeit seines gröfseren Sohnes und Nachfolgers 
Otto, das sehr günstig am Elbstrom gelegene Magdeburg 
mit seiner Pfalz ein Hauptsitz des königlichen Geschlechts. 
Zu eben der Zeit, in welcher die sächsischen Marken durch 
den Sieg von Lenzen aus einer grofsen Gefahr befreit 
waren, wurde Otto mit der angelsächsischen Edgid oder 
Editha, Tochter König Edwards, Schwester des damals re- 
gierenden Athelstan, vermählt Ihren Aufenthalt schlugen 
die Vermählten in Magdeburg auf, das Otto seiner Gemahlin 
mit mehreren benachbarten Gütern in Sachsen zur Morgen- 
eabe verliehen hatte. Die edle Königstochter gewann den 
Ort, der sie an die heimische Themsestadt zu erinnern 
schien, ebenso lieb, wie sie die Liebe aller wurde, die mit 
ihr in Berührung kamen. Zwischen Otto und seiner Ge- 
mahlin gestaltete sieh das innigste Gattenverhältnis und 
innerhalb ihrer weiblichen Schranken übte Editha den segens- 
reichsten Einflufs auf den ihr mit entsprechender Gegenhebe 
zugethanen Gemahl. 

Nachdem das königliche Elternpaar solchen Segen noch an 
seinen Kindern hatte erblühen sehen, wollte König Heinrich, 
durch die Jahre und ihre Arbeit ermattet, in dem schönen 
harzischen Reichsbannforst noch einmal die oft gesuchte Er- 
quickung an dem königlichen Weidwerk geniefsen. Auf 



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44 



Zweiter Abschnitt. 



dem Botfelde oberhalb des damals noch nicht genannten 
Wernigerode hielt er sich im Herbste des Jahres 935 auf, 
als ihn ein Schlaganfall an die Nähe des Abschieds von 
dieser Erde gemahnte. Da gedachte er besonders der Ord- 
nung des Reichs und der Bestellung eines Nachfolgers. Da 
Thankmar, der Sohn der merseburgischen Hatheburg, die er 
als „Gottverlobte" geehelicht hatte, von der Kirche nicht 
als vollgültiger Sohn anerkannt wurde, so brachte er Otto, 
den reichbeanlagten Erstgebornen Mathilden s, als Nachfolger 
in Vorschlag, und die Grofsen des Reichs gingen einmütig 
auf diesen Wunsch des Königs ein, als er sie zu Anfang 
des Jahres nach der thüringischen Hauptstadt Erfurt berufen 
hatte. Die übrigen Söhne wurden reichlich mit den Erb- 
gütern des Hauses versorgt. 

Auch Quedlinburgs, das er zu seiner letzten Ruhestatt 
bestimmt hatte, gedachte er. Es war nämlich von den 
edeln Jungfrauen des Augustinerklosters zu Wenthausen, 
der Gründung einer hessischen Gräfin Gisela, am Fufse des 
Harzes gelegen, da, wo unterhalb der Rofstrappe die Bode 
sich den Weg durch die grofsartigen Granitmauern des 
Unterharzes ins Tiefland sucht, der dringende Wunsch ge- 
äufsert worden, ihre Stiftung nach Quedlinburg versetzt zu 
sehen. An dem einsam und unsicher gelegenen Orte waren 
die aus edeln Geschlechtern entsprossenen Insassen der 
alten Stiftung mancher Unbequemlichkeit und Unbill aus* 
gesetzt, und so sehnten sie sich nach dem Schutze und den 
Vorteilen des unter der Königspfalz schnell und ansehnlich 
aufgeblühten, durch starke Befestigungen geschützten Qued- 
linburg. Der König gewährte diesen Wunsch: zu Erfurt 
wurden die letzten der Erfüllung desselben entgegenstehen- 
den Schwierigkeiten beseitigt, worauf denn im Jahre 937 
Wenthausen dem Stift Quedlinburg übereignet wurde. Spä- 
ter, im Jahre 1180, wurde die zurückgegangene Stiftung 
aufs neue hergestellt, endlich 1377 nochmals, und zwar als 
Tochter von Dorstadt im Hildesheimschen. 

Nach der Fürstenversammlung in Erfurt fühlte sich 
Heinrich der Ruhe bedürftig und zog sich auf seine Pfalz 
zu Hemleben an der Unstrut zurück. Hier traf ihn ein 
neuer Schlaganfall, der ihm die unmittelbare Nähe des To- 
des verkündete. Er liefs daher seine geliebte Gemahlin zu 
sich kommen und nahm in Worten rührender Dankbarkeit, 
die diese mit gleich liebevollem Danke erwiderte, von ihr 
Abschied. Danach betete sie in der Burgkapelle für die 
Seele ihres dahinscheidenden Gemahls. Als dessen Auf- 
lösung am 2. Juli 936 in Gegenwart der Söhne erfolgte, 



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Werxhausen. Versamml. zu Erfurt. K. Heinr. f zu Meinleben. 45 



wies Mathilde die letzteren auf das Vorbild ihres Vaters 
hin und stiftete nach der Weise der Zeit Seelenmessen für 
den teuren Entschlafenen. 



Dritter Abschnitt. 

Ton der Gründung des Erzbistums Magdeburg bis 
zum Ausgang des sächsischen EOnlgsgeschlechts. 



Wenn treue Verehrer Heinrichs diesen als einen grofsen, 
seinen Sohn Otto aber als einen bedeutend gröfseren König 
bezeichnet haben, so gilt das auch im vollen Mafse von 
dem, was er neben seiner Wirksamkeit für das Reich im 
grofsen gerade für die Gegenden an der mittleren Elbe ge- 
than hat, die nun seit über zwei Menschenaltern als ein 
wichtiges Glied dem Hohenzollernstaate einverleibt sind. 
Kein einzelner Fürst hat je so Vieles und Grofses hier ge- 
baut als Otto L, der im Jahre 962 auch die römische 
Kaiserkrone, die Krone mittelalterlicher Herrschaftsideale, 
dem deutschen Volke wiedergewann; freilich in einer viel- 
bewegten Lautbahn. 

Wohl hatte ein deutscher Volkskönig ein rechtes Wan- 
derleben zu führen und war mit seiner Kanzlei bald hier 
bald dort in seinem weiten Reiche thätig ; aber wie sehr die 
sächsisch -thüringischen Stammlande Magdeburg, Merseburg, 
Walhausen, Memleben, Rohr, Nordhausen und besonders 
Quedlinburg wie unter Heinrich so auch unter seinem Sohne 
Otto das wahre Heim des sächsischen Königsgeschlechts 
blieben, das zeigt schon ein Blick auf die Urkunden dieser 
Fürsten. Auf den Pfalzen zu beiden Seiten des Harzes 
pflegte auch Otto seinen Umritt zu halten, wenn ihn die 
Aufgaben des Reichs auf einige Zeit in andere Gegenden 
gezogen hatten. Von hier brachen zumeist die Heere auf, 
um die inneren oder äufseren Feinde des Reichs zu be- 
kriegen; hier behielt er auch die nur auf kurze Zeit den 
nächsten Verwandten und Getreuen als Verwesern über- 
gebene unmittelbare Verwaltung in den Händen, während 
anderswo, und so auch in dem gröfseren Teile von Sachsen, 
dauernde Stellvertreter oder Herzöge bestellt waren. Nur 



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46 



Dritter Abschnitt. 



die italienischen Angelegenheiten hielten ihn zweimal, von 
962—964 und von 967—972 in den Südlanden fern; aber 
gerade die wichtigsten Einrichtungen für unsere Marken 
waren es, die ihn auch im fernen Welschland auf das leb- 
hafteste beschäftigten. 

Diese Einrichtungen, die Gründung eines neuen Mutter- 
sitzes für die geistige Eroberung des Wendenlandes östlich 
der Mittelelbe und Saale, gehen sogar in ihren Anfangen in 
die ersten Jahre seiner Regierung zurück. Gleich im Jahre 
936 finden wir ihn zu Magdeburg an der Seite seiner Edgid 
das Benediktiner - Mannskloster des heiligen Johannes, das 
bereits 945 aufserhalb der Stadt auf einer geringen Anhöhe 
lag, begründen. 

Die Mutterstiftung des späteren Hochstifts aber, das 
dem Führer der thebäischen Legion, dem heiligen Moritz, 
gestiftete Mannskloster in Magdeburg, gründete Otto im 
Jahre 937. Der Stiftungsbrief ist vom 21. September, dem 
Vorabende des Moritztags. Die feierliche Begründung fand 
bei einem gröfseren Hoftage und unter Herbeiziehung der 
Erzbischöfe Friedrich von Mainz, Adaldag von Hamburg 
und der Bischöfe von Halberstadt, Verden, Hildesheim, Min- 
den, Augsburg, Speier und Würzburg statt. Das Kloster 
wurde unmittelbar unter des Königs Schutz gestellt und 
mit besonderen Freiheiten begnadet. Zu der reichen Aus- 
stattung gehörte zunächst der königliche Hof mit Zubehör 
und eine Reihe von Orten westlich von der Elbe im Nord- 
thüringau, ferner aller Zins, Einkaufs- und Verkaufszehnt 
in den Slavengauen Morzani, Lizizi und Heveldun jenseit 
der Elbe mit allem Zubehör an Land und Leuten und dem 
Recht der Holz- und Grasnutzung und Schweinemast. Aus 
dem reformierten Kloster zu S. Maximin in Trier wurden 
die ersten Bewohner dieses geistlichen Hauses genommen. 
Dafs der königliche Stifter von Anfang an mit dieser Grün- 
dung etwas Besonderes vorhatte, zeigten aufser der ursprüng- 
lichen die schnell aufeinanderfolgenden weiteren und reichen 
Schenkungen. Als in dem Gründungsjahre des Moritzstifts 
die gedemütigten vornehmen Genossen des Herzogs Eber- 
hard von Franken Hunde vor die königliche Pfalz in Magde- 
burg tragen mufsten, um dann zu Gnaden aufgenommen 
und reich beschenkt in ihre Heimat entlassen zu werden, 
wurden die Stämme an der Elbe auch daran erinnert, dafs 
hier der Hauptsitz der mächtigen Königsherrschaft sei. 

Da Empörungen wie die des Herzogs Eberhard und 
andere Aufgaben des Reichsregiments öfter die Abwesenheit 
des Königs erheischten, so sah Otto sich veranlalst, in den 



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St. Johannes- u. Moritzkloster zu Magdeburg. Markherzogtümer. 47 

feindlichen Angriffen so sehr ausgesetzten östlichen Grenz- 
landen tüchtige Männer zu bestellen. Für das eigentliche 
Sachsen fand er die geeignete Person in dem edeln Grafen 
Hermann, späterhin der Billunger genannt, der sogar mit 
dem Königshause verwandt war. Er war für die östlichen 
Grenzlande zunächst Markgraf oder Markherzog, doch bil- 
dete sich aus dieser Würde, da sie in seinemim Jahre 1106 
erlöschenden Hause erblich wurde, ein sächsisches Volks- 
herzogtum heraus. Da ihm auch als Markherzog nur die 
Verteidigung der unteren Elbgrenze gegen Dänen und 
Obotriten anvertraut war, so kommt er zunächst für unsere 
thüringisch - sächsischen Gegenden nicht unmittelbar in Be- 
tracht; aber wir haben ihn schon deshalb zu nennen, weil 
Name und Würde seines sächsischen Herzogtums im 12. Jahr- 
hundert auf den Boden unserer noch jetzt danach benannten 
Provinz überging. 

Während der König das eigentliche Thüringen und die 
Gregenden am Harz selbst unter seiner Verwaltung behielt, 
wurde für die Verteidigung und Mehrung der Grenze gegen 
die Slavenstämme an der mittleren Elbe bis hinauf zur 
oberen Saale der Graf Gero, einein bis dahin wenig ange- 
sehenen Geschlechte im Schwabengau angehörig, als Mark- 
graf bestellt. Auch seine Markgrafschait war eine aufser- 
ordentliche und wird auch als Markherzogtum bezeichnet, 
entwickelte sich aber nicht zum Stammherzogtum, schon 
weil Gero seinen Mannsstamm noch bei seinen Lebzeiten 
erlöschen sah. 

Die Ernennung Geros sollte den Anlafs zu einem inneren 
Kampfe geben. Der tapfere, wohlbeanlagte aber ungestüme 
Thankmar, König Heinrichs Sohn von der merseburgischen 
Hatheburg, fühlte sich gekränkt, indem er auf eine solche 
Würde den nächsten Anspruch zu haben meinte. Der eben 
verstorbene Vorgänger Geros nämlich, Graf Siegfried, der, 
zunächst im Hassegau ansässig, die Markgrafschait und eine 
Zeit lang die Verweserschaft in Sachsen geführt hatte, war 
mit seiner Mutter Geschwisterkind gewesen. Er empörte 
sich also wider seinen Stiefbruder und fand nicht blofs in 
Franken und Hessen, sondern auch gerade in Thüringen 
Anhang. Erst nach einem hartnäckigen Kampfe fand der 
ritterliche aber ungestüme junge Mann im Juli des Jahres 
9ö8 an den Stufen eines Altars seinen Tod. 

Noch ehe dieser betrübte blutige Streit im Innern aus- 
gekämpft war, fielen in der Mitte des Jahres 938 die wil- 
den Ungarn wieder in unser Land ein und schlugen vor 
dem Unterharze in der Gegend von Aschersleben ihr Lager 



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48 



Dritter Abschnitt. 



auf, um von hier plündernd, sengend und brennend das 
Land zu verwüsten. Ein Teil zog durch das Halberstädti- 
sche bis über unsere Grenzen und wurde bei Steterburg 
zwischen Wolfenbüttel und Braunschweig bis zur Vernich- 
tung geschlagen. Die übrigen Scharen, welche weiter nord- 
östlich zogen, wurden von einem slavischen Wegweiser in die 
sumpfige Gegend des Thrimining oder Drömüng zwischen 
Gardelegen und Obisfelde geleitet und hier fast alle er- 
schlagen. 

Während hier die Sachsen sich ohne den König halfen, 
hatte dieser noch mit seinem aufrührerischen Bruder Heinrich 
zu kämpfen, der sich zuletzt besonders auf seine Burgen 
Scheidungen und Merseburg stützte; dann auch gegen die 
Wenden, deren weitere Verfolgung indessen dem Markgrafen 
Gero überlassen wurde. Dieser hatte nicht blofs mit den 
heidnischen Slavenstämmen, sondern auch mit seinem mifs- 
vergnügten Vasallenheer zu thun, das in den schwierigen 
Kämpfen nicht immer hinreichende Befriedigung fand, gegen 
den Günstling des Königs aufsässig wurde und schliefsüch 
unter Beteiligung von dessen Bruder Heinrich und Bischof 
Friedrichs von Mainz Mitwissenschaft den König Otto beim 
Osterfeste 941 zu Quedlinburg meuchlings ermorden wollte. 
Von den Edeln unserer Gegend befanden sich z. B. die 
Grafen Liuthar und Erich von Walbeck unter den Ver- 
schworenen. Zur rechten Zeit gewarnt, wurde der König 
von dem Verderben bewahrt, und strenge Strafe erging über 
die Verräter. Seinem Bruder Heinrich, der sich ihm zu 
Füfsen warf, verzieh Otto und feierte noch in demselben 
Jahre mit ihm eine aufrichtige Versöhnung. 

Nachdem das königliche Ansehen wiederhergestellt war, 
machten auch Geros Kämpfe mit den Wendenstämmen er- 
hebliche Fortschritte. Der Kampf wurde oft grausam ge- 
führt: ein tückischer Anschlag der Heiden wurde mit blu- 
tiger List besiegt und gestraft. So wurde auch das einst 
von König Heinrich eroberte Brandenburg von dem durch 
Geld und Versprechungen gewonnenen Hevellerfursten Tu- 
gumir durch List und Verrat in die Hände der Deutschen 
zurückgebracht. 

Soweit fühlte man sich bereits Herr in dem bezwungenen 
Lande zwischen Elbe und Oder, dafs Otto, der sich seit 
dem Verluste seiner gehebten Edgid mit besonderem Eifer 
heiligen Dingen und kirchlichen Stiftungen zuwandte, schon 
an die Begründung von Bistümern im Wendenlande denken 
konnte. Am 9. Mai 946 stellte er zu Magdeburg, wo am 
26. Januar seine geliebte Gemahlin gestorben und danach 



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Kämpfe wider Magyaren, Slaven ; Empörung. — Ostelb. Bistümer. 49 

zu S. Moritz bestattet war, den Stiftungsbrief für das Bis- 
tum Havelberg aus. Zu seinem Sprengel sollte der zwischen 
Elbe, Havel und Stremme gelegene nördliche Teil des heu- 
tigen zweiten Jerichower Kreises, der Slavengau Lizizi, ge- 
hören und wurde dazu mit dem Walde Porei, den zugehörigen 
und zu bebauenden Dörfern, Burg und Burgwart Ploto 
(Alten- Pia thow) mit dem Zehnten des Bezirks gegeben. 

Von demselben wichtigen Grenzort Sachsens ging ein 
paar Jahre später die Stiftung des zweiten wendischen Bis- 
tums Brandenburg aus, dessen Sprengel weit mehr als der 
erstere in unser Gebiet hineinreicht, und zwar durch die bis 
zur Elbe sich erstreckenden Slavengaue Moraziani, Ciervisti, 
ferner Ploni und Heveldun, d. h. alles, was nördlich von 
dem bei Schweinitz in die Schwarze Elster fliefsenden Flöfs- 
bach bis zur Stremme im Norden und von der Elbe nach 
Osten zu unserer Provinz gehört. In den genannten Gauen 
hatte das Bistum den Zehnten mit Ausnahme der ansehn- 
lichen Besitzungen, welche das Magdeburger Moritzkloster 
bereits im Morazianergau besafs; aber auch von diesem sollen 
dem Bistum Brandenburg von den Orten Biederitz, Burg 
und Möckern jährlich bestimmte Dienste und Abgaben ge- 
leistet werden. Auch die Burg (civitas) Ezeri, das spätere 
Ziesar, gehörte zu der ältesten «Ausstattung des Bistums. 

In beiden Stiftungsurkunden nennt König Otto unter 
seinen Mithelfern und Beratern neben dem päpstlichen Le- 
gaten Marinus und dem Erzbischof Friedrich von Mainz, 
zu dessen Kirchenprovinz die neuen Bistümer zunächst ge- 
hören sollten, noch besonders seinen getreuen Markherzog 
Gero, in dessen Mark die Bistümer lagen. Ihm verdankte 
er ja zum grofsen Teile die Unterwerfung und Erweiterung 
dieser Teile Slaviens. 

Vorderhand waren aber noch manche Kämpfe mit dem 
seine Freiheit und Götter verteidigenden Volke zu bestehen, 
die um so gefährlicher waren, als wieder ein Krieg der 
eigenen Söhne Otto's gegen den Vater entbrannte, der sogar 
den Schützer unserer Marken zeitweise von seinem wich- 
tigen Posten abrief. Im Jahre 954 treibt bei der schwe- 
ren Belagerung von Regensburg der sieggewohnte Markgraf 
Gero die Aufständischen in die Stadt zurück. Die Kämpfe 
des nächsten Jahres galten zwar mehr den nördlichen Wen- 
den, doch waren sie um so schwerer, als tapfere deutsche 
Männer, die Grafen Wichmann und Ekbert oder Ekbrecht, 
Neffen Hermann Billungs, sich an die Spitze der Wenden 
gestellt hatten — ein gar nicht vereinzelter Fall , dafs 
Deutsche die Führerschaft der Feinde gegen ihre eigenen 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 4 



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50 



Dritter Abschnitt. 



Landsleute übernahmen. Markgraf Hermann zog um die 
Fastenzeit 955 mit dem Grenzgrafen Heinrich und dessen 
Bruder Siegfried vergeblich gegen die Burg Suithleiscrana 
im Magdeburgischen. Zur Osterzeit schlössen die in der 
Stadt der Cocaresmier (?) eingeschlossenen Sachsen mit den 
Wenden einen Vertrag wegen freien Abzugs. Trotzdem 
wurden die Deutschen niedergemacht. 

Als bald darauf im Sommer 955 König Otto, mit heller 
Freude von seinen treuen Thüringern und Sachsen empfan- 
gen, nach längerer Abwesenheit aus dem Süden in unsere 
Gegenden zurückkehrte, sandten die Wenden Gesandte an 
ihn und erklärten sich, da sie eben den Markgrafen Dietrich, 
den Verweser unserer Marken in Geros Abwesenheit, ge- 
schlagen hatten , zwar zur Zahlung von Tribut bereit, sie 
wollten aber nur als Freunde und Bundesgenossen betrachtet 
sein und Herren in ihren Landen bleiben. Aber der König 
behielt sich seine Entscheidung vor, drang mit Gero, jetzt 
auch von seinem Sohne Liudolf unterstützt, siegreich und 
verheerend ins Wendenland ein. An der Ilecknitz wurde 
nacli grofser Gefahr der Wendenfürst Stoinef am 16. Ok- 
tober 955 in einer grofsen Schlacht geschlagen, wobei Gero 
das gröfste Verdienst hatte. In den Jahren 957 — 960 mufs- 
ten aber jährlich neue Feldaüge gegen die Wenden unter- 
nommen werden, ehe unsere Marken vor ihnen gesichert 
erschienen. Damals aber glaubte man im wesentlichen am 
Ziel der langen Kämpfe zu stehen. Der sächsische Annalist 
bemerkt zum Jahr 960: „Das ganze Volk der Slaven wurde 
bekehrt und im Slavenlande zahlreiche Klöster errichtet; 
im Frieden dienten die Slaven und zahlten ihren Tribut." 

War diese Ruhe auch nur eine vorübergehende, so waren 
doch bis hierhin die Zustände und Einrichtungen in dem 
eroberten Slavenlande zu einem gewissen Abschlufs gebracht, 
die auch trotz wiederholter Störungen durch Abfall und 
Kriege die Grundlage für die Zukunft blieben. Es erscheint 
daher am Orte, einen Blick auf die Zustände in den Mar- 
ken zu werfen. 

Die Macht , mit welcher Markgraf Gero die mittel- 
elbischen Grenzen erweiterte, war nicht der nur auf be- 
stimmte Zeiten der Fahne folgende Heerbann, sondern ein 
Heer freier Mannen oder Vasallen des Königs, die von der 
Frucht der Eroberungen mit Land, Hörigen, Diensten und 
anderem Gut belohnt wurden. Der eine besondere kosaken- 
ähnliche Truppe bildenden Merseburger oder Keuschberger 
gedachten wir schon bei Heinrich I. 

Die Provinzen oder Gaue der Wenden zerfielen in kleine 



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Vorläufige Beendigung d. Slavenkriegs. Zustände i. d. Marken. 51 

Unterbezirke, welche ihren Mittelpunkt in einer Kultusstätte 
hatten, die auch den Mittelpunkt tür die Verteidigung bil- 
dete. Beim Vordringen der Deutschen schlössen sich diese 
an die vorgefundene Einteilung an, doch wurde der Haupt- 
ort der Bezirke jetzt nur ein militärisch fester Platz, Burg- 
ort oder Burgwart. Letzteres Wort war die eigentliche 
Bezeichnung für den Bezirk. Diese Burgwarte wurden den 
königlichen Mannen vom König, meist auf besonderen Vor- 
schlag des Markgrafen, mit Gut, Leuten und Zinshebungen 
tibergeben. An der Spitze einer Burg stand ein Burggraf 
oder castellanus. Zuweilen erhielt ein Grenzgraf einen be- 
nachbarten Burgwart. Da die blutigen Kämpfe das teil- 
weise überhaupt nur schwach besetzte Land noch mehr 
entvölkerten, so fanden Ansiedler aus den viel dichter besetz- 
ten deutschen Landen weite Räume für ihre Ansiedelungen. 
Auf diese Weise und durch die mit dem Christentume ge- 
pflanzte deutsche Kultur verbreitete sich deutsches Volks- 
tum über weite Striche ehemaligen Wendenlandes. Keines- 
wegs waren es etwa die erst in unserem Jahrhundert zur 
Geltung gelangten Nationalitätsbestrebungen , welche dem 
Slaventum den Krieg erklärten. 

Im Gau Lizizi, Morizani und Nachbarschaft können 
wir eine Reihe dieser Burgwarte angeben. Es sind in 
Lizizi: Marienburg (Kabelitz), Jerichow, Milow, Plote (Pla- 
thow), Klitsche; in Morizani werden 940 genannt: Biederitz, 
Gommern (Guntram) , Pechau, Möckern, Burg, Grabow, 
Schartau, Loburg, Tuchheim, Dretzel, Lostau (Dornburg). 
Ziesar und Görzke lagen im diesseitigen Anteil des Heveller- 
landes. In den südlicheren Gegenden nennen wir von Burg- 
wartorten Rosenburg, Zörbig, Düben, Giebichenstein, Keusch- 
berg, Pouch, Eilenburg, Schkeuditz, Torgau, Prettin, 
Belgern. 

Bei den Leistungen der Wenden ist der Zehnte (Er- 
werbs- und Verkaufszehnte) und der Wendenzins zu unter- 
scheiden. Sie hatten Getreide, Flachs, Honig, Bier, Met, 
Schweine, Gänse und Hühner an die Kammer des Königs 
zu liefern und dessen Lehensträgern mancherlei Fron- oder 
Herrendienste zu leisten. 

Dem Könige fiel das herrenlos gewordene Gut der 
Wendenfürsten und das der heidnischen Volksheiligtiimer 
zu. Dieses Gut wurde besonders unter Otto I. und seinem 
nächsten Nachfolger aufs freigiebigste an Vasallen, besonders 
aber an geistliche Stiftungen geschenkt. 

Noch einen letzten Feldzug unternahm Gero im Jahre 
963 gegen die Lausitzer, die sich gegen die deutsche Herr- 

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52 



Dritter Abschnitt. 



schaft erhoben hatten. Er schlug sie in einer blutigen 
Schlacht und brachte sie zur völligen Unterwerfung. Dann 
drang er bis zur Oder vor und machte auch den König 
Mieczislaw zum Vasallen des Reichs. 

Danach legte der in unablässigen Kämpfen ergraute, um 
die Sicherung und Erweiterung unserer Grenzen hochver- 
diente Held Helm und Schwert nieder, um sich in die Stille 
eines beschaulichen Lebens zurückzuziehen. Der Aussicht 
auf eine Fortsetzung seines Mannsstamms durch den Tod 
von Sohn und Neffen beraubt, wandte er seine reichen Be- 
sitzungen dem von ihm begründeten und nach ihm benannten 
Jungfrauenstift Gernrode südlich von Quedlinburg zu und 
unterstellte demselben das in ein Jungfrauenkloster umge- 
wandelte vor 959 gestiftete St. Cyriakskloster in dem nord- 
westlich von Aschersleben gelegenen Dorfe Frose. Nach- 
dem er nach Ende des Jahres 963 eine Pilgerfahrt nach 
Rom gemacht hatte, bereitete er sich daheim auf sein nahes 
Ende vor und starb am 20. Mai 965. 

Das durch seinen Tod erledigte Markgraftum wurde 
von Kaiser Otto nicht mehr als ein Ganzes einem Einzelnen 
überlassen, sondern in drei Teile zerlegt. Der nördliche 
Teil der Markgrafschaft, die Nordmark, später Altmark, mit 
welcher die Aufsicht über die Wendengaue von der Mittel- 
elbe bis zur Oder verbunden war, wurde dem Markgrafen 
Thiadrich oder Dietrich anvertraut. Der mittlere Teil, die 
spätere Ostmark oder Mark Lausitz bis zur mittleren Oder 
oder Bober, wurde unter Geros Schwestersohn Thiothmar 
und Markgraf Hodo, der das am meisten gefährdete östliche 
Gebiet erhielt, geteilt. Die südliche thüringische Mark zwi- 
schen Saale, den nördlichen Gebirgen Böhmens und eben- 
falls bis zum Bober — die spätere Mark Meifsen — zerfiel 
in drei Marken unter den Markgrafen Günther (Merseburg), 
Wigger (Zeitz) und Wiprecht (Meifsen). War auch zunächst 
noch dem nördlichen Markgrafen Dietrich eine gewisse 
Oberaufsicht über diese geteilten Marken übertragen, so war 
doch ihre einheitliche Widerstandskraft geschwächt, was nach 
Verlauf eines Menschenalters in traurigster Weise an den 
Tag trat. 

Aber in Ottos Seele reiften mehr und mehr die lange 
vorbereiteten Gedanken von einer andern Sicherung und 
Mehrung der Grenzen gegen die Wendenländer als die 
durch das weltliche Schwert: durch die Gründung eines 
von der alten deutschen Grenze aus über die weiten sla- 
vischen Ostlande sich erstreckenden Erzbisturas will er eine 
neue Einheit schaffen. Die Markgrafen und das weltliche 



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Teilung von Geros Markgraftum. Erzbistum Magdeburg. 53 

Schwert sollten diese geistliche Oberherrschaft stützen, aber 
die höhere Gesittung der Deutschen und die ihnen durch 
die abendländische Kultur vermittelten geistigen Gaben konn- 
ten nur durch das Christentum, das den harten Sinn der 
in erklärlicher Weise den deutschen Unterjochern hartnäckig 
entgegentretenden Heiden brach, erfolgreich auf diese über- 
tragen werden. Eine Vereinigung von Königtum und 
Priestertum, von weltlichem und geistlichem Schwerte, sollte 
die Macht des Reichs im Innern und besonders nach aufsen 
stärken. 

Im Jahre 955 trat der Gedanke der Gründung eines 
Erzbistums Magdeburg zuerst offen hervor, als Otto den zu 
solcher Aufgabe geschickten Abt Hadamar von Fulda nach 
Rom sandte, um darüber mit Papst Agapet II. zu unter- 
handeln , zugleich wegen der Stiftung eines Bistums zu 
Merseburg, das er am Vorabende der grofsen Ungarnschlacht 
bei Augsburg dem heiligen Lorenz gelobt hatte. Hadamar 
brachte die päpstliche Zustimmung zur Errichtung von Bis- 
tümern soviel dem Könige beliebe, über die Alpen zurück. 
Hierbei waltete zuerst der Gedanke ob, das Bistum Halber- 
stadt unter Erhebung desselben zum Erzbistum nach 
Magdeburg zu verlegen; aber der Wunsch des Königs fand 
bei seinem eigenen natürlichen Sohne Erzbischof Wilhelm 
von Mainz, der hierbei nach Osten einen ansehnlichen Teil 
seines Erzbistums einbüfste, den entschiedensten Widerspruch. 
Durch ansehnliche Schenkungen, besonders im Eichsfeld 
und den thüringischen Landen, gewann Otto diesen Sohn, 
den ersten deutschen Prälaten, und als er 961 nach Italien 
zog, übergab er ihm die Erziehung seines Sohnes und die 
Verweserschaft im gröfsten Teile des Reiches. Otto, am 
2. Februar 962 zu S. Peter durch Papst Johann XII. 
zum römischen Kaiser gekrönt, erwirkte zehn Tage später 
von demselben eine Bulle, durch welche das Magdeburger 
Moritzkloster zu einem Erzbistum für Slavien erhöht, auch 
das zu errichtende Bistum Merseburg demselben unterstellt 
wurde. 

Aber war nun auch der Erzbischof zu Mainz für diese 
sehnlichen Wünsche des Kaisers gewonnen, so widersetzte 
sich denselben mit aller Entschiedenheit dessen Suffragan 
Bischof Bernhard von Halberstadt, der hierbei einen Teil 
seines Sprengeis und seiner Einkünfte einbüfste. Otto hielt 
aber sein Ziel fest im Auge, dessen Erreichung nach des 
tapfern Markherzogs Gero Tode noch dringlicher erschien. 
Am 28. März 965 sagt er bei Schenkung des Königshofs 
Kalbe im Nordthüringau und von Rosenburg im Gau Se- 



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54 



Dritter Abschnitt. 



rimunt, er schenke sie dem heiligen Moritz und dem zu- 
künftigen Erzbischofe zu Magdeburg. Im Jahre 967 wird 
die Sache in Italien aufs eifrigste betrieben; Brandenburg 
und Havelberg wurden durch päpstliche Bulle der neuen 
Stiftung überwiesen. Im April berief Otto einen Reichstag 
und Kirchenversammlung nach Ravenna und erwirkte die 
einmütige Zustimmung der Versammlung, die eine päpstliche 
Bulle bestätigte. Darin werden die Grenzen des Erzbistums 
schon ziemlich bestimmt festgestellt. Aufser Havelberg und 
Brandenburg werden die zunächst zu errichtenden Bistümer 
Merseburg, Zeitz und Meifsen dem zu weihenden Erz- 
bischofe unterstellt, auch wird demselben das Recht erteilt, 
bei fortschreitender Ausbreitung des Christentums im Slaven- 
lande an geeigneten Orten weitere Bistümer zu gründen und 
abzugrenzen. Das Bistum Meifsen wurde dann im Jahre 
968 auf einer Synode zu S. Peter errichtet, die Weihung 
des Bischofs — ursprünglich sollte er unmittelbar unter Rom 
stehen — bis zur Einrichtung des Erzbistums Magdeburg 
hinausgeschoben . 

Mit dem am 2. oder 3. Februar 968 erfolgten Ableben 
Bischof Bernhards, dem nach einem Monat auch Erzbischof 
Wilhelm folgte, fiel auch die letzte Hinderung für König 
Ottos grofses Werk fort; ihre Nachfolger Hildeward zu 
Halberstadt und der bisherige fuldische Abt Hatto zu Mainz 
erhielten vom Kaiser ihre Belehnung und Bestätigung mit 
Ring und Stab erst, nachdem sie sich dem Kaiser rücksicht- 
lich des Erzbistums Magdeburg willfahrig gezeigt hatten. 

Hildeward, der als ein frommer thätiger Bischof sich 
auch durch den am S. Gallentage 992 eingeweihten Bau 
einer neuen Domkirche auszeichnete, trat nicht nur an das 
eigentliche Erzstift den östlichen Strich seines Bistums links 
der Elbe zwischen Bode, Ohre und dem sogen. Friedrichs- 
weg — ungefähr zwischen Hadmersleben und Hillers- 
leben — , sondern auch den südlichen Hauptteil des Hasse- 
gaus und Friesenfelds bis zum Wilderbach, Salzigen See 
und Sachsgraben an das neue Bistum Merseburg ab. 

So fand denn, nachdem die Zustimmung aller Instanzen 
erreicht war, im Jahre 968 die Stiftung des als Haupt- und 
Mittelpunkt für die Christianisierung und Germanisierung 
Nordost - Deutschlands zwischen Elbe, Saale, Böhmen, Ostsee 
und bis nach Polen hinein bestimmten Erzbistums statt und 
das Kloster des heiligen Moritz, die Begräbnisstätte der 
Editha, wurde ziun Dom- und Hochstift erhoben. Erster 
Erzbischof wurde der schon seit Jahren dazu in Aussicht 
genommene Adalbert, erst Mönch zu S. Maximin in Trier, 



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Erzbistum Magdeburg 0G8. 



961 Missionsbischof für die Küssen (weil er des Slavischen 
kundig), dann Abt zu Weifsenburg. Nachdem Adalbert am 
18. October Pallium und Weihe empfangen hatte, empfahl 
der Kaiser ihm die Bischöfe und Grafen Sachsens. Weih- 
nachten 968 wurde er dann zu Magdeburg leierlich auf 
den erzbischöflichen Stuhl erhoben. Er selbst weihte dann 
die Bischöfe zu Merseburg, Meilsen und Zeitz. Auch in 
Brandenburg folgto in diesem Jahre Dodilo auf den ersten 
Bischof Thiatmar. Dieser und der Bischof von Havelberg 
wurden aus der Obedienz gegen Mainz entlassen und an 
den neuen Erzbischof gewiesen. 

Soweit die Sprengel dieser Bistümer in unsere Provinz 
hineinreichen, waren ihre Grenzen — von etlichen Schwan- 
kungen, besonders bei Merseburg abgesehen — folgende. 
Zur engeren Diöcese Magdeburg gehörte, aufser dem vom 
Bistum Halberstadt abgetretenen linkselbischen Gebiete , ein 
sich nach Süden erbreiternder Landstrich zwischen Bode, 
Saale und Elbe bis zur Einmündung der Weifsen und 
Schwarzen Elster. Im Süden bezeichnet die Grenze ge- 
gen Meifsen eine etwas gebogene Linie, ein wenig südlich 
Raguhn bis zu der der Einmündung der Schwarzen Elster 
gegenüberliegenden Stelle an der Elbe, gegen Merseburg 
eine ähnliche von der Weifsen Elster bis zur Mulde südlich 
von Eilenburg. Innerhalb dieser Grenzen lagen wenigstens 
im späteren Mittelalter die Archidiakonate Magdeburg 
(Stadt), Wanzleben, (Langen -) Weddingen , Kalbe, Kothen, 
Halle und die Propsteien Mildensee und Pratau. 

Unter dem Bischof von Meifsen standen die ansehnlichen 
Gebiete der Kreise Delitzsch, Bitterfeld, Herzberg, welche 
südlich und südöstlich von den Sprengein von Brandenburg 
und Magdeburg übrig blieben, sowie die ganzen Kreise 
Torgau und Liebenwerda. Merseburg behielt einen spitz 
nach Westen zu laufenden Strich westlich der Saale, er- 
streckte sich aber sonst nach Osten und Südosten bis zur 
Mulde. Es gehörte der gröfste Teil des heutigen Kreises 
Merseburg dazu. Innerhalb des Zeitzer Sprengcls lagen 
aufser dem Kreise Zeitz die Teile der Kreise Naumburg 
und Weilsenfeis, welche östlich von der Saale und südlich 
von der Diöcese Merseburg sich erstreckten. 

Um ein Wort von der Ausdehnung der geistlichen 
Macht und Wirkungssphäre unserer Elbmetropole zu sagen, 
so mufsten nach Nordosten und Osten die Grenzen gegen 
die Heiden zunächst unbestimmt bleiben. Das von König 
Mieczislaw zu Posen errichtete Bistum wurde von Kaiser 
Otto dem erzbischöflichen Stuhle Magdeburg unterstellt, trat 



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56 



Dritter Abschnitt. 



aber, als Polen sich zur Selbständigkeit entwickelte, in 
Unterordnung zum Erzbistum Gnesen. Auch wurde, als nach 
der Bekehrung der Pommern durch Bischof Otto von Bam- 
berg im 12. Jahrhundert zu Kamin ein Bistum sich erhob, 
dieses im Jahre 1133 dem geistlichen Muttersitze an der 
Elbe untergeben, und noch zu Anfang des 13. Jahrhunderts 
erhob Magdeburg Ansprüche darauf. Kamin war aber 
mittlerweile 1188 unmittelbar unter den päpstlichen Stuhl 
gestellt. Und als ziemlich gleichzeitig mit Kamin auch Lebus 
der Sitz eines Bistums wurde, erwarb Erzbischof Norbert 
auch dies zu seiner Kirchenprovinz, auf kurze Zeit auch 
Schlesien. Lebus kam dann in Abhängigkeit von Gnesen, 
aber im Jahre 1276 wurde wenigstens dem Erzbischof von 
Magdeburg das Recht zuerkannt, aus seinem Domkapitel den 
Dompropst von Lebus zu präsentieren. 

Behufs Behauptung seiner hohen Stellung und seines 
weitreichenden Einflusses wurden dem Magdeburger Erz- 
bischofe die Schenkungen König Ottos I. und seiner Nach- 
folger in aufserordentlichem Umfange vermehrt. So wurden 
dem Erzstift ganze Stifter im deutschen Stammlande, Mün- 
chennienburg, Alsleben an der Saale, Kesselheim im Re- 
gierungsbezirk Koblenz, Engern in Westfalen, Hagenmünster 
zu Mainz, Weifsenburg im Elsafs, Burghorst in Westfalen, 
Bibra im Kreise Eckartsberga, Pölde am südwestlichen Harze 
einverleibt, die teilweise ihre Verbindung mit dem Stift 
schon nach kürzerer Zeit lösten, während in einzelnen Fällen 
sogar die Ubereignung selbst Zweifeln unterliegt. 

Mit Rechten wurden die Erzbischöfe von Kaisern und 
Päpsten aufs reichste ausgestattet. Königliche Lehen und 
Regalien erhielten sie von den ersteren mit Ring und Stab, 
das Pallium mit den geistlichen Gerechtsamen nach der 
Weihe von den letzteren übertragen. Nach ihrem Rang 
und Ehrenrechten sicherte ihnen der Papst die gleichen Vor- 
züge, wie den älteren Erzbischöfen von Mainz, Trier und 
Köln. In ihrer geistlichen Provinz hegten sie das auch un- 
mittelbar ausgeübte geistliche Gericht, und die Provinzial- 
synoden sind wenigstens seit dem 13. Jahrhundert bezeugt. 
Die Domherrenstellen kamen bald nur in die Hände herr- 
schaftlicher Geschlechter, wenn auch vereinzelt seit dem 
13. Jahrhundert niederer und Dienst -Adel dazu gelangte. 
Nur wo gelehrte Bildung erforderlich war, wie bei der 
Lektorpfründe, sah man sich veranlafst, von dem Privilegium 
der adeligen Geburt (welches Papst Eugen noch am 15. Fe- 
bruar 1446 bestätigte) abzusehen. 

Der weltliche Vertreter des Erzbischofs war der Vize- 



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Erzbistum Magdeburg. Verfassung. 



57 



dominus oder" Viztum, dessen Würde bis im 13. Jahrhun- 
dert die Grafen von Brena, dann die Edeln von Arnstein 
bekleideten. In Magdeburg selbst war der Burggraf der 
oberste Kirchenvogt. Im lü. — 11. Jahrhundert sehen wir 
die Grafen von Walbeck im Besitz dieser Würde, um 1142 
kam sie an das querfurtische Haus, das sie bis 1267 inne 
hatte. Von da an bis 1294 an die Herzöge von Sachsen 
veräufsert, wurde das Burggrafenamt im letzeren Jahre von 
Erzbischof Erich für 500 Mark der Stadt Magdeburg über- 
lassen. 

Wie ein weltliches Fürstentum hatte das Hochstift 
Magdeburg auch seine Erbhofämter, das des Kämmerers, 
Marschalls, Schenken und Truchsefs, womit teilweise Glie- 
der des hohen Adels belehnt waren. So wie das Erzstift 
Magdeburg im engeren Sinn im Vizedominus seinen welt- 
lichen Vertreter hatte, so entsprachen den Bischöfen und 
Bistumssitzen zu Merseburg, Zeitz und Meilsen auch deutsch- 
wendische Marken, von denen aber nur die letztere län- 
gere Dauer hat; die Zeitzer ging bald gröfstenteils in ihr 
auf; die Merseburger verschwindet nach und nach teils in 
der sächsischen Pfalzgrafschaft, teils in dein späteren Herzog- 
tum Magdeburg. 

Seitdem im Jahre 968 der Kreis geistlicher Stiftungen, 
der grofsartigsten derartigen Einrichtungen, welche sich auf 
unserem Boden erhoben, geschlossen war, traten unsere 
mittleren Elbgegenden in ihrer Bedeutsamkeit mehr denn 
je hervor. Von hier , vor kurzem noch der äufsersten 
Grenze deutsch-christlicher Kultur gegen das Barbarenland, 
ging in ganz neuer Weise eine grofse geistliche und welt- 
liche Einwirkung auf das Slavenland aus, und die bisher 
sehr vernachlässigte Mission in Slavien begann jetzt wenig- 
stens von Einzelnen, so von dem wackeren Bischof Boso zu 
Merseburg, mit grösserem Eifer getrieben zu werden. 

Noch ist einer um diese Zeit entstandenen Gründung 
des königlichen Hauses zu gedenken. Seit etwa 962 näm- 
lich legte die Königin Mathilde den Grund zu einem Bene- 
diktiner- Jungfrauenkloster in Kordhausen. Der Ort war 
ihr wegen der vielfachen Erinnerung an ihren Gemahl Kö- 
nig Heinrich besonders teuer. Sie wandte dem Kloster zu, 
was sie nach ihren vielen milden Stiftungen noch behalten 
hatte, und nahm ihrem kaiserlichen Sohne das Versprechen 
ab, für das Gotteshaus zu Nordhausen zu sorgen, als wäre 
es seine eigene Stiftung. In Quedlinburg aber wurde zu 
Ostern 966 Mathilde, die einzige lebende Tochter des Kai- 
sers, als Äbtissin eingeführt. Bald darauf nahm Otto von 



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Dritter Abschnitt. 



seiner Mutter zu Nordhausen in rührendster Weise Abschied, 
äIs er sich zu einer längeren Fahrt nach Italien aufmachte. 
Wie sie bestimmt geahnt hatte, sah sie ihren Sohn nicht 
wieder, sondern verschied zu Quedlinburg am 14 März 
968, nachdem ihr zwölf Tage vorher ihr Stiefsohn Erzbischof 
Wilhelm von Mainz voraufgegangen war. Die irdischen 
Reste der Königin, die als Muster der Frömmigkeit, Mild- 
thätigkeit und Demut einen bildenden, segensreichen Einflufs 
in Sachsen und Thüringen ausgeübt hatte, wurden in der 
Schlofskirche neben der ihres über ein Menschenalter früher 
verschiedenen Gemahls beigesetzt. 

Als König Otto nach langjährigem Aufenthalt in Italien 
im Frühling des Jahres 973 zuerst die vollendete erzbischöf- 
liche Stiftung zu Magdeburg und seine heimischen Gaue 
wiedersah, geschah es auch, um bald von der Erde Ab- 
schied zu nehmen, nachdem er die Früchte seines thaten- 
reichen Lebens in solcher Fülle hatte dürfen reifen sehen, 
wie es selten einem Sterblichen vergönnt ist. In Magde- 
burg feierte er Palmsonntag über dem Grabe seiner teuren 
Editha und zu Quedlinburg an dem seiner Eltern mit 
seinem Sohne Otto und dessen Gemahlin Theophanu das 
Osterfest. 

Hier, im Herzen der Stammbesitzungen des ottonischen 
Hauses, fand damals die ansehnlichste Versammlung statt, 
die jener geschichtlich so reiche Ort je gesehen. Aufser den 
Kaisern, Vater und Sohn, mit ihren aus Burgund und 
Griechenland stammenden Gemahlinnen, der Kaisertochter 
Äbtissin Mathilde, erschien mit reichen Gaben der tapfere 
Sachsenherzog Hermann Billung. Am 27. März schon schlofs 
er in Quedlinburg seine thatenreiche Laufbahn. Mit grofsen 
Feierlichkeiten wurde der Kaiser von der Geistlichkeit, 
Herzögen und Grafen zur Kirche und wieder zur Pfalz 
zurückgeführt. 

Auf die kirchliche Feier folgten amtliche Verhandlungen. 
Hier verglich sich der Polenherrscher Mieczislaw mit dem 
Markgrafen Hodo; hier erschien Herzog Boleslaw II. von 
Böhmen, um dem Kaiser Tribut und Geschenke darzubrin- 
gen. Selbst aus gröfserer Entfernung waren Gesandte der 
Völker und Reiche erschienen, mit denen der Kaiser Be- 
ziehungen unterhielt: aus Byzanz, aus Rom und Benevent, 
von Russen und Bulgaren. Auch die ehemaligen Verwüster 
unserer Gegenden, die Ungarn, sandten vornehme Männer 
mit reichen Gaben an den deutschen Herrscher. 

Am 5. April ging der Kaiser nach beendeter Versamm- 
lung nach Walbeck im Mansfeldischen, wo nicht zwei Jahr- 



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Versammlungen zu Quedlinburg u. Merseburg 973. Otto II. 50 



zehnte später dessen Tochter Mathilde in die Ehre des hei- 
ligen Andreas ein Benediktiner-Jungfrauenkloster auf könig- 
lichem Boden errichtete und dem Stift Quedlinburg unter- 
stellte. 

Das Fest der Himmelfahrt des Herrn konnte Otto in 
seinem Merseburg begehen und das seinem Gelübde geinäfs 
errichtete Bistum mit seinen Augen sehen. In dieser wich- 
tigen Grenzfeste erschienen zu der ihn umgebenden festlichen 
Versammlung auch Abgesandte der Sarazenen aus Afrika mit 
reichen Geschenken. 

Nach diesem Umritt durch die thüringisch - sächsischen 
Pfalzen und an den Gräbern der gehebten Toten erreichte 
der Kaiser am 6. Mai Memleben, um hier an der Sterbe- 
stätte seines Vaters Heinrich sein letztes Stündlein abzu- 
warten. Nachdem er seinen Gottesdienst gefeiert und das 
heilige Abendmahl genommen hatte, verschied er still. Tags 
darauf huldigten alle zu Memleben Versammelten dem schon 
als König und Kaiser gekrönten Sohne Otto II. Der Leib 
des grolsen Otto I. aber wurde bei einer feierlichen Ver- 
sammlung von Geistlichen und Fürsten zu S. Moritz in 
Magdeburg neben dem seiner Gemahlin Editha beigesetzt. 



Der zweite Otto, der aufs sorgfaltigste durch Unter- 
weisung und das Miterleben der Thaten und Unternehmungen 
des grofsen Vaters vorbereitet als ein J üngling von achtzehn 
Jahren dessen hohen Thron einnahm, hatte ebenfalls sein eigent- 
liches Daheim an Unstrut, Saale und Mittelelbe. Zu Magde- 
burg, Quedlinburg, Merseburg, Erfurt und an anderen Orten 
der Nachbarschaft hielt er seine Versammlungen, feierte er 
die Hauptfeste der Christenheit. In den Pfalzen zu Wal- 
hausen, Memleben, Tilleda, Heiligenstadt, Mühlhausen hielt 
er wie sein Vater und Grofsvater seinen Umritt. Auch 
wurden zunächst die Unternehmungen zur Sicherung der 
Reichsgrenze fortgesetzt. Im Jahre 974 folgten die Wenden 
mit den Sachsen gegen die Dänen, und von den thüringischen 
Marken aus zog im Sommer 977 der Kaiser selbst siegreich 
gegen Böhmen aus. Guten Erfolg hatte zwei Jahre später 
ein Heereszug, welchen er von Sachsen- Thüringen aus gegen 
. Herzog Mieczislaw von Polen unternahm, der durch die 
Vermählung mit Oda, der Tochter Dietrichs von der Nord- 
mark, enger mit dem Reiche verbunden wurde. 

Aber während die äufseren und inneren Verhältnisse in 
der Heimat durch das Schwert und im Frieden wohlge- 
ordnet schienen, wurden gerade unseren Grenzmarken des 
Kaisers Entfernung und seine Kämpfe und Bestrebungen in 
Welschland verhängnisvoll. Im Kampfe gegen die Sarazenen 




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Dritter Abschnitt. 



wurde am 13. Juli 982 die Blüte der vaterländischen Mann- 
schaft im südlichen Calabrien erschlagen. Körperlich und 
geistig gebrochen schied der jugendliche Kaiser selbst zu 
Rom am 7. Dezember des nächsten Jahres aus dem Leben. 
Die schweren Schläge , welche die Deutschen getroffen 
hatten, deren Kriegsruhm durch die siegreichen Sarazenen 
sehr erschüttert war, gaben den Grenzvölkern das Zeichen 
zur Erhebung. Waren es auch die entfernteren Slaven- 
stämme, welche im Sommer 983 aufstanden, so wurden doch 
nicht nur unsere rechtselbischen Marken, sondern auch die 
diesseitigen Gegenden bald in Mitleidenschaft gezogen. Nach- 
dem die "VVilzen Stadt und Bistum Brandenburg erobert 
hatten, fiel der Obotritenherzog Mistui in die Altmark ein, 
wo zu Kalbe an der Milde das Lorenzkloster in Flammen 
aufging und die deutschen Scharen von den Wenden in 
die Flucht geschlagen wurden, während diese, 30000 Mann 
stark, plündernd und verheerend bis zur Tanger vor- 
drangen. 

In dieser Not rafften sich die Deutschen unter Dietrich, dem 
Markgrafen der Nordmark, und den Markgrafen Rikdag und 
Hodo vou Meilsen und der Nordmark auf, denen auch Erz- 
bischof Giseler von Magdeburg und Bischof Hildeward von 
Halberstadt ihre Mannen zuführten. Mit dieser vereinigten 
Macht wurden nun zwar die Wenden nachdrücklich aufs 
Haupt geschlagen ; aber anstatt den Sieg weiter zu verfolgen, 
gingen die Deutschen schon am Tage nach der Schlacht 
wieder auseinander. 

Die Bistümer Havelberg und Brandenburg waren ver- 
nichtet, und es sollte lange dauern, bis die Bischöfe wieder 
ihren Sitz innerhalb ihres Sprengeis aufschlagen konnten. 
Magdeburg, die hehre Stiftung des ersten Otto, lag am 
Ende der Regierung seines Sohnes halb zerstört darnieder; 
nur die südlichen Marken wurden mit ihren Bistümern noch 
kräftig aufrecht erhalten. Aber eins von diesen war durch 
den Ehrgeiz des magdeburgischen Prälaten und die Nach- 
giebigkeit des Kaisers völlig aufgelöst. Bischof Giseler von 
Merseburg, der voll Ehrgeiz den erzbischöflichen Stuhl von 
Magdeburg erstrebte, nach dem Kirchengesetz aber nicht 
von einem Bistum zu einem andern übergehen konnte, hatte 
den Kaiser vermocht, nach Erzbischof Adalberts Tode 
(20. Juni 981), sein bisheriges Bistum aufzulösen und unter 
Halberstadt, Zeitz und Meifsen zu zerteilen, während schnö- 
derweise auch Giseler sich seinen Teil an dem Raube nahm. 
Der grofse Schlag, welcher bald darauf Land und V olk betraf, 
wurde aus dieser nicht zu rechtfertigenden That hergeleitet. 



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Slavenaufstand 983. Gefahren unter König Otto III. 



61 



Während aber hier der junge Kaiser seine Hand zur 
Auflösung eines an den Grenzen Thüringens gelegenen Bis- 
tums bot, hatte er schon im zweiten Jahre seiner Regierung 
bei der Pfalz zu Hemleben, der geweihten Todesstätte seines 
Vaters und Grofsvaters, ein der heiligen Jungfrau geweihtes 
Benediktinerkloster gestiftet und mit so reichen Besitzungen 
ausgestattet, dafs der Gedanke nicht zu fern liegt, er habe 
hier durch spätere Einrichtung eines Bistums für Thüringen 
dem Lande die fehlende kirchliche Einigung und Selbstän- 
digkeit geben wollen. Indem aber sein zweiter Nachfolger 
König Heinrich II. im Jahre 1004 das Bistum Merseburg 
wiederherstellte, Hemleben dagegen 1015 dem Stift Hersfeld 
einverleibte, dessen reichen thüringischen Besitz ein selb- 
ständiges Hochstift an dieser Stelle gefährdet hätte, war 
die Aussicht auf die Errichtung eines solchen thüringischen 
Bistums auf immer dahingeschwunden. 

Nach Ottos II. frühzeitigem Tode waren die Gefahren 
für das gesamte deutsche Reich wie für unser engeres Hei- 
matland um so gröfser, weil der zu Weihnachten 983 zum 
Könige gekrönte Herrscher noch ein Kind war, auch 
grofser Zwiespalt dadurch entstand, dafs sich Ottos III*, rechter 
Vetter Heinrich von Bayern unter dem Vorwande der Ver- 
weserschaft der Alleinherrschaft bemächtigen wollte, während 
andere dem Kinde treu blieben, dessen Vormundschaft die 
verwitwete Kaiserin Theophanu führte. Auf dem Landtage, 
den Heinrich zum Palmsonntage 984 nach Magdeburg be- 
rief, trat er mit seiner Absicht kühn hervor, zumal die 
unserer Gegenden, Erzbischof Giseler an der 
Spitze, auf seine Seite trat. So gebärdete er sich zu 
Quedlinburg, wo er Gesandtschaften und Huldigung der 
Böhmen, Polen und Obotriten erhielt, beim Osterfeste schon 
als König. 

Aber gerade in unseren Gegenden hatte Otto HL auch 
getreue Anhänger. Dazu gehörten die Grafen Bio und 
Ezeko, der tüchtige Graf Ekkehard von Meifsen, Harkgraf 
Dietrich von der Nordmark. Diese traten mit anderen 
Fürsten und Herren auf der Asseburg bei Wolfenbüttel zu- 
sammen und schwuren feierlich dem Kinde Treue zu halten, 
so dafs Heinrich sich nicht gegen sie zu behaupten wufste. 
Der mächtigste Anhänger Ottos aber, der als geistlicher 
Oberhirt, durch seinen reichen Besitz in Thüringen sowie 
auch durch die gegen 987 erfolgte Stiftung des Augustiner- 
Chorherrenstifts zu Oberdorla, dem späteren Archidiakonats- 
sitz, für uns eine gröfsere Bedeutung hat, war Erzbischof 
Willigis von Mainz, der Sohn eines schlichten Mannes aus 



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62 



Dritter Abschnitt. 



Schöningen. Er wufste es besonders dahin zu bringen, dafs 
die meisten aufsersächsischen Bischöfe und Grofsen sich für 
das gekrönte Königskind erklärten. Auch im Kampfe unter- 
lag Heinrich, und in Sachsen wurde von des Königs An- 
hängern eine Burg Ala — man könnte an die Ahlsburg 
an der Ecker, westlich von Ilsenburg, denken, deren 
Name später als Alerdestein erscheint — erobert und die 
dort gefangen gehaltene Adelheid, des Königs Schwester, 
befreit. Auch südlich vom Harz wurde der auf Heinrichs 
Seite stehende thüringische Graf Wilhelm in Weimar be- 
lagert. Sein Hauptgegner war der mächtige Graf Ekkehard, 
Sohn des Grafen Günther, der schon von König Otto I. 
einen Teil der thüringischen Mark erhalten, dieselbe aber 
dann verloren hatte. 

Heinrich wurde ohne eigentlichen Kampf angesichts der 
immer stärker werdenden Partei des jungen Königs zum 
Verzicht auf seine Ansprüche auf die Königskrone und zur 
Abtretung seiner Burgen im Sachsenlande bis auf Merse- 
burg, Walbeck und Frose genötigt. Auf dem Tage zu 
Rava lieferte er am 29. Juni 984 das königliehe Kind aus. 
Dieses wurde dann von den Kaiserinnen Adelheid und 
Theophanu nach Sachsen gebracht und unter der Aufsicht 
des Grafen Hoiko wie seine Väter im Staramlande des 
Königsgeschlechts in ritterlicher Tüchtigkeit und Tugend 
erzogen. 

Zu Ostern des nächsten Jahres war zu Quedlinburg 
wieder eine merkwürdige Feier, wo die Herzöge von Bayern, 
Sachsen und Kärnten zugegen waren und die Herzöge von 
Polen dem Könige und Reiche wieder den Treueid leisteten. 
Krone und Schwert ruhten wieder, dieses Mal unter der 
Vormundschaft der Kaiserin, einer geborenen Griechin, in 
unseren sächsisch-thüringischen Gauen. Als den Sohn ihrer 
Heimat empfingen die Grofsen und sonstigen Landbewohner 
auch den dritten Otto, als derselbe im Frühling des Jahres 
1000 nach längerer Abwesenheit in Italien wieder zu 
Quedlinburg und Magdeburg einzog. Auch besuchte er 
fast jährlich seine Pfalzen nördlich und südlich vom Harz, 
am häufigsten aber Merseburg. Aufser den von seinen 
Vettern besuchten Orten finden wir ihn auch noch nörd- 
licher in Samswegen und dem Balsamgau, der spätem 
Altmark (992/93), und jenseits der Elbe zu Leitzkau. Die 
Jagdlust führte auch ihn ins Harzgebirge, wo ihn z. B. im 
Sommer 995 Ilsenburg sah. 

Während der Minderjährigkeit des Königs hielt seine 
treffliche Mutter Theophanu die Zügel der Herrschaft sieben 



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Ottos III. Sache siegt in Sachsen. Die Eckardinger. 



Jahre lang in fester Hand. Eine besonders schwere Auf- 
gabe hatte sie hierbei in unseren Marken, wo es galt, da» 
im Unglücksjahr 983 verlorene Ansehen und die deutsche 
Herrschaft wieder aufzurichten. Als im Jahre 985 die 
Grafen Dietrich von der Nordmark und Hikdag von der 
thüringischen Mark starben, gab Theophanu dieselben nicht 
den hinterlassenen Söhnen, sondern ihr geeignet scheinenden 
Männern, die Nordmark dem Grafen Lothar von Walbeck, 
die thüringische dem Grafen Ekkehard, der so entschieden 
für ihren Sohn eingetreten war. Der Stammsitz des merk- 
würdigen Geschlechts, dem der letztere entsprofste, war 
(Grofs-)Jena am Zusammenflufs der Unstrut und Saale, 
Naumburg gegenüber. Das zwischen Lothars und Ekke- 
hards Amtsbezirken gelegene Markgebiet, das eine Zeit 
lang unter den Grafen Thietmar und Hodo geteilt gewesen 
war, wurde seit des ersteren im Jahre 978 erfolgten Tode 
als Ostmark oder Mark Lausitz besonders verwaltet. 

Diese drei Marken bildeten aber hinfort nicht mehr durch 
den Vorrang des nördlichen Markgrafen eine gewisse Ein- 
heit, sondern standen vollkommen selbständig neben einander. 
Im Jahre 985 drang wieder ein deutsches Heer gegen die 
Wenden vor, doch wurde längst nicht alles wiedergewonnen, 
was vor zwei Jahren verloren war. Am meisten wurde die 
deutsche Ehre in der thüringisch -meifsnischen Mark durch, 
den tapferen Ekkehard wiederhergestellt, der auch durch 
die Vermählung mit Swanehild, der Sdhwester des säch- 
sischen Herzogs Bernhard und Witwe des Markgrafen Thiet- 
mar, seine Stellung verstärkt hatte. 

Er war die Seele der Feldzüge thüringisch - sächsischer 
Heere, mit denen König Otto in den Jahren 986 und 987 
den abgefallenen Herzog Boleslaw von Böhmen wieder unter- 
warf und das Bistum Meifsen wiederherstellte. Des Mark- 
grafen Ansehen wuchs so sehr, dafs das Volk der Thüringer 
ihn zum Herzog — einem Markherzog — erwählte. Der 
König mehrte noch seine Macht , indem er ihm die meisten 
Reichslehen als freies Eigentum übergab. Im Jahre 990 
führte er mit Erzbischof Giseler von Magdeburg dem Her- 
zoge Mieczislaw von Polen ein Hilfsheer zu, als dieser von 
dem mit den heidnischen Liutizen verbündeten Böhmen- 
herzoge angegriffen war. Der Hauptzweck wurde auch er- 
reicht, so dafs, als die Kaiserin Theophanu mit ihrem Sohne 
im Jahre 991 zu Quedlinburg in gewohnter Pracht Ostern 
feierte, sie hier die Huldigung des Polenherzogs neben der 
des Herzogs von Tuscien empfangen konnte. 

Jene Osterfeier war für die Kaiserin die letzte; am 



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64 



Dritter Abschnitt. 



15. Juni d. J. schied sie von hinnen. Als Tochter des 
Griechenkaisers Romanos hatte sie unmittelbar und noch 
mehr mittelbar für die Kenntnis und Verbreitung griechisch- 
byzantinischer Kunst und Sprache in Sachsen -Thüringen 
einen nicht zu unterschätzenden Einflufs geübt. Gleich da- 
nach kam Ottos III. Grofsmutter, die Kaiserin Adelheid, an 
ihrer Stelle an den kaiserlichen Hof, um die Vormundschaft 
für ihren elfjährigen Enkel zu übernehmen. Das Regimen^ 
ruhte aber jetzt vorzugsweise in m Erzbischof Willigis' Hän- 
den. Daneben hatten auch die Äbtissin Mathilde, Ottos II." 
Schwester, und unter den Grofsen Erzbischof Giseler von 
Magdeburg und Markgraf Ekkehard ansehnlicheu Einflufs. 

Die Wenden wurden zu dieser Zeit sehr erfolgreich be- 
kriegt. Von 991—995 wurden von dem Könige, Markgraf 
Ekkehard u. a. Jahr für Jahr Feldzüge gegen sie unter- 
nommen, teilweise sogar mit Unterstützung der Böhmen und 
Polen, im Jahre 993 sogar drei. Neue Eroberungen wurden 
aber nicht gemacht, die Deutschen mufsten sogar die Wen- 
den noch wiederholt bei ihren Einfällen über die Elbe zu- 
rückwerfen. Die Wenden hatten auch unter einem deut- 
schen Überläufer, einem Grafen Kizo, einen tüchtigen An- 
führer. Nur die Sorben zwischen Saale und Elbe blieben 
unterworfen. Im Jahre 996 kam endlich ein Friede mit 
den Wenden zustande. 

Während hier an den Grenzen die deutsche Obmacht 
einigermafsen wiederhergestellt wurde, litt die Kraft des Reichs 
sehr durch die Richtung, welche die Bestrebungen des drit- 
ten Otto in den letzten Jahren seines kurzen Lebens nah- 
men. Am 21. Mai 996 in Rom zum Kaiser gekrönt, ver- 
senkte er sich in Gedanken und Vorstellungen von einem 
über den besonderen Nationen stehenden römischen Kaiser- 
reiche, die den Boden der Wirklichkeit nicht unter den 
Füfsen hatten. Jauchzten ihm auch im Jahre 1000 die Be- 
wohner seiner Stammheimat zu, als er sie nach langer Ab- 
wesenheit wiedersah, so stand doch sein Sinn nach der 
weiten Ferne. Von einer besonderen Verehrung für den 
„Preufsenapostel" Adalbert ergriffen — derselbe hatte als 
geborener Böhme auf der Domschule zu Magdeburg unter 
Otrik seine Ausbildung und seinen deutschen Namen erhal- 
ten — ging er im Jahre 1000 durch Thüringen, Zeitz und 
die Sorbenmarken zu des Apostels Grabe nach Gnesen. 
Hier wurde auf Betreiben Herzog Boleslaws unter Be- 
förderung des Kaisers eine besondere Mutterkirche und Erz- 
bistum für die polnisch-sla vischen Lande gegründet und da- 
durch in der Übergabe von Pommern, Posen und Schlesien 



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Beschränkung des Magdeburger Sprengeis. Die Ekkehardinger. 65 



der Sprengel des Erzbistums Magdeburg bedeutend einge- 
schränkt. Nur Posen blieb unter seinem Bischof Unger 
noch eine Zeit lang bei Magdeburg. 

Als sich Otto nach seiner Rückkehr um Ostern 1000 
längere Zeit in Magdeburg und Quedlinburg aufhielt, be- 
mühte er sich auf den Wunsch des Papstes um die Her- 
stellung des Bistums Merseburg, wozu es aber auf Be- 
treiben Erzbischof Giselers nicht kam. Nicht lange da- 
nach wurde der hochstrebende kaiserliche Jüngling, dessen 
Vaterland unter seinen aus Italien stammenden Ideen grofsen 
Nachteil empfand, ein Opfer der den Deutschen so gefähr- 
lichen Lüfte Italiens, indem er, noch nicht 22 Jahr alt, am 
23. Januar 1002 in Paterno starb. Bezeichnend für ihn 
war, dafs er nicht neben seinen Vätern zu Quedlinburg 
oder Magdeburg, sondern zu Aachen ruhen wollte, wohin 
seine sterblichen Reste denn auch geschafft wurden. 

War mit dem unvermählt gestorbenen jugendlichen Enkel 
Ottos I. dessen Mannsstamm erloschen, so sollte doch 
ein Sprofs aus des ersten Heinrichs Geschlecht, nämlich 
der Enkel seines ihm gleichnamigen zweiten Sohnes, als 
Heinrich II. noch über zwei Jahrzehnte das Königtum dieses 
sächsisch-thüringischen Geschlechts fortführen, auch bis ins 
11. Jahr die kaiserliche Krone tragen. Bei der im Reich 
nicht feststehenden Erblichkeit der Krone hatte aber der 
zweite Heinrich erst einen Kampf des Thrones wegen zu 
bestehen, den sein Vater vergeblich erstrebt hatte. Von 
den Mitbewerbern war der thüringisch-meifsnische Markgraf 
Ekkehard nicht nur der bedeutendere, sondern auch gerade 
für unsere Gegenden merkwürdigere Mann. Thietmar von 
Merseburg, sein Zeitgenosse, nennt ihn eine Zierde des 
Reichs, eine Säule des Vaterlands, die Hoffnung der Sei- 
nigen, den Schrecken der Feinde und sagt, dafs ihm 
zum vollendeten Manne nur die Selbstbeherrschung gefehlt 
habe. 

Um Grofsjena am Zusammenflufs von Unstrut und Saale, 
das wir schon als Stammsitz des Hauses nannton, lag das 
ursprüngliche Erbgut seines Geschlechts. Zwischen 995 und 
1000 gründete er und seine Gemahlin Swanhild in der be- 
nachbarten Stadt Naumburg das Benediktiner-Mönchskloster 
S. Georgii und das Augustiner-Jungfrauenkloster S. Mauritii. 
Noch wichtiger wurden die Ekkehardinger für die durch 
sie emporgehobene Stadt, als Ekkehards Söhne, die 
Markgrafen Hermann und Ekkehard II., zwischen 1028 
und 1032 die von ihnen dort begründete Hofstätte und den 
ganzen Ort nach dem Wunsche des Kaisers Konrad II. dem 

Jacobs, Gesch. d. Trov. Sacheon. 5 



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CG 



Dritter Abschnitt. 



von Zeitz dorthin vor den fortwährenden Beunruhigungen 
durch die Slaven verlegten Hochstätt Feterpaul übereigneten 
und so die eigentlichen Begründer dieser wichtigen Stiftung 
wurden, in deren Kirche alles an das edle Geschlecht erinnert. 

Die Östlichen Sachsen und die Thüringer wurden vor 
eine schwierige Wahl gestellt, als ihre Grofsen auf die 
Nachricht vom Ableben König Ottos III. zu Frose bei 
Magdeburg zur Beratung zusammentraten und sie zwischen 
dem Urenkel Heinrichs I. und dem tapferen Markgrafen 
Ekkehard entscheiden sollten. Schon neigten Männer wie 
Herzog Bernhard, Erzbischof Giseler und Markgraf Gero 
sich dem im Lande heimischen und angesehenen Markgrafen 
Ekkehard zu, als der ebenfalls zu Frose ersclüenene Markgraf 
Lothar von der Nordmark aus dem Hause Stade sie umzu- 
stimmen und dann auf einem zweiten Tage zu Werla die 
Entscheidung für Herzog Heinrich herbeizuführen wufste. Lo- 
thar war von Ekkehard persönlich gekränkt worden. Dieser 
hatte nämlich seine Tochter Liutgard einst Lothars Sohne 
Werner verlobt, sie demselben aber später, da er höhere Pläne 
verfolgte, verweigert und ihn gezwungen, die Braut heraus- 
zugeben, als sie schon aus dem Stift Quedlinburg entführt 
war. Diese vor drei Jahren zugefügte Unbill sollte sich 
nun an Ekkehard rächen. Viele Grofse Sachsens, und die 
Schwestern König Ottos III., darunter die Äbtissin Adelheid 
von Quedlinburg, traten entschieden auf Heinrichs Seite, 
zumal als Ekkehard in unritterlicher Weise, da die kaiser- 
liche Schwester nach der Entscheidung zu Werla ihren 
Freunden ein festliches Mahl bereitet hatte, mit Herzog 
Bernhard, Bischof Arnulf von Halberstadt und anderen An- 
hängern in den Festsaal drang und die für andere bereiteten 
Speisen verzehrte. 

Vergebens bemühte sich Ekkehard noch durch Verstän- 
digung mit dem dritten Thronbewerber, Herzog Hermann 
von Schwaben , zu seinem Ziele zu gelangen : Da dieser 
nicht zu Duisburg, wohin Ekkehard ihn eingeladen hatte, er- 
schien, so mufste dieser unverrichteter Sache umkehren. Er 
sollte aber seine Stammlande nicht wieder erreichen. Ob- 
wohl vorher gewarnt, wurde er am 30. April 1002 in seinem 
Nachtlager zu Pöhlde von den Söhnen Graf Siegfrieds von 
Nordheim überfallen und getötet. Unbestimmt mufs bleiben, 
ob persönliche Bache oder Einwirkungen seiner Neben- 
buhler in Thüringen die Triebfeder für diese Gewaltthat 
gewesen ist. Die Leiche des Ermordeten wurde erst in 
dem Familienbegräbnis beigesetzt, später in seine Stiftung, 
das S. Georgs -Kloster zu Naumburg, übergeführt. 



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Herzog Heinrich statt Markgraf Ekkehards zum König gewählt, 67 



Da mit dein Tode dieses tapferen Hortes der thüringisch- 
sla vischen Marken, bei dem ein Verdacht der Mitwissen- 
Bchai't auf Herzog Heinrich , der die Mörder straflos liefs, 
halten blieb, der wichtigste Kronbewerber aus dem Wege 
geräumt war, wurde Heinrich schon am 6. Juni durch Erz- 
bischof Willigis zum König gekrönt. Die Thüringer und 
Sachsen, die das Dahinscheiden des streitbaren Markgrafen 
durch den Verlust ostelbischen Landes an den Polenherzog 
am nächsten empfanden und mit Heinrichs Krönung nicht 
zufrieden waren, wufste er bald zu gewinnen, die ersteren 
besonders durch den Erlafs des seit alter Zeit gezahlten 
Schweinezinses. Nachdem die Thüringer ihm am 20. Juli 
gehuldigt hatten, wurde er drei Tage später in Merseburg 
festlich empfangen und ihm tags darauf unter allgemeinem 
Zujauchzen gehuldigt. Die Sachsen gewann Heinrich, in- 
dem er sich in ganz aufserordentlicher Weise als den Ihrigen 
bekannte und erklärte, dafs er nicht wider ihren Willen, 
sondern von ihnen dazu eingeladen nnd mit ihrer Zustim- 
mung als König nach Sachsen gekommen sei. Herzog 
Bernhard überreichte ihm als Zeichen der Herrschaft die 
heilige Lanze, worauf ihm allgemein der Treueid geleistet 
wurde. 

Trotz seiner bayerischen Herzogswürde fühlte Heinrich 
sich als einen Sprossen des sächsischen Stammes, denn am 
Harz und in Thüringen lagen seine alten Pfalzen. Von 
unseren Grenzen aus sehen wir ihn wiederholt ins Feld ge- 
gen die Polen ziehen. Unsere Gegenden erfreuten sich 
seiner besonderen Sorgfalt. Seine Unternehmungen pflegte 
er nicht zu beginnen, ehe er den heiligen Moritz um Rat 
und Hilfe angefleht hatte, und kaum sah ein Ort ihn häu- 
figer, als die Grenzfeste und S. Lorenzens Dom in Merse- 
burg. Weit mehr als die späteren Ottonen fühlte er sich 
in Sachsen heiniisch. Er weilte in Welschland nur so lange 
die Not es erforderte, „Sachsen mit seiner Lieblichkeit und 
Fruchtbarkeit war ihm der Vorhof des Paradieses". Durch 
die Tapferkeit der Sachsen, sagte er, hätten die Vorfahren 
gesiegt und aus ihnen seien Könige und Kaiser zum Heil 
der Christenheit hervorgegangen. 

In Merseburg huldigte Herzog Boleslaw von Böhmen, 
ein mächtiger Nebenbuhler, der deutschen Herrschaft, Als 
er zurückkehrte, wurde er, wohl durch ein Mi fs Verständnis, 
von den Sachsen angegriffen. Herzog Bernhards Dazwischen- 
kunft vermied zwar gröfseres Unheü, aber der erbitterte 
Boleslaw rächte sich durch Verwüstung der Marken und 
scldeppte viele darin angesiedelte Deutsche mit sich hinweg. 

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68 



Dritter Abschnitt. 



Um bei den fortdauernden Gegensätzen im Innern gegen 
den mächtigen Polenherzog eine wirksame Hilfe zu gewin- 
nen, ging Heinrich einen Bund ein, der im Prinzip nicht 
unbedenklich war. Als nämlich zu Ostern 1003 Gesandte 
der Liutizen vor ihm erschienen, nahm er sie ehrenvoll auf 
und schlofs mit ihnen einen engen Bund. Die Wenden 
fühlten sich mit dem Könige durch ein gemeinsames Inter- 
esse verknüpft, denn während von polnischer wie von deut- 
scher Seite die Herrschaft über sie erstrebt wurde, war 
Boleslaws christlicher Bekehrungseifer viel entschiedener als 
der Heinrichs. Daher verständigten sie sich leicht mit letz- 
terem, erkannten die deutsche Oberherrschaft an und leisteten 
willige Heeresfolge, aber auf Kosten der deutschen Mission, 
denn zum Entsetzen frommer Männer, wie eines Thietmar, 
schützte der König sogar das wendische Heidentum mit 
seinen blutigen Menschenopfern. 

Diese Mafsregel stand in seltsamem Widerspruch mit 
seinem Rufe der Heiligkeit, der ihm später die kirchliche 
Kanonisation eintrug, und mit seinen kirchlichen Stiftungen. 
Zu den ersten Sorgen seiner Herrschaft gehörte die Wieder- 
herstellung des Bistums Merseburg, denn alles Unglück, das 
die Deutschen seit Auflösung desselben betroffen hatte, 
wurde dem Zorne des heiligen Lorenz zugeschrieben. Als 
Heinrich 1004 auf der Pfalz Dornburg a. E., Schönebeck und 
Barby gegenüber, weilte, liefs er durch Willigis die Wieder- 
herstellung des Bistums von Giseler entschieden verlangen. 
Dieser suchte die Sache hinauszuschieben, starb aber schon 
am 25. Januar. Da besetzte der König den erzbischöflichen 
Stuhl unter Verkümmerung des freien Wahlrechts des Dom- 
kapitels mit seinem Kanzler Tagino, einem Bayer, während 
er das Kapitel nötigte, dem von ihnen zu Giselers Nachfolger 
gewählten Propst Waithard zu entsagen. Mit Hilfe Taginos, 
den Heinrich sofort investierte, wurde das seit 981 einge- 
zogene Merseburger Bistum wieder eingerichtet, indem einige 
durch die Auflösung vergröfserte Bistümer die erforder- 
lichen Abtretungen dazu machten. Am 6. Februar 1004 
bereits wurde der königliche Kaplan Wiprecht zum Bischof 
geweiht und am 4. März vom Könige eine feierliche Ur- 
kunde über die Erneuerung des Bistums ausgestellt. 

Auch sonst erfreuten Kirchen und geistliche Stiftungen 
im Lande sich vielfach der königlichen Förderung. Bei 
dem ungemein freien Eingreifen in die kirchlichen Dinge 
mufste freilich das S.Johannis-Kloster zu Magdeburg sich in 
eine Propstei verwandelt und das hoffnungsvolle Königsstift 
zu Memleben sich durch seine Einverleibung in Hersfeld 



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Bistum Merseburg wiederhergestellt. Andere geistl. Stiftungen. 69 



ganz von seiner Bedeutung herabgedriickt sehen ; Gernrode- 
Frose wurde dem Königsstift Quedlinburg untergeordnet. 
Dagegen gab er schon im ersten Jahre seiner Regierung 
dem Bischof Arnulf von Halberstadt durch Schenkung der 
königlichen Ilsenburg die längst ersehnte Gelegenheit, an 
dieser naturschönen Stelle ein Benediktinerkloster zu er- 
richten, was dieser denn auch bis zum Jahre 1018 ins 
Werk setzte. Es entstand damit eine der merkwürdigsten 
derartigen Stiftungen im östlichen Sachsenlande. 

Derselbe ehemalige königliche Kanzler hatte kurz vorher 
das bedeutende Chorherrenstift zu Unser Lieben Frauen in 
Halberstadt begründet. Im Jahre 1015 stiftete der vom Kaiser 
gesandte Erzbischof Gero von Magdeburg in seinem Erz- 
bistumssitze ein ebenfalls der Gottesmutter geweihtes Augu- 
stiner - Chorherren stift. Der heilige Moritz zu Magdeburg 
hatte sich besonders unter Geros Vorgänger Tagino, den 
Heinrich sehr hoch hielt, reicher Begabungen zu erfreuen. 
Gleich nach dem Stift Unser Lieben Frauen legte Gero auch 
noch den Grund zu dem Stift S. Sebastiani. Ein drittes dem 
heiligen Martin geweihtes Chorherrenstift, womit der Archi- 
diakonat über das südliche Eichsfeld und die anstofsenden hes- 
sischen Striche verbunden war, entstand zwischen 1011 und 
1021 zu Heiligenstadt durch Erzbischof Erkanbald von Mainz. 

Und wenn auch die Mission unter den Wenden durch 
des Königs Bündnis mit den heidnischen Liutizen lahm ge- 
legt war, so konnten doch wenigstens die Bischöfe von 
Havelberg und Brandenburg in ihre Sprengel zurückkehren. 
In ganz aufserordentlicher Weise wurde aber gerade da- 
mals, als die Mission zwischen Elbe und Oder darniederlag, 
Magdeburg und Sachsen-Thüringen der Ausgangspunkt von 
Bekehrungsversuchen bei den ferner gelegenen Völkern des 
Nordens und Ostens. 

Der gleichnamige Sohn des Edeln Brun von Querfurt 
und der Ida nämlich, aus einem mit dem Königshause ver- 
wandten Geschlecht entsprossen und Schüler des Dom- 
scholasters Geddo zu Magdeburg, fühlte sich, nachdem er 
eine kurze Zeit in königlichen Diensten gestanden hatte, 
dann eine Zeit lang in Rom Mönch gewesen war, zur Nach- 
folge des Preufsenapostels Adalbert, dessen Lebensbild er 
entwarf, getrieben, und begab sich, vom Papste Stephan II. 
zum Missionserzbischof für die östlichen Heiden geweiht, zu 
Anfang des Jahres 1004 zu König Heinrich, um von Sach- 
sen aus zunächst zu den Polen zu gehen. Da das des 
Kriegs mit Herzog Boleslaw wegen nicht anging, so mufste 
er sein Arbeitsfeld weiter im Osten suchen, sich aber noch- 



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70 



Dritter Abschnitt. 



mals vom Erzbisehof von Magdeburg weihen lassen, weil 
sein Missionsgebiet dem Erzbistum Magdeburg, nicht unmittel- 
bar dem Papste unterworfen sein sollte. Wir können auf 
dieses in heiligem Glaubenseifer unternommene Werk hier 
um so weniger eingehen, als es für eine Erweiterung des 
Magdeburger Sprengeis keinen Erfolg hatte, und erwähnen 
nur, dafs der treue Glaubensbote mit Eifer dem fernen 
wilden Volke der Petschenegen am untern Don und Donau, 
durch seine Schüler auch den Schweden predigte, endlich 
bei einem Missionszuge zu den heidnischen Preufsen am 
14. Februar 1009 mit 18 Gefährten erschlagen wurde. 

Mittlerweile beschäftigte den König ganz besonders der 
Krieg, den er mit dem starken Polenherzoge Boleslaw zu 
fuhren hatte. Ein Heer, das im Februar 1004 über die 
Elbe ging, mufste ungünstiger Witterung wegen nach Merse- 
burg umkehren. Hier unterwarf sich ihm der wider ihn 
aufgestandene Markgraf Heinrich von Schweinfurt, der dann 
eine Zeit lang auf der Burg Gicbichenstein, die seitdem 
öfter zum Aufenthalt edler Gefangener diente, in Haft gehal- 
ten wurde. Als dann die italienischen Dinge den König aus 
dem Lande riefen, wurde seine Vertretung in Sachsen der 
Königin Kunigunde übergeben, diese selbst aber der Sorge 
des Erzbischofs von Magdeburg anvertraut. 

Ein am 15. August 1004 von Merseburg aus vom Kö- 
nige selbst geleiteter Kriegszug galt Böhmen, das er auch 
mit Hilfe Herzog Jaromirs den Polen entrifs und dem Ja- 
romir zu Lehen gab. Dabei wurden auch die Milziener 
wieder unterworfen. Am 8. Oktober war der siegreiche 
König wieder in Magdeburg und verlebte den Winter unter 
seinen Sachsen. Im nächsten Jahre war bei dem Zuge ge- 
gen Herzog Boleslaw Chrobry nicht mehr, wie früher , ein 
links-elbischer oder -saalischer Ort der Ausgangspunkt, son- 
dern Leitzkau im Morzanergau. Am 15. August 1005 trat 
hier des Königs Aufgebot zusammen. Das Unternehmen, 
dem sich von anderen Stellen aus auch Bayern, Böhmen 
und Liutizen anschlössen, führte zwar des Königs Völker 
bis nach Polen hinein, war aber nicht entscheidend, doch 
wurde in Posen durch den Erzbischof von Magdeburg mit 
Boleslaw ein Friede abgeschlossen, in welchem dieser auf 
die deutsch - wendischen Marken verzichtete und die Ab- 
hängigkeit vom Reiche anerkannte. Wieder brachte dann 
der König den Winter in unseren Elbgegenden zu, besonders 
auf die Sicherung der Marken seine Thätigkeit richtend. 
Die Grenzburgen wurden hergestellt, die Räubereien der 
Wenden gestraft und mit denselben zu Werben, Arneburg 



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Sicherung der Marken gegen Polen und innere Fehden. 71 



und Welsleben in der späteren Altmark Unterhandlungen 
gepflogen. Auch die sächsischen Grofsen mufsten im Jahre 
1U11 einen feierlichen fünfjährigen Landfrieden schwören, 
da der König mit allem Ernste den verderblichen Fehden 
und der Gewaltherrschaft de3 Adels ein Ende zu machen 
sich bemühte. Die Markgrafschaften waren bereits nahe 
daran, erblich zu werden, doch liefs der Kaiser, als Mark- 
graf Lothar von der Nordmark gestorben war, sich von 
dessen Witwe zweihundert Mark Silber für die Belehnung 
ihres Sohnes Dietrich zahlen. 

Nur zwei Jahre nach dem vom Erzbischof von Magde- 
burg vermittelten Frieden mufste König Heinrich wieder, 
veranlalst durch seine liutizischen und böhmischen Bundes- 
genossen, gegen den grofsen Polenfürsten ziehen. Aber der 
Ostern 1007 unter Erzbischof Taginos Oberleitung mit un- 
genügenden Kräften unternommene Zug wurde nur matt 
geführt. Der Pole erschien mit seinen Scharen bis nahe 
vor Magdeburg, zog sich dann, in unzureichender Weise 
angegriffen, verwüstend zurück und hielt die Wendenmarken 
bis über die Schwarze Elster, also auch ein Stück unserer 
heutigen Provinz, besetzt. An einer kräftigen Verfolgung 
des Polenkriegs hinderten den König nicht zum wenigsten 
wilde Fehden gerade in unseren Marken, und es fehlte nicht 
an ernstlichem Verdacht verräterischer Verbindungen mit 
den Feinden. In der Nord mark kriegte Markgraf Werner 
mit dem Grafen Dedi, den er auf offener Strafse erschlug. 
Markgraf Gero von der Ostmark war mit den benachbarten 
Bischöfen im Streit; auch die geteilten thüringisch - meifs- 
nischen Marken litten Verwüstungen durch die Fehden 
derer, die sie wider den gemeinsamen Feind beschützen 
sollten. 

Es war nur der von anderer Seite bedrohten Lage des 
Polenherzogs zu verdanken, wenn dieser nicht mehr von 
den Slavenmarken an sich rifs. Da luelt der König im 
Jahre 1010 strenges Gericht über die Landfriedensbrecher. 
Markgraf Werner wurde vom Fürstengericht seiner Würde 
entsetzt und die Altmark dem Bernhard, dem Sohne des 
früheren Markgrafen Dietrich, übergeben. Die früher ge- 
teilte thüringisch - meifsnische Mark erhielt Hermann, der 
Sohn des tapferen Ekkehard. 

Nun erst konnte man wieder unter des Königs persön- 
licher Anführung dem mächtigen Feinde entgegengehen. 
Dieses Mal war es noch eine weiter östlich gelegene Stelle, 
von wo man, nachdem Herzog Bernhard von Sachsen und 
Propst Waithard von Magdeburg vorher vergeblich mit 



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72 



Dritter Abschnitt. 



Boleslaw verhandelt hatten, auszog, nämlich von Belegori r 
dem heutigen Belgern oberhalb Torgau an der Elbe. 
Man rückte in das Lusizerland ein. Da aber der König 
und der von ihm hochgeschätzte Erzbischof Tagino von 
Magdeburg erkrankten , so kehrte bei dem Orte Jarina 
(Göhren) ein Teil des Heeres um und über die Elbe zu- 
rück, während der übrige bis zur Oder und nach Schlesien 
vordrang. Danach wurde der wiedergenesene König wieder 
zu Merseburg von seinen getreuen Sachsen und Thüringern 
begrüfst. 

Diesem liefs aber die noch immer über Gebiete, die 
schon sein grofser Ahn Heinrich I. bezwungen hatte, aus- 
gedehnte Macht des Polenherzogs keine Ruhe, und im Winter 
von 1011 zu 1012 bereitete er wieder einen neuen Zug 
vor. Die unter Heinrich I. eroberte und zerstörte Wenden- 
feste Lebuse nördlich von Schlichen wurde jetzt emsig wie- 
derhergestellt und 1000 Mann hineingelegt, um als Stütz- 
punkt für einen Angriff auf die Polen zu dienen. Eine 
vorherige Verhandlung Walthards, der nach Taginos am 
14. Mai 1012 erfolgtem Tode vom Domkapitel und Stifts- 
adel zum Erzbischof gewählt und — obwohl zögernd — 
vom Könige mit Ring und Stab belehnt worden war, hatte 
keinen Erfolg gehabt und so mufste der Erzbischof das 
Heer gegen die Polen fuhren, während die in Merseburg 
weilende Königin Kunigunde die Verweserschaft Sachsens 
übernahm. Als aber im Juli 1012 das wieder bei Belgern 
versammelte Heer gegen den Feind aufbrechen wollte, er- 
krankte Erzbischof Waithard — er starb schon am 12. Au- 
gust — und es traten so viel widrige Umstände ein, dafs 
das Heer sich auflöste, während Boleslaw Lebuse angriff, 
am 20. August erstürmte und die Besatzung niedermachte. 
Die plötzlich ausgetretene Elbe hatte die Sachsen verhindert, 
rechtzeitig Entsatz zu bringen. 

Im September aus dem Westen des Reichs zurückkehrend, 
fand der König sich wieder genötigt, mit Strenge die 
Ordnung in Sachsen herzustellen. In Merseburg wurde der 
hierhin beschiedene Udalrich, Bruder Jaromirs, mit dem 
Herzogtum Böhmen belehnt, die sächsischen Grofsen, welche 
mit Boleslaw im Bunde gestanden hatten, gerichtet und auf 
einem Tage zu Arneburg der Bund mit den Liutizen wieder 
erneuert, und da Heinrich auch seiner inneren Feinde 
Herr wurde, so sah sich der Polenherzog genötigt, um Frie- 
den nachzusuchen. Bei einem Hoftage des Königs zu 
Magdeburg wurde im Februar 1013 Boleslaws Sohn Mieczis- 
law der Lehenseid abgenommen. Pfingsten feierte der König 



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Die Wendenmarken nur teilweise gegen Polen behauptet. 73 



dann wieder in Merseburg. Hier erschien der Herzog 
Boleslaw selbst mit reichen Geschenken und trug als ge- 
treuer Lehensmann dem Könige bei dem festlichen Gange 
zur Kirche das Schwert vor. Dieser aber gab ihm die 
Lausitz und das Milzienerland zu Lehen. Die selbständige 
Stellung, welche diese Länder erhielten und trotz mancher 
Wandelungen jahrhundertelang behaupteten, war von der 
gröfsten Bedeutung für ihre eigentümliche Entwickelung. 
Verbreitete sich auch hier bald bei geistlichen und weltlichen 
Herren und dem sich entfaltenden Bürgertume die höhere 
deutsche Kultur, so erhielt sich doch bei den Bauern 
slavische Sprache und eigenartiges Volkstum viel länger, 
als irgendwo anders in dem Lande zwischen Böhmen, Elbe 
und Oder. Aufserhalb der Provinz hat sich bei dem Land- 
volk sowohl im Lusizer- als Milzienerlande die alte Volks- 
sprache noch in einem ziemlich ansehnlichen Striche er- 
halten, aber auch im äufsersten Südosten unserer heutigen 
Provinz wurde z. B. in der Pfarrgemeinde Bockwitz bei 
Mückenberg noch bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahr- 
hunderts teilweise wendisch gesprochen und gepredigt. 

Auch ein letzter Krieg, den der am 14. Februar 1014 
zum Kaiser gekrönte Heinrich gegen den Polenherzog unter- 
nahm, vermochte die Herrschaft zu keinem weiteren Ziele 
zu bringen, als es im Jahre 1013 erreicht war. Der König, 
der sich Boleslaws Sohn Mieczislaw vom Böhmenherzog 
Udalrich hatte ausliefern lassen, entliefs denselben auf den 
Rat der meisten im November 1014 zu Merseburg ver- 
sammelten Fürsten und Grafen des Reichs an seinen Vater 
gegen das Gelöbnifs der Rückkehr zur Vasallentreue, die 
er eben gebrochen hatte. Nochmals liefs er ihn zu Anfang 
1015 von Magdeburg aus durch den Markgrafen Hermann 
vorladen. In Merseburg erschien aber nur ein polnischer 
Abgesandter vor dem Kaiser. Dieser schürte aber die 
Feindschaft zwischen beiden Teilen noch mehr, und auf er- 
neuerte Vorladung gab Boleslaw einen trotzigen Bescheid. 

So mufste denn abermals das Los des Krieges ent- 
scheiden, und nachdem Heinrich Anfangs Juli zu Magdeburg 
den heiligen Moritz brünstig um Besiegung der Feinde ge- 
beten hatte, rückten drei Heere zu gleicher Zeit aus. Die 
Hauptmacht unter des Kaisers eigener Anführung begab 
sich von Magdeburg wieder in die Torgauer Gegend, um 
bei einem Orte Slancisvordi zwischen Belgern und Torgau 
über die Elbe zu setzen. Die Magdeburger Dienstmannen, 
die „Ritter des heiligen Moritz", bildeten den Kern dieses 
Hauptheeres. Dasselbe drang bis über den Bober, doch 



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74 



Dritter Abschnitt. 



litt hier ein Teil bei dem Rückzüge durch einen Überfall 
schwere Verluste. Mancher magdeburgische Edle fiel, auch 
Gero, Markgraf der Ostmark, dem der Sohn Thietmar in 
der väterlichen "Würde folgte. Bei der Verteidigung und 
dem Wiederaufbau des durch Mieczislaw angegriffenen Meifsen 
leisteten Erzbischof Gero von Magdeburg und Bischof Arnulf 
von Halberstadt mit ihren Mannschaften tapfern Widerstand. 
Die Stadt wurde dem Grafen Friedrich von Eilenburg 
(t 1017) übergeben. 

Das nächste Jahr verlief ohne Kampf, während der 
Kaiserin Kunigunde und den sächsischen Grolsen von dem 
im Westen und Süden des Reichs abwesenden Kaiser der 
Schutz der mittleren östlichen Marken anvertraut war. Lei- 
der begannen bei des Kaisers Abwesenheit die Grolsen wie- 
der ihre Fehden. Markgraf Bernhard überzog den Erz- 
bischof Gero mit Heeresmacht und überfiel dessen Residenz 
bei nächtlicher Weile. Erst als der Kaiser wieder erschien 
und am 6. Januar 1017 zu Aisted t einen Reichstag abhielt, 
wurde die Ordnung wiederhergestellt. Der Erzbischof hob den 
Bann, mit dem er den Markgrafen belegt hatte, wieder auf, 
nachdem dieser barfuß Bufse gethan und der Magdeburger 
Kirche fünfhundert Pfund Silber zum Entsatz gezahlt hatte. 

Von Alstedt aus wurde auch mit dem Polenherzoge 
verhandelt. Erzbischof Gero, Erzbischof Erkanbald von 
Mainz, Bischof Arnulf von Halberstadt, die Grafen Sieg- 
fried, Bernhard u. a. wurden zur Mulde entsandt, um Boles- 
law, der hinter der Schwarzen Elster stand, zu einer Zu- 
sammenkunft zu entbieten. Da dieser aber stolze Antwort 
gab und der Kaiser zu Merseburg vergeblich auf einen 
günstigen Ausgang der Verhandlungen hoffte , so mufste 
wieder ein grofses kriegerisches Unternehmen vorbereitet 
werden. Am 6. Juli war der Kaiser in Magdeburg, zwei 
Tage später setzte er mit der Kaiserin über die Elbe und 
hielt zu Leitzkau einen zahlreich besuchten Fürstentag. Dann 
brachen die Heere, nach erneuten vergeblichen Verhand- 
lungen durch Böhmen und Liutizen verstärkt, auf und dran- 
gen weit ins Feindesland bis Kimptsch und Glogau vor. 
Aber die tapfere, geschickte Gegenwehr der Polen vereitelte 
alle Bemühungen der Deutschen. Eine polnische Schar 
drang sogar durch die Lausitz bis über die Elbe und griff 
Beigem an. Nicht ohne Kampf mufste der Kaiser mit den 
Sachsen und Wenden über Meilsen nach Merseburg zurück- 
kehren. 

Aber der Polen Kräfte waren doch erschöpft und sie 
sandten nach Merseburg, um mit dem Kaiser wegen Aus- 



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König Heinrichs II. letzte Wirksamkeit in Sachsen-Thüringen. 75 



lieferung der Gefangenen, womöglich über den Frieden zu 
unterhandeln. Dieser kam denn auch besondere unter Ver- 
mittelung des Erzbischofs von Magdeburg, des Bischofs von 
Halberstadt, Markgraf Hermanns und Graf Dietrichs zu- 
stande. Auch jetzt blieb die Lausitz und das Milzienerland 
in der Hand des Polen, der aber dem Reiche Freundschaft 
und Lehenstreue bewahrte. Endlich kehrte in unseren lange 
fast Jahr für Jahr durch Krieg und offene Fehde aufge- 
regten Landen Friede ein, und als der Kaiser im Frühling 
des Jahres 1021 in Thüringen und Sachsen, freudig be- 
grüfst von Volk und Edeln, erschien, konnte er frohe Feiern 
begehen, so Palmsonntag im mansfeldischen Walbeck, Ostern 
in Merseburg, dann zu Magdeburg und auf verschiedenen 
thüringisch-sächsischen Pfalzen. 

Besonders die Reformation von Stiftern und Klöstern 
war es, denen der Kaiser in seinen letzten Lebensjahren 
eifrige Sorge zuwandte. Noch zu Ende des Jahres 1023 
versah er den erzbischöflichen Stuhl zu Magdeburg mit 
einem Erzhirten in der Person seines Kaplans Hunfried, den 
Bischofsstuhi zu Halberstadt mit dem bisherigen Abt Brantog 
von Fulda. Als er sein Ende nahe fühlte, sehnte er sich da- 
nach, in Magdeburg im Jahre 1024 das Osterfest zu feiern. 
Er erreichte dieses Ziel auch und wurde mit grofser Pracht 
und Zujauchzen des Volkes empfangen. Ebenso hatte er 
noch die Freude in Halberstadt einzuziehen und den ihm 
besonders werten neuen Bischof in seinem Amte zu sehen. 
Nicht lange darauf verschied der thätige, aber körperlich 
schwache Fürst auf seiner Pfalz zu Grona am 13. Juli 1024. 



Vierter Abschnitt. 

Übersicht der Stifter und Klöster innerhalb des Be- 
reichs der heutigen Provinz Sachsen. 



Mit dem Ableben des letzten Kachkommen König Hein- 
richs I. tritt für die Geschichte der Gegenden, welche heute 
in der Provinz Sachsen zusammengeiafst sind, ein sehr 
wichtiger Abschnitt ein. Über ein Jahrhundert war der 
Herrschersitz des deutschen und römisch - deutschen Reiches 



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7(3 



Vierter Abschnitt. 



auf diesem Boden gewesen. Hier auf den thüringisch-säch- 
sischen Pfalzen und an den vom Königsgeschlecht gegrün- 
deten Stiftern war, trotz alles durch ihren hohen Beruf ge- 
botenen Umherziehens , der Hofhalt und die eigentliche 
Heimat der Könige und Kaiser vom sächsischen Stamme 
geblieben, wohin sie immer wieder zurückkehrten und wo 
sie ihre Gemahlinnen und Vertrauten als Verweser zurück- 
liefsen, so lange sie wegen entfernter Unternehmungen diese 
Lande nicht unmittelbar verwalten konnten. Das mufste 
sich ändern , seitdem Könige von anderem Stamme die 
deutsche und römische Krone auf ihrem Haupte trugen. 

Aber auch in anderer Beziehung waren hier die Dinge 
zu einem gewissen Abschlufs gelangt. In den eroberten 
Wendenländem bis zur Havel und Schwarzen Elster war 
zwar weder die weltliche deutsche Oberherrschaft, noch die 
deutsch-christliche Kultur völlig befestigt worden; dennoch 
entzogen diese Gegenden sich ihr nicht wieder und im 
ersten Viertel des 11. Jahrhunderts sind die übcrelbischen 
oder östlicher gelegenen Orte wie Leitzkau, Belgern und die 
Torgauer Gegend wiederholt der Ausgangspunkt der deut- 
schen Kriegszüge. 

Die Erzbischöfe (Magdeburg, Mainz inbetreff Thüringens) 
und Bischöfe sind schon ziemlich nahe daran, weltliche 
Fürsten zu werden, und die Mark-, Pfalz- und sonstigen 
Grafen und Edlen, die sich schon lange mehr als Landes- 
herren, denn als königliche Beamte und Diener des Reichs 
fühlten, erringen mehr und mehr die erstrebte Selbständigkeit. 

Endlich fehlt zwar noch viel daran, dafs zumal das 
wendische Eroberungsgebiet ganz dem Christentum gewonnen 
wäre, aber mit den Bistümern sind doch längst Plan und 
Arbeitsfelder abgeteilt; kein neues Bistum, keine königlichen 
Stiftungen — wenn wir von der 1220 durch Kaiser Fried- 
rich IL vorgenommenen Umänderung des Jungfrauenklosters 
zu Nordhausen in das Kreuzstift und den späten Gründungen 
Karls IV. in Tangermünde absehen — sind hier hinfort zu 
verzeichnen, sondern nur solche, die von einheimischen welt- 
lichen und geistlichen Herren oder unmittelbar von den 
Orden ausgingen. 

Wir versuchen daher hier eine möglichst gedrängte Über- 
sicht über diese Stiftungen zu geben. Bei der grofsen Fülle 
des Stoffs ist eine Beschränkung auf das Notwendigste ge- 
boten. Die hohe Bedeutung dieser Stiftungen für die ge- 
samte geschichtliche Entwickelung braucht wohl kaum erst 
hervorgehoben zu werden. Es handelt sich nicht nur um über- 
aus reichen weltlichen Besitz, sondern die geistige Kultur, die 



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Einflufs auswärtiger Stifter. Fulda und Hersfeld. 



77 



Verbreitung der christlichen Bildung wurde durch sie ver- 
mittelt, und es lassen sich hierbei sehr merkwürdige und wirk- 
same Einflüsse teils aus den westlichen und südlichen Kultur- 
gegenden Deutschlands, teils aus Italien, Frankreich und 
den Niederlanden bestimmt verfolgen. 

Endlich sind zumal die älteren geistlichen Gründungen 
Familienklöster und -Stifter der vornehmsten Fürsten- und 
Herrengeschlechter des Landes, deren Macht und Ansehen 
nicht zum kleinsten Teile auf den Vorteilen beruht, die ihnen 
die Vogtei über diese Stiftungen gewährte oder die sie 
daraus zu gewinnen verstanden. 

Ehe wir auf die Stiftungen im Lande selbst eingehen, 
mufs auf den Einflufs hingewiesen werden, welchen aus- 
wärtige Stifter in unseren Gegenden übten. Sehen wir dabei 
von den Gütern oder den gröfseren oder kleineren Diöcesan- 
anteilen, welche die Bistümer Verden, Würzburg, Bamberg, 
besonders das Erzstift Mainz bei uns hatten, ab, so ist wenig- 
stens die hohe Bedeutung hervorzuheben, welche Fulda und 
Hersfeld, die grofsen Missionstiftungen des Bonifatius und 
Lullus, besonders für die südharzischen Teile der Provinz 
hatten. 

Hersfeld war so reich mit Kirchen und Zehnten in den 
nachher dem Hochstift Halberstadt zugeteilten Gauen Hasse- 
gau und Friesenfeld ausgestattet — Osterhausen und Isen- 
stedt werden darunter schon 777 erwähnt — , dafs ihre 
Aufzählung einen fast erschöpfenden Schatz der ältesten 
Ortskunde der Gegend bildet. Bis zum Jahre 1015 besitzt 
Hersfeld hier und im eigentlichen Thüringen gegen 1500 
Hufen oder Mansen. Die Zahl der Kirchen war an 
manchem Orte schon in der karolingischen und sächsischen 
Zeit eine recht ansehnliche. Grofsvargula hatte nicht weniger 
als 7, Sömmerda 2 Kirchen. Zu Anfang des 9. Jahrhun- 
derts besafs Kölleda schon eine recht ansehnliche Peter-Pauls- 
Kirche. 

Während diese Kirchen zum gröfsten Teile unter dem 
Stift Hersfeld standen, übertraf das ältere mit bischöflichen 
Freiheiten ausgestattete Fulda die Schwester Stiftung noch an 
Grundbesitz. In 310 Schenkungen wird uns in 340 Orten 
Thüringens ein Besitz von nicht weniger als 3000 Mansen 
zu karolingischer Zeit aufgeführt. Fulda mit den von ihm 
erzählten Wundern galt lange Zeit als das thüringische 
Stammheiligtum, wo die Verfolgten ein Asyl suchten und 
dem sich Freie und Edle zueigen gaben, um Schutz und 
Befreiung vom allgemeinen Aufgebot zu erlangen. Fulda 
und mehr noch Hersfeld hatte die Kirchen Thüringens und 



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78 



Vierter Abschnitt. 



des Hassegaus mit Priestern zu versehen. Damit hing denn 
auch zusammen, dafs die Pflanzung geistiger Kultur be- 
sonders von hier ausging. 

Und keineswegs auf das religiöse Leben war dieser Ein- 
flufs beschränkt. Indem die Abte beider Stifter zur Macht 
ansehnlicher Reichsfürsten emporstiegon, wufsten sie auch von 
ihren thüringischen Besitzungen hohe Erträge und von den 
ihnen zahlreich überwiesenen slavischen Hörigen und armen 
deutschen Liten und Kolonen reiche Leistungen zu er- 
zielen. Die Pflege des Ackerbaus, der Viehzucht und der 
Handarbeit und die Anfange des Gewerbüeilses gingen von 
liier aus. Den Fischfang betrieben besonders die Slaven. Von 
Feldfrüchten wurde Weizen, Gerste, Hafer und Flachs gebaut. 
Die Mühlen waren in den fuldischen und hersfeldischen 
Orten in karolingischer Zeit zahlreich, Vargula hatte ihrer 
achtzehn, Sömmerda sieben. 

Wegen dieser unverhältnismäfsigen Ubermacht der Klö- 
ster Fulda und Hersfeld, die erst um 1073 im Kampf mit 
Mainz gebrochen wurde, erhoben sich in Thüringen erst 
verhältnisinäfsig spat selbständige geistliche Stiftungen. Ganz 
dem thüringischen Kolonisationsgebiet gehören die Hoch- 
stifter Merseburg und Naumburg an. Das zur Karo- 
lingerzeit entstandene Jungfrauenkloster Rohr, Kreis Schleu- 
singen, stand unter Fulda, dessen Abt auch ums Jahr 980 
das Augustiner-Chorherrenstift Grofsburschla bei Treffurt 
gründete. Durch Einverleibung in das Stift Hersfeld sahen 
wir im Jahre 1015 die reiche hoffnungsvolle Reichsabtei 
Mem leben ihrer selbständigen Bedeutung entkleidet. 

Uberblicken wir nun mit Übergehung der schon er- 
wähnten Hoch- und Königsstifter die groise Zahl der geist- 
lichen Pflanzungen in unserem Lande nach dem Charakter 
imd Orden, dem die einzelnen angehören, sowie thunlichst 
nach der Folge der geschichtlichen Entwickelung, so haben 
wir zuerst der wenigen unmittelbar nach Benedikts Re- 
gel eingerichteten Chorherrenstifter zu gedenken. Es sind 
dies nur die beiden um 743 entstandenen Stiftungen des 
Apostels der Thüringer, Bonifatius, das Benediktiner-Mönchs- 
und -Marienkloster zu Erfurt, die später zum Domstift 
vereinigt wurden, das kaiserliche freiweltliche Jungfrauen- 
stift S. Servatii zu Quedlinburg und das der Jungfrau 
Maria und dem heiligen Bruno gewidmete Stift zu Quer- 
flirt, das jedenfalls ins 11. Jahrhundert zurückreicht. 

In dem eigentlichen dem Mainzer Sprengel angehörigen 
Thüringen, stattet in der alten Hauptstadt Erfurt Erzbischof 
Otgar (826— 847) das Augustiner-Chorherrenstift zu S. Se- 



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Benediktiner- und Augustinerstifter. 



79 



veri, wie es heifst an der Stelle des Benediktinerinnen- 
klosters des heiligen Cyriakus aus. Ebendaselbst gründet 
um 1117 Erzbischof Adalbert das sogen. Regle rkloster 
für regulierte Chorherren vom Orden S. Augustins. Dem 
(Benediktiner-)Stift S. Marien verbunden war das Stift zum 
heiligen Brunnen, das der Erfurter Bürger Vierling im 
Jahre 1253 in seiner Vaterstadt erbaute. 1361 wurde die- 
sem Stift seine Selbständigkeit verbrieft. 

Ins 10. Jahrhundert zurück reichen die Landstifter 
S. Bonifatii zu Grofsburschla und S. Petri et Pauli 
zu Oberdorla, deren schon gedacht wurde. Letzteres 
ward 1472 nach der S. Stephans-Kirche in Langensalza 
verlegt. Der Propst dieses Stifts hatte den Archidiakonat 
in einem grofsen Teile des westlichen Thüringens, während 
er in dem nördlich davon gelegenen Eichsfelde zum Teil mit 
dem schon genannten Kollegiatstift des heiligen Martin in 
Heiligenstadt, der schon genannten Gründung Erzbischof 
Erkanbalds, verbunden war. Ursprünglich als Benediktiner- 
Mannskloster von einem Grafen Billung gegründet, war 
Bibra (Biberaha) schon 1107 ein Johannes dem Täufer, 
Peter und Paul, S. Veit und Stephan geweihtes Augustiner- 
Chorherrenstift. Ebenso ging aus den Gütern einer alten 
klösterlichen Stiftung — dem von der Königin J^Iathilde ge- 
^ gründeten Jungfrauenkloster — das Augustiner-Chorherren- 
stift zum heiligen Kreuz in Nordhausen hervor, das 
Kaiser Friedrich II. im Jahre 1220 einrichtete und mit dem 
Charakter einer Reichspropstei ehrte. 

Zahlreicher sind die entsprechenden Stifter im Halber- 
städter Sprengel. Schon erwähnt ist, dals ums Jahr 1000 
an seinem Bischofsitz Bischof Arnulf das reiche Stift Un- 
ser Lieben Frauen gründete, wozu zwischen 1083 
und 1085 der berühmte zweite Burchard das Peter-Pauls- 
Stift fügte. Im Hassegau-Friesenfeld wird ums Jahr 1115 
durch einen Grafen Wichmann im Verein mit Bischof Rein- 
hard von Halberstadt das Augustiner - Chorherrenstift zu 
Kaltenborn gegründet, mit dem der Archidiakonat der 
umliegenden Gegend verbunden war. Das Augustiner- 
Chorherrenstift S. Pauli zu Rofs leben, um 1140 von 
Graf Ludwig von Wippra und seiner Gemahlin Mathilde 
gegründet, 1174 von Kaiser Friedrich I. bestätigt, war schon 
1263 ein Augustiner- Jungfrauenkloster. Erzbischof Wichmann 
von Magdeburg gründete zu Seeburg im mansfeldischen 
Seekreis aus seinem angestammten Besitze zwischen 1170 
und 1179 ein dem heiligen Petrus und Lamprecht ge- 
weihtes Augustiner-Chorherrenstift und um dieselbe Zeit zu 



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so 



Vierter Abschnitt. 



Hundisburg, Kreis Neuhaidensleben, eine Propstei. Das 
Seeburger Stift wurde 1211 von Erzbischof Albrecht nach 
Magdeburg verlegt und wie die Hundisburger Propstei im 
Jahre 1228 mit dem Peter-Pauls- Stift in der Neustadt 
Magdeburg verbunden. Von einem Augustiner - Chorherren- 
stift zum heiligen Geist in Sangerhausen erhalten 
wir im Jahre 1463 nur unzureichende Nachricht. 

In dem zur heutigen Altmark gehörigen nördlichen Teil 
des ehemaligen Halberstädter Sprengeis geht die Gründung 
geistlicher Stifter zumeist auf Grafen und weltliche Landes- 
herren zurück. Das alte vom Grafen Lothar zu W albeck 
942 gegründete Augustiner - Chorherrenstift des heiligen 
Pankraz und Unser Lieben Frauen wurde später 
dem Domstift zu Halberstadt einverleibt, indem seit 1224 
ein Domherr zu Halberstadt Propst jenes Stifts war. 
Eine besondere Bedeutung schien dem Augustiner -Chor- 
herren- oder Domstift zu S. Nikolai zu Stendal zuge- 
wiesen, das ums Jahr 1188 von Heinrich Graf zu Garde- 
legen in Gemeinschaft mit seinem Bruder Otto H., Markgrafen 
zu Brandenburg, auf der markgräflichen Burg gegründet 
wurde. Reich ausgestattet und dem Papste unmittelbar 
unterworfen, war es bei seiner Lage innerhalb einer grofsen 
Landschaft, wol geeignet , der Sitz eines besonderen altmär- 
kischen Bistums zu werden, was aber ebenso wenig hier ^ 
wie bei Erfurt und Memleben für Thüringen in Erfüllung 
ging. 

Zu Tangermünde entstand 1377 in der durch Kaiser 
Karl IV. herbeigeführten kurzen Blütezeit der Stadt bei 
der Kaiserkapelle auf dem Schlosse ein dem Apostel und 
dem Täufer Johannes gewidmetes 1447 von der Halberstädter 
Diöcesanhoheit ausgenommenes unmittelbar unter Rom ge- 
stelltes Augustiner-Chorherren- oder Domstift. Als eine späte 
Gründung dieser Art stiftete ums Jahr 1440 Kurfürst Fried- 
rich IL ein solches Stift bei der Klus- oder Marienkapelle 
vor der Stadt, 1472 von Albrecht II. bestätigt, und 1459 
ein solches zu Arneburg im Kreise Stendal. 

Im Jahre 1265 errichtete Graf Gebhard mit seinem Sohne 
Konrad an der Pfarrkirche der Heiligen Georg und Sil- 
vester in Wernigerode ein Familienstift für zehn welt- 
geistliche Chorherren , einen Diakon und Subdiakon und 
eine entsprechende Zahl von Vikarien. Die Stiftskirche wurde 
Begräbnisstätte für die Grafen und ihre Nachfolger, die 
Grafen zu Stolberg, bis ins 17.. Jahrhundert. Das Augustiner- 
Chorherrenstift zu Aisleben a. S. ward erst 1484 durch 
die Umwandlung des dortigen Benediktiner-Nonnenkloster in 



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Augustiuer-Chorherreiistifter. 



ein solches durch die von Krosigk, die Erbherren der Stadt, 
eingerichtet. 



des 13. Jahrhunderts, wahrscheinlich, wie so manche alt- 
märkiseke Stiftungen, von einem Markgrafen von Branden- 
burg gegründete Augustiner - Chorherrenstift S. Nikolai zu 
Beuster (Boister), Kreis Osterburg. Im Jahre 1337 ver- 
fügte Markgraf Ludwig die Verbindung mit der Propstei 
Neehausen, die aber erst 1370 zustande gekommen zu 
sein scheint. 

Die Magdeburger Diöcese hatte eine Reihe ansehn- 
licher Augustiner - Chorherrenstifter aufzuweisen. Erzbischof 
Geros Gründung von 101 5/1 C, das Stift Unser Lieben 
Frauen, das 1004 78 von seinem Nachfolger Werner er- 
neuert, aber 1129 in ein Prämonstratenserstift verwandelt 
wurde, erwähnten wir schon. Wenig später als Unser 
Lieben Frauen gründete Gero das Stift S. Johannis und 
Sebastiani, Erzbischof Adelgot aber 1108 das Stift 
S. Petri und Nikolai. Propst in beiden Stiftern war ein 
Domherr des Erzstifts. Eine spätere Stiftung dieser Art 
war das von Erzbischof Peter 1373 gegründete Stift Unser 
Lieben Frauen und Gangolfi (Kaidaunenherren), das 
im Jahre 1390 dem Erzstift inkorporiert wurde. In der 
Neustadt gründete Erzbischof Ludolf um 1200 das 
Kollegiatstift S. Peter und Paul, womit, wie erwähnt, 
später die Stifter zu Seeburg und Hundisburg verbunden 
wurden. 

Auch zu Halle, der zweiten Stadt des Erzstifts, er- 
hoben sich mehrere Stiftungen dieser Art. Das der heiligen 
Jungfrau, S. Alexander, auch Johannes dem Täufer gewid- 
mete Neuwerkskloster wird als eine Stiftung Erzbischof 
Adelgots ins Jahr 11 IG gesetzt. Die ersten Stiftsherren 
kamen aus Keyhersdorf im Stift Passau; das S. Moritz- 
Stift in der Stadt gründete Erzbischof Wichmann um 1180. 
Es wurde mit Chorherren aus dem Neuwerksstift besetzt 
und ihm 1502 von Erzbischof Ernst das Augustinerkloster 
zu Mücheln einverleibt. Im Jahre 1519 wurde das Stift 
zugunsten der jüngsten derartigen mittelalterlichen Grün- 
dung, des Neuen oder Dom- Stifts, aufgehoben und seine 
Gebäude dem Predigerkloster übergeben. Jenes dem hei- 
ligen Moritz und der Maria Magdalena gewidmete Stift 
entstand kurz vor 1513 durch Erzbischof Ernst und wurde 
von dessen Naclifolger Albrecht auf der Moritzburg am 
23. Juni 1514 eingeweiht. Schon 1520 in die Stadt ver- 
legt, nahm es das Neuwerks- und das Moritzkloster in und 

Jacob a, Gesch. d. Trov. Sachsen. ü 



Zur Diöcese 




ersten Hälfte 



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82 



Vierter Abschnitt. 



bzw. vor der Stadt iri sich auf. Schon 1541 wurde es 
aufgehoben. 

Eine besonders merkwürdige Stiftung war das im Jahre 
1127 von dem Markgrafen Konrad von Meifsen gegründete 
S. Pete rs- Kloster auf dem S.Peters- oder Lauter- 
berge. Ihm wurde zwischen 1136 und 1150 von Konrad 
dem Grofsen das 1090 von Markgraf Thiruo und seiner 
Gemahlin Ida ausgestattete Augustinerkloster zu Niemeck, 
Kreis Bitterleid, einverleibt. Das Petersberger Kloster war 
die alte Begräbnisstätte des Wettiner Hauses. 

Als Aken an der Elbe als Residenz der Herzöge von 
Sachsen aus askanischem Stamme vorübergehend empor- 
blühte, wurde auch hier um 1270 ein dem heiligen Niko- 
laus geweihtes Familienstift des Augustinerordens gegründet 
Ammensieben im Kreise Wolmirstedt, gegründet 1 120'25, 
wurde schon 1129 in ein Benediktiner - Mönchskloster ver- 
wandelt. 

In dem jetzt preufsischen Teile des Merseburger 
Sprengeis hatte nur die Bischofsstadt ein Augustiner - Chor- 
herrenstift. Ursprünglich im Jahre 1240 an der S. Thomas- 
oder Neuwerks-Kirche begründet, geriet es bald in 
Verfall, wurde aber 1324 von dem Domherrn Dietrich von 
Freckleben wiederhergestellt und 1326 von Bischof Gebhard 
in die S. Sixtus-Kirche verlegt — daher auch S i x t i - 
oder Unterstift genannt. 

In Naumburg wurde von Bischof Dietrich (1244 bis 
1272) ein Kollegiatstift bei der Liebfrauenkirche er- 
richtet. Es wurde mit dem Domstift verbunden ; der Dom- 
propst war Stiftsdechant und Domherr zu Unser Lieben 
Frauen. Das Mannsstift S. Mauritii in Naumburg wurde 
1119 von Bischof Dietrich eingerichtet. Ursprünglich war 
es ein Jungfrauenkloster und eine Gründimg des Markgrafen 
Ekkehard aus dem Hause Grofsjena und seiner Söhne Her- 
mann und Ekkehard II. Noch 1217 war es ein Doppel- 
kloster, d. h. es hatte einen weiblichen Konvent neben dem 
männlichen. 

Als Zeitz vor dem Jahre 1032 aufgehört hatte der Sitz 
eines Bistums zu sein, blieb das bisherige Domstift als ein 
den Aposteln Petrus und Paulus gewidmetes Augustiner- 
Chorherrenstift bestehen. Im Jahre 1119 errichtete Bischof 
Dietrich von Zeitz bei der S. Stephans- Kirche ein Au- 
gustiner-Chorherrenstift, neben welchem seit 1147 noch ein 
Jungfrauenkloster von Bischof Udo eingerichtet wurde. Eine 
Zeit lang bestand S. Stephan als Doppelkloster, seit dem 
13. Jahrhundert nur als Jungfrauenkloster. 



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Augustinerstifter und -klöster. 



83 



Während der zur Provinz Sachsen gehörige Anteil des 
ehemaligen Bistums Havelberg kein Augustinerstift einschlols, 
wurde ein solches als fürstliche Familienstiftung zu W i 1 1 e n - 
berg, Diöcese Brandenburg, in der Residenz der Her- 
zöge zu Sachsen, eingerichtet. 

Innerhalb der Meilsen er Diöcese soll die Antoniter- 
stiftung zu Lichtenburg bei Prettin zuletzt in ein Au- 
gustiner-Chorherrenstift umgewandelt sein. 

Wenn wenigstens in unserer Gegend den Chorherren- 
stiftern nur selten Chorfrauenstifter entsprachen, wie wir es 
bei Quedlinburg und Naumburg sahen, so herrschten bei 
den eigentlichen Klöstern, zumal den älteren, die Jung- 
frauenstiftungen im allgemeinen vor. Wir haben zehn bis 
elf Jungfrauenklöster gegen sieben Mannskonvente zu 
verzeichnen, und an einigen Orten bestand noch längere Zeit 
ein weiblicher Konvent neben dem männlichen fori Hier- 
unter sind jene den Bettelorden sich anschliefsenden , einer 
späteren Entwickelung angehörenden, nicht mit begriffen. 
Wie wir schon sahen, gab es eine Zeit lang Augustine- 
rinnen zu S. Moritz in Naumburg, und zwischen 969 und 
986 wurde auch das Kloster Gerbstädt im Mansfclder 
Seekreiso von Graf Rikdag, späterem Markgraf von Meifsen, 
und seiner Schwester Eilsvit als Augustiner- Jungfrauen- 
kloster gegründet, vom Markgrafen Konrad von Meifsen aber 
1118 als Benediktiner -Nonnenkloster wiederhergestellt und 
neu eingerichtet. 

Sonst gab es im westlichen Thüringen das in die Ehre 
des heiligen Geistes und der heiligen Jungfrau gegrün- 
dete Heiligegeistkloster, Mitte des 12. Jahrhunderts 
in der Nähe des Reglerklosters zu Erfurt, seit 1196 
als Neuwerks- oder Kreuzkloster in die Stadt ver- 
legt. 

Teilweise sehr alt sind die Augustinerinnenklöster in der 
Halberstädter Diöcese. Schon in der Mitte des 9. Jahr- 
hunderts wurde ihnen von einer hessischen Gräfin Gisela 
ein Gotteshaus zu Wendhausen unterhalb der Rofstrappe 
gegründet, von dessen Schicksalen wir schon sprachen. Zu 
Rof sieben wurde das 1140 gegründete Augustiner - Chor- 
herrenkloster ums Jahr 1265 in ein Jungfrauenkloster dieses 
Ordens verwandelt. Das Augustinerinnenkloster zu Ma- 
rie nborn, Kreis Neuhaldensloben , wurde in der ersten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts aus einem daselbst 1191 von 
Erzbischof Wichmann eingerichteten Hospital umgebildet. 
In Stendal sollte das um 1456 vom Kurfürsten Friedrich II. 
gegründete Jungfrauenkioster der Benediktinerregel folgen. 

(5* 



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84 



Vierter Abschnitt. 



Es waren abei* kurz vorher und auch später mit besonderer 
päpstlicher Gestattung Augustinerinnen in demselben. Erst 
spät zogen vom Kloster Marienthal zu Eldagsen aus im 
Jahre 1479 Augustinerinnen nach Badersleben. 

Zwei Augustinerinnenklöster entstanden innerhalb un- 
seres Anteils an der Verden er Diöcese, nämlich das von 
Graf Hermann von Warpke gestiftete, 1162 bestätigte Klo- 
ster Marien werder zu Diesdorf und das durch Testa- 
ment der Elisabeth Stöteroggen im Jahre 1385 gegründete 
zu Salzwedel. 

Als Mitstifter des Klosters der Augustinerinnen zu Brena 
im Magdeburger Sprengel wird der im Jahre 1190 vor 
Ptolemais gebliebene Graf Friedrich von Brena genannt, 
doch erfolgte die päpstliche Bestätigung erst im Jahre 
1201. 

Ahnlich wie bei S. Moritz zu Naumburg war das zwi- 
schen 1107 imd 1108 zu Osterwick gegründete, 1112 
durch Bischof Reinhard von Halberstadt nach II am er sieben 
verlegte Augustinerkloster im Anfang auch Jungfratienkloster, 
dann blofs Mannskloster. Das wohl noch im 11. Jahrhun- 
dert in dem einst vor Halberstadt gelegenen Bofsleben 
gegründete Augustiner-Mannskloster ging 1237 in dein Au- 
gustiner - Ohorherrenstift S. Bonifatii und Mauricii in der 
Stadt auf. In der Stadt stiftete schon Bischof Branthog von 
Halberstadt zwischen 1023 und 1036 ein Johannes dem 
Täufer und Evangelisten geweihtes Mannskloster Augustiner- 
ordens, das Bischof Reinhard um 1120 in ein reguliertes 
Augustiner-Chorherrenstift verwandelte. Sowohl in Erfurt 
als in Salzwedel ging das Augustiner-Mönchskloster von 
einem Heiligengeist-Hospitaie aus, in letzterer Stadt zwischen 
1289 und 1290. Zu Erfurt scheint es im 12. Jahrhundert 
gegründet zu sein; 1217 erneuert, ging es wolü gegen An- 
fang des 15. Jahrhunderts wieder ein. 

Die eigentliche durch manche Reformationen verjüngte 
Stammregel der abendländischen Klöster ist die Regel Bene- 
dikts. Nach ihr wurden bei uns gegen dreifsig Manns- und 
ebenso viel Frauenklöster eingerichtet, die für die geistige 
Kultur hier wie anderwärts von gröfster Bedeutung waren. 

Wie schon erwähnt, ging zu Erfurt das Domstift 
aus zwei mn 743 von Bonifatius gegründeten Benediktiner- 
klöstern hervor. Das den klösterlichen Charakter bewah- 
rende Stift auf dem Petersberge darf zwar ein so hohes 
Alter, wie man ihm wohl beilegt, nicht in Anspruch neh- 
men, führt aber seinen Ursprung doch ins 10. — 11. Jahr- 
hundert zurück. Das ebenfalls früher bis auf Karl d. Gr. 



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Augustiner- und Benediktinerklöster. 



85 



zurückgeführte Benediktinerklostcr zu Homburg bei Lan- 
gensalza war ursprünglich Jungfrauenklostcr, seit 1135 
Mönchskloster. Bibras im Kreise Eckard tsberga gedachten 
wir schon unter den Chorherrenstiftern; 9G5 wurde es von 
Graf Billing als Benediktiner-Mannsklostcr gestiftet. 

Eine Erinnerung an die alte schottische Kirche bewahrt 
das im Jahre 1036 von Walther von Glisberg in Erfurt 
gestiftete Benediktiner - Mönchskloster, secundum regulam 
8. Jacobi Scotorum, kurz Schottenkloster genannt. 

Das Kloster Reinsdorf an der Unstrut richtete 
Wiprecht von Groitzsch durch Vereinigung der von Graf 
Konrad von Beichlingen gegründeten Jungfrauenklöster zu 
Beichlingen und Vitzenburg unter Mitwirkung Bischof Ottos 
von Bamberg 1109 als Benediktinerkloster ein. Des kur- 
zen Bestandes des 975- gegründeten Klosters Mem leben 
gedachten wir schon. Fast gar nichts wissen wir von dem 
Kloster, das ums Jahr 1385 die Grafen zu Honstein zu 
Heringen in der Goldenen Aue errichteten. Nächst He- 
ringen ist in unserem Anteile des Mainzer Sprengeis das 
jüngste aber doch schon zu Anfang des 12. Jahrhunderts 
entstandene Benediktinerkloster, welches die Grafen Widelo 
und Rüdiger und die Gräfin Richardis von Gleichen zu 
G e r e n r o d oder G e r o d e auf dem Eichsfeld in die Ehre 
S. Michaels gründeten und Erzbischof Adalbert von Mainz 
1124 bestätigte. Auf die Grafen von Gleichen folgten die 
Grafen von Honstein als Vögte der Stiftung. 

In der Halber städter Kirchenprovinz soll das ur- 
alte Benediktinerkloster S. Wiporti in der Pfalz zu Qued- 
linburg durch Bischof Haimo 811 gegründet und von 
ihm eingeweiht sein. Seit 1148 folgte es durch Verfügung 
der Äbtissin Beatrix unter Bestätigung Papst Eugens III. 
der Prämonstratenserregel. Demnächst reicht in hohes Alter 
zurück das ums Jahr 93G durch den Grafen Siegfried ge- 
gründete Bcnediktincr-Mannskloster zu Groningen an der 
Bode, ursprünglich von Mönchen aus Corvey besetzt. Es 
bot das merkwürdige Beispiel einer von der geistlichen 
Oberhoheit des Diöcesans ausgenommenen Stiftung inmitten 
seines Sprengeis. Dies führte natürlich zu mancherlei Rei- 
bungen. Im Jahre 1253 erwarb der Bischof die Ober- 
vogt ei. 

Hillersleben nördlich der Ohre, Kreis Neuhaldens- 
lcben, war ursprünglich Jungfrauenkloster, wurde aber ums 
Jahr 1000 den Benediktinerbrüdern eingeräumt. Auch ganz 
im Norden des weit ausgedehnten Halberstädter Sprengeis er- 
hob sich schon vor 977 eines der ältesten der heiligen Jung- 



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86 



Vierter Abschnitt. 



frau und dem Thomas gegründeten Klöster zu Arneburg 
an der Elbe, die Stiftung des Edeln Bruno, eines Ver- 
wandten König Ottos I., und der Gemahlin Brunos Frideruna. 
Von dem bald nach 1003 aus einer Königsburg in ein 
Benediktinerkloster umgewandelten Ilsenburg ging teil- 
weise die Einrichtung des besonders von Bischof Burchard II. 
in dem Laubwalde des Huy gegründeten Klosters Huys- 
burg aus. Ilsenburg war den Aposteln Petrus und Paulus, 
Huysburg der Jungfrau Maria geweiht. Letzteres hatte, 
wie so manche Klöster — wenigstens bis 1155 — einen 
weiblichen Konvent neben dem männlichen. 

Nächst dem S. Peters-Klösterchen zu wüst Haselndorf 
am ehemaligen Gatersleber See, das, vor 1334 gestiftet, unter 
dem Kloster B. Mariae Virginis de Latina zu Jerusalem stand 
und 1485 überschwemmt und teilweise zerstört wurde, und 
dem auch dem Apostelfürsten geweihten zu wüst Erxleben 
bei Aschersleben, das schon in der Mitte des 14. Jahrhun- 
derts verödete, haben wir noch verschiedene Gründungen 
der Benediktinermönche im alten Hassegau - Friesenfeld und 
den benachbarten mansfeldischen und falkensteinschen Ge- 
bieten zu nennen. 

Am weitesten nach Süden lag das der heiligen Maria 
und dem Erzengel Michael geweihte Kloster Goseck, das 
die Brüder Adalbert, später Erzbischof von Bremen, Dedo 
und Pfalzgraf Friedrich II. aus dem Hause Goseck seit 
1041 an der Stelle ihrer alten Burg errichteten, welches 
1043 mit Mönchen aus Corvey besetzt und 1053 durch den 
Mitstifter Erzbischof Adalbert und den Diöcesan Bischof 
Burchard I. von Halberstadt geweiht wurde. Patronat und 
Oberaufsicht hatten zuerst die Erzbischöfe von Bremen und 
die sächsischen Pfalzgrafen Gosecker Stammes und nach 
ihrem Ausgange die Landgrafen von Thüringen, dann die 
Herzöge von Sachsen. Die dem heiligen Cyriakus geweihte 
Niederlassung der Benediktiner zu Wimodeburg, später 
Wimmelburg im Mansfelder Seekreise, wurde von Ma- 
thilde, dem Stamme der nachherigen Grafen zu Mansfeld 
angehörig, gegründet, daher jenes Geschlecht auch die Vogtei 
des Klosters hatte. Das zu Eilversdorf oder Eil- 
wardesdorf jetzt Ilversdorf einst bestehende Kloster wurde 
um 1115 — 1120 von Dietrich, dem Geschlecht der Edel- 
herren von Queriurt angehörig, ursprünglich aber auf der 
Lodersburg unfern Lodersleben auf Anregung Bischof Rein- 
hards gegründet und 1146 von Burchard II. von Querfurt, 
Burggraf von Magdeburg, nach Eilversdorf verlegt. Der 
Jungfrau Maria imd dem heiligen Bruno geweiht, hatte es 



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rJenediktinerklöster. 



87 



auch den Namen Maricnzell. Die Edelherren von Quer- 
furt und zuletzt, als ihre Nachfolger, die Graten von Mans- 
feld hatten die Vogtei. Bis zum Jahre 1118 wird die 
Gründung des in merkwürdigen romanischen Trümmern 
erkennbaren Klosters Konradsburg bei Ermsleben in der 
alten Grafschaft Falkenstein, und zwar auf die Edeln von 
Konradsburg, zurückgeführt. Im 14. Jahrhundert wurde es 
zum Kartäuserkloster umgewandelt. 

Besonderer Ali war das 1170 von Markgraf Alb recht 
dem Bären und seiner Gemahlin Sophie zuKlostermans- 
feld gegründete Mannskloster ord. s. Benedicti de valle 
Josaphat. Es wurde bald nach der Stiftung vom Grafen 
Hoier III. von Mansfeld mit Benediktinern aus dem Thal 
Josaphat besetzt. Das Haupt der Stiftung hiefs nicht, wie 
sonst bei den Benediktinern, Abt, sondern Prior und wurde 
vom Patriarchen zu Jerusalem bestätigt. Vögte des Klosters 
waren die Grafen zu Mansfeld. 

Aufer den bedeutenden Stiftungen Ottos 1. in und bei 
Magdeburg, dem im Jahre 968 zum Domstift erhobenen 
S. Moritz-Kloster und dem S.Johannes-Kloster zu 
Berge vor Magdeburg hatte jener Sprengel nur noch ein 
Benediktiner-Mannskloster, nämlich das zu Ammensieben 
im Kreise Wolmirstedt aufzuweisen. Es wurde gegen 1120 
bis 1125 von Graf Dietrich von Ammensieben, der Gräfin 
Amalrad und ihren Söhnen Hermann, Otto und Dietrich 
gegründet. 

Zu Merseburg gründete 1091 Bischof Werner das 
Peterskloster. Das S. Georgs-Kloster zu Naum- 
burg war eine Stiftung des um das Emporkommen von 
Stift und Stadt Naumburg so verdienten Ekkehardischen 
Geschlechts. Vögte waren die Markgrafen von Meifsen, dann 
die Landgrafen von Thüringen, eine Zeit lang die Schenken 
zu Saaleck, dann die ernestinische Linie der Herzöge von 
Sachsen. Besonders ansehnlich und merkwürdig wurde das 
ums Jahr 1114 von Bischof Dietrich von Naumburg zu 
Bosau unfern Zeitz gegründete Kloster Unser Lieben Frauen 
und Johannes, das mit Mönchen aus dem schwäbischen 
Hirschau besetzt wurde. 

Wir haben nun noch einiger kleinen unselbständigen 
Benediktinerstiftungen, der Propsteien, zu gedenken, die 
von anderen Klöstern abhingen und von ihnen bestellt wur- 
den. Die älteste in der Diöcese Halber Stadt war die 
zu Wanlefsrode, unfern der Ecker im Schimmerwald, 
schon jenseit der Grenze im Braunschweigischen gelegen, 
die von Kaiser Heinrich II. bei der Zelle des frommen Ein- 



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SS 



Vierter Abschnitt. 



Siedlers Wanlef errichtet und dem Kloster Ilsenburg ein« 
verleibt wurde. Diesem Kloster wurde auch die 1243 an 
der S.Andreas-Kirche zu Abbnerode errichtete Propstei 
unterstellt. Schon vor 1223 bestand die westlich von Salz- 
wedel, Diöcese Verden, gelegene Propstei zu Döhre, die- 
dem benachbarten Kloster Diesdorf untergeben war. 

Drei solcher Propsteien lagen innerhalb der Naum- 
burger Kirchenprovinz. Die älteste davon, die zu Schkö- 
len, Kreis Weifsenfeis, wurde im ersten Drittel des 12. Jahr- 
hunderts von der Edeln Bertha von Höningen (f 1143), 
Tochter Markgraf Wiprechts von Groitzsch, gegründet und 
der Stiftung ihres Vaters, dem Kloster Pegau, einverleibt. 
Die in die Ehre S. Wenzels in demselben Kreise zu Li s sc n 
von Reinhardsbrunn aus gegründete Propstei wurde von- 
diesem Kloster aus bestellt und unterhalten. Die Benedik- 
tinerpropstei zu Ziegenrück wird als Gründung des 
Klosters Saalfeld im Herzogtum Sachsen-Meiningen bezeichnet 
und soll aus dem Dorfe Schierlitz nach Ziegenrück über- 
geführt worden sein. 

Den Mannsklöstern an Zahl und Alter mindestens gleich 
waren die Jungfrauenklöster vom Orden S. Benedikts. 
Südlich von Thüringen in Ostiranken war Kloster Rohr 
vor 824 wahrscheinlich von Fulda aus in der Würz- 
burger Diöcese gegründet worden. Innerhalb der Main- 
zer Diöcese soll Bonifatius zu Erfurt das seit 1123 auf 
dem Cyriaksberg vor der Stadt gelegene, dem S. Cyriakus 
geweihte Jungfrauenkloster gegründet haben. Des Jung- 
frauenklosters zu Nordhausen wurde schon gedacht. 

Mehrere Benediktinerinnenklöster unserer thüringischen 
Gegenden waren Gründungen des bedeutenden Klosters 
Reinhardsbrunn oder von ihm abhängig. So gründete zu 
Dietenborn in der Grafschaft Lohra bei einem von dem 
Freien Reinfried und seiner Gemahlin vor 1104 aus Steinen 
erbauten Marienkirchlein Kloster Reinhardsbrunn ein Jung- 
frauenkloster, das von ihm abhängig blieb. Wahrscheinlich 
durch Landgraf Ludwig von Thüringen wurde zu Bonn- 
rode, Kreis Weifsensec, ein demselben Kloster unterstelltes 
Jungfrauenkloster errichtet. 

Erwähnt wurde bereits, dafs die zu Ende des 11. Jahr- 
hunderts von Graf Konrad von Beichlingen zuVitzenburg 
und Beichlingen gegründeten Jungfrauenklöster schon 
nach ein paar Jahrzehnten aufgehoben und aus ihren Gütern 
das Benediktiner - Mannskloster zu Reinsdorf ausgestattet 
wurde. Wie von so manchen kleinen Klösterchen wissen 
wir auch von dem Kloster Zella oder Friede ns spring 



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Benediktinerpropsteien. ßcncdiktinerinnenklöster. 89 



im Kreise Mühlhausen und von Ottenhausen, Kreis 
Weifcensee, nur sehr wenig zu sagen. Ersteres, obwohl erst 
1215 bekundet, dürfte ins 11. Jahrhundert zurückreichen; 
von letzterem haben wir vor 1321 keine Nachricht, obwohl 
es jedenfalls auch eine ältere Stiftung ist. 

Das ansehnliche Jungfrauenkloster Homburg bei Lan- 
gensalza wird von den älteren Chronisten auf Karl d. Gr. 
zurückgeführt, entstand aber wohl erst im 11. Jahrhundert 
durch einen Vorfahren König Lothars des Sachsen, der 
nebst seiner Gemahlin Richenza das Kloster 1136 in ein 
Benediktiner-Mönchskloster umwandelte. Nicht einmal nach 
seinem Orden ist sicher zu bestimmen das Kloster München- 
lohra im Honstei n sehen , das nach historischem Zeugnis 
vielleicht bis 1143, sicher vor 1240 zurückreicht. 

Auch im Halberstädter Sprengel reichen die Kon- 
vente der Benediktinerinnen in die frühesten Zeiten unserer 
Geschichte zurück. Nach einer sachlich unbedenklichen 
Urkunde lallt die Stiftung des Jungfrauenklosters S. Veits 
zu Drübeck in der Grafschaft Wernigerode kurz vor das 
Jahre 877. Danach wird der Stiftung von ihren Begründern, 
der Gräfin Adalbrin und ihren Brüdern Theti und Wikker 
auch ein Marienkloster zu Hornburg einverleibt. Letz- 
teres kann nur das gleichnamige, auch Horn b urg- Celle 
genannte Kloster im Kreise Querfurt sein, von dem sonst 
nur vereinzelte Nachricht, die nicht über das Jahr 1159 
zurückreicht, auf uns gekommen ist. 

Das Kloster Ha dm er sieben an der Bode wurde von 
einem geborenen Edeln von Hadmer sieben Bischof Bernhard 
von Halberstadt kurz vor 961 gegründet. Das Marienkloster 
auf dem Münzenberge (mons Sionis) bei Quedlinburg, 
eine Gründung der Äbtissin Mathilde , Schwester König 
Ottos II., aus dem Jahre 986, war von dem freiweltlichen 
Stift Quedlinburg abhängig. Das zwischen 958 und 965 
gegründete Jungfraucnkloster Hillersleben wurde um 
1000 in ein Mannskloster verwandelt, dagegen das seit etwa 
980 als Augustinerinnenkloster bestehende Gerbstedt im 
Jahre 1118 durch Markgraf Konrad von Meilsen als Bene- 
diktiner-Jungfrauenkloster wiederhergestellt. Wie das Klo- 
ster Münzenberg war auch das im Jahre 989 oder 992 
von der Äbtissin Mathilde gestiftete Walbeck im Mans- 
feldischen von Quedlinburg abhängig. Zscheiplitz, Scheip- 
litz oder Weifsenburg, Kreis Querfurt, die 1089 in die 
Ehre des heiligen Martin errichtete Stiftung der Adelheid 
und ihres Gemahls Landgrafen Ludwigs des Saliers von 
Thüringen, war eine jener zur Sühne für eine Gewaltthat 



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90 



Vierter Abschnitt. 



entstandenen Stiftungen. Vögte des Klosters waren die Land- 
grafen von Thüringen. 

Uber die erste Gründung des Jungfrauenklosters S. Lau- 
rentii zu Stötterlingenburg, dessen Propst schon in 
der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts Archidinkon des 
Banns Osterwick war, haben wir keine sichere Nachricht. 
Sie soll schon im Jahre 995 durch Bischof Hildeward von 
Halberstadt erfolgt sein, geschah aber wohl erst 1023/36 
durch Bischof Branthog. Zwischen 1106 und 1109 richtete 
Bischof Reinhard die Stiftung aufs neue ein. 

Die übrigen Klöster der Benediktinerinnen im Halber- 
städtischen nahmen erst seit dem 12. Jahrhundert ihren An- 
fang. Das Marienkloster zu Rohr b ach an der Helme 
wurde von Graf VVichmann im Jahre 1115 wegen des Sie- 
ges im Welfsholze gegründet. Dafs in das von Kurfürst 
Friedrich II. 1456 als Benediktinerkloster gegründete Jung- 
frauenkloster zu Stendal, weil es geeignete Jungfrauen 
jenes Ordens damals nicht gab, Augustinerinnen einzogen, 
sahen wir bereits oben. 

Im ver denschen Teil der Altmark ist uns von dem 
Kloster zu Kalbe an der Milde, das im Jahre 983 bei 
dem allgemeinen Slavenauf stände in Flammen aufging, nur 
durch den Chronisten Nachricht erhalten. Das Kloster Un- 
ser Lieben Frauen zu Arendsee gründete ums Jahr 1184 
Markgraf Otto I. von Brandenburg, das zu Crevese, 
Kreis Osterburg, um 1250 Graf Werner zu Osterburg, Klo- 
ster Dambeck im Salzwedeler Kreise aber 1224 oder 1244 
ein Graf von Dannenberg. 

Das S. Stephans-Kloster zu Zeitz wollte Bischof 
Udo nach dem neuen Orden der Cistercienser einrichten, 
aber auf den Rat Bernhards von Clairvaux selbst besetzte 
er es mit Benediktinerinnen aus dem blühenden Kloster 
Drübeck, die denn auch im Jahre 1147 feierlich dort ein- 
zogen. Nächst dem der alten Völkergrenze näher gelegenen 
Zeitz war auf dem gesamten früher slavischen Boden un- 
serer Provinz Sitzenrode oder Marienpforte im Kreise 
Torgau das einzige Benediktinerinnenkloster, das kurz vor 
1198 von Markgraf Dietrich von der Lausitz und zu Lands- 
berg, gegründet sein soll. 

Während Augustiner und Benediktiner die alten Orden 
sind, entstehen seit dem Ende des 11. Jahrhunderts neue 
Bildungen, welche gegen den Abfall und die Entartung in 
der Kirche und insbesondere im Klerus das Ordenswesen in 
seiner Reinheit wiederherzustellen oder zu stützen suchen, 
denn die neuen Regeln stellen sich nur als Umgestal- 



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Benediktiner. — Neue Orden, Kartäuser, Cistercienser. 91 

tun gen der im wesentlichen beibehaltenen alten dar. Be- 
sonders aus den romanischen Ländern, zunächst Frankreich, 
hervorgegangen, verzweigen sich diese Orden und ihre Ein- 
flüsse auch bald bis in unsere Gegenden. 

Zuerst dem Alter nach sind die ums Jahr 1086 in der 
Einöde von La Chartreuse bei Grenoble durch Bruno, einen 
geborenen Kölner, gesammelten Kartäuser zu nennen, 
die als möglichst streng von der Welt abgeschlossene Ein- 
siedler frei von aller Sorge, Last, Freude und Bewegung 
des Lebens sich den Himmel zu verdienen und die Grund- 
sätze Papst Gregors VII. durchzuführen suchten. Diese 
weifsgekleideten Mönche wollten nur strenger nach der Kegel 
Benedikts leben. 

Innerhalb der heutigen Provinz Sachsen treten die An- 
hänger dieses Ordens erst sehr spät und in einer jüngeren 
Gestalt auf. Zu Erfurt wird im Jahre 1375 das Kar- 
täuserkloster zu S. Salvator von den Testamentarien Jo- 
hanns von Hagen, Priesters auf dem Hülfensberg im Eichs- 
felde, gegründet und 1380 die Klosterkirche geweiht. Von 
hier aus wurde 1478/80 ein Kloster dieses Ordens zu Krim- 
mitzschau in Sachsen gegründet. Ebenfalls erst im 14. Jahr- 
hundert fand die Umwandlung des alten Benediktinerklosters 
zu Konradsburg im Falkensteinschen in ein Kartäuser- 
kloster statt. 

Eine unvergleichlich gröfsere und wirklich hohe Bedeu- 
tung nicht nur für das geistige Leben, sondern auch be- 
sonders für den Anbau und die Landwirtschaft in unseren 
Gegenden erwarben sich die Cistercienser. Ursprüng- 
lich aus demselben Streben nach Vervollkommnung durch 
Weltflucht ausgegangen wie die Kartäuser und überhaupt 
diesem nur wenig älteren Orden in seinen Satzungen durch- 
aus ähnlich, wurde ihnen doch erst durch die grofse Per- 
sönlichkeit des begeisterten glaubensinnigen Bernhard von 
Clairvaux, der 1113 in das Stammkloster Citeaux eintrat, 
ihr frisches Leben eingehaucht. Die Kraft dieses Ordens 
lag nächst der ursprünglichen Begeisterung in der festen, 
straffen Organisation mit ihren 25 Diftinitoren , der Unter- 
scheidung eigentlicher Mönche und dienender Brüder, ihrer 
freien selbständigen Stellung gegenüber den Bischöfen und 
dem festen Familienzusammenschlufs der einzelnen Klöster 
unter ihre Stamm- und Mutterklöster. 

Schon zu den Zeiten des grofsen Bernhard entstanden 
bei uns einige wichtige Stiftungen dieses Ordens, die mittel- 
bar auf das französische Stammkloster Morimund zurück- 
gingen. Die älteste dieser Gründungen ist Pforte oder 



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92 



Vierter Abschnitt. 



S c hui p forte bei der Stadt Naumburg. Ein Graf Bruno 
und seine Gemahlin Willa hatten um 1127 zu Schmölln im 
Osterland ein Benediktiner - Jungfrauenkloster gestiftet, das- 
selbe aber 1132 mit Cistercienserbrüdern aus Walkenried, 
einer Tochter von Altenkampen bei Geldern , Enkelin von 
Morimund , besetzt. Da aber die ursprüngliche Stiftung 
recht inmitten der dichtesten noch sehr unvollkommen be- 
kehrten Wendenbevölkerung angelegt war, so verlegte Bischof 
Udo von Zeitz das Kloster um 1136 nach Pforte. Nach- 
dem die Brüder ein paar Jahre das Vorwerk zu Kösen 
bewohnt hatten, nahmen sie gegen 1140 ihren festen Wohn- 
sitz zu Pforte, wo sie wenigstens später unter der Vogtei 
der Markgrafen von Meifsen und Herzöge von Sachsen 
standen. Die Brüder erfreuten sich ansehnlicher Schen- 
kungen, führten eine sehr geregelte Wirtschaft und forderten 
mit Eifer den Anbau besonders der sumpfigen Strecken an 
der Saale und unteren Unstrut. Die Brüder zu Pforte 
waren, wie Bischof Wichmann von Naumburg (1150/54) 
sagte, für seine Gegend, was Joseph für den Erzvater Jakob * 
war. Sie trieben Garten- und Weinbau : die Reben wurden 
aus den Stammklöstern in der Champagne und Burgund be- 
zogen. 

Schon 1 1 44 legte Pforte einen Weinberg an der Saale 
an und grofse Mengen an Wein erzeugte das Kloster im 
12. und 13. Jahrhundert. Ebenso war es mit dem ein- 
geführten Obste, das von Morimund über Walkenried ein- 
geführt wurde. Dazu werden die nach dem benachbarten 
Klostergut Borsdorf genannten Apfel gerechnet. Auch in 
anderen Zweigen der Betriebsamkeit, Wollweberei, Schuh- 
macherei, Mühlenanlagen setzten die Cistercienser die Kultur- 
arbeit von Fulda und Hersfeld fort. 

Ebenfalls als eine Tochter von Walkenried wurde unter 
dem Schutz der Grafen von Mansfeld im Jahre 1141 das 
Kloster Sittichenbach oder Sichern, Kreis Querfurt, 
gegründet, merkwürdig durch den Abt Volkwin (Volquin) 
und die ums Jahr 1250 im Kloster geschriebenen „miracula 
s. Volquini". Der Abt zu Sittichenbach hatte die Oberauf- 
sicht über die Ordensklöster zu Lehnin, Buch, Paradies, 
Gronenhagen, Marienhagen und Peterszell. 

Tochter des benachbarten jetzt zu Sachsen - Gotha ge- 
hörenden Volkerode oder Volkolderode war das auf dem 
Eichsfelde, Kreis Worbis, gelegene Kloster Reifenstcin. 
Es wurde im Jahre 11G2 von Graf Erwin von Tonna- 
Gleichen unter Beteiligung seines Bruders, seiner Gemahlin 
Guda und seiner Töchter gestiftet. Das Geschlecht der 



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Cistercicnscr. 



9:3 



Stüter unter den verschiedenen Benennungen Tonna, Velseck, 
Oleichenstein hatte die Vogtei. 

Auch auswärtige Cistercienserklöster hatten in unseren 
Oegenden bedeutende Besitzungen und entsprechenden Ein- 
fluß, so Kloster Walkenried in der Goldenen Aue und bis 
jenseit des Harzes zu Schauen und Osterwick. Zu Belgern 
an der Elbe, in dessen Nähe Markgraf Dietrich das Städt- 
chen Schiida gründete, hatten die Cistercienser aus Buch 
schon 1267 einen Klosterhof und zu Anfang des 14. Jahr- 
hunderts erwarben sie das ganze Städtchen. Im Jahre i486* 
ward hier eine zu ihrer Zeit merkwürdige Schule eingerichtet. 

Wenn He der sieben bei Eisleben mit unter den Cister- 
<jienserklöstern aufgeführt wird, so kann das nur für eine 
spätere Zeit gelten. 

Haben unsere Cistercicnscr - Mannsklöster bei geringer 
Zahl eine grofse Bedeutung, so ist bei den meist zahl- 
reichen weiblichen Konventen dieses Ordens, die sich 
auf mindestens 35 belaufen, das Umgekehrte der Fall. Eist 
spät entschlossen sich überhaupt die Cistercienser dazu, 
weibliche Konvente in ihren Orden aufzunehmen. Während 
unter den Mannskonventen der engste Zusammenschlufs, die 
festeste Unterordnung der Tochterklöster unter ihr Stainm- 
klostcr stattfand, waren die meisten Jungfrauenklöster nur 
lose mit dem Orden verbunden. In den alten Verzeichnissen 
des Ordens finden wir sie teilweise nicht einmal mit aufgeführt. 
Zuweilen ist der Ordenscharakter gar nicht bestimmt, was 
sich ja auch daher erklärt, dafs die Regel der Cistercienser 
nur eine Umarbeitung der des heiligen Benedikt war. Als 
im Jahre 1291 Bischof Bruno von Naumburg das Cister- 
cienser - Jungfrauenkloster zu Marienthal bei Eckartsberga 
gründete, wurde ausdrücklich vorbehalten, dafs es dem Orden 
nicht einverleibt werden, sondern direkt unter dem Erz- 
bischof von Mainz stehen solle. Auch in religiös - geistiger 
Beziehung haben diese Klöster im allgemeinen nur eine 
untergeordnete, ja teilweise eine sehr nachteilige Einwirkung 
geübt. Meist infolge der gewaltigen Verluste des männ- 
lichen Geschlechts durch die Kreuzzüge und deren Nach- 
wehen entstanden, bekunden diese vielfach überfüllten Kon- 
vente die geistige Erschlaffung, welche auf die feurige Er- 
hebung jener Epoche folgte. Zwar ist es schwer zu sagen, 
welche Ordensgemeinschaft im Wetteifer um den Marien- 
kultus das Höchste geleistet hat; aber die Cistercienserinnen 
gingen doch darin sehr weit. Und der Reliquienkultus, die 
Sammlung von Reliquien, die Heiligenblutmirakel fanden 
hier eine sein- zähe Pflege. Frische und Kraft einer ur- 



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94 



Vierter Abschnitt. 



sprünglichen Persönlichkeit wird hier vergeblich gesucht. 
Es genüge, die einzelnen Klöster innerhalb der Sprengel 
alphabetisch geordnet aufzuführen. 

Mainzer Diöcese: 

Annerode, Eichsfeld, nordwestlich von Mühlhausen, 
1268 von Heinrich Kämmerer zu Mühlhausen gestiftet, 
wahrscheinlich mit Nonnen aus Breitenbach, Kreis Worbis, 
besetzt, das wegen beständiger Befehdung nicht zustande 
kam. 

Beuren, Kreis Worbis, 1201 von Konrad von Boden- 
stein, Domkantor zu Hildesheim, gestiftet, eine Tochter 
von Wöltingerode an der Oker, Mutter von Marksufsra im 
Schwarzburg-Sondershäusischen (1287). 

Donndorf bei Wiehe, 1250 wahrscheinlich von 
einem Grafen von Beichlingen gestiftet; 1452 erwarben 
die Herren von Werthern die Vogtei. 

Erfurt, Mariengarten vor dem Krämpferthor, 
später Martinikloster im Brühl, zwischen 1288 und 
1290 von Meister Heinrich Bauso (f 1303) gegründet,. 
Tochter vom Kloster Berka im Sachsen- Weimarischen. 

He sei er, Kreis Eckartsberga, vor 1240 gestiftet. 

Gr ofs ballhausen, Kreis Weifsensee, wohl im 
13. Jahrhundert entstanden, seit 1326 nach Grofs- 
Furra (Schwarzburg- Sondershausen) übergeführt, dessen 
Kirchenpatronat Landgraf Friedrich von Thüringen 
dem Kloster vier Jahre früher geschenkt hatte. 

Kelbra, S. Georgs-Kloster, Mitte des 13. Jahrhun- 
derts von Friedrich HL, Grafen von Beichlingen, ge- 
süitet. 

Kölleda, S. Marien- und Johannes -Evangelisten- 
Kloster, um 1266 von einem nach der Stadt genannten 
Edeln gestiftet, vielleicht einem Grafen von Beichlingen, 
da dieses Geschlecht die Vogtei hatte. 

Marienthal bei Eckartsberga, 1291 von Bischof 
Bruno von Naumburg gegründet. 

Nordhausen, Unser Lieben Frauen Kloster auf 
dem Frauenberge seit Anfang des 13. Jahrhunderts; 
1233 von Erzbischof Siegfried III. von Mainz als förm- 
liches Kloster eingerichtet. 

Nordhausen, Unser Lieben Frauen Kloster im 
Altendorfe vor Nordhausen, wurde von dem zwei 
Stunden nördlich gelegenen Bischofrode 1294 nach 
Nordhausen verlegt. 

Teistungenburg, Kreis Worbis, um 1240 von 



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Cistercicnser - Juugfrauenklöster. 



95 



dem überfüllten Beuren aus gegründet, seit 1265 selb- 
ständig von dein Mutterkloster, bis nach 1300 über 60 
Nonnen enthaltend. Im Jahre 1303 setzt Erzbischof 
Gerhard ihre Zahl auf 40 fest. 
Worbis. 

Diöcese Naumburg. 

Beutitz, Kreis Weifsenfeis, Unser Lieben Frauen 
und S. Matthäus geweiht, 1218 von einer Gräfin Mech- 
tild als Hospital, bald darauf als Cistercienserkloster 
eingerichtet. 

Langendorf, S. Annen-Kloster, vor 1230 gegründet. 
Wenn zwischen 1235/38 im benachbarten Greislau ein 
Cistercienserkloster erscheint, so ist das Langendorfer 
auf eine kurze Zeit hierhin versetzt. Die Schutzvogtei 
ging von den Schenken von Wiedebach auf die Mark- 
grafen von Meifsen über. 

Diöcese Halberstadt. 

Abbenrode, Patron S. Andreas. Ursprünglich 
Doppelkloster Benediktinerordens, war die 1145 ge- 
gründete Stiftung später Cistercienserinnenkloster. Die 
im Jahre 1243 bei dem Kloster begründete Propstei 
von sechs regulierten Chorherren war dem Kloster 
Ilsenburg unterstellt. 

Adersleben oder Nikolausberg bei Wegcleben, 
1260 durch Bischof Volrad von Halberstadt gegründet, 
Tochter des Jakobi-(Burchardi-)Klosters zu Halberstadt. 

Althaldensleben, 965 als Benediktinerkloster 
begründet, 1228 mit Cistercienserinnen aus Wöltinge- 
rode besetzt. 

Aschersleben, Kloster Unser Lieben Frauen vor 
der Stadt, in der Mitte des 13. Jahrhunderts von Graf 
Otto I. von Aschersleben gegründet und von Mechtild, 
Gemahlin des Fürsten Heinrich von Anhalt, gefördert, 
wird zuweilen (so 1380) als ordinis s. Bened. bezeichnet. 
Von einer zweiten Cistercienserstiftung S. Agneten, die 
1275 hier erwähnt wird, wissen wir nichts Näheres. 

Egeln. Das im Jahre 1258 vom Edeln Otto von 
Hadmersleben und Gräfin Jutta von Blankenburg ge- 
stiftete Kloster Marienstuhl bei Egeln wurde nach 
der Cistercienserregel eingerichtet. Die ersten zwölf 
Schwestern kamen aus Blankenburg. 

Halberstadt. Ein Cistercienserinnenkloster S. Ja- 
cob i beim Breitenthor geht bis ins 12. Jahrhundert 



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<fö Vierter Abschnitt. 

zurück. Dasselbe wurde 1208 an die Tempelherren 
für den S. Burchards-Hof vor der Stadt, wo nun das 
Kloster als erneuerte Gründung errichtet wurde, ver- 
tauscht. 

He der sieben bei Eisleben, 1201 vom Grafen 
Bernhard von Mansfeld, dessen Geschlecht die Vogtei 
hatte, gegründet, ein Kloster Unser Lieben Frauen. 

Iledersleben an der Selke, Unser Lieben Frauen 
und S. Gertrud geweiht, 1253 durch Albrecht und 
Ludwig, Edle von Hackeburu, begründet und 1262 mit 
Nennen aus Helfta besetzt. 
Besunders bewegte Schicksale hatte das in der ersten 
Hälfte des 13. Jahrhunderts vom Grafen Burehard von Mans- 
feld und seiner Gemahlin Elisabeth geb. von Schwarzburg 
gegründete Marienkloster zu Mansfeld uder Thal mans- 
feld, dessen Konvent von dem Jakobikloster zu Halber- 
stadt ausging. Schon 1225 von der Witwe des Stifters 
nach Rothardesdorp ( Rottelsdorf ) verpflanzt, mufften die 
Jungfrauen 1258 nach Helfta übersiedeln. Und da die 
Stiftung hier fast unausgesetzten Verfolgungen preisgegeben 
war, wurde sie endlich 13 J2 unter dem Namen Neu he Ifta 
in die Nähe von Eisleben verlegt. 

Meiendorf beim magdeburgischen Seehausen, Kreis 
Wanzleben, 1267 von Heinrich von Gronenberg und 
seinem Bruder, dem Kitter Gebhard, gegründet. 

Neuendorf, Kreis Gardelegen, um 1232 von Graf 
Siegfried von Osterburg und den Markgrafen Johann I. 
und Otto III. gestiftet. 

Nikolausrieth an der Helme, unbedeutend, um 
1250 von Walkenried begründet, vielleicht kein eigent- 
liches Kloster. 

Kohrbach an der Helme folgte im 13. Jahrhundert 
der Cistercienserregel. 

Sanger hausen. Das S.Katharinen-Kloster wurde 
wohl vom benachbarten Helmsthal 1205 hierhin verlegt 
und im Jahre 1286 vom Markgrafen Friedrich Tutta 
bestätigt. 

Water ler, S. Jakobi - Kloster. An einer Heiligen- 
blut-Kapelle, die infolge eines ins Jahr 1228 gesetzten 
Mirakels entstand, bildete sich um 1300 ein Cister- 
cienserinncnkloster , das von den von Hasserode, den 
Grafen von Wernigerode, von Blankenburg u. a. aus- 
gestattet wurde. 
In unserem Anteil der Verdener Diöcese soll nach 
einer legendenhaften Nachricht 1228 in einem unbekannten 



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Cistcrcienser- J ungfrauenklöster. 



97 



altmärkischen Orte Rodekat durch einen Laienbruder Johann 
ein Klösterchen von Wolmirstädt aus gegründet sein, das 
jedoch bald nach Plate bei Klötze versetzt wurde, um bald 
«uch von hier nach Bodendorf, endlich nach Alt -Medingen 
im Lüneburgischen überzusiedeln, 

Diöcese Magdeburg. 

Glaucha, S. Georgs-Kloster, vor 1192 durch Erz- 
bischof Wichmann gegründet, 1231 nach Glaucha über- 
geführt durch Erzbischof Albrecht II. Zu Anfang des 
16. Jahrhunderts wird es wiederholt als Tochter von 
Zinna bezeichnet. Es erhielt den Weihenamen Marien- 
kammer. 

Magdeburg, S. Lorenz -Kloster in der Neustadt 
1209 durch Erzbischof Albrecht IL gegründet und teil- 
weise mit Jungfrauen aus Wöltingerode besetzt. 

Magdeburg, S. Agnetenkloster in der Neustadt 
an der Elbe hart am Sandthor zwischen 1235 und 
1243 durch Erzbischof Wilbrand gegründet. 

Wolmirstädt, eine im Jahre 1228 entstandene 
Tochter des lüneburgischen Klosters Medingen, an- 
geblich 1266 von dem wüsten Saalhausen an der Ohre 
hierhin verlegt. 
In unserem Anteile des Brandenburger Sprengeis 
gründete im Jahre 1228 zu Plötzke (verderbt Plötzky) 
bei Gommern Herzog Albrecht I. von Sachsen ein der hei- 
ligen Maria Magdalena geweihtes Kloster. In der bischöflichen 
Residenz Ziesar wird zwischen 1327 und 1347 vorüber- 
gehend ein Cistercienserinnenkloster erwähnt 

In der Meifsener Provinz war es wohl Heinrich der 
Erlauchte, der zu Torgau ein Oistercienser - Jungfrauen- 
kloster gründete und mit den Pfarren zu Torgau, Altbelgern 
und Weifsnig ausstattete. Aber schon 1250 siedelte der 
Konvent nach Grimma über. So wie hier die Begründung 
des Jungfrauenklosters mitten im ehemaligen Wendenland 
einen Markstein für die vollendete Gerraanisierung des 
Landes bedeutet, so auch die des noch etwas weiter süd- 
östlich gelegenen Mühlberg, welches die Edeln Otto und 
Bodo von Ilburg 1228 als eine Familienstiftung für Cister- 
cienserinnen errichteten, indem sie ihm den Weihenamen 
Güldenstern beilegten. Die Adeligen der Gegend, die Edeln 
von Ilburg, die von Pack, von Landsberg u. a. brachten 
hier ihre Töchter unter. 

Gleich den nur wenig älteren Kartäusern und den 
Cisterciensern auf französischem Boden, und zwar im Kloster 

Jacobs, Gesell, d. Prov. Sachsen. 7 



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Vierter Abschnitt. 



Premontre (Praemonstratum) in der Champagne seit 1121 
begründet, gehört doch der Orden der Prämonstratenser 
oder Norbertiner, dessen Satzungen eine sehr strenge Neu- 
gestaltung der Augustinerregel darstellen, in ganz besonderer 
Weise Deutschland und speziell dem Boden unserer Pro- 
vinz an. Denn sein sittenstrenger, wenn auch von Härte 
und Ehrsucht nicht freier Begründer, der apostolische Nor- 
bert aus Xanten am Niederrhein, ist nicht nur gleich dem 
Stifter des Kartäuserordens von Geburt ein Deutscher, son- 
dern er hat für Kaiser und Reich, insbesondere aber in 
unseren Gegenden als Erzbischof von Magdeburg (1126 
bis 1134), in der verhältnismäfsig kurzen Zeit seiner refor- 
matorischen Lebensperiode ungemein viel gewirkt, ja der 
einst in der ganzen abendländischen Christenheit verbreitete 
Orden hat gerade von hier aus seine ursprünglichste und 
merkwürdigste Thätigkeit entfaltet. 

Die Magdeburger Kirchenprovinz, der Papst Innocenz II. 
im Jahre 1133 auch die Bischöfe Polens und Pommerns 
unterwarf, nahm unter Norbert und seinen Schülern den 
ursprünglichen Beruf der Stiftung Ottos I., die Gewinnung 
der Wendenländer ftir das Christentum und die deutsche 
Kultur, wofür in anderthalb Jahrhunderten so wenig ge- 
schehen war, mit Ernst wieder auf. Die magdeburgisch- 
sächsische Provinz hatte eine ganz selbständige Stellung im 
Orden. Zwar blieb Prdmontre das Stammkloster , aber 
Magdeburg galt als zweites Mutterkloster, und an seinem 
erzbischöflichen Sitze suchte man sich vom Stammkloster 
aus bei Norbert Rat und Anweisungen. 

Indem wir daher von den Prämonstratensern bei uns 
reden, haben wir es nicht mit vereinzelten Gründungen, 
sondern mit einem zusammenhängenden merkwürdigen Stück 
unserer Geschichte zu thun. 

Mit einer stattliehen Prozession hielt Norbert seinen Ein- 
zug in die Elbhauptstadt und wurde am 25. Juni 1126 
geweiht und auf den erzbischöflichen Thron erhoben. Da 
er aber alsbald mit ernstlicher Reformation der Klöster und 
Stifter begann, wobei nur das Kloster Berge vor der Stadt 
Magdeburg seine Zufriedenheit erregte, und als er mit allem 
Eifer den Domherren und ihren Verwandten das Kirchengut 
zu nehmen suchte, geriet er in einen bei seinen Lebzeiten 
nicht geschlichteten Streit. Selbst das Volk widerstand, als 
er den durch rohe Ausschweifung geschändeten Dom neu 
weihen wollte. Und als der Erzbischof die Weihe zur 
Nachtzeit vollzog, wurde er im Dom belagert; am nächsten 
Morgen mufste der Burggraf einen Frieden vermitteln. Auch 



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Prämonstratenser ^Norbertiner). 



zum Prediger der Wenden eignete er sich bei seinem Eifer 
nicht, wie der freundliche Bischof Otto von Bamberg, gegen 
den er nicht ohne Eifersucht war, als dieser im Mai 1127 
bei seiner zweiten Bekehrungsreise in der Stadt des Metro- 
politans der Slavenländer erschien. 

Die Bedeutung Norberts liegt aber besonders in der 
Pflanzung von Stiftern und Klöstern in unseren Grenzlanden 
und in Slavien und in der Schar von Schülern, die hier 
auf ein Jahrhundert dem ihnen von ihrem Stifter gezeigten 
Vorbilde folgten. Wichtig war hierbei auch, dafs zu Nor- 
berts Zeit wieder ein Sachse, der aus dem Geschlecht der 
Edeln von Querfurt stammende Lothar, — seit 13. Sep- 
tember 1125 — deutscher König und seit dem 4. Juni 1133 
römischer Kaiser war, der ganz auf Norberts Seite trat. 

Zunächst führte Norbert im Jahre 1129 die Reformation 
des angesehenen aber ganz verweltlichten und herangekom- 
menen Stifts zu Unser Lieben Frauen in Magde- 
burg durch. Dasselbe wurde in ein Prämonstratenser- 
stift verwandelt und der Muttersitz der für unsere innere 
Geschichte so wichtigen Prämonstratenserstittungen der 
magdeburgisch- sächsischen Provinz zu Gottesgnaden, Leiz- 
kau, Brandenburg, Havelberg, Ratzeburg, Jerichow, Kölbigk, 
Rode, Quedlinburg, Mildenfurt, Pökle, Gramzow, Temmenitz, 
Stade und Brode. 

Das erste Kloster, das als ursprüngliches Prämonstratenser- 
kloster, und zwar gleich Östlich der Saale auf früher wen- 
dischem Boden gegründet wird, ist Gottesgnaden bei 
Kalbe. Norbert gewinnt den Edeln Otto von Reveningen 
oder Röblingen dafür, sich und seine Güter auf den Altar 
der Kirche niederzulegen. Mit den Gütern wird das reiche 
Kloster ausgestattet, in das Otto selbst eintritt. Wie es 
scheint, wird auch noch unmittelbar von dem reforma- 
torischen Erzbischof in seinem letzten Lebensjahre jenseits der 
Elbe Leizkau durch Befördern Markgraf Albrechts des 
Bären gegründet und bald darauf vom Bischof Wigger von 
Brandenburg ausgebaut. Zehn Jahre später, 1144, erhebt 
sich in unser m Anteile der Diöcese Havelberg das Kloster 
Jerichow, die Stiftung Hartwigs, Domherrn zu Magde- 
burg, später Erzbischofs von Bremen (f 1168), ebenso wie 
Leizkau unter dem Schutze der Markgrafen von Branden- 
burg stehend. .Wohl erst ums Jahr 1148 wurde auf Ver- 
anlassung der Äbtissin Beatrix das uralte Benediktiner kloster 
S. Wiperti zu Quedlinburgs als Prämonstratenserkloster 
neu eingerichtet und diese Änderung von den Päpsten 
Eugen III. und Alexander III. bestätigt. 

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100 



Vierter Abschnitt. 



Mittlerweile waren aber auch schon seit Lebzeiten 
Norberts von dem Magdeburger Marienkloster andere Prä- 
monstratenserstiftungen ausgegangen. Bald nach jenem 
Stammkloster wurde vom Ordensstifter das Stift Pölde er- 
neuert und von seinem Orden besetzt; 1132 wurde auf den 
Wunsch Graf Rudolfs von Stade das Georgskloster in Stade 
mit Prämonstratenser- Stiftsherren aus dem kurz vorher ge- 
gründeten Gottesgnaden besetzt. Später (um 1144) entsteht 
in unserer Nachbarschaft Kölbigk im Anhaltschen. Hilde - 
burgerode aber, Klosterrode, oder einfach Rode bei 
Sangerhausen , wird um 1150 von Kunigunde, Gemahlin 
Graf Wichmanns, aus dem querfurtisch - mansfeldischen Ge- 
schlechte gegründet, und mit Prämonstratensern aus Magde- 
burg besetzt. 

Bis ins ferne Slavenland entsandte Magdeburg seine für 
die Entfaltung christlich- deutscher Kultur so wichtigen Stif- 
tungen ; schon unmittelbar nach der Einrichtung des magde- 
burgischen Liebfrauenstifts nach Havelberg, um 1150 
nach Grobe auf Usedom, um 1154 nach Ratzeburg. Es 
folgte um 1170 Brode bei Neubrandenburg, 1177 Beibug 
bei Treptow an der Rega, etwa um dieselbe Zeit Gramzow 
in der Ukermark, um 1193 das Stift Mildenfurt im Vogt- 
lande. 

Auch unser südlichstes Prämonstratcnserkloster Vefsra 
bei Suhl (Diöcese Würzburg), eine Zeit lang Doppelkloster, 
ist vielleicht noch eine Tochter Magdeburgs. Von Gotbold 
oder Gottwald, Graf von Henneberg, zwischen 1131 und 
1135 gegründet, wurde es im letzteren Jahre dem berühm- 
ten Bischof Otto von Bamberg als Patron übergeben. Bis 
1224 nahm aber das Kloster Unser Lieben Frauen in Magde- 
burg wie über die sächsischen Klöster so auch hier die 
Oberaufsicht in Anspruch. Vefsra aber beanspruchte wieder, 
gemäfs der den Prämonstratensern mit den Cisterciensern 
gemeinsamen Bedeutung der Abstammung, die Aufsicht 
über das Stift Griventhal in Kärnthen, das 1236 von ihm 
ausgegangen war. Ebenso führte es die Aufsicht über 
das benachbarte, gleichfalls im Kreis Schleusingen gelegene 
Jungfrauenkloster Frauenwald oder Frauenrode (eccles. 
s. Nicolai in Nemore), das einzige weibliche Kloster dieses 
Ordens in unseren Gegenden. Nur vorübergehend bestand 
als Prämonstratenserstift das Kloster, das Bischof Dietrich 
kurz vor 1186 in seinem Bistumssitz Halberstadt an 
einer S. Thomas-Kirche errichtet hatte. 

In noch gröfserem Mafsstabe übten Magdeburg und seine 
Norbertiner einen Einflufs aus, indem sie ganze Bistümer 



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Prämonstmtenser. Johanuiter. 



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für den Orden gewannen. Schon 1138 wurde Wigger, Propst 
des Klosters Unser Lieben Frauen in Magdeburg, Bischof 
von Brandenburg, der zuerst seinen Sitz in Leizkau 
aulschlug und dem Propst daselbst den Archidiakonat über 
die ganze Diöcese übertrug. Sein Nachfolger Wilmar, bisher 
Propst zu Leizkau, gründete dann 1165 den Dom zu Bran- 
denburg und erneuerte das Bistum nach der Prämonstratenser- 
regel. Schon 1129 wurde Norberts Schüler Anselm aus 
dem Magdeburger Kloster zum Bischof von Havelberg 
geweiht, der das dortige Domkapitel ebenfalls nach der Prä- 
monstratenserregcl einrichtete und den Pröpsten zu Jerichow 
und Leizkau den Archidiakonat in seinem Sprengel 
übertrug. Selbst das Bistum Ratzeburg im Obotriten- 
lande wurde nach derselben Ordnung eingerichtet durch 
Evermod, der, bis dahin Propst zu Unser Lieben Frauen 
in Magdeburg, Bischof des von ihm neu eingerichteten Bis- 
tums wurde. Seit Ende des 12. Jahrhunderts erhalten die 
weifs gekleideten Norbertiner sogar im äufsersten Nordosten 
des deutsch - christlichen Kolonisationsgebiets das Domstift 
von Livland-Riga. 

Wie die Erneuerung der alten Münchs- und Chorherren- 
Orden in den Kartäusern, Cisterziensern und Prämonstra- 
tensern bald nach einander aus der grofsartigen Bewegung in 
der Zeit der Kreuzzüge hervorgegangen war, so hingen 
noch unmittelbarer damit zusammen die geistlichen Ritter- 
orden, die zunächst im heiligen Lande gegründet, oder auf 
dieses zunächst sich beziehend, auch in allen ihren Haupt- 
gestaltungen auf unserem Boden ihre Wurzeln schlugen und 
ihre Blüten trieben. Ihre Hauptaufgabe war ursprünglich und 
zunächst die Eroberung des heiligen Landes und die Be- 
schützung der Pilger. 

Der älteste dieser Orden, die zumeist von Italien aus- 
gegangenen Johanniter, später Rhodiser und Malteser im 
schwarzen (im Kriege roten) Rocke, denen Papst Paschalis IL 
zuerst 1099 eine Ordens Verfassung gab, erhielten bei uns 
schon 1160 eine Niederlassung zu Werben in der Altmark 
mit Hilfe Markgraf Albrechts des Bären. Zu Kühndorf 
und Schleusingen wurden Kommenden ihres Ordens von 
Graf Berthold VI. zu Henneberg gestiftet. Um dieselbe 
Zeit erhalten sie den Ordenshof zu Kutzleben im Kreis 
Weifsensee. Die meisten Besitzungen erlangten sie aber, teils 
nachweislich, teils wahrscheinlich, erst seit etwa 1310, als 
seit der schauerlichen Vernichtung des Templer-Ordens durch 
die Habsucht König Philipps IV. von Frankreich und die 
Schwachheit Papst Klemens' V. in Deutschland dessen Güter 



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102 



Vierter Abschnitt. 



meist unter die Johanniter und Deutschordensherren ver- 
teilt wurden, so zu Weifsens ee, von welchem die Höfe 
zu 0 bertopfstädt und Kut ziehen abhingen, und zu 
Droysig, Kreis Weifsenfeis. Den Hof zu Erfurt ver- 
kaufte der Orden 1339 an die Stadt Der im 14. Jahr- 
hundert erwähnte Ordenshof zu Magdeburg stand unter 
der Komturei Werben, im 16. Jahrhundert unter Süpp- 
lingenburg. Zu Braunsrode, Kreis Eckartsberga, fallt 
1489 das Gut der Lazaristen dem Johanniterorden zu. 
Vom Johanniterhof zu Deumen, Kreis Weifsenfeis, erhalten 
wir erst im 16. Jahrhundert Nachricht. 

Den grofsartigsten Aufschwung nahm der von der fran- 
zösischen Nation ausgegangene, im Jahre 1119 begründete 
Orden der Tempelherren, die auf weifsem Mantel ein 
rotes Kreuz trugen. Der streitbare Orden, der zu den Ge- 
lübden der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams auch 
das des unablässigen Kampfes gegen die Ungläubigen und 
der Verteidigung der Pilger fügte, erwarb auch im mittleren 
Elblande einige Güter und Sitze. Zu den ältesten gehört 
wohl der Templerhof zu Halberstadt und der 1213 vom 
Grafen Albrecht von Orlamünde errichtete Templerhof zu 
Droysig. Zu Magdeburg geht er in die Mitte des 
13. Jahrhunderts, in Mücheln bei Wettin bis kurz vor 1269 
zurück, ebenso der Templeisenhof zu Grofs-Quenstädt, 
Kreis Halberstadt. Von den Höfen dieses Ordens zu 
Beiernaumburg , Kreis Sangerhausen, Jerdesdorf 
(Gehringsdorf), Kreis Wanzleben, Oschersleben, Wich- 
mannsdorf bei Neuhaidensleben erhalten wir erst nach 
der Vernichtung der Templer Kunde. 

Die Lazariten oder Hospitalritter waren ein zunächst 
zur Pflege der kranken Pilger bestimmter Orden, der sich 
im 13. Jahrhundert durch ganz Europa verbreitete. Die 
Güter der 1231 zu Braunsrode, Kreis Eckartsberga, gegrün- 
deten Lazaritenkommende kamen 1489 nach ihrer Auf- 
hebung an die Johanniter. Der unter der Komturei zu 
Gotha stehende Lazaritenhof zu Breitenbach, Kreis Wor- 
bis, wurde dem Orden 1235 übergeben. Er stand mit dem 
zu Braunsrode in nahem Zusammenhang. Nur wenig wissen 
wir von dem 1283 durch Graf Albrecht von Gleichen zu 
Helmsdorf bei Gleichen gestifteten Lazaritenhof, wie wir 
auch nur vereinzelte Nachricht von einem „Kommentur des 
Ordens s. Lazari der ritterschaft zu Jerusalem" in Sanger- 
hausen haben (1378). 

Wir schliefsen hier auch die zwar nicht in Palästina, 
aber doch zur Zeit der Kreuzzüge im südlichen Frankreich 



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Tompier. Lazariteu. Antouiter. Deutscher Ordeu. 108 



entstandenen Antoniter, die Papst Bonifaz VIII. zu regu- 
lierten Augustiner -Chorherren machte, an. Sie werden auch 
Antonius- oder Tönniesherren genannt. Zunächst zur Pflege 
der am sacer morbus (Antoniusfeuer) Erkrankten bestimmt 
und als Orden 1228 bestätigt, zeichneten sie sich durch 
ihr bettelndes Umherziehen aus. In schwarzem Gewände 
und mit emailliertem T auf demselben und auf ihren Stäben 
zogen sie aus und machten sich durch ein am Halse han- 
gendes Glockchen bemerkbar. Ihre Hauptniederlassung bei 
uns war ihr Ordcnshaus zu Lichtenbu rg bei Prettin, das 
Herzog Bernhard III. von Sachsen — 1180 — 1212 — das 
wäre aber vor der Bestätigung des Ordens — gestiftet 
haben soll. Von Lichtenburg hing der „Tönnieshof" zu 
Halberstadt ab, daher, z. B. 1382, die dortigen Antoniter 
als „Herren des Ordens zu Prettin" bezeichnet werden. 
Ebenso hatten sie zu Eilen bürg eine Besitzung. Sie 
terminierten aber auch bei uns zu Lande selbst an kleinen 
Orten. So finden wir sie im 15. Jahrhundert zu Stolberg 
im Harz bettelnd und ihre Brüderschaft erblich verkaufend. 
Ihre Ankunft wurde mit volkstümlicher Lustbarkeit ge- 
feiert. 

Von den eigentlichen Ritterorden waren aber für die 
Gebiete unserer heutigen Provinz am wichtigsten die Herren 
vom Orden des Deutschen Hauses Unser Lieben Frauen zu 
Jerusalem oder der Deutsche Orden. Ursprünglich zu 
den gleichen Aufgaben wie die Johanniter und Templer im 
heiligen Lande bestimmt, fand der Orden, in den nur Ritter 
deutschen Stammes aufgenommen werden sollten, seine Haupt- 
aufgabe in der Erweiterung christlich - deutschen Kultur- 
gebiets im slavisch - litauischen Osten. Er setzte insofern 
das Werk der Prämonstratenser fort und wenn auch nicht, 
wie bei jenen, der Ordensstifter auf dem Boden unserer 
späteren Provinz seinen Sitz, der Orden hier seinen zweiten 
Stammsitz hatte, so gingen doch unter einem Landgraf 
Konrad von Thüringen, Markgraf Heinrich von Meifsen und 
anderen einheimischen Anführern Scharen thüringisch - säch- 
sischer Ritter aus, welche in der Eroberung des Preufsen- 
landes und der Ostseeküsten eine grofse geschichtliche Auf- 
gabe unseres Volks erfüllten und Gut und Blut für dieselbe 
wagten. Namentlich aber war der grofse Organisator des 
Ordens, der ums Jahr 1210 zum Hochmeister gewählte 
Hermann von Salza (Langensalza) ein Sohn unseres 
Thüringerlandes. Unter diesem besonnenen und thatkräftigen 
Manne, der auch für die allgemeine deutsche Geschichte 
durch seiue weise Vermittelung zwischen Friedrich II. und 



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104 



Vierter Abschnitt. 



den Päpsten eine so wichtige Rolle spielt, gewann der Orden 
erst den grofsen Aufschwung und nahm seine wichtigste 
Aufgabe in die Hand, indem 1227 Hermann Balk ,'zur 
Eroberung des Preufsenlandes ausgesandt, auch die Ver- 
einigung mit den Schwertbrüdern in Livland hergestellt 
wurde. Hermann von Salza nahm im Jahre 1239 den 
schwarzen Adler auf seinen Schild und gewann die Reichs- 
fürsten würde. Dieser Adler zierte auch das schwarze 
Kreuz, das auf dem weifsen Mantel der Deutschordensritter 
angebracht war. 

Die älteste Besitzung der sächsischen Ordensbailei war 
die Kommende Langeln bei Wernigerode, die Hermann 
von Salza 1219 vom S. Jakobi- Stift in Bamberg, das den 
ihm unfruchtbaren Besitz seit dem 11. Jahrhundert besafs, 
erkaufte. Langeln erwarb auch 1307 einen Hof (Gottes- 
ritterhof) in Halberstadt. Zu Dommitzsch, Kreis 
Torgau, stiftete Markgraf Heinrich von Meifsen 1223 eine 
Komturei; die erst 1355 bekundete zu Aken mit Hospital 
ging jedenfalls von den Herzögen zu Sachsen aus. Die 
Komturei Berge bei Rodensieben ward 1272 gegründet. 

In der Bailei Thüringen siedelte sich der Deutsche 
Orden zuerst auf deutscher Erde an und zwar 1200 durch 
eine Schenkung Erzbischof Ludolfs von Magdeburg, aus der 
die Komturei der heiligen Kunigund zu Halle a. S. ent- 
stand. Das bedeutendste thüringische Ordenshaus aber 
wurde durch Schenkungen der deutschen Könige, Heinrich 
und Konrad IV., seit 1227 zu Mühl hausen errichtet. Es 
besafs aul'ser einer Reihe weltlicher Rechte und Ein- 
künfte den Patronat über zwei Kirchen, zwei Kapellen, drei 
Hospitäler und die Schulen der Stadt. In der thüringischen 
Hauptstadt Erfurt liefs sich der Orden erst 12öl nieder, 
erwarb auch daselbst 1290 durch Tausch vom Marienstift 
die Nikolaikirche. Eine Kommende zu Nägelstädt be- 
gründeten die Deutschordensherren 1222 durch Erkaufung 
eines Hofs vom Mariengradenstift zu Mainz. Zu Nord- 
hausen schenkte König Albrecht dem Deutschen Orden 
um 1305 den dortigen Königshof, doch scheint das deutsche 
Ordenshaus hier schon vor dem Ausgang des Mittelalters 
eingegangen zu sein. Auch zu Oberröblingen an der 
Helme, Kreis Sangerhausen, wird im Jahre 1312 ein deut- 
sches Ordenshaus erwähnt, ebenso vereinzelt zu Sanger- 
hausen 1452 ein Komtur zu S. Georgen (Jürgen) und sein 
Gotteshaus. 

Griefstädt, obwohl in Thüringen, Kreis Eckartsberga, 
gelegen, war doch durch eine Schenkung Landgraf Konrads 



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Deutsehordensherren. — Karmeliter. Wilhelmiten. 10v> 



von Thüringen im Jahre 1233 eine zur Bailei Hessen (Mar- 
burg) gehörige deutsche Ordenskommende. 

Wie das geistige Leben der erneuerten alten Mönchs- 
und Chorherren-Orden nur eine kurze Zeit sich auf seiner 
Höhe erhielt, so noch viel weniger das der Krieger im Or- 
densgewande. Wo ihre Bedeutung sich länger erhielt, lag 
diese mehr auf politischem als religiösem Gebiete. Besonders 
aber fehlte allen diesen Genossenschaften mehr oder weniger 
die belehrende und hebende Einwirkung auf die aufserhalb 
stehenden, zumal das gemeine Volk. Roheit, Unsittlichkeit 
und die Abkehr der im Evangeliuni meist nicht unter- 
richteten Massen des Volks nahmen daher gegen Ende der 
Kreuzfahrerzeit in erschreckender Weise überhand. Da * 
boten sich den Päpsten Innocenz III. und Honorius III. als 
Retter der sehwankenden Kirche Franz von Assisi und der 
Spanier Dominicus dar, die mit ihren Orden sich durch 
Vorbild und Predigt besonders des gemeinen Volks annahmen 
und es durch strenge Entsagung aus der sittlichen Fäulnis 
emporrafften. Sie wurden die Väter der Bettelorden, denen 
sich einige ältere vorwiegend anachoretische Gemeinschaften 
anschlössen. 

So hatte ein zu Ende des 12. Jahrhunderts in eine Ein- 
siedelei am Karmel in Galiläa sich zurückziehender Berthold 
aus Calabrien den Grund zu dem Karmciitcro rden ge- 
legt, der sich durch zurückgezogenes armes Leben, bald 
aber auch durch übereifrigen Marienkult und Heiltumswesen 
auszeichnete. Bei uns entstanden Klöster dieses Ordens erst 
spät, das Mannskloster Unser Lieben Frauen vom Berge 
Karmel in der Sudenburg bei Magdeburg um 1338, ein 
gleiches zuQuerfurt in demselben Jahrhundert. Auf Bitte 
und Veranlassung der dortigen Karmeliter gründeten Gün- 
ther und Gebhard, Grafen zu Mansfeld, 1451 ein den Hei- 
ligen Martin und Georg geweihtes Kloster dieses Ordens zu 
Hettstädt. Auch das Servitenkloster vor dem Krämpfer- 
thor in Erfurt wird für die Karmeliter in Anspruch ge- 
nommen. 

Mit den Karmelitern den Zug zum Einsiedlerleben tei- 
lend, gingen die Mitte des 12. Jahrhunderts in Mittelitalien 
entstandenen Wilhelmiten ein Jahrhundert später in den 
Augustiner-Einsiedlerorden auf, so bei uns die Wilhelmiten 
zur Himmelpforte bei Wernigerode. Sonst sind noch 
zu erwähnen kleine Wilhelmitenkonvente zu M ül verstädt, 
Kreis Langensalza — vor 1260 — , vielleicht auch Stein - 
bach, Kreis Schleusingen , 1310, und Weifsenborn, 
Kreis Worbis. 



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106 



Vierter Abschnitt. 



Als deutsche Stiftung gewinnen auch auf unserm Boden 
einige Bedeutung die in der zweiten Hälfte des 12. Jahr- 
hunderts entstandenen Büfserinnen der heiligen Mag- 
dalena oder K euer innen, denen die Päpste Gregor IX. 
und Innocenz IV. ihre Privilegien gaben. Ursprünglich war 
dieser Orden der „weifsen Frauen" für gefallene Mädchen 
bestimmt, doch änderte sich bald sein Charakter. 

Zu Magdeburg errichtete Erzbischof Albrecht II. das 
diesem Orden geweihte Kloster im Jahre 1235: es wurde 
dasselbe nach einem Brande im Jahre 1256 mit Hilfe der 
Bürgerschaft wiederhergestellt. — Jedenfalls eine der ange- 
sehensten Stiftungen der Stadt war das Marien-Magdalenen- 
oder Brücken-Kloster in Müh Ihausen. Bei der Bonifazius- 
kirche zu Langensalza entstand um 1325 als Gründung 
der Edelherren von Salza das nach dem Heiligen der Kirche, 
die 135G dem Kloster einverleibt wurde, genannte Kloster 
vom Orden der heiligen Maria Magdalena de poenitentia 
sec. regulain s. Augustini. Schon ihrem Namen gemäfs, 
traten mit anderen Orden in den Wettkampf um die höchste 
Steigerung des Marienkults ein die Marienknechte 
oder Serviten, servi B. Mar. Virg. ord. s. Augustini, 
die im Jahre 1223 von Florenz ausgegangen sein sollen. 
Es gab auch Servitinnen und Tertiarierinnen dieses Ordens, 
d. h. solche, die ohne eigentliches Mönchsgelübde sich 
dem Orden anschlössen. Sie hatten schwarzes Ordenshabit 
und lederne Gürtel. Sie traten im 15. Jahrhundert zu den 
Bettelorden. 

Der älteste ihrer Konvente ist bei uns der zu Halle, 
ursprünglich zu Giebichenstein, in der frühesten Zeit des 
Ordens entstanden; Ende des 13. Jahrhunderts vor dem 
Galgenthor, 1339 in die Stadt verlegt, wurden sie zu Halle 
auch Klausener oder neue Brüder genannt. Das 1264 von 
Heinrich von Anhalt gegründete Kloster zu Ammendorf 
wird ihnen 1279 einverleibt. Das Kloster der Marienknechte 
oder neuen Brüder zu Halber st a dt auf dem Tönnieshofe 
gründeten gegen Ende des 13. Jahrhunderts die Gebrüder 
Siegfried und Hermann, Grafen von Blankenburg, letzterer 
Bischof von Halberstadt. Zu Erfurt wurde das Serviten- 
kloster Unser Lieben Frauen und S. Stephans vor dem 
Krärapferthor gegen Ende des 13. Jahrhunderts errichtet; 
1 306 wird es zuerst erwähnt. Das wahrscheinlich nur einen 
Zweig des S. Markus - Klosters zu Krakau bildende Kloster 
s. August, de poenitentia zu Mücheln bei Wettin wird erst 
1455 erwähnt und 1502 dem Moritzkloster in Halle einver- 
leibt. Auch das erst 1503 von Bischof Thilo von Trotha zu 



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Reuerinnen. Serviten. — Franziskaner. 



107 



Merseburg gegründete Augustiner -Mönchskloster ist wohl 
hier anzuschliefsen. 

Nach Vprvvegnahme dieser mehr oder weniger unter- 
geordneten Mönchsgenossenschaften wenden wir uns nun 
zu den auch bei uns bedeutsam hervortretenden Haupt- 
Bettelmönchsorden der Franziskaner und Dominikaner und 
den geistlichen Vereinigungen, die sich ihnen unmittelbar an- 
schlössen. 

Mit der fast beispiellosen Schnelligkeit, mit der sich die 
weltentsagenden Jünger des heiligen Franz, die Minder- 
brüder oder Barfüfser, einem tiefen Bedürfnisse der 
Zeit für ihre Predigt der That und des Worts entsprechend, 
in der abendländischen Christenheit verbreiteten, eroberten 
sie sich auch die Herzen der Leute in unserem Sachsen-Thü- 
ringen. Eine Reihe von Mannsklöstern entstand hier schon 
bald nach der Ordensstiftung*, nur können wir nicht immer 
genau die Zeit der ersten Entstehung eines Klosters an- 
geben, da sich oft schon längere Jahre vorher kleinere Ge- 
meinschaften von Brüdern ansammelten, ehe ein lörmliches 
Kloster eingerichtet wurde. 

So war es mit den Minderbrüdern auf dem Cyriaksberg 
bei Erfurt, die 1225 in die Stadt autgenommen wurden. 
Auf einem vom Viztum von Apolda geschenkten Platz an 
der Gera wurde später ein dem Johannes dem Täufer 
geweihtes Kloster gebaut. Ein zweites der heiligen Anna 
geweihtes Minoritenkloster in Erfurt ist nicht hinreichend be- 
kundet. In Mühlhausen soll sich Graf Ernst von Gleichen 
der Franziskaner auch bereits 1222 angenommen haben, 
worauf dann 1232 das Kloster in der Stadt gebaut wurde. 
In Langensalza geht — entgegen älteren Angaben, die 
die Stiftung bis 1253 zurückführen — das Franziskaner- 
kloster S. Jakobi erst auf Herzog Wilhelm von Sachsen und 
das Jahr 1453 zurück. Das Nordhäuser Franziskaner- 
kloster gehört entschieden zu den älteren Gründungen, wird 
aber 1255 zuerst erwähnt. Erst ganz zu Ende des Mittel- 
alters entstand 1502 zu Schleusingen ein Kloster des 
Franziskanerordens, das nur gegen 40 Jahre bestand. 

In der Halberstädter Diöcese wurde am Bistumssitz 
vor 1284 oder 1292 von Graf Heinrich zu Regenstein ein 
Konvent gegründet und dem heiligen Andreas und dem hei- 
ligen Kreuze gewidmet; 1385 heifst es de stricta observantia. 
Eine doraus fratrum minorum gab es 1257 zu Quedlin- 
burg. Fromme Bürger, besonders Frauen, bauten sich, 
wie das an vielen Orten geschah, in der Nähe des Klosters 
an. Um 1190 entstand am Markte zu Aschersleben 



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108 



Vierter Abschnitt. 



das dortige Franziskanerkloster. Zu Sangerhausen wird 
1384 vorübergehend der minderen Brüder gedacht. 

Schon 1240 ist das Franziskanerkloster in Stendal 
vorhanden; 1267 nimmt ihm der Rat das Versprechen ab, 
ihn hinfort nicht mehr mit unverschämtem Bettel zu be- 
lästigen. Um jene Zeit bildete sich dort auch das Franzis- 
kaner - Jungfrauenkloster S. Annen vom dritten Orden des 
heiligen Franz (Tertiarier). In der Verden er Diöcese ent- 
steht vor 1280 das Franziskanerkloster zu Salzwedel. 

In der magdeburgischen Kirchenprovinz hat zunächst 
die Hauptstadt ein recht altes Franziskanerkloster aufzu- 
weisen. Sie sammelten sich dort schon 1225 in der Neu- 
stadt und zogen fünf Jahre später in die Altstadt. Halle, 
die zweite Stadt des Sprcngels, hatte ein Manns- und ein 
Frauenkloster dieses Ordens. Die Barfüfsermönche zogen 
wohl in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, die Ter- 
tiarierinnen (tertiär, s. Francisci de poenit.) wohl erst Mitte des 
fünfzehnten in die Stadt ein. Zu Barby a. d. Elbe soll 
Graf Bernhard von Mühlingen das dortige Franziskaner- 
kloster gestiftet haben, das jedenfalls zu Anfang des 14. Jahr- 
hunderts vorhanden war. 

Am Brandenburger Bistumssitze Ziesar errichtete 
schon frühzeitig der Pfarrer Elias ein Barfufserkloster und 
beschenkte es mit Büchern; doch wurde es bereits 1237 
nach der Altstadt Brandenburg verlegt. Das Kloster dieses 
Ordens zu Burg wird in erhaltenen Urkunden erst spät 
bezeugt, das zu Wittenberg wurde durch Helene, Ge- 
mahlin Herzog Albrechts von Sachsen, gegründet. 

In der Meifsener Diöcese wurde an dem für die Refor- 
mationsgeschichte nicht unwichtigen Orte Mulden-, Mul- 
den- oder M i 1 d e n s t e in an der Mulde, nördlich Bitterfeld, 
im Jahre 1473 das Franziskanerkloster Stein lausig durch 
Kurt von Ammendorf, einen magdeburgischen Vasallen, ge- 
gründet. Das letzte Haupt des Klosters, Dr. Fleck, war 
einer der eifrigsten Freunde Luthers und Förderer der Re- 
formation und der Universität Wittenberg. In Torgau 
wird das Minoritenkloster bis aufs Jahr 1360 zurückgeführt; 
doch ist merkwürdig, wenn wir hören, dafs die Stadt jähr- 
lich an die Franziskaner zu Steinlausig eine Schenkung 
machte. 

Auch in Naumburg-Zeitz hatten die Minderbrüder 
ihre Konvente. Das Kloster zu Zeitz entstand 1238 unter 
Bischof Engelhard. Zu Weifsenfeis wurde am Ende des 
1 3. Jahrhunderts in engster Verbindung mit dem S. Klaren- 
oder Klarissinnen-Kloster — einem nach Klara Sciffi, 



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Franziskaner. Dominikauer. 



109 



der Freundin des Franz von Assisi (f 1253) genannten 
Jungfrauenorden angehörig, der der verschärften Regel Be- 
nedikts folgte — ein Franziskanerkloster errichtet. Dieses dem 
heiligen Nikolaus geweihte Jungfrauenkloster war 1284 von 
Markgraf Dietrich von Landsberg auf Bitten seiner Gemahlin 
Helene und seiner Tochter Sophie, die selbst in das Kloster 
trat, gegründet und im Jahre darauf geweiht. Vegte waren die 
Markgrafen von Meifsen, dann Herzöge zu Sachsen. Der 
Mannskonvent war nur eine Abzweigung (Terminei) des 
Leipziger Klosters. Auch zu Langendorf sollen in dem 
S. Annen-Kloster neben den Cistercienserinnen bis ins 15. Jahr- 
hundert Franziskanermönche gewesen sein. 

In nicht ganz so zahlreichen Konventen vertreten, aber 
kaum von geringerer Bedeutung, waren bei uns die mit den 
Franziskanern wetteifernden, ziemlich gleichzeitig hervor- 
tretenden Prediger- oder Dominikanerbrüder. Unser 
Thüringen hat hier in dem Sohn eines alten, edeln Harz- 
grafengeschlechts, Elger von Honstein, einen in der Geschichte 
dieses Ordens sehr merkwürdigen apostolischen Mann aufzu- 
weisen. Von lebhaftem Drange nach religiöser Erkenntnis 
getrieben, verliefs er seine angesehenen geistlichen Pfründen 
in Halberstadt und Goslar, trat in dem berühmten Kloster 
zu Paris in den Orden des Dominicus und wurde um 1228 
mit anderen Landsleuten nach Erfurt, dem volkreichen 
Hauptort seiner Stammheimat, gesandt. Hier fielen ihm die 
Bürger, vornehme imd geringe, zu; er trat an die Spitze des 
von ihm gegründeten Klosters, leitete auch die Stiftung des 
Klosters zu Eisenach unter Landgraf Heinrich Raspe und 
wirkte persönlich und durch seine Schüler mit Beispiel und 
besonders durch die Predigt des damals hierzulande sehr sel- 
tenen Evangeliums in ganz Thüringen, besonders zu Mühl- 
hausen, Nordhausen und am Harz. 

Nördlich vom Harz gehen die Predigerklöster bis 
in die ersten Jahre des Ordens zurück. In Magde- 
burg finden wir 1224 Predigerbrüder in der Neustadt, 
im Jahre darauf in der Altstadt, wo sie an der Stelle 
der heutigen reformierten Kirche ihr Kloster bauen. Wenn 
zu Halle das heilige Kreuzkloster schon 1211 von einem 
dortigen Edelmann gegründet sein soll, so kann es in der 
frühesten Zeit noch kein Dominikanerkloster gewesen sein. 
An das Mannskloster schlofs sich hier etwa seit 1300 ein 
Jungfrauenkonvent von der dritten Regel der Büfse- 
rinnen des heiligen Dominikus (auch Manteflatae) an. Zu 
Barby wird das Domkloster, von dem wir jedoch wenig 
Nachricht haben, zuerst 1332 erwähnt. 



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110 Vierter Abschnitt. 

Von Magdeburg kamen die Dominikaner schon früh nach 
Halberstadt und gründeten dort zwischen 1224 und 1231 
das Katharinenkloster. Das Dominikaner - Jungfrauen- 
kloster S. Nikolai entstand hier um 1289 als Stiftung der 
Gräfin Sophie zu Regenstein-Heimburg. Sie und die Gräfin 
Bia wollten zuerst in dem nicht weit entfernten Deren bürg 
ein solches Jungfrauenkloster begründen; es scheint aber dort 
gar nicht bestanden zu haben. Auch das Domin.-Mönchs- 
kloster zu Hettstädt im mansleldischen Seekreise wird 
in sehr frühe Zeit — 1210/16 — zurückversetzt, so dafs es 
nicht von Anfang an dem Orden angehört haben könnte. 
Im Jahre 1255 wird es von der edeln Frau Mechtild von 
Arnstein nach Wiederstädt, etwas weiter die Wipper ab- 
wärts, verlegt und in ein Prediger - Jungfrauenkloster auf 
Grund der Regel Augustins verwandelt. 

Das Dominikanerkloster zu Seehausen in der Altmark 
wurde vermutlich Mitte des 13. Jahrhunderts von Markgraf 
Otto III. von Brandenburg, das Kloster des Ordens vor 
Tangermünde im Jahre 1438 von Kurfürst Friedrich von 
Brandenburg gegründet. 

Während die grofsen Bettelorden, wie, bis auf die Mag- 
dalenerinnen, den Deutschen Orden und die sächsische Cirkarie 
der Norbertiner, alle alten Mönchs- und Ohorherrenorden 
von den romanischen Ländern ausgegangen waren , haben 
wir nun einiger verwandter Ercheinungen zu gedenken, die, 
als keine Mönchsorden im engeren Sinne, in Deutschland, mit 
Einschlufs der Niederlande, ihren Ursprung hatten, und mit 
Bestrebungen, wie sie das geistige Bedürfnis im Verlauf der 
Geschichte erzeugte, zusammenhingen. 

In den bereits im 12. Jahrhundert bedeutend entwickelten 
Städten der Niederlande linden wir schon damals Gesell- 
schaften von Frauen ohne Gelübde nach einfacher Regel sich 
zu frommer Lebensgemeinschaft in Häusern vereinigend. Sie 
waren den dritten Orden des heiligen Franz und Dominicus 
am nächsten verwandt und schlössen sich auch wie jene ge- 
wöhnlich an Mannsklöster dieses Ordens an. Sie heifsen 
auch mit einem wohl undeutschen Namen Beginen, denen 
auch Mannsgenossenschaften als Begharden entsprachen. 
Schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts kamen sie am Rhein 
in den Geruch der Ketzerei und wurden mit dem Feuer ver- 
folgt. Im Jahre 1311 wird infolge zweier sehr heftigen Bullen 
Papst Klemens' V. die Inquisition gegen sie losgelassen, und 
daraufhin wurden auch bei uns die Beginenhäuser aufge- 
hoben. Später nahmen sich die Päpste der Beginen wieder 
an, dann auch der Begharden (1374 und 1377) oder, wie 



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Bcgiucn. Lollharden. Brüder vom gemeinsamen Leben. III 



man sie später nannte, der Lollharden. Letzteren Namen 
gab das Volk insbesondere den Gemeinschaften, die sich seit 
etwa 1300 zu Antwerpen als freie Laienvereinigung zu 
Werken der Barmherzigkeit an Kranken und zum Begräbnis 
der Verstorbenen zusammenschlössen. Nach ihrem Patron 
Alexius heifsen sie Alexianer, nach cella in dem Sinne 
von Grab, wie es heifst, Celliten. Der Name Lollharden 
wird auf lollen, lullen = leise singen, zurückgeführt, von 
ihrem stillen Gesang bei Begräbnissen. Männer und Frauen 
trugen ein schwarzes, mönchskuttenähnliches Kleid. 

Das älteste Beginenhaus in unserm Bereich scheint zu 
Salzwedel gewesen zu sein, da wir vernehmen, dafs es 
schon 1280 nach Aussterben der Vereinigung an das Franzis- 
kanerkloster fiel. Zu Seehausen lag das Beginenhaus 
nahe beim Dominikanerkloster. Dasselbe war zu Halber- 
stadt der Fall, wo es schon 1302 und noch 1465 erwähnt 
wird. Das Beginenhaus zu Erfurt, gegründet 1308, und 
das etwas früher entstandene zu Mühlhausen (conv. Be- 
ginarum de parentela dominae Margaretae) wurden in den 
Jahren 1308 und 1369 auf Grund der Verdammungsbulle 
Papst Gregors XI. durch den Ketzerrichter Walter Karlinge, 
Dominikanerordens, vernichtet, die Frauen vertrieben. Zu 
Halle wohnten die Beginen, wie zu Seehausen und Halber- 
stadt, beim Dominikanerkloster, werden aber erst '408 er- 
wähnt. 

Die der Regel Augustins sich anschließenden Celliten, 
Alexianer oder Lollharden sind zu Halberstadt seit 1376 
angesiedelt. Ein selbständiges Haus gewinnen sie erst im 
15. Jahrhundert. Auch eine Genossenschaft der willigen 
Armen, ohne die Form eines geschlossenen klösterlichen 
Konvents, baute zu Halberstadt im Jahre 1470 eine Kapelle. 
Sie standen unter dem Propst des S. Johannes-Klosters und 
der Pfarre zu S. Martini. 

Bevor wir am Schlufs unserer Ubersieht zu dem jüngsten 
Bettelmönchsorden, dem der Augustiner-Einsiedler, übergehen, 
haben wir noch einer zwar an Gütern und äufserer Ver- 
breitung nicht angesehenen bzw. spät entstandenen, für die 
innere geistige Entwickelung aber höchst merkwürdigen Ge- 
nossenschaft, der Brüder vom gemeinsamen Leben, 
zu gedenken, die von dem 1340 geborenen Geert Groote 
zu Deventer begründet wurde. Wir dürfen nur daran er- 
innern , dafs aufsei* Groote Männer wie Huysbrocck zu 
Groenendael bei Waterloo, Florentius Radewins, Gerhard 
Zerbolt zu Zütphen, der Kämpfer für den Gebrauch der 
heiligen Schrift in der Volkssprache, der Klosterreformator 



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112 

♦ 



Vierter Abschnitt. 



Jobann Busch, Jobann Wessel, Thomas von Kempen, von 
denen Luther sagt, dafs sie das Evangelium erstlich an- 
gefangen und das reine Wort treulieb gelehrt und gehalten 
hätten, dieser Richtung und Genossenschaft angehörten. 

Wir haben die bemerkenswerte Thatsacbe hervorzuheben, 
dafs innerhalb unserer Provinz von dieser Genossenschaft 
drei Konvente, und zwar die östlichsten und südöstlichsten, 
entstanden, einer zu Magdeburg, eine Abzweigung von 
Hildesheim, einer zu Halberstadt und ein dritter zu 
Merseburg, die beiden ersteren in der zweiten Hälfte des 
14. Jahrhunderts, der zu Merseburg erst 1503 von Bischof 
Thilo von Trotha an der Gotthardskapelle gegründet. Wenn 
sie in llalberstadt Trullmönche, in Magdeburg Trul- oder 
Nulbrüder genannt wurden, so ist das eine Bezeichnung, die 
sonst den Celliten oder Lollharden beigelegt ward. Der bei 
allen drei Konventen gebrauchte Name Hieronymiten 
oder Brüder de valle s. Hieronymi hat nichts gemein mit 
den in mindestens vier Kongregationen zu unterscheidenden 
Anachoreten dieser Benennung in Spanien, Portugal und 
Italien, sondern ist von dein 1379 von Geert Groote gegrün- 
deten Kloster s. Hieronymi zu Hulsburg bei Hattem in Gelder- 
land zu erklären. 

Wenn wir auf Franziskaner und Dominikaner den dritten 
Bettelorden der Augustiner vom Einsiedlerorden nicht 
unmittelbar folgen liefsen, sondern ihn zum Schlufs beson- 
ders betrachten, so geschieht dies um der ganz besonderen 
Bedeutung willen, welche gerade seine Ansiedelungen auf 
den in unserer Provinz vereinigten Gebieten für unsere 
engere, ja selbst für die allgemeine kirchliche Entwickelung 
gewannen. Zwar kann man die von der Magdeburger Cir- 
karie der Prämonstratenser im Verlauf etwa eines Jahr- 
hunderts bethätigte Wirksamkeit eine grolse und bedeut- 
same nennen, jedenfalls wurde sie mit ganz anderen äufseren 
Besitz- und Machtmitteln ausgeübt, aber ungleich folgen- 
reicher, innerlicher und nachhaltiger war die Wirksamkeit 
unserer Augustiner - Eremiten oder der sächsisch-thü- 
ringischen, zuletzt deutschen Kongregation dieses 
Ordens, wie sie hauptsächlich in naher Verbindung mit 
den Landesfursten von dem aus dem Kloster Himmelpforte 
bei Wernigerode hervorgegangenen Andreas Proles aus- 
ging- t 

Die Augustiner-Einsiedler sind eine besonders durch die 
Bemühungen Papst Alexanders IV. und die Bulle vom 9. April 
125G abschliefslich begründete, den Bettelorden hinzugefügte 
Mönchsgemeinschaft, die aus verschiedenen verwandten Ge- 



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Hieronymiten. Augustiner-Einsiedler. 118 



nossenschaften gebildet wurde. Die dazu gehörenden Wilhel- 
miten hatten, wie wir sahen, auch bei uns ein paar Nieder- 
lassungen. Die geschichtliche Bedeutung des Ordens wurde 
erst dadurch angebahnt, dafs sie — freilich dem Namen 
Eremiten nicht entsprechend — sich innerhalb oder in der 
Nähe der Städte niederlielsen und durch Terminieren, be- 
sonders aber durch Beichtehören und Predigen, eine nach- 
haltige Einwirkung auf das Volk ausübten, bei dem sie 
durchgängig behebt und in Ehren waren. Sie beflissen sich 
besonders der Bibelforschung und hatten in den verschie- 
denen Provinzen Mittelpunkte für das Studium. So war in 
Magdeburg und Erfurt je ein „Studium generale" für die 
thüringisch - sächsische Provinz, die fast ganz Norddeutsch- 
land und einen Teil Mitteldeutschlands umfafste. Bibliotheken 
wurden auch von gewöhnlichen Konventen angesammelt. 

Wie bei allen dergleichen Gemeinschaftsbildungen hielt 
sich auch bei den Augustiner-Einsiedlern das geistliche Leben 
nicht lange auf seiner Höhe, so dafs mit der Zeit immer 
erneute sogen. Reformationen nötig wurden. In Deutschland 
gingen diese seit etwa 1420 vom Süden aus, nicht ohne Zu- 
sammenhang mit der hussitischen und konziliaren Bewegung. 
Es handelte sich dabei zunächst um äufseren Lebenswandel 
und strengere Befolgung der Ordensregel. 

Bedeutsam sollte diese Reformation besonders durch die 
der besonderen Kongregation in Thüringen-Sachsen seit 1432 
gewährte selbständige Entwicklung werden. Der erste Haupt- 
reformator war Heinrich Zolter aus Osnabrück. Da ihm die 
Reformation des dortigen Klosters nicht gelang, so floh er 
in unsere Gegenden, wo er in dem Grafen Botho zu Stol- 
berg einen eifrigen Freund seines Strebens fand und mit 
seiner Hilfe ums Jahr 1430 das Kloster Himmelpforten 
reformierte, ebenso im Erzbischof Günther von Magdeburg, 
geborenem Grafen zu Schwarzburg ( — 1445), und mehr noch 
in dessen wackerem Nachfolger Friedrich, einem Grafen von 
Beichlingen (1445 — 1466). In des letzteren Namen trat er 
auch mit dem gleichgesinnten frommen Magdeburger Stifts- 
herrn Heinrich Take oder Toke gegen den Heiligenblut- 
Unfug zu Wilsnack und an anderen Orten auf. Natürlich hielt 
er streng auf die Beobachtung der Observanz im Magde- 
burger Augustiner -Einsiedlerkloster, an dem er auch Stu- 
dienleiter war. Zu Martini 1437 waren fünf reformierte 
Klöster, der Stamm der späteren sächsischen Kongregation, 
beisammen, deren erste Magdeburg und Himmelpforten 
waren. Von gröfserer Bedeutung wurde die Kongregation 
erst durch Andreas Proles, geboren 1. Oktober 1429 zu Alt- 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachaen. 8 



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114 



Vierter Abschnitt. 



Dresden, der in Himmelpfbrten Profefs that, dort auch Prior 
wurde und von 1460 — 1467, dann wieder von 1473 bis 
zu seinem 1503 erfolgten Ableben Vikar der Kongregation 
war. Er gab ihr nicht nur eine gröfsere Ausbreitung, son- 
dern durch einen Vertrag mit der lombardischen Kongre- 
gation in Oberitalien eine selbständigere Stellung im Rechts- 
organismus des römischen Kirchenstaats. In diesen Bestre- 
bungen, wobei er nicht nur mit dem Ordensgeneral, sondern 
auch mit der römischen Kurie in Konflikt geriet, stützte er 
sich besonders auf die Gewalt der Fürsten, in erster Reihe 
auf Herzog Wilhelm III. von Sachsen, auch auf Kurfürst 
Friedrich den Weisen. Diese von Andreas Proles' Nach- 
folgern Johann Staupitz und Wenzel Link bis ins dritte 
Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts fortgeführte Gemeinschaft war 
die Wiege der Reformation. Aus einer sächsisch-thüringischen 
hatte sich die Kongregation zu einer allgemein deutschen 
erweitert y deren Konvente bis zu den Niederlanden, den 
Alpen und zur Nord- und Ostsee reichten. Wo in diesen 
Gegenden die Reformation Luthers aufging, waren es die 
Brüder jener Kongregation, welche ihr eine Gasse berei- 
teten, ihr Prediger und die ersten Blutzeugen lieferten. Wir 
müssen daran denken, dafs Erfurt, Wittenberg, Magdeburg, 
Eisleben, die Wiegenstätten der Reformation, Konvente der 
Augustiner-Einsiedler enthielten, welche Glieder dieses geist- 
lichen Bundes waren , dafs auch eben diese Kongregation, 
wie zu Erfurt und Wittenberg, so auch zu Tübingen und 
Heidelberg den gröfsten Einflufs auf die Hochschulen hatte. 
Von den reformierten Konventen enthielt unsere heutige 
Provinz nicht weniger als zehn bis elf, abgesehen von den 
innerhalb und aufserhalb ihrer Grenzen gelegenen Termi- 
neien. 

Wenn nun ohne Zweifel die gröfste geschichtliche Be- 
Avegung, welche von dem Boden unserer Provinz ausging, 
die Reformation des 16. Jahrhunderts ist, welche zwei Welt- 
epochen scheidet, so werden wir der geschichtlichen Vorbe- 
reitung dieser Erscheinung in der thüringisch - sächsischen 
Kongregation des Proles auch unsere besondere Aufmerk- 
samkeit zuwenden müssen. Die unserer Provinz angehörigen 
Klöster der Augustiner - Einsiedler sind dem Alter nach ge- 
ordnet folgende: 

H i in melpforten bei Wernigerode, aus einer Wilhel- 
ruitenstiltung in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts 
hervorgegangen, seit 1253 besonders durch die Herren 
von Ilartesrode ausgestattet. Von hier wurde Quedlinburg 
besetzt und 1290 der Konvent zu Helmstädt gegründet. 



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Augustiner-Einsiedler. 115 

Terminierhäuser hatte das Kloster zu Goslar, Oster- 
wieck, Elbingerode, Wernigerode, übte auch 
im Stift Gernrode seelsorgerische Thätigkeit. 

Erfurt. 1266 erteilt Erzbischof Werner von Mainz 
den Brüdern die Erlaubnis, sich hier niederzulassen; 
1276 nimmt der Rat sie formlich auf. Am 17. Juli 
1505 tritt Luther hier ein. 

Sangerhausen. Eine Spur — die jedoch noch 
nicht den eigentlichen Augustiner - Einsiedlern gelten 
kann — reicht bis 1227 zurück. Vor 1293 war das 
Kloster jedenfalls vorhanden. 

Langensalza, 1 280 von Günther Edeln von Salza 
gegründet. 

Magdeburg, wohl kurz vor 1284 durch Bürger, 
besonders Werner Furhake, ausgestattet. Die bedeu- 
tende Kirche wird erst 1366 gerichtet. Eine Terminei 
des Klosters war zu Ziesar. 

Quedlinburg, gegen 1295 gegründet; im letzten 
Drittel des 14. Jahrhunderts von Himmelpforten neu 
besetzt. 

Nordhausen, vor dem Jahre 1312. 

Salzwedel. 1337 erhielt der Orden die mark- 
gräfliche Erlaubnis zur Erbauung eines Klosters. Wir 
wissen über dasselbe nichts Näheres; es bestand das- 
selbe kaum lange. 

Herz b er g, 15. Jahrhundert. Im Jahre 1491 trat 
das Kloster unter Beförderung Kurfürst Friedrichs des 
Weisen zur Kongregation des Proles; 1515 stehen unter 
Luther die Klöster zu Wittenberg, Dresden, Herzberg, 
Gotha, Langensalza, Nordhausen, Sangerhausen, Magde- 
burg, Neustadt a. O. — Eisleben kam bald dazu. Das 
Herzberger Kloster hatte einen bedeutenden Wirkungs- 
kreis durch Termineien zu T o r g a u , Wittenberg, 
Jüterbogk, Luckau, Kottbus, Kamenz, Guben 
und Bautzen. 

Wittenberg, 1488 von Kurfürst Friedrich von 
Sachsen ausgestattet. 

Eisleben, Neustadt, 1512 — 1515 vom Grafen Al- 
brecht von Mansleld gestiftet. Es war noch rechtzeitig 
gegründet, um unter seinem wackeren Prior Kaspar 
Güttel eine Pflanzstätte der Reformation zu werden. 

Litterarische Bedeutung der Klöster und Stifter. 

Uber die geschichtliche Bedeutung unserer Stifter und 
Klöster konnten wir in unserer gedrängten Übersicht nur 

8* 



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110 



Vierter Abschnitt. 



wenige kurze Andeutungen geben. Die Fülle der Thatsachen 
ist so grofs, dafs davon in Kürze kaum gehandelt werden 
kann. Einige Bemerkungen jedoch über ihre Bedeutung für 
heimische Geschichtsschreibung und Kunst mögen hier eine 
Stelle finden. 

Abgesehen davon, dafs die trotz mancher schmerzlichen 
Verluste immer noch reiche Fülle alter Stifts- und Kloster- 
urkunden für uns eine Hauptquelle geschichtlicher Kenntnis 
bleibt, fehlte es auch in diesen Stiftern nicht an eigentlichen 
geschichtlichen Aufzeichnungen. In dem ältesten einheimi- 
schen Hochstift Halberstadt verfafsten schon die Bischöfe 
Haimo, Alkuins Schüler (840 — 850), Hildeward # (968 
bis 996) und Arnolf (996 — 1023) einige schriftliche Über- 
lieferungen. Unter Burchard n. (1059— 1088) begann hier 
im 11. Jahrhundert ein bewegtes Leben, und es reichen die 
geschichtlichen Arbeiten bis in die ersten Jahrzehnte des 
13. Jahrhunderts. Das von 780—1209 reichende Chronikon 
Halberstadense (von Johann Semeka?) haben wir als einen 
Auszug derselben anzusehen. Auch das wegen der benutzten 
reichen Quellen wichtige Sammelwerk des sächsischen 
Annalisten entstand im 12. Jahrhundert offenbar in einem 
halberstädtischen Kloster. 

Im Benediktinerkloster Ilsenburg entfaltete sich zwi- 
schen etwa 1070 — 1090 unter Abt Herr and, dann von 
1105 — 1129 unter Abt Martin eine rege litterarische Thä- 
tigkeit. Der auf der Seite Gregors VII. stehende Herrand 
schrieb gegen Bischof Walram von Naumburg und das 
blutige Ende seines Vetters Bischof Burchard H. von Halber- 
stadt. Auch eine Lebensbeschreibung Bischof Haimos wurde 
unter ihm im Kloster geschrieben. Quedlinburg am Unter- 
harz, der Lieblingssitz des ottonischen Königsgeschlechtes, 
war die älteste Stätte einer höheren Kultur im nördlichen 
Deutschland. Besondere unter edeln Frauenhänden gedieh 
hier seit dem 10. und 11. Jahrhundert die feinere Erziehung 
von Knaben und Jungfrauen. Selbst die Elemente byzan- 
tinisch-griechischen Wesens fanden hier ihre Pflege. Die 
Quedlinburger Jahrbücher ( — 1025) entstanden hier 
neben den alten Quedlinburger Totenbüchern als wichtiges 
Sammelwerk. An Quedlinburg reiht sich Nordhausen, 
wo in dem Jungfrauenkloster, der Stiftung der edlen Königin 
Mathilde, ein reges geistiges Leben herrschte. Hier wurde 
in zwiefacher Gestalt das Leben jener Königin geschrieben, 
einmal 974, das andere Mal 1010 auf Veranlassung König 
Heinrichs U. 

Der Erzbistumssitz zu Magdeburg war wenigstens in der 



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Litterarische Bedeutung der Klöster. 



117 



ersten ottonischen Zeit und unter den Domscholastern Otrik 
und Maginfrid eine Pflanzstätte geistiger und geistlicher Bil- 
dung, wo ein Adalbert, Bruno, Thietmar ihre Vorbildung 
fanden. Im 12. Jahrhundert entstanden dort von einem Mönche 
zu Kloster Berge vor Magdeburg die Annales Magde- 
burgenses (— 1188), dann zu verschiedenen Zeiten das 
Chronikon Magdeburgense (938 — 1375), im 11. Jahrhun- 
dert die kaiserfeindliche Parteischrift des Klerikers Bruno 
über den Sachsenkrieg (— 1084). Das geschichtlich so 
wichtige Leben Erzbiscliof Norberts ist zwar nicht 
in Magdeburg, sondern von einem französischen Prämonstra- 
tenser geschrieben, doch sind seine Thatcn auch in einer ein- 
heimischen bis zu den Zeiten seiner Nachfolger fortgesetzten 
erzbischöflichen Chronik niedergelegt, deren Spuren 
noch in der späteren Magdeburger Schöppenchronik 
zu erkennen sind. Auch in der Pränionstratcnserstiftung 
Gottesgnaden wurde bald nach 1190 eine für Norberts 
und Wichmanns Zeit nicht unwichtige Gründungsge- 
schichte geschrieben, deren Grundlagen auch aus Magde- 
burg selbst stammen. 

In der Votivstiftung Ottos I. zu Merseburg entstand das 
1018 vollendete, durch seine Zuverlässigkeit und Reichhaltig- 
keit so merkwürdige Chronikon des Bischofs Thietmar 
von Merseburg. In keinem Werke tritt die Bedeutung unserer 
sächsisch-thüringischen Länder zur Zeit der sächsischen Kaiser 
mehr hervor, als in diesem. Nächst dem alten Merse- 
burg er Totenbuch ist für die spätere Zeit die zuerst 
113b' abgefafste, dann verschiedentlich, zuletzt noch 1514 
fortgesetzte Bistumschronik zu erwähnen. Zu Naum- 
burg verfafste Bischof Walram (1089 — Uli) ein Send- 
schreiben zugunsten Kaiser Heinrichs IV. 

Zu Erfurt, das als Sitz der Mainzer Verwaltung für 
das eigentliche Thüringen doch die Stelle eines Bistums ver- 
tritt, reicht die Geschichtschreibung der Klöster und Stifter 
nicht, wie man es wohl erwarten sollte, in die älteste Zeit 
zurück, sondern sie beginnt erst, was auch aus der geschicht- 
lichen Stellung und Zerrissenheit Thüringens zu erklären ist, 
um den Anfang des 12. Jahrhunderts in der Zeit Hein- 
richs V. mit den zuerst über S. Alban in Mainz nach Thü- 
ringen gekommenen Nürnberger Annalen in der Chronik 
des Petersklosters (Chronikon Sampetrinum). Von 1104 
an beginnt die Arbeit selbständig bedeutend zu werden, be- 
sonders bis zur Zeit Kaiser Lothars und 1149. Dieses Werk 
wurde später bis über die Zeit Kaiser Friedrichs I., dann 
mit Aufnahme der Erfurter Jahrbücher (1220—1254), 



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118 



Vierter Abschnitt. 



endlich bis ins späteste Mittelalter fortgesponnen. Bis zum Jahre 
1261 schrieb auch ein Franziskaner in Erfurt ein geschicht- 
liches Sammelwerk von mäfsigem Werte und im 15. Jahr- 
hundert entfaltete der Mönch Nikolaus von Siegen (um 
1490) eine reiche schriftstellerische Thätigkeit in der Ab- 
fassung einer kirchlichen Chronik, einer Fortsetzung 
des Lambrecht von Aschaffenburg und einem thüringi- 
schen oder Petersberger Chronikon (1480 — 1490). 
Auch an sonstigen kleinen Erfurter Chroniken und geschicht- 
lichen Aufzeichnungen fehlt es nicht. 

Von Landklöstern sind durch ihre litterarische Thätig- 
keit besonders Goseck zwischen Weifsenfeis und Naum- 
burg, dessen Chronik (1041 — 1135) für die Geschichte der 
Klöster und der Pfalzgrafen von Sachsen wichtige Nach- 
richten, freilich auch manches Irrtümliche enthält, und 
Bosau zu nennen. Die sogen. Bosauer, besser P egauer 
Annalen (1125 — 1195) sind nur nach ihrem Fundort, nach 
Kloster Posau, Bosau oder Posen bei Zeitz so genannt. Nach 
Halle gehört das Leben des ersten Propstes des dortigen 
Augustiner - Chorherrenstifts , des Neuwerksklosters , Lam- 
brecht. Weit bedeutender aber ist innerhalb derselben 
Diöcese eine in dem Augustiner-Chorherrenkloster auf dem 
Lauter- oder Petersberge bei Halle entstandene Chronik. 
Ein Anhang über den Geschlechtszusammenhang der Wettiner 
ist auch für die Vorgeschichte des sächsischen Königshauses 
von besonderem Wert. 

Von geschichtlichen Schriften der jüngeren Orden nannten 
wir nur das Sammelwerk eines Erfurter Franziskaners. Wie 
dieses sind die um 1250im Cistercienserkloster Sittichen- 
bach geschriebenen Wundergeschichten des ersten Abts 
Vo lkwin nebst Gründungsgeschichte des Klosters und die 
bisher nur in jüngerer Gestalt und nach späterer Abschrift 
veröffentlichte Gründungsgeschichte des Heiligenblutsklosters 
Waterler (Wasserleben) bei Wernigerode von geringer 
Bedeutung. Von sonstigen Klöstern, wie Huysburg und 
andern, sind uns nur Totenbücher und Klostergeschichten 
aus späterer Zeit erhalten. Von den Augustiner -Einsiedler- 
klöstern zu Erfurt, Magdeburg, Himmelpforten 
wissen wir, dafs sie Schulen und Bibliotheken hatten. Die 
von hier ausgegangenen Schriften, von denen wir wissen, 
sind speziell geistlichen Charakters. 

Kunstgeschichtliche Bedeutung der geistlichen Stiftungen. 

Wie bis ins spätere Mittelalter Stifter und Klöster die 
einzigen Pflegestätten des Schrifttums waren, so waren sie 



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Litterar- u. kuustgeschichtl. Bedeutung d. geistl. Stifter. 119 

auch — neben den noch sehr zurücktretenden Profan- 
bauten — nicht weniger die Ausgangspunkte und Werk- 
stätten der Kunst. 

Zunächst sammelte sich jedes Stift und Kloster mit seinen 
Reliquienschveinen und Klei nod ien einen Schatz von 
Werken der Kleinkunst. Zumeist wurden diese allerdings 
von auswärts bezogen, ebonso auch die Paramcnte, aber 
es wurde doch auch, zuerst unter Anleitung auswärtiger Bei- 
spiele und Meister, in den Klöstern gemalt. Besonders zu 
Quedlinburg können wir den Einiiufs der griechischen 
Theophanu und ihrer Landsleute verfolgen. Aber auch in den 
Landidöstern webten z. B. die Jungfrauen kirchliche Decken 
und Vorgehänge. Eine besondere kunstreiche Altarstickerei 
fertigte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts die Schwester 
des Dominikaners Elger, geborene Gräfin zu Honstein, im 
Kloster Rohr. Auch aus Drübeck und manchen anderen 
Klöstern sind an Ort und Stelle gefertigte Teppiche er- 
halten. 

Von Werken der Skulptur ist an die zehn Jungfrauen an 
der Paradiesesthür des Doms zu Magdeburg, eine Marien- 
statue im Lettner der Predigerkirche zu Erfurt, eine andere 
in der romanischen Unser Lieben Frauen-Kirche zullalberstadt, 
mehrere Skulpturen zu S. Moritz in Halle zu erinnern, an 
eine Bischofsstatue im Dom zu Naumburg, eine Ritterstatue 
im Dom zu Merseburg, das Gleichendenkmal im Dom 
zu Erfurt, an das Denkmal der zweiten Gemahlin Kur- 
fürst Rudolfs 1. (f 1331), Kurfürst Rudolfs III. (f 1418) und 
seiner ersten Gemahlin, Anna von Thüringen (f 1395), in 
der Schlofskirche zu Wittenberg, an die Denkmäler der 
Erzbischöfe Otto (f 1361) und Albrecht von Quorfurt (f 1403) 
im Dom zu Magdeburg. Im Merseburger Dom sind 
zu erwähnen das Grabdenkmal Erzbischof Friedrichs von 
Hoym (f 1382), im Na umburger Bischof Gerhards (f 1422), 
Dompropst Bernhards (f 1391), in der Barfüfserkirche zu 
Erfurt der Freiin von Ziegler (f 1370) und Bischof Al- 
brechts von Beichlingen (f 1371), in der Predigerkirche eines 
Mönches aus dem schwarzburgischen Hause (f 1345), in der 
Schlofskirche zu Querfurt das Grabmal des Edeln Geb- 
hard von Querfurt (f 1383). 

Von Schnitzwerk ist zu erwähnen im Dom zu Halber- 
stadt die Passionsgruppe über dem Lettner des Doms aus 
dem 13./H," Jahrhundert, in der Barfüfserkirche zu Erfurt ein 
Altarschrein mit der Krönung der Maria u. s. f., ein Altar- 
schrein mit Maria und Heiligen zu S. Petri und in der Ma- 
rienkirche zu Stendal, Ohorgestühl zu Halberstadt, 



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Vierter Abschnitt, 



Gewölbemalerei zu Herzberg a. d. Elster, Glasmalerei im 
Chor der Dome zu Halberstadt und Erfurt, auch der 
Marienkirche zu Salzwedel und der Jakobikirche zu 
Stendal, Tafelgemälde, Flügelbild im Kapitelsaale des 
Halberstädter Doms (Maria von Heiligen umgeben), Me- 
tallgufswerke in Stadt- und Schlofskirche zu Wittenberg, 
in den Domen zu Merseburg, Halberstadt, Magde- 
burg, gravierte Grabplatten in der Schlofskirche zu Witten- 
berg und im Dom zu Naumburg gehören erst dem Ende 
des Mittelalters an. 

Von Steinmetzarbeiten nennen wir die Grabdenkmäler 
Erzbischof Albrechts IV. von Sachsen (f 1403) und der 
Königin Editha zu Magdeburg, Markgraf Georgs von 
Sachsen in der Kirche zu Pforte, Johann von Allenbloms 
(f 1429) am Domchor zu Erfurt, Moses mit den Gesetzes- 
tafeln unter den Thüren und der erwachende Jakob unter 
der Schlofsthür des Doms zu Merseburg. 

Was an Werken der Malerei in unseren thüringisch- 
sächsischen Gegenden erhalten ist und sich besonders zu 
Merseburg, Naumburg, Wittenberg, Langensalza, 
Landsberg findet, geht meist nicht über die Anfange der 
Reformationszeit zurück. Noch mag erinnert werden an Al- 
täre und Schreine in den Kirchen zu Halle, Frei bürg a. U., 
Landsberg, Eisleben, Sangerhausen, Nordhausen, 
Mühlhausen, Treffurt, Hai berstadt, Quedlinburg, 
Erfurt, 

Wenden wir uns nun zu der in mehr als einer Hinsicht 
herrschenden unter den Künsten, der Architektur, so 
bieten unseres Sachsen - Thüringens Stü ter, Klöster und Ka- 
pellen eine Fülle kunstgeschichtlich merkwürdiger Beispiele 
der verschiedenen mittelalterlichen Stilarten. 

Dem Gange der Geschichte entsprechend findet der ro- 
manische Stil sich in zahlreichen und merkwürdigen 
Bauten an den Abhängen des Harzes, besonders den nörd- 
lichen, vertreten. Wir können dabei geradezu von einer 
harzisch-sächsichen Bauweise sprechen. Sie ist gekennzeichnet 
durch den eigentümlichen Wechsel von Pfeilern und Säulen, 
so dafs entweder, wie in der Stiftskirche zu Quedlinburg, 
je zwei Säulen zwischen zwei Pfeilern stehen, oder, wie zu 
Klostergröningen, zwei Säulen zwischen je einem Pfei- 
ler, oder dafs einzelne Pfeiler mit Säulen abwechseln, wie 
wir das zu Drübeck, llsenburg, Huysburg sehen. 
An der Westseite pflegen gewöhnlich Doppelthüren zu stehen, 
unter denen sich eine vom Innern des Schiffs zugängliche 
zweigeschossige Halle befindet. Die Südseiten der Kreuz- 



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Kunstgeschichtl. Bedeutung der geistl. Stiftungen. 121 



flügel pflegen mit Nebenapsiden versehen zu sein. Bei den 
abwechselnden Säulen- und Pfeilerarkaden ist oft (so zu 
Ilsenburg und Huysburg) die Schwere der Scheide- 
mauern des Hauptschiffs für den Anblick dadurch mit Ge- 
schick beseitigt, dafs die Pfeiler unter sich durch hohe Blend- 
bogen verbunden sind, welche sich über den zurücktretenden, 
niedrigen, auf Säulen ruhenden Arkadenbögen hinweg wöl- 
ben. Harne r sieben zeigt das Beispiel eines reinen Säulen- 
baues, ähnlich Münchenlohra bei Nordhausen. Während 
Stifts- und Klosterkirchen am Harz von der Unterkirche zu 
S. Wiperti in Quedlinburg au bis ins 10. und 11. Jahr- 
hundert zurückzureichen pflegen, ist der mächtige Bau der 
viertürmigen Unser Lieben Frauen - Kirche zu Hal- 
be r stadt dem gröfsten Teile nach ein Werk des 12. Jahr- 
hunderts, aber in den edelsten Formen. Das erzbischöniche 
Magdeburg besitzt nur in der Marienkirche ein rein ro- 
manisches Bauwerk des 11. Jahrhunderts. An die harzische 
Weise schliefst sich Meinleben an. 

In den thüringisch - obersächsischen Kirchen romanischen 
Stils herrscht der Gewölbebau vor. Hier ist der Dom zu 
Naumburg eins der bedeutendsten Beispiele des spätroina- 
nischen Gewölbebaues in Sachsen. Auch die zweistöckige 
Schlofskapelle zu Landsberg bei Halle aus dem 12. Jahr- 
hundert ist hier zu nennen. Was die Ausführung im einzelnen 
betrifft, so ist die Anlage der Pfeiler, der Reichtum der Aus- 
führung der Kapitale im Dom zu Naumburg, in der 
Unterkirche zu Merseburg und in der Doppelkapelle des 
Schlosses zu Freiburg a. U. am merkwürdigsten, doch 
zeichnen sich auch einzelne Kapitale zu Konradsburg, 
in S. Wiperti und der Stiftskirche zu Quedlinburg 
und zu Harn er sieben durch Feinheit und Reichtum der 
Steinmetzarbeit aus. Zu Erfurt sind die Trümmer der 
grofsartigen viertürmigen Pfeilerbasilika des P e t e r s b e r g c r 
Klosters nicht unerwähnt zu lassen, sowie auch die zwischen 
1853 und 1857 stilgemäfs wiederhergestellte Pfeilerbasilika 
auf dem Petersberge bei Halle. 

Der Einflufs dieses sächsisch - thüringischen Stils macht 
sich auch noch südlich vom Thüringer Walde, z. B. in der 
flachgedeckten kreuzförmigen Pfeilerbasilika des Präinon- 
stratenserklosters Vefsra bei Schleusingen aus dem 12. Jahr- 
hundert geltend ; im Norden aber nötigt der Mangel an- 
stehenden Gesteins zum Backsteinbau und damit zu einer ver- 
änderten Gestalt des Stils. Die nördlichsten Hauptsteinbauten 
sind links der Elbe Hillersleben, Ammensieben, 
Wolmirstädt, rechts die Prämonstratenserkirche zu Leiz- 



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122 



Vierter Abschnitt. 



kau. Nördlicher tritt an die Stelle des Baues aus gewachse- 
senen Sternen der Ziegelbau. Daneben wurden aber auch 
die zahlreich vorgefundenen nordischen Geschiebe benutzt. 
Auch hier finden sich merkwürdige romanische Kirchen- 
bauten, von denen wir nur den Gewölbebau des Bene- 
diktiner- Jungfrauenklosters zu Arendsee vom Ende des 
12. Jahrhunderts, die gewölbte Pfeilerbasilika des Augustiner- 
klosters zu Diesdorf bei Salzwedel aus der Mitte des 
12. Jahrhunderts, die Pfeilerbasilika zu Grofs-Beuster 
und Teile von Salzwedeier Kirchen nennen. Östlich von 
der Elbe ist die sorgfältig restaurierte, im 12. Jahrhundert 
gebaute Prämonstratenserkirche zu Jerichow, eine kreuz- 
förmige, flach gebaute Säulenbasilika, durch vollendete Sauber- 
keit und klare Durchbildung eins der ausgezeichnetsten 
Beispiele des romanischen Ziegelbaues. 

So war die romanische Bauweise hierzulande in aus- 
gedehntestem Mafse verbreitet, die vorhandenen Bauten 
wurden immer im Anschluls an das Vorhandene erneuert 
und erweitert. Daher erhielten sich auch romanische Einflüsse 
wohl nirgendwo länger als hier bis ins 13., ja bis ins 14. 
Jahrhundert. Da aber daneben seit Anfang des 13. Jahr- 
hunderts doch auch die Gotik ihren Einflufs mächtig geltend 
machte, so entwickelte sich an vielen kirchlichen Bauten 
ein eigentümlicher Ubergangsstil von der Romantik zur 
Gotik. Dieser läfst sich besonders an dem grofsartigsten 
Baudenkmal der ganzen Provinz, dem im wesentlichen seit 
1208 begonnenen und 1363 vollendeten Dome zu Magde- 
burg verfolgen, der an die Stelle des 1207 abgebrannten 
Baues Ottos I. trat. Vom Chor und dem südlichen Teile des 
Kreuzganges an schreitet von entschieden spätromanischen 
Formen die Gotik nach Westen vor: der westliche Flügel 
ist gotisch. Auch bei den Kirchen der Stadt zu S. Jo- 
hannis und S. Petri zeigen sich ähnliche Ubergänge, ebenso 
bei den Türmen von S. Bla sien und S. Marien zu 
Mühlhausen, beim Dom zu Merseburg und zu Nord- 
hausen. Die jetzt im wesentlichen gotische Cistercienser- 
kirche zu Pforte, S. Moritz, S.Paul und S. Burchardi, 
selbst ein Teil des Doms zu Halberstadt, S. Katha- 
rinen, S. Lorenz und S. Marien zu Salzwedel, S. 
Nikolai und S. Martin zu Osterburg zeigen neben 
dem Gotischen noch romanische Motive. 

Wenn aber auch bei unseren Baudenkmälern die roma- 
nische Gestalt vorherrscht und sich noch bei Bauten aus 
späterer Zeit Geltung verschafft, so fehlt es doch in unserm 
Sachsen- Thüringen keineswegs an manchen ausgezeichneten 



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Kunstgesehichtl. Bedeutung der Kirchen und Stifter. 123 



Meisterwerken edelster Gotik, von denen die Dome zu Magde- 
burg, namentlich der Turmbau, und zu Halber stadt 
die grofsartigsten sind. Imponiert das Mutterhaus des Erz- 
stifts schon durch die Grofsartigkeit der Mafse, so gebührt 
dagegen an Reichtum der Skulptur und an einheitlich 
harmonischer Erscheinung dem Dome zu Halberstadt ent- 
schieden der Preis. Und eine Stelle, wo, wie beim Domplatz 
zu Halberstadt, ein klassisches Werk der romanischen Bau- 
kunst in der Kirche Unser Lieben Frauen neben einem 
entsprechenden der Gotik im Dome dicht bei einander stehen, 
sucht allerorten ihresgleichen. An beiden Meisterwerken 
wurde übrigens bis ins 15., ja am Dome zu Halberstadt bis 
ins 16. Jahrhundert gebaut. Beide stehen, besonders durch 
den Kunstsinn unserer Könige sorgfältig hergestellt, in alter, 
edler Gestalt vor unseren Augen. Auch der Dom zu Erfurt, 
ein mannigfaltiger Bau aus verschiedenen Perioden, macht 
schon seiner herrlichen Lage wegen einen imposanten Ein- 
druck. Von frühen und edelgotischen Hallenbauten ist die 
Marienkirche zu Heiligenstadt und besonders die fiinf- 
schiffige Marienkirche zu Mühlhausen zu nennen. 
Halle hat mehrere ansehnliche gotische Hallenkirchen. 

Auch im Bereich des Backsteinbaues, d. h. im tief- 
ländischen Teile unserer Provinz, hat die Gotik edle und 
bemerkenswerte Vertreter aufzuweisen, darunter besonders 
den in der Grundform des Kreuzes aufgeführten Dom zu 
Stendal mit edeln, schönen Verhältnissen, die dreischifiige 
reiche iJarienkirche daselbst, auch verschiedene Kirchen zu 
Salzwedel, Tangermünde, Gardelegen, Werben 
und in den ehemals kursächsischen Landesteilen die Kloster- 
kirche zu Sitzenrode oder Güldenstern bei Mühlberg, 
die noch viele romanische Erinnerungen hat, die Kirche zu 
Herzberg a. d. Elster und die Stadtkirche zu Witten- 
berg. 

Ausgang und Schicksale der mittelalterlichen Stifter und 

Klöster. 

Waren Stifter und Klöster im früheren Mittelalter die 
einzigen Pfleger und Bewahrer der Wissenschaft und der 
geschichtlichen Erinnerung, besonders auch die Nährer und 
Träger der Kunst, bis dann in den Städten bürgerliche 
Kunst und Gelehrsamkeit sich zu entwickeln begann, so 
hatten doch alle jene geistlichen Stiftungen und Orden ihre 
Zeit, ihre Blüte und ihren Verfall. Neue Orden, neue Arten 
geistlicher Genossenschaften zeigten teilweise schon das Unge- 
nügende, das Abblühen der bestehenden. Seit dem 14. und 



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124 



Vierter Abschnitt. 



15. Jahrhundert konnten aber keine Reformen, keine neuen 
Kongregationen mehr den allgemeinen Verfall des alten 
Kirchen wesens aufhalten. Die von unseren Gegenden aus- 
gegangene Reformation der Kirche übte nur das Gericht 
an den Einrichtungen und Formen, deren Urteil längst ge- 
sprochen war. 

Unsere Autgabe ist hier nicht, den religionsgeschicht- 
lichen Zusammenhang dieser Erscheinung zu verfolgen, 
sondern auf das Schicksal der Stifter und Klöster im grofsen 
insoweit hinzuweisen, als dasselbe für unsere gesamte ge- 
schichtliche Entwickelung von gröfster Bedeutung war. Sie 
alle, wie sie oben aufgerührt wurden, erlitten, soweit sie 
nicht schon vorher eingegangen waren, infolge der Refor- 
mation inehr oder weniger starke Erschütterungen. Fast 
allenthalben richtete zunächst im Jahre 1525 der Sturm der 
empörten rohen Bauern in Thüringen und Sachsen seine 
Verwüstungen gegen die Stifter und Klöster auf dem Lande, 
in denen die Landleute Diensthäuser sahen, denen sie 
zinsen und fronden mufsten. 

Nur wenige Klöster, wie Himmelpforten bei Wernigerode, 
hörten gleich nach dieser Zerstörung zu bestehen auf, 
andere erst infolge der meist nur allmählich durchgeführten 
Reformation. Die geringe Zahl der bei der römisch-katho- 
lischen Kirche oder nach Annahme der Reformation in den 
alten Formen fortbestehenden Stifter wurde zumeist im Jahre 
1808/9 durch die französisch - westfälische Fremdherrschaft, 
andere auch, wie im Eichsf eidischen , Erfurtischen bei der 
Besitzergreifung durch Preufsen infolge des Reichsdeputations- 
Hauptschlusses 1803 aufgehoben. 

Diesen Thatsachen gegenüber wird uns die Frage nahe 
gelegt, worin die geschichtliche Notwendigkeit dieser Er- 
scheinung begründet war, eine Frage, auf die sich am geeig- 
netsten durch die Verbindung mit einer weiteren nach Zweck 
und Ursprung der Stiftungen eine entsprechende Antwort 
wird geben lassen. 

Klöster und Stifter wurden zur Pflege einer religiösen 
Gemeinschaft nach gewissen Sätzen und Formen zum Zweck 
der eigenen Vervollkommnung angelegt und hatten eine 
Bedeutung, so lange dieser Zweck erfüllt wurde. Gewisse 
geistliche Orden, besonders die der Mendikanten, verfolgten 
bestimmte Aufgaben nach aufsen, die letzteren zumeist in 
der Predigt und Seelsorge bei dem von der Weltgeistlichkeit 
sehr vernachlässigten Volke. Als nun beiderlei Aufgaben 
nicht mehr dem ursprünglichem Zweck entsprechend erfüllt 
wurden und infolge der Kirchenordnung andere Organe an 



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Verblühen und Schicksale der mittelaltcrl. Stiftungen. 125 



die Stelle jener alten Stiftungen traten, da erhob sich die 
Frage, an wen der gesamte, fast unübersehbare weltliche 
Besitz, der im wirtschaftlichen Sinne Gut zur toten Hand 
war, fallen solle. 

Hierauf kann wohl nicht anders geantwortet werden, als 
dafs sie wieder zu frommen milden und kirchlichen Zwecken 
zu verwenden waren. Aber die rechtliche Frage war keines- 
wegs eine so einfache noch überall dieselbe, denn nur der 
kleinste Teil der Klöster war im Besitz der Orden oder 
stand mit denselben in unmittelbarem Zusammenhange. 
Ohnedies hörte ja für die einem andern Bekenntnis Ange- 
hörigen die Bedeutung der Orden auf. Dann waren aber 
aucb Stifter und Klöster sehr vielfach in der Hand von 
Fürsten, Edelherren oder Magistraten als Schutzherren, 
Vögten oder Patronen, die als dieser Stifter Oberherren auch 
deren Erben waren. Ein grofser Teil war Familienstiftungen, 
die dem Begräbnis und sonstigen geistlichen Zwecken 
dienten, für welche die Herren sie gegründet und ausge- 
stattet hatten. 

Einige fünfzig Stifter und Klöster unserer Provinz gingen 
von Königen und Landesfursten aus, darunter alle Hoch- 
stifter, ferner die Stifter Quedlinburg, Kloster Berge, Walbeck, 
Memleben. Noch mehr (62) wurden von Grafen und Edel- 
herren gestiftet, eine kleine Zahl wurde von Rittern und 
Ministerialen ausgestattet, so Abbenrode von den v. Lochten, 
Ammendorf und Steinlausig von den v. Ammendorf, Himmel- 
pforten von den v. Hartesrode, Meiendorf von den v. 
Gronenberg. Auch mehrere reiche Bürger bauten Stifter 
und statteten sie aus, wie zu Erfurt der Bürger Vierling 
das Chorherrenstift zum heiligen Brunnen, Heinrich Bauso 
das Kloster Mariengarten, Heinrich Cämmerer zu Mühl- 
hausen das Jungfrauenkloster Annerode, Elisabeth Stoffregen 
das Augustiner -Frauenkloster zu Salzwedel. Die Bettel- 
mönchsklöster in den Städten gingen meist von Magistraten 
und Bürgerschaften aus, die, da die Bettler grundsätzlich 
keinen eigenen Besitz haben durften, ihre Pfleger und die 
Verwalter ihrer Güter waren. Nur der kleinste Teil (etwa 
40 geistliche Stifter) wurde von Bischöfen, Geistlichen oder 
unmittelbar von den Orden gestiftet und auch dann mit Unter- 
stützung weltlicher Verwandter und Begabung benachbarter 
Laien. Die Bischöfe gründeten meist nur an ihren Bis- 
tums- oder Regierungssitzen, wie zu Halle und Erfurt, 
Stifter, von denen sie Ehren und Einkünfte hatten, die auch 
im Laufe der Zeit den Charakter von Residenzen an- 
nahmen. 



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126 



Vierter Abschnitt. 



Gab es demnach nach Urprung, Art und Zweck der 
Stiftungen sehr verschiedenartige Rechtsverhältnisse, so kam 
noch hinzu, dais bei der Auflösung zur Zeit der Refor- 
mation oft nur ein kleiner Teil der Insassen zurückblieb 
und sich als Erbe der Besitzungen und Rechte der Stif- 
tungen ansah. Hier konnte es an Konflikten und verschie- 
denen Rechtsanschauungen nicht fehlen. Gewifs hat es bei 
der Säkularisation der Stifter an gewaltsamen Übergriffen 
der Gewalthaber nicht gefehlt; es mufs aber jeder Fall für 
sich geprüft werden. 

Für den Verlauf der Geschichte kommt aber besonders 
in Betracht, welche Bedeutung die geistlichen Stiftungen 
nach der Reformation behielten oder gewannen. Zunächst 
blieben die meisten Hochstifter und die Klöster auf dem 
Lande auch nach Durchführung der lutherischen Reformation 
noch bestehen. Die Hochstifter Magdeburg und Halberstadt 
wurden ganz, was sie der Hauptsache nach schon gewesen 
waren: weltliche Fürstentümer. Die Kapitel wurden ent- 
weder ganz evangelische, wie zu Magdeburg, Merseburg, 
Naumburg, Zeitz, zu Halberstadt aber paritätisch. Zu Hal- 
berstadt wurde das Kapitel erst 1810 durch die westfälische 
Regierung aufgehoben, während Merseburg und Naumburg- 
Zeitz noch fortbestehen. Zu Neuendorf bei Gardelegen, im 
Augustinerkloster Manenborn und zu Wolmirstädt bestanden 
evangelische Fräuleinstifter, die erst 1809/10 durch die west- 
fälische Regierung aufgehoben wurden. Zu Marienthal bei 
Eckartsberga wurde noch 1732 von einem Herrn v. Münch- 
hausen ein solches eingerichtet; in dem uralten Stift Drü- 
beck besteht es noch heute. Der Ordenshof zu Weifsensee 
dauerte nach der Reformation fort unter Fortgewährung 
stiftungsmälsigcr Leistungen für Kirche, Schule, Kranke 
und Arme; die Kommende Griefstädt wurde erst 1809 
aufgehoben. Auch zu Stendal erhielt sich ein evan- 
gelisches Stift mit klösterlicher Verfassung unter einer Do- 
mina. 

Die Kloster- und Stiftskirchen wurden, entsprechend dem 
regen religiösen Leben und Bedürfnis, seit der Reformation 
zu PfaiT- und Gemeindekirchen oder für Nebengottesdienste 
und Hospitäler benutzt. Zu Halle diente die Franziskaner- 
kirche als Universitäts- und Garnisonkirche. Zu Magdeburg 
wird die Dominikanerkirche erst 1698 den Deutschreformierten 
übergeben, die Augustiner-Einsiedlerkirche den französischen 
und wallonisch Reformierten eingeräumt. Die Klostergebäude 
der Cistereienscr zu Ziesar bekamen die Geistlichen und 
Kirchenbedienten als "Wohnungen. Die Einkünfte der An- 



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Schicksale der mittelalterlichen Stiftungen. 127 

toniter zu Lichtenburg benutzte man zur Ausstattung evan- 
gelischer Pfarreien. 

In den Städten wurden die Klöster vielfach zur Errich- 
tung milder Stiftungen benutzt, so zu Magdeburg das 1687 
neu aufgeführte Marien - Magdalenen-Kloster zu einer Wohl- 
thätigkeitsanstalt für arme Frauen, das erst 1845 wieder 
neu eingerichtete Augustinerkloster daselbst zu einer Ver- 
sorgung^anstalt für würdige verarmte alte Bürgersleute. Im 
Franziskanerinnenkloster zu Stendal bildete sich ein evan- 
gelisches Hospital mit klösterlicher Verfassung. Das frühzeitig 
reformierte Beginenhaus zu Seehausen in der Altmark wurde 
in ein Armenhaus für 16 Frauen verwandelt; im Domini- 
kanerkloster vor Tangermünde vom Kurfürsten Joachim 11. 
ein Hospital errichtet. Die Einkünfte des Brücken klosters 
zu Mühlhausen wurden zu einer Keihe milder Stiftungen, 
auch die des alten Benediktinerklosters Rohr bei Schlou- 
singen von Graf Georg Ernst von Honneberg 1562 zu milden 
Zwecken verwandt. 

Wenn Luther und andere Reformatoren als einen Haupt- 
zweck der Klöster Lehre und Unterweisung ansahen, so 
war das freilich wenig zutreffend. Selbst die früher zahl- 
reichen Klosterschulen waren sehr zurückgegangen. Jeden- 
falls war aber diese Auffassung, bei der das dringende Be- 
dürfnis und Verlangen nach einer Hebung und Mehrung 
des äufserst vernachlässigten Schulunterrichts mitbestimmend 
war, der Anlafs, dafs die Reformation die Klöster zu keinen 
Zwecken so eifrig verwandte , als für Unterricht und 
Schule. 

Zunächst wurden eigentliche Stifts- und Klosterschulen 
eingerichtet, so Kloster Berge vor Magdeburg, wo eine 
höchst merkwürdige höhere Schule und Erziehungsanstalt 
bis zur Zeit der westfälischen Regierung bestand, ähnlich in 
der Stadt die unter diesem Namen und mit noch erhaltenen 
Formen fortbestehende Schule, Erziehungsanstalt, Gymnasium, 
Pädagogium, Alumnat und Kandidatenkonvent des ehe- 
maligen Prämonstra tenserklosters Unser Lieben Frauen. Am 
Dom erhob sich das Domgymnasium. Aus den Gütern des 
Klosters Pforte stiftete Herzog Moritz von Sachsen die dor- 
tige, noch blühende berühmte Klosterschule, der auch die 
Einkünfte des Benediktinerklosters Memleben überwiesen 
wurden. Nach dem Vorbilde der Pforteschule errichtete 
Heinrich von Witzleben 1554 im Augustiner- Jungfrauen- 
kloster Rofsleben eine Klosterschule , und sieben Jahre 
später gründeten Heinrich und Georg von Worthcrn nach 
Absterben der letzten Klosterjuugfrauen im ehemaligen 



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128 Vierter Abschnitt. 

♦ 

Cistercienser-Nonnenkloster Donndorf a. U. eine Knaben- 
Erziehungsanstalt. Zu Ilsenburg errichteten die Grafen zu 
Stolberg eine evangelische Klosterschule für zwölf Stipen- 
diaten, die zeitweise auch von mehr Schülern besucht wurde, 
von 1547 bis 1626 bestand und seit 1640 in ein Stipendium 
für fünf Studierende umgewandelt wurde. 

Wie schon die magdeburgischen Schulen und die pfor- 
tische den Charakter von Gvmnasien hatten, so waren es 
besonders städtische Schulen dieser Art, die aus den alten 
geistlichen Stiftungen hervorgingen. In Merseburg be- 
stimmte Kurfürst August von Sachsen die Einkünfte des 
Benediktinerklosters auf der Altenburg 1575 zur Ausstattung 
des von ihm errichteten Gymnasiums (Stiftsschule). Beson- 
ders wurden die Bettelmönchsklöster in den Städten zu 
Stiftsschulen oder Gymnasien umgewandelt. So sind seit 
1541 die Gebäude des Franziskanerklosters zu Zeitz zur 
Stiftsschule benutzt, im Jahre 1542 die des Franziskaner- 
klosters zu Mühlhausen, 1545 zu Schleusingen. Das 
erste evangelische Gymnasium zu Nord hausen fand seine 
Stätte in dem dortigen Predigerkloster. Der Chor des 
Franziskanerklosters zu Stendal diente bis 1784 einem 
gleichen Zweck; 1564 erhob sich im dortigen Kloster des- 
selben Ordens ein Gymnasium. In Magdeburg bildete 
sich das Altstädtische Gymnasium im Kloster der Augustiner- 
Eremiten. Auch die Wernigeröder Lateinschule, jetzt 
gräfliches Gymnasium, ging aus der Schule des dortigen 
Domstifts hervor, erhielt aber um 1550/54 ihr früheres Ge- 
bäude. Wie Magdeburg hat auch Halberstadt sein Dom- 
gynasium, das bis zur Aufhebung des Domkapitels unter 
dessen Patronat stand. 

Ein Ansehnliches flofs aus den alten geistlichen Stif- 
tungen auch den Hochschulen zu. Unterm 5. Oktober 1551 
wurden die Einkünfte des landesherrlichen Domstifts S. Nikolai 
in Stendal zur Dotation der Universität Frankfurt a. O. 
bestimmt. Der Universität Leipzig wurden schon 1540 
Einkünfte des Stifts auf dem Petersberge bei Halle über- 
wiesen, im nächsten Jahre 8000 Gulden aus Klosterrode. 
Ebendahin kam auch ein Teil der Bibliothek des Klosters 
Bosau. Noch in den Jahren 1809 und 1811 bestimmte 
König Friedrich August von Sachsen die Einkünfte der 
eingezogenen Deutschordenscommenden zu Griefstädt und 
Nägelstadt zur Begabung der Universitäten Wittenberg und 
Leipzig. 

Auch sonst wurde vielfach die Einrichtung von Knaben- 
und Mädchenschulen aus den Einkünften der eingezogenen 



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Verwendung der Klostergüter zu Schulzwecken. 129 



Klöster bestritten. Zu Magdeburg wurde im Franziskaner- 
kloster eine Schule errichtet; zu Halle benutzte der Rat das 
Franziskaner -Tertianerinnenkloster in gleicher Weise. Zu 
Nordhausen überträgt 1557 der Konvent des Cister- 
cienserinnenklosters Neuwerk das Kloster der Stadt zur Er- 
richtung einer Mägdlein- oder Jungfrauen- Schule. In Sanger - 
hausen wurden 1539 die Einkünfte des Augustiner-Einsiedler- 
klosters zur Ausstattung von Kirchen und Schulen ver- 
wandt. Der von Graf Berthold VI. zu Henneberg gestifteten 
Johanniterkommende Kühndorf Besitzungen wurden nach 
Einführung der Reformation von seinem Nachfolger für die 
Schule in Schleusingen in Anspruch genommen und 1540 die 
Wilhelmitenstiftung zu Mülverstedt von ihren Patronen, den 
Herren von Hopfgarten, in eine Schule verwandelt. 

In solcher Weise reicht die Bedeutung vieler alter Stif- 
tungen noch unmittelbar in spätere Zeit und bis in die 
Gegenwart hinein, und sie sind so für den Unterricht und die 
Unterweisung des Volkes das, was sie wohl einst mehr 
hätten sein sollen. 



Fünfter Abschnitt. 

Die ostsächsisch-thttringischen Lande in der Zeit der 
saliscken Kaiser 1024—1125. 

Über ein Jahrhundert lang hatten Könige und Kaiser 
vom sächsischen Stamme meist unmittelbar neben ihrem 
Reichsregimente auch die Verwaltung in unseren Gegenden 
gefuhrt, meist hier in den Stammbesitzungen des Hauses 
ihren Hofhalt aufgeschlagen. Eine Änderung mufste ein- 
treten, als auf ein volles Jahrhundert hin die Oberhäupter 
des Reichs vom Stamme der salischen Franken auf einander 
folgten. Da ihre Stammsitze aufserhalb lagen, so treten in 
Sachsen-Thüringen die einheimischen Gewalten mehr in den 
Vordergrund. Gleichwohl ist der Ubergang kein schroffer, 
und die einmal gewonnene Bedeutung dieser Gegenden, die 
in ihrer Natur als Grenzländer gegen Slavien begründet war, 
ging auch unter dem neuen Herrschergeschlechte nicht ver- 

Jacoba, Gesch. d. Prov. Sachsen. 9 




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180 



Fünfter Abschnitt. 



loren, vielmehr stehen Land und Volk auch jetzt teilweise 
sehr entschieden im Vordergrunde, und es sind während der 
ganzen Periode die reichsgeschichtlichen Beziehungen noch 
durchaus die vorwiegenden. 

Schon im Februar 1025 besucht Konrad II. bei seinem 
Umritt durch das Reich die Lieblingsaufenthalte der Könige 
vom sächsischen Stamme: Quedlinburg, Magdeburg, Merse- 
burg und andere Pfalzen und Burgen, überall von Herren 
und Volk freudig begrüfst, und im Sommer sah bereits das 
Land den König wieder, der, nachdem mit dem Tode des 
grofsen Boleslav Chrobry am 17. Juni unter dessen Sohn 
Mieczislav II. ein grofser Umschwung im Polenreiche ein- 
getreten war, die Lage der Dinge an der Ostgrenze des 
Reichs in Augenschein nehmen mufste. Drei Jahre später 
fiel der kriegstüchtige neue Polenherrscher verwüstend und 
plündernd in unsere Marken, besonders aber in das Land 
der aufseiten des Reichs stehenden Liutizen ein. Der Kaiser 
sah sich um so mehr veranlafst, diesen Friedensbruch zu 
bestrafen, als die Liutizen im Oktober 1028 ihn zu Pölde 
dringend um Hilfe angerufen hatten. Mit einem überaus 
ansehnlichen Heere, das er bei Leizkau versammelt hatte, 
brach er im Spätsommer des nächsten Jahres gegen Osten 
auf, aber die Natur des meist öden Landes, Hunger und 
andere ungünstige Umstände bedrängten die Deutschen so, 
dafs Konrad im Herbst ohne jeden Erfolg über die Elbe 
zurückkehren mufste. Aber bald schickte sich Mieczislav 
zu einer noch schlimmeren Unternehmung an. Auf die Nach- 
richt vom Tode Markgraf Thietmars von der Ostmark eilte 
er in wildem Ansturm gegen diese an, und es dienten ihm 
dabei wieder deutsche Überläufer als Helfer und Führer. 
Furchtbar zerstörend, sengend und mordend drang er im 
Januar 1030 bis zur Saale vor. Uber hundert Dörfer sollen 
zerstört und verwüstet, viele Tausende jeden Alters und 
Geschlechts in die Gefangenschaft geführt worden sein. Unter 
den letzteren befand sich der Bischof von Brandenburg. Der 
Zeitzer entfloh, während seine Kirche mit ihren Gütern von 
Grund aus zerstört wurde. Sie erhob sich dann in dem ge- 
sicherter gelegenen Naumburg wieder. Nur ein geringer Trost 
war es, dafs ein Graf Dietrich mit einer eiligst gesammelten 
Schar den abziehenden Polen einige Verluste beibrachte. 
Als der Kaiser das Pfingstfest wieder in Merseburg feierte, 
fafste er jedenfalls einen neuen Zug gegen Mieczislav ins 
Auge, den er dann im Herbste des nächsten Jahres zur 
Ausführung brachte. Diesmal rüstete er nur ein kleines 
Heer aus, mit dem er am 16. September zu Belgern a. E. 



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Demütigung der Polen. Wettiner. Ekkardinger. 



181 



stand, um gleich darauf über den Flufs zu setzen und durch 
die Lausitz nach Polen vorzudringen und Micczislavs ver- 
triebenen Bruder Bezbrim zurückzuführen. Der Schlag 
gegen den bis dahin so siegreichen Gegner gelang voll- 
ständig. Mieczislav schlofs unter sehr ungünstigen Be- 
dingungen Frieden: allen Raub und die Getangenen gab er 
zurück, zugleich aber auch die seinem Vater zugestandenen 
Lehen der lausitzischen Marken. Mit der Niederlausitz, die 
wieder mit der Ostmark vereinigt wurde, belehnte König 
Konrad den Grafen Dietrich oder Dedo, den ersten bestimmt 
hervortretenden Stammvater des fiir unsere Geschichte so 
überaus wichtigen Hauses Wettin. Dasselbe entstammte 
dem südlichen in den niederen Unterharz reichenden 
Schwabengau und verwaltete im 10. und 11. Jahrhundert 
zwei Grafschaften im nördlichen Hassegau und südlichen 
Schwabengau, in der bald danach als Mansfeld hervor- 
tretenden Gegend. Die Wettiner gehörten dann zu den 
ältesten Geschlechtern, welche in den eroberten Wenden- 
ländern jenseits der Saale zu Zörbig, Bitterfeld, Eilenburg, 
dann auch zu Wettin, nach welchem Orte sie ihren in der 
Geschichte berühmten Namen annahmen, Ämter und Be- 
sitzungen vom Reich erhielten. 

Die Oberlausitz (Milzienerland) gelangte nach Micczislavs 
Besiegung wieder an die Mark Meifsen, die damals nach 
dem Tode Hermanns von dessen Bruder, dem tapfern Mark- 
grafen Ekkard, verwaltet wurde. Es war damals die Zeit, 
wo das Geschlecht der Ekkardinger sich durch seine Opfer 
und Bemühungen um die Aufrichtung des Bistums Naum- 
burg ein dauerndes Gedächtnis stiftete. Polens Macht aber 
war so gebrochen, dafs Mieczislav am 7. Juni 1032 sich zu 
Merseburg vor dem deutschen Kaiser demütigte, die west- 
lichen Teile des Landes, die der Kaiser dem Markgrafen 
Dietrich unterstellte, an das Reich abtrat und das übrige 
vom Kaiser zu Lehen nahm. Die Königskrone, die sein 
Vater zuletzt getragen hatte, nahm er nicht in Anspruch. 
Nach seinem am 15. März 1034 erfolgten Tode war unter 
seinem Sohne Kasimir die Auflösung des unter Boleslav 
Chrobry so mächtigen Polenreichs eine vollständige. 

Um diese Zeit löste auch der unnatürliche Bund mit 
dem heidnischen Liutizenvolke. Bereits im Herbste des 
Jahres 1032 hatte Kaiser Konrad zu Werben in der Nord- 
mark (Altmark) Streitigkeiten zwischen den Deutschen und 
diesem Volke zu schlichten. Aber die Fehden brachen von 
neuem aus und im nächsten Jahre wurde ein Graf Liudger 
bei Werben samt 42 Rittern von den Liutizen erschlagen. 

9* 



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132 



Fünfter Abschnitt. 



Im Jahre 1034 hielt der Kaiser wegen dieser Gewaltthat 
Gericht, aber bei einem als Gottesurteil anerkannten Zwei- 
kampf siegten die Wenden. Der Kaiser zog ab, nachdem 
er Werben stärker befestigt und wegen der Grenzhut Vor- 
sorge getroffen hatte. Da aber die Wenden Werben wieder 
überfielen, die Besatzung wegführten und mehrere Sachsen 
töteten, so wurden zu Pfingsten 1035 die Markgrafen zu 
einem neuen Kriegszuge entboten. Dieser wurde mit allem 
Eifer unter Führung des Kaisers unternommen. Die Natur 
des Landes stellte aber viele Schwierigkeiten entgegen, und 
nach einem mühsamen, verheerenden Zuge kehrte der Kaiser 
wieder zurück: er war am 16. Oktober wieder in Magde- 
burg. Im Sommer 1036 mufste wieder ein Heer gegen die 
Wenden entboten werden. Das Schwert von Eisen konnte 
kein dauerndes, kein Kulturwerk begründen, wo das Schwert 
des Geistes nicht gegen das heidnische Volk gebraucht 
wurde. 

Dagegen waren sonst in unseren Landen unter Kaiser 
Konrads Herrscherstab geordnete Verhältnisse, denn es 
wurde streng über den Landfrieden gewacht. Wie Konrad 
sich der untersten im Bann der Unfreiheit stehenden Leute 
annahm, zeigt ein Schreiben an die sächsischen Fürsten, 
insbesondere an Markgraf Bernhard von der Nordmark. Als 
der Kaiser erfahren hatte, dafs der Bischof von Verden 
einige Leibeigene verkauft hatte, war er empört über solches 
Verfahren, Menschen gleich dem unvernünftigen Vieh zu 
verhandeln. Er gebot den Fürsten, diesen abscheulichen 
Handel rückgängig zu machen. 

Die Erblichkeit der Reichslehen sah sich dagegen der 
Kaiser anzuerkennen genötigt, wogegen er verlangte, dafs die 
von ihm belehnten auch wieder die Erblichkeit ihrer eigenen 
Vasallen anerkannten. 

Auf Kaiser Konrad folgte im Jahre 1039 sein noch 
gröfserer Sohn Heinrich III., der das deutsche Reich auf 
eine solche Höhe der Macht und des Einflusses in Europa 
erhob, wie es ihn nachher nicht wieder erreicht hat. Auch 
ihn sahen die mittleren Elb- und Saalgegenden schon im 
ersten Regierungsjahr zur Herbstzeit zu ernsten Regierungs- 
geschäften einziehen. Besonders die Harzgegenden liebte 
er, doch war es vorzugsweise das am westlichen Harz ge- 
legene Goslar, das unter ihm der eigentliche Sitz des Reichs 
wurde. 

Bereits im Jahre 1040 führte Heinrich die Thüringer 
unter Markgraf Ekkard und Erzbischof Bardo von Mainz 
gegen den hochstrebenden Herzog Bretislav von Böhmen, 



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Slav. Nachbarv. bezwungen. Meifsen-Thür. an Willi, v. Weimar. 183 



der Polen niedergeworfen und den Deutschen nicht in der 
geforderten Weise Tribut gezahlt hatte. Ekkard drang, 
unterstützt durch einen Verräter der Gegner, glücklich über 
das Erzgebirge; da aber das gröfsere Heer des Königs im 
Nachteile war, mufsten auch die Thüringer umkehren. Um 
so erfolgreicher war der Zug, den der König, der den 
Herbst bis zu Weihnachten in Sachsen geweilt hatte, im 
Sommer des nächsten Jahres unternahm. Ekkard und Bardo 
rückten mit den Thüringern ebenso wie der König mit 
seinen Kriegern bis Prag vor. In einem erneuten Kriegs- 
zuge wurde dann Böhmen ganz gedemütigt, doch belieh 
der König Bretislav mit dem Lande und liefs ihm Schlesien, 
wodurch er einen zuverlässigen Bundesgenossen gewann. 

Als König Heinrich dann am 15. Oktober des nächsten 
Jahres zu Nordhausen war, hatte er auch einen siegreichen 
Zug gegen Ungarn hinter sich. Ebenso ward er seiner 
inneren Feinde Herr und wie vor nicht zu langer Zeit Ernst 
von Schwaben mufste 1045 der bezwungene Herzog Gott- 
fried von Lothringen seinen Aufstand auf dem Giebichen- 
stein büfsen. In demselben Jahre brachte er auch die 
Liutizen, über welche damals, als Nachfolger Bernhards, 
Markgraf Wilhelm von der Nordmark die Aufsicht führte, 
in einem kurzen Feldzuge zum Gehorsam zurück. Um 
dieselbe Zeit bestellte er den Grafen Dedo, der sich im 
Ungarnkriege ausgezeichnet hatte, zum Pfalzgrafen in 
Sachsen. Zu Anfang des nächsten Jahres aber starb der 
von Heinrich besonders geliebte tapfere Markgraf Ekkard 
von Meifsen und Thüringen: mit ihm erlosch sein Geschlecht 
und die Mark kam an den Grafen Wilhelm von Weimar, 
die reichen Allodialbesitzungen in Thüringen fielen an den 
König, der dieselben teilweise seiner Gemahlin schenkte. 
Um dieselbe Zeit hatte Heinrich auch zu Merseburg, dann 
zu Meifsen die Streitigkeiten des Fürsten Zemizlo von 
Pommern und der Herzöge von Böhmen und Polen zu 
entscheiden. 

So erkannten damals alle slavischen Nachbarvölker die 
deutsche Oberhoheit an und brachten Tribut und Geschenke. 
Und da der König auch dem Oberhaupt der abendländischen 
Kirche gegenüber sein Ansehen mit voller Entschiedenheit 
behauptete und Weihnachten 1046, zum Kaiser gekrönt, sieg- 
reich über die Alpen zurückkehrte , so stieg das Ansehen 
des einigen Reichs so sehr, dafs die provinzielle Geschichte 
und das Stammfurstentum ganz zurücktrat. Von den unter 
Heinrichs Einnufs eingesetzten deutschen Päpsten gelangte 
in Suidger oder Klemens II. von Weihnachten 1046 bis 



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134 

■ 



Fünfter Abschnitt. 



Oktober 1047 auch ein Domherr von Halber stadt und 
Sohn unserer Harzgegend an die Spitze der abendländischen 
Christenheit. 

Durch das Aufblühen und den Frieden des Reichs er- 
hoben sich auch unsere Städte, die den Handel nach dem 
Norden vermittelten. Neben Erfurt waren Quedlinburg 
und Magdeburg schon angesehene Handelsplätze, die ihre 
privilegierten Kaufmannsgilden besalsen. 

Unerledigt aber mufste der Kaiser den Kampf in unse- 
ren östlichen Marken lassen. Die Liutizen, die sich eine 
Zeit lang unter einander bekämpft und dadurch geschwächt 
hatten, kamen wider Erwarten schnell wieder zur Kraft 
und besiegten im Jahre 1055 ein sächsisches Heer. Ein 
neues wurde von Markgraf Wilhelm von der Nordmark und 
Graf Wilhelm von Katlenburg gegen sie entboten. Es ging 
bei Werben über die Elbe, wurde aber dieser Feste gegen- 
über bei Prizlowa eingeschlossen und von den Wenden voll- 
ständig vernichtet. Die Trauernachricht von diesem furcht- 
bar blutigen 10. September 1056 beschleunigte den Tod des 
erkrankten Kaisers, der am 5. Oktober auf dem Botfeld 
oberhalb Wernigerode in den Armen Papst Viktors U. 
verschied. 

So waren denn die mittelelbischen Marken am meisten 
bedroht, als nach dem allzu frühen Dahinscheiden des that- 
kräftigen Kaisers das Reich in die Hände seines gleich- 
namigen Sohnes, eines damals dreizehnjährigen Kindes kam, 
das am Todestage des Vaters als Heinrich IV. die Krone 
empfing. Gleich die erste Empörung gegen ihn ging von 
unseren Gegenden aus: Otto, ein unebenbürtiger Halbbruder 
des bei Prizlowa gefallenen Markgrafen Wilhelm von der 
Nordmark, trat an die Spitze einer gegen das Reich ge- 
richteten Verschwörung und verlangte für sich die Allodien 
des Bruders und die Nordmark, mit welcher inzwischen 
Udo von Stade belehnt worden war. Auf dringende Vor- 
stellung ihrer Getreuen erschien die Kaiserin-Mutter Agnes 
am 2y. Juni zu Merseburg. Zu dem dortigen Fürstentage 
wollte Otto selbst mit bewaffneten Scharen ziehen. Aber 
unterwegs von den Grafen Brun und Ekbert, Verwandten 
des Königs, angegriffen, fiel er, von Bruno getötet, der 
seinerseits den vom Gegner erhaltenen Wunden erlag. Ek- 
bert aber gelang es, obwohl selbst verwundet, die Empörer 
in die Flucht zu jagen. So wurde die Ordnung hergestellt 
und nun mit vereinten Kräften ein siegreicher Zug ins 
Wendenland unternommen. Besiegt stellten die Liutizen 
Geiseln und kehrten zur Tributpflicht zurück. 



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Kämpfe gegen Liutizer und den Empörer Otto i. d. Nordmark. 1 35 



Auf Markgraf Udo folgte in der Nordmark sein 
gleichnamiger Sohn. Der Wettiner Dedo aber, Markgraf 
der Ostmark (und Lausitz) ; trat noch spät mit Oda, der 
Mutter Markgraf Wilhelms von Meifsen - Thüringen , in 
eine zweite Ehe, wohl in der Hoffnung auf eine dereinstige 
Vereinigung der beiden Marken unter ihm oder seinem 
Hause. 

Da von dieser Zeit an auf ein paar Menschenalter unser 
Sachsen-Thüringen von den hohen Fluten der grofsen Be- 
wegungen getroffen wurde, durch welche im gröfseren oder 
kleineren Mafse das gesamte Abendland litt, so bedarf es 
auch zum richtigen Verständnis der Provinzialgeschichte 
eines Blicks auf die allgemeine Lage der Dinge im Reich. 
Das straffe Regiment der letzten Kaiser war von verschie- 
denen Seiten nur mit Widerstreben getragen worden. Die 
Fürsten suchten ihre provinzielle Gewalt dem Königtum 
gegenüber zu behaupten und zu mehren, die Bischöfe die 
Befreiung ihrer Sprengel von der weltlichen Gerichtsbarkeit 
der Grafen durchzusetzen. Insbesondere bewegte die Kirche 
ein vom Mönchtuni genährtes Streben nach Ordensrefor- 
mation, das von der Kongregation von Clugny ausging. 
Ubermächtig wurde diese Strömung, als sie von der bedeu- 
tenden Person eines Hildebrand, erst Mönch zu Rom, dann 
zu Clugny geleitet wurde. Schon von der Zeit Papst 
Leos IX. (f 19. April 1054) an gewann er bedeutenden 
stetig zunehmenden Einflufs auf das Papsttum, das er ganz 
vom Einflufs der weltlichen Macht zu befreien suchte. Hier- 
bei büfste zunächst das Kaisertum ein: bei der auf Hilde- 
brand zurückzuführenden Wahlordnung Papst Nikolaus IL 
auf dem Laterankonzil April 1059 war unter 113 Bischöfen 
nur ein deutscher und die Ideeen Hildebrands, welche eine 
relative Wahrheit für sich hatten, stützten sich besonders auf 
die nationalen Bestrebungen Italiens, Frankreichs und der 
Romanen den Deutschen gegenüber: und da das deutsche 
Kaisertum seine Rechte mit dem Schwerte zu behaupten 
suchte, erhob sich ein furchtbar blutiger, geistverwirrender 
erbitterter Kampf, der ein paar Menschenalter lang tobte. 
Das Unterliegen des deutschen Königtums war aber vorzugs- 
weise in der Unmündigkeit, der Charakterschwäche Hein- 
richs IV. und den Fehlern seines gewaltthätigen Sohnes 
Heinrich V. begründet. 

Sachsen und Thüringen wurden dem Könige besonders 
durch eine ehrgeizige schwäbische Familie entfremdet, die 
mehrere der angesehensten geistlichen Fürstentümer in ihre 
Hände brachte. Erzbischof Anno von Köln nämlich (1056 



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136 



Fünfter Abschnitt. 



bis 1075), der sich zunächst gewaltsam der Person des 
königlichen Knaben bemächtigte, wufste Ende 1059 seinen 
Vetter Burchard, volkstümlich Bukko genannt, auf den 
bischöflichen Stuhl von Halberstadt zu bringen, während 
dessen Oheim Hezil (Heinrich) schon seit 1054 Bischof von 
Hildesheim war. Ebenso gelang es, dem Vetter Wezilo oder 
Wezel (Werner) 1063 zur erzbischöflichen Würde zu Mag- 
deburg zu verhelfen. Bukko aber zog seinen Neffen Her- 
rand in seinen Sprengel, wo er zum Abt des ansehnlichen 
und wichtigen bischöflichen Klosters Ilsenburg bestellt, 
schliefslich auch, wenngleich ohne durchzudringen, zu Bukkos 
Nachfolger im Bistum befördert wurde. 

Anno, Hezel und Wezel, Bukko und Herrand haben 
Heinrich IV. einzeln und besonders durch ihr gemeinsames 
Vorgehen viel zu schaffen gemacht, aber sein unermüdlichster 
stets kampfbereiter Widersacher war doch der hochfahrende 
Parteigänger Bukko von Halberstadt, jener Bischof, der sich 
rühmte, dreizehnmal an der Spitze eines Heeres gegen seinen 
König und Herrn ausgezogen zu sein. Er war die Seele 
des Widerstands in Sachsen, der Geistliche und Weltliche 
vom Könige abzuziehen wufste und bei der Wahl der Mittel 
durchaus nicht bedenklich war. 

Zunächst wurden die äufseren Angelegenheiten des Reichs 
ohne günstigen Erfolg geführt. Als im Jahre 1060 die 
Kaiserin Agnes den vertriebenen König Andreas von Ungarn 
zurückführen wollte, kämpften die von Bischof Eppo von 
Naumburg und Markgraf Wilhelm von Meifsen geführten 
Sachsen und Thüringer zwar mit rühmlichster Tapferkeit, 
sie* kamen aber zu spät. Eppo wurde gefangen, Markgraf 
Wilhelm mufste sich ergeben, wenn auch die Ungarn, seine 
Tapferkeit ehrend, ihn freigaben und ihm sogar die Königs- 
tochter Sophie verlobten. Doch ehe er sie heimführen konnte, 
starb er und sein Bruder Otto (von Orlamünde) folgte 
ihm in der meifsnisch-thüringischen Mark, fand aber Wider- 
stand bei seinem Stiefvater Dedo von der Ostmark, der 
selbst nach Wilhelms Stellung getrachtet hatte. Mehr noch 
war ihm Erzbischof Siegfried von Mainz entgegen, der ihm 
die erzstiftischen Lehen in Thüringen vorenthielt. Auf 
Dedos Seite trat auch der mit Ottos Belehnung unzufriedene 
Otto von Nordheim. Der neue Markgraf behauptete sich 
aber besonders dadurch, dafs er dem Mainzer Erzbischof 
von den thüringisch -mainzischen Lehngütern den Zehnten 
zu geben versprach , wodurch er freilich den Hafs des 
Volkes wider sich heraufbeschwor. Vor Ostern 1067 starb 
Markgraf Otto und der König verlieh die Mark dem Grafen 



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Kirchliche Widersacher K. Heinr. IV. in Sachsen- Thür. 187 

Ekbert von Braunschweig, der, um auch die thüringischen 
Lehen in seine Hand zu bekommen, sich von seiner Ge- 
mahlin schied und Ottos Witwe Adela heiraten wollte. Da 
er aber schon im Januar 1068 starb, so vermählte sich 
Adela mit dem alten Markgraf Dedo von der Ostmark, dem 
jedoch Erzbischof Siegfried die mainzischen Lehen in Thü- 
ringen verweigerte. 

Die kirchlichen Fragen traten von nun an entschieden in 
den Vordergrund. Nach einer für den auf Seiten Kaiser 
Heinrichs IV. stehenden Papst Kadalus entschieden un- 
günstigen Reichsversammlung zu Augsburg im Oktober 1062 
war Bischof Burcliard von Halberstadt nach Rom geschickt 
worden, von wo er von Alexander II. mit dem Pallium 
geschmückt und mit Lob überhäuft zurückkehrte. Und 
als am 1. September 1063 Erzbischof Engelhard von 
Magdeburg starb, wufste es Erzbischof Anno durchzu- 
setzen, dafs durch den von ihm beherrschten König gegen 
die kanonische Wahl sein Bruder Wezel zum Erzbischof 
bestellt wurde. 

Keineswegs besser war es, als bald darauf von 1064 zu 
1065 der König in die Hand des weltgesinnten Erzbischofs 
Adalbert von Bremen geriet, zu Quedlinburg und an anderen 
Orten des Harzes weilte und zu Klagen Anlafs gab, die 
durch die aufserordentlichen Bedürfnisse des Hofhalts hervor- 
gerufen wurden. Etwas gehoben wurde die Stimmung in 
den ostsächsischen Gegenden, als in den nächsten Jahren 
mehrere Erfolge in den Wendenmarken erzielt wurden. 
Im Winter von 1067 zu 1068 führte Bischof Burchard von 
Halberstadt ein Heer gegen die Liutizen, die Christentum 
und sächsische Herrschaft abgeschüttelt hatten , siegreich 
über die Elbe bis zu den mecklenburgischen Grenzen. Auf 
dem aus dem Götzentempel zu Rethra entführten heiligen 
Rosse hielt er bei der Rückkehr seinen Einzug in Halber- 
stadt. Im Winter des nächsten Jahres führte zum ersten- 
male der junge König selbst den Oberbefehl. Mit dem 
besten Erfolge drang er über gefrorene Gewässer mitten in 
das Liutizenland ein. Nur wurden die reichen Erfolge 
dieser Siege durch die folgenden inneren Wirren fast ganz 
vereitelt. 

Der König gab dazu selbst den Anlafs, indem er bei 
einem Hoftage zu Worms an Erzbischof Siegfried von Mainz 
das Ansinnen stellte, ihm zur Scheidung von der ihm auf- 
gedrungenen edeln Gemahlin Bertha behilflich zu sein, wofür 
er ihm Aussicht auf den vom Erzbischof ersehnten thürin- 
gischen Zehnten machte. Leider wurde auf des Königs 



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Fünfter Abschnitt. 



Verlangen eingegangen und die Gatten vorläufig getrennt. 
Nun schienen sich auch die dem Erzbischof gemachten 
Hoffnungen bald zu erfüllen. Markgraf Dedo von der Ost- 
mark hatte sich nämlich auf Betreiben seiner herrschsüchtigen 
Gemahlin Adela erhoben, um die thüringischen Lehen von 
Mainz und dem Könige mit Gewalt an sich zu bringen und 
viele Sachsen und Thüringer, die gegen den Mainzer Erz- 
bischof gerechte Klage hatten, schlössen sich ihm an. 

Als nun aber der König, von Erzbischof Siegfried und 
anderen Bischöfen und Grofsen unterstützt, heranzog, wen- 
deten sich die Thüringer an ihn und erklärten, dafs sie mit 
Dedo nicht gemeinschaftliche Sache machen, den König 
vielmehr unterstützen würden, wenn man sie nur mit der 
Zehntforderung und den Gewaltsamkeiten des Erzbischofs 
von Mainz verschone. Heinrich machte ihnen auch die 
beste Hoffnung, wenn sie Treue hielten. So war er denn 
auch siegreich, zumal von Dedos Bundesgenossen die meisten 
von ihm liefsen. Ohne von den Thüringern behindert zu 
werden, drang der König bis zur mittleren Unstrut vor. 
Die von Dedo besetzte Burg Beichlingen wurde beim ersten 
Ansturm genommen ; vor dem stärker besetzten Burg- 
scheidungen erlitt der König zwar zuerst einen harten 
Schlag, ein zweiter Angriff aber brachte die Burg zur Er- 
gebung, und nun stellten sich auch Dedo und sein Bundes- 
genosse Adalbert von Ballenstädt, der Naumburg besetzt 
hielt. Der König strafte die Empörer mit Schonung, indem 
er ihnen ihre Reichsämter liefs und sie nur auf kurze Zeit 
in Haft hielt und einen Teil ihrer Besitzungen einzog. 
Gleich milde verfuhr er gegen die ihm genannten Mit- 
verschworenen. Der junge Dedo aber, der auf des Königs 
Seite als tapferer Bundesgenosse gestanden hatte, fand bald 
sein Ende durch Meuchelmord, als dessen Urheberin seine 
ränkevolle Stiefmutter bezeichnet wird. 

Leider erfüllte der König die Hoffnung, die er den 
Thüringern selbst auf die Zehntfreiheit gemacht hatte, 
nicht, gebot ihnen vielmehr, den Zehnten an Mainz zu ent- 
richten. Es wurde gegen sie der Vorwurf erhoben, dafs 
sie an verschiedenen mainzischen Vasallen Gewalt oder 
Selbsthilfe geübt hätten. Regte so Heinrich den Hafs der 
Thüringer gegen sich auf, so gelangte er auch in seiner 
Ehescheidungsangelegenheit nicht zum Ziel, sondern mufste 
ernstJichen Rat der Fürsten und demütigendes Bedrohen des 
päpstlichen Legaten auf sich nehmen. Er gab daher nach, 
gewann aber auch seine treue Gemahlin fortan mehr und 
mehr lieb. 



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Markgr. Dedo v. d. Ostm. besiegt. Domweihe zu Halberst. 1071. 189 

Neue Verwickelungen traten ein, als Kaiser Heinricli 
sich im Jahre 1070 veranlafst sah, den Herzog Otto von 
Bayern — den Sachsen Otto von Kordheim — zu Goslar 
in die Acht erklären zu lassen. Allerdings lagen gegen 
denselben schwere Verdachtgründe vor, doch war die Sache 
nicht klar, und als nun der Herzog seiner Würde entkleidet, 
sein Besitz in Sachsen vorwüstet und dabei viele Gewalt 
verübt wurde, sah man in der Achtung einen Akt persön- 
licher Rache. Thüringen wurde dadurch auch wieder zum 
Schauplatz eines blutigen Kampfes. Da nämlich Otto sich 
mit gegen 3000 Mannen im Thüringerwald festsetzte und 
von hier aus das niedere Land plündernd und verheerend 
durchzog , mufsten ihm die Thüringer ein Heer entgegen- 
stellen, das von Graf Ruotger geführt, aber am 2. September 
bei Eschwege zersprengt wurde. Als im nächsten Jahre 
Sachsen, Thüringer und Hessen dem Geächteten wieder 
zwischen Diemel und Eder gegenüberstanden, wurde ein 
neues Blutbad nur durch das Geschick Graf Eberhards von 
Nellenburg verhindert, der einen Waffenstillstand zustande 
brachte. Otto sollte sich unter Zusicherung sicheren Geleits 
Ostern 1071 zu Köln stellen. 

Zu Pfingsten dieses Jahres feierte dann der König einen 
der wenigen gesegneten friedlichen Tage in unserem Sachsen- 
lande, und zwar in der Stadt seines späteren feindlichsten 
Gegners, des Bischofs Burchard von Halberstadt. Er half 
die Feier der Einweihung des von dem baulustigen Bischof 
neu hergestellten Doms durch seine Gegenwart verherrlichen, 
und es unterwarfen sich ihm hier Otto von Nordheira und 
sein Freund, der Billunger Magnus, sowie andere gegen ihn 
aufgestandene Grofse. 

Aber gerade über unseren sächsisch - thüringischen Ge- 
genden schien die Sonne des Glücks und des Friedens 
mit König Heinrich nicht lange, ja eigentlich nie wieder. 
Wie es heifst auf den Bat Erzbischof Adalberts von Bremen 
suchte der König sich der sehr schwankenden Treue der 
Ostsachsen und Thüringer dadurch zu versichern, dafs er 
auf geeignet gelegenen Höhen feste Burgen mit Brustwehren, 
Mauern und Türmen anlegte oder vorhandene fester machte. 
Die meisten lagen hart an der Grenze teilweise auch inner- 
halb unserer Provinz, so die Hasenburg bei Nordhausen, 
der Sachsenstein bei Sachsa, der Giebichenstein bei Halle. 
Man glaubte natürlich nicht dem Vorgeben , dafs diese 
Festen im Lande zum Schutze gegen Einfalle der Wenden 
dienen sollten, sondern sah sie als Werkzeuge der Knech- 
tung an. 



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140 



Fünfter Abschnitt. 



Wol dieser schwierigen Haltung der Sachsen wegen sah 
der König sich veranlafst, Pfingsten 1072 zu Magdeburg 
Otto von Nordheim aus der Haft, in der er längere Zeit 
gehalten worden war, zu entlassen. Da aber Heinrich sich 
durch keine Bitten bewegen liefs, auch den Billunger Magnus 
freizugeben und nach dem am 28. März 1072 erfolgten Tode 
seines Vaters Ordulf ihm das Herzogtum Sachsen zu über- 
geben, so vorbreitete sich in ganz Sachsen und Thüringen 
eine Furcht vor der Gewaltsamkeit des Königs. Und da 
Erzbischof Anno von Köln sich vom Hofe zurückzog, so 
traten auch seine Verwandten Erzbischof Wezel von Magde- 
burg und Bischof Burchard von Halberstadt auf die Seite 
der Königsfeinde. Ein unglückliches Auskunftsmittel war 
es, dafs der König nun den bei den Thüringern so ver- 
hafsten Erzbischof Siegfried von Mainz an sich zog, indem 
er ihm neue Aussichten auf den thüringischen Zehnten 
machte. Zur .grofsen Beschwerde des Volks und zu- 
ungunsten der Abte zu Fulda und Hersfeld wurde auf einer 
Synode zu Erfurt am 10. März 1073 dem raainzer Erzbischof 
der so eifrig erstrebte Zehnte bewilligt. 

Indem aber dadurch der Unwille des Volks aufs höchste 
erregt wurde, fanden die Gegner des Königs in Sachsen und 
Thüringen einen geeigneten Boden zur Verschwörung, und 
als der König im Sommer 1073 ein ansehnliches Heer 
zusammenzog, um über die Elbe gegen Polen zu ziehen, 
argwöhnte man darin einen Anschlag auf die Freiheit des 
Sachsenvolks. Das machte es den Bischöfen Burchard und 
Hezel leicht, dem Billunger und Otto von Nordheim wider 
den König die Hände zu reichen. Dieser beschied die 
sächsischen Fürsten auf den 29. Juni nach Goslar, wo auch 
besonders sämtliche Markgrafen erschienen. Heinrich sah 
sich aber der drohenden Haltung wegen, die diese Ver- 
sammlung annahm, veranlafst, von hier auf die feste Harz- 
burg zu entweichen. Es sollte nun allgemein dem Könige 
der Gehorsam gekündigt werden. Davon hielt zwar Mark- 
graf Dedo zurück, doch wurde ein neuer Tag zur Vertei- 
digung der alten sächsischen Freiheiten vereinbart. Zu den 
entschiedensten Gegnern gehörten hier Bischof Burchard von 
Halberstadt und Erzbischof Wezel von Magdeburg, Bischof 
Werner von Merseburg, Markgraf Udo von der Nordmark, 
Ekbert von Meifsen- Thüringen, Dedo von der Ostmark, 
Pfalzgraf Friedrich, Graf Adalbert von Ballenstädt und 
einige andere Grafen. Als diese Verschworenen auf dem 
Tage zu Eisleben oder Wormsleben zusammenkamen, erklärte 
Otto von Nordheim vor dem zahlreich herzuströmenden 



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Sachsen u. Thür, gegen K. Heiur. IV. verbündet. 



141 



Volke Zweck und Ziel ihrer Vereinigung. Er wufste die 
Leidenschaften der Menge mächtig zu erregen, indem er ihr 
erlittene Unbilden und die grofsen Gefahren für Freiheit 
und Eigentum mit grellen Farben vor Augen inalte. Dann 
hörte man die Beschwerden einzelner wogen Freiheit und 
Eigentum an. Einmütig bescldofs die versammelte Menge 
— wie es heifst gegen 60000 — Gut und Freiheit gegen 
den tyrannischen König zu verteidigen. 

Durch dieses Heer wurde der auf der Harzburg be- 
lagerte König in die gröfste Gefahr gebracht. Da er aber 
in die ihm gestellten Forderungen nicht willigen wollte, so 
entfloh er in der Nacht vom 8. zum 9. August über den 
Harz nach Hessen. Unter den ihn begleitenden Getreuen 
war Bischof Eppo von Naumburg-Zeitz. Während Heinrich 
ein Heer gegen die Sachsen sammelte, ordneten diese eine 
Gesandtschaft an ihre auf der Treteburg an der Unstrut 
(Kreis Weifsensee) versammelten thüringischen Nachbarn 
ab. Die durch die königlichen Zwingburgen und besonders 
auch des an Mainz zu zahlenden Zehnten wegen erbitterten 
Thüringer schlössen mit ihren sächsischen Brüdern ein 
enges Bündnis. Der Erzbischof von Mainz wurde über- 
fallen und zu dem Versprechen genötigt, nichts gegen die 
Thüringer zu unternehmen. Die Thüringer zogen den 
Sachsen über den Harz zuhilfe, belagerten die Hasenburg 
bei Nord hausen und zerstörten die Heimburg. 

So wurde der König genötigt, den Billunger Magnus 
freizulassen, und durch schwere Beschuldigungen, welche die 
Häupter der Sachsen vor Erzbischof Siegfried wegen un- 
natürlicher Wollust und anderem gegen das 1 laupt des Rei- 
ches vorbrachten, suchte man dessen Ansehen vollständig 
zu untergraben. Die Anklagen erwiesen sich in der Gestalt, 
wie sie vorgebracht wurden, als von der Partoileidenschaft 
beeinflufst Auf einem Tage zu Gerstungen sollten nach 
Erzbischof Siegfrieds Anordnung die Anklagen geprüft 
werden. Mittlerweile nahm die Belagerung der Hasenburg 
und Harzburg ihren Fortgang. Die Erzbischöfe Siegfried 
von Mainz und Anno von Köln forderten noch am 13. Sep- 
tember zu Homburg an der Unstrut die Sachsen und 
Thüringer auf, in Gerstungen zu erscheinen. Heinrichs 
Bemühen, Dänen und Liutizen gegen die Sachsen aufzureizen, 
hatten nur den Erfolg, dafs die letzteren sich unter einander 
bekriegten, indem einige sich für den König, andere für die 
ebenfalls ihre Hilfe anrufenden Sachsen entschieden. 

Während die Sachsen mit 14 000 Mann zu Ger- 
ßtungen erschienen, beschied der König die ihm treuen 



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142 



Fünfter Abschnitt. 



Fürsten nach Würzburg. Eine Gesandtschaft aber, die er 
von hier aus an die sächsischen Fürsten schickte, wurde 
mit diesen im geheimen eins, dafs der König der Herrschaft 
zu entsetzen sei. Zum Schein wurde ein Abkommen zwi- 
schen den Sachsen und dem Könige von den listigen, un- 
ehrlichen Abgesandten, Erzbischof Siegfried an der Spitze, 
zurückgebracht, und der erlogene Vertrag arglos vom König 
bestätigt, mittlerweile aber auch das letzte Vertrauen zu 
diesem untergraben. 

Mit freilich nicht zureichenden Streitkräften, die ihm 
besonders rheinische Städte, in erster Reihe Worms gewähr- 
ten, konnte der König, an dessen Stelle bereits ein neuer 
gewählt werden sollte, zu Anfang des Jahres noch einmal 
den Sachsen entgegenziehen. Einen Kampf wagte Heinrich 
mit der ihm bei Vacha an der Werra gegenüberstehen- 
den Übermacht nicht aufzunehmen, sah sich nun aber ge- 
zwungen, demütigende Bedingungen einzugehen, die am 
2. Februar 1074 im Frieden zu Gerstungen zum Abschlufs 
kamen. Die Burgen in Thüringen und am Harz sollten 
von den Bauern abgebrochen werden, nachdem der König 
sie übergeben habe , doch bat derselbe die Fürsten um 
Aufschub dieser Mafsregel. Auf das Andrängen des Volks 
aber mufste Heinrich nachgeben gegen die Bedingung, dafs 
auch die zu seiner Zeit erbauten Burgen der sächsischen 
und thüringischen Grofsen gebrochen und die von ihnen 
eroberten Königsgüter herausgegeben würden. So fielen mit 
Hilfe der königlichen Mannen mit den königlichen auch die 
Burgen der sächsisch - thüringischen Grofsen und das ent- 
wandte Königsgut wurde wieder beigebracht. 

Kaum hatte der König unsere Gegenden verlassen, als 
die Bauern auch das Münster und die kirchlichen Gebäude, 
Altäre, Reliquien und Gräber auf der Harzburg in fana- 
tischem Grimme zerstörten und aufwühlten. Mit Mühe ge- 
lang es dem Abt eines benachbarten Klosters — offenbar 
Ilsenburg — einige Reliquien und Gebeine zu sammeln und 
in seinem Kloster zu bergen. 

Wider diesen offenbaren Frevel wandte sich der König 
an Papst Gregor VII., bei dem die Sachsen vorher ihren 
König aufs furchtbarste verleumdet hatten. Aber wenn der 
schlaue Papst damals, wie sehr auch der heftige Königsfeind 
Bischof Burchard schürte, nicht gleich mit einem Urteile 
hervorgetreten war, so verhängte er auch jetzt keine Strafe 
über die Tempelschänder, während die Fürsten hier auf 
die Seite des Königs traten. 

Des letzteren Macht und Ansehen stieg auch ohne 



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Burgen am Harz u. Thür, zerstört. Schlacht bei Nägelstädt. 143 

päpstliche Hilfe bald so, dafs er der Sachsen und Thüringer 
Herr werden zu können schien; fast allenthalben kehrte 
man zum Gehorsam gegen den angestammten König und 
Herrn zurück. In dem aufständischen Lande selbst fiel ihm 
ein Teil des Volks und der Fürsten wieder zu. Von den 
Bischöfen standen hier nur Wezel von Magdeburg, Burchard 
von Halberstadt und der Bischof von Merseburg wider ihren 
König. So begannen die Aufständischen die rächende Strafe 
zu furchten und boten Unterwerfung an. Da aber die Be- 
dingungen zu hart waren und Heinrich die Auslieferung der 
Haupträdelsführer Bischof Burchard von Halberstadt, Otto 
von Nordheim und Pfalzgraf Friedrich forderte, so mufsten 
die Waffen entscheiden. Ein stattliches Heer aus allen 
Stämmen — auch Sachsen und Thüringer fehlten nicht — 
brach im Sommer vom Rhein aus gegen die sächsischen 
Grenzen vor und lagerte am 9. Juni auf halbem Wege 
von Eisenach nach Langensalza, während das sächsisch- 
thüringische Heer zwischen Nägelstädt und Homburg an 
der Unstrut lag und den König noch nicht so nahe 
glaubte. 

Ehe man es beiderseits erwartet hatte, kam es zu einem 
der traurigsten mörderischsten Bruderkämpfe, derer unsere 
Geschichte nur zu viele kennt. In fünf Zügen nach den 
Stämmen geordnet, stellte der König seine Schlachtordnung 
auf, während die Sachsen noch nicht geordnet waren und 
sich noch kurz vorher dem Spiel und Gelage überlassen 
hatten. Beim König waren auch seine böhmischen Bundes- 
genossen, während die von den Sachsen erhoffte Hilfe der 
Liutizen noch nicht eingetroffen war. 

Mit glänzender Tapferkeit stritten die königlichen Fürsten 
und Völker und brachten nach langem Ringen ihre Gegner 
zum Weichen. Aber auch jene schwangen ihre Schwerter 
nur zu gut und badeten sie im Blute ihrer Brüder. Mark- 
graf Udo von der Nordmark hieb furchtbar auf Rudolf 
von Schwaben ein. Aufseiten der Königlichen fielen die 
treuesten Anhänger und viel Volks, gegen sechsthalbtausend 
Mann; bei den Sachsen war der Verlust, besonders im 
Fliehen, nicht geringer, und Graf Gebhard von Querfurt, 
der Vater des späteren Kaisers Lothar, war unter den Ge- 
fallenen. Als aber endlich die wiederholten Angriffe der 
weit zahlreicheren Königlichen die Sachsen zum Weichen 
gebracht hatten, flohen deren Führer auf schnellen Rossen 
eilig davon und nun wurde unter dem niederen Kriegsvolk 
ein furchtbares Blutbad angerichtet. In schnöder Weise 
erschlugen oder plünderten die Thüringer auch die zer- 



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144 



Fünfter Abschnitt. 



sprengten Flüchtlinge. So sollen an dem unglücklichen 
Tage etwa 8000 vom Sachsenvolk ihren Tod gefunden 
haben. Das Lager mit reichen Schätzen fiel in des Königs 
Hände. Noch auf dem Schlachtfelde sprach Erzbischof 
Siegfried den Bann gegen die Thüringer aus, die auch 
seine persönlichen Feinde als Verweigerer des Zehnten 
waren und im vorigen Jahre zu Erfurt sein Leben bedroht 
hatten. Unter den Fürsten unterwarfen sich manche, wie 
Bischof Werner von Merseburg und Markgraf Udo von der 
Nordmark dem Könige. Markgraf Dedos ränkevolle Ge- 
mahlin Adela sandte ihm ihren fünfjährigen Sohn Heinrich 
als Geisel. 

Dagegen blieb Bischof Burchard von Halberstadt immer 
noch gegen den König in Waffen und hielt auch seinen 
Oheim Erzbischof Wezel von Magdeburg bei dessen Fein- 
den. Aber teils die verlorene Schlacht, teils Uneinigkeit, 
sowie das Verlangen des Volks nach Frieden vereitelten 
Burchards Bemühungen, dem Könige zu widerstehen, der 
zum 22. Oktober einen Kriegszug gegen die Sachsen aus- 
schrieb. Da die letzteren sich aufs äufserste um ein fried- 
liches Abkommen bemühten, forderte Heinrich Unterwerfung 
auf Gnade und Ungnade. Um sich in den Marken seine 
Stellung zu sichern, fiel er mit den Böhmen mit schonungs- 
loser Gewalt in dieselben ein und übergab denselben nach 
des alten Dedi Ableben die Ostmark, dann auch an Ekkards 
Stelle die Mark Meifsen. 

Da zum 22. Oktober sich wirklich ein ansehnliches Heer 
zur Bestrafung der Aufständischen sammelte, dem die bei 
Nordhausen aufgestellte Streitmacht der Gegner nicht ge- 
wachsen war, so unterwarfen sich diese nach längeren Ver- 
handlungen bedingungslos, und am 26. Oktober mufsten sie 
sich auf offenem Felde bei Spier, südlich von Nordhausen, 
demütigen. Die Hauptwidersacher, welche der König seinen 
Vertrauensmännern zur Überwachung übergab, gehörten 
unserer nunmehrigen Provinz mit ihrem Wohnsitz oder mit 
dem gröfsten Teil ihrer Besitzungen an, besonders Erzbischof 
Wezel von Magdeburg, Bischof Burchard von Halberstadt, 
Werner von Merseburg, Pfalzgraf Friedrich und verschiedene 
Grafen. Nachdem der König noch etliche Tage in Thü- 
ringen zurückgeblieben war, um die Hasenburg bei Nord- 
hausen wiederherzustellen , kehrte er nach dem Rheine 
zurück. Otto von Nordheim, der sich vollständig unterwarf, 
wurde vom Könige, der nun der Sachsen und Thüringer 
vollständig Herr geworden war, zum Statthalter in Sachsen, 
eingesetzt. 



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K. Heinr. IV. in Thür.-Sachscn sicgr.-P. Gregors Kirchengesetzc. 145 

Aber die besiegten Lande wurden noch in einen welt- 
geschichtlichen Kampf hineingezogen, der um diese Zeit mit 
Heftigkeit begonnen hatte. Seit im Jahre 1073 der Kardinal 
Hildebrand als Papst Gregor VII. den päpstlichen Stuhl zu 
Rom bestiegen hatte, suchte er die von ihm genährten 
kirchenreformatorischen Ideeen auch in unseren Gegenden 
durchzuführen. Sic bezweckten vollständige Unabhängigkeit 
der geistlichen von der weltlichen Gewalt, Abschaffung der 
hergebrachten königlichen Investitur der Bischöfe mit Ring 
und Stab, der Simonie oder des Kaufs geistlicher Würden 
und strikte Durchfuhrung des Eheverbots für alle Geist- 
lichen. Als gcmäls diesem dem Evangelium widersprechen- 
den Gebot Erzbischof Siegfried von Mainz im Oktober 1074 
auf einer Synode zu Erfurt das Ansinnen der Ehelosigkeit 
an alle Priester seines Sprengeis stellte, erhob sich ein Sturm 
des Widerwillens. Auch als er bei einer zweiten Sitzung 
sich für ein mildes Verfahren beim Papst gegen die ver- 
heirateten Priester zu verwenden versprach, richtete er nichts 
aus, sah sogar sein Leben bedroht, zumal er wieder die 
leidige thüringische Zehntsache vorbrachte. Trotz allen Zu- 
redens erschien keiner unserer Bischöfe auf der nächsten 
Synode zu Rom. 

Während König Heinrich nichts gegen die Ehelosigkeit 
der Geistlichen einzuwenden hatte, auch der Simonie ent- 
gegentrat, scheiterte sein Frieden mit dem Papst daran, dafs 
er die Gerechtsame des Reichs in der Investitur nicht auf- 
geben wollte. Dadurch machte er sich aber den Macht- 
haber in Rom zum Feinde und ebendenselben zum Bundes- 
genossen der Sachsen. Daher entzogen sich 1075 die ober- 
deutschen Herzöge dem Zuge gegen jenen Stamm. Wenn 
Gregor auch den Aufstand der Sachsen zuerst hatte ver- 
urteilen müssen, nahm er sich doch des eifrigsten Schürers 
dieses Aufstands, Bischof Burchards von Halberstadt, ent- 
schieden an. Auf die äufserste Spitze wurde dieser Welt- 
kampf gestellt, als im Januar 1076 ein deutsches National- 
konzil den Papst für abgesetzt erklärte und dieser dagegen 
die Getreuen des Königs von ihren Eiden und Pflichten 
entband. Nun trat eine allgemeine Spaltung ein, Weltliche 
und Geistliche traten teils auf die Seite Gregors, teils, wie 
z. B. Bischof Eppo von Naumburg, auf die des Königs. 
Das Königtum litt sehr durch die sittlichen Schwächen 
seines zeitigen Vertreters. Durch den Papst ihres Eides 
entbunden, entliefsen verschiedene Bischöfe und Herren die 
ihnen vom Könige zur Bewachung übergebenen thürin- 
gischen und sächsischen Gefangenen. Zwei Neffen Mark- 

Jacobe, GpbcIi. d. Prov. Sachsen. 10 



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146 



Fünfter Abschnitt. 



graf Dedos, Dietrich und Wilhelm, kehrten aus ihrem Asyl 
im Liutizenlande nach den thüringischen Marken zurück; 
an allen Enden fiel man von dem verhafsten Könige ab, 
versagte die Steuern und Dienste beim Bau von Befestigungen 
und Burgen, die von bewaffneten Aufständischen belagert 
und erstürmt wurden. Otto von Nordheim, der vom König 
bestellte Statthalter, nahm eine sehr zweifelhafte Stellung ein. 

Besonders wichtig war, dafs der gefährlichste Gegner des 
Königs, Bischof Burchard von Halberstadt, auf dem Wege 
nach Ungarn, wo dieser ihn in sichere Verwahrung bringen 
wollte, durch einen Freund befreit wurde und auf abenteuer- 
liche Weise von der Donau nach Halberstadt zurückkehrte. 
Damit hatte der Aufstand seinen energischsten Führer 
wiedergewonnen, und der König entliefs nun auch gegen den 
Eid, ihm in Zukunft treu zu bleiben und zur Beruhigung 
Sachsens zu wirken, die übrigen Gefangenen, darunter den 
Erzbischof von Magdeburg, die Bischöfe von Merseburg und 
Meifsen, Pfalzgraf Friedrich von Putelendorf (Bottendorf an 
der Unstrut) und andere thüringische Herren. Sie dachten 
nicht, daran, den Eid zu halten und brachen ihn bald 
darauf, was früher unerhört gewesen wäre, nun aber wegen 
der Entbindung vom Treueide seitens des Papstes wenig 
Bedenken erregte. Sehr mifslich war es, dafs sich der 
König, da ihm Sachsen, Thüringer und andere Deutsche 
keine Treue hielten , auf Liutizen und Böhmen stützen 
mufste und mit den ersteren die Ostmark und Mark Meifsen 
besetzte. Da der Zuzug Ottos von Nordheim und die ver- 
sprochene Hilfe der von ihm enthissenen sächsischen Bischöfe 
und Herren ausblieb, so mufste Heinrich sich zurückziehen. 
Sachsen und Thüringer fielen verheerend ins Land der 
Liutizen ein; in die Mark Meifsen wurde Ekbert zurück- 
geführt und des Böhmenherzogs Wratislav Besatzungen 
überall verjagt, auch seine Stellung in der Ostmark unhalt- 
bar gemacht, da die von dem wetterwendischen Erzbischof 
Siegfried freigelassenen Söhne Dedos in ihre Mark zurück- 
kehrten. 

Durch diesen vollständigen Abfall Sachsens wurde Hein- 
richs Lage ganz unhaltbar, und fast allgemein wünschte 
man einen andern König an seiner Stelle zu wählen. Da 
der Papst aber einen gröfsern Einflufs bei einem vollständig 
gedemütigten als bei einem von den Stämmen einmütig ge- 
wählten neuen Könige ausüben konnte, so geschah es, dafs 
durch eine unter dem Vorsitz eines päpstlichen Legaten zu 
Tribur im Oktober 1076 stattfindende Versammlung mit Hein- 
rich unterhandelt, und dieser gegen völlige Unterwerfung 



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Sachsen u. Tbüringer fallen meist zur päpstl. Partei ab. 



147 



unter den Papst bei seiner Königswürde belassen wurde; 
er müsse sich aber bis zum 22. Februar vom Banne lösen, 
widrigenfalls er des Reichs unwiderruflich verlustig gehen 
sollte. Um dem Papste zuvorzukommen, der über die 
Alpen ziehen und die deutschen Angelegenheiten mit den 
Fürsten selbst ordnen wollte, geschah es, dafs Heinrich mitten 
im Winter selbst über die Alpen ging, und nach dreitägiger 
Büfsung vor dem Schlosse der tuscischen Herzogin Mathilde 
zu Canossa (25. bis 28. Januar) die Lösung vom Banne 
erhielt, indem er die Pläne des Papstes kreuzte. 

Canossa brachte aber unseren Landen keineswegs den 
Frieden. Während die zu Forchheim versammelten Fürsten 
am 15. März 1077 im Herzoge Rudolf von Schwaben einen 
Gegenkönig wählten, besonders auch die zahlreich erschie- 
nenen Sachsen und Thüringer, sammelte Heinrich Streit- 
kräfte zur Bekämpfung seiner Widersacher. Auch für die 
provinzielle Entwicklung mittelbcr bedeutsam war es, dafs 
der zu Forchheim Gewählte das Wahlrecht der Fürsten 
unbedingt anerkennen und auf das Erbrecht verzichten 
mufste. Dieser, in der Geschichte als „ Pfaffenkönig " be- 
kannt, gelangte nie zu allgemeiner Anerkennung. Da er 
sich fast nur auf unsere sächsisch - thüringischen Gegenden 
stützen konnte, so wird er auch geradezu als König der 
Sachsen bezeichnet. Seit seiner Wahl umgab ihn zum 
ersten male im Juni zu Erfurt eine grofse huldigende 
Menge. Das Blutbad von Nägclstädt und das lange, schwere 
Ringen zwischen Fürsten, Volk und König, die aufreizende 
Wirkung Bischof Burchards von Halberstadt hatten eine 
gegen Heinrich durchaus feindselige Stimmung erzeugt. So 
wurden Thüringer und Sachsen zu Anhängern König Ru- 
dolfs und zu Vorfechtern des Papsttums. 

Nur zu bald wurde Thüringen abermals der Schau- 
platz eines blutigen Kriegsspiels. Mit einem stattlichen 
Heere zog Heinrich zu dem auf dem Hoftage zu Nürnberg 
(11. bis 13. Juni 1077) beschlossenen Feldzuge gegen den 
in Sachsen stehenden Rudolf aus, der am Peter-Pauls-Tage 
(29. Juni) von Merseburg aus mit seinem Heere gegen 
Franken und bis nach Schwaben zog. Zu Unterhandlungen 
war man geneigt, und gern wäre der Papst, den Heinrich 
um Unterstützung gegen seinen Widersacher ersuchte, als 
Schiedsrichter aufgetreten. Aber Gregor VII. stärkte den 
„Sachsenkönig", indem er am 12. November 1077 den 
Bann gegen Heinrich erneuern und Rudolf für den rech- 
ten König erklären liefs. Verwirrend wirkte es auf die 
Gemüter, dafs die Politik des Papstes es vorteilhaft fand, 

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148 



Fünfter Abschnitt. 



sowohl mit dem gebannten Heinrich die Verhandlungen nicht 
abzubrechen, als auch im geheimen mit den Abgesandten 
des Gegenkönigs zu unterhandeln. Es waren bittere Wahr- 
heiten, die der einflufsreiche Mann am Tiber von den 
Sachsen hören mufste, dafs durch seine zweideutige Politik, 
sein doppeltes Spiel der unselige Bürgerkrieg und der Greuel 
der Verwüstung in die Länge gezogen werde. Alle Ver- 
suche, durch friedliche Verhandlungen eine neue Selbst- 
zerfleischung der deutschen Stämme unter einander zu ver- 
hüten, waren umsonst. Das Schwert sollte wieder die Ent- 
scheidung herbeiführen. Heinrichs Widerpart suchte sich, 
da er sich mit seinen Sachsen und Thüringern nicht stark 
genug fühlte , auch durch die Bundesgenossenschaft von 
Franzosen, Polen, Ungarn zu stärken, und diese waren, um 
die deutsche Macht zu schwächen, bereit genug dazu. 

Der Hauptschlag wurde bei Meirichstadt in Franken 
geführt Unter Rudolfs Führung überschritten Sachsen und 
Thüringer den Thüringerwald, wo sie bei dem genannten 
Orte auf Heinrich und die Bayern stiefsen. Zuerst wurden 
bei dem Kampfe am 7. August 1078 die Völker des Erz- 
bischofs von Magdeburg und des Bischofs von Merseburg 
geworfen ; die Bischöfe flohen samt dem päpstlichen Legaten. 
Der Erzbischof von Magdeburg wurde auf der Flucht er- 
schlagen, aber durch den mutigen und glücklichen Kampf 
Ottos von Nordheim, auch Pfalzgraf Friedrichs von Sachsen 
behauptete Rudolf das Feld, doch gebührte der erste Preis 
der Tapferkeit den Streitern König Heinrichs. 

Nochmals wurde im Februar 1079 zu Fritzlar zwischen 
Heinrich und den Sachsen verhandelt. Der Papst ermutigte 
letztere zum Kampf, ohne doch ganz mit Heinrich zu 
brechen. Es schien eine Spaltung Deutschlands durch Ab- 
sonderung Sachsens unter Rudolf von dem übrigen Reich 
in seinem Plane zu Üegen. Vergeblich waren erneute 
Friedensverhandlungen zu Fritzlar und in dem auf Hein- 
richs Seite stehenden Würzburg. Nach Sachsen zurück- 
zukehren vermochte Rudolf erst, nachdem durch Vermitte- 
lung der Fürsten ein Waffenstillstand geschlossen war. 
Immer noch hielt der Papst mit der Exkommunikation 
Heinrichs zurück, wenn er auch die Sachsen zum Kampf 
wider ihn ermutigte. Letzterer rüstete aber im Jahre 1080 
zu einer neuen Heerfahrt gegen Sachsen und zog mitten im 
Winter durch Hessen nach Thüringen. Auch Rudolf hatte 
ein ansehnliches Heer aufgebracht, doch sagten sich viele 
von ihm los, so Dietrich, der Sohn Graf Geros von Brena, 
Wiprecht von Groitsch. Andere, wie Adela und Markgraf 



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Rudolf als Gegenkonig vom Papst gefordert. Flarchheim. 149 



Ekbert, warteten nur auf die rechte Gelegenheit, um sieh 
Heinrich wieder anschliefsen zu können. 

Schwer traf Heinrichs Zug die mainzischen Besitzungen 
in Thüringen. Erfurt ging teilweise in Flammen auf. 
Zwischen Mühlhausen und Langensalza, uniern Dorla, stiefs 
er auf den Feind und lagerte sich bei Flarchheim, nur durch 
ein fliefsendes Wasser von Otto von Kordheim und dem 
sächsisch - thüringischen Heere getrennt. Heinrich griff mit 
Umgehung des Bachs den Feind im Rücken an und während 
Otto seine Stellung änderte, waren Heinrichs Krieger schon 
bis zu den von König Rudolf befehligten Scharen vor- 
gedrungen. Ein blutiger Kampf entspann sich, dessen 
Schrecken durch ein eintretendes Unwetter noch vermehrt 
wurden. Die Böhmen Wratislavs eroberten Rudolfs heilige 
Königslanze. Erst das Eingreifen Ottos von Nordheim gab 
dem Kampfe eine für Heinrich nachteilige Wendung und in 
der vom Nachmittag bis Abend des 27. Januar 1080 währen- 
den Schlacht blieb Rudolf Sieger. Viel Blut war auf beiden 
Seiten geflossen, auf Rudolfs Seite z. B. Burggraf Megin- 
frid von Magdeburg gefallen, der vom Mönchsleben zum 
Waftenhandwerk zurückgekehrt war. Heinrichs Lager wurde 
von den Sachsen geplündert; seinen Rückzug deckte Graf 
Ludwig von Thüringen, doch litt sein Heer nochmals durch 
eine Plünderung, welche es von den Sachsen am Hörselpafs 
erfuhr. 

Da aber auch dieses Blutbad eine Entscheidung keines- 
wegs herbeigeführt hatte, so wurden die Beschwerden der 
unglücklichen Sachsen und Thüringer gegen den Papst noch 
ungestümer, und sie verlangten, dafs er nicht länger halb auf 
der einen, halb auf der andern Seite stehe, sondern durch 
entschiedenes Vorgehen gegen Heinrich dem Blutvergiefsen 
ein Ende mache. So wurde er genötigt, unter scharfer 
Verdammung der königlichen Investitur am 7. März 1080 
den Bann gegen Heinrich zu erneuern. Die Herrschaft in 
Italien und Deutschland sprach er dem Verfluchten ab; in 
jedem Kampfe solle er unterliegen, niemand zu geschwore- 
nem Eide und Treue gegen ihn verbunden sein. Rudolf 
ward wegen seines Gehorsams und seiner Tugenden auf den 
Thron erhoben. Schon zum nächsten Peter-Pauls-Tage sagte 
er den Tod oder die Entsetzung des Gebannten mit Be- 
stimmtheit voraus. Der Erfolg, den Sachsen und Thüringer 
von dem erneuten päpstlichen Bannfluch erwartet hatten, 
trat keineswegs ein; Heinrichs Ansehen wurde bei vielen 
nur gehoben, weil sie in dem Verfahren des Papstes eine 
göttliches und menschliches Recht verletzende Uberhebung 



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150 



Fünfter Abschnitt. 



sahen. Von der gegnerischen Seite wurde daher im Juni 
1080 zu Brixen König Rudolf, der Schiitzling des Papstes 
und der Sachsen, für abgesetzt erklärt. 

Und wenn der Papst überall Könige, Bischöfe und 
Fürsten gegen den von ihm Gebannten zu erregen suchte, 
so mufste das sächsisch - thüringische Land und Volk fast 
allein Hammer und Ambofs für die Schläge sein, welche der 
gebannte Erbe des deutschen Thrones und der Schützling 
des Papstes wider einander führten. Mit einem zahlreichen 
Heere zog Heinrich gegen den Herbst des Jahres 1080 
durch Hessen und Thüringen nach der oberen Unstrut, wo 
nun seit dem Jahre 1070 schon zum drittenmale die blutigen 
Lose der Entscheidung zwischen den durch einen halb kirch- 
lichen halb weltlichen Streit entzweiten Deutschen fielen. 

An einem nicht genau zu* bestimmenden Orte südöstlich 
von Dingelstädt erwarteten die Sachsen unter ihrem König 
Rudolf das Heer Heinrichs in gesicherter Stellung, wohl ge- 
rüstet. Fast der ganze Sachsen- und Thüringerstamm hatte 
sich erhoben, die Edlen zu Rofs, das Volk zu Fufs. So 
grofs erschien das Heer, dafs Heinrich, um einen Angriff 
wagen zu können, es zu trennen suchte, was auch gelang. 
Er wandte sich dann schnell nach Osten, um den von Mark- 
graf Ekbert und dem Böhmenherzog erwarteten Zuzug mit 
seinem unzulänglichen Kriegsvolk an der Saale zu ver- 
einigen und dann über Merseburg nach Magdeburg vorzu- 
dringen. Über Erfurt, das wieder eine grofse Verwüstung 
erlitt, drang er in die Gegend von Naumburg, wo er schon 
seinen Gegner, der schnell das Unstrutthal hinabgezogen 
war, vorfand. Heinrich rückte nun über die Saale bis zur 
Elster, wo er sich verschanzte. Da aber auch hierhin die 
Sachsen ihm auf dem Fufse folgten, so sah er sich ge- 
nötigt, ihnen in der Frühe des 15. Oktober eine Schlacht 
anzubieten. Um den Mangel an Fufsvolk zu ersetzen, 
kämpften abgesessene Ritter neben dem gemeinen Volke. 
Mit Psalmgesängen bereiteten die Bischöfe im Heer Ru- 
dolfs zu dem als Glaubenskampf betrachteten Treffen vor 
und in geschlossenen Reihen rückten sich beide Heere am 
Gronasumpf (jetzt Grunaubach, westlich von Mölsen, Kreis 
Weifsenfeis) entgegen. Nach längeren Herausforderungen von 
beiden Seiten drängten die Sachsen etwas nach Westen und 
veranlafsten so den Entscheidungskampf, der bei Hohen- 
mölsen geschlagen wurde. Nur zu sehr bewährten die 
Sachsen in dem erneuten Bruderkampfe ihre alte Tapfer- 
keit. Zwar waren eine Zeit lang Heinrichs Krieger sieg- 
reich, aber unter Otto von Nordheims Führung wurden die 



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Fortsetzung des Sachsenkriegs. Hohenmölsen. 151 



Bayern besiegt und entrissen dann, nochmals aufs Schlacht- 
feld zurückgeführt, den Lothringern den schon erhofften 
Sieg. Aufgelöst flohen Heinrichs Scharen nach Osten bis 
über die Elster. Den Sachsen fiel im Lager eine uner- 
mefsliche Beute zu. Aber alles Blutvergiefsen, aller Raub 
und Verwüstung waren umsonst. Der vom Papst erhöhte 
Oegenkönig war zum Tod verwundet und gab bald seinen 
Geist auf. Die rechte Hand, mit der er einst die Treue 
geschworen hatte, von der ihn der Papst entband, war ab- 
gehauen: sie wurde im Dome zu Merseburg, wo der Leib 
seine letzte Ruhestätte fand, lange besonders aufgehoben. 
Zum Märtyrer der Kirche, als welchen ihn die auf päpst- 
licher Seite stehenden Sachsen ansahen, machten ihn sein 
Ehrgeiz und der Treubruch gegen seinen königlichen 
Schwager wenig geeignet. 

Und der Friede war durch dieses neue Blutvergiefsen 
nur in weitere Ferne gerückt. Die sächsisch - päpstliche 
Partei hatte mit ihrem Haupte ihre Einheit verloren. Hein- 
richs Versuch, ihnen in seinem Sohne einen König zu geben, 
wurde vereitelt, ebenso sein Wunsch, mit ihnen einen Waffen- 
stillstand zu schliefen, da Otto von Nordheim, den ein 
grofser Teil der Sachsen zu ihrem König gewählt, Italien 
und den Papst in diesen Frieden eingeschlossen wünschte: 
„der Papst ist unser Haupt", sagten sie, „ohne ihn kein 
Friede." Aber Heinrich, den seine Autgaben nach Italien 
zogen, wufste sich doch eine Stütze in Sachsen zu sichern, 
indem er dem Markgrafen Ekbort und dem unter dessen 
Obhut stehenden jungen Heinrich die Mark Meifsen, die Ost- 
mark, zurückgab und den Böhmenherzog anderweit ent- 
schädigte. 

Die Sachsen erreichten ihren Wunsch nicht, in Otto von 
Nordheim einen der Ihrigen zum König gewählt zu sehen. 
Unter schwacher Beteiligung wurde zu Ochsenfurt a. M. 
Hermann von Lützelburg zum neuen Gegenkönig gewäldt 
und am 26. Dezember 1081 zu Goslar vom Erzbischof von 
Mainz geweiht. Wie sein Vorgänger weilte auch er wäh- 
rend der freilich nur kurzen Zeit, die ihm für sein Gegen- 
königtum vergönnt war, meist in Sachsen. Diese aber 
wufste der Bischof Bukko von Halberstadt, wie er einst 
von Heinrich reiche Geschenke erhalten hatte, zu nutzen, 
um sich im Schwaben- und Nordthüringgau ansehnliche 
Schenkungen machen zu lassen. Sonst fand Hermann hier gar 
keine feste Stütze. Otto von Nordheim starb schon 1083. 

Während Heinrich in Italien gegen Gregor, das „Haupt 
■der Sachsen", siegreich war und am 31. März 1084 nebst 



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152 



Fünfter Abschnitt. 



seiner Gemahlin vom Gegenpapst die Kaiserkrone empfing, 
suchte das Volk, der durch die kirchenpolitischen Kämpfe 
hervorgerufenen Greuel müde, sich durch Vereinbarung und 
Beschwörung eines sogenannten Gottesfriedens (treuga dei) 
einige Linderung zu schaffen, indem die offenen Fehden 
an gewissen Wochentagen: Freitag, Samstag, Sonntag, und 
an den hohen Festtagen und -Zeiten ruhen sollten. Die 
Vereinigung ging von der kaiserlichen Partei ausserhalb 
Sachsens (20. April 1083) aus, fand aber auch bald in 
unserem Sachsen - Thüringen Nachahmung, wo der Gegen- 
könig zur Erhaltung der Ordnung nicht stark genug war, 
während Heinrichs Ansehen seit seiner Rückkehr aus Italien 
wieder stieg. An die Stelle des am 17. Februar 1084 ver- 
storbenen schwankenden Erzbischofs Siegfried von Mainz hatte 
er den tüchtigen bisherigen Halberstädter Kleriker Wezilo 
erhöht. Die vom Kaiser Heinrich geforderte Unterwerfung 
der Sachsen konnte aber, so lange Bischof Burchard von 
Halberstadt lebte, nicht erreicht werden. 

Umsonst wurde darüber zwischen Geistlichen beider 
Parteien im Januar 1085 zu Gerstungen disputiert, wobei 
auf gregorianischer Seite gefälschte Rechtsdokumente benutzt 
und eine Vereinbarung hintertrieben wurde. Auch ein ähn- 
licher, in der Osterwoche 1085 unter Gegenkönig Hermann 
und einem päpstlichen Legaten abgehaltener Konvent thürin- 
gisch- sächsischsr Bischöfe und Grofsen zu Quedlinburg war 
tumultuarisch und ergebnislos, wenn auch Beschlüsse im 
Sinne Gregors gefafst wurden. Unter den Geist und Leib 
zerstörenden Wirren und Kriegen hatten Fleischeslust und 
Unbotmäfsigkeit bei Klerikern, Raub und Gewaltthat bei 
Weltlichen überhand genommen. Wohl fand die in Quedlin- 
burg aufgestellte Behauptung, dafs einen Spruch des Papstes 
niemand beurteilen könne, Widerspruch, aber sie verschaffte 
sich doch Geltung. Ganz gegen die Sachsen und Thüringer 
waren aber die Beschlüsse einer Synode zu Mainz im Mai 1085, 
worin Gregors und seines Günstlings Hermann Absetzung 
wiederholt, gegen letzteren als Hochverräter das Anathem aus- 
gesprochen, der Gottesfriede aber erneuert wurde. 

Im Juni 1081 war Papst Gregor als Flüchtling unter Nor- 
mannen imd Sarazenen gestorben. Als die Nachricht von 
seinem Ableben in unsere Lande drang, kehrten hier viele zur 
Treue gegen Heinrich zurück, und als derselbe nach Sachsen 
kam, mufsten Erzbischof Hartwig von Magdeburg und Bischof 
Burchard von Halberstadt ihr Heil in eiliger Flucht zum 
Dänenkönigo suchen. Jubelnd empfingen die Magdeburger 
den Kaiser, als dieser in die Stadt zog, wo ein anderer Hart- 



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Wechselnde Schicksale des Sachsenkriegs. 



loa 



wig, bisher Abt zu Hersleid, zum Erzbischof bestellt und am 
13. Juli geweiht wurde. Au Burchards Stelle wurde 
Hamezo, ein Oheim Graf Ludwigs von Thüringen, Bischof 
von Halberstadt, in Merseburg an Werners Stelle Eppo, 
in Meifsen Felix, ein Verwandter des Böhinenherzogs. 

Aber während so Heinrich in Sachsen wieder festen 
Fufs fafste, wurden vom Markgrafen Ekbert von Meilsen 
neue Wirren heraufbeschworen. Nach dem Ableben seiner 
ränkevollen Schwiegermutter Adela trachtete er nach der 
Mark des jungen Heinrich von der Ostmark und schien 
höhere Pläne nach einer Herrschaft in ganz Sachsen, ja im 
Reiche zu spinnen. Es sollte dem Kaiser zum grofsen 
Schaden gereichen, dafs er diesem Verwandten zu viel ver- 
traut hatte. Ekbert zog die mifsvergnügten thüringisch- 
sächsischen Grofsen an sich und führte den geflüchteten 
Erzbischof von Magdeburg und Burchard von Halberstadt 
auf ihre Sitze zurück. Er trat an die Spitze einer grofsen 
Verschwörung gegen das Leben und Königtum Heinrichs, 
der im September wieder von hier weichen mufste, jedocli 
schon anfangs Februar 1086 wieder mit einem am Rhein 
gesammelten Heere in Thüringen anlangte. Zwar versperrte 
Ekbert ihm mit einem ansehnlichen thüringisch-sächsischen 
Heere den Eingang in Sachsen, aber der Empörer wurde 
auf Veranlassung Heinrichs seiner Güter und Würden als 
ein Feind des Reichs entsetzt. Der Kaiser aber durchzog 
mm besonders das Land seines Erzfeindes Bischof Burchard 
von Halberstadt verwüstend bis zur Bode, bis ihn nach 
einem Waffenstillstände mit den Sachsen andere Aufgaben 
nach Bayern abriefen. 

Noclimals kam es im Würzburgischen zwischen König 
Hermann und König Heinrichs Streitern zu einem Blut- 
bade, das \on der sächsischen Partei als Glaubenskampf 
angesehen wurde, wie Erzbischof Hartwig von Magdeburg 
durch die feierliche Weihe der Streiter König Hermanns an- 
deutete. Trotz tapferen Kampfes wurde Heinrich wieder 
besiegt, aber ohne dafs auch dieser Bruderkampf eine Ent- 
scheidung brachte. Auf einer Fürstenvcrsammlimg zu Speier 
am 1. August 1086 wollten sogar die Sachsen Heinrich wieder 
als Kaiser anerkennen, wenn er sich vom Banne löse. Statt 
dessen kündigte er den Sachsen einen neuen Kriegszug an 
und rückte auch gegen Ende des Jahres wieder mit einem 
stattlichen Heere durch Thüringen nach Sachsen ein. Die 
ihm verbündeten Böhmen besetzten die Mark Meifsen. Ein 
Kampf wurde dadurch vermieden, dafs sich Ekbert dem 
Kaiser heuclilerisch zu Füfsen warf und die Gewinnung der 



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154 



Fünfter Abschnitt. 



Sachsen auf friedlichem Wege oder durch seine Waffen in 
Aussicht stellte. Getäuscht entliefs Heinrich sein Heer und 
übergab Ekbert die festen Plätze Thüringens und Sachsens. 
Dieser aber verriet alsbald seinen Herrn, wie es heifst durch 
Erzbischof Hartwig von Magdeburg und Bischof Burchard 
von Halberstadt dazu angereizt, die ihm auf die Königs- 
krone Hoffnung gemacht haben sollen. Sie standen aber 
bald wieder auf Hermanns Seite und suchten auch Frieden 
mit dem Böhmenherzoge. Da gelobte nochmals Ekbert mit 
Eiden und unter Stellung von Geiseln dem Kaiser Treue 
und wurde nochmals von ihm angenommen, der nun das 
Gebiet seines Halberstädter Widersachers verwüstete. Als 
Burchard um Waffenstillstand bis Palmsonntag bat, um als- 
dann mit Ekbert wegen einer Unterwerfung unter den Kaiser 
zu verhandeln, ging dieser darauf ein, reizte aber die 
Goslarer Bürger gegen den Bischof als deu Haupturheber 
des Aufruhrs der Sachsen auf. Dienstag vor Palmsonntag 
1088 waren Bischof Burchard von Halberstadt mit zahl- 
reichen Mannen, Erzbischof Hartwig von Magdeburg, Kon- 
rad von Beichlingen, ein Sohn Ottos von Nordheim, in 
Goslar versammelt. Hier soll, so wenig wahrscheinlich es 
auch nach seinem bisherigen Verhalten erscheint, bei den 
am folgenden Tage eröffneten Verhandlungen Burchard der 
herrschenden Stimmung entgegen sich zur Unterwerfung 
unter den Kaiser und zu freiwilligem Rücktritt von seinem 
Bistum bereit erklärt haben. Am Tage danach erhob sich 
in der Stadt ein Aufstand, der sich besonders gegen die 
halberstädtische Mannschaft richtete. Burchard, der in 
grofser Angst sich betend in ein festes Gemach geflüchtet 
hatte, wurde schwer verwundet von seinen Getreuen in seine 
Stiftung und Lieblingskloster Ilsenburg getragen, wo er am 
6. April verschied und von dem Abt Hercand, seinem 
Neffen, mit allen Ehren bestattet wurde. Der kampflustige 
Bischof endete durch die Waffen, die er sich gerühmt hatte 
so oft gegen die Feinde, besonders gegen seinen König und 
Kaiser, geführt zu haben. Herrand aber, den des Kaisers 
Gegner zu Burchards Nachfolger wählten, stellte dessen Ende 
als ein Martyrium dar. Auch der Papst wandte dem Er- 
wählten seiner Partei alle Gunst zu, doch fand derselbe aufser 
zu Ilsenburg keinen festen Halt und Anerkennung. Zu 
Herrands Ehren muls gesagt werden, dafs ihm als Bischof die 
Eigenschaften seines Oheims als rücksichtslosen bewaffneten 
Parteigängers fehlten. Er nahm später wieder die Mönchs- 
kutte und starb zurückgezogen als Klosterbruder in dem 
reichen von ihm mit begründeten Kloster Reinhardsbrunn. 



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Ende B. Burchards v. Halberstadt u. Markgr. Ekberts. 155 



Als Burchard nicht mehr unter den Lebenden war, 
machten die bis dahin widerstrebenden sächsischen Bischöfe 
mit dem Kaiser ihren Frieden und mit Ausnahme des Nach- 
folgers Bukkos von Halberstadt war von den kaiserlicherseits 
aufgestellten Gegenbischöfen nicht mehr die Rede. Auf einem 
Mainzer Hoftage am 10. August 1088 waren der Erzbischof 
von Magdeburg, die Bischöfe von Merseburg und Naumburg 
und die Markgrafen Ekbert von Meifson und Heinrich von 
<ler Ostmark um den Kaiser versammelt. Wohl um die 
Bewohner der Nordmark zu gewinnen, verlobte sich damals 
König Heinrich mit der Witwe Heinrichs von Stade, der 
seit 1082 seinem Vater Udo in der Nordmark (Altmark) 
gefolgt, aber schon 1087 gestorben war. Von den Deutschen 
Adelheid genannt, hiefs sie, als geborene Kussin, ursprüng- 
lich Praxedis. Der „Sachsenkönig" Hermann aber fand 
fürder hier seines Bleibens nicht und starb bald danach in 
seiner Heimat. 

Nochmals erfuhr der endlich erlangte Friede durch den 
ehrgeizigen Ekbert eine Störung, nochmals wurde er auf 
<einem Fürstengericht zu Quedlinburg seiner Würden und 
Lehen für verlustig und in des Reichs Acht erklärt. Mit 
den Fürsten stimmten hier die hohen geistlichen Würden- 
träger zu Magdeburg, Halbcrstadt, Merseburg, Naumburg. 
Mit verwegenem Mute leistete Ekbert erfolgreichen Wider- 
stand, belagerte Quedlinburg, entsetzte seine Burg Gleichen, 
richtete unter seinen Gegnern ein grofses Blutbad an und 
nötigte den Kaiser abermals zur Flucht. Abermals wurde 
er am 1. Februar 1089 aller Güter und Würden für ver- 
lustig erklärt. Doch seine Siege fruchteten ihm zu nicht 
da Sachsen und Thüringer jetzt des Gegenkönigtums gänz- 
lich müde waren. Aber bis zur Raserei streitlustig, führte 
Ekbert bis an sein Ende Fehde auf Fehde. Auch seinen 
Schwager Heinrich von der Ostmark griff er wieder an. 
Endlich wurde er in einer einsamen Mühle, wohin er sich 
vor einem Unwetter geflüchtet hatte, von Anhängern des 
Kaisers erschlagen und so die Ruhe in Sachsen -Thüringen 
endlich hergestellt. Mit Ekbert erlosch der Mannsstamm 
des angesehenen Brunonengeschlechts, der von ihm oft be- 
fehdete Schwager Heinrich von der Ostmark erhielt seine 
Mark. 

Fortan hielt Sachsen und Thüringen fest an dem Kaiser, 
mit dem es so lange in blutigem Streit gelegen hatte. In 
den neunziger Jahren wurde aber unser von langem Streit 
ermattetes Land zeitweise von Hungersnot heimgesucht, 
während dem auswärts beschäftigten Kaiser Heinrich sein 



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15G 



Fünfter Abschnitt. 



schnöder, die päpstliche Partei fördernder Sohn nnd seine 
Gemahlin Adelheid Kummer bereiteten. Aber weder Papst 
Urban II. noch Erzbischof Ruthard von Mainz konnten 
unsere Landsleute abermals in ihrer Treue gegen den 
Kaiser wankend machen. Ruthard war vor diesem , der 
ihn wegen eines an den Juden begangenen Frevels ver- 
folgte, in sein thüringisches Stammland geflohen, wo er 
vergebens einen Anhang wider den Kaiser zu gewinnen 
suchte. Man war der Rebellion und des ewigen Blut- 
vergiefsens müde. 

Wie sehr alle friedliche Ordnung im Lande aufgelöst 
war, zeigten die nächsten Vorgänge in unseren Marken. 
Nach einem Siege über die Liutizen geriet Markgraf Udo 
von der Nordmark mit sächsischen Fürsten in Fehde. Diese 
belagerten seine Burg Aisleben und verwüsteten sein Land, 
und er seinerseits blieb die Vergeltung nicht schuldig. 
Gleicher Krieg drohte in den benachbarten Marken. Mark- 
graf Heinrich von der thüringisch-meifsnischen und Ostmark 
war gestorben und hatte seine Witwe Gertrud guter Hoff- 
nung hinterlassen. Zunächst gingen die Marken an Hein- 
richs Oheim Thimo über, der aber bald im Kampfe auf des 
Kaisers Seite den Tod fand. Da nun aber Gertrud bald 
ein Knäblein zur Welt gebar, so behauptete sie für dieses 
gegen Konrad von Wettin., den Sohn Thimos, die von dem 
Vater bisher verwalteten Marken. Ein traurigse Zeichen 
der aufgelösten gesetzlichen Ordnungen war es, dafs der 
edle Graf Konrad von Beichlingen auf offener Strafse 
nachts von einer Rotte gemeinen Volks erschlagen wurde. 
Nach Kräften suchte der Kaiser den Landfrieden aufrecht- 
zuerhalten, so sehr ihm dies auch durch die Bemühungen 
des Papstes, ihm Feinde zu erwecken, erschwert wurde. 
Und Sachsen - Thüringen war es doch noch, das im Bunde 
mit der gregorianischen Partei den Sturz des unglücklichen 
Kaisers herbeiführte. 

Als am 17. Juni 1102 Erzbischof Hartwig von Magde- 
burg gestorben war, wählte die päpstliche Partei den 
noch nicht zum Priester geweihten Heinrich von Assel als 
Nachfolger. Die Anhänger des Kaisers aber begaben sich 
unter Burggraf Hennann , Dompropst Hartwig und dem 
Domherrn Esiko nach Lüttich, um dem Kaiser von der 
Lage der Dinge Nachricht zu geben. Unterwegs nahm 
Graf Dietrich von Katlenburg, Welleicht auf Antrieb Erz- 
bischof Ruthards, diese Gesandtschaft gefangen. Als nun 
im November 1104 König Heinrich aufbrach, um Graf 
Dietrich und die aufständischen Thüringer und Sachsen zu 



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Auflösung d. gcsetzl. Ordnung, Sieg d. päpstl. Partei in Sachsen. 157 



bestrafen, entwich ihm zu Fritzlar sein gleichnamiger Sohn 
und empörte sich, gestützt durch die päpstliche Partei, gegen 
den eigenen Vater. Und nun fand er auch gerade in 
Thüringen \ind Sachsen grofsen Anhang. Besonders wirkte 
dahin Erzbischof Ruthard von Mainz und Pfalzgraf Fried- 
rich, und die Grafen Otto und Ludwig schlössen sich ihm 
an. Im März 1105 hatten die Empörer eine Versammlung 
zu Quedlinburg. Mit heuchlerischer Devotion begab sich 
der am Sturze seines Vaters arbeitende Sohn in Quedlin- 
burg barfufs zur Kirche und feierte hier Ostern. Auf einem 
darauffolgenden Landtage zu Mainz erschienen Sachsen und 
Thüringer zahlreich als Gegner des Kaisers und es wurde 
eine Reinigung der Kirche im gregorianischen Sinne be- 
schlossen. Daher setzte der König in Halberstadt die zu 
dieser Partei haltenden Domherren wieder ein und nach 
Ilsenburg kehrten die nach Harsefeld geflüchteten Mönche 
zurück und erhielten einen neuen Abt. 

Nun kam am 20. Mai 1105 die Synode zu Nordhausen 
zustande, die scharfe Verbote gegen Simonie und Priesterehe 
erliefs. Der Empörer König Heinrich aber, der bei dieser 
Gelegenheit die gröfste Devotion gegen den Papst heuchelte, 
rührte die ganze Versammlung zu Thränen. Hier konnte 
auch der Bischof von Halberstadt sich dem Papste unter- 
werfen, ebenso andere Geistliche. 

Pfingsten (28. Mai) feierte König Heinrich in Merseburg 
und verordnete, dafs der von der päpstlichen Partei ge- 
wählte Heinrich von Assel als Erzbischof von Magdeburg 
geweiht würde, was auch am 11. Juni durch den päpst- 
lichen Legaten geschah. Es wurde dies so regellos und 
hastig betrieben, dafs der Papst selbst es rügen mufste, ohne 
dafs jedoch an der Sache etwas geändert wurde. 

Als der dritte vorzugsweise von den Sachsen-Thüringern 
und der gregorianischen Partei ausgegangene und getragene 
Gegenkönig zog diesmal der eigene Sohn mit einem zumeist 
aus Sachsen bestehenden Heere an den Rhein , um den 
kaiserlichen Vater aus Mainz zu vertreiben und dessen 
Gegner Rudolf daselbst einzusetzen. Die letzten Schicksale 
des nicht ohne vielfache Verschuldung unglücklichen Kaisers 
vollzogen sich fern von Sachsen. Am 7. August 1106 
endete er an der Seite des treu zu ihm haltenden Bischofs 
Otbert von Lüttich. 

Nun schien die gregorianische Partei entschieden gesiegt 
zu haben. Der dem verstorbenen Kaiser anhängende Bischof 
Friedrich von Halberstadt wurde auf dem Konzil von Gua- 
stalla abgesetzt und der eifrig zur Gegenpartei haltende 



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158 



Fünfter Abschnitt. 



Reinhard, zum Geschlecht der Blankenburger Grafen gehörig, 
zu seinem Nachfolger bestellt. Aber der unnatürliche Sohn 
König Heinrich täuschte auch seinen Schützling, den Papst, 
in den auf ihn gesetzten Hofihungen. An die Stelle Erz- 
bischof Heinrichs von Magdeburg setzte er Adelgot von Velt- 
heim, einen Neffen Bischof Burchards von Halberstadt; Bischof 
Reinhard investierte er ganz nach alter Weise und dieser 
selbst nebst Wiprecht von Groitsch mufsten als seine Ab- 
gesandte zum Konzil von Troyes, Himmelfahrt 1107, die Er- 
klärung Heinrichs, dafs er seine Rechte nicht aulzugeben 
gewillt sei, überbringen. In welchem Zusammenhang eine 
am 2. Februar 1107 zu Quedlinburg empfangene Gesandt- 
schaft des Königs von Frankreich mit seinen kirchen- 
politischen Bestrebungen stand, ist nicht mit Gewifsheit zu 
sagen. 

Das erste Jahr des neuen deutschen Königs brachte 
auch unter den weltlichen Fürsten ein paar für unsere pro- 
vinzielle Geschichte wichtige Personalveränderungen. Am 
2. Juni 1106 starb Graf Udo von der Nordmark, für dessen 
minderjährigen Sohn Heinrich dessen Oheim Rudolf zunächst 
auf acht Jahre die Markgrafschaft verwalten sollte. Ferner 
erlosch mit dem am 23. August desselben Jahres erfolgten 
Tode des Herzogs Magnus das billungische Geschlecht der 
Herzöge von Sachsen im Mannsstamme. Durch seine eine 
Tochter Eilika kamen die ansehnlichen Erbgüter des 
Hauses in Ostsachsen und Thüringen an ihren Gemahl, den 
schon mächtigen Grafen Otto von Ballenstädt: Wulfhilde 
wurde dem Weifen Heinrich vermählt und erbte die Allode 
im Lüneburgischen. Die sächsische Herzogswürde ging aber 
zunächst nicht an einen Allodialerben der Billunger über, 
sondern an einen uns nahe angehenden Mann, den Grafen 
Lothar von Supplinburg, dessen erbeigene Güter meist in 
den Landen westlich von der mittleren Elbe bis zur Oker 
lagen. Wir gedachten seines Vaters Gebhard schon als 
eines der Sachsen, welche 1075 bei Nägelstädt gegen König 
Heinrich fielen. Auch Lothar hatte sich der sächsisch- 
thüringischen und gregorianischen Partei zugewandt. Um 
1100 hatte er sich mit Richenza, Enkelin Ottos von Nord- 
heim, vermählt. Ihre Mutter Gertrud, Markgraf Ekberts 
von Meilsen Schwester, hatte, wie wir schon sahen, für 
ihren Sohn Heinrich eine Zeit lang die Ostmark mit mann- 
haftem Sinne behauptet und verwaltet. Lothars Grofsmutter 
Ida war vom berühmten Geschlecht der Querfurter. Das 
Herzogtum Sachsen erhielt Lothar für seinen schnellen An- 
schluis an König Heinrich gegen dessen Vater. Wie dieser 



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Sachsen-Thüringen unter K. Heinrich V. 



159 



weitaus mächtigste Mann im Lande standen einmütig Sachsen 
und Thüringer zu dem neuen Könige, den wir nun wieder 
zu Merseburg und an anderen heimischen Orten als Herrn und 
Richter in alter Weise kräftig walten sehen. Daher hören 
wir denn auch wieder von Erfolgen den Slaven gegenüber. 
Swatopluk, der Vetter des Böhmenherzogs Boriwoi, der sich 
mit fremder Hilfe Böhmens bemächtigt hatte, wurde vom 
König Heinrich nach Merseburg vorgel'ordert und hier ge- 
fangen gehalten. Da aber Boriwoi sich nicht halten konnte, 
so setzte Heinrich gegen 10000 Mark Silbers Swatopluk 
zum Herrscher von Böhmen ein. Des Königs weitere Unter- 
nehmungen gegen Boleslaw von Polen, so ein Zug, den er 
anfangs August 1109 von Erfurt und der untere Saalgegend 
aus über die Elbe unternahm, waren unglücklich. 

Nachdem der gewaltthätige listige König die Investitur- 
frage mit Gewalt gelöst hatte, sehen wir ihn im Herbst des 
Jahres 1111 wieder in Sachsen, um ein Zerwürfnis zwischen 
Herzog Lothai' und Markgraf Rudolf zu schlichten. Es 
geschah zu Goslar, wo auch der gefangene Pfalzgraf Sieg- 
fried und der junge Wiprecht von Groitsch aus der Haft 
entlassen wurden. Der letztere mufste aber dem Könige einen 
grofsen Teil seiner Besitzungen, darunter die Burg Morungen 
im Mansfeldischen, übergeben, womit König Heinrich seinen 
tapfern Anhänger, Graf Hoier von Mansfeld, belehnte. Doch 
kam der junge Wiprecht von Groitsch bald wieder in des 
Kaisers Gunst und wurde von demselben mit Eckartsberga 
belehnt 

Im nächsten Jahre wurde die heutige Altmark der Schau- 
platz eines Zusammenstofses zwischen dem König und 
seinen Vasallen. Herzog Lothar und Markgraf Rudolf hatten 
sich der Standeserhöhung eines gewissen Rudolf von Stade 
widersetzt und denselben zu Salzwedel, das damals bereits 
der gewöhnliche Sitz der Markgrafen der Nordmark war, 
gefangen setzen lassen. Da weder Lothar noch Rudolf sich 
auf des Königs Vorladung zu Goslar stellten, so vergab 
dieser das Herzogtum Sachsen einem Schwiegersohn des 
letzten Billungers Otto von Ballenstädt, die Nordmark dem 
Grafen Helferich von Plötzke. Nach Pfingsten brach der 
König durch die Nordmark nach Salzwedel vor und belagerte 
dort Lothar und Rudolf. Bezwungen unterwarfen sich 
beide dem Könige, der sie wieder in ihre Würden ein- 
setzte. 

Strenger wurde die Widersetzlichkeit zweier Neffen 
Markgraf Rudolfs, Söhne seiner Schwester Adelheid, bestraft. 
In erster Ehe dem sächsischen Pfalzgrafen vermählt, hatte 



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160 



Fünfter Abschnitt. 



diese zu einer zweiten dem Grafen Ludwig von Thüringen 
die Hand gereicht, der nach allgemeiner Annahme mit ihrer 
Einwilligung ihren ersten Gemahl ermordet hatte. Adel- 
heids Sohne aus erster Ehe, Pfalzgraf Friedrich von Putelen- 
dorf, wurde von seinem Stiefvater, Ludwig von Thüringen, 
und von Pfalzgraf Friedrich von Sommerschenburg, seinem 
nächsten Verwandten väterlicherseits, sein Erbe vorenthalten. 
Sie verband sich deshalb gegen beide mit Hermann, einem 
Sohne Graf Ludwigs von Thüringen, aber der Kaiser strafte 
sie wegen dieser Selbsthilfe. In der Burg Teuchern, wohin 
sie sich zurückgezogen hatten, wurden sie vom Grafen Hoier 
von Mansfeld belagert, mufsten sich am 6. Juni 1112 er- 
geben und wurden gefangen gesetzt. Hermann starb zwei 
Jahre danach auf Burg Hammerstein am Rhein, Pfalzgraf 
Friedrich mufste sich mit 500 Mark Silbers lösen, wofür er 
einen großen Teil seiner Besitzungen an das Hochstift 
Halberstadt und an die Klöster Huysburg und Ilsenburg 
veräufserte. 

Landgraf Ludwig gehörte zu den Männern, die in der 
unglücklichen Zeit Kaiser Heinrichs IV. durch schlaues, 
nicht sonderlich wählerisches Verfahren und häufigen Partei- 
wechsel sich erhoben hatten. In den Unstrutgegenden hatte 
er einen gröfseren Besitz als irgendjemand vor ihm an- 
gesammelt. Nach der unteren Saale zu und bis ins heutige 
Königreich Sachsen hinein, auch durch Verbindung mit dem 
verwandten Erzbischof Adelgot von Magdeburg hatte Wi- 
precht von Groitsch seine Herrschaft ausgebreitet. 

Diese Männer gerieten nun mit Heinrich V. bald in einen 
heftigen Streit um die Erbschaft des am 13. Mai 1112 ohne 
Nachkommen verstorbenen Grafen Ulrich von Weimar- 
Orlamünde, welche Heinrich eingezogen hatte. Pfalzgraf 
Siegfried aus dem ballenstädtischen Hause, der sich als 
Seitenverwandter auf die Erbschaft Hoffnung gemacht hatte, 
kehrte deshalb vom Rhein nach Thüringen zurück. Auf 
seine Seite traten Ludwig von Thüringen, Wiprecht von 
Groitsch, die Markgräfin Gertrud, Bischof Reinhard von 
Halberstadt, Markgraf Rudolf und Erzbischof Adelgot. 
Auch Erzbischof Adalbert von Mainz hielt zu dieser Ver- 
einigung. 

Gegen den letzteren wandte sich Heinrich zuerst und 
verlangte von ihm Heeresfolge wider die aufständischen 
Fürsten. Auf dem Wege nach Erfurt aber liefs er den 
Erzbischof gefangen nehmen und streng behandeln. Da 
die vorgeladenen feindlichen Fürsten zu Erfurt nicht er- 
schienen, so wurden sie von der dort abgehaltenen Reichs- 



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Kampf K. Heinr. V. mit den sächs.-thüring. Fürsten 1112 ff. 161 



Versammlung als Hochverräter in die Reichsacht erklärt, ihr 
Hab und Gut der Plünderung übergeben. 

Von Erfurt begiebt sich der Kaiser zur Bestrafung der 
Aufständischen nach Halberstadt, das auch eine Zerstörung 
erlitt und seiner Mauern beraubt wurde. Auch das feste 
bischöfliche Hornburg belagerte und eroberte der Kaiser, 
während die mit ihren Scharen in der Nähe lagernden 
Gegner keinen Kampf einzugehen wagten. Die weitere 
Bezwingung der Verschworenen überlieft Kaiser Heinrich, 
der, nachdem er den Bischof von Halberstadt wegen der 
gegen ihn vorliegenden Klagen zu einem Tage entboten hatte, 
Sachsen verliefs, dem Grafen Hoier von Mansfeid. Diesem 
gelang die Vereitelung des keineswegs gefahrlosen Unter- 
nehmens durch einen kühnen und glücklichen Handstreich. 
Da er nämlich erfahren hatte, dafs die Verschworenen unter 
Pfalzgraf Siegfried, dem Grafen Ludwig von Thüringen und 
Wiprecht von Groitsch in der Nähe der Teufelsmauer bei 
Quedlinburg eine Zusammenkunft veranstalteten, so überfiel 
er sie mit 300 Reitern. Der Pfalzgraf empfing dabei die 
Todeswunde und starb am 9. März 1113, der alte Wiprecht 
von Groitsch wurde, schwer verwundet, gefangen; Graf Lud- 
wig von Thüringen aber entkam. Wiprechts Söhne mufsten 
das Leben ihres Vaters durch Auslieferung ihrer Besitzungen 
erkaufen und sanken dadurch zu armen Leuten herab. 
Danach kam der Vater in strenge Haft auf dem pfalzischen 
Schlosse Trifels. Der Kaiser zog nicht nur die vom Pfalz- 
grafen Siegfried hinterlassenen Lehen, sondern auch einen 
Teil von dessen Allodien ein. Bischof Reinhard, der sich 
unterwarf, erhielt Verzeihung, doch wurde die Hornburg 
zerstört. Auch Ludwig von Thüringen wurde, da er sich 
unterworfen hatte, nach kurzer Haft entlassen. Die Pfalz- 
grafschaft in Sachsen erhielt der aus der Gefangenschaft 
entlassene Friedrich von Putelendorf. Wie es scheint, unter- 
warf sich die Markgräfin Gertrud nicht, und Hermann von 
Winzenburg war eine Zeit lang mit der Ostmark und der 
Mark Meifsen beliehen. 

In den Wendenmarken, von denen um diese Zeit wenig 
Näheres verlautet, hatten Herzog Lothar, Markgraf Rudolf 
und Erzbischof Adelgot genug zu thun. Leider bedienten 
sich auch jetzt deutsche Fürsten der Wendenstämme zu 
ihren inneren Streitigkeiten, so 1113 Markgraf Rudolf gegen 
Milo, den Sohn Graf Dietrichs von Ammensieben. Im nächsten 
Jahre gelangte die Nordmark an Heinrichs Neffen und Mündel 
Heinrich. 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 11 



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162 



Fünfter Abschnitt. 



Für Kaiser Heinrich war es erfreulich, dafs um die Zeit,, 
wo er sich (Januar 1114) mit der englischen Königstochter 
Mathilde vermählte, Herzog Lothar sich unterwarf, während 
Ludwig von Thüringen zu peinlicher Störung der Festlich- 
keiten bei denselben festgenommen und in Haft gehalten 
wurde. So stand am 26. August 1114 der Kaiser als un- 
bestrittener Herrscher in einer Versammlung thüringischer 
und sächsischer Herren. 

Aber wieder dauerte der Friede nicht lange. Die Er- 
hebungen gegen den Kaiser am Rhein förderten auch den 
Aufstand in Thüringen und dem östlichen Sachsen. Erz- 
bischof Adelgot räumte den erbelosen Söhnen Wiprechts von 
Groitsch im Winter 1114 Loburg ein; die Söhne Ludwigs 
von Thüringen kamen mit einer Anzahl Unzufriedener zu 
Kreuzburg a. d. Weira zusammen. 

Der Kaiser, dem natürlich diese Vorgänge nicht ver- 
borgen blieben, eilte nach Sachsen zurück und beschied 
Ende 1114 den Herzog Lothar, Erzbischof Adelgot, Pfalz- 
graf Friedrich von Sommerschenburg, Bischof Reinhard und 
Rudolf von Stade zu sich nach Goslar. Da nur Adelgot 
erscheint, um sich auch bald wieder zu entfernen, so wird 
über die Widerspenstigen das Urteil gesprochen. Diese aber 
vereinigen in dem gegen Graf Hoier befestigsten Walbeck im 
Mansfeldischen eine ansehnliche Heeresmacht, gegen welche 
am 10. Februar 1115 von Walhausen aus ein Reichsheer 
aufbrechen sollte. 

Während der Kaiser selbst über Braunschweig nach 
Halberstadt vordrang und diese Stadt aufs neue verwüstete, 
drangen die Wenden von Osten her bis über die mittlere 
Elbe. Zur Erhöhung des sächsischen Waffenruhms sollte 
ein Sieg dienen, den Graf Otto von Ballenstädt mit wie es 
heifst nur 60 Rittern am 9. Februar 1115 über eine Schar 
von 2800 Wenden in der Gegend von Kothen davon trug. 
Aber einen blutigeren folgenreichen Schlag führten an dem 
nächsten Tage die Parteien im Reiche selbst gegen einander. 
Das zur bestimmten Zeit am 10. Februar von Walhausen 
in der Richtung auf Walbeck aufgebrochene kaiserliche 
Heer traf auf die Streitmacht der verbündeten Fürsten 
im Weifsholze östlich von Hettstädt. Am 10. verhinderte 
ein Schneegestöber den Kampf; in der Frühe des 11. aber 
wurde derselbe blutig durchgeführt. Bischof Reinhard weihte 
die sächsisch - thüringischen Streiter wie zu einem Glaubens- 
kampfe. Graf Hoier stürmte so kühn vor, dafs ihm nur 
sein Waffenbruder Ludolf folgen konnte. Der jüngere 
Wiprecht von Groitsch und seine Brüder Konrad und 



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Schlacht im Wolfsholze 1113. 



163 



Hermann traten ihm aber mutig entgegen und erlegten den 
gewaltigen Kämpen des Kaisers mit glücklichem Speerwurf 
und kräftigen Streichen. Den ganzen Wintertag hielten nun 
die Kaiserlichen in einem furchtbaren Gemetzel stand; erst 
gegen den Abend zogen sie sich zurück, während die Ver- 
bündeten auf dem Wahlplatz unter den Waffen blieben. 
Der Kaiser fühlte sich nicht stark genug, einen neuen An- 
griff zu wagen. Bischof Reinhard aber wollte den auf 
Seite des Kaisers Gefallenen ein christliches Begräbnis ver- 
weigern. 

Grofser Jubel war über diesen Sieg im Welfsholze rings- 
um in Thüringen und Sachsen. Der Kaiser aber hielt hier 
durch einige Anhänger, wie Hermann von Winzenburg und 
Heinrich mit dem Haupte kaum einen Rest von Einflufs 
aufrecht Nach ihrem Siege zogen Pfalzgraf Friedrich, 
Markgraf Rudolf und Bischof Reinhard gegen das kaiser- 
liche Quedlinburg und nahmen es ein, während Herzog 
Lothar die vom Grafen Hermann von Winzenburg besetzten 
Burgen Falkenstein und Walhausen einnahm. Lothars An- 
sehen stieg auch durch die Verbindung mit Rom, das durch 
den päpstlichen Legaten Kuno im April 1115 das Anathem 
gegen den Kaiser aussprach. Auf einer Synode zu Goslar 
wurde der Bann erneuert, der Bund des Papstes mit dem 
sächsisch-thüringischen Stamme befestigt und das Volk gegen 
diesen in Bewegung gesetzt. 

So kamen des Kaisers Gegner mehr und mehr empor. Erz- 
bischof Adelgot half dem jüngeren Wiprecht von Groitsch 
wieder zu seinen Besitzungen; mit dem Erzbischof, Bischof 
Reinhard, Friedrich von Sommerschenburg und dem jungen 
Grafen Ludwig von Thüringen belagerte er die Bischofsstadt 
Naumburg, und als der kaiserliche Vasall Heinrich mit dem 
Haupte von Meifsen her zum Entsatz heranzog, gelang es 
den Verbündeten, diesen zu fangen. So ergab sich Naum- 
burg. Um den kühnen Kämpen zu lösen und zugleich die 
Gegner zu trennen', entliefs der Kaiser Ludwig von Thü- 
ringen, Burggraf Burchard von Meilsen und Wiprecht von 
Groitsch aus der Gefangenschaft, die Geiseln stellten und 
sich hinfort vom Kampfe fern hielten. Auch die übrigen 
gaben ihren bewaffneten Widerstand auf; nur der Bischof 
von Halberstadt war noch mit dem Erzbischof Adalbert 
von Mainz im gegnerischen Lager. Der Erzbischof entsetzte 
den kaiserlich gesinnten Abt Burchard vom S. Peterskloster 
zu Erfurt und führte einen Mönch Ruprecht daselbst ein. 

Dagegen starb am 9. Dezember 1117 mit der Mark- 
gräfin Gertrud, der Schwiegermutter Herzog Lothars, eine 

11* 



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164 



Fünfter Abschnitt. 



der entschiedensten Gegnerinnen des Kaisers. Ihr Sohn 
Heinrich, der von Konrad von Wettin im Besitze der Mark 
Meifsen bedroht wurde, lehnte sich an den Kaiser an, so 
dafs wenigstens die Ostmark und Lausitz dem jungen Hein- 
rich erhalten blieben. Konrad fiel den Kaiserlichen in die 
Hände und wurde auf Schlofs Kirchberg bei Jena in strenger 
Halt gehalten. Durch diese Bevorzugung Heinrichs verletzt, 
zog sich der tapfere Vorkämpfer des Kaisers Hermann von 
Winzenburg von diesem zurück und trat auf die Seite 
Lothars. Wie es mit der Ordnung und den Zuständen im 
Lande bei solchen unablässigen Kämpfen und Parteiwechsel 
aussehen mufste, ist leicht zu ermessen. 

Immer aber suchte man, trotz Bann und Interdict, im 
Kaiser wieder den natürlichen Schutz, und am 20. Januar 
1120 sehen wir Herzog Lothar, Rudolf, den Oheim des 
Markgrafen von der Nordmark und Wiprecht von Groitsch 
in Goslar über den Frieden in Sachsen verhandeln. Nur 
Bischof Reinhard von Halberstadt schien im schroffen 
Gegensatz zum Reichsoberhaupt zu verharren. In Magde- 
burg, wo am 12. Juni 1119 Erzbischof Adelgot gestorben 
war, folgte in Ruodger wieder ein Verwandter Wiprechts 
von Groitsch, des Burggrafen. Er ebenso, wie Erzbischof 
Adalbert von Mainz, hielten zum gregorianischen Papst 
Calixt; der Bischof von Merseburg stand aber fest auf 
der Seite des Kaisers. Trotzdem nun aber die entschiedene 
Mehrheit im Lande zum Widerpart des Kaisers hielt, so 
gab man doch den offenen Widerstand auf und suchte end- 
lich den lange entbehrten Frieden herzustellen. 

Dieses Friedensverlangen offenbarte sich besonders im 
Sommer 1121, als Erzbischof Adalbert von Mainz mit be- 
waffneter Macht aus Thüringen nach Mainz zog, um den 
Kaiser an der Eroberung dieser seiner erzbischöflichen Resi- 
denz zu verhindern. Als ein neuer Bürgerkrieg auszubrechen 
drohte, kam man durch Friedensverhandlungen zuvor. Von 
je 12 Fürsten von beiden Seiten sollten die Bedingungen 
vereinbart und diese auf einem Reichstage zu Würzburg be- 
stätigt werden. Mit Not wurde die Vereitelung des Friedens- 
werkes verhütet. 

Unter diesen unaufhörlichen Wirren war die Zersetzung 
der alten Reichsordnungen zu einem gewissen Abschlüsse 
gekommen. Diese beruhten besonders auf den Grafschaften 
und dem gräflichen Richteramt. Die Grafschaften waren 
aber zum grofsen Teil an Bistümer und Reichsabteien ge- 
schenkt und gingen von den geistlichen Fürsten zu Lehen. 
Fast nirgends bestanden die Grafschaften noch in ihren 



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Veränderte Bedeut. der Grafschaften u. des Herzogt. Sachsen. 165 

alten Grenzen , sondern waren durch Schenkungen und 
Immunitäten zersetzt Der Graf wurde hinfort nicht mehr 
nach dem alten Gau, sondern nach seiner Burg, seinem 
Herrschaftssitze, bezeichnet, so die Grafen zu Mansfeld, 
Beichlingen, Gleichen, Wernigerode und viele andere. Bei 
dem häufigen Partei- und Herrschaftswechsel mufste auch 
vielfach ' Erbgut und Lehen zusammengeworfen werden. Die 
Bezeichnung Graf hört auf Amtsbezeichnung zu sein und 
wird ein Standestitel, daher auch bald die jüngeren Söhne so 
bezeichnet wurden. 

Das sächsische Herzogtum begann bei uns eine andere 
Bedeutung zu gewinnen.. Schon das alte billungische 
Herzogtum zur Ottonenzeit hatte sich fast nur auf das 
nördliche Sachsen und die gegenüberliegende Slavenmark 
erstreckt. Seit aber Lothar an ihre Stelle getreten war und 
die Hinterlassenschaft Ottos von Nordheim und Ekberts an- 
getreten hatte, gewann diese Würde und speziell in den 
heute in unserer Provinz zusammengefafsten Gebieten eine 
erhöhte Bedeutung, die, zumal seit Lothar die Königs- 
krone erlangt hatte, der der Ottonen ähnlich war. Kaiser 
Heinrich lernte diese Macht kennen. Im Jahre 1122 nahm 
Lothar sich des aufsässigen Ministerialen Friedrich zu Stade 
gegen Markgraf Heinrich von der Nordmark an. Der Mark- 
graf und sein Oheim Rudolf traten ihm zwar entgegen, doch 
setzte nach dem am 6. Dezember 1124 erfolgten Ableben 
des letzteren Lothar Friedrich wieder in Besitz seiner Graf- 
schaft. Als im Jahre 1122 die halberstädtischen Vasallen 
die aus Ekberts Erbschaft stammende, von Lothar zerstörte 
Heimburg wieder herstellten, zog Lothar gegen sie. Aber 
Bischof Reinhard, Markgraf Heinrich von der Nordmark, 
Rudolf von Stade, auch Ludwig von Thüringen, sowie 
Lothars eigener Schwager, Markgraf Heinrich von Meifsen, 
standen im Bunde gegen ihn zusammen. Zur Vermeidung 
des Blutvergiefsens vermittelte Erzbischof Adalbert ; die Heim- 
burg wurde aber zerstört. 

Gegen das Ende von Kaiser Heinrichs Regierungszeit 
traten wieder durch das Ableben verschiedener geistlicher 
und weltlicher Würdenträger wichtige Veränderungen in 
unserm Sachsen - Thüringen und den zugehörigen Marken 
ein. Des Todes Rudolfs von der Nordmark wurde schon 
gedacht. Am 2. März 1123 starb mit Bischof Reinhard 
von Halberstadt ein eifriger Widersacher des Kaisers. Sein 
Nachfolger, der Magdeburger Domherr Otto, wurde von der- 
selben Partei unter dem Einflufse Lothars und des Magde- 
burger Burggrafen Wiprecht von Groitsch gewählt. Erz- 



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166 



Fünfter Abschnitt. 



bischof Ruodger von Magdeburg weihte ihn und übergab 
ihm Ring und Stab. Da dies als ein Eingriff in die Rechte 
Erzbischof Adalberts von Mainz angesehen werden mufste, 
so wandte sich Ruodger wegen der Sicherung der Wahl an 
den Kaiser. Nicht lange nach Bischof Reinhard starb auch 
der ältere Graf Ludwig von Thüringen, der Salier genannt, 
desgleichen Markgraf Heinrich von der Ostmark und Meifsen. 
Ludwigs Besitz und Herrschaft wurde zwischen seine beiden 
Sohne Ludwig und Heinrich Raspe geteilt, die ihre Stellung 
gegen das Herzogtum Lothars wie gegen Mainz entschieden 
behaupteten. Nur zu ihren Gunsten schlug es aus, dals 
Erzbischof Adalbert nochmals sein Gelüsten nach dem 
thüringischen Zehnten durchzusetzen suchte. Abermals 
traten die Thüringer auf ihrer schon genannten Dingstätte, 
der Treteburg bei Gebesee, zusammen. Zwanzigtausend 
Mann stark belagerten sie den Erzbischof. Heinrich Raspe 
hatte die Führung des Volkes übernommen. Der Erz- 
bischof mufste von seiner Forderung abstehen, auch in 
seinem Handel mit dem S. Peterskloster zu Erfurt, dem er 
seine Güter hatte verkürzen wollen, damit nicht ein Abt 
mehr als ein Erzbischof habe. 

Nach dem, wie angenommen wurde, gewaltsamen Tode 
des jungen Markgrafen Heinrich vermehrten dessen Erb- 
güter die Besitzungen des schon reich begüterten Herzogs 
Lothar. Die Marken wurden so geteilt, dafs dem mit dem 
Kaiser ausgesöhnten Wiprecht dem Alteren von Groitsch 
gegen Zahlung von zweitausend Pfund Silbers die Ostmark 
und Lausitz eingeräumt wurde, während die Mark Meifsen 
der gleichnamige Sohn Hermanns von Winzenburg erhielt, 
und zwar, seiner Jugend wegen, unter der Aufsicht Wi- 
prechts. Stützten sich diese neu eingesetzten Markgrafen 
und der zur Zeit isolierte Erzbischof von Mainz auf den 
Kaiser, so wuchs demselben aus seinen Anordnungen von 
anderer Seite ein starker Widerstand, besonders vonseiten 
Lothars. Der aus seiner Haft befreite Wettiner Konrad 
suchte bei Lothar Hilfe gegen den Winzenburger, um die 
von ihm in Anspruch genommene Mark Meifsen zu ge- 
winnen, und gelangte durch ihn wirklich in den Besitz der- 
selben. Die Ostmark aber übergab Lothar, der schon wie 
ein König schaltete, auf einem Tage zu Eilenburg dem zu 
ihm übergetretenen Grafen Otto von Ballenstädt, der weib- 
licherseits von jenem Hodo abstammte, der schon zu 
ottonischer Zeit die Mark rühmlich verwaltet hatte. Lothar 
behauptete sich gegen Wiprecht und gegen den ihm bei- 
stehenden Herzog Wladislav von Böhmen und Erzbischof 



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Herzog Lothar in Sachsen u. Thüringen übermächtig. 167 

Adalbert von Mainz. Nochmals haben wir die in unserer 
Geschichte wiederholt vorgekommene alte Lausitzerfeste 
Lebuse bei Schlieben zu nennen, wo der Vasall des Kaisers, 
Heinrich mit dem Haupte, von Herzog Lothar belagert und 
zur Stellung seines Sohnes als Geisel genötigt wurde. Der 
alte Wiprecht von Groitsch zog sich nach Kloster Pegau 
zurück, wo er am 22. Mai 1124 starb. Den Kampf um 
die Ostmark und Lausitz setzte Wiprechts Sohn Heinrich, 
der auch des Vaters magdeburgische Burggrafenwürde über- 
kam, fort. Während Wiprecht so mit dem Askanier oder 
Ballenstädter kämpfte, rang Hermann von Winzenburg um 
die meifsnische Mark mit Konrad von Wettin. Der Kaiser 
vermochte nicht den von ihm belehnten Markgrafen wider 
ihre Gegner Hilfe zu leisten. Zwar schwuren im Mai 1124 
auf einem Tage zu Bamberg die versammelten Fürsten 
wider den vergeblich zum 25. Juli vorgeladenen Lothar 
und dessen Bundesgenossen zu ziehen, aber den Kaiser 
zogen andere Angelegenheiten von dem Zuge ab. Lothar 
Aber zog anfangs 1125 über die Elbe gegen die Wenden, 
allerdings ohne sonderlichen Erfolg. Eine ganz andere Lage 
erhielten die Dinge, als am 23. Mai jenes Jahres, fern von 
Sachsen-Thüringen, in den Niederlanden der Tod dem Leben 
des Kaisers ein .Ziel setzte. 



Sechster Abschnitt. 

Von Lothar dem Sachsen bis zum Zwischenreich. 

Als am 30. August 1125 durch eine etwas stürmische 
W f ahl zu Mainz in dem Herzoge Lothar der Mann zum 
deutschen Könige gekoren war, der der Herstellung des 
königlichen Ansehens in Sachsen am nachhaltigsten wider- 
strebt hatte, da schien nicht nur dieser Kampf ein Ende zu 
finden, sondern man konnte auch hoffen, dafs für Sachsen- 
Thüringen die Tage der Ottonen wiederkehren würden. 
Denn wieder trug des Reiches Krone ein mit hohen Re- 
genten- und Kriegertugenden ausgestatteter Mann, der gleich 



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168 



Sechster Abschnitt. 



jenen Königen aus des ersten Heinrichs Stamm in den 
sächsisch -thüringischen Gegenden seine Stammheimat und 
reichen Besitzungen, dazu das sächsische Herzogtum inne 
hatte. Wirklich strebte Lothar den Ottonen nach und hielt 
vorzugsweise in Sachsen — allerdings unter einer ge- 
wissen Bevorzugung Goslars, seine Hoftage und geistlichen 
Festfeiern. 

Ein Zug, den der neue König im Januar 1126 mit 
gegen 30U0 meist sächsischen und thüringischen Rittern 
gegen Böhmen unternahm, hatte ftir unsere thüringischen 
Marken insofern eine nähere Bedeutung, als der König durch 
Besiegung der Böhmen den von Heinrich V. eingesetzten 
Markgraten Hermann von Winzenburg und Heinrich von 
Groitsch, einem Verwandten des Böhraenherzogs, ihren Rück- 
halt entziehen wollte. Aber bei Kulm wurden Sachsen und 
Thüringer von der sechs- bis siebenfachen Übermacht ein- 
geschlossen und nach heldenmütigem Widerstand waren 
über fünfhundert der Edeln unseres Landes dahingestreckt, 
darunter Graf Gebhard von Querfurt, Walter von Arnstedt, 
Milo von Ammensieben. Unter den Gefangenen waren 
Markgraf Albrecht von Ballenstädt und Graf Ludwig von 
Lohra. So war denn das Osterfest, das König Lothar am 
11. April 1126 mit den übriggebliebenen zu Magdeburg 
feierte, ein trauriges. Trotz dieses Sieges traf der Böhmen- 
herzog mit König Lothar ein billiges Abkommen und er- 
schien sogar mit stattlichem Gefolge zu Merseburg, wo der 
König Pfingsten feierte. Ein Jahr später wurde ebendaselbst 
das hohe Fest vom Könige begangen und von hier aus 
Lothars kaum zwölfjährige Tochter Gertrud dem jungen 
Herzoge Heinrich dem Stolzen als Gemahlin zugeführt. I)er 
Erbe der so bedeutend vermehrten weifischen Macht sollte 
für unsere Städte und Landschaften eine traurige Bedeutung 
durch Krieg, Brand und Verheerung gewinnen. Wieder 
sah Merseburg den König zu Ostern 1128 in seinen Thoren, 
auch abermals den Böhmenherzog. Pfingsten (2. Juni) des 
nächsten Jahres half Lothar zu Quedlinburg die Einweihung 
der Servatiuskirche verherrlichen. 

Da der Böhmenherzog als Sieger sich dem deutschen 
Könige so entgegenkommend gezeigt hatte, so mufste dieser 
auch den Ansprüchen seiner Verwandten und Schützlinge 
Heinrich von Groitsch und Hermann von Winzenburg ge- 
recht werden. Da Konrad von Wettin mit den von Groitsch 
verwandt war, so wurde die vorgenommene Teilung der 
meifsnischen Mark erleichtert. Hermann von Winzenburg 
erhielt neben seinem Anteile an Meifsen die Würde eines 



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Niederlage bei Kulm 112G. Albrceht von Ballenstädt. 16 ( .> 



Landgrafen von Thüringen, eine neue Benennung für eine 
faktisch schon länger vorhandene Gewalt. 

Albrecht von Ballenstädt behauptete sich zunächst noch 
in der Ostmark und Lausitz, bis ihn sein Streben nach 
Machterweiterung in einen gefährlichen Kampf mit dem 
König führte. Am 4. Dezember 1128 war nach dem 
kinderlosen Tode Heinrichs von Stade die Nordmark an 
des Verstorbenen nächsten Verwandten Udo von Freckleben, 
den Sohn jenes Rudolf, zu Lehen gegeben worden, der 
schon einmal die Mark verwaltet hatte. Albrecht, der sich 
selbst Hoffnung auf des ihm verwandten Heinrichs Nach- 
folge gemacht hatte, bekriegte nun Udo und dessen Bundes- 
genossen Heinrich von Groitsch, Burggrafen von Magde- 
burg. Er fiel über die Hildagesburg bei Wolmirstädt, dann 
über Burg Gundersleben bei Wegeleben her und in einem 
Treffen bei Aschersleben fand am 15. März 1130 Udo 
seinen Tod; ein Teil seiner Leute wurde von Albrechts 
Mannschaft gefangen. Nur mit Mühe vermochte Burggraf 
Heinrich einen von Albrecht in Magdeburg erregten Auf- 
stand zu dämpfen. Dennoch kam die Altmark nicht an 
den Friedensbrechcr Albrecht, sondern an den ritterlichen 
Konrad von Plötzke, dessen Vater Helferich unter König 
Heinrich V. schon einmal die Nord mark verwaltet hatte. 
Die Ostmark wurde erst ein Jahr später, Ende März 1131, 
dem Ballenstädter abgesprochen und Heinrich von Groitsch 
zu Lehen gegeben. 

Wohl auf des letzteren Veranlassung war es geschehen, 
dafs Bürger von Halle Albrechts Mutter mit ihrem Gefolge 
überfallen, sie in grofse Lebensgefahr gebracht und dabei 
Konrad von Eickstädt, einen Verwandten Albrechts, und 
andere getödtet hatten. Auf einem Fürstentage zu Quedlin- 
burg, Pfingsten (18. Mai) 1130, wurde von Lothar über die 
Bürger von Halle mit zeitüblicher Härte Gerieht gehalten. 
Die Stadt wurde in die Acht erklärt, eine Anzahl Bürger 
getötet, andere geblendet und verstümmelt. Was von den 
übrigen nicht floh, wurde zu einer schweren Geldbufse 
herangezogen. Jene Mutter Eilika schien als Erbteil des 
billungischen Geschlechts die Ehrsucht und Ländergier auf 
den sonst so verdienten und später so besonnen auftretenden 
Sohn Albrecht vererbt zu haben. Noch in späteren Lebens- 
jahren suchte sie mit männischem Sinne ihre zwischen Saale 
und Unstrut im Hassegau gelegenen Erbgüter zu mehren. 
Als im Jahre 1130 Heimich Raspe, der Sohn Graf Lud- 
wigs von Thüringen und Bannerträger des Königs, meuch- 
lings ermordet worden war, ohne dafs der Thäter entdeckt 



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170 



Sechster Abschnitt. 



und bestraft worden wäre, fiel zwar das Erbgut auf den 
Bruder des Erschlagenen, Ludwig; die Vogtei über Goseck 
aber eignete Eilika sich zu, die sich eben in dem be- 
nachbarten Werben (Burgwerben) eine feste Burg erbaut 
hatte. 

Zeigen schon die letzterwähnten Ereignisse, wie schlimm 
£s mit dem Landfrieden in Sachsen-Thüringen bestellt war, 
so haben wir aus derselben Zeit noch von einer andern 
Gewaltthat unter den Grofsen des Landes zu melden. Land- 
graf Hermann von Meifsen und Thüringen, der Winzen- 
burger, erschlug nämlich einen Vertrauten des Königs, 
Burchard von Lokkum. Wegen dieses Verbrechens wurde 
Hermann in die Reichsacht erklärt und seiner Güter und 
Würden entsetzt. Besonders wichtig war es, dafs von nun 
an die Mark Meilsen unverkürzt in den Händen Konrads 
von Wettin blieb, während die Landgrafschaft von Thüringen 
auf den Grafen Ludwig von Thüringen überging und hin- 
fort bei seinen Nachfolgern verbüeb. Da jene königlichen 
Verleihungen, wenn auch materiell nicht allzu erheblich, 
doch in der Machtentwickelung der für unsere Provinzial- 
geschichte so wichtigen Geschlechter des wettinischen und 
des älteren thüringischen Landgrafenhauses einen merk- 
würdigen Abschnitt bilden, so scheint es wohl am Orte, einige 
Andeutungen über Herkunft und früheste Geschicke beider 
Häuser hier kurz zusammenzustellen. 

Das nach dem im 11. Jahrhundert erworbenen Wettin 
an der Saale nordwestlich von Halle benannte Geschlecht 
leitet, wie wir bereits bemerkten, seine Herkunft aus der 
Gegend des südlichen Schwabengaues zwischen Eine, Wipper 
und Unterharz her, erwarb dann früh, schon im 10. Jahr- 
hundert Grafschaften in den germanisierten Slavengauen 
Neletizi und Siusili. Wohl das älteste nachweisbare Glied 
des Hauses ist der 919 lebende Thiadmar und der 957 ver- 
storbene Graf Dedo, dessen Sohn Dietrich (f 13. Juli 982) 
vom Stamm Buzizi genannt wird. Von seinen Söhnen Dedo 
und Friedrich erhielt der erstere von König Otto III. im 
nördlichen Teil des Hassegaues die Grafschaft und fiel 1009 
gegen Werner von Walbeck. Sein zweiter im Jahre 1017 
das Zeitliche segnender Sohn, Friedrich von Eilenburg ge- 
nannt, hinterliefs diesen Familienbesitz an Dedos Sohn Diet- 
rich, der auch die Niederlausitz erwarb. 

Dedos II. Sohn Heinrich, nach seinem Stammsitz Eilen- 
burg benannt, wurde im Jahre 1088 nach Achtung des auf- 
ständischen Markgrafen Ekbert II. mit der Mark Meifsen be- 
liehen. MitEkberts Schwester Gertrud, die auch, wie wir sahen, 



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Die Wettiner. Konrad der Fromme. 



171 



nach seinem 1103 erfolgten Tode die Ostmark samt der 
Mark Meifsen für ihren Sohn Heinrich II. gegen die An- 
sprüche der Vettern behauptete, erheiratete er die bedeuten- 
den nordheimischen Güter. Als mit Heinrichs II. von Eilen- 
burg Tode 1123 die Mark Meifsen und Ostmark erledigt 
wurde, sahen wir dessen Vetter Konrad, Sohn Thimos von 
Wettin und Brena, vom Herzog Lothar, gegenüber dem 
vom Kaiser belehnten Hermann von Winzenburg, als Mark- 
grafen von Meifsen aufgestellt. Konrad, der nach dem am 
30. Dezember 1135 erfolgten Ableben seines Vetters Hein- 
rich von Groitsch, Burggrafen von Magdeburg, auch 1136 
in dessen Allodien und als Markgraf der Lausitz folgte, war 
als ein friedsamer, treu seines Regenten- und Reichsamts 
waltender Herr ein Hauptbegründer des wettinischen Hauses, 
doch stimmt zu seinem Thun und Wesen mehr der Zuname 
des Frommen, als der des Grofsen, den man ihm oft bei- 
gelegt hat. Als ein Vermächtnis seines schon im Jahre 
1124 verstorbenen Bruders Dedo betrachtete er den Ausbau 
des von diesem begründeten Familienstifts der Augustiner- 
Chorherren auf dem Petersberge bei Halle. Im November 
1156 zog er sich dorthin zurück. In einer feierlichen Ver- 
sammlung vor den Stiftsherren , seinen Söhnen, vor Mark- 
graf Albrecht von Brandenburg, dessen Söhnen und der 
Lehnsmannen, und bestärkt durch seinen Verwandten, Erz- 
bischof Wichmann, eröffnete er seinen Entschlufs und über- 
trug seinem Sohne Otto die Mark Meifsen, Dietrich (f am 
9. Februar 1185 auf dem Petersberge) die Ostmark (Mark 
Landsberg, Eilenburg und Lausitz), Heinrich die ange- 
stammte Grafschaft Wettin, Dedo die erst 1143 vom Kaiser 
Konrad III. erhaltene Grafschaft Rochlitz, Friedrich Brena. 
Dedo fiel 1185 nach seines Bruders Dietrich Ableben auch 
die Grafschaft Eilenburg und die Mark Landsberg zu. Der 
älteste des Hauses sollte jedesmal Schirmvogt des Familien- 
klosters sein und dessen Vogtei an keinen andern verafter- 
lehnt werden. Auch sollte das Kloster das allgemeine Erb- 
begräbnis des Hauses Wettin werden. Wenige Monate nach 
dieser feierlichen Handlung starb Konrad am 5. Februar 1157, 
58 Jahre alt. 

Sehen wir hier das würdige Haupt der Wettiner in der 
Vollgewalt eines Landesherrn nicht nur mit dem ererbten 
Eigen, sondern auch, ohne Kaiser und Reich zu fragen, 
über alle Reichslehen verfügen und sie zum übeln Beispiel 
für andere Fürsten und Nachfolger unter seine Söhne ver- 
teilen, so wird auch das ältere thüringische Landgrafen- 
geßclilecht durch den ersten Erwerber jener Würde auf eine 



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172 



Sechster Abschnitt. 



höhere Stufe des Ansehens und der Selbständigkeit erhoben. 
Die ältesten Nachrichten über diese Familie sind dunkel. 
Sie fuhren auf einen am Thüringer wald und a. d. Unstrut 
angesessenen Grafen Ludwig mit dem Barte in der ersten 
Hälfte des 11. Jahrhunderts zurück. Wahrscheinlich thü- 
ringischer (nach der Reinhardsbrunner Uberlieferung aber 
rheinfränkisch-salischer) Abkunft gewann er mit seiner Ge- 
mahlin Cäcilie von Sangerhausen, die auch einem edeln 
thüringisch - südharzischen Geschlechte angehörte , reichen 
Allodialbesitz. Nach seinem Tode im Jahre 1056 folgte 
ihm Ludwig der Salier oder Springer 1056 — 1123, bekannt 
aus den unruhigen Zeiten der letzten salischen Kaiser und 
als wahrscheinlicher Urheber des Mordes Pfalzgraf Fried- 
richs von Goseck 1083. Die Sage, dafs er von einem 
Sprunge von seinem Haftorte, dem Giebichenstein , den 
Namen des Saliers erhalten habe, könnte aus einer Ver- 
wechselung mit der salisch-fränkischen Herkunftsbezeichnung 
des Geschlechts entstanden sein. Des Saliers ältestem Sohne, 
Landgraf Ludwig I. von Thüringen (f 12. Januar 1140) 
fielen, wie wir erwähnten, im Jahre 1130 auch die an- 
sehnlichen Besitzungen seines erschlagenen Bruders Heinrich 
zu. Und da im Jahre 1137 auch das aus bedeutenden 
Teilen Ober- und Niederhessens bestehende Erbe Graf 
Gisos von Gudensberg an ihn gelangte, so nahm er eine 
Stelle im Reiche ein, die der der Wettiner zwar nicht gleich, 
aber doch ähnlich war. 

Kamen so unter Lothars Regierung zwei Fürstenhäuser 
mächtig empor, deren Geschlecht dauernde, bei den Wettinern 
bis zur Gegenwart bestehende Territorialbildungen begrün- 
deten, so nahm in der Mitte von beiden das Erzbistum 
Magdeburg einen Aufschwung, der allerdings seines geist- 
lichen Charakters wegen zunächst nicht der Entwickelung 
eines besonderen Fürstentums, sondern den allgemeinen Inter- 
essen des Reichs und der Kirche dienen sollte. Dieser Auf- 
schwung wurde herbeigeführt durch die bedeutende Persön- 
lichkeit Norberts von Xanten (Santen), eines geborenen Grafen 
von Gennep a. d. Maas, des berühmten Stifters des Chor- 
herrenordens der Prämonstratenser oder Norbertiner. Als näm- 
lich am 19. Dezember 1125 Erzbischof Ruotger von Magde- 
burg gestorben war, wurde zuerst ein Vetter des Königs, 
Konrad von Querfurt, diesem von den zu Speier erschienenen 
Wählern vorgestellt. Da aber anfangs 1126 Norbert nach 
Rom gegangen war, so war der Papst auf ihn aufmerksam 
geworden, und als nun der päpstliche Legat den König auf 
diesen, der selbst in Speier anwesend war, aufmerksam 



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Das ältere thür. Laudgrafenhaus. Erzb. Norbert von Magdeb. 178 

machte, war Lothar ganz von seiner Erscheinung einge- 
nommen und erteilte ihm sofort die Regalien. Die Wahl 
erfolgte. Als Norbert am 18. Juli barfufs in Magdeburg 
einzog, soll der Hüter des erzbischöflichen Palastes ihn nicht 
haben einlassen wollen. Aber trotz seiner Demut trat Nor- 
bert sehr energisch auf, betrieb mit allem Eifer die Bei- 
treibung der entwendeten Kirchengüter, führte strenge Zucht 
in Klöstern und Stiftern ein, verwandelte das herunterge- 
kommene Kloster Unser Lieben Frauen in ein Prämonstratenser- 
stift und führte verschiedene Bauten aus. Uberhaupt be- 
förderte er die Ausbreitung des Prämonstratenserordens nach 
Möglichkeit. Wegen seiner Strenge kam er aber in Magde- 
burg und Halle mit Geistlichen und Bürgern in Konflikt. 
In Magdeburg mufste ihm der Burggraf Heinrich von 
Groitsch durch Stiftung eines Vergleichs zuhilfe kommen. 
Dennoch erwarb er sich bald Anerkennung und Verehrung, 
doch setzte schon am 6. Juni 1134 der Tod seinem uner- 
müdlichen Schaffen ein Ziel. Seine irdischen Reste wurden 
in der von ihm neu eingerichteten Marien- oder Unser 
Lieben Frauen-Kirche beigesetzt. An entschiedenen Schwächen 
fehlte es dem feuereifrigen Manne, den der Papst später 
heilig sprach, keineswegs. Dazu gehörte sein grofser Ehr- 
geiz und die Eifersucht auf seinen kirchlichen Ruhm. Das 
trat besonders in seinem Benehmen gegen Bischof Otto von 
Bamberg hervor. Dieser edle und milde Apostel der 
Pommern berührte bei seiner zweiten Missionsreise im Jahre 
1127 auch Magdeburg. Nachdem er am Ostermontag die 
Kirche zu Reinsdorf an der Unstrut geweiht und Vorräte, 
die er auf den bambergischen Besitzungen zu Scheidungen 
und Mücheln gesammelt hatte, die Elbe hinab nach Magde- 
burg hatte verschiffen lassen, ging er in letzterer Stadt zu 
Norbert, als dem Diöcesan der ostelbischen Kirchenprovinz. 
Aber der Erzbischof zeigte sich keineswegs erfreut über 
des greisen Bischofs opferfreudiges Unternehmen, sondern 
wollte an der Mission in seinem Sprengel, den es ihm durch 
päpstliche Gunstbriefe wieder bis über Pommern und Polen 
auszudehnen gelang, keinen fremden Bischof Erfolge davon 
tragen sehen. Otto wies mit zartester Rücksichtnahme die 
Havelberger an den Erzbischof und suchte demselben alle 
mögliche Ehre zu erweisen. Für die eigentliche Mission 
des überelbischen Landes eignete sich Norberts starres Wesen 
nicht. Seine Wirksamkeit erstreckte sich zunächst auf die 
Deutschen, auf die Wenden nur mittelbar durch die Klöster 
seines Ordens und seine Schüler. Dazu kam eine Unter- 
stützung durch den weltlichen Arm des Mannes, der der 



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174 



Sechster Abschnitt. 



eigentliche Begründer der dritten bedeutenden Territorial- 
macht und des dritten hervorragenden Fürstenhauses wurde, 
das, von unseren deutschen Stammgrenzen ausgehend, unter 
Kaiser Lothar erhöht und auf einen für seine Macht- 
entfaltung günstigen Boden gestellt wurde. Der Begründer 
dieser Macht ist der von uns schon mehrfach genannte 
Albrecht von Ballenstädt, Aschersleben oder Ascharien 
(Askanien), schon bei seinen Zeitgenossen und viel all- 
gemeiner bei der Nachwelt bekannt unter dem Zunamen 
der Bär. 

In demselben Schwabengau, aus welchem die urkund- 
liche Forschung den Ursprung des später nach der Burg 
Wettin genannten Geschlechts herleitet, lagen die Stamm- 
güter und der früheste bekannte Amtsbezirk der Voreltern 
Albrechts, die man nach ihren Stammschlössern bald As- 
kanier, Ballenstädter oder Anhaltiner, bald nach der von 
ihnen verwalteten Grafschaft Ascharien oder Aschersleben 
benennt Das Reichsfahnlehen dieser Grafschaft gehörte zu 
den frühesten von Geschlecht zu Geschlecht verwalteten 
Besitzungen des Hauses. Ihm verdankt es seine hervor- 
ragende Stellung. Als Hauptort und Mittelpunkt dieses früh 
erblich gewordenen Bezirks tritt mit dem zwölften Jahr- 
hundert die Stadt Aschersleben hervor. Hier, an der ur- 
alten Dingstätte des Schwabengaues, fanden die Gerichts- 
versammlungen für einen angesehenen Bezirk (placita 
provincialia) statt, und der Graf hegte hier namens des 
Königs das Gericht. Uber der Stadt auf mäfsiger Höhe er- 
hob sich in sehr früher Zeit die Stammburg Askanien. 

Als nun im Jahre 1131 Albrecht um seines Friedens- 
bruchs willen die Ostmark abgesprochen war, blieb ihm 
doch diese Grafschaft. Bald wufste er sich auch die Gunst 
des Königs, der übrigens zu Anfang 1131 und im Früh- 
jahr 1132 in unseren Gegenden weilte und verschiedene 
Hoftage hielt, wieder zu gewinnen. Im letzteren Jahre war 
er mit Erzbischof Norbert, Bischof Otto von Halberstadt, 
Anselm von Havelberg, Markgraf Konrad von Plötzke auf 
dem Römerzuge, auch am 4. Juni 1133 bei Lothars Kaiser- 
krönung. 

Wahrscheinlich war es schon auf dieser Fahrt, dafs der 
Kaiser ihm die für die Zukunft überaus folgenreiche Be- 
gabung mit einem Reichslehen zudachte, die im nächsten 
Jahre zur That wurde. Auf der Romfahrt war nämlich 
der ritterliche Konrad von Plötzke meuchlings ermordet 
worden und dadurch die von ihm nur kurze Zeit ver- 
waltete Nordmark wieder erledigt. Schon im Winter 1133/34 



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Albrecht von Ascharien mit der Nordmark belehnt 1134. 175- 



kehrte Lothar in unsere Gegend, seine Heimat, zurück, die 
sich einige Jahre im Glanz seines Kuhmes, im Glücke des 
Friedens sonnen sollte, ein Glück, das seit nur zu langer 
Zeit nicht mehr erlebt war. Am 15. April feierte Lothar 
in der Herrlichkeit ottonischer Zeiten das Osterfest in 
Halberstadt. Hier entschied der Kaiser die dänischen Thron- 
streitigkeiten. Hier unterwarf sich ihm der Däne Magnus 
und brachte reiche Geschenke. Im königlichen Schmuck 
trägt er des Kaisers Schwert in der Osterprozession vor in 
Gegenwart des Erzbischofs von Bremen. Die für unsere 
Provinzialgeschichte folgenreichste Handlung auf diesem 
Reichstage war aber die Belehnung Albrechts von Ascharien 
oder Aschersleben mit der Nordmark, der Mark Nord- 
sachsen. 

Nur auf kurze Zeit sollte er in diesem Besitz und mit 
ihm unsere Lande sich des Friedens freuen. Zu Pfingsten 
sah wieder mit den anderen sächsisch-thüringischen Fürsten 
auch Heinrich dem Stolzen von Bayern, Erzbischof Adalbert 
von Mainz, Merseburg den friedenstiftenden Kaiser; in den 
ersten Monaten des nächsten Jahres erschien er wieder im 
Lande und am 17. März wurde zu Bernburg der zehn- 
jährige Friede verkündigt, den Lothar dann in der Oster- 
versammlung (7. April) zu Quedlinburg und einer noch 
glänzenderen Pfingstfeier in Magdeburg (26. Mai) persönlich 
in Sachsen einführte. Erst beeidigten die Fürsten, dann 
das Volk das ersehnte Friedenswerk. 

Zu Magdeburg sah man den Kaiser auch wieder als den 
Schiedsrichter der Nachbarvölker. Hier erschienen der 
Böhmenherzog und Gesandte des Polenherzogs Boleslav, der 
Dänen und der Wenden. Noch mehr erinnerte in dem 
Friedensjahrc 1135 um Maria Himmelfahrt (15. Aug.) der 
Reichstag zu Merseburg an die glorreichsten Tage der alten 
Kaiser vom sächsischen Stamme. Wieder huldigte hier der 
Böhmenherzog, erschienen Gesandte des Ungarnkönigs, ge- ¥ 
lobte Boleslav die regeimäfsige Zahlung des schuldigen 
Tributs und nahm sein Reich vom Kaiser zu Lehen. Auch 
trug er wieder, wie einst an derselben Stelle sein grofser 
Ahn Boleslav Chrobry, dem Kaiser bei dem feierlichen 
Kirchgang das Schwert vor. Selbst vom Kaiser zu Byzanz 
und dem Dogen von Venedig waren Gesandte mit Ge- 
schenken erschienen, um Lothars Hilfe gegen Roger von 
Sicilien zu erbitten. Dem Polenherzog bereitete der Kaiser 
nachher in Magdeburg einen sehr feierlichen Empfang. Dort 
war in einem Verwandten des Kaisers Konrad von Quer- 
furt auf Norbert ein sehr kriegerischer Erzbischof gefolgt. 



uigmze 



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Sechster Abschoitt. 



Auf einem Hoftage zu Mühlhausen unterwarf sich auch 
Lothars Gegenkönig Friedrich, den dieser nach gänzlicher 
Aussöhnung zu seinem Bannerträger erhob. 

Im Jahre 1136 sollte Markgraf Albrecht seinem auf der 
höchsten Höhe des Glücks stehenden Kaiser auf dem letzten 
Kriegszuge folgen. Das Pfingstfest (10. Mai) war wieder 
zu Merseburg gefeiert und hier der Zug gen Roger von 
SicÜien beschlossen, auf welchem auch Erzbischof Konrad 
von Magdeburg, Bischof Udo von Naumburg, Bischof Mein- 
got von Merseburg, Anselm von Havelberg, Markgraf 
Konrad von Meifsen und Landgraf Ludwig von Thüringen 
dem Kaiser folgten. 

Für Albrecht den Bären und sein Geschlecht eröffnete 
sich um diese Zeit eine Hoffnung, die zwar erst nach einer 
Reihe von Jahren sich erfüllte, aber sein Thun und Streben 
schon in den letzten Jahren Kaiser Lothars bestimmte. In 
der alten Hevellerstadt Brandenburg hatte nämlich Albrecht 
das christenfreundliche Fürstenpaar Pribislav und Petrussa 
so lür sich gewonnen, dafs sie, ohne Hoffnung auf Leibes- 
erben, den Markgrafen der Nordmark zu ihrem Erben ein- 
setzten. Wenn sich Albrecht vereinzelt schon seit 1136 
Markgraf von Brandenburg nennt, so ist anzunehmen, dafs 
ihm die Herrschaft schon zugesichert war. Seit dieser Zeit 
tritt auch in merkwürdiger Weise ein auf Handel und Ver- 
kehr und die Werke des Friedens gerichtetes landesväter- 
liches Streben bei Albrecht hervor. Schon im Jahre 1134 
hatte er für die Kaufleute zu Quedlinburg eine Bestätigung 
ihrer Privilegien erwirkt, im Jahre 1136 aber, wo er die 
in die deutschen Marken eingedrungenen Wenden zurück- 
trieb, erlangte er für die Magdeburger Kaufleute, die nach 
dem Wendenlande handelten, die Vergünstigung, dafs die 
Elbzölle zu Elbei, Mellingen und Tangermünde auf dem 
Fürstentage zu Würzburg herabgesetzt wurden. 

So war in den letzten Jahren Lothars doch einmal 
wieder von Unternehmungen des Friedens die Rede. Die 
Besetzung des Bistums Halberstadt führte zu einigen fried- 
lich gelösten Mifsverständnissen mit dem Papste. Den im 
Jahre 1123 nach Reinhard nicht im Einklang mit dem 
Wormser Konkordat eingesetzten Otto von Kudiz setzte auf 
eine Anklage wegen Simonie der Papst ab. Da sich aber 
Lothar seiner annahm, so wurde er auf der Lütticher Synode 
wieder eingesetzt. Auf neue Klage des Kapitels erfolgte 
aber im Jahre 1132 Ottos endgültige Absetzung. Als nun 
bei der Wahl eines neuen Oberbirten die Stimmen sich 
spalteten, so verwarfen Lothar und Erzbischof Adalbert von 



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Emporstreben Albrechts d. Bären. Bistum Halberstadt. 177 



Magdeburg beide aufgestellte Kandidaten. Ersterer wünschte 
sehr, auf diesem Sitze einen ihm ergebenen Mann zu sehen, 
da, wie er an den Papst schrieb, sein Ansehen in Sachsen 
besonders auf der Halberstädter Kirche beruhte. Erst nach 
einer längeren Frist, wurde unter den Augen des Kaisers 
und des päpstlichen Legaten Gerhard der bisherige Propst 
des Halberstädter S. Johannisklosters Gerhard zum Bischof 
gewählt, bald darauf aber, ebenso wie sein Mitbewerber Martin, 
verworfen und am 12. April 1136 zu Erfurt Bischof Rudolf 
vom Mainzer Erzbischof geweiht. Rudolf, dem man die An- 
legung einer Strafse durch das Grofse Bruch zuschreibt und 
der einen Neubau der Kirche Unser Lieben Frauen vornahm, 
hielt dem Kaiser das Totenamt, als derselbe amletzten Tage 
des Jahres 1137 zu Königslutter in Gegenwart der geistlichen 
und weltlichen Fürsten Thüringens und Sachsens feierlich bei- 
gesetzt wurde. Er versah sein Amt bis gegen Ende 1149. 

Kaum war unter Lothar scheinbar die alte Reichs- $ 
herrlichkeit sicher gestellt, als mit seinem Tode die blutigen 
Streitigkeiten wieder ausbrachen, die den Sieg der Territorial- 
herrschaft über die einheitliche Reichsidee bedeutend för- 
derten. 

Es entbrannte nämlich ein Streit zwischen Albrecht von 
der Nordmark und dem mächtigen Weifen Heinrich dem 
Stolzen von Bayern, der zu seinen übrigen reichen Gütern 
und Herrschaften auch das Herzogtum Sachsen in Anspruch 
nahm, auf welches Albrecht, als Sohn der letzten Billunge- 
rin, gerechteren Anspruch zu haben glaubte. Zunächst 
gelang es letzerem, Heinrichs Wahl zum deutschen Könige 
zu hintertreiben, indem er bei der auf den 2. Februar 

1138 nach Quedlinburg berufenen Wahlversammlung der 
Fürsten sich der Stadt bemächtigte, worauf dann am 
13. März der Staufer Konrad III. erwählt wurde. 

Albrecht wufste es auch zu erreichen, dafs auf dem Reichs- 
tage zu Würzburg Heinrich der Stolze in die Acht erklärt, 
er selbst aber mit dem Herzogtum Sachsen belehnt wurde. 
Gegen letzteres waren mehrere von Albrechts Mitfursten, 
so Konrad von Wettin und Pfalzgraf Friedrich. Nach 
einigen glücklichen Unternehmungen mufste Albrecht dem 
aus Bayern heranziehenden Gegner Heinrich weichen, auch 
Albrechts unternehmende alte Mutter Eilika wurde zurück- 
gedrängt. Bernhard von Plötzke, der auf ihre Seite ge- 
treten war, wurde von Erzbischof Konrad von Magdeburg 
bekriegt. Daher sehen wir Albrecht bereits am 23. Mai 

1139 mit seinen Bundesgenossen Bernhard von Plötzke und 
Hermann von Winzenburg flüchtig bei Erzbischof Adalbert 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 12 



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178 



Sechster Abschnitt. 



von Mainz auf den Rusteberg auf dem Eichsfelde und im 
Sommer ist er mit seiner Mutter beim Kaiser. 

Am 15. August steht Herzog Albrecht mit Landgraf 
Ludwig von Thüringen im königlichen Heere den Kriegs- 
scharen des stolzen Weifen bei Kreuzburg a. d. Werra 
gegenüber. Auf der gegnerischen Seite war mit anderen 
sächsischen Fürsten Erzbischof Konrad von Magdeburg in 
Waffen. Ein Waffenstillstand verhütete ein neues Blutbad 
zwischen Gliedern desselben Volks, derselben Stämme. Nun 
gelangte das sächsische Herzogtum aber mehr und mehr in 
Heinrichs Hände; auch gewann Albrechts Sache nicht, als 
am 20. Oktober 1139 Heinrich der Stolze während einer 
Versammlung sächsischer Fürsten zu Quedlinburg aus dem 
Leben schied. Vielmehr wurden Albrecht auf Betreiben 
der Kaiserin Richen za auch die seinen Stammbesitzungen 
näher gelegenen Teile des Herzogtums Sachsen genommen. 
Groningen an der Bode eroberte und zerstörte nach lang- 
wieriger Belagerung Pfalzgraf Friedrich, Witeck an der 
Holtemme ging auf gleiche Weise verloren ; Erzbischof Kon- 
rad eroberte und zerstörte die Burg Jabilince. In die Nord- 
mark drang Rudolf von Stade erobernd ein und selbst 
die Stammbesitzungen von Albrechts Geschlecht wurden be- 
droht. 

Vielleicht hätte sich der Krieg noch länger hingezogen, 
wenn nicht zwei ihn eifrig schürende hohe Frauen, die 
Kaiserin Richenza und Albrechts Mutter gestorben wären, 
letztere am 16. Januar 1142. Nach verschiedenen seitens 
des Königs unternommenen Versammlungen und Kämpfen, 
wobei auf Albrechts und des Königs Seite der Bischof von 
Naumburg, Landgraf Ludwig IL von Thüringen, der am 
13. Februar 1140 auf seinen Vater gefolgt war, Markgraf Kon- 
rad von Meifsen und der Ostmark und Bernhard standen, 
kam anfangs Mai 1142 ein Friede zu Frankfurt zustande, in 
welchem Albrecht seine Stammbesitzungen und die Nordmark 
wieder erhielt. Ansprüche und Titel eines Herzogs von 
Sachsen hatte er auf den Rat des ehrwürdigen Erzbischots 
Markulf von Mainz im Jahre 1142 niedergelegt, dagegen 
waren ihm durch den Tod seines kinderlosen nahen Ver- 
wandten, des Pfalzgrafen Wilhelm bei Rhein, die reichen, 
weit durch Thüringen zerstreuten Besitzungen des weimar- 
orlamündischen Grafenhauses zugefallen. Auch das mit einer 
Kurstimme verbundene Reichskämmereramt scheint Albrecht 
in Frankfurt verliehen worden zu sein. Im Mai 1142 war 
er bei der Bestattung Erzbischof Konrads zu Magdeburg 
(f 2. Mai), auf den der bisherige Domküster Friedrich 



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Albrechts von der Nordmark Kampf um d. Herzogt. Sachsen. 179 

folgte. Auch der edle Erzbischof Markulf schied am 9. Juni 
desselben Jahres von hinnen. 

Als eine Ausnahme in jenen kampferfullten Zeiten haben 
wir eine damals unser Land beglückende Friedenspause 
hervorzuheben. Daher konnte man am 2. Februar 1143 
in Freude den König in Quedlinburg begrüfsen. Weih- 
nachten des nächsten Jahres feierte er in zahlreicher Ver- 
sammlung, auf welcher Markgraf Albrecht, dessen Sohn Otto 
und Pfalzgraf Friedrich mit dem jungen Herzoge Heinrich von 
Sachsen friedlich beisammen waren. In diesem 1144. Jahre 
fielen auch durch den Tod Rudolfs von Stade (erschlagen 
am 13. März) unter anderen dem Erzbischof Friedrich von 
Magdeburg überwiesenen Besitzungen ansehnliche Güter zu 
Jerichow und Schollene an das Erzstift, welche zur Aus- 
stattung des am ersteren Orte errichteten Prämonstratenser- 
stifts bestimmt wurden. Das Jahr 1146 rief unsere Mark- 
grafen Albrecht und Konrad zu einem nur wenig erfolg- 
reichen Zuge des Königs gegen Herzog Boleslav von Polen, 
wobei sie einen Frieden vermittelten. 

Unberührt konnten auch die jetzt in unserer Provinz ver- 
einigten Gebiete nicht von jener grofsartigeu Bewegung der 
Kreuzzüge bleiben, welche mit Strömen Blut zwar sehr wenig 
von dem erkauften, was sie erstrebten, aber doch in ganz an- 
derem Sinne, teilweise auch furchtbar zerstörend, eine epoche- 
machende Bedeutung für die allgemeinere Geschichte hatten. 
Bekanntlich war es in den Jahren 1146 und 1147, dafs die 
Innreifsende Predigt des frommen, gottbegeisterten Bernhard 
von Clairvaux hunderttausend abendländische Christen, zu- 
nächst aus Frankreich, dann auch aus Deutschland und 
anderen Ländern, zu einem Kreuzzuge nach Palästina ent- 
flammte, der in jämmerlichem Elend und Blutvergiefsen 
endete. Auch aus Sachsen und Thüringen hatten sich end- 
lich noch viele zu der Fahrt entschlossen, doch zogen nur 
wenige mit diesen Scharen unter König Konrad mit hinaus, 
darunter Bischof Udo von Naumburg-Zeitz und der tapfere 
Bernhard von Plötzke. Ersterer blieb auf der Rückfahrt 
beim Schiffbruch; der letztere fiel gegen die Türken und 
um die Besitzungen dieses sein Geschlecht beschliefsenden 
Edeln brach nachher ein Kampf zwischen Markgraf Albrecht 
und Herzog Heinrich dem Löwen aus. 

Die meisten thüringisch - sächsischen Fürsten und ihr 
Volk hielten es für angemessen, statt der Ungläubigen im 
fernen Osten die heidnischen Wenden an ihren Grenzen zu 
bekriegen. Der heilige Bernhard ging darauf ein und es 
wurde unter Beipflichtung des Papstes den Wendenfahrern 

12* 



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180 



Sechster Abschnitt. 



der gleiche Ablafs wie den Kämpfern gegen die Moham- 
medaner zugesichert, auch wurde für diese Fahrt das auf 
einem Kreise stehende Kreuz als besonderes Zeichen ge- 
geben. Die feierlich verkündigte Aufgabe der Kreuzfahrt 
war völlige Vernichtung des ganzen Wendenvolkes oder 
seine Bekehrung zum Christentum. Streng untersagt wurde 
jedes besondere friedliche Abkommen. Zum päpstlichen 
Legaten wurde Bischof Anselm von Havelberg, der Tag 
der Apostel Petrus und Paulus (29- Juni) 1147 als Zeit 
der Versammlung in Magdeburg für die Wendenfahrer be- 
stimmt. 

Die Zeit des Aufbruchs schob sich etwas hinaus. Mitte 
Juli zog zuerst ein sächsisches Heer, bei dem sich auch 
Bischof Thietmar von Verden befand, über die untere Elbe 
gegen die nördlichen Wenden. Das Hauptheer unter dem 
päpstlichen Legaten, dem Erzbischof von Magdeburg, den 
Bischöfen von Halberstadt, Brandenburg, Merseburg u. a., 
dem Markgrafen Albrecht und seinen Söhnen Otto und 
Hermann, Konrad von Meifsen und der Ostmark, Pfalzgraf 
Friedrich von Sommerschenburg, Pfalzgraf Hermann bei 
Rhein, Markgraf Albrechts Sohne, dazu böhmisch-mährische 
und polnische Scharen unter ihren Herzögen und Bischöfen, 
brach am 1. August von Magdeburg auf. Die gegen 60 000 
deutschen und 20 000 slavischen Krieger waren zahlreich ge- 
nug, um die durch unaufhörliche Kriege geschwächten Slaven 
hinzuschlachten. Aber dieses furchtbare Ziel wurde dennoch 
mit nichten erreicht. So viel auch zerstört, niedergebrannt 
und verheert wurde, so wufsten doch die aufgescheuchten 
Wenden sich in Wäldern, Sümpfen und Einöden zu retten. 
Eine unbeabsichtigte friedliche Frucht des Blutwerks war 
die Annäherung der Sachsen an die Polen. Am 6. Januar 
1148 sehen wir den Erzbischof von Magdeburg, Markgraf 
Albrecht und andere Fürsten zu Kruschwitz mit den Her- 
zögen Boleslav und Miesco zusammenkommen. Otto, "der 
älteste Sohn Markgraf Albrechts, ward mit der Schwester 
der Polenherzöge vermählt. 

Nach diesem kriegerischen Unternehmen eröffnete sich 
für den bedeutendsten damals im Bereiche unserer heutigen 
Provinz waltenden Fürsten der schon seit längerer Zeit in 
Aussicht stehende weitere Wirkungskreis. Mit Fürst Pribis- 
lavs (deutsch Heinrichs) Tode fiel Albrecht dem Bären im 
Jahre 1150 Brandenburg und das Havelland heim und 
es gelang ihm durch die Klugheit der fürstlichen Witwe 
Petrussa, das Erbe ohne Kampf einzunehmen. Von hier an 
wird Albrechts Thätigkeit mehr die eines selbständigen 



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1147 Sächs.-Thür. Wendenfahrt. Albrecht der Bär. 181 



Landesherrn. Aus den überbevölkerten Gegenden der 
Niederlande zieht er Vläminger, Holländer, Niederrheinländer 
in seine Marken, von denen die Nordmark nun bald zur 
, alten Mark ' wird. Da dieser Zuzug später in gröfseren 
Massen erfolgte, so wurde von diesen betriebsamen Leuten 
das Land in einen rationelleren Anbau genommen und das 
deutsche Volkstum verbreitet. Merkwürdig ist eine um diese 
Zeit von ihm fiir sein Dorf Steinedal (das spätere Stendal) 
ausgestellte Urkunde. Er begabt den Ort mit dem Magde- 
burger Stadtrecht und befreit ihn von den Zollabgaben in 
allen Städten seines Gebietes. Es sind, aufser Brandenburg 
und Havelberg, die innerhalb unserer heutigen Provinz 
gelegenen Städte Werben, Arneburg, Tangermünde, Oster- 
burg, Salzwedel. Der Schwerpunkt seiner Herrschaft hier 
noch entschieden auf den Gebieten westlich der Elbe und 
Havel. Durch feste Verbindung mit den eifrig geförderten 
Prämonstratensern zu Magdeburg, Leizkau, Jerichow, Havel- 
berg, später auch zu Havel berg, suchte der unermüdliche 
Fürst sein Kulturwerk zu stützen. Zunächst blieb aber 
noch Leizkau der Hauptsitz der Wendenmission, wenn auch 
der Verlegung des Bischofssitzes nach Brandenburg vorge- 
arbeitet wurde. 

Vielfach erschwert und gestört wurde aber das Friedens- 
werk durch die Kämpfe im Reiche mit dem mächtigen 
stolzen Weifen. Schon 1148 und im nächsten Jahre mühte 
er sich mit anderen Fürten des Landes, um den Frieden 
mit dem Herzog vermitteln zu helfen und Mitte September 
1151 war er wieder mit dem Markgrafen von Meifsen, dem 
Landgrafen von Thüringen, den Bischöfen von Halberstadt, 
Naumburg-Zeitz und Würzburg versammelt, um über den 
Landfrieden und die Romfahrt zu verhandeln. Da der 
unbotmäfsige Herzog Heinrich nicht erschienen war, so kam 
auf Albrechts Rat der König selbst über Erfurt nach Sachsen. 
Doch vereitelte Heinrichs Herbeikunft aus Schwaben auch 
jetzt des Königs Erfolg. Dieser starb am 15. Februar 1152 
und hinterliefs seinem Nachfolger Friedrich I. den uner- 
ledigten Streit mit dem Weifen. Einen neuen Anlafs zu dem- 
selben hatte das Erbe des am 30. Januar 1152 erschlagenen 
Grafen Hermann von Winzenburg geboten. Erst nach vielem 
Bemühen gelang es dem neuen Könige im Herbst jenes 
Jahres, den Streit dadurch zu schlichten, dafs die plötz- 
kauischen Güter Markgraf Albrecht, die winzenburgischen 
dem Löwen zufielen. Mit allen anderen Nachbarfiirsten 
stand Albrecht dauernd in freundlichen Verhältnissen. Mit 
dem wettinischen Hause, wie mit Böhmen und Polen war 



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182 



Sechster Abschnitt. 



er durch Verschwägerung verbunden; den Bischof von Halber- 
stadt knüpfte gleiche Besorgnis vor dem Weifen fest an ihn, 
nicht weniger den Landgrafen von Thüringen. Besonders 
wirksam war das enge freundschaftliche Band, das er mit 
dem Nachfolger des am 14. Januar 1152 verstorbenen Erz- 
bischofs Friedrich, mit Erzbischof Wichmann von Magde- 
burg, pflegte. Dieser dem Geschlechte der Grafen von 
Seeburg und von mütterlicher Seite den Grafen von Quer- 
furt und den Billungern, demgemäfs auch Heinrich dem 
Löwen verwandte Kirchenfurst , der bereits seit 1150 als 
Nachfolger Bischof Udos im Stift Naumburg -Zeitz eine 
eifrige Thätigkeit entfaltet hatte, war nach zwiespältiger 
Wahl durch die Entscheidung Friedrichs I. auf dem zu 
Pfingsten 1152 zu Merseburg abgehaltenen grofsen Reichs- 
tage bestätigt worden. Dessen Freundschaft, sowie der 
anderer Nachbarn hatte sich Albrecht zu erfreuen, als im 
Jahre 1157 Jazko von Köpenick, ein Verwandter des 1150 
verstorbenen Pribislav, sich mittels Verrats Brandenburgs 
bemächtigt hatte. Vom Hoflager des Kaisers aus eilte 
Albrecht herbei und erstürmte, von Erzbischof Wichmanu 
unterstützt, am 11. Juli Brandenburg wieder; Wichmann 
unterwarf gleichzeitig Jüterbogk dem Erzstift Magdeburg. 

Schon im August mufste der Markgraf mit seinem Sohne 
Hermann wieder im Gefolge seines Königs das Schwert er- 
greifen, da von Halle aus ein Zug gegen Polen unternommen 
wurde. Hier kämpften gemeinsam Herzog Heinrich der 
Löwe, Landgraf Ludwig der Eiserne von Thüringen, Mark- 
graf Dietrich von der Lausitz und seine Brüder Heinrich und 
Dedo. Ihr Vater war nach Jerusalem gepilgert und im 
Februar 1157 gestorben. Von unseren geistlichen Herren 
waren der Erzbischof von Magdeburg und die Bischöfe von 
Merseburg und Meifsen bei dem Zuge. Des Reiches An- 
sehen wurde auf einem nicht weit von Posen geschlossenem 
Vergleiche mächtig hergestellt. 

Nun folgte einmal wieder eine kleine Ruhe, die Albrecht 
und andere Fürsten des Landes emsig nutzten. Erst unter- 
nahm Albrecht nebst Gemahlin mit Erzbischof Wichmann 
und Bischof Ulrich von Halberstadt eine Wallfahrt nach 
dem heiligen Lande. Nach der Rückkehr aber begann er 
mit erneutem Eifer deutsche Ansiedler, Flamänder, Holländer, 
und fränkische Niederrheinländer und Westfalen in seine 
Länder zu ziehen. Sie kamen in grofser Zahl, und so ent- 
standen aus öden Strecken wohlgebaute Dorfmarken. Mit 
Vorliebe und besonderem Geschick wurden Flufsniederungen 
und wasserreiche Brüche zu den ergiebigsten Ländereien 



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Markgr. Albrechts, Erzb. Wichmanns u. a. Fürsten Kolonisation. 188 



umgeschaffen, so die Wische bei Werben, die Elbufer bei 
Tangermünde, sowie am rechten Elbufer und an der Havel. 
Vielfach beweisen deutsche Namen wie Schönhausen, Schön- 
felde, Neuermark u. a. die Schöpfungen der betriebsamen 
Einwanderer; mindestens eben so oft wurden aber verödete 
Wendendörfer durch diese Arbeit aufs neue erhoben und es 
blieben die von den Deutschen nur mundgerecht gemachten 
fremdartigen Namen. 

That es nun auch Albrecht der Bär in dieser Koloni- 
sationsarbeit den zeitgenössischen Fürsten an Eifer zuvor, 
so eiferten ihm doch andere darin nach, und an allen Enden 
der jahrhundertelang mit zu Wendland gehörigen Ost- 
hälfte unseres Provinzialgebietes fanden solche Besiedelungen 
durch Niederländer und Einzöglinge aus dem reichbevölkerten 
Nordwesten Deutschlands statt. Es wetteiferte mit Mark- 
graf Albrecht in diesem Streben sein befreundeter Nachbar 
Erzbischof Wichmann. Von seinen holländisch-flämisch-west- 
falischen Ansiedelungen zwischen Elbe und Havel im Viener 
Bruch, auch z. B. gleich Magdeburg gegenüber zu Cracau, 
Lostau und anderen Orten, und in dem neuerworbenen Jüter- 
bogker Lande haben wir genug urkundÜche Zeugnisse. Im 
Bereich der meifsnisch-wettinischen Oberherrschaft waren es 
z. B. die Elsterniederung bei Herzberg und der Höhenrücken 
des Fläming, wo die niederländischen Ansiedler sich nieder- 
liefsen. In der letzteren, teilweise über unsere Provinz 
hinausragenden Gegend mufste man das mehrfach nicht 
zureichende Wasser durch tiefgegrabene Brunnen zu ge- 
winnen suchen. 

Selbst einzelne bis dahin fast unbebaut gelegene Strecken 
im alten Kulturgebiet der Thüringer schufen die betrieb- 
samen niederländischen Bauern in gesegnete Fluren um. 
Hier ist besonders die lange Reihe von Riethdörfern an der 
Helme bis zur Unstrut, von Nordhausen bis über Artern 
hinaus, zu Görsbach, Martinsrieth, Lorenz-, Katharinen-, Niko- 
lausrieth zu nennen. Seines Kornreichtums wegen erhielt 
jener Strich in erst engerer, dann weiterer Erstreckung den 
Namen der „Goldenen Aue". Im Gebiet des Bistums Naum- 
burg ist z. B. an das Dorf Flemmingen bei Pforte zu 
erinnern. Hier und an der Helme waren es die Cister- 
zienser, welche aus ihren niederrheinischen Mutterklöstern 
die geschickten fleifsigen Hände herbeizogen. 

Die Frucht dieser Besiedelung war nicht nur die un- 
mittelbare und nächste, dafs durch erweiterten und ver- 
besserten Anbau bedeutend erhöhte Zehnten für Fürsten 
und geistliche Herren gewonnen wurden, sondern eine wohl 



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184 



Sechster Abschnitt. 



noch gröfsere die, dafs durch solche Einwanderung das lange 
im blutigen Kampfe zwischen Deutschen und Wenden ver- 
wüstete Land in erspriefslichem friedlichem Wetteifer für 
die Arbeit des Friedens und des Christentums gewonnen 
wurde. Noch heute bewährt sich die Erfahrung, dafs, wo 
deutsche Musterwirtschaften, Handwerker und Herren ein- 
ziehen, auch deutsches Wesen siegreich vordringt. Von be- 
sonderer Wichtigkeit wurde die Einwanderung auch für die 
Hebung des Bauernstandes. Während im alten Wendlande 
die deutschen Eroberer den Wenden nur wie Herren 
den fronenden Knechten gegenüberstanden, brachten die 
freien deutschen Bauern ihr Recht und Gericht mit. Die 
holländisch - flämischen Hufen, die freien niederdeutschen 
Bauerngerichte verbreiteten sich weithin unter dem auf 
tieferer Stufe gesellschaftlicher Entwickelung stehenden 
Wendenvolke. Dazu fand bei dieser endgültigen Fest- 
setzung der deutschen Herrschaft in diesen Ländern auch 
der niedere Adel, die Mannschaft der Fürsten, eine allge- 
meine Verbreitung. 

Wie Markgraf Albrecht den wichtigsten Machtzuwachs 
durch Erbeinsetzung erfuhr, so vergrößerte auch Erzbischof 
Wichmann in friedlicher Weise die Besitzungen des Erz- 
stifts. Als geborener Graf von Seeburg führte er demselben 
die Grafschaft Seeburg und Beiernaumburg bei Sangerhausen, 
durch Vertauschung mit rheinischen Erbgütern die Abtei 
Nienburg und Freckleben zu. So ertauschte er vom Kaiser 
Dahme. Nicht unwichtig war der Erwerb von Löbejün im 
heutigen Saalkreise, das er von seiner Mutter Mathilde, einer 
Schwester des frommen Konrad von Wettin, erbte. 

Ungünstiger gestalteten sich damals die Dinge im Halber- 
städtischen. Weniger widerstandsfähig und noch unmittel- 
barer als andere Nachbarn den Eroberungsgelüsten Heinrichs 
des Löwen ausgesetzt, wurde das Bistum von diesem stark 
geschädigt Da Bischof Ulrich sich nicht gefügig zeigte, so 
wufste Heinrich im Jahre 1160 den nachgiebigeren Gero, 
geborenen Herrn von Schermke, an dessen Stelle zu 
bringen und seine Macht auf Kosten des Stifts bedeutend zu 
erweitern. 

Dem Erzstift Magdeburg und den damit zusammen- 
stehenden Markgrafen von Brandenburg und Meifsen ver- 
mochte er aber nicht gleiches zu bieten. Doch dauerte der 
Friede nicht lange. Kaum hatten Markgraf Albrecht und 
andere sächsisch-thüringische Fürsten zu Anfang des Jahres 
1162 Heeresfolge nach Italien geleistet, als bereits daheim 
der Kampf mit dem Weifen in hellen Flammen auszubrechen 



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Kämpfe mit Heinr. dem Löwen. Teilung des askan. Erbes. 185 

drohte. Am 19. Februar 1162 starb Pfalzgraf' Friedrich von 
Sommerschenburg. Mit dessen treu zum Kaiser stehenden 
Sohne Adalbert geriet Herzog Heinrich in Streit. Die 
sächsisch -thüringischen Fürsten Markgraf Albrecht, Land- 
graf Ludwig von Thüringen, der im Jahre 1161 auf Berthold 
gefolgte Bischof Ado IL von Naumburg, nahmen sich des 
Bedrängten an. Durch des Kaisers Bemühungen wurde 
noch einmal der Ausbruch des blutigen inneren Krieges 
vermieden und bei dem am 7. April 1163 eröffneten Reichs- 
tage zu Mainz sind die sächsisch- thüringischen Fürsten mit 
dem Löwen zusammen; 1164 hilft sogar Albrecht seinem 
Nebenbuhler die obotritischen Wenden niederschlagen. Aber 
in den nächsten Jahren begannen die Kämpfe wieder. Im 
Jahre 1166 waren es neben Erzbischof Reinald von Köln 
besonders Markgraf Albrecht von Brandenburg, Otto von 
Meifsen und Erzbischof Wichmann, die eng verbunden dem 
Löwen entgegentraten. Es kam zu einem unsere Gegenden 
verwüstenden Kampfe, worin z. B. die den Erzbischof von 
Magdeburg bedrohende vom Herzog errichtete Feste Haldens- 
leben belagert, aber nach einem erneuten festen Bunde 
gegen den übermächtigen Nachbar erobert wurde. Nur mit 
Mühe vermochte der 1169 aus Italien zurückgekehrte Kaiser 
diesen Kriegsbrand zu dämpfen. 

Zur Schwächung der noch nicht lange begründeten 
Macht von Markgraf Albrechts Hause mulste es ausschlagen, 
dafs dieser, der am 18. November 1170 sein thatenreiches 
Leben beschlofs, wie 14 Jahre früher sein wettinischer Ver- 
wandter Konrad, eine Teilung der Länder und Gebiete unter 
seine Söhne vornahm. Der älteste, Otto, erhielt die Mark 
Brandenburg, wozu die Altmark und das Gebiet zwischen 
Elbe und Havel, Jerichow, Ziesar u. s. w. gehörte. Er 
wurde der Stammvater der brandenburgischen Markgrafen 
vom askanischen oder Aschersleber Stamm. Hermann erbte 
die orlamündischen Güter in Thüringen und Franken. Sieg- 
fried und Heinrich, der dritte und vierte Sohn, wurden 
geistlich, der erstere war von 1179 — 1184 Erzbischof von 
Bremen, Heinrich Domherr, dann Dompropst zu Magde- 
burg. Der fünfte, dem Vater gleichnamige Sohn Albrecht 
erhielt die Grafschaft Aschersleben und das Land am 
Unterharz, Saale, Mulde und Elbe, die nach seinem frühen 
Ableben an seinen erst im Jahre 1212 verstorbenen jüngsten 
Bruder Bernhard fielen. Auf Dietrich, den vorletzten Sohn, 
entfielen nur die billungischen Erbgüter der Grofsmutter 
Eilika im Hassegau. Er nannte sich Graf von (Burg-) 
Werben an der Saale. Seine Gemahlin Mathilde, Tochter 



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186 



Sechster Abschnitt. 



Landgraf Ludwigs IL von Thüringen, hinterliefs ihm nur 
einen gleichnamigen frühverstorbenen Sohn. 

Trotz dieser nahen Verbindung zwischen dem askanischen 
und thüringischen Hause führten die sich kreuzenden An- 
sprüche der Fürsten zu blutiger Fehde. Als Albrechts 
Söhne in das landgräflich thüringische Land eingefallen 
waren, an dessen Spitze seit 1172 Ludwig III., der Milde 
oder Fromme, Ludwigs des Eisernen ältester Sohn, stand, 
zog der letztere gegen Burgwerben, den Sitz Graf Dietrichs, 
von wo er freilich schwerverwundet abziehen mufste. Einen 
neuen Einfall Graf Hermanns von Orlamünde erwiderte 
er mit einer Verwüstung der Aschersleber Gegend im 
Bunde mit Heinrich dem Löwen und der Eroberung von 
Helfta bei Eisleben. Auch mit den Grafen von Gleichen 
und Schwarzburg und der Stadt Erfurt geriet der thürin- 
gische Landgraf in Fehde, wobei die Schwarzburg zerstört 
wurde. 

Aber solche kürzere, auf engere Bezirke beschränkten 
Kämpfe treten doch ganz zurück gegen den wenige Jahre 
später entbrannten Hauptkampf mit Heinrich dem Löwen, 
der seiner Ubermacht und seinem Ubermut ein Ziel setzen 
sollte. Als derselbe auf die wiederholten dringendsten Auf- 
forderungen und Bemühungen Kaiser Friedrichs hin dem 
Reiche in der gröfsten Not die Treue gebrochen hatte, erhoben 
sich die von ihm bekriegten und geschädigten Fürsten aufs 
neue gegen ihren Dränger. Den Anlafs zum Kampfe gab 
die gegen den Sommer 1177 erfolgte Wiedereinsetzung des 
zu Papst Alexander IH. haltenden Bischofs Ulrich von 
Halberstadt, der sofort die von Heinrich dem Löwen ge- 
waltsam in Besitz genommenen Lehen des Stifts zurück- 
forderte und den Bann über Heinrich aussprach. Bischof 
Gero wurde zwar zwei Jahre später nach den Beschlüssen 
des Laterankonzils in seiner bischöflichen Würde belassen, 
durfte aber die Verrichtungen dieses Amtes nur aufserhalb 
des Halberstädter Sprengeis vornehmen. 

Sofort erneute sich der Bund gegen den Herzog, und 
während Erzbischof Philipp von Köln den gemeinsamen 
Gegner in Westfalen bekämpfte, brach der wütendste Kriegs- 
brand im Halberstädtischen aus. Die Markgrafen von 
Brandenburg und Meifsen kamen dem Halberstädter Bischof 
zuhilfe. Erzbischof Wichmann trat bei Bischofsberg — der 
vom Bischof errichteten Feste Langenstein — nebst seinem 
Verwandten Bischof Eberhard von Merseburg noch einmal 
als Vermittler auf. Herzog Heinrich, der sich sonst um 
Kaiser und Reich wenig kümmerte, sah sich veranlafst, im 



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Erneuter Kampf mit Heiur. d. L. llalberst. verbrannt 1179. 187 



Herbst 1178 gegen die ihm übermächtigen Feinde beim 
Kaiser Hilfe zu suchen. Aber vergeblich lud ihn dieser 
nach Worms, wo dagegen im Januar 1179 die gegen den 
Weifen verbündeten Fürsten erschienen. Der Krieg im 
Halberstädtischen dauerte fort. Der Herzog zerstörte die 
bischöfliche Feste Hornburg und die Burg auf dem Hoppel- 
berge. Bischof Ulrich sammelte aufs neue seine Kräfte und 
trieb seinen Gegner in die Enge. Nochmals vermittelte 
Erzbischof Wichmann einen Frieden, während Bischof 
Ulrich die Hornburg wiederherstellte, die dann aufs neue 
von Heinrich bedroht wurde. Einen nennenswerten Erfolg 
trug Albrechts des Bären Sohn Bernhard über die Braun- 
schweiger davon, indem er eine Abteilung derselben über- 
fiel und ihrer 400 gefangen nahm, während andere dem 
Schwert erlagen. Vergeblich belagerten aber die Verbünde- 
ten das feste Haldensieben. Nachdem sie hatten abziehen 
müssen, zog Herzog Heinrich verwüstend bis vor Magdeburg 
und verbrannte unter anderem auch Kalbe a. S. 

Mittlerweile folgte der hochmütige Mann auch einer zweiten 
kaiserlichen Vorladung nach Magdeburg zum 24. Juni 1179 
nicht, während hier der Wettiner Dietrich, der die zwischen 
Saale und Mulde gelegene Markgrafschaft Landsberg von 
dem gleichnamigen, östlich von Halle gelegenen Herrschafts- 
«tze aus verwaltete, die Klage gegen den lleichsfeind erhob, 
dafs er die Slaven der Lausitz zu einem Einfall in das 
magdeburgische Gebiet veranlafst habe. Aufs neue suchte 
der Kaiser, der mit seiner Gemahlin und seinem zum König 
gekrönten Sohne Heinrich sehr festlich in Magdeburg ein- 
gezogen war, zu vermitteln, indem er den Herzog selbst zu 
Neuhaidensieben aufsuchte und ihm gegen Zahlung einer 
Bufse von 5000 Mark die Stiftung eines billigen Friedens 
mit seinem Gegner versprach. Er verschmähte sogar eine 
dritte Vorladung des Kaisers, zu welcher dieser auf Drängen 
der Fürsten den Weifen im August des Jahres 1179 nach 
Kaina im heutigen Kreise Naumburg vorgeladen hatte. 
Während aber so der Trotzige nach dreimaliger Vorladung 
alle seine Würden und Rechte im Reiche verwirkt hatte, 
der Kaiser gleichwohl ihn noch durch gütliches Entgegen- 
kommen zu gewinnen suchte, fiel Heinrich aufs neue über 
das Stift Halberstadt her, überfiel am 23. September 1179 
die Bischofstadt, die geplündert und verbrannt wurde, und 
führte den hierbei schwer verwundeten Bischof Ulrich ge- 
fangen nach Artlenburg. Erzbischof Wichmann und die 
übrigen Bundesgenossen hatten nicht zur rechten Zeit zu- 
hilfe kommen können. Bei Haldensleben wurde wieder ver- 



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188 



Sechster Abschnitt. 



geblich gekämpft; das Blutvergiefsen und Zerstören nahm 
kein Ende. Herzog Heinrich aber liefs sich von dem ge- 
fangenen Bischof die mit Gewalt genommenen Lehen be- 
stätigen und den wider ihn ausgesprochenen Bann auf- 
heben. Nachdem er ihn so unschädlich gemacht hatte, entliefs 
er ihn Weihnachten 1179 in sein Bistum, wo er schon am 
30. Juli des nächsten Jahres starb. 

Endlich, nachdem der Übermütige auch einer vierten 
Vorladung des Kaisers nach Würzburg Januar 1180 nicht 
gefolgt war, wurde Herzog Heinrich hier durch den Spruch 
der vereinigten Fürsten in des Reiches Acht erklärt. Erst 
am 13. April dieses Jahres wurde dem aufsässigen Vasallen 
auch das Herzogtum Sachsen abgesprochen. Dasselbe wurde 
aber geteilt, wobei die gröfsere Östliche Hälfte an den As- 
kanier Bernhard kam. Dieses Geschenk kaiserlicher Gunst 
war zwar an und für sich nicht so bedeutend, weil in dem 
geteilten Herzogtume die Grafschaften und Fürstentümer, 
die thatsächlich von Heinrich dem Löwen abhängig gewesen 
waren, in ihrer Reichsunmittelbarkeit wiederhergestellt wurden 
und weil es Bernhard nur zu einem sehr geringen Teile 
gelang, in den nördlichen Gegenden an der unteren Elbe 
seinen Einflufs geltend zu machen. Dennoch müssen wir 
auf das Ereignis als auf ein fiir unsere Provinzialgeschichte 
besonders merkwürdiges, etwas näher hinweisen. Indem 
nämlich Bernhard, dem mit den Ländern an der Saale, 
Bode, der Grafschaft Aschersleben und an der mittleren 
Elbe bei Wittenberg auch die anhaltischen Stammbesitzungen 
zugefallen waren, es gerade in den mittleren und nördlichen 
Gegenden unserer Provinz (Nord- oder Altmark) gelang, 
seine Ansprüche geltend zu machen, war er es, der den 
Namen des sächsischen Herzogtums, das schon sein Vater 
Albrecht einige Jahre innegehabt hatte, dauernd auf den 
Boden unserer späteren Provinz verpflanzte, an deren Teilen 
er fortwährend gehaftet hat, bis mit der Bildung der Provinz 
die Bezeichnung auf ihren gesamten Umfang überging. 
Wir bemerken hier gleich, dafs, nachdem Bernhards Sohn 
Albrecht I. (f 1261) das Herzogtum noch in einer Hand 
vereinigt hatte, dessen Söhne Johann und Albrecht H. 
dasselbe teilten, indem der erstere die Linie Sachsen-Lauen- 
burg, Albrecht II. die der Herzöge von Sachsen- Wittenberg 
begründete, von denen nur die letztere für unsere Provinzial- 
geschichte in Betracht kommt. Was den Namen Herzog- 
tum Sachsen betrifft, so war dasselbe in dem Umfange, 
in welchem Bernhard es erhielt, kaum zu vergleichen mit 
dem Stammherzogtum der Billunger oder mit dem Heinrichs 



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Das sächsische Herzogtum der Askanier. 



189 



des Löwen, dennoch hatte es, selbst soweit es sich nur über 
Gebiete unserer heutigen Provinz erstreckte, noch einen 
guten ethnographischen Sinn, denn nicht nur war das Ge- 
schlecht der neuen Herzöge ein sächsisch -niederdeutsch 
redendes, sondern diese Sprache und Volkstum erstreckte 
sich bis zu seinen äufsersten Südgrenzen über Witten- 
berg hinaus, wo noch bis ins 15. Jahrhundert niederdeutsch 
oder sächsisch gesprochen wurde. Erst im Verlauf der 
Jahrhunderte rückte die thüringisch-mitteldeutsche Mundart 
nach Norden vor, die heute in der ganzen Südhälfte unserer 
Provinz herrscht, während im 12. Jahrhundert das Sächsi- 
sche noch bis zur unteren Unstrut gesprochen wurde. 

Wenn Landgraf Ludwig III. eine Zeit lang im Bunde 
mit Heinrich dem Löwen die Askanier bekämpft hatte, trieb 
ihn dessen hartnäckiger Trotz gegen Kaiser und Reich auf 
die andere Seite. Der Kaiser belohnte ihn reichlich. Da 
nämlich zu Anfang des Jahres 1179 mit Adalbert, Fried- 
richs Sohne, das Haus der Pfalzgrafen von Sachsen vom 
Sommerschenburger Hause im Mannsstamme erloschen war, 
so gab der Kaiser im Jahre 1180 die sächsische Pfalzgraf- 
schaft ibm, dem ältesten Sohne seiner Schwester Jutta 
(dementia). Mit jenem alten, mittlerweile zum Territorial- 
tUr8tentum gewordenen Reichsamte waren aufser der All- 
städter Gegend besonders ansehnliche alte Reichsgüter an 
der Helme und unteren Unstrut im thüringischen Teile des 
Regierungsbezirks Merseburg verbunden. Ehe er aber in 
den ruhigen Besitz der neuen Erwerbung kam, sollte er 
seinen früheren Bundesgenossen, den Weifen Heinrich, der 
auf die Pfalzgrafschaft Ansprüche erhob, als Feind kennen 
lernen. Derselbe fiel im Sommer 1180 schonungslos ver- 
wüstend in Thüringen ein, brannte Nordhausen nieder, 
schlug am 14. Mai den Landgrafen, der sich mit seinem 
Bruder Hermann bei Weifsensee ihm entgegenstellte und 
nahm beide, samt mehreren Hundert ihrer Ritter, gefangen. 
Nachdem er auch Mühlhausen im Feuer hatte aufgehen 
lassen, führte er die Gefangenen mit sich fort, entliefs sie 
aber später gegen das Versprechen, sich für ihn beim Kaiser 
zu verwenden. 

Ludwig, der übrigens die sächsische Pfalzgrafschaft 
seinem Bruder Hermann abtrat, vereinte nach seines Bruders 
Heinrich Raspe Tode auch die hessischen Besitzungen mit 
seiner Herrschaft und nannte sich, wie seine Nachfofger, 
Landgraf zu Thüringen und Graf oder Landgraf zu 
Hessen. 

Siegreich ging Ludwig aus einem Kampfe mit Otto von 



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190 



Sechster Abschnitt. 



Meilsen hervor, der seine in Thüringen erworbenen Güter 
nicht vom Markgrafen zu Lehen nehmen wollte. Otto ward 
besiegt und gefangen und Ludwig liefs ihn erst im Jahre 
1184, nachdem er die thüringischen Güter gegen den Kauf- 
preis herausgegeben hatte, wieder frei. 

In einer Fehde mit Erzbischof Konrad von Mainz, wobei 
der Landgraf nicht ganz im Rechte war, ereignete sich zu 
Erfurt bei Gelegenheit eines zur Schlichtung des Streits von 
Kaiser Heinrich VI. berufenen Fürstentages ein grofses 
Unglück, indem Graf Heinrich von Schwarzburg und viele 
andere Edle beim Einsturz des Versammlungssaals in der 
unterm Hause befindlichen Düngergrube umkamen. Der 
Landgraf selbst fand sein Ende im Jahre 1190 bei Cypern 
auf der Rückkehr von dem Kreuzzuge, den er mit Friedrich 
Barbarossa unternommen hatte. 

Während Heinrich der Löwe in Thüringen siegreich 
war , brachten ihm seine verbündeten Gegner , besonders 
Erzbischof Wichmann und Dietrich von Krosigk, seit 1180 
Ulrichs Nachfolger als Bischof von Halberstadt, bei Haldens- 
leben einen schweren Schlag bei. Nach langen Mühen ge- 
lang es nämlich den Verbündeten, am heiligen Kreuzestag 
nach Ostern die Zwingburg, welche unter Heinrichs Dienst- 
mann Grafen Bernhard von der Lippe das benachbarte Land 
so lange bedrängt hatte, zu erobern und zu zerstören. Die 
Stadt nahmen sie mit Hilfe einer Überschwemmung. Mit 
Burg und Stadt belehnte darauf der Kaiser den um Stift 
und Reich verdienten Erzbischof. Nach dem Falle von 
Haldensleben drang dann auch der Kaiser selbst siegreich 
bis über die Elbe vor. Erst durch Gewalt bezwungen, 
demütigte sich der Weife im November 1181 auf dem 
Reichstage zu Erfurt vor dem Kaiser. Gern hätte dieser 
ihm auch noch jetzt all' seine Würden und Güter wieder 
gegeben, wäre er nicht durch Zusagen an die Fürsten ge- 
bunden gewesen, die doch nicht wieder durch die Herstellung 
der Macht eines solchen Mannes gefährdet werden durften. 
Schonend genug wurde er behandelt. Im März 1194 wurde 
Heinrich zu Tilleda in der Goldenen Aue vom Kaiser wieder 
in Gnaden angenommen. Der 6. August 1195 setzte dem 
Leben dieses Mannes, der die Gegenden nördlich und süd- 
lich vom Harz so schwer mit Feuer und Schwert heim- 
gesucht hatte, ein Ziel. Drei Jahre früher, am 25. August 
1192, war sein würdiger Gegner, Erzbischof Wichmann von 
Magdeburg, nach 40jährigem überaus erfolgreichem Walten 
gestorben. Am meisten war das nach seinem Beruf und 
Bestreben vorgezogene friedliche Wirken durch die Herrsch- 



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1180 Haldensleben erobert. Bedeutung Erzb. Wichmanns. 191 



Bucht seines westlichen Nachbars gestört. Mufste er auch 
nach der eigentümlichen Natur des geistlichen Fürstentums 
seiner Zeit oft an Kriegszügen teilnehmen, so war er doch 
innerlich den Werken des Friedens zugekehrt und wie für 
Hebung des Domstifts sorgte er eifrig für den Bau und die 
Mehrung von Stiftern und Kirchen. Aber auch der Hebung 
von Handel und Verkehr widmete er seine eifrige Thätig- 
keit. Wie wir ihn schon als Freund deutscher Einwanderung 
kennen lernten, liefs er sich auch das Emporkommen der 
Städte angelegen sein. In seine Zeit fallen die frühesten 
Bestätigungen der Gilden oder Innungen zu Magdeburg und 
Halle, besonders der Krämerinnung in ersterer Stadt. Als 
dieselbe am heiligen Pfingstabend 1188 von einer gewaltigen 
Feuersbrunst heimgesucht wurde, war es noch die Sorge 
seines späteren Alters, den Schaden durch allerlei Ver- 
günstigungen auszugleichen. Den betriebsamen Kaufleuten 
zu Burg schenkte er Buden zu der schon damals (also be- 
reits in so früher Zeit) vom Moritztage (22. September) an 
stattfindenden Herbstmesse. 

Der durch die fast unablässigen Fehden verhärtete Sinn 
der Ritterschaft ergötzte sich an häufigen Turnieren, die 
fast immer blutig, häufig auch für mehrere tödlich endeten 
Diesem Unwesen trat der Erzbischof kräftig entgegen, indem 
er die Teilnehmer in den Bann that. Als kulturgeschicht- 
lich merkwürdig ist Wichmanns Interesse für Schauspiele 
zu erwähnen, doch soll er kurz vor seinem Tode einen 
Schauder vor einem solchen empfunden haben. 

Während seines langen Regiments stand er stets treu auf 
der Seite seines Königs und Kaisers, so auf den Kirchen- 
versammlungen zu Pavia und Würzburg, als Begünstiger 
der Gegenpäpste Viktor und Paschalis. Dagegen war er es 
auch, der im Jahre 1177 König Friedrichs Frieden mit 
Papst Alexander zu Venedig förderte und vermittelte. 

Zu den schon erwähnten durch ihn vermittelten Land- 
erwerbungen für das Stiftsgebiet ist als wichtigste noch die 
der Grafschaft Sommerschenburg zu erwähnen, durch welche 
er nach Westen, wie kurz vorher durch Haldensleben, die 
erzstiftischen Grenzen gegen das weifische Gebiet erweiterte. 
Wichmann hatte dieses allodiale Besitztum des mit Pfalzgraf 
Adalbert im Jahre 1179 erloschenen Geschlechts von der 
Erbin, der Schwester des Verstorbenen, Äbtissin Adelheid, 
zu Quedlinburg, durch Kauf erworben. Wol hatte Heinrich 
der Löwe auch hierauf Ansprüche erhoben, den Erzbischof 
mit Gewalt verdrängt und die Sommerschenburg zerstört; 
aber nach dem Ableben der Äbtissin ergriff Wichmann 



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192 



Sechster Abschnitt. 



Besitz von der ihm zustehenden Grafschaft und liefs sich 
zur Sicherung desselben von Papst Lucius am 25. Oktober 
1184 eine Bulle ausstellen. 

Seit dem Ende des 12. und mit dem Beginn des 
13. Jahrhunderts wird mit der Ausbildung der Territorial- 
hoheit bei geistlichen und weltlichen Fürsten unsere Auf- 
merksamkeit mehr und mehr nach den verschiedenen Ge- 
bieten gezogen, und das umsomehr, als auch die Teilherr- 
schaften des askanischen wie des wettinischen Hauses, gegen 
welche das alte thüringische Landgratenhaus zurücktritt, 
mehr oder weniger alle in die Geschichte unseres Provinzial- 
gebiets eingreifen. Dennoch werden die sehr bunten ge- 
schichtlichen Bewegungen der nächsten Zeit noch zu einem 
grofsen Teile beherrscht von dem grofsen Gegensatze zwischen 
dem weltlichen und geistlichen Schwert, der längere Zeit 
zusammenfallt mit dem zwischen Weifen und Staufern. Alle 
unsere Gegenden haben in diesem Land und Leute ver- 
wirrenden und verwüstenden Kampfe zu leiden. Am 
schwersten ist er für die geistlichen Fürsten, da der Kon- 
flikt den Kern ihres Berufs und ihrer Stellung trifft. Bei 
den weltlichen Fürsten entwickelt sich durch die unselige 
Vermischung von geistlichen und politischen Bestrebungen 
bald ein fester Sinn im standhaften Festhalten der Treue 
gegen ihr Gewissen, Kaiser und Reich, bald eine Politik der 
freien Hand, die im Papst ihr Gewissen sucht und den 
deutschen Namen schändet. 

Von den geistlichen Fürstentümern können wir nur die 
bedeutendsten und selbständigsten ins Auge fassen. In 
Magdeburg steht als Nachfolger Wichmanns seit 1192 bis 
zu seinem am 16. August 1205 erfolgten Tode ein merk- 
würdiger Mann an der Spitze des Erzbistums Ludolf, der, 
von seinem Vorgänger begünstigt und gefördert, sich von 
einem armen Bauernsohn aus Kroppenstädt durch hohe Bil- 
dung, als Mitschüler eines Thomas von Canterbury zu Paris, 
bis zum Domherrn, zuletzt Domdechant emporgeschwungen 
hatte. Bei aller Gelehrsamkeit und Sorge für die Erhöhung 
des Gottesdienstes war Ludolf kein eigentlich geistlicher 
Mann im Sinne des Evangeliums. Zum Schwerte griff er 
gleich anderen zeitgenössischen Kirchenfursten und entfaltete 
eine besondere Pracht in seinem Hofstaat, aber er besafs 
viel Weisheit, ein festes Herz und Liebe für den Frieden, 
Sorge für das Wohl der Seinigen und Liebe zu Volk und 
Reich. Das bewährte er besonders in dem treuen unent- 
wegten Festhalten an dem edeln Sohne Friedrich Barbarossas, 
Philipp von Schwaben, der, nachdem Heimich VI. am 



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Erzbischof Ludolf und Reichstag zu Magdeburg 1198. H>3 



28. September 1197 zu Messina gestorben war, die Mehr- 
heit der deutschen, und besonders auch unserer sächsisch- 
thüringischen Fürsten auf Zusammenkünften zu Arnstadt, 
Erfurt, und am 6. März 1198 zu Mühlhausen zum König 
gekoren hatte, weil der schon als Kind gekrönte Friedrich, 
der Sohn des Kaisers, als dreijähriges Kind die Leitung des 
Reichs in schwieriger Lage noch nicht in die Hand nehmen 
konnte. Nur eine geringe Minderheit, die in der Schwäche 
des Königtums ihren Vorteil sah, stellte dem Sohn Bar- 
barossas den jüngeren Sohn Heinrichs des Löwen als Otto IV. 
entgegen. 

König Philipp wäre bald seiner Feinde Herr geworden, 
wenn Papst Innocenz III. die Lage der Dinge nicht dazu 
benutzt hätte, um in Deutschland seine Weltherrschafts- 
pläne zur Geltung zu bringen. Obwohl zum Vormund des 
königlichen Kindes bestellt, benutzte er doch die ihm vor- 
gelegte Entscheidung, um sich entschieden gegen Philipp 
und für Otto zu erklären. Alle deutschen Bischöfe, die 
dem Erwählten der Mehrheit des Volks Treue hielten, liefs 
er in den Bann thun. Erzbischof Ludolf blieb aber trotz 
der Droh- und Schmeichelworte des Papsts und seines 
Legaten dem König Philipp treu, und dieser feierte einen 



1198, zu Magdeburg beim Erzbischof. Es war ein gar 
festlicher Reichstag, als der gefeierte König mit seiner Ge- 
mahlin, einer byzantinischen Kaiserstochter, in die schöne 
Elbstadt einzog. Unser vaterländisch gesinnter Dichter 
Walter von der Vogelweide singt begeistert davon, wie da 
die Thüringer und die Sachsen ihrem König also dienten, 
dafs es den Weisen mufste gefallen. 

Nach diesem Tage leistete Ludolf mit seinen Stifts- 
Vasallen dem König Zuzug gegen Braunschweig, wobei, 
teils zur Rache dafür, dafs Ottos IV. Bruder, der Rhein- 
pfalzgraf Heinrich, eben erst das Erzstift verheert, Kalbe 
aufs neue verbrannt und Schlofs Sommerschenburg zer- 
stört hatte, grausam gewütet wurde, ohne dafs man etwas 
ausrichtete. Ein Zeichen der Verwilderung in diesen ewigen 
Bürgerkriegen war der Überfall und die Blendung des Dom- 
dechanten Heinrich von Glinde bei Althaldensleben durch 
den Grafen Gerhard von Querfurt, Bruder des Burggrafen 
von Magdeburg. Zur Sühnung mufste der Thäter aufser 
einer grofsen Summe Geldes an den Geschädigten und das 
Erzstift mit 500 Rittern vom Ort des Frevels bis zu den 
Pforten des Doms Hunde tragen, eine Ehrenstrafe , die wir 
hier schon zu ottonischer Zeit kennen lernten. 

Jacobs, Geich, d. Prov. Sachsen. 13 



seiner glücklichsten T; 




das Weihnachtsfest des Jahres 



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Sechster Abschnitt. 



Um den Erzbischof zum Abfall vom König Philipp zu 
zwingen, liefs der Papst im Jahre 1202/3 die als Mordbrenner 
stets gelurchteten Böhmen, die Thüringer und andere Völker 
gegen die erzbischöflichen Lande los. Diese hausten mehrere 
Wochen lang furchtbar in der Gegend von Merseburg und 
Halle und verübten unsagbare Frevel, so dafs die armen 
Leute sich über die Elbe flüchteten. Im eigentlichen Thü- 
ringen sollen 16 Klöster und 350 Pfarreien von ihnen ver- 
wüstet sein. Endlich schlug Otto von Brenn die Mord- 
brenner und machte über 400 von ihnen nieder. Da auch 
dieses Mittel nicht verfing, so wurde der Erzbischof vom 
Legaten in den Bann gethan. Aber auch dies schreckte 
Ludolf nicht, sondern er führte dem König ansehnliche 
Mannschaften für die Belagerung von Weifsenlels zu. 

Umfang und Macht des Erzbistums mehrten sich be- 
deutend unter dem wackeren Kirchenfürsten. Zwar von 
den Gütern Heinrichs des Löwen, die noch zur Aner- 
kennung der treuen Dienste seines Vorgängers der Kaiser 
Heinrich VI. am 1. Juni 1193 *) dem Stift schenkte oder be- 
stätigte, blieb nur Stadt und Festung Haldensleben, ein Teil 
des Drömlings und des Bruchs bei Hornburg in dessen Be- 
sitz. Dagegen brachte Ludolf auch Hundisburg, Bornstädt, 
Schraplau und Langenbogen dazu. Gröfsercr Zuwendung 
seitens der Markgrafen von Brandenburg haben wir noch 
zu gedenken. 

Ganz im Sinne seines Vorgängers führte Ludolfs Nach- 
folger Albrecht oder Albert IL, ein geborener Graf von 
Kefernburg, das erzbischöfliche Regiment weiter. Er schlofs 
sieh sofort dem König Philipp an, liefs sich von demselben 
die Kegalien erteilen und wies auch das päpstliche Ansinnen 
zurück, gegen den Lohn seiner Anerkennung vom Papst 
von Philipp abzufallen. Er wurde doch am Weihnachts- 
abend 1206 zum Erzbischof geweiht. Schon war er im 
Juni 1208 zu Quedlinburg mit den meisten unserer Fürsten 
versammelt, um, nachdem Philipps Sache entschieden die 
Oberhand behalten hatte, Otto IV. zur Unterwerfung zu 
nötigen, als die Nachricht von der Ermordung Philipps durch 
Otto von Wittelsbach einlief. Albrecht bewährte seine 
richtige Einsicht, indem er sofort zur Erhaltung des Friedens 
und der Keichseinheit für die Anerkennung Ottos eintrat 
und als einer der ersten sich ihm anschloß«, worauf derselbe 

K Falls nicht, wozu auch das Indictions- und Regierungsjahr 
des Königs veranlassen, die betreffende Urkunde ins Jahr llf*2 zu 
hetzen ist. 



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Erzbisi hof Albwcht und Dombau zu Magdeburg. 



195 



dann in Sachsen und Thüringen allgemein anerkannt wurde. 
Von der Heise zur Kaiserkrönung nach Italien kehrte er 
aber bald zurück, da er mit Otto uneins geworden war, 
verkündigte indefs nur gezwungen den päpstlichen Bann 
gegen ihn und schlofs sich schon im Jahre 1211 Friedrich II. 
und den Staufern an, obwohl selbst sein erster Vasall, 
der Markgraf Otto von Brandenburg, zu dem Weifen hielt 
und von Westen her die Wellen seine. Lande so furchtbar 
verwüsteten, dafs eine gleichzeitige einheimische Quelle sagt, 
es gehöre ein grofses Buch dazu, um all den so angerichteten 
Jammer und Ungemach zu beschreiben. Erst Ottos IV. 
Tod (19. Mai 1218) und Albrechts Friede mit dessen Bruder 
Heinrich am 11. September 1219 brachte dem Lande Buhe. 
Bald danach war der Krzbischof z. B. im Jahre 1220 bei 
Heinrichs VJJ. Königswahl und anderen Geschäften des 
Reichs thätig und wurde 1222 und 1223 zum Stellvertreter 
des Kaisers in Obcritalien und der Komagna erwählt. Ks 
wird vermutet, dafs die zu dieser Zeit entstandenen blutigen 
Bestimmungen gegen die Ketzer nicht ohne unmittel- 
baren Kinfluls Albrechts und seiner im deutschen Hechte 
wurzelnden Anschauungen entstanden seien. Erst im Herbst 
1220 kehrte er nach last dreijähriger Abwesenheit in sein 
Erzbistum zurück. 

Trotz seiner grolsartigen Thätigkeit für Kaiser und 
Keich, wobei er für den Frieden und für eine Ausgleichung 
mit dem Papste wirkte, hat der thätige Krzbischof sein dauern- 
des Andenken, zumal innerhalb seines engeren Wirkungs- 
gebiets, weitaus mehr durch einen grolsartigen Kunstbau 
den gröfsten, den unsere Provinz aufzuweisen hat, begründet, 
durch den Neubau des Doms zu Magdeburg. Durch ein 
furchtbares Brandunglück am Karfreitag des Jahres 1207 
war nämlich der altehrwürdige ottonische Dom gänzlich zer- 
stört worden. Unter Aufbietung aller Kräfte nahm Krz- 
bischof Albrecht die Ausführung eines weit groJsartigeren 
neuen in Angriff. Bei dem Plane desselben ist, aufser der 
Grofsartigkeit der Verhältnisse, die Höhe des langen Mittel- 
schiffs gegen die gedrückten Seitenschiffe hervorzuheben, 
wodurch das Licht in weit reicherem Mafse in das Gottes- 
haus einströmt, als es in den meisten mittelalterlichen Domen 
der Fall ist. Dafs zu diesem Werke nach dem kirchlich 
genährten Zeitglauben Reliquien nicht fehlen durften, ver- 
steht sich von selbst. Albrecht liefs sich vom Herzog von 
Meran das aus Konstantin opel mitgebrachte Haupt des 
heiligen Moritz (bekanntlich als Neger aufgefalst) schenken 
und führte es am Michaelisabend 1220 mit grofsartigem 

13* 



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19G 



Sechster Abschnitt. 



Gepränge und dreitägigen Feiern, zu denen reichlicher Ab- 
lafs gespendet wurde, in Magdeburg ein. 

Aul" das lange, thatenreiene Regiment Albrechts II. (gest. 
15. Oktober 1232) folgte ein sehr kurzes, das Burchards I. 
— bis dahin Domküster zu Hildesheim, eines geborenen Grafen 
von Woldenberg, der als ein wackerer Mann gerühmt wird 
und, auf der Wallfahrt nach Jerusalem begriffen, am 8. Februar 
1235 zu Byzanz starb. Länger als sein Vorgänger, aber nicht 
sehr rühmlich, waltete hierauf bis zu Beinern Tode (29. März 
1253) Albrechts II. Bruder Wilbrand. Weder ist in kirch- 
licher Beziehung viel von ihm zu rühmen, noch nahm er 
an den allgemeinen Angelegenheiten des Reichs Anteil, wenn 
wir ihn auch einmal auf einem Reichstage zu Mainz an- 
wesend finden, wo gegen die rohe Gewalt und das Faust- 
recht Schranken gesetzt wurden. Hierbei mag nicht ver- 
gessen werden, dafs bei dieser Gelegenheit die Bestimmungen 
des Reichs zuerst in der deutschen Muttersprache veröffent- 
licht wurden. 

Mehr als von Werken des Friedens können wir aber 
bei Wilbrand von kriegerischen Unternehmungen berichten. 
Von dem reichen Markgrafen Heinrich von Meifsen liefs er 
sich verleiten, ungerechterweise die ihm von dem Mark- 
grafen von Brandenburg als Vermittler behufs Prüfung des 
besseren Rechts überantworteten Städte Köpenick und Mitten- 
walde dem Meifsener auszuliefern. Hierüber entrüstet, nahmen 
die Brandenburger zunächst das von den Königen Philipp 
und Friedrich II. ans Erzstift geschenkte Lebus weg, das 
der Erzbischof im Jahre 1239 mit grofsem Verluste ver- 
geblich belagerte. Gleichzeitig nahm der Erzbischof gemein- 
sam mit Bischof Ludolf von Halberstadt das als Lehen 
heimgefallene Hadmersleben weg und beide teilten es unter 
ihre Stifter. Als die Markgrafen von Brandenburg ihre 
Ansprüche hierauf und auf das ihnen entrissene Schlofs 
Alvensleben mit dem Schwerte geltend machen wollten, 
schlugen die Bischöfe die Markgrafen. Den einen von 
ihnen, Otto, führte Bischof Ludolf gefangen mit sich nach 
Langenstein und löste ihn nur gegen Verzicht auf Hadmers- 
leben und Alvensleben, sowie gegen Zahlung von 1600 Mark 
Silbers aus. Da gleichzeitig Markgraf Heinrich von Meifsen 
gegen die Mittelmark zog, auch Lebus wieder für Magde- 
burg eroberte, so rafften die Brandenburger sich schnell und 
mannhaft auf, schlugen 1240 den Meifsener bei Mittenwalde 
und besetzten die Lausitz. Nun aber drangen Wilbrand und 
der Bischof von Halberstadt sengend und brennend bis in 
die nördliche Altmark vor und setzten sich bei Gladigau 



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Erzbischof Wilbrand von Magdeburg-Halberstadt. 197 



a. d. Biese fest. Die Markgrafen konnten nur eine geringe 
Mannschaft zusammenraffen; aber um sie scharten sich in 
Eile die wehrhaften Bauern mit Keulen und Bogen. Mit 
ihrer Hilfe gelang es ihnen, die Magdeburger und Halber- 
städter gründlich zu schlagen — nicht der einzige Fall, 
dals Treue und Tapferkeit altmärkischer Bauern ihren be- 
drängten Landesherren aus der Not half. Bischof Ludolf 
wurde mit 60 Rittern gefangen nach Brandenburg abge- 
führt, mufste Alvensleben herausgeben und das Lösegeld 
zahlen, das er früher für die Freilassung des gefangenen 
Markgrafen Otto gefordert hatte. Wilbrand rettete sich 
schwer verwundet erst mühsam nach Kalbe a. d. Milde und 
von hier nach Magdeburg. 

Aber die Freiberger Silberschätze des Meifseners wurden 
die Ursache noch weiteren Blutvergiefsens. Mit ihrer Hilfe 
sammelte Erzbischof Wilbrand schon 1244 eine ansehnliche 
neue Mannschaft, darunter aliein 2000 Ritter, nahm und 
eroberte das damals markgräfliche Wolmirstädt, setzte sich 
bei Rogätz fest und verbrannte die umliegende Gegend und die 
brandenburgischen Ortschaften bis zur Havel. Seine Dienst- 
mannen liefs er bei Plaue in das eigentliche Brandenburg 
einfallen. Aber bei der Plaueschen Brücke wurde den Mord- 
brennern von einer weit geringeren Schar eine völlige Nieder- 
lage beigebracht und ein grolses Blutbad unter ihnen an- 
gerichtet. Der Erzbischof und der Markgraf Heinrich ent- 
kamen mit genauer Not. Wilbrands 17jährige unruhige 
Regierung hat das Erzstift nicht wenig geschädigt, doch ist 
zu erwähnen, dafs er Krosigk und Beliz erwarb. 

Ebenso beharrlich wie die Magdeburger Erzbischöfe 
standen in den langwierigen Kämpfen zwischen Papst und 
Weifen einerseits und den Staufern anderseits die Bischöfe 
von Halberstadt auf Seite der letzteren. Bischof Dietrich, 
vom Geschlechte der Edlen von Krosigk (1180 — 1193), der 
mit möglichster* Wiederherstellung des im Kriege mit Hein- 
rich dem Löwen verwüsteten Stifts und dem Wiederaufbau 
seiner Hauptstadt, insbesondere des Doms, zu thun hatte, 
zog im Juni 1191 mit mehreren anderen, besonders geist- 
lichen Fürsten, gegen Braunschweig, die Residenz des Löwen. 
Aufser den zeitüblichen Verwüstungen wurde aber nichts aus- 
gerichtet. Auf den durch seinen Tod erledigten Bischofstuhl 
wurde 1193 in dem bisherigen Domdechanten und Viztum 
Gardolf, einem Edeln von Harbke, eine sehr würdige Persön- 
lichkeit als Nachfolger gewählt. Bei der schwierigen Stellung, 
die ein Kirchenfürst bei dem unaufhörlichen Kampf der kirch- 
lichen und politischen Parteien hatte, wurde Gardolf seine 



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Sechster Abschnitt. 



Würde wider seinen AVillen aulgenötigt. Der Einfhifs Hein- 
richs VI., dessen treuer Anhänger Gardolf war und blieb, 
scheint bei der Wahl dieses früheren königlichen Kaplans 
den Ausschlag gegeben zu haben. Einmal gewählt, suchte 
Gardolf den Gefahren einer politischen Parteinahme dadurch 
auszuweichen, dafs er eine Wallfahrt zum heiligen Martin 
von Tours unternahm. Als die Frucht dieses Zuges ist der 
von ihm bei seiner kurzen Lebenszeit allerdings nicht 
vollendete Bau der 8. Martinskirche in Halberstadt anzu- 
sehen. Als nun der Staufer Philipp in unsere Lande vor- 
drang, schlofs sich ihm Gardolf doch an und nahm 1198 
an der grofsen Weihnachts Versammlung zu Magdeburg teil. 
Dadurch lud er den Zorn des Papstes auf sich, der durch 
seinen Legaten Wido von Präneste alle, die zu König Philipp 
hielten, bannen liefs. Gardolf machte sich nach Rom aui) 
um sich wegen seiner Lage und Parteinahme zu rechtfertigen. 
Aber da er auf dem Wege dahin das Kloster Kaltenborn, 
die Stätte seiner Jugendbildung, noch einmal besuchen wollte, 
erlöste ihn am 21. August 1201 der Tod von allen Schwierig- 
keiten. 

Nachdem die allgemeine Liebe und Verehrung der Stifts- 
genossen den würdigen Bischof zu Grabe geleitet hatte, be- 
rief die einmütige Wahl einen gleich würdigen, gebildeten 
und gewissenhaften Geistlichen, Konrad von Krosigk, den 
Neffen von Gardolfs Vorgänger, als Erben dieser schwierigen 
Stellung. Auch Konrad, der mit seiner ganzen Familie treu 
auf Philipps Seite stand, nahm nur zaudernd die Wahl 
an, erhielt von seinem König die Regalien und wurde am 
Neujahrstag 1202 als Bischof geweiht. 

Die vorhergesehenen Kämpfe kamen bald, zunächst Ein- 
falle weifisch gesinnter Vasallen, deren er sich tapfer erwehrte, 
dann eine Vorladung seitens des päpstlichen Legaten, der 
ihn, nachdem er ausweichend geantwortet und appelliert hatte, 
bannte.* In dieser Not suchte er sich und sein Stift durch 
eine Wallfahrt oder Kreuzfahrt zu retten. Schon am 1. Juli 
1202 zieht er zu der merkwürdigen, langen Kreuzfahrt, die 
statt direkt auf Palästina zu gehen, Byzanz dem Abendland 
unterwirft und von der Konrad überaus merkwürdige Kunst- 
schätze und Reliquien für seine Domkirche heimbringt. Nach 
vielen Schicksalen erst um Pfingsten 1205 wieder auf italie- 
nischem Boden zu Venedig angekommen, pilgerte er nach 
Rom, um von Innocenz die Absolution zu erwirken. Aber 
trotz aller Empfehlungen der Christenheit stellt der Papst 
als Bedingung seiner Wiederannahme seinen Abfall von 
König Philipp. Als aber Konrad standhaft entgegnet, er 



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Bischöfe Gardolt, Konrad u. Friedrich von Halbcrstadt. 



wolle lieber den Tadel des Ungehorsams gegen den Papst 
als der Untreue gegen seinen königlichen Herrn auf sich 
laden, wird des herrschsüchtigen Papstes Herz für den Augen- 
blick überwunden und er erteilt dem Bischof den Segen mit 
dem Friedenskufs. 

Den Heimkehrenden empfingen jubelnd die gleichge- 
sinnten sächsisch - thüringischen Herren und das gemeine 
Volk. Herzog Bernhard von Sachsen( - Wittenberg) , der 
Askanier, und viele Stiftsvasallen und Diener kamen ihm 
entgegen. Laut jauchzte ihm die Bevölkerung von Halber- 
stadt zu, als er am IG. August 1205 in die Bischofstadt ein- 
zog. Er fand genug im Stift zu thun ; auch galt es, die wei- 
fischen Grafen von Sommerschenburg zu strafen. Dem König 
Philipp war er unwandelbar treu, bis diesen am 21. Juni 
12U8 die Mörderhand des Wittels bachers traf. Die Rück- 
sicht auf den Frieden des Reichs liefs ihm nun nichts übrig, 
als gleich Albrecht und anderen geistlichen und weltlichen 
Fürsten Sachsen - Thüringens Otto auf einem an seinem 
Bischofssitze abgehaltenen Fürstentage anzuerkennen. Dann 
hielt er es aber in seiner bischöflichen Stellung nicht mehr 
aus, sondern trat von derselben zurück und ging als Mönch ins 
Kloster Sichern oder Sittichenbach im Mansfeldischen, wo er 
am 21. Juni 1225 nach manchem Werke des Friedens, zu dem 
der verehrte ehrwürdige Mann als Vermittler gekoren wurde, 
verstarb. Dem politisch - weltlichen Treiben der Päpste ab- 
gekehrt, war er ein Gesinnungsgenosse des vaterländischen 
Sängers Walter von der Vogelweide, der ihm wahrscheinlich 
unter der Bezeichnung des „guten Klausners" an mehreren 
Stellen seiner Gedichte ein ehrendes Denkmal gesetzt hat. 

Die Bürde des Bistums ging nun auf Friedrich, einen 
geborenen Herrn von Kirchberg, über. Auch er trat auf 
die kaiserliche Seite, nunmehr die Ottos IV., aber erst als 
eine vom Papst geforderte zweite Wahl wieder auf ihn fiel, 
ward er anerkannt. Friedrichs Gelehrsamkeit und Schrift- 
kenntnis wird gerühmt. 

Nach Ostern 1211 schrieb des Kaisers Bruder, Pfalzgraf 
Heinrich, einen Reichstag aus, auf welchem über Erzbischof 
Albrecht von Magdeburg die Reichsacht ausgesprochen wurde, 
weil er, wenn auch erst auf wiederholtes Drängen des Papstes, 
über Otto IV. den päpstlichen Bann verkündigt hatte.. Wie 
sehr der Parteikampf und das viele Bannen und Achten 
auch in den geistlichen Stiftungen den Gehorsam gelockert 
hatte und Weltliche und Geistliche in unaufhörlichem, oft in 
sehr privaten Anlässen begründetem Widerstand gegen die be- 
stehende Ordnung und gegenseitigen Fehden lagen, zeigte sich 



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■ 



'200 Sechster Abschnitt. 

z. B. beim Kloster Ilsenburg. Da Bischof Friedrich als An- 
hänger des Kaisers im Bann war, sollte der Erzbischof von 
Magdeburg im Kloster den päpstlich gesinnten Mönch Hart- 
wig als Abt einsetzen. Die Mönche aber, die ihr Wahlrecht 
verletzt sahen, widersetzten sich und wurden vom Erzbischof 
gebannt. Zum Verkündiger des Bannes wollte sich erst 
niemand bereit finden, und als Heinrich von Beckin, Stifts- 
herr auf dem Petersberge bei Halle, sich dazu entschlofs, 
wurde er auf Schlofs Wernigerode gefangen gehalten, woraus 
wir sehen, dafs auch die Grafen zu Wernigerode entschieden 
auf der Seite des Kaisers waren. Den freigelassenen Dom- 
herrn wollte der Propst seines Stifts aus persönlichen Gründen 
nicht wieder aufnehmen. Hartwig aber gelangte im Kloster 
Ilsenburg nicht zur Anerkennung und über ein Jahrzehnt 
gab es hier verschiedene, schnell sich folgende, zwiespältige 
Abtswahlen und Kämpfe, wobei die Mönche kühn sogar 
gegen päpstliche Entscheidung appellierten. 

Da Bischof Friedrich sich genötigt sah, von dem ge- 
bannten König Otto IV. abzutreten und dem Staufer Fried- 
rich II. sich zuzuwenden, so litt das Stift gewaltig von dem 
im Jahre 1216 gerade in unserer Gegend vorübergehend 
die Oberhand gewinnenden weifischen Kaiser, dessen Befehls- 
haber Cäsarius von Quedlinburg aus besonders Erzbischof 
Albrecht II. und das Magdeburger Land schwer bedrängte. 
Der am 19. Mai 1218 erfolgte Tod Ottos IV. vereinfachte 
zwar die Lage; dennoch hörten die inneren Kämpfe nicht 
auf. Dazu folgten auf einen strengen Winter gerade damals 
grofse Not und Teurung, Pest und Sterben. Im Jahre 1219 
sah sich z. B. das S. Jacobstift zu Bamberg genötigt, sein 
Besitztum zu Langeln bei Wernigerode zu veräufsern: „weil 
es bei den unaufhörlichen Kriegswirren im Deutschen Reiche 
keinen Nutzen davon gewinnen konnte". Dennoch haben 
wir zu erwähnen, dafs gerade im Jahre 1220 ein Werk des 
Friedens, eine vorläufige Weihung des nach der Zerstörung 
durch Heinrich den Löwen wieder neu aufgeführten Domes 
zu Halberstadt, stattfinden konnte, was mit besonderer Feier- 
lichkeit geschah. 

Wenn aber in den ewigen Fehden das Ansehen des 
Reiches und der Wohlstand des Landes schwer geschädigt 
wurde, so vermehrte sich dagegen die Vollgewalt der Reichs- 
glieder nicht nur in den weltlichen, sondern auch in den 
geistlichen Territorien. Im Jahre 1220 trat König Fried- 
rich H. die Schirmvogtei über das Halberstädter llochstift 
an dieses selbst ab. Dieses Privilegium gab zu manchen 
Konflikten mit Grafen und Edlen Anlals, da diese bereits 



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Bistum Halberstadt, Bischof Friedrich. 



201 



in den erblichen Besitz von Teilen dieser Vogteigerechtigkeit 
gelangt waren. Der Kaiser verzichtete ferner auf die Ein- 
ziehung erledigter Stiftslehen und verpflichtete sich, keine 
Schlösser und Städte im Stiftsgebiet anzulegen. Auch auf 
das sogenannte Spolienrecht (Anspruch auf den Mobiliar- 
nachlafs der Bischöfe) leistete er Verzicht. 

Aus Bischof Friedrichs Zeit wissen die Chronisten noch 
von dem Aufkommen des heiligen Bluts zu Waterler bei 
Wernigerode — einem jener infolge der kirchlichen Trans- 
substantiationslehre ans Licht getretenen Mirakel — zu be- 
richten, dessen Heiltümer der Bischof mit einer endlosen Pro- 
Zession in den Dom von Halberstadt führte. Von dieser Uber- 
führung soll ein merkwürdiger Mann, Meister oder Magister 
Johann Semeke, bekannt in der Rechtswissenschaft unter 
dem Namen Johannes Teutonicus, abgeraten haben, der erste 
aus eigentlicher Hochschulbildung hervorgegangene Mann, 
den neben einem Elger von Honstein unsere Provinzial- 
geschichte zu nennen hat. Er besuchte die Hochschule zu 
Bologna und ist der Ausleger des Decretum Gratiani. Seit 
1212 finden wir ihn in Halberstadt als Magister und Domherrn, 
1220 als Scholaster, 1223 Propst zu Unser Lieben Frauen, 1235 
bis 1241 Domdechant. Er starb am 25. April 1245 als Dom- 
propst. So viel auch von seiner geistigen Bedeutung, die ihn 
manchen Irrtum seiner Zeit erkennen Üefs, gesagt wird, und 
obwohl ein Denkmal am hohen Chor des herrlichen Doms 
zu Halberstadt sein Gedächtnis monumental zu verewigen 
sucht, so fehlt es doch bis jetzt an den nötigen Quellen zu 
einer gründlichen Beurteilung dieser Erscheinung. 

Da die kriegerischen Ereignisse aus der Zeit der nächsten 
Bischöfe Ludolf I. (1236— 1241) und Meinhard (1241—1 252), 
sowie des verschwenderischen, leichtsinnigen Ludolf II. 
(1252 — 1255) mit denen des Erzstifts Magdeburg im engsten 
Zusammenhange stehen, so wurden sie bereits oben berührt. 
Die beiden Ludolfe gehörten dem gräflichen Hause Schladen, 
Meinhard dem der Edeln von Kranichfeld an. Meinhard trat 
aus nicht klar ersichtlichen Gründen vom Bistum zurück 
und starb am 23. Januar 1254. Ludolf II. wurde auf eine 
Klage des Domkapitels hin vom Papste entsetzt, behielt aber 
die erste Stellung im Stift nach dem Bischof und erteilte 
noch 1287 einen Ablafsbrief. Der von Ludolfs Nachfolger, 
Bischof Volrad (1255 bis Ende 1296), einem Neffen Mein- 
hards vollzogenen Veräufserung der Grafschaft Seehausen haben 
wir bei Magdeburg zu gedenken. 

Dürfen wir von einem Eingehen auf die Bistümer Merse- 
burg und Naumburg-Zeitz in dieser Periode um so mehr ab- 



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Sechster Abschnitt. 



sehen , als ihre Geseluehte wenig Bemerkenswertes darbot 
und ihre politische Bedeutung durch die Fürsten vom wetti- 
nischen Stamme ebenso zurückgehalten wurde, wie die 
von Jlavelberg und Brandenburg durch die Askanier, so 
wenden wir uns nun von den geistlichen Gebieten zu den 
weltlichen. 

Nachdem im Norden Albrecht der Bär, als einer der 
gröfsten Fürsten seiner Zeit, sich und damit dem christlich- 
deutschen Wesen auf dem Boden des früheren Wenden- 
landes einen festen Herrschaftssitz begründet hatte, fuhren 
seine Söhne durch mutige Kämpfe einesteils, durch Werke 
des Friedens, Ortsgründlingen, Herbeizieh ung deutscher An- 
siedler und Mannen niederen Adels andernteils, fort, sein 
Werk weiter zu fördern. Ihre Herrschaft entwickelte sich um 
so erfolgreicher, als sie zwar ihr Verhältnis zu Kaiser und 
Reich nicht lösten, aber doch auf dem meist mit ihrem 
Schwerte behaupteten slavischen Gebiete im Vollbesitz der 
obrigkeitlichen, der höchsten richterlichen und kriegerischen 
Gewalt und des Eigentumsrechts waren. Daher begannen 
bald die Brandenburger Markgrafen, als später anerkannte 
Kur- oder Wahlfürsten, einen grofsen Einflufs auf" die Wahl 
der deutschen Könige zu gewinnen. Albrechts Sohn und Nach- 
folger, Otto I. (1170—1184) versah zuerst im Jahre 1182 das 
Amt eines Erzkämmerers des Deutschen Reichs. 

Wir haben es nun hier nicht mit der ganzen Regierungs- 
geschichte dieser Fürsten und der Ausbreitung ihrer Herr- 
schaft nach Osten zu thun, sondern nur soweit ihr Wirken 
sich auf die Gebiete westlich von Elbe und Havel erstreckt. 
Ottos Söhne, Markgraf Otto IL (1184 — 1205) und Albrecht H., 
Graf von Arneburg (Markgraf von 1205 — 1220), waren 
ziemlich verschiedener Natur, der letztere mehr kriegerisch, 
der erstere mehr geistlich gerichtet. Diesem Zuge folgend, 
auch wohl aus anderen nicht klar erkennbaren Gründen, 
sehen wir Otto II. im Jahre 1196 in der Domkirche zu 
Magdeburg in Gegenwart seiner Mannschaft, des ganzen 
Domkapitels und unter Zustimmung seines Bruders alle seine 
Erb- und Lclmgüter in der Altmark, teilweise sogar darüber 
hinaus, samt Hundisburg, seine Rechte in der Grafschaft 
Sommerschenburg und an den Falkcnsteinschen Gütern 
feierlieh dem Erzstift übereignen, allerdings um dieselben 
nach 1 Vg Jahren für sich und seine Nachfolger im Manns- 
stamme und in weiblicher Linie als Lehen zurückzuempfangen. 
Er bestätigt auch eine frühere Schenkung von Möckern und 
Schollene und fügt das damals bestehende Schlols Gerwisch 
hinzu. Unter den altmärkischen Städten werden, aufser den 



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t 

Dil.» Nachfolger Albrechts de* Hären. 203 

schon in Albreehts des Bären Briet' für Stendal gegen J 1 5 < » auf- 
geführten, Gardelegen, Scehausen, Kalbe (a. d. Milde) ge- 
nannt. Diese Lehensauftragung an den heiligen Moritz sollte 
später der Grund zu langen, schweren Verwickelungen mit 
dem Stift Magdeburg werden, die vollständig erst drittehalb 
Jahrhunderte später beglichen wurden. Die zwischen Elbe 
und Havel gelegenen Orte und Gebiete waren zwar schon 
zu ottonischer Zeit dem Magdeburger Erzstift und dessen 
Suffraganen zu Brandenburg und Havelberg geschenkt, in 
den Kämpfen der folgenden Zeit aber ganz verloren gegangen 
und kamen so aufs neue an die geistliche Oberherrschaft 
zurück. 

Schon Markgraf Albrecht II. suchte, indem er länger als 
der gleichnamige Erzbischof von Magdeburg dem geächteten 
König Otto IV. gegen König Friedrich II. anhing, mit Hilfe 
der Weifen die eben erwähnte Schenkung seines Bruders 
Otto rückgängig zu machen. Der Sieg des Hohenstaufen 
vereitelte diese Hoffnung. Nach Albrechts Tode fand wieder 
eine Teilung der brandenburgischen Herrschaften unter seine 
Söhne Johann I. (1220 — 1266) und Otto III. (1220— 12U7) 
statt, zuerst unter Vormundschaft der Wettinerin Mathilde, 
Tochter Markgraf Konrads von der Lausitz. Durch dio 
hohe Einsicht und das treue Zusammenhalten beider Brüder 
wurde der Nachteil der Teilung vermieden. Sie hielten fest 
zu König Friedrich II., dessen Bannung durch den Papst 
sie nicht veröffentlichen liefsen. Gegen die Kirchenfürsten 
zu " Magdeburg und Halberstadt kämpften sie mit Erfolg, 
trugen, wie wir sahen, im Jahre 1240 bei Gladigau in der 
nördlichen Altmark einen Sieg über sie davon und wulsten 
vier Jahre später im Frieden das Aufgeben der magdebur- 
gischen Lehenshoheit in der Altmark durchzusetzen. Durch 
Anschlufs an den deutschen König Wilhelm von Holland 
erwarben sie ihren Ländern, besonders betriebsamen Städten 
wie Stendal und Salzwedel, verschiedene Handelsvergünsti- 
gungen. Erstere Stadt betrieb schon ein ausgedehntes Tuch- 
machergewerbe und Handel. Wie sehr im ganzen 13. Jahr- 
hundert der Schwerpunkt der brandenburgisch - askanischen 
Herrschaft noch auf der Altmark ruhte und wie sie unter 
den Linien verteilt zu werden pflegte, zeigt schon der Um- 
stand, dafs, als sich nach Ableben beider Brüder das Haus 
in zwei Lienien spaltete, man die eine, ältere johanneische 
Linie die Stendaler, die jüngere ottonische die Salzwedeler 
benannte. 

Kein so freier Spielraum für ihre Entwickelung wie den 
Erben der ehemaligen Mark Nordsachsen war den übrigen 



uigmze 



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* 

204 Sechster Abschnitt. 

von Albrecht dem Bären entsprossenen Linien des askani- 
schen Hauses gewährt. Die Nachkommenschaft seines im 
Jahre 1176 verstorbenen zweiten Sohnes Hermann, die 
Grafen von Orlamünde, deren Stamm erst im Jahre 1476 
erlosch, haben wir zuweilen bei der Geschichte der thürin- 
gischen Landgrafen, mit denen sie häufig in Fehde lagen, 
zu erwähnen. Des Geschlecht seines Sohnes Bernhard, des 
im Jahre 1212 verstorbenen Herzogs von Sachsen, teilte sich 
in der Weise, dals der ältere Sohn Albrecht I. (1212 — 1261) 
das Herzogtum Sachsen, der jüngere, Heinrich (f 1252) die 
anhaltischen Stammlande am Unterharz, Mulde und Elbe 
erhielt. So sehr die Geschicke dieser Linie, der Grafen und 
Fürsten von Anhalt, in die Ereignisse unserer Lande ein- 
greifen, so scheiden sie doch als besondere anhaltische Ge- 
schichte von unserer Aufgabe aus. 

Eine gewisse zentrale Stellung nimmt dagegen das durch 
Albrecht I. fortgeführte Herzogtum Sachsen für unsere 
Provinzialgeschichte ein. Aber auch diese Würde spaltete 
sich unter Albrechts Söhnen wieder, indem der ältere Sohn 
Johann I. (f 1285) das Gebiet an der Niederelbe als 
Herzogtum Sachsen-Lauenburg (erloschen 1689), der jüngere, 
Albrecht IL (1260—1298), der im Jahre 1288 auch die 
pfalzgräfliche Würde erwarb, das Herzogtum Sachsen-Witten- 
berg begründete. Letzteres, genannt nach der gewöhnlich zum 
Herrschaftsitz erkorenen Elbstadt, fällt in den Kähmen unse- 
rer Geschichte. Von mächtig aufstrebenden Nachbaren, ihren 
eigenen Verwandten in Brandenburg und Anhalt, den 
Wettinern und den geistlichen Fürstentümern von Magde- 
burg und Halberstadt beschränkt, vermochten die Sachsen- 
Wittenberger Herzöge ihre vom Reich empfangene Ober- 
lehenshoheit und Gerichtsbarkeit über Grafen und Herren 
nur in geringem Umfange zur Geltung zu bringen. Ihre 
eigene Herrschaft erstreckte sich von der Elbe bis über 
die heute anhaltischen Gegenden hinaus. Hier zu Aken, 
einem erst durch sie, zumal im 13. Jahrhundert, zu einer 
gewissen Bedeutung gelangten Orte, hatten sie in dem 
von ihnen gebauten Schlosse zeitweise, so z. B. Albrecht I. 
im Jahre 1227, ihren Sitz. Der sowohl seines Namens als 
der Erwähnung von flämischen Ackern und Wiesen in un- 
mittelbarster Nachbarschaft wegen als Gründung der Nieder- 
länder (offenbar Mitte des 12. Jahrhunderts) sich ankündende 
Ort war gerade, durch seine Lage an einem Knie der Elbe 
und einer den Überschwemmungen des Stromes ausgesetzten 
Niederung ein besonders geeigneter Platz für die hohe Be- 
triebsamkeit dieses Stammes. 



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Herzogtum Sachsen-Wittenberg. 



203 



Das gröfsere und namengebende Stammgebiet des Herzog- 
tums Sachsen-Wittenberg war aber ein zu beiden Seiten der 
Elbe um die seit der Reformation so berühmt gewordene 
bescheidene Elbstadt sich erstreckender Burgwardbezirk. An 
diesen ganz innerhalb des heutigen Regierungsbezirks Merse- 
burg gelegenen Kern wurde erst spät im 13. Jälirhundert 
ein bedeutend gröfseres Gebiet gefügt. Am 28. Juni 1290 
war nämlich mit Otto III. die Brenaische Linie des Hauses 
Wettin, die Nachkommenschaft von Konrads des Frommen 
jüngsten Sohne, Friedrich, ausgestorben. Nach dem da- 
maligen Rechtsbrauche wäre beim Fehlen unmittelbarer 
Lehnsnachfolger das Erbe an den nächsten Agnaten ge- 
fallen. Nun nahm aber der damalige Alteste des Hauses 
Wettin, Albrecht der Entartete, der auch sonst das Ansehen 
der Wettiner schwer schädigte, deren Interesse auch hier 
nicht wahr, sondern gab seine Zustimmung dazu, dafs König 
Rudolf von Habsburg, der damals, gleich Albrecht, in Erfurt 
weilte, über das Erbe des Grafen Otto wie über ein heim- 
gefallenes Reichslehen verfügte. König Rudolf belehnte mit 
der Grafschaft Brena seinen Enkel Rudolf I. — später (vor 
1298) Herzog von Sachsen — den Sohn seiner dem Herzoge 
Albrecht II. im Jahre 1273 vermählten Tochter Agnes. Zu 
dem nach dem Städtchen Brena, zwei Meilen östlich von 
Halle, genannten Hauptteil der Grafschaft mit Bitterfeld, 
Kemberg und anderen Orten, kam eine Reihe magde- 
burgischer Lehen, wie Schweinitz, das benachbarte Lobene, 
Klöden, Trebus, Jessand (Jessen), Prettin mit der Heide, 
Arnoldshagen, Zwetau, Werben bei Bitterfeld, Gommern. 
Ein Teil, wie Beizig und Wiesenburg, lag schon in der 
heutigen Provinz Brandenburg. Herzberg, wo die Grafen 
von Brena öfter Hof gehalten hatten, scheint im 13. Jahr- 
hundert eine gewisse Bedeutung gehabt zu haben. 

Auf dem der Hauptsache nach innerhalb des heutigen 
Regierungsbezirks Merseburg gelegenen Kurkreise ruhte 
nun eine hohe Würde, denn die zu Wittenberg waltenden 
Fürsten nannten sich, gleich ihren lauenburgischen "VTetteni, 
Herzöge zu Sachsen und Erzmarschälle des Reichs. Durch 
Kauf brachten sie auch die Burggrafschaft Magdeburg an 
sich. Besonderes Ansehen verlieh es dem nur mittelgrofsen, 
von Natur ziemlich spärlich ausgestatteten Gebiete, dafs eine 
der sieben Kurstimmen des Reichs auf seine Herzöge fiel, 
nachdem die lauenburgische Linie sich noch zu König 
Rudolfs I. Zeit vergeblich darum beworben hatte. So 
ruhten denn längere Zeit zwei Kurhüte fast ganz oder zum 
grofsen Teile auf Gebieten unserer Provinz. Mit Albrecht III. 



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'Jims 



St eilster Abschnitt. 



starb im Jahre 1422 das Geschlecht der Herzöge und Kur- 
fürsten zu Sachsen- Wittenberg vom askanischen Stamme aus. 

Wie wir schon sahen, blieb das mehrfach geteilte Gebiet 
des Wettiners Konrad des Frommen nicht ohne empfindliche 
Einbulsen. Am frühesten erlosch die Linie seines zweiten 
Sohnes Dietrich, der mit seinem Bruder Dedo dem Fetten 
von Groitsch und Rochlitz zugleich die Niederlausitz, aber 
auch die Mark Landsberg und die Grafschaft Eilenburg be- 
sals. Kr erbaute das Schlofs in dem kleinen nordöstlich von 
Halle gelegenen Städtchen Landsberg und gilt auch als Er- 
bauer von Schiida. Er hielt treu zu Kaiser Friedrich I. und 
wallte in Zorn auf, als im Jahre 1177 der Papst zögerte, 
zu Venedig den demütig knieenden Kaiser in Gnaden an- 
zunehmen. Doch that er in seinem stürmischen Wesen 
nicht immer, was gut war. Von seiner polnischen Gemahlin, 
Dobcrgana, getrennt, zeugte er mit Kunigunde, der Witwe 
Graf Konrads von Plötzke, einen Sohn, Dietrich, der von 
1201 — 1215 Bischof von Merseburg wurde. 

Als Markgraf Dietrich am 9. Februar 1185 auf dem 
Petersberge gestorben war, fiel seine Herrschaft auf den 
nächsten Bruder Dedo, und da dieser schon am 16. August 
1190 das Zeitliche segnete, folgten ihm seine Söhne Dietrich, 
der den Anspruchstitel eines Grafen von Sommerschenburg 
führte, und Konrad. Dedos Tochter Agnes aber sollte die 
Stammmutter zweier kanonisierter Frauen werden, der 
heiligen Hedwig und der heiligen Elisabeth. 

Wie alle Wettiner treu zu Kaiser Friedrich, zu Hein- 
rich VI. und Philipp stehend, begleitete Konrad den ersteren 
auf seinem Eroberungszuge nach Italien. Da er am G. Mai 
121o starb, sein Bruder Dietrich schon am 13. Juni 1207 
heimgegangen war, so fiel die Mark Landsberg, Eilenburg 
und sein übriger Besitz an die meifsnische Linie, die Nach- 
kommenschaft von Konrads des Frommen ältestem Sohne 
Otto. 

Nur kurze Zeit danach wurde das Erbe Heinrichs (ge- 
storben 1181), des vorletzten Sohnes des üben genannten Ahn- 
herrn, erledigt. Heinrich war Herr der zwar kleinen, aber 
als Stammgrafschaft dem Hause besonders teuern Gratschaft 
Wettin im heutigen Saalkreise. Sein Sohn Ulrich (f 1206) 
besiegte 1203 mit seinem Vetter Otto von Brena bei Lands- 
berg und Zörbig die zügellosen Bundesgenossen König 
Ottos IV., die Böhmen. Da aber mit seinem am 15. März 
1217 im zwölften Lebensjahre dahinscheidenden Sohne Hein- 
rich die Linie erlosch, so fiel Wettin an die Linie Brena. 
Nachdem deren Stifter Friedrich 1., Konrads des Frommen 



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Die jüngeren Linien der Wcttiner. 207 

jüngster Sohn, am 4. Januar 1182 gestorben war, folgte 
sein Sohn Otto ]., der bereits am 2."». Mai 120.J verschied 
und dessen Bruder Friedrieh II. Beider Schwester Sophie 
wurde 1203 Äbtissin zu < Quedlinburg, doch im Jahre 1224 
infolge ihrer Händel mit den Bürgern von (Quedlinburg 
entsetzt. 

Friedrich II., der später in den Tempelherrenorden trat 
und am 16. Oktober 1221 vor Akkon blieb, setzte sein 
Geschlecht durch seinen Sohn Dietrich fort, der um 1270 
verstarb. Nur dessen ältester Sohn Konrad 1. verblieb im 
weltlichen Stande (er starb 1278). Von seiner Gemahlin 
Elisabeth, der Tochter Herzog Albrechts 1. von Sachsen- 
Wittenberg, hatte er vier Söhne, von denen Albrecht, Kon- 
rad und Otto III. gemeinschaftlich regierten, während Diet- 
rich, der jüngste, wie mehrere seines Geschlechts, Templer 
wurde. Von den drei regierenden Brüdern starb Otto III. 
am 28. Juni 1290 als der letzte seiner Linie. Dafs nach 
seinem Tode die Grafschaft Brena durch Verleihung König 
Rudolfs an das Herzogtum Sachsen - Wittenberg Hcl, er- 
wähnten wir schon. Dagegen ist noch zu bemerken, wie 
die alte, erst 1217 der brenischen Linie anheimgefallene 
Grafschaft, Schlots und Stadt Wettin im heutigen Saalkreise 
im Jahre 1288 durch einen Kaufvertrag mit Erzbischol 
Erich — von askanisch- brandenburgischem Stamm — für 
8<)0 Mark stendalschen Silbers an das Erzstift Magdeburg 
veräufsert wurde. So ging dieses alte Besitztum, nach wel- 
chem es genannt wurde, dem erlauchten Hause für immer 
verloren, wälirend das Erzstift seinen Besitz an der Saale da- 
durch in willkommener Weise abrundete. Das altehrwürdige 
Familienkloster Petersberg, magdeburgisches Lehen, wurde 
erst vier Jahrhunderte später von einem üppigen Sprossen 
(bis wettinischen Geschlechts an die Rechtsnachfolger im Erz- 
stift verkauft. 

Nachdem wir so in Kürze die Hauptschicksale der vier 
jüngeren wettinischen Linien bis zu ihrem Erlöschen über- 
blickt haben, verfolgen wir nun die durch den Markgrafen 
Otto begründete älteste Hauptlinie bis zur Zeit des deutschen 
Zwischenreichs. Dafs ihm der Versuch, mit seinen Reich- 
tümern Besitzungen in Thüringen zu erwerben, ohne sie vom 
Landgrafen zu Lehen zu nehmen, im Kampf mit demselben 
schlecht bekommen war, sahen wir bereits. Da er auf An- 
stiften seiner Gemahlin Hedwig, Tochter Albrcehts des 
Bären, die Nachfolge in der Mark Brandenburg statt dem 
ältesten Sohn Albrecht dem jüngeren Dietrich zuwenden 
wollte, so bekriegte der erstere seinen Vater. 



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208 



Sechster Abschnitt. 



Als Otto am 18. Februar 1190 gestorben war, führten 
die brandenburgischen Brüder den Krieg gegen einander 
fort. Der ältere machte auch auf Weifsenfeis und einiges 
andere Ansprüche und fand beim Landgrafen Hermann von 
Thüringen Unterstützung, der ihm im Jahre 1194 seine 
neunjährige Tochter verlobte. Mit des Landgrafen Hilfe 
befreite Dietrich Weifsenfeis und schlug seinen Bruder bei 
Röblingen. Albrechts schon im Jahre 1195 erfolgter Tod 
setzte zwar dem Bruderkampf ein Ziel; da aber nun Kaiser 
Heinrich VI. Meifsen als ein erledigtes Lehen einzog, so eilte 
Dietrich bald von einem Kreuzzuge, den er unternommen 
hatte, heim. König Philipp räumte ihm die Mark ein und er- 
warb sich damit einen Bundesgenossen, doch war er bei der 
Belagerung von Weifsenfeis 1212 auf Ottos IV. Seite gegen 
König Friedrich IL, kehrte aber nach der Schlacht bei 
Bouvines wieder zu dem letzteren zurück. Eine bedeutende 
Verstärkung erfuhr Dietrichs Macht dadurch, dafs er 1210 
die (Nieder-)Lausitz, die Mark Landsberg, einen Teil von 
Eilenburg und anderes mehr ererbte. 

Die Kämpfe mit der emporstrebenden Stadt Leipzig und 
deren adeligen Bundesgenossen, deren Dietrich erst mit 
Hilfe König Friedrichs Herr ward, können hier nur an- 
gedeutet werden, ebenso die mit Bischof Ekkard von Merse- 
burg und Erzbischof Albrecht von Magdeburg, die 1217 zu 
einer vergeblichen Belagerung von Aken führten. Der 
Markgraf, dem seine vielen Kampfesnöte und Widersacher 
den Zunamen „ der Bedrängte " erwarben , hinterliefs bei 
seinem am 17. Februar 1221 erfolgten Tode drei Söhne, 
von denen Dietrich, der älteste, von 1242 (1244) bis 1272 
Bischof von Naumburg, Heinrich, der zweite, Dompropst zu 
Meifsen wurde. Unter seinem gleichnamigen dritten Sohne, 
der in der Geschichte unter seinem ehrenden Zunamen 
illustris oder der Erlauchte bekannt ist, hob sich die Macht 
und das Ansehen des wettinischen Hauses mächtig. Da 
aber seine Glanzperiode über die Zeit des Interregnums 
hinausgeht, so begleiten wir ihn liier nur bis zu deren 
Schwelle. 

Da Heinrich bei seines Vaters Tode erst ein Knabe von 
etwa vier Jahren war, so übernahm sein Oheim Ludwig 
der Heilige die Vormundschaft und liefs sich auf den Fall, 
dafs sein Mündel vor erreichter Volljährigkeit sterben würde, 
von Edeln, Dienstmannen und Volk huldigen, auch seinem 
Sohne Hermann 1227 die kaiserliche Eventualbelehnung er- 
teilen. Auch seine Mutter Jutta, die im Jahre 1224 mit 
dem Grafen Poppo XIII von Henneberg wieder in die Ehe 



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Die Hauptlinie der Wettiner bis auf Heinrich den Erlauchten. 209 



trat und die Erziehung des Sohnes leitete, nahm an der 
Vormundschaft teil, während der Erzbischof von Magdeburg 
sie für seine Stiftslehen beanspruchte. Etwa zwölf Jahre 
alt, wurde Heinrich mit Constantia, Tochter des baben- 
bergischen Herzogs Leopold VI. verlobt und 1234 die 
Ehe vollzogen. Seit Ludwigs von Thüringen Ableben tritt 
^uch Albrecht I., Herzog zu Sachsen - Wittenberg, als Mit- 
vormund auf. 

Zuerst kämpfte der kaum dem Jünglingsalter entwachsene 
Fürst im Jahre 1237 als Helfer des deutschen Ordens gegen 
die heidnischen Preufsen. Schon in seiner Kindheit hatte 
er den Brüdern Güter zu Dommitzsch und zwei benachbarte 
Dörfer (Kreis Torgau) geschenkt. Aber so wie hier die 
Beziehungen zum fernen Osten keine dauernden werden 
sollten, so wurde auch die grofse Mongolengefahr, um 
derentwillen die Fürsten im Jahre 1241 eine Versammlung 
in Merseburg abhielten, durch einen blutigen Entscheidungs- 
kampf in Schlesien von unseren bedrohten Grenzen fem 
gehalten. 

Durch eine Niederlage gegen die Markgrafen Johann 
und Otto von Brandenburg an der Biese gingen ftir Hein- 
rich im Jahre 1240 Köpenick und Mittenwalde verloren, die 
ein Schiedsgericht Erzbischof Wilbrands von Magdeburg ihm 
schon zugesprochen hatte. 

Dagegen erwuchsen dem meifsnischen Markgrafen durch 
das treue Festhalten an Kaiser Friedrich H. Vorteile, die 
einen solchen Mifserfolg verschmerzen liefsen. Am 30. Juni 
1243 erteilte ihm letzterer auf den Fall vom Tode des erb- 
losen Landgrafen Heinrich Raspe die Belehnung mit Thü- 
ringen und der sächsischen Pfalzgrafschaft, verlobte seine 
sechzehnjährige Tochter Margarete mit des Markgrafen 
ältestem Sohne Albrecht und räumte demselben vorläufig 
das Land der kaiserlichen Vögte, das Pleifsener- oder Vogt- 
land, ein unmittelbares Reichsland, ein, das die wettinischen 
Lande aufs schönste abrundete. Dafür hielt Heinrich, als 
seine nächsten Verwandten sich schon abgewandt hatten, 
so lange zur staufischen Partei, bis der Tod Heinrich Raspes 
und die thüringischen Verhältnisse ihn zu einer Veränderung 
seiner Stellung nötigten. 

Bevor wir hierauf eingehen, haben wir noch etwas auf 
die Geschichte der thüringischen Landgrafen unsere Auf- 
merksamkeit zu richten. Auf Ludwig III., der bis zu seinem 
bald nach der Rückkehr vom Kreuzzuge erfolgten Tode 
treu zu Kaiser Friedrich I. hielt, folgte von 1190 bis 1217 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 14 



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210 



Sechster Abschnitt. 



sein Bruder Hermann, der durch seine Unzuverlässigkeit 
und seinen fortwährenden nur dem materiellen Vorteil be- 
stimmten Parteiwechsel zu den meisten benachbarten Fürsten, 
einem Erzbischof Wichmann oder Ludolf oder Bischof Kon- 
rad ein abstofsendes Widerspiel bietet. Durch seine, mit 
gröfster Rücksichtslosigkeit verfolgte Politik der freien Hand 
brachte er, weit entfernt, wirkliche Vorteile oder gar An- 
erkennung zu gewinnen, sein Land nur in das entsetzlichste 
Elend, indem dasselbe zwischen 1198 und 1208 der Schau- 
platz verwüstender Kämpfe bald des Staufers Philipp, bald 
des Weifen Otto war. Von König Philipp liefs er sich,, 
da er ihm gröfseren Lohn bot, Reichsgüter und Gerechtsame 
und den unterpfandlichen Besitz der Reichsstädte Nordhausen 
und Mühlhausen und das halbe Schlofs Ranis, 1199 gegen 
Otto gewinnen. Als aber der letztere ihn mit jenen Städten 
belehnte, schlug Hermann sich zu ihm und wurde danach 
auf dem um Bartholoraäi 1203 von Otto abgehaltenen Hof- 
tage zu Merseburg mit seinem Fürstentum und Lehen aufs 
neue begnadet. Gegen Philipps vordringende Scharen rief 
er 1203 die Böhmen zuhilfe, die aber in einer den Deut- 
schen nur zu bekannten W^eise wüsteten, zerstörten und 
plünderten. In Erfurt gelang es ihm, König Philipp ein- 
zuschliefsen, der aber entkam und mit den ihm zufallenden 
thüringischen Grafen und Herren das landgräfliche Sanger- 
hausen zerstörte. Nochmals kamen, als Helfer gerufen, die 
Böhmen, aber wieder als Verwüster und Zerstörer. Gezwungen 
demütigte Hermann sich vor Philipp, fiel aber nach dessen 
Ermordung schleunigst wieder Otto IV. zu, um aber eben so 
schnell wieder von ihm abzufallen, als Papst Innocenz III. 
1211 Friedrich II. als Kandidaten aufstellte. Nun fielen 
Ottos Anhänger wieder über Thüringen her, nahmen Nord- 
hausen und Mühlhausen und bedrängten den Landgrafen in 
seinen Burgen. Im nächsten Jahre drang Otto erobernd 
in Thüringen vor, nahm die Rothenburg bei Kelbra, Schlofs 
Driburg bei Langensalza und drang gegen Weifsensee vor, 
wo sich indes nur die Stadt, nicht die Feste ergab. Nord- 
hausen sah endlich die königliche Versöhnungsfeier durch 
Ottos IV. Hochzeit mit Beatrix, König Philipps Tochter, auf 
welche freilich bald tiefe Trauer folgte. Als nun Fried- 
rich II. aus Italien nach Deutschland und in unsere Gegend 
kam, wo er 1213 zu Merseburg einen Hoftag abhielt, war 
Hermann wieder einer seiner ersten Anhänger. An einem 
neuen Abfalle von diesem soll ihn nur sein, wie es heilst, 
im Wahnsinn erfolgter Tod gehindert haben. Wie wir sahen, 
hatte er sich im Kampfe zwischen Albrecht und Dietrich 



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Die Landgrafen Hermann uud Ludwig IV. von Thüringen. 211 

von Meilsen des letzteren angenommen, des Verlobten seiner 
Tochter Jutta. Daneben hatte er in seinen ersten Re- 
gierungsjahren auch Fehden mit den Erzbischöfen von Mainz 
und Köln. 

Kaum Heise sich ein entschiedenerer G egensatz denken als 
zwischen dem unzuverlässigen Landgrafen Hermann und 
seinem Sohne Ludwig IV., der 1217, erst siebzehn Jahre 
alt, das väterliche Erbe antrat. Obwohl ihm seine Frömmig- 
keit in der Geschichte denselben Zunamen erwarb, wie seine 
bald nach ihrem Tode kirchlich heilig gesprochene Gemahlin 
Elisabeth, Tochter des Königs Andreas von Ungarn und der 
Gertrud, Dcdos von der Lausitz und Mark Landsberg 
Tochter, so war er doch auch sehr thätig als weltlicher 
Fürst im Krieg und Frieden. Erfolgreich widerstand er 
dem Erzbischof von Mainz, der seinen Vater und ihn mit 
dem Bann belegte, und dem seine Interessen kreuzenden 
Grafen von Orlamünde. Kaiser Friedrich IL, dessen Ver- 
trauen er genofs, und der im Jahre 1224 seinen treuen An- 
hänger, den Deutschordensmeister Hermann von (Langen-) 
Salza an ihn sandte, erteilte ihm die Anwartschaft auf das 
Land Preufsen, so viel er davon erobern würde. Viel 
wichtiger versprach aber die ihm auf den Fall des Ab- 
sterbens des minderjährigen erblosen Neffen Heinrichs von 
Meilsen, seines Mündels, im Jahre 1226 erteilte Eventual- 
belehnung mit Meifsen und der Lausitz zu werden. * 

Der junge Landgraf wandte seine Thätigkeit und seine 
Interessen aufs entschiedenste der Mark zu. Zu Anfang 
1228 sehen wir ihn mit seinen Mannen bei seiner Burg 
Neuenbürg (Freiburg gegenüber Naumburg) bereit, sich zur 
Abhaltung eines Landdings oder Provinzialgerichts nach dem 
in der Mark Meifsen gelegenen Grofs-Görschen zu begeben. 
Hier war es, wo er durch die Kunde von der Verlobung 
seiner verwitweten Schwester Jutta mit dem Grafen Poppo von 
Henneberg wenig angenehm überrascht wurde. Auch weiter 
östlich in der alten Mark Landsberg zu Delitzsch (Dels) hielt 
er anfangs Mai desselben Jahres ein Landding (placitum 
provinciale) ab, ein gleiches Mitte Juni zu Schkölen (Scolin), 
dem gemeinsamen Gerichtsort des Osterlandes im heutigen 
Kreise Weifsenfels. 

Aber es sollte anders kommen. Dem Rufe Kaiser Fried- 
richs folgend, entschlols sich Ludwig zur tiefen Betrübnis 
der Seinigen, besonders seiner treuen Gemahlin Elisabeth, 
zum Kreuzzuge. Letztere folgte ihm eine weite Strecke, 
his der treue Schenke Rudolf von Vargula zum Abschied 
mahnte. Mit ihrem Fürsten ziehen viele Grafen und Edle 

14* 

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212 



Sechster Abschnitt. 



Heinrich zu Stolberg, die Edeln von Heldrungen, Bilzings- 
leben, Berlstädt, Treffurt, sowie viele Hofbeainte und Diener. 
Er sollte weder das Land der Verheifsung sehen, noch in 
seine Heimat zurückkehren. Bei der Ausfahrt zu Schiff in 
Otranto am Fieber erkrankt, wurde er am 11. September 
1227 dahingerafft. Sein Sohn Hermann II. war bei des 
Vaters Tode erst vier Jahre alt, und, obwohl ihm der Kaiser 
alle seine Rechte bestätigte, so kam er doch nicht zum Regi- 
ment und starb früh (2. Januar 1241) dahin. Statt seiner führte 
Ludwigs Bruder, Heinrich Raspe, seit 1227 die Regierung. 
Anfangs hart gegen seine edle Schwägerin, räumte er später 
den Geistlichen aufserordentlichen Einflufs ein. Unter diesen 
war wohl keiner des höchsten Vertrauens würdiger als der 
Dominikanerprior Elger, einer der frömmsten, überaus 
segensreich durch Vorbild, Werk und besonders Predigt 
wirkenden Männer seiner Zeit, ein geborener Harzgraf vom 
Honsteinschen Stamme, der ihn auch 1242 auf den Fürsten- 
tag nach Frankfurt am Main geleitete, wo er, hochbetagt, 
den Anstrengungen der Reise erlag.- Während Heinrich 
Raspe die längste Zeit zu Friedrich II. gehalten hatte, liefs 
er sich zuletzt zu Frankfurt gegen diesen als Gegenkönig 
krönen, gelangte aber nie zu allgemeiner Anerkennung. 
Am 16. Februar 1247 starb mit ihm sein Geschlecht aus. 
Seiner Gemahlin Beatrix, Tochter Heinrichs VII. von Bra- 
bant, liatte er die Städte und Burgen Neuenburg (Frei- 
burg a. IL), Sangerhausen, Eckartsberga und Gotha ver- 
schrieben. 

Hatte einst Ludwig der Heilige gehofft, von Thüringen 
aus die meifsnischen Lande zu beerben, so sollte nun das 
Umgekehrte geschehen, denn der ins kräftige Mannesalter 
getretene Markgraf Heinrich hatte sowohl als Sohn von 
Ludwigs Schwester Jutta wie kraft kaiserlicher Eventual- 
belehnung das beste Recht auf die Nachfolge in Thüringen, 
und er beeilte sich um so mehr, dasselbe geltend zu machen, 
als auch die Herzogin Sophie von Brabant, Tochter Ludwigs 
des Heiligen, für ihren Sohn Heinrich, und Graf Siegfried 
von Anhalt, der Sohn von Landgraf Hermanns I. Tochter 
Irmengard, Ansprüche auf das erledigte Erbe erhoben. 

Es kam zu einem schweren Kampf, wobei die thürin- 
gischen Herren ihre Rechte zu mehren suchten, und nicht 
zum besten der öffentlichen Wohlfahrt zahlreiche neue 
Ritterburgen entstanden. Zwar gelang es dem treu zu Hein- 
rich stehenden Schenken Walter von Vargula, die thürin- 
gischen Herren bei Mühlhausen und an ein paar anderen 
Orten zu schlagen und sie zu nötigen, in einem Vertrage 



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Ludwig der Heilige, Kampf um Thüringen nach seinem Tode. 218 

des Landes, die Grafen von Mühlberg, Wartberg, Graf 
zu Weifsensee am 1. Juli 1249 Heinrich als Herrn anzu- 
erkennen, der danach auch im März des nächsten Jahres 
zu Mittelhausen bei Erfurt ein allgemeines Landding hegte, 
aber mit den Mitbewerbern waren noch Kämpfe auszu- 
fechten. Mit dem Grafen Siegfried, der mit Unterstützung 
seiner Brüder im Juli 1247 Oldisleben und Weifsensee über- 
fallen hatte, söhnte er sich einige Zeit nachher aus. Auch 
zwischen Markgraf Heinrich und der Herzogin Sophie kam 
auf kurze Zeit eine Einigung dadurch zustande, dafs Erz- 
bischof Siegfried von Mainz gegen beide ausgedehnte An- 
sprüche seiner thüringischen und hessischen Lehen wegen 
erhoben und bei deren Verweigerung über beide Teile den 
Bann ausgesprochen hatte. Sophie übergab nun 1250 dem 
Markgrafen Eisenach und Hessen, bis zur Grofsjährigkeit 
ihres Sohnes zu getreuer Hand. Im Jahre 1254 einigte sich 
der Markgraf mit dem Erzbischof von Mainz, der ihm nun 
die mainzer Lehen und das Marschallamt des Erzstifts über- 
trug. Auch erhielt er zu Merseburg vom König Wilhelm 
(von Holland) die Belehnung mit den neuen Erwer- 
bungen. 

Da infolge dessen Sophie wegen der Rechte ihres Sohnes 
besorgt wurde, so rüstete sie zum Kampf und fand einen 
Bundesgenossen in Herzog Albrecht von Braunschwejg, den 
sie durch die engsten Familienbande an sich kettete. Es 
folgte — gerade ein halbes Jahrtausend vor dem gleich- 
langen Schlesierkriege — von 1256 — 1263 ein sieben) ähriger 
thüringischer Erbfolgekrieg, anfangs ein auf die Gegend um 
Eisenach beschränkter, vielfach roh und grausam geführter 
Bürgerkrieg, der erst gegen sein Ende, als Sophiens Sohn 
Heinrich, das „Kind von Hessen", zum achtzehnjährigen Jüng- 
ling herangereift, selbst mit eingriff, sich etwas weiter aus- 
dehnte. Derselbe nötigte 1262 den Erzbischof von Mainz, 
ihm mehrere thüringische Lehen, die Gerichte zu Berge, Aspen 
bei Artern, wo wir die Grafen zu Stolberg Recht sprechen 
sehen, Thomasbrück zu übergeben, und der Markgraf mufste 
vor ihm nach Böhmen zurückweichen. Herzog Albrecht 
drang mit neuen Verbündeten durch die Stifter Merseburg 
und Naumburg und bezog dann bei dem bereits geschichtlich 
bekannten Besenstädt (Mansfelder Seekreis) ein festes Lager. 
Da verhalf ein kühnes Unternehmen des Schenken Rudolf" 
von Vargula dem Markgrafen zum Siege. Mit einer kleinen 
Schar tapferer Kriegsgesellen überfiel Rudolf die herzogliche 
Mannschaft in der Frühe des 29. Oktober 1263. Nach 
blutigem Kampfe wurden 550 Ritter und Knechte, sowje 



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214 



Sechster Abschnitt. 



1000 Schlachtrosse erbeutet. Der verwundete, gefangene 
und lange zu Merseburg schmachtende junge Herzog mufste 
8000 Mark als Lösegeld zahlen und alle besetzten Gebiete 
herausgeben, womit denn auch der lange verheerende Krieg 
zu Ende war und ganz Thüringen sich in der Hand Hein- 
richs des Erlauchten befand. Zur frohen Versöhnungsfeier 
liefs der Markgraf unter Schaustellung seines Reichtums zu 
Nordhausen ein Turnier anstellen, das in der Geschichte der 
Ritterspiele eine hervorragende Stelle einnimmt, wie auch ein 
1265 zu Merseburg veranstaltetes. 

Wegen ihres Umfangs und der Bedeutung ihres Ober- 
herrn haben wir nun noch besonders der mainzischen Be- 
sitzungen in Thüringen zu gedenken. In ihren Anfangen 
in die Zeit des Bonifatius zurückreichend, sehen wir die- 
selben zur Zeit der Ottonen gemehrt und bedeutsamer 
hervortreten. In dem westlich bis an die Werra sich er- 
streckenden Eichsfeld war Heiligenstadt, das sich aber erst 
seit 1223 zu städtischem Charakter entwickelte, der Haupt- 
ort, der westlich davon gelegene Rusteberg das älteste 
erzbischöfliche Hauptschlofs. Daneben finden wir seit 
dem 9. bis 11. Jahrhundert noch verschiedene Fürsten 
und Grafen, die deutschen Könige, die Immedinger, Nord- 
heimer, das einst sehr angesehene Geschlecht der Graten 
von Gleichen hier angesessen. Seit dem 12. Jahrhundert 
rundet Mainz seine eichsfeldischen Besitzungen ab. Die 
Markgräh'n Richardis von Stade schenkt 1124 dem Erzbischof 
Adalbert I. die Abtei Gerode mit Zubehör; ferner zugleich 
mit ihren Söhnen das nach dem Honsteinschen zu gelegene 
Schlofs Harburg oder Hornburg. Bei dieser Schenkung 
lernen wir die Grafen von Weimar auch als Verwandte und 
Mitbesitzer der Schenker kennen. Im Östlichen und süd- 
östlichen Eichsfeld treten im 12. Jahrhundert die Grafen 
von Tonna - Gleichen hervor, zuerst Graf Erwin (gestorben 
1116), dessen Enkel Ernst 1162 Kloster Reifenstein gründet. 
Bald darauf sollte auch das Eichsfeld die Folgen des Kampfes 
zwischen Papst und Kaiser schwer empfinden. Da Erz- 
bischof Konrad an Papst Alexander III. testhielt , so liefs 
Kaiser Friedlich I. das Eichsfeld durch Landgraf Ludwig I. 
von Thüringen verwüsten und besonders die Schlösser Ruste- 
berg und Harburg zerstören. Seit 1180 und der Achts- 
erklärung Heinrichs des Löwen litt das Land noch schwerer, 
auch danach 'durch einen Zug Kaiser Friedrichs, der auch 
die südwestharzischen Grafen, darunter die Vorfahren der 
Honsteiner, sich unterwürfig machte. Der unselige Kampf 
zwischen dem Staufer Philipp und dem Weifen Otto mufste 



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Das Eichsfeld vom 12. zum 13. Jahrhundert. 215 

auch das Eichsfeld um so schwerer treffen, als die ein- 
heimischen Gewalten in ihrem Parteinehmen fast stets ge- 
teilt waren, Erzbischof Konrad zur päpstlich-weifischen Partei 
hielt und von 1200—1208 in Lupoid von Schönfeld einen 
Gegenbischof erhielt, während die Grafen von Gleichen, von 
Schwarzburg und die Stadt Erfurt Philipps Fahnen folgte, 
Landgraf Ludwig von Thüringen unablässig seine Partei 
wechselte. Die Verwüstung von Ortschaften, Kirchen und 
Klöstern — darunter Reifenstein — war eine entsetzliche. Seit 
Philipps Ermordung kam allerdings Erzbischof Siegfried IL 
(1200 — 1230) in den ungeteilten Besitz seiner Würde, aber 
die 1211 erfolgte Bannung Ottos IV. wurde wieder der An- 
lafs , dafs Ottos Bruder , Pfalzgraf Heinrich , das Land des 
zu Friedrich II. haltenden Erzbischofs mit Verwüstung heim- 
suchte. Da im Anfange seines Regiments auch Ludwig 
der Heilige mit dem Erzbischof in Streit geriet, so mufste 
auch das Land wieder darunter leiden und die Schlösser 
Harburg und Scharfenstein eine neue Zerstörung er- 
fahren. 

Die nun folgenden beziehungsweise ruhigen Zeiten gestatteten 
eine Besserung der Zustände des Landes sowie der Stadt 
Heiligenstadt durch die Erzbischöfe von Mainz, und des ost- 
nordöstlich davon gelegenen Worbis durch Graf Friedrich 
von Beichlingen, der etwa 1230 auf die mit Graf Ludwig 
erlöschenden Grafen von Lare oder Lohra gefolgt war. Das im 
13. Jalirhundert in unsern südharzischen Gegenden, besonders 
an der mittleren Unstrut, blühende Geschlecht führte nun auch 
teilweise den Namen Lohra fort. Im Jahre 1289 gelangte die 
Hälfte von Worbis in den Besitz der Landgrafen von Thü- 
ringen, indem Graf Heinrich von Beichlingen dieselbe an den 
Landgrafen Albrecht veräufserte, um die Schulden seines 
Bruders Günzel, Domherrn zu Halberstadt, zu bezahlen. Im 
Jahre 1337 brachten die Landgrafen dann auch die zweite 
Hälfte der Stadt an sich. Dagegen gelang es Mainz, seine 
eichsfeldischen Besitzungen in erwünschter Weise abzurunden, 
indem Graf Heinrich von Gleichen, durch schwere Schulden- 
last gedrängt, am 15. Februar 1294 die Schlösser Birken- 
stein, Scharfenstein und Gleichenstein mit Beuren, Dingel- 
städt, den Klöstern Reifenstein, Beuren, Breitenbich und 
Annerode nebst zahlreichen Dörfern für 1100 Mark feinen 
Silbers und 500 Mark freiberger Silbers an Erzbischof Ger- 
hard II. verkaufte. 

Während wir andere Mehrungen des eichsfeldischen Be- 
sitzes durch Nörten, Duderstadt, Gieboldehausen, Steina, als 
über die Grenzen unserer Provinz hinausragend, beiseite 



uigmze 



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216 



Sechster Abschnitt. 



lassen, gedenken wir noch einiger Erwerbungen in dem 
östlichen Hauptteile. Zunächst wurde Worbis infolge eines 
Streites um Langensalza erworben. Im Jahre 1342 hatte 
nämlich Herzog Heinrich von Braunschweig dem heiligen 
Martin und Erzbischof Heinrich zu Mainz Stadt und Burg 
Salza, welche die Gebrüder Heinrich und Johann von Salza von 
ihm zu Lehen trugen, geschenkt und 1345 verkaufte Hein- 
rich seinen Anteil an das Erzstift. Da ein dritter Bruder 
seinen Anteil an den Landgrafen von Thüringen veräufsert 
hatte, so entstand ein Streit, in welchem Langensalza be- 
lagert und dabei, eines unanständigen Spottes gegen den 
Landgrafen wegen, von diesem verbrannt wurde. Nach dem 
hierauf zwischen Mainz und dem Landgrafen geschlossenen 
Frieden sollten beide Teile Langensalza, Worbis und Har- 
burg gemeinschaftlich besitzen. Während aber letzteres bald 
in alleinigen mainzischen Besitz kam, wurde die zweite 
Hälfte von Worbis, wie es scheint, zur Zeit des 1373 aus- 
brechenden Kriegs zwischen dem vom Domkapitel als Erz- 
bischof postulierten Grafen Adolf von Nassau und dem vom 
Papste Gregor XI. dagegen aufgestellten Ludwig, Mark- 
grafen von Meifsen, erworben. Adolf verpfändete Harburg 
und Worbis an die von Bülzingsleben, die beides bis 1574 
innehatten. Schlofs Greifenstein (bei Kella, Kreis Heiligen- 
stadt), das jedenfalls in der ersten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts zu Mainz gehörte, soll 1397 Erzbischof Johann II. 
an das Stift gebracht haben. Noch ist zu erwähnen, dafs 
1431 die Brüder Heinrich, Ernst und Eiliger, Grafen von 
Honstein, ihre Dörfer Holungen, Grofs- und Wenigen-Bischofe- 
rode, die bisher zum Schlofs Lohra gehört hatten, gegen 
Schierenberg, Helbe und den Mönchhof an das mainzische 
Kloster Gerode verkauften. 

Nicht in gleicher Weise wie im Eichsfelde entwickelte 
sich die mainzische Herrschaft in dem von uns schon öfter 
genannten Erfurt, der alten Hauptstadt des Thüringerlandes. 
Ursprünglich eine königliche Stadt, war sie seit der Aus- 
stattung des freilich kaum zur Ausführung gekommenen 
Bistums, dessen Hechte an Mainz kamen, unter die geistliche 
Gerichtsbarkeit des Erzstifts gelangt. Gestützt auf ansehn- 
lichen Besitz erweiterte sich diese, und infolge der mehrfach 
erwähnten Zehntstreitigkeiten sah sich Erzbischof Adalbert 
um 1120 veranlafst, ein festes Schlofs auf dem S. Severi- 
berge zu bauen. Im allgemeinen wohnte sich's aber bei den 
selten ruhenden Kämpfen und der Rechtsunsicherheit des 
Mittelalters auch hier gut unterm Krummstab, und die ur- 
sprünglich hörigen und abhängigen Handwerker und sonstigen 



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Das inainzische Thüringen. Erfurt. 



217 



Insassen, unter denen es sogar einst in den Vororten auch: 
Slaven gab, gelangten mehr und mehr zu bürgerlicher Frei- 
heit. Gerade Adalbert war es, der seine eigenhörigen Dienst- 
leute in und um Erfurt zu freien besitzenden Leuten machte. 
Schon zu Ende des zwölften und zu Anfang des dreizehnten 
Jahrhunderts sehen wir Erfurt als eine „ fidelis tilia Mogun- 
tinae sedis" (Siegel von 1194) als die zweite Hauptstadt 
der Erzbischöle, deren Rechte der Landeshoheit nahe kamen. 
Daneben bestand allerdings auch noch eine im Namen des 
Kaisers von den Burggrafen aus dem Geschlechte der Grafen 
von Kefernburg und Gleichen verwaltete richterliche Hoheit; 
dagegen hatten die Landgrafen von Thüringen ursprünglich 
nur die Schirmvogtei über das Marienstift. Die höhere 
Stadtpolizei, Münz- und Marktverkehr übte Mainz durch 
seine Beamten; die innere Verwaltung ruhte in der Hand 
des Rats und der Ratmannen der Stadt (consiliarii civitatis). 
Die Macht und Freiheit der Stadt war doch so ansehnlich, 
dafs wir sie vielfach selbständig Partei nehmen sehen, und 
zwar im Kampf der Kaiser mit den Päpsten meist, oft im 
Gegensatz zu den Erzbischöfen, aufseiten der Kaiser, so der 
Staufer Friedrich und Philipp. Die früheste erhaltene Be- 
stätigung älterer vorhandener Rechte und Freiheiten ist die 
Kaiser Friedrichs vom Jahre 1234. So ordnete sich die 
Stadt nicht dem landgräflichen Landgericht im benachbarten 
Mittelhausen unter, sondern hatte ihr eigenes, mit Berufung 
auf den König und dessen Hofgericht. Verwaltet wurde 
aber die höhere Gerichtsbarkeit durch den Erzbischof mittelst 
des Stadtschultheifsen, die niedere, das Vogtding, übten die 
Grafen von Gleichen aus. In geistlicher Beziehung stand 
der Propst zu S. Marien an der Spitze eines ausgedehnten 
Archidiakonats. Schon zu Anfang des 13. Jahrhunderts be- 
standen in der Stadt zwölf Pfarreien neben den verschiede- 
nen Klöstern. An dem ansehnlichen Handel der Stadt waren 
mindestens schon im 12. Jahrhundert zahlreiche Juden be- 
theiligt. Mitte des 13. Jahrhunderts, zur Zeit des Aus- 
sterbens des älteren thüringischen Landgrafengeschlechts, 
brachen innere Kämpfe zwischen den Patriziern und der 
übrigen, von jenen beherrschten Bürgerschaft aus, die Erz- 
bischof Gerhard I. 1255 durch eine Regimentsordnung 
schlichtete. Zur Herstellung des im Interregnum schwer ge- 
schädigten Landfriedens wirkte Kaiser Rudolfs I. Aufenthalt 
in der Stadt von 1289 zu 90 durch den grofsen Reichstag. 
Die Stadt hilft dem König eine Reihe für die öffentliche 
Sicherheit gefahrlicher Burgen brechen und wird zur Mal- 
statt eines thüringischen Landfriedensgerichts bestimmt. Im 



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218 



Sechster Abschnitt. 



Jahre 1289 setzte auch Erzbischof Gerhard IL in den 
concordata Gerhardi die erzbischöflichen Rechte fest. Bald 
darauf bringt die Stadt das Vogtding an sich und bricht 
zu Anfang des 14. Jahrhunderts die Macht der Burggrafen 
von Kirchberg. Nach einem neuen Kampfe zwischen 
Patriziern und gemeiner Bürgerschaft werden 1310 vier der 
letzteren (Vierherren) zu den Katssitzungen zugelassen. Die 
bald darauf mit den Landgrafen von Thüringen ausbrechenden 
Kämpfe werden 1315 dadurch geschlichtet, dafs ihr Geleits- 
recht und ihre Lehenshoheit über verschiedene erfurtische 
Ortschaften anerkannt wird. Auch sollen die Landgrafen 
in Gemeinschaft mit den- Städten Erfurt, Mühlhausen und 
Nordhausen über die Sicherheit der Stralsen und der Er- 
haltung des Landfriedens wachen. Im Jahre 1331 erteilte 
Ludwig der Bayer der reichstreuen Stadt ein Messprivi- 
legium. 

Die Macht und selbständige Bedeutung Erfurts bezeugte 
sich besonders auch durch die Erwerbung eines ansehnlichen 
Gebiets. Im Jahre 1343 kauft die Stadt von dem Grafen 
von Gleichen die aus fünfzehn Dörfern bestehende Grafschaft 
Vieselbach, während sie damals im thüringischen Grafen- 
kriege mit dem Erzbischof von Mainz in offener Fehde ge- 
wesen war, 1346 einige den Grafen von Orlamünde ent- 
zogene Dörfer, und erwirbt, zunächst wiederkäuflich, die 
Amter Tonndorf und Mühlberg. 

Mit den ebenfalls Mitte des 14. Jahrhunderts erworbenen 
einst burggräflich kirchbergischen Dörfern und Schlofs 
Kapellendorf gewann die Stadt auch teilweise unmittelbare 
Reichslehen und das Münzrecht. Im Jahre 1408 wurde von 
den Landgrafen von Thüringen die sogenannte Grafschaft 
an der schmalen Gera, 1418 endlich von den Grafen von 
Schwarzburg auch noch das Städtchen Sömmerda mit Gebiet 
erkauft. 

Besafs Erfurt somit ein Stadtgebiet, das im ganzen 
Reiche nur von dem Nürnbergs und Ulms übertroffen 
wurde, so war das der am Südthore des Harzes gelegenen 
Reichsstadt Nordhausen umgekehrt eins der kleinsten. Aber 
das „ königliche Nordhausen aus einem später der Königin 
Mathilde geschenkten Besitztum des sächsisch - ottoniscben 
Königsgeschleclits hervorgegangen, erwarb schon im 10. Jahr- 
hundert Münz-, Markt- und Zollgerechtigkeit und stand in 
rechtlicher Beziehung freier da, als das weit reichere Erfurt- 
König Friedrich 1. schenkte ihr die königliche Burg mit der 
Gerichtsbarkeit. Aber als königliche und reichstreue Stadt 
hat sie auch mit den Königlichen zu leiden, so die Zer- 



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Die Städte Erfurt, Nordhausen uud Mühlhausen. 



219 



Störung von Stadt und Jungfrauenstift durch Heinrich den 
Löwen im Jahre 1180. 

Zwar erhob sich Nordhausen, dessen Häuser wir zu jener 
Zeit als einfache Fachwerksbauten zu denken haben, schnell 
wieder aus der Asche, aber in den Parteikämpfen zwischen 
Staufern und Weifen drohte ihm die Gefahr eines dauernden 
Verlustes, indem bald König Otto IV., bald Philipp sie als 
Lohn der Bundesgenossenschaft dem seine Territorialhoheit 
eifrig erweiternden Landgrafen Hermann von Thüringen ver- 
liehen. Dieser betrachtete sich zeitweise als Herr und nennt 
z. B. 1213 Nordhausen seine Stadt. Aber diese Abhängig- 
keit dauerte nicht lange. Im Jahre 1220 ward Nordhausen 
unzweifelhaft wieder Reichsstadt. Als damals Kaiser Fried- 
rich II. statt des verwüsteten Jungfrauenklosters daselbst 
ein Mannskollegiatstift errichtete, wurden die weltlichen 
Rechte des ersteren der Stadt übertragen, die unter die un- 
mittelbare Hoheit von Kaiser und Reich kam. Im Jahre 
1223 fand hier ein Hoftag statt, wo wegen Freilassung des 
vom Grafen Heinrich von Schwerin gefangenen Königs 
Waldemar von Dänemark verhandelt wurde. 

Dieselbe Gefahr, ihrer Reichsfreiheit verlustig zu gehen, 
bedrohte die südwestlich im Quellgebiet der Unstrut gelegene 
Schwesterstadt Mühlhausen. Gleich Nordhausen schon seit 
der Zeit des sächsischen Königsgeschlechts ansehnlich erblüht, 
war Mühlhausen doch vor der Stadt vorm Südharze wesent- 
lich dadurch begünstigt, dafs es eine grofse Flur erwarb, 
die, wenn sie auch die erfurtische zur Zeit ihrer gröfsten 
Ausdehnung nicht erreichte, doch umfangreicher als die der 
meisten Reichsstädte war. Auch Mühlhausen litt durch den 
geächteten Heinrich den Löwen schwere Verwüstung und 
wurde, ebenso wie Nordhausen, nach seinem Siege bei 
Weifsensee über Landgraf Ludwig und Bernhard den As- 
kanier ein Raub der Flammen. Gleich der nördlichen 
Schwesterstadt wurde dann auch Mühlhausen erst von 
Otto IV., dann von Philipp wiederholt an den Landgrafen 
Hermann erst verpfändet, dann zu Lehen gegeben. Aber 
wie jene, behauptete auch Mühlhausen seine Freiheiten. Als 
in den Jahren 1211 und 1212 Ottos IV. Truchsefs gegen 
den Landgrafen einen nachhaltigen Widerstand organisierte, 
stützte er sich besonders auf beide Städte. 

Aufser geistlichen und weltlichen Fürsten begannen seit 
dem 12. Jahrhundert auch die nicht unmittelbar unter 
dem Reiche stehenden Grafen und Herren unserer sächsischen 
und thüringischen Gegenden eine gröfsere Bedeutung in den 
Kämpfen im Reich und in der Landesgeschichte zu ge- 



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220 



Sechster Abschnitt 



winnen. Schon seit der Zertrümmerung der alten Reichs- 
verfassung waren diese zahlreichen Gebilde teils aus den auf- 
gelösten Gaugrafschaften hervorgegangen, wie die der Grafen 
von Gleichen, Honstein, Blankenburg-Regenstein, teils waren 
es durch Kauf und Erbschaft zusammengebrachte Herr- 
schaften von Edeln, wie die der Grafen von Wernigerode 
und Falkenstein, deren Herren anderswo eine Grafschaft 
verwaltet hatten. Nur teilweise und allmählich rundeten sich 
diese Besitzungen, soweit sie nicht von anderen Gebilden 
verschlungen wurden, zu zusammenhängenden Gebieten ab. 
In einem für heutige Verhältnisse kaum verständlichen bunten 
Gewirre durchkreuzten sich oft auf ein paar Quadratmeilen 
— beispielsweise in dem fruchtbaren Gebiet von Heringen 
an der Helme — die Besitzungen und Gerechtsame von 
zwanzig und mehr Herren, von Kaiser und Reich bis zu den 
kleinen geistlichen und weltlichen Besitzern und Lehensherren. 
Besonders zahlreich und dauernd — denn vorübergehende 
Erscheinungen können wir hier nicht berühren — waren 
diese Graf- und Herrschaften am Harz und im Thüringer- 
land. Die Landgrafen von Thüringen geboten, seit sie die 
sächsische Pfalzgrafschaft erworben hatten, eigentlich nur 
über den mittleren Teil Thüringens. Im Süden und Süd- 
osten (Schwarzburg, Kefernburg, Kirchherg, Lobdaburg und 
Orlamünde) und besonders gegen Norden (Gleichen, Lohra- 
Clettenberg, Honstein, dann seit etwa 1200 Stolberg, ferner 
Beichlingen, Kirchberg, Rabenswald, besonders Mansfeld, 
dann Arnstein, Querfurt, Salza, Heldrungen, Wippra) bildeten 
sich eine Reihe von Graf- und Herrschaften aus, die bei der 
Auflösung der alten Reichseinheit zu mehr oder weniger 
ausgedehnter Macht und Selbständigkeit gelangten. In der 
sächsischen Nordhälfte unserer Lande waren diese Bildungen 
weniger zahlreich oder gingen früher in den geistlichen und 
weltlichen Fürstentümern auf, wie die Grafschaften Grieben, 
Billingsho (westlich von Magdeburg), Sommerschenburg, 
Seehausen. Nur nördlich vor und auf dem Harze bestanden 
aufserhalb Thüringens die Grafschaften Wernigerode, Blan- 
kenburg-Regenstein, Falkenstein, die Herrschaften Mülingen- 
Barby, Hadmersleben, Hackeborn u. a. 

Seit den Kämpfen mit Heinrich dem Löwen sehen wir 
oft die Hilfe dieser reichsmittelbaren Grafen und Herren 
gesucht; teils strebten aber auch die Fürsten, besonders die 
Landgrafen von Thüringen, danach, ihre Hoheit über die- 
selben zu vermehren und sie ganz von sich abhängig zu 
machen. Wie Kaiser Friedrich I. Heinrich dem Löwen 
gegenüber südharzische Grafen zu seinem Dienste verwendet 



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Die sächsisch-thüringischen Graf- und Herrschaften. 221 



hatte, so gewann im Jahre 1204 König Philipp aufser Nord- 
hausen auch die Grafen und Herren Thüringens von Gleichen, 
Schwarzburg, Beichlingen, Honstein, Clettenberg, Kefernburg 
fiir sich gegen den wetterwendischen Landgrafen. Ebenso 
findet im Jahre 1211 Gunzelin, Truchsefs Kaiser Ottos IV., 
in seinem Widerstande gegen denselben Landgrafen aufser 
beiden Städten Nordhausen und Mühlhausen eine voll- 
kommene Hilfe bei den thüringischen Dynasten, besonders 
dem Grafen Friedrich von Beichlingen. Kurze Zeit danach 
ergeben die Urkunden allerdings wieder eine Unterordnung 
dieser Herren, so der Grafen von Mansfeld, Stolberg, Honstein, 
Clettenberg, Kefernburg, Beichlingen, unter die landgräniche 
Oberhoheit, ohne dafs jedoch deren Umfang und Inhalt sich 
näher bestimmen liefse. Dafs sich zur Zeit Ludwigs des 
Heiligen die Verhältnisse freundlich gestalteten, geht schon 
aus der bereits erwähnten Beteiligung zahlreicher Grafen an 
des Landgrafen Kreuzfahrt hervor. 

Ein wichtiger Schritt zur Ausbildung der landesherrlichen 
Fürstenmacht war nach der Wiederherstellung eines guten 
Verhältnisses zwischen Papst und Kaiser im August 1230 
der Friede zu San Germano, dessen Bestimmungen im Jahre 
1231 durch die Wormser Beschlüsse und den Reichstag zu 
Ravenna bestätigt wurden. Wie die Landgrafen diese landes- 
fürstliche Gewalt den Grafen gegenüber auffafsten, zeigte 
im Jahre 1234 Heinrich Raspe in seiner Fehde mit dem 
Grafen Heinrich von Gleichen. Als der Landgraf diesen 
wiederholter Schädigungen wegen vor Gericht forderte, 
derselbe aber nicht erschien, verfügte er die Acht über ihn 
und erklärte ihn aller Lehen für verlustig. Am 18. Mai 
eroberte er seine Burg Velseck und liefs 23 Gefangene ent- 
haupten. 

Blicken wir zurück auf die eben behandelte Periode, 
über die wir nur bei ein paar kleineren Gebieten und 
Städten hinausgegangen sind, so können wir dieselbe als 
die der festen Begründung der Territorialgewalt bezeichnen. 
Unter den sächsischen Kaisern hatte hier zumeist die Krone 
des Reichs geruht, unter den Saliern war Sachsen-Thüringen 
besonders der Ambofs gewesen, auf dem die furchtbaren 
Schläge zwischen Papst- und Kaisertum gewechselt wurden. 
Die nächste Periode war dann die der Staufer, die den Sitz 
ihrer Macht wie den Schauplatz ihrer Thaten vorwiegend 
aufserhalb unserer Grenzen hatten. Zweimal gelangt zwar 
wieder die höchste weltliche Krone an Fürsten sächsischen 
Geschlechts, aber nur der erstere, Lothar, wurzelt noch 
wesentlich in dem Boden unserer engeren Heimat, Dem 



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222 



Sechster Abschnitt. 



zweiten, dem Gegenkaieer der Staufer, dessen eigentlicher 
Sitz Braunschweig ist, stehen unsere Fürsten und Städte 
meist nur als Gegner gegenüber, wie er denn der Sohn des 
Mannes ist, der besonders in unseren Marken, in Magdeburg, 
Halberstadt, Ascharien, Thüringen seine entschieden!« , tef- 
weise ihm gewachsenen Gegner fand. 

Gerade dieser Kampf der Dynasten und Fürstentümer 
ist das Bezeichnende in unserem Zeitabschnitte. Zwar nahmen 
zu dessen Anfang die Prämonstratenser unter Norbert noch 
einmal einen Anlauf, der Kultur und dem Christentum den 
Osten im Sinn und Art der Ottonen zu erobern, und nicht 
lange danach wird ein grofsartiger Versuch gemacht, die 
Wenden durch die mittelalterliche geistliche Kreuzzugsidee 
tot oder lebendig zu bezwingen. Aber wie der letztere 
Versuch scheitert, so ist der Erfolg des ersteren nicht der, 
dafs etwa ein Diener des Kaisers wie einst Gero die Stämme 
und Gaue des Wenden für die Bistümer erobert, sondern 
das Werk und die Stiftungen der Prämonstratenser werden 
von einem Askanier Albrecht gestützt, der dadurch seine 
eigene Macht wesentlich fördert und die Bistümer des 
Landes sich zu keinen selbständigen Gewalten entwickeln 
läfst. 

In Sachsen- Wittenberg und in der Landgrafschaft Thü- 
ringen, welche die sächsische Pfalzgrafschaft mit sich vereinigt 
hat, sind zwar die fürstlichen Würden recht eigentlich Ausflüsse 
des Kaisertums, aber auch hier tritt die Fürstenmacht ent- 
schieden in den Vordergrund. Aber die in dieser Gegend 
besonders zahlreichen und bedeutsamen Graf- und Herr- 
schaften sucht das Landgraftum, und nicht ohne Erfolg, in 
gröfsere Abhängigkeit zu bringen, was jedoch bei den Städten 
Nordhausen und Mühlhausen nicht gelingt. 

Die geistlichen Fürstentümer schienen zwar ihrer Natur 
nach und wegen des freien Wahlcharakters etwas länger die 
Reichsidee vertreten zu sollen. Aber soweit sie nicht, wie 
Brandenburg, Havelberg, Merseburg, Naumburg-Zeitz , von 
der selbständigen markgräflichen Gewalt niedergehalten 
wurden, entwickelten sie sich doch z. B. in Magdeburg und 
Halberstadt im Wettkampf mit den weltlichen Herren zu 
geistlichen Territorialfürstentümern; der unmittelbare Ein- 
flufs von Kaiser und Reich tritt immer mehr zurück, und 
dieser Prozefs der Auflösung des Reichs in mehr oder 
weniger unabhängige Glieder nahm besonders seit den 
dreifsiger Jahren des 13. Jahrhunderts zu, als Friedrich II., 
der in Italien die Zügel eines einheitlichen Regiments mög- 
lichst straff anzuziehen suchte, diesseits der Alpen die Fürsten, 



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Rückblick auf den Zeitabschnitt vor dem Zwischemeich. 223 



die „Säuleu des Reichs'', auf eigene Füfse stellte. Und 
als vollends nach seinem, oder Wilhelms von Holland 
Tode, also seit 1250 bezw. 1254, jahrzehntelang keine all- 
gemein anerkannte Obergewalt das Reich zusammenhielt, 
mufste durch das Bedürfnis der Selbsthilfe die Ausbildung 
der provinziellen und fürstlichen Selbständigkeit ihren Ab- 
schlufs finden. 

So sehr eine solche zentrifugale Entwickelung, zumal die 
Verwirrung imd Auflösung zur Zeit des Zwischenreichs 
(1250 — 1273), in mehr als einer Beziehung zu beklagen ist, 
so sollten doch auch jene auf den ersten Blick buntscheckigen 
mannigfachen Glieder des aufgelösten Reichskörpers ihre be- 
sonderen geschichtlichen Aufgaben erfüllen. Wozu die 
Teilung und lockere Gliederung des deutschen Reiches und 
Volkes auf kirchlich-religiösem Gebiete dienen sollte, offen- 
barte sich erst im Verlauf der Jahrhunderte. Aber schon 
gleich mit der Ausbildung der selbständigen Markgraf- 
schaften ergab sich ihre hohe Bedeutung für die Ausbreitung 
des Christentums und des deutschen Wesens. Was Otto I. 
im ostelbischen Slavenlande erstrebt hatte, führten ein Erz- 
bischof Wichmann, Albrecht der Bär und die Wettiner aus. 
Auch einige andere Bischöfe und Herren und die streb- 
samen (Zisterzienser halfen durch Förderung des Landbaues 
und niederländischer Einwanderung deutsche Kultur ver- 
breiten. Und um die tapferen brandenburgischen Askanier 
und einen kühn aufstrebenden Herrn, wie Heinrich der Er- 
lauchte es war, sammelten sich streitbare Mannen und ver- 
breiteten so weithin im Wendenlande den niederen deut- 
schen Adel. 

Fast die ganze Periode war aber doch eine Zeit furcht- 
bar verwüstender Kriege für unsere Gegenden. Längst vor 
dem Interregnum, in den Kämpfen zwischen der weifischen 
und der staufischen Partei, dann in den Kriegen der Magde- 
burger und Halberstädter in der Altmark und im Lande 
Jerichow, werden die Städte und Schlösser Halberstadt, 
Kalbe a. d. Saale, Hornburg, Nordhausen, Mühlhausen, 
Wolmirstädt, Kalbe a. M. , Osterb urg, Altenhausen, Nien- 
burg a. d. Saale, später auch Langensalza, verbrannt, zerstört, 
geplündert. Je näher der „kaiserlosen, der schrecklichen Zeit", 
nimmt die Unsicherheit, die Rechtslosigkeit des sogenannten 
Faustrechts zu. Gewalt sucht man mit Gewalt abzuwehren. 
So zerstören die Magdeburger 1238 das ihnen gegenüber 
gelegene Biederitz und das Schlofs gewaltthätig, weil sie von 
dort zu leiden hatten. Um dieselbe Zeit wird der zum Dom- 
propst zu Magdeburg erwählte Graf von Gleichen von einem 



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224 Sechster Abschnitt. 

gegnerischen Parteigänger erschossen. Rudolf, vom Ge- 
schlechte der Schenken von Vargula, das bis dahin in der 
thüringischen Geschichte einen so guten Namen hatte, 
plünderte mit seinen Helfershelfern gegen Ende des Jahres 
1268 den von Magdeburg nach Mainz reisenden Dechanten 
des Stifts S. Sebastian in Magdeburg. Der ganze thüringische 
Bürgerkrieg (1256 — 1263) zeugte von grofser Grausamkeit 
und Roheit. 

Gegen Raub und Gewalt konnte sich das offene Land 
am wenigsten schützen. Wer es daher konnte, zog sich in 
den Schutz der befestigten Städte zurück, und mancher 
kleine Ort verschwand. Die Städte aber verstärkten ihre 
Befestigungen oder umgaben sich, wo es noch daran fehlte, 
mit festen Mauern und Thürmen. Magdeburg erbat sich 
und erhielt im Jahre 1236 zur Vollendung der unter Erz- 
bischof Albrecht II. begonnenen Stadtmauern von Erz- 
bischof Wilbrand zwei Morgen Landes, die Steinkuhle, worin 
ein Steinbruch vorhanden war. Und wie im Jahre 1252 
ein Abt Rudolf zu Berge sich selbst von dem so wenig ein- 
flufsreichen König Wilhelm von Holland einen Schutzbrief 
gegen Räuber und Dränger ausstellen liefs, so erwarben die 
Städte Schutz-, Freiheits- und Rechtsbriefe von Kaisern oder 
Landesfürsten, so Erfurt 1232 vom Kaiser Friedrich IL, 
Magdeburg 1241 vom Erzbischof Wilbrand. 

Vielleicht könnte es auffallend erscheinen, dafs die Zeit 
der grofsen Bürgerkriege und der Kreuzzüge eine Periode 
des Aufschwungs unserer Städte war, da doch für keinen 
Stand Friede und Sicherheit so notwendig ist, wie für den 
Bürger-, Kaufmanns- und Handwerksstand. Aber da die 
äufserste Not zu gröfserer Vereinigung und gemeinsamer 
Verteidigung trieb, so mufsten die bereits vorhandenen Städte 
sich mit Bewohnern füllen, zumal ihre Hilfe von Fürsten 
und Herren schon begehrt wurde. Sodann trieb die gemein- 
same Gefahr auch früh zu Vereinigungen und Bündnissen. 
Wir gedenken hier des seit den vierziger Jahren des 13. 
Jahrhunderts feste Gestalt gewinnenden Hansebundes, der 
sich vom 13. bis 15. Jahrhundert auch über eine Reihe 
von Städten im gesamten Bereich unserer Provinz er- 
streckte, nämlich südlich vom Harz über Erfurt, Naumburg, 
Halle, Merseburg, Mühlhausen, Nordhausen, im Norden und 
Osten desselben Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, 
Aschersleben, Stendal, Gardelegen, Tangermünde, Salzwedel, 
Osterburg , Seehausen , Werben. Die Reibung der Völker 
verbreitete auch die Handelsbeziehungen, und so dehnte sich 
der Verkehr Magdeburgs und der Altmark schon im 13. Jah r " 



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Entfaltung des Städtewe&eus im 12. u. 13. Jahrhundert. 225 

hundert nach Norden bis Skandinavien und Rufsland aus, 
während die Erweiterung des Blicks und Verkehrs durch die 
Kreuzzüge mehr Erfurt und anderen südlichen Städten zu- 
gute kam. 

Wenn Erfurt, Quedlinburg, Magdeburg, Nordhausen, 
Merseburg schon an der frühesten Entfaltung deutschen 
Städtewesens teilnehmen, so war von der Mitte des 12. Jahr- 
hunderts ab das in Magdeburg und mittelbar das zu Sten- 
dal und Halle ausgebildete Recht eine Mutter deutschen 
Bürgerrechts. Wie bereits im 12. Jahrhundert Leipzig 
magdeburgisches Bürgerrecht erhielt, so verbreitete sich dieses 
und das Stendaler und Ilallische Recht seit dem 13. Jahr- 
hundert besonders über die Marken, Schlesien, Polen und 
Preufsen. Dais einige benachbarte, besonders harzische 
Städte (so Halberstadt und 1229 Wernigerode) das Recht 
von der Reichsstadt Goslar entlehnten, war bei der Nach- 
barschaft und Berühmtheit dieser Stadt natürlich. 

Sowie im 13. Jahrhundert Magdeburg und Haiberstadt 
ihre Dome bauten, so bcsafs die erstere Stadt auch bereits 
zur Verbindung beider Flufsufer eine feste Brücke, die im 
Juli 1275 bei Gelegenheit einer Prozession einstürzte, 
wobei 300 Personen in den Fluten der Elbe ihren Tod 
fanden. 

Der Auflösung der äufseren Ordnung, der Verwüstung 
der irdischen Güter entsprach auch mit geschichtlicher Not- 
wendigkeit der Niedergang und die Verderbnis auf geistigem 
und religiösem Gebiete. Die geistlichen Stiftungen litten 
äufserlich sehr. Wie die Bewohner des platten Landes, so 
fühlten sich auch die Landklöster und Stifter vor Ver- 
folgung und Plünderung nicht sicher. Um 1245 verhan- 
delten deshalb die Stiftsherren zu Wolbeck wegen einer Ver- 
legung ihres Stifts, das von S. Bonifacii zu Bossleben vor 
Halberstadt wurde 1240 in die Stadt verlegt, die Jungfrauen 
zu Mansfeld-Rottelsdorf-Helfta mufsten von Ort zu Ort ziehen, 
um eine gesicherte Stätte für ihr geistliches Leben zu finden. 

Die mörderischen Kriege, vor allen Dingen die Kreuz- 
züge, die so viele Männer dem Tode geweiht hatten, wie es 
nur vereinzelt im Lauf der Geschichte durch furchtbare 
Seuchen an jedem Alter und Geschlecht geschehen sein 
' mochte, hatten ein solches Mifsverhältnis der Geschlechter 
erzeugt, dafs aus Not und nicht zum Besten des geistlichen 
Lebens die Jungfrauenklöster in der ersten Hälfte des 
13. Jahrhunderts — besonders die des Cisterzienserordens — 
durchgängig mit Insassen überfüllt waren. Und während 
der auch gerade in unserem Provinzialgebiet einst geistig 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 15 



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226 Sechster Abschnitt. 

so regsame Benediktinerorden und das Weltpriestertum ganz 
darniederlagen — ein Dompropst Johann Semeke zu Halber- 
stadt gehörte zu den vereinzelten Zeugen wider den Ver- 
fall — wurden die Cisterzienserinnenklöster Heger und 
Pfleger des in der Kirche sich mehrenden Aberglaubens, 
der besonders mit Reliquien, die der Orient nach Wunsch 
und Begehren lieferte und verhandelte, getrieben wurde. 
Der kirchliche Gebrauch des aus dem Heidentum herüber- 
genommonen Ordals des glühenden Eisens zu Halberstadt 
steht handschriftlich fest, auch wenn eine vom Jahre 1214 
darüber überlieferte Urkunde Bischof Friedrichs unecht sein 
sollte. Von Gottes Wort wurde wenig gehört, um so mehr 
von Heiligenblutmirakeln, die mit Hilfe des daran geknüpften 
Ablasses zu kirchlichen Bauten und zu Klosterbegabungen 
dienen sollten. Von einer solchen Heiligenblutgeschichte 
hören wir zu Waterler (jetzt Wasserleben) bei Wernigerode 
zum Jahre 1228, während das Cisterzienserkloster bei der 
Heiligenblutkapelle erst am Ende des Jahrhunderts entstand. 
Bei dem „hohen Baum" vor Quedlinburg, einer alten 
Gerichtsstätte, wurde ein Heiligtum vom Kreuze Christi auf- 
bewahrt. Bischof Meinhard von Halberstadt gewährte Ab- 
lafs für die Verehrung dieser Reliquie und es wurden der- 
selben manche Stiftungen gemacht. Als das Kloster Walken- 
ried mit einem grofsen Bau an der Klosterkirche beschäftigt 
war, ereignete sich in dem Feldkapellchen zu Othstädt (unge- 
fähr nördlich von Heringen) ein Hostienmirakel und Bischof 
Meinhard von Halberstadt, der in Walkenried erzogen war, 
beschenkte im Jahre 1252 das Kloster mit einem diesen 
Mirakelglauben fördernden Ablafsbrief, worin er auch von 
Wundern spricht, die im Kloster Rode geschehen seien. 

Mufsten nun bei einer allgemeinen Verwilderung von 
Geistlichen und Laien die letzteren an ihrem Glauben irre 
werden oder auf Abwege und Irrtümer geraten, so suchte 
die Kirche durch blutiges Gericht zu helfen. So wurden 
z. B. am 5. Mai 1232 zu Erfurt vier Ketzer durch das 
geistliche Gericht abgeurteilt und auf dem Scheiterhaufen 
verbrannt. Bei solchem Verderben waren es die hingebenden 
selbstlosen Boten und Jünger des Franz von Assisi und 
Dominicus, die sich in feuriger Predigt des Evangeliums 
und mit dem Beispiel eines liebevoll sich hingebenden Opfers 
wie im Sturm die Herzen des Volks gewannen. Magde- 
burg, Erfurt, Halberstadt, Mühlhausen, Nordhausen, Haupt- 
mittelpunkte des geistigen Lebens in unseren Landen, waren 
es, die auch schon zwischen 1224 und 1230 zu den Orten 
gehörten, welche sich mit Freuden vom Wort und Beispiel 



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Kirchlich-religiöser Verfall im 13. Jahrhundert. 227 



der Minderbrüder und eines Dominikaners Elger gewinnen 
liefsen. Die Zeit war eben reif für jene in ihrer ersten Liebe 
so warme hingebende Predigt des Wortes und der That. 

Zündete jenes im romanischen Süden entfachte Feuer 
geistlich -religiösen Lebens- mit ungesehwächter Glut auch 
in unserem deutschen Norden, so wurde dagegen die eben- 
falls auf welschem Boden, zumeist in Südfrankreich , ent- 
sprofste Blume des weltlichen Minnegesangs ungefähr zu 
dieselben, oder um ein Geringes früherer Zeit auch von 
deutschen Rittern und Herren entlehnt. Zumeist waren 
es jedoch nur die süddeutschen Herren, die, in der Regel 
des Schreibens und Lesens unkundig, durch diese in den 
Kreuzzügen erwachte Sangeslust einen geistig-idealen Schwung 
erhielten. Dennoch waren auch noch die Herren verschie- 
dener dem Boden unserer Provinz angehörigen Gegenden 
an diesem Gesänge beteiligt. 

Im äufsersten Süden ist Graf Poppo der Weise von 
Henneberg, Bruder des Minnesingers Otto v. Botenlauben, 
ein Pfleger des Gesanges . und der Dichter. Berühmt, zu- 
mal in der sagenhaften Uberlieferung ist die Pflege des 
weltlichen Gesanges und Liedes am Hofe des wankelmütigen 
Landgrafen Hermann von Thüringen (1190 — 1217). Wahr- 
scheinlich Herzog Bernhard von Sachsen- Wittenberg (f 1212), 
der Sohn Albrechts des Bären, ist jener Herzog von Sachsen, 
von dem sich noch ein paar bemerkenswerte Minnelieder er- 
halten haben. Ein durchaus eigentümlicher etwas stark welt- 
lich gerichteter Minnesinger, Heinrich von Morungen, der in 
der zweiten Hälfte des 12. und zu Anfang des 13. Jahr- 
hunderts (wo er in höherem Alter als miles emeritus am 
Hofe des Markgrafen Dietrichs des Bedrängten von Meifsen 
lebte) blühte, gehört dem Unterharze an und ist das älteste 
bekannte Glied eines Geschlechts, das von da ab ein halbes 
Jahrtausend am Unterharz, zu Sangerhausen, auch im Stol- 
bergischen blühte. Den Einflüssen des väterlichen Hofes 
und seiner thüringischen Mutter Jutta, Landgraf Hermanns 
Tochter, war es wohl zuzuschreiben, wenn auch Markgraf 
Heinrich der Erlauchte von Meifsen ein Pfleger des Gesanges 
und selbst Dichter wurde. 



15* 



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228 



Siebenter Abschnitt 



Siebenter Abschnitt. 

Von Rudolf Ton Habsburg bis zum Aussterben der 
Herzöge von Sachsen -Wittenberg und der Nachfolge 
der Hohenzollern in der brandenburgischen, der 
Wettiner in der sächsischen Kurwiirde. 



Schon gegen Ende des vorigen Abschnitts wurde an- 
gedeutet, wie mit dem Nachlassen des kaiserlichen Regiments 
in Deutschland, das Kaiser Friedrich IL seit 1237 sich ganz 
selbst überliefs, dann noch mehr durch den Mangel einer 
anerkannten höchsten weltlichen Autorität im Zwischenreich 
Landschaften und Fürstentümer genötigt waren, sich auf 
sich selbst zu steilen, und wie namentlich die Städte sich 
als Schutz- und Zufluchtsstätten von vielen, deren Sicher- 
heit auf dem platten Lande gefährdet war, eines grofsen 
Aufschwungs erfreuten. Freilich mufste dann auch wieder 
der starke Arm des Kaisertums unter Rudolf von Habs- 
burg, der lange Erfurter Reichstag von 1289/90 und 
die Niederlegung zahlreicher Raubburgen diesem aufblühen- 
den friedlichen Verkehrsleben für die Dauer Sicherheit ge- 
währen. 

Besonders klar tritt die Verwirrung des Zwischenreichs 
als Anlafs zu städtischer Selbständigkeit bei Mühlhausen 
hervor. Dieses war ein dem Könige unmittelbar unter- 
gebener von der vor ihm gelegenen Burg und deren Mannen 
im Namen des Königs beherrschter Ort. Eine Art Geschlechter- 
herrschaft bildete sich hier aus den königlichen Verwaltungs- 
beamten und den freien Zinsleuten, denen die Zugewanderten 
und die Dienenden untergeben waren. An Stelle der 
Schöffen tritt seit Mitte des 13. Jahrhunderts der Rat, der 
allmählich die königlichen Hoheitsrechte gewinnt. Im Jahre 
1251 verhelfst König Konrad IV. den Bürgern, die Stadt 
niemals aus seinen Händen einem andern zu Lehen zu geben. 
Sodann verstattet er, dafs eine von den Bürgern zwischen 
der Stadt und der königlichen Burg gegen die königliche 
Burgbemannung errichtete Mauer vorläufig bestehen bleiben 
soll. Endlich sollen Schultheifsenarat, Zoll und Münze, die 
die Bürger in der gesetzlosen Zeit an sich gerissen haben, 
auf fünf Jahre in ihren Händen bleiben. Da nun letztere 
vorläufige Bewilligungen dauernde Geltung behielten, so 
hatte Mühlhausen hiermit den Grund zur vollsten Unab- 



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Die Reichsstadt Mühlbausen im 13. Jahrhundert. 229 



bängigkeit erlangt. Am 25 Februar 1255 bestimmte König 
Wilbelm von Holland der Stadt den Friedrich von Trifurt 
oder Treffurt vorläufig zum Schutzvogt, gewährte ihr voll- 
ständige Abgabenfreiheit auf ein Jahr, bestätigte es, dafs die 
Mauer zwischen der Stadt und der königlichen Burg zu- 
nächst bestehen bleiben solle, und bestimmte, nachdem er 
der Stadt ihre bisherigen Freiheiten erneuert hatte, dafs 
die Frage wegen des Schultheifsenamts , Münze und Zoll 
erst nach Ankunft eines besonderen königlichen Boten ge- 
ordnet werden solle. Dieser Bote erschien aber niemals, 
auch war die Abhängigkeit von Friedrich von Treffurt nur 
von kurzer Dauer. 

Als nach Wilhelms von Holland Tode die Wirren immer 
zunahmen, auch die Mannschaft der königlichen Burg der 
Bürgerschaft sehr unbequem wurde, zerstörte diese die Burg 
und die Höfe der „ Ganerbherren die nun zum Teil als 
Bürger in die Stadt zogen, mit deren Einwohnern sie meist 
verschwägert waren. Im Jahre 1256 entsagt der Graf von 
Kefernburg — wahrscheinlich königlicher Burghauptmann — 
allem Groll wegen Niederlegung des Schlosses, und die Stadt 
erhob nun selbst Steuern und legte Geschofs auf. 

Im Jahre 1274 beläfst König Kudolf die Stadt bei ihren 
Freiheiten, verpfändet sie aber 1278 für 2600 Mark Silbers 
an Landgraf Albrecht von Thüringen, was der Anlafs zu 
einem erst 1282 beigelegten Streite wird. Als der König 
endlich doch die Wiederaufrichtung der zerstörten Burg for- 
derte, söhnte am 30. Januar 1290 Bischof Christian von 
Samland die Stadt mit dem Könige wieder aus, und die 
Burg brauchte nicht aufgebaut zu werden. Am 16. April 
desselben Jahres gab der Kaiser ihr die wichtige Freiheit, 
dafs keiner ihrer Bürger vor das Gericht des Landgrafen 
gezogen werden solle, falls ihm nicht in der Stadt der 
Rechtsschutz verweigert würde. Auch ihre Münzgerechtig- 
keit behielt die Stadt. Ein weiterer Fortschritt zur Freiheit 
wurde im Jahre 1292 gemacht durch Erwerbung der kirch- 
lichen Patronate in der Alt- und Neustadt, sowie vieler 
Güter des deutschen Ordens. Zwei Jahre später erwehrte 
sich Mühlhausen der Gewalttätigkeiten der Kriegsleute 
König Adolfs, der selbst mit genauer Not entkam. Im Jahre 
1295 sicherte dann Gerlach von Breuberg, königlicher Land- 
friedenshauptmann in Thüringen, gegen Zahlung von 30 Pfund 
jährlich seinen lieben „Mitbürgern" zu Mühlhausen seinen 
Schutz. Am 17. Mai 1297 anerkennt Landgraf Albrecht 
von Thüringen, dafs die Bürger von Mühlhausen Zoll, Münze 
und anderes seit König Friedrichs II. Zeit zu Recht besäfsen. 



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230 



Siebenter Abschnitt. 



Auch Albrecht von Österreich und Heinrich VII. von 
Luxemburg erkennen diese Freiheiten an, und die Stadt 
behauptet dieselben dauernd. 

Je mehr dann unter den Kaisern vom Hause Wittels- 
bach und Luxemburg durchgängig das Reichsinteresse hinter 
dem Streben nach Vermehrung der Hausmacht zurücktrat, 
um so leichter gelang es den mühlhäusischen Geschlechtern, 
die reichen Einkünfte der Stadt zur Erweiterung ihrer Go- 
rechtsame zu benutzen und aufser der Reichsvogtei auch alle 
anderen nutzbaren Rechte vom Reich zu erwerben. Von 
den Edelleuten der Umgebung brachte sie auch die um- 
liegenden Ortschaften an sich, so dafs ihr Gebiet neben Höfen, 
Mühlen, Waldungen und reichen Steinbrüchen 19 Dörfer 
umschlols. 

Ruhte bei so günstigen Verhältnissen das vornehme 
Regiment der Geschlechter auf einem sichern Boden, so war 
das ganz anders gegenüber den ringsum zähe an ihrem Gut 
festhaltenden Nachbarn, wie den Grafen zu Honstein, Schwarz- 
burg, Stolberg, dem betriebsamen Kloster Walkenried, bei der 
Schwesterstadt Nordhausen. Die vergeblichen Bemühungen 
um gröfseres Gebiet, auch 1363 die erfolgreiche Erwerbung 
der Schnabelsburg, erschöpften nur die Mittel der Stadt, 
und statt behäbigen Reichtums entfaltete sich eine rege ge- 
werbliche Thätigkeit im kleinen und eine ziemlich gleich- 
mäfsige Verteilung der bescheidenen Mittel unter den Fa- 
milien der Stadt. Der keiner mittelalterlichen Stadt fehlende 
Kampf zwischen den Geschlechtern und den aufstreben- 
den, über Steuerdruck und sonstige Benachteiligungen 
klagenden Gewerken brach auch in Nordhausen aus, und 
zwar am 14. Februar 1375. Nach Austreibung der stolzesten 
Geschlechter wurde hier eine neue Verfassung eingerichtet, 
wobei die Entscheidung mit einer Zweidrittelmehrheit in 
den Händen der ratsfahigen Gewerke in dem möglichst 
selbständig schaltenden Rate lag. Eifersüchtig wurde hier, 
wie anderwärts, darüber gewacht, dafs nicht gleichzeitig 
mehrere Gefreundete oder nahe Verwandte zugleich im Rate 
saisen. 

Sehr verschieden gestaltete sich seit dem unter Rudolf 
von Habsburg erneuerten Königtume das Geschicl v unserer 
thüringisch-sächsischen Fürstentümer. Von geringer Bedeu- 
tung blieb unter Albrecht IL (1260 bis 25. August 1298) 
das Herzogtum Sachsen-Wittenberg, doch ist das enge Ver- 
hältnifs zu dem genannten deutschen Könige hervorzuheben, 
der dem Herzoge im Jahre 1273 seine Tochter Agnes ver- 
mählte, während dessen Schwester Helene zwei Jahre später 



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Nordhausen. Sachsen-Wittenberg. Die Wettiner. 



mit dem Burggrafen Friedrich III. von Nürnberg, dem 
Freunde des Königs und Hauptbeförderer seiner Wahl, in 
die Ehe trat. Diese am 12. Juni 1309 verstorbene Fürstin 
aus dem herzoglichen und kurfürstlichen Hause Sachsen- 
Wittenberg wurde die Ahntrau jenes glorreichen Hohen- 
zollernstamraes, welchem 100 Jahre später die nördlichen 
Gegenden und endlich das Gesamtgebiet unserer Provinz 
zufallen sollte. 

Das Fürstentum der Wettiner hatten wir bis dahin verfolgt, 
wo sein Gebiet unter Heinrich dem Prächtigen oder Erlauchten, 
dem Freund und Genossen der Minnesinger, nach Beendigung 
des thüringischen Erbfolgekriegs um 1263 von der Werra 
bis zur Oder, vom Harz bis zum Erzgebirge reichte und 
nächst der böhmisch - österreichischen die grölste Herrschaft 
im Reich geworden war. Aber diesem hoffnungsvollen 
Emporsteigen sollten bald gefahrliche Laufte und zeitweiliges 
bedeutendes Niedersinken folgen. Und hieran war Heinrich 
selbst durch seine Herrschaftsteilungen teilweise schuld. Nach 
Zurücknahme einer früheren Verfugung überwies er im 
Jahre 1262 seinem ältesten Sohne Albrecht, der sich später 
in der Geschichte den Beinamen des Entarteten erwarb, 
Thüringen, Dietrich, dem zweiten (der Fette oder der Weise 
zubenannt) die Mark Landsberg , während er dem mit 
Elisabeth von Maltitz erzeugten Sohne Friedrich dem Kleinen 
Dresden und einige benachbarte Orte übergab, das Übrige 
aber selbst behielt. 

Die Hauptgefahr drohte der wettinischen Hausmacht von 
Heinrichs ältestem Sohne Albrecht, der unstät, verschwenderisch, 
nur seinen Gelüsten lebend, kein Gefühl der Verantwortlich- 
keit für sein Haus, sein Land und Volk hatte. Mit seinem 
Bruder Diezmann (Dietrich), mit seinem eigenen Vater ge- 
riet er in Fehde. Seine edle Gemahlin Margarete, König 
Friedrichs H. Tochter, sah sich im Jahre 1270 genötigt, 
der unwürdigen Behandlung ihres Gatten, der mit seiner 
Buhle, einem Hoffräulein Kunigunde von Eisenberg, einen 
Sohn, Albrecht oder Apitz, erzeugte, durch die Flucht sich 
zu entziehen. Aufs äufserste stieg die Verwirrung, seit 
im Jahre 1288 mit Heinrich dem Erlauchten Haupt und 
Halt des Hauses gestorben war. Albrechts Sohn Friedrich, 
Pfalzgraf zu Sachsen, der Freidige zubenannt, sah sich durch 
das Treiben seines Vaters gedrungen, diesen zu bekriegen, 
gefangen zu nehmen und zur Anerkennung seines Erbrechts 
zu zwingen. Später nötigte er ihn unter Vermittelung König 
Rudolfs von Habsburg, der Vergeudung des Familienguts 
ein Ziel zu setzen. Kaum schien indefs die Ordnung wieder 



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232 



Siebenter Abschnitt. 



einigermafsen hergestellt, als durch das Ableben des jugend- 
lichen Vetters Friedrich, genannt Tuta, von Landsberg, 
Sohnes Markgraf Dietrichs, der in Weifsenfeis residiert hatte, 
eine neue grofse Gefahr über die Wettiner hereinbrach. 
Während nämlich Albrecht der Entartete schon 1290 mit 
abgenötigter Zustimmung der Söhne die Mark Lands berg 
an Markgraf Heinrich von Brandenburg veräufsert hatte, 
betrachtete König Adolf von Nassau wegen des in direkter 
Linie unbeerbt verstorbenen Heinrich Tuta Meifsen und 
Osterland als heimgefallenes Reichslehen. Der leichtfertige 
Albrecht aber verkaufte dem Könige aufserdem auf sein 
Ableben die Landgrafschaft Thüringen. Die beiden Söhne, 
Friedrich und Diezmann, wurden von Adolf von Nassau in 
zwei Feldzügen ihrer Länder entsetzt. Friedrich mufste 
eine Zeit lang ohne Land umherirren*, Diezmann zog sich 
nach der Lausitz zurück, beide Brüder aber hielten unent- 
wegt an ihren Ansprüchen fest. Als im Juli 1298 König 
Adolf Sieg und Leben verlor, schöpften sie neue Hoflhung. 
Aber der neue König Albrecht von Osterreich erneuerte die 
Ansprüche seines Vorgängers. Friedrich und Diezmann ver- 
mochten aber doch wieder festen Fufs zu fassen und sich 
mit ihrem Vater auszusöhnen, der nun Diezmanns Erbrecht 
auf Thüringen anerkannte. Und König Albrecht war in 
seinen Unternehmungen gegen Meifsen und Thüringen noch 
weniger glücklich, als sein Vorgänger: im Jahre 1307 schlu- 
gen die Brüder das königliche Heer zu Lucka bei Alten- 
burg. 

Mittlerweile hatte sich in Landgraf Albrecht das Vater- 
gefühl zu regen begonnen; die dem Könige zuerkannten 
Rechte auf Thüringen nahm er zurück, erkannte das 
Erbrecht der Söhne an und zog sich gegen den August 
1307 unter Beibehaltung seiner Würden nach Erfurt zurück, 
wo er am 13. November 1314 starb. Diezmann hatte schon 
am 10. Dezember 1307 durch den Dolch eines Meuchel- 
mörders sein Ende gefunden. Thüringen und das Oster- 
land gingen an Friedrich den Freidigen über, der nun den 
bei weitem gröfsten Teil der wettinischen Lande wieder in 
seiner Hand vereinigte, zumal ihn König Heinrich VII. im 
Jahre 1310 nach einigem Schwanken die Ansprüche seiner 
Vorgänger aufgebend, als rechtmäfsigen Herrn in Thüringen, 
Osterland und Meifsen anerkannte. Bis zu seinem Ende hatte 
er das Schwert zu ziehen, um von seinem Vater leichtsinnig 
entfremdete Besitztümer wieder beizubringen, so wider Mark- 
graf Waldemar von Brandenburg, von dem er 1317 im Frieden 
von Magdeburg das meiste zurückerwarb. In den letzten 



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Kämpfe der Wcttiner seit Albrecht dem Entarteten. 23$ 

Jahren war seine Kraft gebrochen. Er starb am 16. No- 
vember 1324 (?). Als Regentin fortwaltend, überlebte ihn bis 
1359 seine Witwe Elisabeth. Von Söhnen lebte nur noch 
Friedrich II. bei des Vateis Tode, erst 14 Jahre alt. 

Waren des Knaben Vorfahren durch die deutschen 
Könige in ihrer Stellung aufs äufserste bedroht worden, so 
suchte König Ludwig der Bayer, um seinem Sohne Branden- 
burg zu sichern, die Markgräfin Elisabeth auf seine Seite 
zu ziehen, und die Verlobung Friedrichs mit seiner Tochter 
und ein Bündnis zwischen ihm und der fürstlichen Witwe 
zustande zu bringen. Zu den königlichen Gunstbeweis ungen 
gehörte auch die Beiehnung mit den Städten Nordhausen 
und Mühlhausen, die freilich, trotz angedrohter Reichsacht, 
nicht von Dauer war, und die Erb Verbrüderung zwischen 
dem Könige und dem Landgrafen im Jahre 1327. Mit 
Zähigkeit hielt er alle Besitzungen und Rechte fest; so z. B. 
mufste sein Vormund Heinrich XII. Reufs zu Plauen, der 
Ziegenrück und anderes mehr zu Lehen erhalten hatte, dies 
aufgeben und sich mit dem Pfandbesitz begnügen. 

Die damals angesehenen Herren von Treffurt im äufser- 
sten Westen bezwang er ebenso, wie im Verein mit dem 
Erzbischof von Mainz die mächtige Stadt Erfurt. In Thü- 
ringen suchte er nicht nur 1338 durch eine Landfriedens- 
Ordnung Rechtssicherheit herzustellen, sondern er trat auch 
den Grafen und Herren mit solcher Rücksichtslosigkeit und 
mit Ansprüchen entgegen, die teilweise kaum zu begründen 
waren und ihn mit manchen, so den Honsteinern, Henne- 
bergern und anderen, in Kämpfe verwickelte ; aber er setzte 
im wesentlichen seinen Willen durch. Im Jahre 1346 er- 
warb er von den Herren von Salza ein Drittel der Stadt 
Langensalza. Mainz, das die übrigen zwei Drittel besafs, 
nötigte er, sich mit der Hälfte zu begnügen. Landsberg 
und Delitzsch und was von der Pfalz Lauchstädt alles aus 
Markgraf Waldemars von Brandenburg Nachlais an Braun- 
schweig übergegangen war, erkaufte er 1347 von Herzog 
Magnus für 8000 Schock Groschen. Nachdem Friedrich 
sich von den Bayern dem luxemburgischen Hause zugewendet 
hatte, brachte er seine nicht ohne Gewaltsamkeit zusammen- 
gebrachten Besitzungen in Sicherheit und starb am 18. No- 
vember 1349, erst 39 Jahre alt. Seine älteste Tochter 
Elisabeth wurde 1350 die Gemahlin des Hohenzollern Burg- 
graf Friedrich V. von Nürnberg. 

Sein ältester Sohn Friedrich III. der Strenge regierte 
ganz im Sinne des Vaters, zuerst auch als Vormund seiner 
Brüder Balthasar, Landgraf von Thüringen, und Wilhelms 



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234 



Siebenter Abschnitt. 



des Einäugigen von Meifsen. Uni besser den Gefahren, die 
dem Hause besonders durch die sie umklammernde Haus- 
macht der Luxemburger drohte, widerstehen zu können, 
einigten sich die Brüder, die Vormundschaft des ältesten bis 
1368 dauern zu lassen. Dann trat ein gemeinschaftliches 
Regiment ein, das unter Vermittelung Bischof Friedrichs von 
Merseburg und Burggraf Friedrichs von Nürnberg 1371 auf 
sechs , 1378 aber noch auf ein Jahr verlängert wurde. 
Dennoch konnte es an feindlichen Berührungen mit den 
Luxemburgern und Kaiser Karl IV. nicht fehlen, der 1372 
in einen Landfrieden zu Prag auch die meisten thürin- 
gischen Gegner der Landgrafen aufnahm. Diese thüringischen 
Herren, unter denen die Grafen von Gleichen, Schwarzburg, 
Stolberg, Honstein, die Städte Erfurt, Mühlhausen, Nord- 
hausen und das Eichsfeld die hauptsächlichsten waren, traten 
den Wettinern auch entgegen, als diese 1373 ihren Bruder 
Ludwig auf den erzbischöflichen Stuhl zu Mainz bringen 
wollten; doch kam am 24. Juni 1379 ein Friede mit ihnen 
zustande. Dieser Ludwig und der Burggraf Friedrich von 
Nürnberg setzten erst im letzteren Jahre eine „Orterung" 
auf zwei Jahre zwischen den drei Brüdern ins Werk, durch 
welche Friedrich das Osterland, Balthasar (f 1406) Thürin- 
gen, Wilhelm (f 1407) Meifsen als Hauptteü erhielt. Schon 
vor Ablauf dieser Frist starb Friedrich am 26. Mai 1381. 

Waren nun schon seit 1349 die wettinischen Länder 
thatsächlich nicht mehr von einem einzigen Fürsten regiert 
worden, so wurde nun nach Friedrichs des Strengen Tod 
zu einer förmlichen Teilung geschritten, wobei nur Frei- 
berg und die Bergwerke gemeinschaftlich blieben. Seitdem 
wurden — die wenigen Jahre von 1440 — 1445 ausge- 
nommen — die wettmischen Lande nie wieder vereinigt. 
Friedrichs des Strengen Erbe, Osterland, Landsberg, dazu 
der neue Erwerb im Vogtland und einige thüringische Städte 
wurden unter die drei überlebenden Söhne Friedrich, Wil- 
helm (f 1425) und Georg (f 1402) geteilt. 

Von diesen dreien kommt für uns besonders Friedrich, 
der Streitbare zubenannt , nicht nur als der am längsten 
lebende — er starb am 4. Januar 1428 — sondern auch 
als der bedeutendste in Betracht. Nachdem er mit seinen 
Brüdern erst im Jahre 1402 seine Oheime Balthasar und 
Wilhelm genötigt hatte, sie in den früher geschlossenen Erb- 
vertrag aufzunehmen, dann durch den Vergleich zu Naum- 
burg am 21. Januar 1410 den Streit mit Landgraf Balthasar 
um die ihm durch Wilhelms des Einäugigen Tod zugefallene 
Hälfte von Meifsen beglichen hatte, traf er im Jahre 1411 



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Das Herzogtum Sachsen gelangt an die Wettiner 1425. 235 



mit seinem Bruder Wilhelm erst auf vier Jahre eine sogen. 
Mutschierung, dann 1415 durch Vermittelung Bischof Ger- 
hards von Naumburg und Burggraf Friedrichs von Nürn- 
berg eine Sonderung ihrer Gebiete, bis ihm am 30. März 
1425 des kinderlosen Bruders Ableben auch dessen Anteil 
in die Hand gab. 

Friedrich war in eine entschieden feindselige Stellung 
zu den Luxemburgern, erst zu Wenzel, dann auch zu Sigis- 
mund geraten, bis die Hussitengefahr zu einem Zusammen- 
schlufs der Kräfte nötigte. Die Kämpfe gegen dieses durch 
seine religiöse Begeisterung unbesiegbar gemachte Volk 
nötigte den Markgrafen zu eben so grofsen Anstrengungen, 
als er sich den Kaiser im hohen Grade verpflichtete, da er 
demselben seine Kriegskosten auf 90 000 Gulden berechnete. 
Solchen Verpflichtungen schien nun der Kaiser in gewünsch- 
ter Weise gerecht werden zu können, als am 27. November 
1422 mit Kurfürst Albrecht III. der wittenbergische Zweig 
der Herzöge von Sachsen aus askanischem Stamme aus- 
gestorben war. Zwar blühte noch die ältere Linie in den 
Herzögen von Sachsen - Lauenburg fort, zwar hatten die 
Fürsten von Anhalt auch noch nähere Ansprüche; auch 
hatten die Askanier mit Braunschweig eine Erbverbrüderung 
getroffen, und Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg, dessen 
Sohn mit einer Tochter Kurfürst Rudolfs III. von Sachsen- 
Wittenberg vermählt war, hatte bereits infolge kaiserlicher 
Zusagen das erledigte Kurfürstentum besetzt; dennoch 
belieh Sigismund den streitbaren Wettiner, der sich durch 
seinen Hofmarschall Apel Vitztum aufs eifrigste darum be- 
müht hatte, am 6. Januar 1423 mit dem erledigten Her- 
zogtum und Kurfürstentum, worauf am 1. August 1425 
zu Ofen die feierliche Belehnung folgte. Der Kurfürst von 
Brandenburg räumte gegen eine Verschreibung von 10000 
Schock Groschen das Land freiwillig. 

Freilich sollte der neue Kurfürst seiner Erwerbung 
nicht froh werden, da ihn im Kriege mit den Böhmen ein 
furchtbarer Schlag traf, so dafs er mit Grauen und Sorgen 
wegen seiner zerfleischten Lande dahin starb und sein 
Leib vor den Feinden verborgen gebettet werden mufste. 
Immerhin war die Erwerbung Friedrichs des Streitbaren 
ein geschichtlich denkwürdiges Ereignis, für die Geschichte 
unserer Provinz aber eins der bedeutendsten und ent- 
scheidendsten. Mit dieser Belehnung der Wettiner ging 
das alte niederdeutsche Herzogtum Sachsen -Wittenberg an 
ein oberdeutsch - thüringisch redendes Geschlecht und Land 
über. Und da die herzogliche und kurfürstliche Würde, 



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236 



Siebenter Abschnitt 



welche auf dem an und für sich nicht sehr ansehnlichen 
Lande ruhte, als die höhere galt, so wurde der Name Sachsen 
auf die meifsnischen und thüringisch - wettinischen Lande 
übertragen. Hatte schon damit der sächsische Name seine 
Beziehung zum Stamm und zur Spraehe des alten Sachsen- 
volks verloren, so sollte endlich auch die letzte Spur eines 
Zusammenhangs verschwinden, als seit den Freiheitskriegen 
das gesamte Gebiet des askanischen Herzogtums Sachsen, 
auf welchem die Kur und der sächsische Name ruhte, an 
Preufsen und zumeist an unsere mit gutem Fug Sachsen 
genannte Provinz überging, während bei den wettinischen 
Ländern nur oberdeutsch redende Unterthanen zurück- 
blieben. 

Ein für unsere Provinz ziemlich gleich bedeutsamer Herr- 
schaftswechsel wie im Süden hatte sich ungefähr gleichzeitig 
in unserem märkischen Norden vollzogen. Die Geschicke 
des askanisch-brandenburgischen Fürstenhauses hatten einen 
ganz andern Verlauf genommen, als die des wettinischen. 
Zwar hatten auch hier die markgräflichen Brüder Johann 1. 
und Otto III. gegen das Ende ihrer Regierung eine Teilung 
vorgenommen, aber in der Weise, dafs ein jeder in den 
einzelnen Landschaften besondere Stücke erhielt, so dafs 
ihre Lande doch ein Ganzes blieben. Beide hatten auch 
zahlreiche Söhne, Johann I. sechs, Otto III. vier; dennoch 
verfiel ihre Macht nicht, denn sie standen alle treu zusammen 
und waren alle auf die Wahrung der gemeinsamen Interessen 
bedacht. Sie waren ein friedfertiges und bildsames, unauf- 
hörlich erwerbendes und fortschreitendes Geschlecht: wo sie 
erschienen, da sprofste Leben auf (Ranke, Genes, d. Pr. St, 
S. 13). Im Jahre 1268 trug Graf Konrad von Wernigerode 
sein tand den Markgrafen zu Lehen auf, was freilich erst 
viel später von praktischer Bedeutung werden sollte. Johanns 
jüngster Sohn Heinrich (f 1318) erwarb von Landgraf 
Albrecht von Thüringen die Mark Landsberg ; der ritter- 
liche kriegerische Otto IV., der zu den Minnesingern zählt, 
suchte seinen Bruder Erich gewaltsam in das Domcapitel 
zu Magdeburg zu bringen und zog in Verbindung mit den 
Herzögen von Sachsen und Braunschweig, den Grafen und 
Edeln von Regenstein, Mansfeld, Hadmersleben und Arnstein 
gegen das Stift. Herzog Albrecht II. von Sachsen sucht 
Aken und Glorup wieder zu gewinnen. Aber Erzbischof 
Günther zieht unter dem Banner des heiligen Moritz mit den 
Bürgern von Magdeburg gegen die Verbündeten, schlägt 
erst den Herzog Albrecht von Sachsen bei Aken, dann 
auch am 10. Januar 1278 in einer blutigen Schlacht bei 



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Die Askanier in der Mark Brauel, bis auf Markgr. Waldemar. 237 

Frose, zwei Meilen südlich von Magdeburg, Otto IV. selbst, 
der mit 300 Rittern und Knappen gefangen wird. Aus 
seiner schweren Haft in einem dazu angefertigten Kätig 
soll ihn seine treue Gattin teils durch Bestechung der Dom- 
herren, teils mit Hilfe eines von dem getreuen, vorher hart 
behandelten Rat von Buch gezeigten Schatzes in der Kirche 
zu Tangermünde gelöst haben. Kaum befreit, begann 
Otto IV. den Krieg gegen den Erzbischof, auf dessen Seite 
auch der Landgraf Albrecht von Thüringen stand, aufs 
neue, mußte aber die vergebliche Belagerung von Stafsfurt 
aufgeben. Ein ihm hierbei durch den Helm in den Kopf 
geschossener Pfeil, der eine Zeit lang stecken blieb, erwarb 
ihm den Zunamen mit dem Pfeil. Der Herzog von Sachsen 
mufste Schlofs Beizig und Morditz (Kreis Jerichow I.) und 
Burgwerben, sowie die Vogtei über Gottesgnaden und über 
Neuwerk bei Halle abtreten und endgültig auf Stafsfurt 
verzichten. 

In den oben erwähnten zumeist durch Albrecht den 
Entarteten verschuldeten wettinischen Wirren erwarben die 
brandenburgischen Askanier aufser der Mark Landsberg mit 
Delitzsch, Lauchstädt, den Petersberg und mehrere Schlösser 
und Ortschaften in der Pfalz Sachsen in der Unstrutgegend, 
Sangerhausen und anderes mehr, 1303 vom Markgrafen 
Diezmann das Land zwischen Elster und Elbe. Die Höhe 
ihrer Macht aber erreichte dieses strebsame Fürstenge- 
schlccht unter dem tapfern ritterlichen Markgrafen Walde- 
mar (1303 — 1319), der zeitweilig mit fast ganz Nordost- 
deutschland in Krieg verwickelt war und sich doch be- 
hauptete, besonders auch gegen den tapfern Friedrich den 
Freidigen oder mit der gebissenen Wange von Thüringen, der 
die von seinem Hause abgekommenen Besitzungen zurück- 
erobern wollte. 

So gab es schon zu Anfang des 14. Jahrhunderts eine 
Zeit, wo in den Händen der Markgrafen von Brandenburg die 
gröfsere Hälfte der späteren Provinz Sachsen vereinigt war. 
Aufser der Altmark und den Besitzungen zwischen Elbe 
und Havel waren es die thüringisch-meifsnischen Lande von 
der mittleren Unstrut und dem Harz bis zur Lausitz. Unter 
Waldemars Schutzvogtei stand die Reichsabtei Quedlinburg. 
Als Pfand hatte derselbe Markgraf zeitweilig die Mark 
Meifsen, Freiberg, Torgau inne. Kaiser Ludwig hatte ihm 
die Lehenshoheit über Anhalt übertragen. Das Herzogtum 
Sachsen war in der Hand eines Zweigs der Askanier. Auch 
hatte das Haus schon mit Erfolg auf die benachbart ge- 
legenen selbständigen Stifter Einflufs zu gewinnen gesucht 



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238 



Siebenter Abschnitt. 



Markgraf Erich war 1273 Domherr und Propst zu S. Boni- 
facii in Halberstadt, von 1283 — 1295 aber Erzbischof von 
Magdeburg. 

Aber nicht nur diese Aussichten, sondern auch die so 
sicher in seinen Händen ruhenden Besitzungen gingen dem 
ruhmreichen Geschlecht wider jede menschliche Berechnung 
schnell verloren Noch zu Anfang des 14. Jahrhunderte 
so zahlreich an Mannssprossen, dafs ihrer damals bei einer 
Versammlung neunzehn beisammen gewesen sein sollen, 
waren dieselben durch den Tod so schnell dahin gewelkt, 
dafs, als der tapfere Waldemar am 14. August 1319 heim- 
gegangen war, nur noch ein unter der Vormundschaft 
Herzog Rudolfe I. von Sachsen - Wittenberg und eines Her- 
zogs von Pommern stehender Vetter Heinrich übrig blieb, 
mit dem aber schon im Juli oder August des nächsten Jahres 
der ganze blühende Zweig der brandenburgischen Askanier 
verwelkt. 

Wie Raubtiere fielen nun alle Nachbarn über das ver- 
waiste Erbe her. Fast sämtliche innerhalb unserer Provinz 
gelegenen Teile : die Altmark, die Mark Landsberg und die 
Pfalz Sachsen brachte Waldemars Witwe Agnes ihrem 
zweiten Gemahl Otto dem Milden von Braunschweig, dem 
sie sofort die Hand reichte, als ihr Wittum zu. Der Ver- 
wandtschaft wegen hatten die nächsten Ansprüche die Fürsten 
zu Anhalt, die von Herzog Bernhards von Sachsen älterem 
Sohne abstammten, dann Herzog Rudolf von Sachsen, dessen 
Gemahlin Judith auch eine Tochter Markgraf Ottos des 
Langen von Brandenburg war. Als der Streit wegen der 
Vormundschaft über den jungen Markgrafen Heinrich mit 
dem Erzbischof Burchard von Magdeburg, der lehensherrliche 
Ansprüche auf einen grofsen Teil der brandenburgischen 
Lande, besonders die Altmark, hatte, durch des Mün- 
dels frühes Ableben gegenstandslos geworden war, suchte 
er das Land durch persönlichen Einfluis für sich zu ge- 
winnen. 

Aber die Mühen solcher Bewerbungen waren vergeblich, 
da König Ludwig der Bayer, nachdem er 1322 bei Ampfing 
gesiegt hatte, die Mark einzog und am 24. Juni 1324 seinen, 
ältesten gleichnamigen, damals achtjährigen Sohn damit be- 
lehnte. Den Herzog Rudolf von Sachsen - Wittenberg die 
Erbschaft antreten zu lassen, schien schon deshalb bedenk- 
lich, weil derselbe dann zwei Kurwürden in seiner Person 
vereinigt hätte. Der König suchte ihn durch Verpfandung 
der Lausitz, den Erzbischof von Magdeburg durch die von 
Jerichow und Plaue zu befriedigen. Die Altmark erhielt 



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Die Nachfolger Markgraf Waldemars iu der Mark. 



23» 



Herzog Otto von Braunschweig auf die Lebenszeit seiner 
Gemahlin Agnes; Herzog Magnus von Braunschweig wurde, 
als Gemahl der Sophie Tochter Markgraf Heinrichs I. zu 
Brandenburg-Landsberg, mit Landsberg, Sangerhausen und 
der Pfalz Sachsen beliehen. Die Altmark wurde der Schau- 
platz eines Kampfes zwischen Herzog Otto und dem Erzstii't 
Magdeburg, in welchem der erstere das Land behauptete. 
Im Jahre 1336 trat der Erzbischof es dem Kaiser Ludwig 
gegen 6000 Mark Silbers, Überlassung einiger Schlösser und 
Städte und gegen Anerkennung der magdeburgischen Lehens- 
hoheit ab. 

Während die Marken anfangs unter dem vormundschaft- 
lichen Regiment der Grafen Berthold von Henneberg, Bur- 
chard von Mansfeld und Markgraf Friedrichs von Meifsen 
befriedigend verwaltet wurden, verschlimmerten sich die 
Verhältnisse, als seit Karls IV. des Luxemburgers Krönung 
(11. Juli 1346) und König Ludwigs Tod (ll. Oktober 
1347) der erstere nach einem sichern Plane mit allen Listen 
sich der Mark zu bemächtigen suchte. Zuerst belehnte er 
am 5. November 1347 den Herzog Rudolf mit der Altmark, 
deren Städte ihm sofort ihre Thore öffneten. Es wurden 
denselben nämlich nicht geringe Privilegien erteilt; sie 
durften sich gegen fehdesüchtige Schlofsherren zur Abwehr 
der Gewalt verbinden; neue Burgen sollten nur mit ihrer 
Einwilligung errichtet, sonst sollten sie gebrochen werden 
dürfen. Sogar einen andern Herrn sich zu erwählen, 
sollte ihnen gestattet sein, falls der Markgraf ihre Rechte 
kränke. 

Dann bereitete Karl IV. dem Markgrafen Ludwig durch 
Aufstellung des sogen, falschen Waldemar grofse Schwierig- 
keiten. Ein Pilger erschien vor dem Erzbischof von Magde- 
burg und erklärte, er sei der angeblich vor 29 Jahren ver- 
storbene Markgraf Waldemar, und suchte es zu begründen, 
weshalb er die Komödie mit seinem Tod und Begräbnis 
gespielt und weshalb er eine so lange Pilgerfahrt unternommen 
habe und nun, da er sein Land in solcher Verwirrung sehe, 
die Zügel der Regierung wieder in seine Hand nehmen 
wolle. So wenig Wahrscheinlichkeit diese Erzählung hat 
und so leicht sich ähnliche Erscheinungen wiederholen, dafs 
in Zeiten grofsen Unglücks Erinnerung an äufsere Gröfse 
und inneres Gedeihen von Betrügern gemifsbraucht wurde, 
um sich für längst Verstorbene auszugeben, so ist doch der 
unmittelbare Beweis des Betrugs nicht leicht zu führen. 
Doch ist zu bemerken, dafs schon die um ihr Urteil be- 
fragten Schoppen aussagten, dafs sie, falls man sie zum Eide 



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240 Siebenter Abschnitt. 

nötigte, eher zeugen wurden, die fragliche Person sei 
nicht die, wofür sie sich ausgebe, als dafs sie es sei. 
Und selbst ein Schriftsteller Karls IV. bezeichnete die Auf- 
stellung jenes Waldemar als einen Kunstgriff des Königs. 
Am 2. Oktober 1348 hatte dieser erst die Bewohner der 
gesamten Mark an Waldemar gewiesen und drei Tage 
danach den Herzögen von Sachsen und den Fürsten von 
Anhalt die Anwartschaft auf die Waldemar zugesprochenen 
Länder auf dessen Ableben hin erteilt. Nachdem ihm aber 
in der ersten Hälfte des Jahres 1349 in dem Gegenkönige 
Günther von Schwarzburg eine Schwierigkeit bereitet wor- 
den war, liefs er sein Werkzeug fallen und gestand dem 
Markgrafen Ludwig, der ihm dagegen die Reichskleinodien 
auslieferte, den rechtmäfsigen Besitz der Marken. 

Nicht so leicht liefsen die Städte von dem Treugelübde, 
wozu sie erst vor kurzem veranlafst waren. Am 18. April 
1350 baten 15 märkische Städte den Kaiser, er möge sie 
nach Waldemars Tode bei den Herzögen zu Sachsen 
denen "sie gehuldigt, bleiben lassen. Am 12. September 
desselben Jahres that Karl IV. Stendal, Tangermünde, 
Osterburg, Seehausen und andere Städte in die Reichsacht. 
Zu den Orten, die zuletzt bei Waldemar blieben, gehörte 
Görzke. So traten hier im eifersüchtigen Wettkampf der 
Dynastieen sowie bei den wiederholten Geldaufnahmen der 
verschuldeten bayerischen Dynastie die Städte neben den 
ritterlichen Mannen als ein wichtiger Stand auf. Schon 
1345 hatten sie sich zur Verteidigung ihrer Gerechtsame 
und gegen willkürliche Schätzung gegen den bayerischen 
Markgrafen Ludwig vereinigt. 

Karl IV. verfolgte aber bei unseren Marken seine be- 
sondere von Eigennutz und dynastischem Interesse bestimmte 
Politik. Im Streben, seine Hausmaeht zu erweitern, wollte 
er weder Wittelsbacher noch Askanier, sondern sich selbst 
und sein Haus zum Erbe des grofsen Waldemar gelangen 
lassen und führte sein Werk mit viel List und Beharrlich- 
keit hinaus. Als 1351 der bedeutendere Markgraf Ludwig 
die brandenburgischen Marken an seine Brüder Ludwig („ den 
Römer", weil er in Rom geboren) und Otto übergeben hatte, 
vermochte er im Jahre 1363 den ersteren infolge von 
Gegensätzen innerhalb des eigenen Hauses mit ihm in eine 
Erbvereinigung zu treten; nach seinem und seines Bruders 
Otto mannserbelosem Tode sollte der Sohn oder Bruder 
in der Mark folgen. Als nun 1366 der tüchtige ältere 
Bruder gestorben war, zog König Karl den jüngeren ge- 
wissenlos in seine Netze und verlobte den Jüngling mit der 



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Die Bayern in der Mark und die Politik Karls IV. 



241 



Witwe Herzog Rudolfs von Osterreich, von der Nachkommen- 
schaft nicht zu erwarten war. Schon 1366 hatte der aus- 
schweifende, verschwenderische Otto die Städte der Altmark 
an seinen Schwiegervater Karl IV. gewiesen, der mit Unter- 
stützung seines Freundes und treuen Dieners, des Erz- 
bischofs von Magdeburg, auch bereits die Eventualhuldigung 
in den Marken entgegengenommen hatte. Zwar raffte sich 
Otto im Jahre 1371 noch einmal auf; aber es kam nur zu 
einem verheerenden Kampfe in den Marken. Im August 
1373 tritt Otto gegen die hohe Summe von 150 000 Mark, 
unter Vorbehalt der Kur- und Erzkämmererwürde , seine 
Lande an den Sohn des Kaisers ab und zieht sich nach 
Bayern zurück. 

Mit verschlagener List hatte Karl IV. das Erbe der 
brandenburgischen Askanier an sein Haus gebracht, aber 
für das Land selbst wurde die kaum sechstehalbjährige Zeit 
seines Waltens ein Segen, ein Ruhepunkt zwischen entsetz- 
lichen Zeitläuften. Und wenn zum Begriff eines wahren 
Landesvaters nicht mehr gehörte als kluge, haushälterische 
Fürsorge und Streben nach äufserem Wohlstand, Blüte von 
Handel, Kunst und äufserem Kirchenwesen, man könnte ihn 
einen der besten Landesväter nennen, die je in unseren 
Marken die Herrschaft führten. 

Besonders hatte sich die Altmark dieses segensreichen 
Waltens zu erfreuen. Am 7. September 1373 zog er mit 
seinen Söhnen und einem ansehnlichen Gefolge in Tanger- 
münde ein und nahm die Huldigung der Stände entgegen. 
Da in seinem Sinne die Städte auf eine unauflösliche Ver- 
einigung der Marken mit dem Königreich Böhmen gedrungen 
hatten, so wurde diese im nächsten Jahre durch Verein- 
barung böhmischer und märkischer Stände zu Guben voll- 
zogen und dann am 29. Juni 1374 zu Tangermünde be- 
stätigt. Eine so hohe Versammlung von Erzbischöfen, 
Bischöfen, Herzögen und Markgrafen hatte die bescheidene 
Stadt bis dahin nie in ihren Thoren gesehen. Sie war bis 
dahin hinter anderen Städten der Altmark, dem gewerb- 
lichen Salz wedel, dem ältesten Markgrafensitze, dann be- 
sonders der mächtig emporstrebenden Handelsstadt Stendal 
zurückgetreten. Aber ihre Lage unmittelbar am schiffbaren 
Elbstrom gewährte ihr den Vorzug, der Hauptsitz von Karls 
neugewonnener Herrschaft zu werden. In dem wahrhaft 
erstaunlich eifrigen Bemühen zur Hebung und Förderung 
des Wohlstands in der Mark bewährte sich die nicht selten 
unter ähnlichen Verhältnissen beobachtete Erscheinung, dafs 
die letzten und jüngsten Erwerbungen zumeist die Sorge 

Jacoba, Geach. d. Prov. Sachsen. 16 



Siebenter Abschnitt. 



des Herrschers auf sich ziehen. Im Sinne neuer wirtschaft- 
licher Grundsätze liefs der Kaiser in den Marken in einem 
Landbuche, das für die Altmark auch zum Abschlufs ge- 
langte, Ort fiir Ort genaue Verzeichnisse über die Güter, 
Besitzungen und Einkünfte aufstellen, um danach einen 
sicheren Mafsstab für Hebungen und Verwaltung zu ge- 
winnen. In seiner neuen Hauptstadt Tangermünde liefs er 
sofort im Jahre 1373 das Schlofs kunstvoll ausbauen, Mauern, 
Thore und Kirchen so herstellen, wie es eines Kaisersitzes 
würdig war. Wie es den mittelalterlichen Verhältnissen 
entsprach, mufste auch drei Jahre später ein besonderes 
kaiserliches Domstift, und zwar auf der Burg, begründet 
werden. Die Hofkapelle auf der Burg mufste gemäfs dem 
auf Glanz und Schimmer gerichteten äufserlich- kirchlichen 
Kunstsinn des Königs nach dem Vorbild der Wenzelskapelle 
auf dem Hradschin zu Prag in Silber und Gold, Marmor, 
Perlen und Edelstein prangen. Dafs die damals höher denn 
je im Schwange gehenden „Heiltümer", d. h. als solche ver- 
ehrte Körperteilchen, Läppchen etc. von Heiligen und 
Märtyrern: ein Stückchen Gehirn von Johannes dem Täufer, 
das Herz des heiligen Georg, sogar ein Tropfen vom heiligen 
Blut Christi in Gold, Silber und Edelstein gefafst, nicht 
fehlten, versteht sich von selbst. 

Aber mit solchen, unter dem heiligsten Titel und doch 
in sehr äufserlich - weltlichem Sinne gehegten Bestrebungen 
verbanden sich auch sehr greifbare wirtschaftlich - kauf- 
männische: Karl IV., der seit Erwerbung der branden- 
burgischen Marken nicht nur die Elbe und Oder von ihren 
Quel ilen an, sondern nun auch die niedere Elbe beherrschte, 
wollte Tangermünde zu einem Mittelpunkt des Handelsver- 
kehrs machen. Dazu dienten damals die mittels des Ab- 
lasses zur Anziehung der Volksmassen verwandten Heil- 
tümer. Sodann suchte der Kaiser kräftig Ruhe und Ord- 
nung herzustellen, indem er die Raubschlösser durch Ge- 
walt oder, wo dies besser anging, durch Geld und Vertrag 
in seine Hände brachte. So erwarb er das Schlofs Brohme 
im Nordwesten der Altmark und zog gegen die Schlösser 
Pritzes und Dannenberg, wobei ihm auch die Magdeburger 
unter ihrem Stadthauptmann Ludolf von Alvensleben mit 
zwanzig guten Schützen und der Stadt Büchsen Hilfe leisteten. 
Noch unmittelbarer der Handelszwecke wegen trat der 
Kaiser dann mit der Handelsstadt Lübeck in nähere Be- 
ziehung. So sollte die plötzlich aus ihrer bescheidenen 
Stellung zur Landeshauptstadt gediehene Kaiserresidenz in 
der Altmark ein Mittelpunkt des Handels werden, wo die 



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Tangermünde und die Altmark unter Kaiser Karl IV. 248 

über Prag eingeführten Waren des Orients sich mit den 
Kaufgütern der deutschen Hanse an den Gestaden der Ost- 
und Nordsee begegneten. 

Aber die Sonne des Glücks, die über unseren Marken so 
hell aufgegangen war, ging mit dem am 29. November 1378 
erfolgten Tode Karls IV. nur zu schnell unter. Seinem bei des 
Vaters Ableben erst zehnjährigen, ganz anders gearteten, sinn- 
lich gerichteten Sohne Sigismund, dem Schwiegersohne des 
Polenkönigs, war Tangermünde und die Altmark so wenig 
Mittelpunkt seiner Sorgen, dafs er die Mark vielmehr durch 
Statthalter regieren liefs und nur Einkünfte daraus erhob. 
Schon im Jahre 1385 wollte er die Altmark und Priegnitz 
an seine Vettern Jobst und Prokop von Mähren versetzen. 
Damals widersetzten sich zwar die Stände wie ein Mann 
diesem Ansinnen, aber 1388 setzte Sigismund seinen Willen 
doch durch ; Jobst selbst hatte das Regiment und liefs sich 
huldigen. Aber von viel niederer Gesinnung als der Kaiser, 
betrachtete der Mähre die ihm verpfändeten Lande nur als 
Geldquelle, die er höchstens um etwas daraus zu ziehen 
einmal besuchte, im übrigen aber durch Statthalter verwalten 
liefs. Diese Zeit der Pfandschaft, gewöhnlich als die Zeit 
der Quitzows — eines niederen altmärkischen Adelsge- 
schlechts — bezeichnet, ist eine der gräulichsten, die unsere 
Geschichte kennt ; Stadt und Land, Weltliche und Geistliche 
wurden unauf hörlich geplagt und geschunden von einem in 
Unbotmäfsigkeit allzu lange den Platz behauptenden Teile 
des märkischen und des magdeburgischen Adels; denn weder 
vermochte Jobst, soweit bei ihm von einem redlichen Willen 
die Rede sein kann, die Quitzows und ihre Kumpane in 
Ordnung zu halten, noch war der Erzbischof von Magde- 
burg imstande, als er 1396 Friede mit der Mark ge- 
schlossen hatte, einen Teil der magdeburgischen Edelleute 
zu verhindern, die märkischen Nachbarn zu befehden und 
zu schätzen. 

So lange wackere und kräftige Fürsten die Zügel der 
Herrschaft führten, hatte die von ihnen belehnte Mannschaft 
in deren Dienste eine Aufgabe erfüllt: im ehrlichen Kampfe, 
in Treue gegen ihre Herren hatten Mut und Hingebung 
und andere menschliche Tugenden den Gefahren des Blut- 
und Waffenhandwerks Schranken gesetzt; sobald aber die 
feste Unterordnung und wahre Oberherren fehlten, die Fürsten 
vielmehr barem Eigennutz und roher Sinnlichkeit fröhnten, 
mufste jener Ritterstand entarten; ihm fehlte der rechte 
Beruf. Aber bei der allgemeinen Unordnung Herr der 
materiellen Gewalt, suchte er seinen Unterhalt im Rauben, 

16* 



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244 



Siebenter Abschnitt. 



wozu die eben einporgeblühten Städte reiche Gelegenheit 
boten. Wie furchtbar ein Teil dieser Herren herunterge- 
kommen war, geht daraus hervor, dafs auf ihren Eid und 
ihr Wort nicht mehr zu bauen war: Sie leisteten Eide bei 
ihrer Auslösung,. , die sie nicht hielten noch zu halten ge- 
sonnen waren. Uberall führte die Unbotmäfsigkeit zur Fehde 
mit den Nachbarn, daher die geplagtesten Gegenden die 
Grenzgebiete waren, so besonders die Gegenden an der 
Havel von Görzke bis Sandau. Die verrufensten Raub- 
burgen waren Klötze in der Altmark und besonders das 
schon durch seine Lage feste Plaue hart an der magde- 
burgischen Grenze, von wo aus die Quitzows ihre schreck- 
liche Statthalterschaft übten. Der Erzbischof von Magde- 
burg: nimmt mit den Fürsten von Anhalt in einem Treffen 
den Hauptmann der Mark, Lippold von Bredow, der Milow 
an der Havel belagerte, mit vielen Rittern gefangen und 
nimmt Rathenau, wo grausam gewirtschaftet wird; von 
märkischer Seite wird furchtbare Vergeltung geübt. Die 
Raubzüge aus Klötze führten wieder zu Verwüstungszügen 
seitens der Herzöge von Lüneburg. Das ganze Gebiet von 
Klötze mit Kloster Breitenfeld, Kakerbek, Röwitz, Kusey, 
Trippigleben ging aber auch auf diese Weise auf 3 V 4 Jahr- 
hunderte für die Altmark verloren, indem es die Herzöge 
von Braunschweig in Verbindung mit dem Erzstift von den 
räuberischen Quitzows eroberten und nicht wieder heraus- 
gaben. So schädigte das wüste Faustrecht sogar den äufseren 
Umfang des Landes. 

Um sie vor ihren Drängern zu schützen, mufsten die 
Altmärker dem benachbarten Herzoge von Braunschweig 
jährlich 100 Mark und acht Lasten Salzwedeler Bier steuern, 
denn Kaspar Gans zu Putlitz, Hauptmann der Altmark und 
Priegnitz, war selbst ein guter Freund der Quitzows. Um 
seine Lande vor dem Raube dieser Sippe zu sichern, zahlte 
der Erzbischof von Magdeburg eine förmliche Schätzung von 
1 böhmischen Groschen für jedes Stück Vieh. Selbst dem 
Kurfürsten Rudolf von Sachsen sagten die Quitzows ab und 
plünderten seine Grenzen. Im November 1409 wurden die 
Magdeburger nach tapferer Gegenwehr bei einem Überfalle 
Hennings von Bredow und Dietrichs von Quitzow bei 
Glienicke östlich von Ziesar überwunden ; am 30. November 
1413 schlägt Hans von Quitzow die magdeburgischen Be- 
fehlshaber an der Stremme und bringt die Gefangenen nach 
Plaue, die sich dann gegen 1800 Schock Groschen lösen. 

Aus solchen jämmerlichen, gesetzlosen Zuständen rettete 
endlich der Tod des unwürdigen Besitzers. Am 1 8. Januar 



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Die Zeit der Quitzows. Burggraf Friedrich von Nürnberg. 245 



1411 endete Markgraf Jobst und König Sigismund nahm 
Besitz von seinem märkischen Erbe. Obwohl nicht ohne 
grofse sittliche Schwächen, verfolgte dieser doch höhere Ziele 
und hatte ein Herz und Verständnis für die Bedürfnisse der 
ihm anbefohlenen Länder und Völker. Da er nun nicht 
selbst das entfernte Besitztum unter seine Verwaltung nehmen 
konnte, so hatte er diese einem treuen Gehilfen, dem ihm 
nahe feefreundeten Burggrafen Friedrich von Nürnberg aus 
dem Hause Hohenzollem, zugedacht, der ihm schon manchen 
wichtigen Dienst geleistet hatte, besonders durch Beförderung 
seiner deutschen Königswahl. 

Gleich auf die Kunde von Markgraf Jobsts Ableben hin 
sandten alle märkischen Städte Gesandte nach Ofen an 
König Sigismund und baten ihn, unter Schilderung der 
furchtbaren Leiden und Zustände des Landes, doch dahin 
zu kommen und sich des armen Volkes anzunehmen. Von 
der Ritterschaft war allein Kaspar Gans zu Putlitz, Erb- 
marschall der Mark Brandenburg, als Bevollmächtigter der 
Mannschaft erschienen. König Sigismund, der die Gesandten 
freundlich empfangen hatte, antwortete: er selbst könne da& 
Regiment in der Mark nicht übernehmen, doch wolle er 
ihnen einen Mann senden, mit dem sie wohl zufrieden sein 
würden. So wurde denn zu Ofen am 8. Juli 1411 die Ur- 
kunde abgefafst, worin dem Burggrafen Friedrich das Regi- 
ment in der Mark übertragen wurde. Drei Tage später 
empfahl der König ihr neues Oberhaupt den Ständen. 

Das Haus Zollern oder Hohenzollem, welches von da 
ab bestimmt war, die weltlichen Geschicke eines Teils, zuletzt 
der gesamten unter seinem Scepter vereinigten Provinz zu 
leiten, war schwäbischen Ursprungs und hatte seit Mitte des 
11. Jahrhunderts, wo es zuerst bestimmter hervortritt, immer 
treu zu Kaiser und Reich gestanden. Vielleicht waren schon 
Zollern unter den schwäbischen Edlen gewesen, die 1115 
im Weifsholz für Heinrichs V. Königtum bluteten. Mit den 
Herzögen von Sachsen -Wittenberg aus askanischem Ge- 
schlechte sehen wir sie schon im 13. Jahrhundert ver- 
schwägert; 1345 ist Burggraf Johann von Zollern auch schon 
einmal auf einige Zeit für den Bayer Ludwig oberster Haupt- 
mann in unseren Marken. 

Burggraf Friedrich kam im Jahre 1412 zunächst als Herr- 
schaftsverweser für König Sigismund mit ganz anderen Voll- 
machten in die Mark, als frühere Statthalter; er war mit 
vollständiger landesherrlicher Gewalt, der kriegerischen, ge- 
richtlichen und der Verwaltung ausgerüstet. Die Form, 
unter welcher die Bekleidung mit dieser Gewalt geschah, 



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Siebenter Abschnitt. 



war die einer Verschreibung auf 100000 Gulden, welcher 
Summe er zur Ausrichtung seiner Aufgabe jedenfalls be- 
durfte. Hierbei stellten sich ihm die anhaltischen Herzöge 
von Sachsen, die den Jammer der gesetzlosen Zeit schwer 
hatten empfinden müssen, und ihrer askanischen Erbansprüche 
vergafsen, als treue Verbündete dar. Ein Teil des Adels 
wollte von einem Hersteller fester Ordnung nichts wissen, 
während die Städte ihn um so freudiger begrüfsten. . Zwar 
als Friedrich den Edlen Wend von Eilenburg (Eulenburg) 
1412 als seinen Vertreter voraussandte, wollten die Alt- 
märker denselben zuerst nicht anerkennen, bis König Sigis- 
mund sie entschieden an den Burggrafen gewiesen hatte. 
Es ist hierbei zu bedenken, dafs in der Altmark seit Mark- 
graf Waldemars Tode nicht weniger als 23 Huldigungen 
geleistet waren. In den letzten Monaten des Jahres 1412 
wurde zu Gardelegen, Tangermünde, Stendal und an anderen 
Orten auch dem neuen Herrn gehuldigt. Der widerspenstige 
Adel wurde im Winter, wo der Frost den Belagerern zu hilf e 
kam, von verschiedenen Seiten angegriffen. Der Hauptkampf 
galt dem festen Plaue, bei dessen Belagerung besonders die 
magdeburgischen Völker ihre Kräfte mit denen des Burggrafen 
wider die Friedensbrecher vereinigten. Erzbischof Günther ver- 
band sich mit ihm zu diesem Zwecke auf zwei Jahre. Eine im 
Volksmunde unter dem Namen der „faulen Grete" bekannte 
Vorläuferin unserer Kanonen that bei diesen Kämpfen gute 
Dienste. Landgraf Friedrich von Thüringen, Schwager des 
Erzbischofs von Magdeburg, hatte sie zu dem wichtigen 
Zwecke dargeliehen. Uberhaupt verhalfen die damals häufiger 
werdenden Feuerwaffen den Fürsten zu einem leichteren 
Siege über die Feinde der öffentlichen Ordnung. Die 
Quitzows und ihre Genossen trotzten hinter den erst kürz- 
lich erneuerten 14 Fufs dicken Mauern des festen Plaue und 
flohen entsetzt, als sie bemerkten, dafs auch diese sie nicht 
schützten. Bei der Gefangennehmung des fliehenden Hans 
von Quitzow machte sich der Schulze des benachbarten 
Dorfes Schmitzdorf verdient. 

Nach dem Fall dieser Raubfeste schritt Friedrich zur 
Unterwerfung der Altmark. Nachdem er umsonst lange 
Güte versucht hatte, liefs er die verwegenen trotzigen Wider- 
sacher die Strenge des Gesetzes fühlen. Lied und Spruch 
des Volks pries ihn aber als Wiederhersteller der Ordnung. 
Seitdem Ende 1378 mit Karls IV. Tode Ordnung, Recht 
und Sicherheit aus der Altmark und ihrer Nachbarschaft 
gewichen war, wurde am 20. März 1414 auf einer Stände- 
versammlung an des wirtschaftlich-strebsamen Kaisers Lieb- 



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Friedr. v. Zollern u. a. Fürsten werden des Faustrechts Herr. 247 

lingssitze Tangermünde über die gefangenen oder flüchtigen 
Ruhestörer endlich Gericht gehalten und eine Landfriedens- 
ordnung errichtet, die jedem Stand die Abwehr und Ver- 
folgung der Friedensbrecher zur Pflicht machte. In Tanger- 
münde, wo Friedrich sich lange mit seiner Gemahlin auf- 
hielt, wurden ihm auch seine ältesten Söhne und Nachfolger 
Friedrich und Albrecht geboren. 

Zwischen Elbe und Havel hielt sich das unselige Fehde- 
wesen nicht ohne Schuld Johann von Waldows, Bischofs 
von Brandenburg, noch einige Jahre, und so geschahen von 
Ziesar aus noch manche Räubereien. Kaspar Gans zu 
Putlitz, erst 1416 aus seiner Gefangenschaft zu Ziesar ent- 
lassen, nahm mit Balthasar von Werder das magdeburgische 
Sandau. Die Stadt wurde durch Feuer verheert und erst 
1417 zurückgegeben . 

Als Friedrich erst die notwendigsten Schritte zur Auf- 
richtung seiner Gewalt und des Friedens in den Marken 
gethan hatte, riefen ihn die grofsen konziüaren Bestrebungen 
wieder an die Seite des Königs. Zu Konstanz erwarb 
der Burggraf von Nürnberg am 21. Oktober 1415 die 
Mark Brandenburg und die Kurwürde, die er sich durch 
seine Hingebung an Kaiser und Reich verdient hatte. Die 
feierliche Belehnung erfolgte am 18. April 1417 vor allem 
Volke auf dem Marktplatze zu Konstanz. Der Askanier 
Kurfürst Rudolf III. von Sachsen -Wittenberg nahm bei 
dieser Gelegenheit mit dem Kurschwerte seine Stelle zur 
Seite des Königs ein. Als dann wenige Jahre später, wie 
bereits erwähnt wurde, am 27. November 1422, mit dessen 
Bruder Albrecht III. der askanische Stamm der Kurfürsten 
von Sachsen ausstarb, hatte sich Friedrich Hoffnung auf 
das Erbe des nahe verschwägerten Hauses gemacht Da er 
sich aber damals dem Gegner Sigismunds, dem Polenkönige, 
genähert hatte, so belieh der König, wie wir sahen, den 
Wettiner Markgraf Friedrich den Streitbaren mit Land und 
Würde des sächsischen Herzogtums. Friedrich von Hohen- 
zollern aber, dessen ausgesprochenes Bestreben besonders 
darauf gerichtet war, dafs das Recht gestärkt, das Unrecht 
aber gekränkt werde, trat in seinen späteren Lebensjahren 
von der Thätigkeit in den Marken zurück; seine Kraft 
schien auch etwas erlahmt. Erst am 21. September 1440 
verstarb er in seinen fränkischen Stammlanden zu Kadolz- 
burg. 

Nachdem wir in kurzen Zügen die geschichtlichen Be- 
wegungen in beiden weltlichen Hauptfurstentümern unserer 
mittelelbischen Gegenden dem thüringisch - meifenischen der 



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Siebenter Abschnitt. 



Wettiner im Süden und dem altmärkisch- brandenburgischen 
der Askanier, Bayern, Luxemburger, zuletzt Hohenzollern 
im Norden von der Mitte des 13. bis zum Anfang des 
15. Jahrhunderts verfolgt haben, richten wir unsern Blick 
wieder auf das von beiden eingeschlossene gröfste geistliche 
Fürstentum, das der Erzbischöfe von Magdeburg, dessen 
Geschicke wir freilich insoweit schon andeuteten, als sie durch 
die Entwicklung jener weltlichen Fürstentümer unmittelbar 
bedingt waren. 

Nach Erzbischof Korirads II. Tode entstand eine zwie- 
spältige Wahl, indem der Dompropst Erich von Brandenburg 
und der Domherr Burchard, ein geborener Edeler von Quer- 
furt, durch gewaltsame Beeinflussung seitens ihrer Freunde 
zu der hohen weltgeistlichen Würde zu gelangen suchten. 
Durch Geld abgefunden traten beide gegen Günther, einen 
geborenen Grafen von Schwalenberg, zurück (1278). Wie 
dessen Wahl schon von dem unruhigen Geist der Zeit 
zeugte, so sehen wir ihn die kurze Zeit seines Regiments 
in fast fortwährenden Kämpfen mit den Markgrafen von 
Brandenburg, dem Herzog von Sachsen und ihren Ver- 
bündeten. Obwohl gegen beide siegreich, wurde Günther 
doch der unablässigen Fehde müde und trat, ohne noch vom 
Papst bestätigt zu sein, im Jahre 1280 gegen Bernhard, einen 
geborenen Grafen von Wölpe, zurück. War des Vorgängers 
kurze Regierungszeit von Krieg erfüllt gewesen, so war es 
die kürzere Bernhards noch mehr: die brandenburgischen 
Markgrafen setzten mit mehreren Verbündeten ihren Krieg 
gegen Magdeburg fort. 

Zwar war einer von ihnen, Markgraf Albrecht, auf 
magdeburgischer Seite, aber Markgraf Otto trieb von der 
Altmark aus mit gegen 1000 Rittern und Knappen die nach 
dem Braunschweigischen ziehenden Magdeburger in die Flucht, 
die sich nach Hildesheim zurückgezogen und grofse Ver- 
luste hatten. Ein kostspieliger, zur Fastenzeit 1280 unter- 
nommener Anschlag auf Schönebeck wider die Herren von 
Barby mifslang; die Bürger, welche dem Erzbischof Hille 
geleistet hatten, machten demselben eine grofse Rechnung. 
Daran reihte sich ein in Gemeinschaft mit Herzog Albrecht 
von Sachsen und den wettinischen Fürsten ausgeführtes 
Unternehmen zur Wiedergewinnung des ehemaligen Schlosses 
Reine bei Dessau. Bei der Belagerung entsteht Uneinigkeit 
und der Erzbischof mit seinen Verbündeten nimmt die 
Markgrafen Dietrich von Landsberg, Friedrich den Freidigen 
und eine Anzahl thüringischer Herren und Ritter gefangen. 
Aber Friedrich der Freidige entkommt und die Magde- 



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Erzbb. Günther u. Bernhard, bürgerl. Turnierspiel zu Magdeburg. 249 

burger erleiden durch die Meifsner empfindliche Verluste 
und werden genötigt, auch den zu Burgwerben gefangenen 
Dietrich freizugeben. Letzterer beginnt gegen sein gegebenes 
Wort im Bunde mit Vettern und verschiedenen Graten und 
Herren vom Harz und Thüringen einen Rachekrieg, wobei 
der Saalkreis verwüstet und der Giebichenstein schnöde 
übergeben wird. Die Scharen des Erzbischofs werden von 
den Meifsnern bei Bitterfeld völlig geschlagen, Burgwerben 
und Taucha gehen verloren. Endlich wird vom Bischof 
Friedrich von Merseburg und Gebhard von Querfurt ein 
Frieden vermittelt. Während dieser Zeit begiebt sich der 
Erzbischof nach Rom und sieht sich veranlafst, seine Würde 
niederzulegen. Aber gerade aus dieser Zeit, wo von 1281 
bis 1283 das Erzstift Magdeburg ohne Oberherrn ist, haben 
wir höchst merkwürdige Nachricht von einem mächtigen 
Aufschwung des Bürgertums an dem berühmten Metro- 
politansitze. Die Bürger ergötzten sich an einem feierlichen 
Waffenspiele vom Gral und der Tafelrunde, einem Vorläufer 
der Schützenfeste, wozu Halberstadt, Quedlinburg und andere 
niedersächsische Städte eingeladen wurden. Ein mit der 
Gabe der Dichtung ausgestatteter Bürgerssohn, Brun von 
Schönebeck, einer angesehenen Magdeburger Familie an- 
gehörig, richtete dieses Turnierspiel ein und verlieh dem- 
selben den Reiz und Schwung der Dichtkunst, die er auch 
an anderen Stoffen, einem noch handschriftlich erhaltenen 
„Hohen Liede", einem „Ave Maria" und anderem mehr, 
übte. 

Nicht nur sehen wir so das Ritterspiel, wie es früher 
die Bewohner der Schlösser und Burgen übten, auf die 
Bürger übergegangen, sondern Art und Inhalt der Dichtung 
Bruns zeigt zugleich, dafs eine höhere Bildung in den Städten 
neben den Geistlichen sich auch unter den Bürgern ver- 
breitet hatte. • 

Nach etwa zweijähriger Vakanz wurde endlich im Jahre 
1283 der erzbischöfliche Stuhl in der Person des Branden- 
burgers Erich wieder besetzt, dessen Wahl seine Vettern als 
eine Hauptfriedensbedingung hingestellt hatten. So sehr sich 
Bürger, Mannen und Amtleute des Stifts vor dem kriege- 
rischen Askanier gefürchtet hatten, so bald wurden sie doch 
mit ihm versöhnt, da er einer der tüchtigsten und thätigsten 
geistlichen Oberherren war. Schon im Jahre 1284 beeiferten 
sich die Bürger Magdeburgs, ihm ihre Dankbarkeit zu be- 
zeugen, indem sie ihn mit 500 Mark Silbers loskauften, 
als er bei einem Ausfall aus dem Raubneste Harlingsberg 
an der Ocker, das er mit anderen sächsischen Fürsten be- 



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250 Siebenter Abschnitt. 

lagerte, gefangen worden war. Er erstattete das Geld bald 
wieder zurück und vermehrte der Bürger Rechte und Frei- 
heiten. Im Jahre 1291 gelang es ihm auch mit Hilfe der 
Bürger und mehrerer sächsischer Fürsten, jene Burg zu er- 
obern und zu zerstören. War er so wider die Friedens- 
brecher, gegen die er auch im Jahre 1290 auf dem Reichs- 
tage zu Erfurt ein Bündnis schlofs, mit Erfolg thätig, so 
hatte er dagegen mit seinen Dienstmannen einen unglück- 
lichen Kampf zu bestehen, wobei ihm zwar sein Bruder, 
Markgraf Otto, Hilfe leistete, er aber zur Entschädigung der 
Kosten diesem die Lausitz verpfänden mufste. 

Während der wichtigen Erwerbung von Wettin von 
Graf Otto von Brena im Jahre 1288 schon gedacht wurde, 
haben wir noch auf einige Ereignisse aus den letzten Lebens- 
jahren des Erzbischofs einzugehen, die zu den wichtigsten 
in der magdeburgischen Verfassungsgeschichte gehören. Als 
im Jahre 1292 Domkapitel und Bürger dem Erzbischof 
eine seiner vielen Fehden wegen notwendige Bede bewilligt 
hatten, verpflichtete er sich am 17. Januar desselben Jahres, 
für gewöhnlich die Güter des Kapitels und der Bürger mit 
keiner Bede zu beschweren; nur bei Kriegsnot solle mit 
Bewilligung beider Teile eine die Leistungsfähigkeit nicht 
übersteigende Bede erhoben werden. Im nächsten Jahre 
entspann sich dann ein heftiger Streit mit Rat und Innungs- 
meistern über die Besetzung des burggräflichen und Schult- 
heifsen-Gerichts durch die Schoppen. Diese unter Königsbann 
gehegte Gerichtsbarkeit sollte zugunsten der bürgerlichen 
Freiheit eingeschränkt und im Burding vorgenommen werden. 
Um Herr der burggräflichen Gerichtsbarkeit zu werden, 
suchte die Stadt das Burggraftum an sich zu bringen. Wirk- 
lich verkaufte im Jahre 1294 Herzog Albrecht von Sachsen 
dieses richterliche Amt, soweit es sich auf die Altstadt und 
das erzbischöfliche Viertel des Neumarkts bezog, für 900 
Mark Silbers an den Erzbischof. Die Stadt leistete aber 
die Zahlung, wogegen Erzbischof Erich sich verpflichtete, 
dafs das Amt stets beim Erzstift verbleiben und die Schult- 
heifsen gleich mit dem Gerichtsbann beliehen werden sollten. 
Den Ratsmännern und den fünf Meistern der vornehmsten 
Innungen gestand er die freie Wahl der Schoppen oder die 
Besetzung der Bank zu. Die Übergabe oder Auflassung 
von Häusern und Gütern sollte hinfort im Burding oder 
Stadtgericht abgehandelt werden. So erkauften die Bürger 
auch für 500 Mark Silbers das Schult hei fsen- oder Stadt- 
richteramt, das der Erzbischof nur einem Magdeburger Bürger 
zu Lehen reichen sollte. Im Jahre 1295 wurden dann die 



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Erzb. Erich u. Erweiterung der städt. Gerichtsbark, in Magdeburg. 251 

Befugnisse des städtischen Burdings über alle Vermögens- 
fragen ausgedehnt; das Schöffengericht sollte sich nur auf 
strafrechtliche Fragen erstrecken, statt einer Selbstergänzung 
der Schoppen die Bank vom Rat ergänzt werden. 

Die Schöffen leisteten hiergegen entschiedenen Wider- 
stand, und als der Erzbischof zu Johanni das Burggrafen- 
gericht hegte, mufsten die vom Rate gewählten Schönen 
zurücktreten. Die alten Schöffen ergänzten dann selbst ihre 
Bank, doch fiel ihre Wahl auf einige der vom Rat bestellten 
Personen. 

Auf den am 21. Dezember 1295 verstorbenen Erich 
folgte bis zum 27. April 1305 Erzbischof Burchard II., 
ein Graf von Blankenburg. Wie seine Vorgänger, hatte 
er mit dem Adel zu kämpfen, wobei die auf seiner Seite 
stehenden Bürger das Schlofs Randau zerstören durften. 
Wie zur Zeit seines Vorgangers im Jahre 1285 fand auch 
unter ihm im Jahre 1301 eine Judenverfolgung statt In 
demselben Jahre verkaufte er dem Wettiner Diezmann 
wiederkäuflich die Schlösser Droissig und Burgwerben, die 
später nicht eingelöst wurden. Heinrich IL, geborener Fürst 
von Anhalt, der von 1305—1307 das Stift nicht übel ver- 
waltete, erkaufte, obwohl er keine wissenschaftliche Bildung 
besafs, nicht einmal notdürftig Latein verstand, das 
Pallium für 1000 Mark Silbers vom Papst Clemens V. 
Er führte in seinem letzten Lebensjahre mit List die seinem 
Vorgänger Bernhard mifsglückte Eroberung von Schöne- 
beck aus. 

Das Regiment von Heinrichs Nachfolger, Burchard HL, 
einem Edeln von Querfurt -Schraplau, war besonders für 
die Stadt Magdeburg sehr verhängnisvoll. Sein rücksichts- 
loses Wesen zeigte sich gleich, als er nach dem Jahre 1308 
im Auftrage des Papstes mit Gewalt gegen die Tempel- 
herren einschritt. Wegen seiner Formlosigkeit hierbei wurde 
er vom Bischof Albrecht von Halberstadt in den Bann ge- 
than, aus dem ihn jedoch eine päpstliche Bulle vom 12. De- 
zember 1311 wieder löste, die ihm auch in demselben Jahre 
gestattete, seine geistlichen Verrichtungen durch einen Stell- 
vertreter ausüben zu lassen, während Kaiser Heinrich VU. 
im vorhergehenden Jahre (14. Juli 1310) dem Erzbischof seine 
freie reichstürstliche Stellung zugesichert hatte. Als er um 
neuer Gewaltsamkeiten von demselben Bischof abermals ge- 
bannt wurde, nahm der Papst wieder seine Partei. Die Stadt 
Magdeburg suchte ihn durch Geschenke und Unterstützung 
bei der Belagerung von Neugatersleben gegen aufständische 
Ministerialen sich geneigt zu erhalten, aber er legte ihr, wie 



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252 



Siebenter Abschnitt. 



auch der Stadt Halle, neue Steuern auf, namentlich auf Bier. 
Beide Städte suchten durch Zahlung von 600 bezw. 500 
Mark eine bestimmtere und insofern erwünschte Feststellung 
ihrer Rechte. Ebenfalls um eine Steuerfrage handelte es 
sich bei einem neuen Ausbruch des Streites zwischen dem 
Erzbisch of und seiner Hauptstadt, als ersterer im Jahre 1312 
die bis dahin abgabenfreien zumeist magdeburgischen Bürgern 
gehörigen Salzpfannen zu Salze besteuerte, in Salze und bei 
Magdeburg Festen anlegte, Magdeburger Bürger gefangen- 
nahm und gegen hohe Summen löste, auch die im Jahre 1309 
wegen Verschiffung des Korns vereinbarten Bestimmungen 
verletzte. So stieg der Unwille der Bürger immer höher, 
und bei seinem Einritt in die Stadt im Sommer 1313 nahm 
man ihn gefangen und hielt ihn drei Wochen auf dem Rat- 
hause fest. Durch Vermittelung Markgraf Waldemars von 
Brandenburg kam am 1. September 1313 ein Vergleich zu- 
stande, aber nach neuen Angriffen auf die Stadt, wobei ihm 
Markgraf Friedrich von Meifsen, Herzog Albrecht von 
Braunschweig, die Grafen von Mansfeld, die Herren von 
Querfurt und der Bischof von Naumburg hallen, wurden 
noch mehrmals Verträge durch den brandenburgischen 
Markgrafen vermittelt. Nach den Verträgen vom 18. De- 
zember 1314 und 4. April 1315 soll die Stadt vom Banne, 
mit dem sie belegt war, gelöst werden, und der Erz- 
bischof will für die Bürger, deren Bann er nicht lösen 
kann, solches beim Papste nachsuchen. Aber ein rechtes 
Verhältnis zwischen dem Erzbischof und der Stadt, ja mit 
einem grofsen Teil der Stände, kam doch nicht zustande, 
wenn auch Burchard zeitweilig aus politischen Rücksichten 
weniger schroff auftreten mochte. Als im Jahre 1324 der 
Streit offen ausbrach, scheint besonders Halle betroffen zu 
sein, das am 5. Februar einen dauernden Bund „gegen Ge- 
walt und Unrecht" schlofs. Damals sehen wir aufser 
Magdeburg, Halle und Kalbe a. d. Saale, auch Herzog Otto 
von Braunschweig, die Grafen und Edlen von Hadmersleben, 
Mansfeld, Honstein, Wernigerode, Hakeborn, Lindau, Barby, 
Querfurt und Regenstein gegen den Erzbischof verbündet. 
Die Mansfelder, Wernigeröder, Hadmersleber lassen sich 
sogar unter die Bürger von Magdeburg aufnehmen. Ein zu 
Wettin und Barleben am 14. Oktober 1324 geschlossener 
Vertrag überträgt die Schlichtung des Streites acht Schieds- 
männern, und gleichzeitig spricht der Erzbischof die gegen 
ihn verbündeten Städte, Fürsten und Herren vom Banne 
los, bestätigt den Städten ihre Privilegien und gelobt, ohne 
ihre Zustimmung keinen Schofs und Bede aufzulegen. Dennoch 



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Erzb. Burchard III. v. Magdeburg am 21. Sept. 1325 erschlagen. 258 

dauerte die Fehde fort. Am 16. Juli 1325 tritt auch das 
Domkapitel samt den Städten Burg und Neuhaidensleben 
vom Erzbischof ab und zur Gegenpartei. Als Burchard am 

29. August mit Hilfe einiger Anhänger in die Stadt ein- 
gelassen wird, läfst der Rat ihn gefangennehmen und in 
seinem Palast bewachen. Von dort in den neuen Keller des 
Rathauses gebracht, wird der Erzbischof in der Nacht zum 
21. September durch seine Wächter erschlagen. Dieser Tod- 
schlag, der erst im August des nächsten Jahres allgemein 
und öffentlich bekannt wurde, kam der Stadt, die am 
19. August 1326 mit Acht und Interdikt belegt wurde, 
teuer zu stehen. An Ruf, Gut und Rechten empfindlich 
geschädigt, mufste sie lange unter dem Druck des Bannes 
seufzen. 

Bei aller Rücksichtslosigkeit Erzbischof Burchards ist 
doch zu sagen, dafs er mit Eifer Macht und Rechte des 
Stifts und Erzbistums zu erweitern gesucht hat. Im Jahre 
1316 überliefs ihm Markgraf Walderaar von Brandenburg die 
westlich von Magdeburg gelegene Grafschaft Billingsho aufser 
Elbei. Wegeleben wurde damals gegen 1000 Mark Silbers 
dem Stift Halberstadt überlassen, das dagegen die Hoheit 
über Friedeburg, Königswiek und Nebra abtrat, wozu Mark- 
graf Waldemar das Gericht über Friedeburg fügte. Nach 
dem Aussterben des Mannsstammes der brandenburgischen 
Askauier schenkte die Herzogin Agnes von Braunschweig, 
Waldemars Witwe, dem Erzbischof die Städte Arneburg, 
Seehausen, Werben und Kremmen, wodurch dieser mit dem 
Herzog Rudolf von Sachsen in Konflikt geriet. Gern hätten 
Nachfolger den gewaltsam getöteten Erzbischof Burchard 
heilig sprechen lassen, wenn das nicht bei dessen zu ver- 
kehrten Charaktereigenschaften unmöglich gewesen wäre. 

Wie gewaltthätig die Zeit war, zeigte sich an Heideke 
oder Heidenreich von Erffa, der, als Burchards Nachfolger 
erwählt, auf dem Wege nach Avignon von thüringischen 
Edelleuten gefangen und anderthalb Jahr auf Schlofs Branden- 
fels gefangen gehalten wurde und gar nicht zum Erzbistum 
gelangte. An seine Stelle wählte das Domkapitel einen 
tüchtigen Mann in dem Dompropst Heinrich, einem gebore- 
nen Grafen zu Stolberg. Aber gegen diese kanonische Wahl 
bestimmte Papst Johann XXII. auf die persönlichen Be- 
mühungen Landgraf Ottos von Hessen hin dessen gleich- 
namigen Sohn zum Erzbischof (vor dem 1. September 1327), 
mit welchem einmal wieder auf längere Zeit bis zu seinem am 

30. April 1361 erfolgten Tode der erzbischöfliche Stuhl be- 
setzt war. Der Stoiberger Graf Heinrich wurde aber später 



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254 



Siebenter Abschnitt 



von 1341 — 1357 Bischof* von Merseburg, als welcher er sich 
nicht nur um die Domkirche, sondern auch um die innere 
Ordnung und materielle Hebung des durch langwierige 
Fehde zerrütteten Stifts grofse Verdienste erwarb. Zur Be- 
zahlung des teuern Palliums mufste Otto Geld aufnehmen, 
aber er brachte als weiser Regent die Verhältnisse des Stifts 
wieder in Ordnung, erwirkte auch die Lösung der Stadt von 
Acht und Interdikt. Im Jahre 1330 erhob sich ein Auf- 
stand gegen den Rat der 36, in deren Hand der ermordete 
Erzbischof gewesen war. Otto verhinderte ein grofses Blut- 
vergiefsen, doch mufsten die 36 die Stadt verlassen. Da- 
mals trat auch eine grofse Veränderung in der Stadtver- 
fassung ein, indem fortan der ganze Rat bis auf zwei aus 
gemeiner Bürgerschaft gewählte Mitglieder aus den Innungen 
hervorging, zu denen nun noch die Bäcker und Brauer 
kamen. Diese Verfassung bestand im wesentlichen drei 
Jahrhunderte. Zu den Bedingungen, unter welchen die Stadt 
am 30. Juni 1331 vom Banne gelöst wurde, gehörte die, 
dafs die Bürger jedem neuen Erzbischof als Landesherrn 
den Treueid schwören sollten. So wurde es verhindert, 
dafs Magdeburg dieselbe rechtliche Stellung erhielt, wie 
Worms, Bremen, Köln und andere Bischofsstädte. 

Auch Halle wurde 1333 für 600 Mark vom Banne los- 
gekauft. Die vielen Fehden im Halberstädtischen und Branden- 
burgischen zogen auch das Stift Magdeburg in Mitleiden- 
schaft. Im Jahre 1346 schliefst der Erzbischof mit Kurfürst 
Rudolf von Sachsen, dem Fürsten von Anhalt, den Grafen 
von Mansfeld, Regenstein, Honstein, Wernigerode und ver- 
schiedenen Städten in Oschersleben ein Bündnis zur Er- 
haltung des Landfriedens, unter dem Vorsitz des Herzogs 
von Sachsen. In jenem Jahre hatte der Erzbischof einen 
Streit mit Herzog Magnus von Braunschweig wegen ver- 
schiedener Ortschaften, darunter Hötensleben, Bardorf, 
Rohrsheim und die dem Erzstift durch Schenkung zuge- 
fallenen Ortschaften der Markgrafschaft Landsberg, Lauch- 
städt, Schkopau, Reideburg, Schafstädt, Sangerhausen. Trotz 
eines Spruchs Kurfürst Rudolfs und der Gewährsmänner des 
Landfriedens kam es zum Kriege; Otto erhält Hötensleben. 
Gegen Friedrich von Meifsen ist er unter des heiligen Moritz 
Fahne siegreich, nimmt Reideburg und Schkopau, zerstört 
auch mit Hilfe der Städter ein Raubnest bei Glindenberg, 
worauf 24 Räuber hingerichtet werden. Die traurige Ko- 
mödie mit dem falschen Waldemar suchte Otto sich aufs 
äufserste zunutze zu machen, liefs sich 1349 die Altmark und 
Sandau verpfänden, auch sich die Rechte an letzteres, sowie 



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Erzb. Otto, Verfassungs Veränderung in Magdeburg- 1330. 255 

an Jerichow, Kamern, Klitsche, Schollehne, Altenplathow 
und Plaue abtreten, was Kurfürst Ludwig auch 1354 be- 
stätigte; Arneburg und Tangermünde trat jedoch der Erz- 
bischof für 2000 Mark Silbers wieder ab. 

Jene politisch bewegte Zeit von 1347 — 1350 war auch 
die Zeit des gröfsten gesellschaftlichen Elends: die furcht- 
bare Pest des „schwarzen Todes " zog verheerend auch durch 
unsere Lande. Es heifst, dafs stellenweise zwei Drittel 
des damals lebenden Geschlechts dalungerafft wurden. Zu 
Erfurt soll man 12 000 Menschen in 11 gröfseren Gruben 
begraben haben, nachdem die Kirchhöfe überfüllt waren. 
In Magdeburg kam man nicht dazu, die Verstorbeneu zu 
zählen. Im Gefolge dieser Plage bildeten sich die Genossen- 
schaften der Geifsler oder Geifselbrüder, die im Bulskampf 
und Selbstpeinigung von Ort zu Ort zogen, aber bald 
ausarteten und kirchlich verboten wurden. In Magde- 
burg erschienen sie zuerst 1349 am Sonntag nach Ostern 
von Pirna aus. 

Ein schlimmer Begleiter der Pest waren die Juden- 
verfolgungen, die das Judendorf bei Magdeburg und die 
Juden zu Halle und Erfurt schwer heimsuchten. Teilweise 
— so in Erfurt — nahm sich der Rat der Juden an, 
aber die durch eigene Schuld und den Wucher der Juden 
heruntergebrachten Edelleute, Bürger und Bauern trachteten 
vielfach nur danach, im Blut der Juden ihre Schuldbriefe 
zu vernichten. In Quedlinburg, das im Jahre 1349 ebenfalls 
schwer von der Pest heimgesucht wurde, war die Äbtissin 
Luitgard, eine geborene Grätin zu Stolberg (1348 — 1353) 
bestrebt, der Judenverfolgung zu steuern, vermochte dies 
jedoch nicht gegen die Feindschaft des Rats und der Stadt- 
geraeinde, so dafs die Judengasse verödete. Das war auch 
eine günstige Zeit für das Aufkommen wunderthätiger Re- 
liquien und Marienbildchen. Alan wallfahrtete zum wunder- 
tätigen Blut zu Bismarck in der Altmark und zu einem 
Marienbild in der Lausitz. Es kam aber zu Mord und Tod- 
schlag, bis Kurfürst Rudolf von Sachsen dem Unfug ein 
Ziel setzte. Ungleich mehr, als hier geopfert wurde, brachte 
das Jubeljahr ein, das 1300 von Papst Klemens nach Rom 
ausgeschrieben wurde. Die seit damals alle hundert Jahre 
eingerichteten Jubeljahre und Jubelablässe wurden um der 
erheblichen Einnahmen willen erst nach 50, dann nach je 
25 Jahren ausgeschrieben. 

Kaum hatte das grofse Sterben nachgelassen, als von 
1351 — 1353 ein Plünderungskrieg zwischen dem Stiftsadel und 
den Städten Magdeburg, Braunschweig, Goslar, Quedlinburg, 



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Siebenter Abschnitt. 



Halberstadt, Halle, Helmstedt, Aschersleben ausbrach. Ver- 
schiedene Schlösser an der altmärkisch- magdeburgischen 
Orenze wurden belagert und erobert und die Adeligen in 
die Enge getrieben, der Herzog von Sachsen-Lauenburg, 
ihr Helfer, am 10. August 1352 bei Uthleben geschlagen. 
Magdeburg und die Städter behaupteten den Sieg. Ein um 
1358/59 verfolgter Prozcfs Kurfürst Rudolfs II. von Sachsen 
beim Reich, der die Stadt Magdeburg zugunsten seines 
Schwagers, des Grafen von Retz, wieder unter das Burg- 
grafengericht bringen wollte, war ohne Erfolg. 

Als Otto gestorben war, wählte das Kapitel den Wettiner 
Ludwig, Bischof von Halberstadt, zum Nachfolger; aber 
da Kaiser Karl IV. viel daran gelegen war, in dem für 
seine Absichten auf die brandenburgischen Marken so 
wichtigen Erzbistum einen ihm ergebenen Mann zu sehen, 
so wurde mit päpstlicher Genehmigung Bischof Dietrich 
von Minden am 20. Juni 1361 zum Erzbischof bestellt. 
Dieser Mann, der den Zunamen Kagelwit führte, gehört 
einer später in den Adelstand übergetretenen Familie von 
Portitz an und war der Sohn eines Gewandschneiders zu 
Stendal und mit den Bismarck verwandt. Nicolaus von 
Bismarck war auch neben dem Juden Schmul (Sarauel) 
einer der geschicktesten Räte des neuen Kirchenfürsten. 
Mag auch das Erzstift neben manchen unbedeutenden und 
unwürdigen Häuptern viele wackere Männer an seiner 
Spitze gesehen haben, kaum war doch, so weit wir sehen 
können, einer tüchtiger, als dieser zunächst aufgedrungene 
Kirchenfürst. Sein ganzes Regiment, so sagt vor achtzig 
Jahren der magdeburgische Geschientschreiber Rathmann, 
war eine Reihe rühmlicher, wohlthätiger und nützlicher 
Handlungen. Diesem Urteil hat kein späterer widersprochen. 
Da er bei seinem Regierungsantritt das Stift verschuldet 
vorfand, so bezahlte er dem Papst das Pallium von seinem 
eigenen durch gute Wirtschaft erworbenen Gelde, löste schon 
auf seiner Reise ins Stift Schlofs und Stadt Jüterbogk wieder 
ein und in der Folge Friedeburg mit Zubehör, Aisleben, 
Lauchstädt, Salzmünde, Hötensleben, Loburg, Jericho w, 
Krosigk, Langenbogen, Sandau und Zubehör, brachte die 
Herrschaft Schraplau ans Stift und baute zu Kalbe 
a. d. Saale ein neues Schlofs. Da der Kaiser des Rates 
eines solchen Mannes, den er 1360 sogar zum Reichsver- 
weser bestellt hatte, nicht entbehren konnte, so übertrug 
Dietrich dem Rate zu Magdeburg und seinen Beamten die 
Verwaltung, als er wieder an des Kaisers Hof nach Prag 
ging. 



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Erzb. Dietrich Kugelwit; von Magdeburg 1361— 1307. 257 



In den inneren Streitigkeiten mit der Stadt fand Dietrich 
vielfache Gelegenheit, seine Weisheit und Tüchtigkeit zu 
bewähren. Im Jahre 1362 wurde zwischen den Schöffen 
einerseits und dem Rat und den Innungen anderseits wieder 
sehr heftig wegen der Ergänzungswahlen zur Schöffenbank 
gestritten. Ohne seinen Rechten etwas zu vergeben, schlichtete 
der Erzbischof die Sache in einer beide Teile befriedigenden 
Weise. Ahnlich verfuhr er bei einem nach Dietrichs An- 
sicht vom Rate eigenmächtig vorgenommenen Bau eines Be- 
festigungsturms an der Elbe hinter dem Möllenhof, wobei er 
zur rechten Zeit nachgab. Hierbei sprach er zu den Bürgern 
das schöne Wort: „Hedde gy teyn torne by mynem hove 
stan, de schaden my nicht, wen wy eyndrechtig sin; hedde 
wy ok vertich torne, de hulpen uns nicht, wenn wy twy- 
drechtich weren." So legte er auch die Streitigkeiten mit 
dem Kurfürsten von Sachsen und der Äbtissin zu Gern- 
rode über Schlofs Neugatersleben bei. Dem Kurfürsten 
trat er das Lehnsrecht über die Schlöfser Schweinitz und 
Wiesenburg ab. 

Unablässig war sein Bemühen auf die Unterdrückung 
des Räuber- und Fehde wesens gerichtet. Am 13. Dezember 
1362 schlofs er deshalb mit den benachbarten Fürsten und 
Herren ein Landfriedensbündnis, und ein ähnliches am 
26. April des nächsten Jahres mit Domkapitel, Städten 
und Stiftsvasallen in dem Lande zwischen Elbe und Bode 
auf drei Jahre abgeschlossenes hat noch dadurch ein be- 
sonderes Interesse, dafs wir darin eine genaue Aufzählung 
der Städte, Schlösser und Dörfer mit Andeutung über ihre 
Wehrkraft finden und so in Verbindung mit dem ungefähr 
gleichzeitigen Landbuche Kaiser Karls IV. für die Altmark 
eine sich ergänzende Statistik der nördlichen Teile unserer 
Provinz in damaliger Zeit gewinnen. Da Ludwig von dem 
Knesebeck magdeburgischen Kaufleuten Waaren für 800 
Mark Kaufgeld wegen angeblicher Schädigung durch erz- 
bischöfliche Landsassen abgenommen hatte, so klagte Diet- 
rich bei dessen Lehnsherrn, dem Herzog von Braunschweig- 
Lüneburg. Da das nicht fruchtete, so rüstete er mit den 
Städten Magdeburg, Halberstadt, Quedlinburg, Aschersleben 
und zog gegen das knesebecksche Schlofs Dumburg im 
Hakelwald. 

In einem Vertrage sah der von dem Knesebeck sich ge- 
nötigt, alles Geraubte herauszugeben und überdies 200 Mark 
zu zahlen. Dann zerstörte Dietrich das hadmerslebische Schlofs 
Steckelberg auf dem Unterharz, von wo aus die vorbei- 

JacobB, Gesch. d. Prov. Sacbien. 17 



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258 



Siebenter Abschnitt. 



ziehenden Reisenden beraubt und ausgeplündert wurden. 
Auch seine letzte Unternehmung galt einem solchen Friedens- 
werke. So unglücklich sie für ihn ablief, so sehr bot sie 
doch Gelegenheit, den edeln Mann in seiner ganzen Gröfse 
zu zeigen. Da von dem hildesheimschen Schlosse Walmoden 
aus Raubzüge in die Nachbarschaft unternommen wurden, 
so verband sich der Erzbischof mit dem Bischof von Halber- 
stadt, dem Herzog von Braunschweig, dem Fürsten von 
Anhalt und den Edelherren von Querfurt, Barby, Hadmers- 
leben, um das den Landfrieden störende Schlofs zu zer- 
stören; aber das angesehene Bundesheer wurde am 8. Sep- 
tember 1367 von Bischof Gerhard von Hildesheim über- 
rascht und in einem blutigen Treffen zwischen Dinklar und 
Farmsen gänzlich geschlagen. Dieses Unglück der Seinen 
brach die Kraft des Erzbischofs. Dennoch nimmt er erst 
das ihm heimgefallene Hadmersleben ein und zieht dann, 
obwohl krank, zu einem Landtage nach Braun schweig. Hier 
verhandelt er bei verschlossenen Thüren mit dem Bischof 
von Hildesheim wegen Loskaufs der gefangenen 76 Unter- 
thanen. Für 6000 Mark willigt der Bischof in die Lösung; 
davon zahlt er 3000 sogleich ab; auch sucht er nach Kräften 
Schäden und Aufwand der Einzelnen zu ersetzen ; 500 Mark 
Kriegskosten erläfst die Stadt ihrem geistlichen Oberhaupt 
aus inniger Verehrung. 

Aber mitten in seinem Ringen mit dem unseligen Fehde- 
wesen wufste der haushälterische nüchterne Erzbischof doch 
auch zur rechten Zeit, wo es eine hohe Sache galt, ein so 
königliches und herrliches Fest zu feiern, wie es die hohe 
tausendjährige Elbstadt nur je gesehen. Nach über andert- 
halbhundertjähriger, durch manche Not und Streit unter- 
brochener Arbeit war endlich der Magdeburger Dom, das 
erhabenste Gotteshaus des nördlichen Deutschlands, fertig 
geworden. Erzbischof Dietrich beschlofs, den hohen Bau 
seiner Würde entsprechend einzuweihen. Da zogen in 
grofsen Scharen die geistlichen und weltlichen Fürsten und 
Herren, Bischöfe und Abte in die Elbmetropole, die meifs- 
nischen Markgrafen mit stolzer Ritterschaft, vor ihnen der 
Herzog Rudolf von Sachsen, auch mit grofsem ritterlichen 
Gefolge. Die hohen Hofämter wurden hier von den an- 
gesehensten Stiftsvasallen versehen, vom Fürsten von An- 
halt als Erbtruchsefs, vom Herzoge zu Sachsen als Burg- 
grafen und Erbschenken. Sonntag, den 22. Oktober 1363 
vollzog der Erzbischof selbst die feierliche Handlung. Vier 
Tage dauerte das ganze Fest, wobei auch weltliche Lust- 
barkeiten mit Tjostiren und ritterlichen Übungen nach 



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Erzb. Dietrich und die Domweihe zu Magdeburg 1363. 2f)U 



dem Herzen der Deutschen damaliger Zeit in Fülle statt- 
fanden. 

Erzbischof Dietrich hatte, ohne seinen hohen Aufgaben 
als Fürst und Erzbischof Eintrag zu thun, zugleich seinem 
kaiserlichen Herrn gedient , indem er sich z. B. auf einer 
Zusammenkunft mit Ludwig dem Römer zu Tangermünde 
1362 von diesem die Mitregentschaft in der Altmark auf 
drei Jahre übertragen liefs, in welcher Zeit er als Sohn der 
Altmark die Herzen dem Kaiser zu gewinnen suchte und 
überhaupt diesem in jeder Weise die Erreichung seiner Ab- 
sichten auf die Mark erleichterte. 

Aber was dieser landesväterliche Kirchenfurst in sich 
zu vereinigen vermochte, war nicht bei seinem unwürdigen 
Nachfolger Albrecht III., einem geborenen Herrn von Stern- 
berg aus Böhmen, zu erreichen, den Karl IV., in ähnlicher 
Weise wie seinen Vorgänger, anstatt des einmütig vom 
Kapitel gewählten Friedrichs von Hoym, Bischofs von 
Merseburg, an die Spitze des Erzstifts brachte. Zwar der 
Anfang des Regiments war friedlich, da die weise Vorsicht 
Erzbischof Dietrichs auf seinen Sterbefall eine Zwischen- 
regierung aus Domherren, Stiftsvasallen und Vertretern der 
Städte eingesetzt hatte. Mit einer Wahlkapitulation trat 
er in sein Amt. Mit Albrechts Hilfe brachte Karl IV. die 
Rechte des Erzstifts über die Lausitz an sich. Die wirt- 
schaftlichen Verhältnisse des Stifts wurden durch die Nach- 
lässigkeit und den schnöden Eigennutz Albrechts so herunter- 
gebracht, dafs über 1000 Höfe unter ihm wüst geworden 
sein sollen. Mit den Städten und Ständen war er in fort- 
währendem Streit; als Stockböhme verstand er nicht einmal 
die deutsche Sprache. Den Reliquien erwies er eine solche 
Verehrung, dafs er eine grofse Zahl derselben samt dem 
edeln Metalle, in welches sie eingefafst waren, mit sonstigen 
Geldern aus dem Erzstift raubte und dann anfangs 1372 
nach Leitomischl zurückkehrte. Wieder nach dem Willen 
und Machtspruch des Kaisers folgte dann der Czeche Peter 
von Brünn, der dem Erzbischof Albrecht das bis dahin ver- 
sehene Bistum Leitomischl überliefs. Peter schenkte dem 
Kaiser und dessen Söhnen den Flecken Görzke, kaufte aber 
von Günther von Barby für 2000 Mark Schönebeck. 
Den vom Papst Gregor XI. um diese Zeit aus Deutsch- 
land erhobenen kirchlichen Zehnten kaufte er mit 6000 
Gulden ab. 

Obwohl nicht so schlimm wie sein Vorgänger, war Peter 
doch im allgemeinen kein löblicher Regent: Plünderung, 
Raub und Unordnung nahmen unter ihm überhand. Aller- 

17* 



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260 



Siebenter Abschnitt. 



dings sandte er im Jahre 1373 den Busso Dus gegen 
die von Wenden zu Jerxheim, die von dort aus die 
Magdeburger beraubten und Mordbrenner hausten und 
hegten; aber mit Hilfe Herzog Emsts von Braunschweig 
wurden die Magdeburger geschlagen, 60 Ritter und Knappen 
gefangen, die dann im nächsten Jahre für 4000 Mark los- 
gekauft wurden. Zwischen 1373 und 1375 sehen wir ihn 
im Streit mit der Stadt Halle wegen Zoll und Wegegeld 
und gewisser Lieferungen an den Erzbischof. In einem 
Vergleich kaufte die Stadt mit 4 bis 500 Kreuzgroschen 
die erzbischöflichen Forderungen ab. Besonderen Unwillen 
erregte der erzbischöfliche Offizial, der die Schranken seiner 
Gerichtsbarkeit überschritt, hohe Sportein forderte und 
dem Erzbischof 230 Mark für sein richterliches Amt 
zahlen mufste. Auch der Salzkothen zu Salze wegen war 
wieder Streit. 

Erzbischof Peter begab sich im Jahre 1377 nach 
Tangermünde zu Karl IV., der zur Osterzeit seine dortige 
Kapelle einweihen liefs. Nach Pfingsten vermittelte aber 
der Kaiser einen Vergleich zwischen beiden Teilen und kam 
dann am 16. Juni selbst mit kleinem Gefolge nach Magde- 
burg, um der Stadt seine Geneigtheit zu zeigen, aber wohl 
auch, um sich von dieser mächtigen Nebenbuhlerin seines 
zum Haupthafen an der Elbe bestimmten Tangermünde aus 
eigener Anschauung zu überzeugen. Im Dom wurde er mit 
einem feierlichen Tedeum begrüfst. Die Stadt empfing ihn 
mit allen möglichen Ehren und Feiern. Letztere gab auch 
dem Kaiser, seinem Kanzler und Hofrichter, sowie dem Erz- 
bischof Ehrengeschenke. Da der Kaiserin der Besuch ihres 
hohen Gemahls in der reichen Stadt die Lust erweckt haben 
mochte, sie auch zu sehen, so begab auch sie sich um die 
Zeit der Herrenmesse (22. September) von Tangermünde 
aus dahin. 

Auch diesmal beeiferten sich die Bürger, ihren hohen 
Gast nach Würde zu empfangen. Ihr zu Ehren veran- 
stalteten die Bürgersöhne eine Tanzfeierlichkeit im erz- 
bischöflichen Palaste. Die Kaiserin verwunderte sich nicht 
wenig über die Pracht und den Putz, mit welchem die 
Bürgerinnen und Bürgertöchter erschienen. Da nun die 
Tanzherren züchtiglich vor die Kaiserin traten und um die 
Erlaubnis nachsuchten, mit ihren Jungfrauen tanzen zu 
dürfen, sagte sie, ihre Jungfrauen wären nicht danach ge- 
kleidet, denn die Bürgerinnen wären geschmückt wie 
Kaiserinnen, damit könnten ihre Fräulein es nicht gleich- 
thun. Unmutig aber wurde tags darauf die hohe Frau, als 



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Erzbischofc Peter (—1381) u. Ludwig (—1382) vou Magdeburg. 261 

die Domherren Umstände machten, ihr gegen Abend die 
Heiltümer des Doms zu zeigen und als ihr der Erzbischof 
auf ihren Wunsch nicht 100 Mark borgen wollte. 

Da Peter nur Geld zusammenscharrte und keine Sorge 
für die Grenzverteidigung trug, so nahmen die Priegnitzer 
Sandau und Plaue weg. Auch fielen sie mit den Mecklen- 
burgern verwüstend in das Magdeburg unmittelbar gegenüber 
gelegene Land Jericho w ein. Im Jahre 1381 wurde endlich 
das Erzstift auch dieses Mannes, freilich auch des Geldes, 
das er mit sich nach Olmütz, wo er Bischof wurde, aus- 
führte, ledig, und es folgte, nun einmal wieder vom Dom- 
kapitel gewählt, Ludwig, geborener Markgraf von Meilsen, 
seit 1357 Bischof von Halberstadt, dann seit 1366 Bischof 
von Bamberg, 1373 Erzbischof von Mainz. So kurze Zeh 
dem neuen Kirchenfürsten — er starb schon am 17. Februar 
1382 — auch nur beschieden war, so hatte er doch noch 
verschiedene Kämpfe mit Friedensbrechern auf Burgen und 
Schlössern in der Nachbarschaft zu führen, so mit den 
Bürgern von Magdeburg und Braunschweig und mit den 
Herzögen zu Sachsen und der Stadt Halle gemeinsam gegen 
Schlofs Twiflingen bei Schöningen, gegen Bardorf im Hasen- 
winkel und gegen die von Alvensleben zu Kalbe a. d. Milde. 
Mit den Bürgern von Magdeburg und Halle zog er selbst 
am Martinsabend 1381 vor Papstdorf wider Graf Konrad 
von Wernigerode und drang gegen den befestigten Komtur- 
hof Langeln. Konrads Bruder Dietrich unterwarf sich hier 
und kaufte seinen gefangenen Bruder los. Aufserdem 
mufsten die Grafen am 24. November 1381 die Grafschaft 
Wernigerode vom Erzbischof von Magdeburg zu Lehen 
nehmen. Nachdem Ludwig, der das Pallium noch nicht be- 
zahlt hatte, noch mit Halle wegen der Huldigung Schwierig- 
keiten gehabt hatte, kam er am 17. Februar 1382 bei einer 
Tanzfeierlichkeit auf Schlofs Kalbe a. d. Saale ums Leben, 
als er bei entstandenem Feuerlärm mit seiner Tänzerin die 
Treppe hinunterstürzte. Nur bis zu seinem schon am 9. No- 
vember desselben Jahres erfolgten Tode hatte hierauf Fried- 
rich H., ein Herr von Hoym, seit 1357 Bischof von Merse- 
burg, den erzbischöflichen Stuhl inne. Am 17. September 
kaufte er die Hälfte von Schlofs und Stadt Wippra und 
kam mit den Bürgern von Magdeburg wegen des von diesen 
eroberten Schlosses Angern in Irrung. 

Unter Friedrichs Nachfolger Albrecht III., einem gebore- 
nen Herrn von Querfurt (November 1382 bis 12. Juni 1403), 
war zwar zwischen Bürgern und Unterthanen und dem Erz- 
bischof durchweg ein gutes Verhältnis, aber die traurigen 



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262 



Siebenter Abschnitt. 



Fehden und Räubereien, besonders in den märkischen 
Gegenden, zogen auch das Erzstift in Mitleidenschaft. Im 
Jahre 1385 schlofs Albrecht dagegen ein Landfriedens- 
bündnis mit den Fürsten und Herren Niedersachsens, dem 
Bischof von Halberstadt, den Harzgrafen von Regenstein, 
Honstein, Wernigerode, Mansfeld. Es wurde dazu eine Steuer 
erhoben, zu der man auch die Klöster und Dörfer heran- 
zog. Graf Dietrich von Wernigerode wurde, wie es heifst, 
um der Aufrechterhaltung des Landfriedens willen, wegen 
Friedensbruchs am Magdalenentage (22. Juli) 1386 durch 
eine Art Fehme bei Heimburg getötet. 

Erzbischof Albrecht erwarb oder löste verschiedene vom 
Erzstift abgekommene Stücke wieder ein, so Görzke von 
den von Rochow, 1389 das von den Herzögen von Sachsen 
wieder besetzte Aken, von den von Alvensleben Schlofs und 
Stadt Möckern. Akens wegen erhob sich 1395 neuer Streit und 
die Magdeburger wurden von Kurfürst Rudolf von Sachsen 
in einem blutigen Treffen geschlagen. Als der Erzbischof 
wegen seiner Forderungen an die Stadt Halle diese in den 
Bann that, erliefs Papst Bonifaz IX. die vernünftige Be- 
stimmung, dafs wegen Gcldforderungen kein Bann zu ver- 
hängen sei. Darauf kam es ohne sonderliche Mühe zu einem 
Vergleiche. 

Soweit die Plage der Fehde durch die heillose Wirt- 
schaft Jobsts von Mähren und des unbotmäfsigen märkischen 
Adels bedingt wurde, ist derselben bereits früher gedacht. 
Aber neben dieser Auflösung der bürgerlichen und sitt- 
lichen Ordnung, teilweise aber auch im Zusammenhange 
damit, treten auch einige die geistig-religiöse Bewegung be- 
rührende Erscheinungen ans Licht. Seit dem Jahre 1383 be- 
gann der Unfug mit dem „heiligen Blut" zu Wilsnack. 
Dem Erzbischof von Magdeburg wurde mit Hilfe des Ab- 
lasses die Erhebung der Opfer zum Jubeljahr 1400 auf 50 
Meilen im Umkreise übertragen. Die Hälfte der Gelder 
bekam der Papst. Die Judenschaft hatte sich zur Zeit des 
fürchterlichsten allgemeinen Unglücks so gehoben, dafs sie 
im Jahre 1394 zu Weifsenfeis eine grofse öffentliche Ver- 
sammlung feierte, bei der sogar Turnierspiele aufgeführt 
wurden. Aber eine Anzahl von Edelleuten, besonders einige 
von Trotha und von Krosigk, lauerten den abziehenden Juden 
auf und plünderten sie. Um dieselbe Zeit fielen auch wieder 
magdeburgische Bürger und besonders Ritter über die Juden 
in der Sudenburg her. Im Jahre 1387 veranstalteten die 
Magdeburger ein grofses Schützenfest, wozu die Nachbar- 
städte Halberstadt, Braunschweig, Quedlinburg, Blanken- 



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Erzbischof Albrecht III. von Magdeburg. 263 

bürg, Aschersleben , Halle, Kalbe, Salze eingeladen wurden. 
Der Preis war eine Jungfrau. Solche Festlichkeiten der 
Schützen- oder Papageiengesellschaften — diesen „seltenen 
Vogel " hatten unsere niederdeutschen Städte im Handels- 
verkehr mit den Hansestädten kennen gelernt — fanden 
seither in unseren Städten im 15. bis 17. Jahrhundert immer 
gröfsere Verbreitung. 

Von ernstlichen Unruhen, infolge der Münzstreitigkeiten, 
ist in Albrechts letzten Lebensjahren zu berichten. Solche ent- 
standen zuerst 1401, als der Erzbischof eine schlechtere Münze 
schlagen liefs. Noch ehe dieser Streit, bei dem auch das 
Domkapitel sich beteiligte, ganz beigelegt war, brach am 
14. September 1402, ebenfalls der Münze wegen, in der 
Stadt Magdeburg ein Aufstand des niederen Volks aus. Die 
Anführer zerstörten die erzbischöfliche Münze, brachen in 
das unter erzbischöflicher Gerichtsbarkeit stehende Neu- 
marktsviertel ein und wählten nach ihrem Gefallen einen 
neuen Rat. Ein von diesem unfreiwillig erlassenes Münz- 
gesetz gereichte der Stadt zu grofsem Nachteil. Da ein 
friedlicher Ausgleich zurückgewiesen wurde, so verklagte 
Albrecht die Stadt vor dem Dompropst zu Hildesheim. Aber 
die Abgesandten der Stadt wurden unterwegs von Ludolf von 
Warberg festgenommen und so zog sich der Streit in die 
Länge. Der Erzbischof verhängte über die Stadt das 
Interdikt und forderte sie vor das Landfriedensgericht zu 
Salze. Nach langen Verhandlungen vermittelte Graf Günther 
von Schwarzburg am 26. Februar 1403 einen Vertrag, nach 
welchem die Stadt sich verpflichtete, die Münze wieder auf- 
zubauen und verschiedene Geldopfer zu bringen. Nach 
anderthalbjähriger Unterbrechung durch Bann und Interdikt 
wurde mit ungemeiner Inbrunst zu Ostern 1403 der Gottes- 
dienst wieder begonnen. Zum Dank für seine aufopfernde 
Hilfe bei Schlichtung dieser Streitigkeiten bestellte Albrecht 
den Grafen Günther zu seinem Koadjutor, der dann auch 
bald zu seinem Nachfolger erwählt wurde und diese Stelle 
gegen 44 Jahre lang bis zu seinem am 23. März 1445 er- 
folgten Ableben versah. Erzbischof Günther von Schwarz- 
burg, der am 22. Dezember 1403 dem Domkapitel und 
Landständen eine formliche Wahlkapitulation beschwor, 
regierte ganz wie ein weltlicher Fürst, liefs die geistlichen 
Amtsverrichtungen, was freilich manche seiner Amtsbrüder 
längst thaten, durch Stellvertreter besorgen, sich auch keine 
Glatze scheren. Für das Pallium zahlte er 2000 Gulden. 
Da er sich desselben aber nicht bedienen durfte, ehe er dem 
Papste die ganze Summe bezahlt hatte, so weigerten sich 



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264 



•Siebenter Abschnitt. 



die Städte Halle und Magdeburg, ihm bis dahin die Huldi- 
gung zu leisten ; doch huldigte Magdeburg am 3. November 
1404 auf dem Alten Markt. Die Stadt machte jedoch 
Schwierigkeiten, als sie ihrem Oberhaupte in einer Fehde 
gegen den Kurfürsten Rudolf von Sachsen, den Fürsten von 
Anhalt und den Bischof von Halberstadt Hilfe leisten 
sollte. Dennoch entspann sich eine mehrjährige verwüstende 
Fehde, die teilweise auch mit Spott und Satire gefuhrt 
wurde. Ein Klagepunkt war, dafs vom Falkenstein und 
Steckeinberg aus über Egeln räuberische Einfalle ins Magde- 
burgische gemacht wurden. Mit dem Erzbischof stritten 
dessen Vater, die Grafen und Herren von Mansfeld, Quer- 
furt und der Bischof von Merseburg. Im Januar 1406 
suchten die Magdeburger Zerbst, dessen Bürger ihrer ge- 
spottet hatten, ernstlich heim. Ein in jenem Jahre durch 
Kurfürst Rudolf und Markgraf Wilhelm von Meifsen in 
Merseburg verhandelter Frieden hatte keinen Bestand und 
die Fehde nahm ihren Fortgang. Die Magdeburger brachten 
wiederholt den Anhaltinern empfindliche Verluste bei, kamen 
aber 1407 bei dem zu Kalbe geschlossenen Frieden zu 
kurz. Kurz vorher hatte 1405 der Erzbischof das durch 
Hermanns von Dahme Ableben heimgefallene Dahme ein- 
gezogen, auch Jüterbogk wieder von Rudolf von Sachsen 
gelöst. 

Die Zeit war aufser durch Fehde auch durch Mifswachs, 
Kälte, Sturm und Erdbeben eine sehr trübe. Wider die Fehde 
suchte man 1409/10 durch Bündnisse von Fürsten und 
Städten Schutz. Da unter dem Elend auch wieder die 
Juden, zuerst im Meifsnischen , Verfolgung litten, so wollte 
der Erzbischof sich dies auch in Magdeburg zunutze 
machen; aber diesmal verhinderte es die Stadt, doch mußten 
die Juden sich für 600 Mark loskaufen, wofür sie am 
17. Januar 1410 auf sechs Jahre einen Schutzbrief er- 
hielten. 

Während die aus Rand und Band geratene märkische, 
teilweise auch magdeburgische Ritterschaft durch einträchtiges 
Zusammenhalten des Hohenzollern Friedrich, des Kurfürsten 
Rudolf und des Erzbischofs von Magdeburg zu Paaren ge- 
trieben wurden, hegten im Westen von der Harzburg aus 
die von Schwiechelt in ähnlicher Weise solches Unwesen. 
Otto von Warberg, der ihnen eben errafften Raub abtreiben 
wollte, wurde im Jahre 1411 mit den Seinen bei Deren- 
burg niedergehauen. Da verbündete sich der Erzbischof 
von Magdeburg mit den Herzögen von Braunschweig, den 
Städten Magdeburg, Goslar, Halberstadt und anderen und 



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Erzbischof Günther von Magdeburg. 265 



zog gegen die Harzburg. Durch Aufführung von Trutz- 
burgen, der Sturburg und Altona, wird man des Raub- 
Schlosses endlich Herr und die am 21. März 1412 über- 
gebene Burg wird geschleift. 

Auch die Stadt Halle hatte sich im Jahre 1408 in einer 
Streitfrage mit dem Erzbischof wegen Münze und Zollge- 
fällen übermütig gezeigt und wurde mit Hille des Markgrafen 
von Meifsen und Landgrafen von Thüringen bezwungen. 
Sie mufste Bann, Interdikt und Reichsacht über sich ergehen 
lassen. Magdeburg nahm sich der Schwesterstadt mit an- 
sehnlichen Opfern an. Dasselbe war der Fall, als sich 
zwischen 1422 und 1424 der Streit aus ähnlichen Anlässen 
erneuerte. Die Stadt wurde jetzt durch einen königlichen 
Spruch (geg. Ofen, 3. August 1424) in ihren Rechten ge- 
tahrdet, am 14. Dezember 1426 kam es zu einem Vertrage, 
wobei die erzbischöflichen Ansprüche teilweise durch Geld ab- 
gekauft wurden. Erst ein neuer Vergleich vom 2. Mai 1427 
setzte dem Streit ein Ziel. Auch eine Fehde der Stadt mit 
Grat Bernhard von Anhalt, die über eine wegen versäumten 
Zolls mit Beschlag belegte Fracht entstanden war, wurde 
nach wiederholten Verwüstungen im Jahre 1426 glimpflich 
beigelegt. 

Das, wie wir sahen, im Jahre 1422 erfolgte Ableben 
des letzten Kurfürsten von Sachsen aus askanischein Ge- 
schlecht und die Belehnung des mächtigen Hauses Wettin 
mit dessen Erbe führte für Magdeburg manche Verwicke- 
lungen herbei, insofern das neue Kurfürstengeschlecht auch 
das Burggrafentum Magdeburg, soweit es nicht an Erz- 
bischof Erich verkauft worden war, erbte. Kurfürst Albrecht 
hatte auch am 19. Dezember 1419 der Stadt Magdeburg 
Gommern, Elbenau, Ranis und Gottau tür 5000 Schock 
Prager Groschen versetzt. Zunächst traten diese Dinge 
freilich hinter die Hussitennot zurück, gegen welche auf 
dem Reichstage zu Wesel 1421 Erzbischof Günther und 
sein Bruder Erich als Anführer der Magdeburger bestellt 
waren. Während sonst, zumal in den wettinischen Landen, 
Tausende im Kampfe und durch die Einfalle des fanatischen 
Volks bluteten, wurden die nördlichen Elbgegenden weniger 
heimgesucht. Im Jahre 1427 streiften die Böhmen aller- 
dings ins Magdeburgische, eroberten 1429 Belgern, zerstörten 
die Vorstädte von Torgau und zogen vor Wittenberg vorbei, 
bis sie sechs Meilen von Magdeburg, das gut gerüstet war, 
umkehrten. Die verheerenden Scharen zogen sich dann 
durch die Lausitzen bis nach Görlitz, wo sie geschlagen 
wurden. 



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266 



Siebenter Abschnitt. 



Da die Befestigungen gegen die Hussitengefahr ohne 
Genehmigung des Erzbischofs und des Domkapitels errichtet 
waren, so erhob sich darüber zwischen der Stadt und diesen 
Streit, der sich leider sehr in die Länge zog. Das Dom- 
kapitel verliefs die Stadt und setzte einen Ausschufs zu 
Stafsfurt ein. Die vornehmsten Städte traten auf Seite 
Magdeburgs, das fast das ganze Stift eroberte. Auf Be- 
treiben des Erzbischofs erliefs das Konzil zu Basel am 
24. August 1433 Bann und Interdikt über die Stadt, was 
nachher wiederholt verschärft wurde. Auch Halle wider- 
stand tapfer dem Angriff eines Heeres von 12000 Mann, 
mit welchem der neue Kurfürst von Sachsen, als Bundes- 
genosse des Erzbischofs von Magdehurg, gegen die Stadt 
gezogen war. Durch Vermittelung Joh. Böses, Bischofs von 
Merseburg, kam es am 4. Mai und 29. Juni 1435 endlich 
zu Friedensverhandlungen wegen Magdeburgs, nach welchen 
die erwähnten Befestigungen blieben, Erzbischof und Kapitel 
freien Ein- und Ausgang und Mitbesitz der „düsteren Pforte u 
erhielten. Dann erst folgte die Aufhebung der Reichsacht 
und auf eine Vollmacht des Konzils hin im Juli 1435 die 
Lösung von Magdeburg, Halle, Burg, Kalbe, Stafsfurt aus 
Bann und Interdikt, und am 21. September wird dann in 
den Stadt- und Stiftskirchen nach dreijähriger Unterbrechung 
der öffentliche Gottesdienst wieder begonnen. 

Unter den gewaltigen kirchlichen und kriegerischen Be- 
wegungen der Zeit war Erzbischof Günther, dem es an 
gutem Willen nicht fehlte, ein anderer geworden. Schon bei 
Jahren, begann er am ersten Weihnachtstage 1436 seine erste 
Messe selbst zu singen. Es ist zu sehr übersehen worden, 
dafs unter seiner Förderung die bedeutsame Klosterrefor- 
mation ihren erfolgreichen Anfang nahm, dafs unter ihm, 
nächst dem wernigerödischen Himmelpforten, das grofse 
magdeburgische Augustiner-Einsiedlerkloster das erste war, 
in dem der tüchtige eifrige Heinrich Zolter (Psalterii) aus 
Osnabrück die zunächst auf die Besserung des Lebens und 
ernste Befolgung des Ordens gerichtete Reformation mit ober- 
herrlicher Hilfe des Erzbischofs durchfuhren konnte. Letzte- 
rer gewährte auch dem mutigen ehrlichen Domherrn Dr. Hein- 
rich Take oder Toke den Anhalt, dafs er offen gegen 
den Unfug des Wunderbluts zu Wilsnack und gegen zahl- 
reiche nun längst vergessene Erscheinungen solchen Aber- 
glaubens auftreten konnte. Take, ein geborener Bremer, 
war es auch, der, eins der thätigsten Mitglieder des Baseier 
Konzils, in der Wohnung Kurfürst Friedrichs von Branden- 
burg zu Eger sich mit dem Vertreter der gemäfsigtcn 



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Geistl. Reform unter Krzb. Günther v. Magdeb. — Bist. Merscb. 267 

Hussiten, Johann Rockyczana, begegnete und mit diesem 
Verhandlungen einleitete, die endlich zu den Kompaktaten 
zwischen dem Konzil und den Böhmen führten. Da diese 
Bestrebungen, besonders auch die wider das „heilige Blut", 
den meist im Hinhalten sich bezeugenden Widerspruch des 
verkommenen Papsttums erregten, so ist des alternden Erz- 
bischofs Festigkeit und erleuchteter Sinn um so mehr an- 
zuerkennen. Ein mutiger Strebensgenosse Zolters und Takes 
war auch der Propst des Stifts zu Unser Lieben Frauen in 
Magdeburg Eberhard Waltmann, der schon als ketzerischer 
Sachse den bitteren Hafs der einer Reformation wider- 
strebenden Mehrheit auf sich lud. Es fielen schon spitze 
Reden wider die „Sachsen" und ein Minorit liefs sich ver- 
nehmen: „Magdeburg, die (geistliche) Mutterstadt Sachsens, 
hege schlimmere Irrtümer als Böhmen." Die päpstlichen 
Bestrebungen, zunächst in der Wilsnacker Frage, erhielten 
damals in dem Kurfürsten Friedrich II. von Brandenburg 
und in dem schnöde dilatorischen und ausweichenden Ver- 
fahren des Bischofs von Havelberg einen vorläufig über- 
mächtigen Anhalt. 

Die merkwürdige Erscheinung eines ebenso energischen 
als würdigen Kirchenfürsten , des Bischofs Heinrich, ge- 
borenen Grafen zu Stolberg, veranlafst uns, zu dieser Zeit 
auch einen Blick auf Merseburg zu werfen, obwol wir sonst 
dieses Bistum, ebenso wie Naumburg-Zeitz, bei dieser Uber- 
sicht beiseite zu lassen uns veranlafst sehen, weil hier wie 
dort das Haus Wettin, die Markgrafen von Meifsen und des 
Osterlandes, im späteren Mittelalter mit Erfolg die Landes- 
hoheit in Anspruch nahmen und so die selbständige Be- 
wegung dieser geistlichen Fürstentümer hinderten. 

Im Juni 1384 war vom Domkapitel der genannte Grafen- 
sohn, den es seit 1360 als Domherrn, seit 1381 als Dom- 
propst genau kennen und schätzen gelernt hatte, einstimmig 
als Nachfolger Burchards von Querfurt zum Bischof erwählt 
worden und derselbe hatte sofort mit einer Art Wahl- 
kapitulation seinen Amtseid geleistet. Aber Kaiser Wenzel, 
der ebenso wie sein Vater Karl IV., doch olme dessen 
Regententugenden zu besitzen, die Rechte der Domkapitel 
nicht achtete und seine Günstlinge ans politischen oder 
persönlichen Rücksichten auf bestimmte Erz- und Bischof- 
stühle zu bringen suchte, hatte den Böhmen Andreas Berka, 
Edeln von Duba, zum Bischof von Merseburg bestimmt und 
wie zu den Zeiten Karls IV. war der Papst — hier Ur- 
ban VI. — auf des Kaisers Seite. Dennoch hatte der Er- 
wählte des Domkapitels den Mut, nicht zu weichen, sondern 



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268 



Siebenter Abschnitt. 



dem Günstlinge des Kaisers und Papstes zu widerstehen. 
Sich das Pallium vom Papste persönlich zu erbitten, weigerte 
er sich auf Grund einer reichsrechtlichen Verordnung, welche 
dies den deutschen Bischöfen untersagte. 

Es galt diesen Widerstand mit den Waffen durchzu- 
setzen. Hierbei wurde er aufs treulichste unterstützt von 
seinen Vettern, den Grafen zu Stolberg, llonstein imd Mans- 
feld, teilweise auch von den Wettinern. So zogen sie denn 
mit ansehnlicher Kriegsmacht wider Andreas von Berka, der 
sich in Eilenburg festgesetzt hatte und von dort aus häufige 
Raubzüge in das Stift Merseburg unternahm. 

Nach etwa zweijährigen verderblichen Fehden und 
Kämpfen führte Bischof Heinrich im Jahre 1386 einen ent- 
scheidenden Schlag wider seinen ungeistlichen Gegner, trieb 
ihn aus seiner Stellung und überrumpelte die Stadt Eilen- 
burg, die nun eine zeitübliche Plünderung und teilweise 
Zerstörung erlitt. Heinrich aber behauptete sich bei einer 
ruhmvollen, sowohl auf die geistlichen Dinge, wie auf die 
äufsere Mehrung des Stifts gerichteten Thätigkeit in seiner 
Stellung, und ein Jahr vor seinem am 4. April 1393 er- 
folgten Tode sah sich auch der Papst veranlafst, dem be- 
harrlichen würdigen Manne die Investitur zu erteilen. Einen 
Beweis von seiner guten Wirtschaft gewähren die Summen, 
die er auf Erwerbungen für das Stift verwenden konnte. 
Namentlich dem kriegerischen Erzbischof Ernst von Magde- 
burg leistete er manche Vorschüsse und verschiedene zu- 
nächst wiederkäuflich erworbene Besitzungen, wie Lauch- 
städt, auch Skopau und Liebenau, blieben fortan dauernd 
beim Stift. 

Die Hauptereignisse der halberstädtischen Bistumsge- 
schichte hatten wir bis dahin geführt, wo in den ersten 
Jahren Bischof Volrads, geborenen Edeln von Kranichfeld, 
der Verkauf der Grafschaft Seehausen an Magdeburg unter 
Beteiligung des Domkapitels zum Abschlufs kam. Die lange 
Zeit von Volrads bischöflichem Walten bis zu seinem am 
25. April 1297 erfolgten Ableben, ist ebenso wenig durch 
aufserordentliche geschichtliche Ereignisse ausgezeichnet, als 
das siebenjährige Regiment seines Nachfolgers Hermann, 
eines Grafen von Blankenburg, der am 27. Oktober 1304 
aus dem Leben schied. Um so ereignisvoller war die Zerf 
der dann folgenden Bischöfe, des ersten und zweiten Albrecht, 
jenes aus dem Geschlechte der Fürsten von Anhalt, dieses 
aus dem der Herzöge von Braunschweig. Da die Haupt* 
summen dieser Bewegungen sich auf die Ausbildung und Ab- 
rundung des halberstädtischen Landbesitzes teils im freund- 



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Bischof Heinrich von Merseburg. Ilarzgrafeii. 



269 



liehen Verhältnis, besonders aber im feindlichen Zusammen- 
treffen mit den innerhalb des erzbischöfüchen Sprengeis 
gelegenen Harzgraf schatten vollzog, so haben wir auf diese 
zunächst unsere Aufmerksamkeit zu richten. 

Beginnen wir im Westen, so greift zwar schon das ur- 
sprünglich nach Schlofs Wöltingerode, später nach seiner 
Burg Woldenborg im Hildesheimischen, in einem Zweige 
auch von Werder (de Insula) genannte Geschlecht hier ein, 
da es aber seinen Schwerpunkt im Hildesheimischen hatte, 
so mag es hier genügen, seiner überhaupt gedacht zu haben. 
Denselben Gegenden und noch etwas weiter ins braunschwei- 
gische Land hinab, wo es seinen richterlichen Amtssprengel 
am Elm im alten Darlingau hatte, entstammte jenes Grafen- 
haus, das sich, wohl hauptsächlich als Erbe der im ersten 
Viertel des 12. Jahrhunderts ausgehenden Edeln von Vecken- 
stedt, um jene Zeit in dem Gebiet unmittelbar am und vor 
dem Brocken niederliefs und schon 1121 nach dem Orte 
und dem darüberliegenden Hause Wernigerode genannt wird. 
Den Veckenstedtern folgte es besonders auch in der Vogtei 
des bedeutenden, an den Steilabfällen des Brockengebirgs 
herrlich gelegenen Benediktiner - Mannsklosters Ilsenburg, 
wie es auch schon 1130 die Vogtei in dem benachbarten 
Benediktiner-Jungfrauenkloster Drübeck inne hat und beide 
Vogteien bis zu seinem Ausgange behauptet und auf seine 
Nachfolger vererbt. Zwar blieben die Wernigeröder im Be- 
sitze ihrer im Hildesheimschen, Braunschweigischen und bei 
Goslar gelegenen Besitzungen, wie sie deren auch zeitweise 
am Südharz erwarben. Wie sie sich aber seit Anfang des 
12. Jahrhunderts stets nach dem Orte Wernigerode nannten, 
wo sie auch 1265 ein Famüienkollegiatstift und gemeinsame 
Begräbnisstätte gründeten, so vereinigten sie auch hier ihre 
Hauptbesitzungen, die schon 1324 als Grafschaft Wernige- 
rode bezeichnet werden. 

Viel ausgedehnteren Besitz hatten hier im alten Harz- 
gau ursprünglich ihre nächsten östlichen, anfangs sie auch 
im Norden einschliefsenden Nachbaren, die Grafen von 
Blankenburg und Regenstein, die zwar keineswegs früher 
als die Wernigeröder mit jenen ihren Schlössern entlehnten 
Namen in der Geschichte auftreten, aber nicht, wie jene, 
als nachweisbare Einzöglinge, sondern als ein schon vorher 
hier im Harzgau die gräfliche Amtsgewalt ausübendes Ge- 
schlecht. Schon zu Ende des 12. Jahrhunderts trat eine 
Teilung des ursprünglich in einer Hand vereinigten Besitzes 
ein, indem ein nach der Burg Blankenburg genannter Zweig 
des Hauses sich loslöste. Zu seinem Gebiete gehörten z. B. 



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270 



Siebenter Abschnitt. 



Schlofs Westerhausen und Gericht Warnstedt (jetzt Kreis 
Aschersleben). Von dem übrigen regensteinschen Besitz 
löste sich um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine jüngere 
Heimburger Linie los, der es gelang, von den Herzögen 
von Braunschweig das Amt Westerburg nördlich von Dardes- 
heim, von Magdeburg aber Crottorf als Lehen zu erwerben. 
Eine freiere selbständigere #> Stellung erlangte sie aber da- 
durch, dafs sie von den Äbtissinnen des reichsfreien Stifts 
Quedlinburg die Edelvogtei über dessen Besitzungen im 
Harzgau erlangte und damit Schlofs Lauenburg am Unter- 
harz, sowie die Vogtei über die Stadt Quedlinburg und über 
eine Anzahl anderer stiftiscber Ortschaften. 

Die ältere Hauptlinie der Regensteiner hatte ursprünglich 
weit ausgedehntere Besitzungen in den Grenzen des Harz- 
gaues zwischen Oker, Bode, dem hohen Harz und dem grofsen 
Bruch zwischen Hornburg und Oschersleben. Die Haupt- 
sitze derselben waren das berühmte namengebende Felsen- 
schlofs Regenstein (jetzt Kreis Halberstadt), dann als ein- 
zige Stadt Derenburg, Schianstedt, Emersleben und andere 
mehr. 

Die Grafschaft der Regensteiner grenzte östlich an die 
Besitzungen eines dritten unterharzischen Grafengeschlechts, 
das, gleich dem wernigerödischen, in diesem seinem unter- 
harzischen Gebiet nicht die Gaugrafschaft besafs, dessen mit 
den Querfurtern und Plötzkauern gemeinsame Vorfahren 
sich aber in Egino von Kakelingen oder Hecklingen bis zur 
ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts zurückverfolgen lassen. 
Da Egino IL, einer der Vorfahren des falkensteinschen 
Geschlechts, im Jahre 1077 den Adalbert von Askanien- 
Ballenstädt erschlagen hatte, so wurde zur Sühne das Schlofs 
Konradsburg, nach dem er sich genannt hatte, in ein Kloster 
verwandelt und sein zwischen 1120 — 1155 lebender Sohn 
Burchard zählt nun als der erste Graf von Falkenstein (die 
Urkunden bieten zumeist Valkenstein). Wenn jenes, an 
dem klaren Harzgewässer der Selke gelegene Stammschlofs 
durch seine- Naturschönheit noch heute jedes empfängliche 
Gemüt mächtig anzieht, so ist doch der Name Falkenstein in 
noch merkwürdigerer Weise mit der ersten und wichtigsten 
einst durch alle Gebiete deutscher Zunge verbreiteten Quelle 
deutscher Rechtsgeschichte, dem Sachsenspiegel, dem Aus- 
gangswerke der rechtsgeschichtlichen deutschen Litteratur, 
unzertrennlich verknüpft. Dem lebhaften Interesse Graf 
Hövers II. (1211 — 1242) für das vaterländische Rechts- 
wesen, das auch an den späteren Gliedern dieses merk- 
würdigen Geschlechts gerühmt wird, verdanken wir es, dafs 



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Harzgrafeu. Regeustein. Falkenstein ; Sachsenspiegel ). Mausfeld. 271 



im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts Eike von Repgo oder 
Reppichau, einem im Schwabengau angesessenen schöffen- 
bar freien Geschlechte angehörig, eine zuerst in lateinischer 
Sprache abgefafste Zusammenstellung des auf deni sassischen 
Lantding üblichen Landrechts und des Lehnsrechts auf des 
Grafen Veranlassung in einem bewunderungswürdig deutlichen 
und gedrungenen Ausdruck in der deutschen Muttersprache 
bearbeitete. Dieses, demnach aus unseren Gegenden am Harz, 
der unteren Saale und mittleren Elbe hervorgegangene und hier 
geltende Rechtsbuch wurde die Grundlage aller späteren in 
ganz Deutschland, so des Richtsteigs und in Verbindung mit 
dem Stadtrecht des Magdeburger Weichbilds und des haflisch- 
magdeburgischen Stadtrechts. Sein unschätzbarer Wert be- 
steht in seinem wahrhaft christlich- freien Geiste und seiner 
Unabhängigkeit vom päpstlichen und römischen Rechte. — 
Zu Anfang des 14. Jahrhunderts gehörte zur Grafschaft 
Falkenstein nicht nur das Gebiet an der mittleren Selke 
bei Ermsleben, Konradsburg, Dankerode, sondern auch 
die Herrschaft Arnstein mit Hettstädt und Rammelburg. 

Einen noch gröfseren Namen und Ausbreitung gewann 
endlich im äufsersten Südosten der Harzberge und in dem 
vorgelagerten Hügellande das Geschlecht der Grafen von 
Mansfeld. Den Kern ihrer Besitzungen bildete eine zwischen 
Wilderbach, Salzke, Saale und Wipper gelegene, von den 
späteren Amtern Mansfeld, Friedeburg, Salzmünde und Eis- 
leben eingenommene Grafschaft im nördlichen Hassegau, die 
wir bis über die Mitte des 11. Jahrhunderts in den Händen 
der Vorfahren des Hauses Wettin finden, worauf wir sie 
durch Verleihung Kaiser Heinrichs IV. von dem Geschlechte 
verwaltet sehen, das durch den Grafen Hoyer, Feldhaupt- 
mann Kaiser Heinrichs V., in der deutschen Geschichte einen 
berühmten Namen hat. Schon ehe jener alte Hoy ersehe 
Mannsstamm, von dem auch die Edeln von Friedeburg und 
die Grafen von Neuenburg (de novo Castro) und Osterfeld 
ihren Ursprung haben, im 14. Jahrhundert erlosch, gelangte 
durch Vermählung mit der Erbtochter Sophie Burchard IL, 
Bruder des gleichnamigen Burggrafen von Magdeburg, aus 
dem berühmten Hause Querfurt (f gegen 1255) zur Hälfte, 
sein Sohn Burchard III. aber vollständig in den Besitz des 
Hoyerschen Erbes, und es wurde so das neue erst im vorigen 
Jahrhundert erloschene Mansfelder Grafenhaus Querfurter 
Stammes begründet. Burchards III. gleichnamiger Bruder 
ist Stammvater des schon im Jahre 1410 ausgestorbenen 
Herrengeschlechts von Schraplau. 

Obwohl wir auch dieses neue Querfurter Haus der Mans- 



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272 



Siebenter Abschnitt. 



f eider gleich den Blankenburg-Regensteinern innerhalb seines 
Gebietes im öffentlichen lantdinc die gräfliche Gerichtsbar- 
keit ausüben sehen, so gehörten doch beide Grafschaften 
nicht zu den sieben Reichsfahnlehen, welche der Sachsenspiegel 
aufführt. Aber die Mansfelder breiteten ihr Herrschafts- 
gebiet ziemlich weit aus, indem sie 1301 Bornstedt, 1335 
Schraplau, 1387 Arnstein, 1408 Morungen, 1440 Rammel- 
burg, 1448 von Honstein zuerst halb Artern, 1484 Held- 
rungen erwarben. Besonders gründete sich der Reichtum 
des Mansfelder Hauses auf die reichen Bergwerke auf 
Kupfer und anderes Metall, worüber Kaiser Karl IV. dem 
Grafen Gebhard III, am 21. Juni 1364 einen noch erhaltenen 
Lehnbrief erteilte. 

Nach diesen Bemerkungen über die bis in spätere Jahr- 
hunderte bestehenden Harzgrafschaften innerhalb des Halber- 
städter Sprengeis richten wir nun unsern,. Blick auf das 
Stift und seine freundlichen und feindlichen Berührungen mit 
diesen Grafschaften bis um die Mitte des 14. Jahrhunderts. 
Der Landbesitz des Halberstädter Bistums, wie er teils von 
der Stiftung her, teils durch spätere Begabungen, so Kaiser 
Heinrichs III., der 1052 zwei Grafschaften im Harz- und 
Darlingau mit Besitzungen im Nordthüringau schenkte, dem 
heiligen Stephan zu Halberstadt übereignet war, befand sich 
zu Anfang des 14. Jahrhunderts zum grofsen Teil nicht mehr 
in der Hand der Kirchenfürsten, und nicht mehr wie zu des 
gewaltigen zweiten Burchards oder auch noch zu Kaiser 
Lothars Zeit konnte Halberstadt als der eigentliche Schlüssel 
Ostsachsens gelten. Viele Stücke waren, wenn auch nur 
als Lehen, an Grafen und Herren, auch an Stifter und 
Klöster gekommen. War doch auch erst unter den Bischöfen 
Meinhard und Volrad die wichtige Grafschaft Seehausen 
veräufsert. Vorzugsweise gebot Bischof Albrecht I. (1304 
bis 1324) noch über die Hauptstadt Halberstadt, Osterwick, 
die Feste Hornburg und das bischöfliche Felsenschlofs 
Langenstein. Hierbei ist jedoch zu bemerken, dafs es bei 
den krausen mittelalterlichen Verhältnissen, zumal in kurzer 
Ubersicht, schwer ist, eine bestimmte Vorstellung von dem 
wirklichen Machtbesitz des Bistums zu geben. 

Als nun, seit Albrecht I. vom fürstlichen Stamme An- 
halt den Bischofstab in den Händen hatte, sich in diesem 
das Streben regte, die besonders seit Kaiser Friedrichs II. 
Zeit rechtlich zum Abschlufs gelangte reichsfürstliche Macht 
seines Bistums auf die territoriale Grundlage zu stützen, 
welche andere Bistümer schon gewonnen hatten, waren es 
nächst dem seiner eigenen Familie angehörigen Wegeleben 



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Erweiterung des halberstädtischen Stiftsgebiets. 273 



die meist von ihm lehensrührigen Besitzungen des älteren 
Regensteiner Grafenhauses, welche seinem Bistumssitze am 
nächsten lagen und an deren Erwerbung ihm am meisten 
liegen mufste. Und als ein, wenn auch nicht im evange- 
lischen Sinne geistlicher, doch weltlich staatskluger und 
tüchtiger Kirchenfürst verfolgte er die Vergrofserung des 
Bistums mit grofser Festigkeit. Zunächst löste er das nord- 
östlich von Halberstadt gelegene Schlofs Emersleben aus dem 
regensteinischen Pfandbesitze, erwarb von Graf Burchard VI. 
von Mansfeld dessen ansehnliche Besitzung zu Schwanebeck, 
das er befestigte und dem Grafen Ulrich von Regenstein 
von der jüngeren Linie verpfändete. Im Westen kaufte er 
die südlich des festen Hornburg gelegene Burg Wiedelah. 
Auch den Königshof mit Bergwerken im Quellgebiet 
der Bode kaufte er dann später von den Blankenburger 
Grafen. • 

Während diese Erwerbungen keine Bedenken hatten, 
verhielt sichs anders mit dem Erbe seines im Jahre 1315 
verstorbenen Vetters Otto H. von Anhalt zu Aschersleben, 
auf das er, weil jener ohne Manneserben verstorben war, 
seinen Blick richtete. Nicht nur handelte es sich hier 
darum, den Stammsitz und die alte Dingstätte des aska- 
nischen Geschlechts diesem zu entfremden, sondern Albrecht 
trug auch kein Bedenken, sich von dem einen der beiden 
Erben Ottos, dem Fürsten Albrecht, einseitig wider das 
Hausgesetz seinen Teil der Erbschaft in Wegeleben, das er 
stark befestigte, und Schneitlingen verkaufen zu lassen. 
Zwar widersetzte sich der zweite Erbe, Fürst Bernhard zu 
Bernburg, des Bischofs eigener Bruder, wurde aber endlich 
bestimmt, den Verkauf anzuerkennen und seine Hälfte an 
Aschersleben vom Bischof zu Lehen zu nehmen. Als nun 
Bernhard gestorben war, vermochte der Fürst Ottos Witwe 
Elisabeth, die mit dem Grafen Friedrich von Orlamünde 
sich vermählen wollte, bischöfliche Krieger in Aschersleben 
einzulassen, während er sich von den Bürgern unmittelbar 
als Landesherr huldigen liefs. Seinen Neffen Bernhard III. 
(seit 1318) liefs er bedeuten, er habe sein Erbe wegen 
versäumter rechtzeitiger Lehensmutung verwirkt. Erfolglos 
war der Kampf des Beraubten. 

Mittlerweile war auch zwischen dem Bischof und Graf 
Albrecht, dem Haupt der jüngeren Linie der Regensteiner, 
eine Spannung eingetreten. Da dieser, der seine Besitzungen 
nicht nur auf dem Harze, sondern auch östlich von der 
Bode in der Burg und Gericht Gersdorf vermehrt hatte, in 
dem nun wüsten Neindorf im Bruch auf halberstädtischem 

Jacobs, Gesch. d. Proy. Sachsen. 18 



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274 



Siebenter Abschnitt. 



Lehensgebiet eine Burg erbauen wollte, wurde ihm dies vom 
Bischof verboten, der auch in seine Gerichtsbarkeit im 
vogteilichen Gebiet von Quedlinburg eingriff. Zwar ver- 
mittelten die Grafen Burchard von Mansfeld und Konrad 
von Wernigerode noch einmal einen Vergleich zwischen Graf 
Ulrich und dem Bischof, als aber ersterer bald darauf Ende 
1322 gestorben war, brach unter seinem Sohne Albrecht der 
Kampf aus. Dem letzteren, einem hochstrebenden Manne, 
eröffneten sich Aussichten auf ansehnlichen Machtzuwachs, 
da seine Gemahlin Oda Ansprüche auf die dereinstige 
Hinterlassenschaft des dem Aussterben nahen falkensteinischen 
Grafengeschlechts hatte; ja als auch mit Graf Heinrich, der 
noch im Jahre zuvor sich zu Schlanstädt an der blutigen 
Vernichtung der Tempelherren beteiligt haben soll, 1312 das 
regierende Haupt der älteren regensteinischen Linie, 1314 
dessen gleichnamiger Sohn und Nachfolger starb, so konnte 
Ulrich wohl daran denken, auch den älteren Zweig seines 
Hauses zu beerben. Vorläufig setzte er sich mit dem Grafen 
Ulrich und der älteren Linie friedlich aus einander. Auch 
mit dem Bischof von Halberstadt hielt er Frieden. Neue 
Verwickelungen aber traten ein, als einige Zeit nach dessen 
am 14. September 1324 erfolgtem Tode zwischen März und 
Juni 1325 in Albrecht H., dem Bruder Herzog Ottos von 
Braunschweig, ein neuer Bischof den Halberstädter Stuhl ein- 
genommen hatte. Zwar hatte das Domkapitel, das am 
6. Oktober 1324 für den neuen Bischof eine Wahlkapi- 
tulation entworfen hatte, mit überwiegender Mehrheit den 
milden Domherrn Ludwig von Neindorf zum Oberhirten er- 
wählt und der päpstliche Hof, der seinen Einflufs auf die 
deutschen Bistümer auszudehnen suchte, hatte sich für die 
Mehrheit erklärt. Teilweise gewifs deshalb, aber wohl auch 
in der Erwägung, dafs die Fragen und Kämpfe, die der 
erste Albrecht unerledigt gelassen hatte, einen charakter- 
festen mächtigen Mann erforderten, hatte Erzbischof Matthias 
von Mainz, als Metropolitan, bestimmt, den hochstrebenden, 
einem mächtigen Hause angehörenden Albrecht, auf den nur 
fünf Stimmen gefallen waren, zu weihen und in sein Amt 
einzuführen. Und der zweite Albrecht war fest entschlossen 
und fühlte sich stark, das von seinem Vorgänger begonnene 
Werk der Herstellung eines starken Fürstentums Halberetadt 
durchzuführen. Zunächst hielt er sich auf seinem Bischofs- 
stuhle trotz Papst und Minderheit der Stimmen im Kapitel 
und trotzdem ihm, als Ludwig von Neindorf 1328 mit dem 
Bistum Brandenburg abgefunden war, vom Papst in Giseke 
von Holstein ein neuer. Gegner entgegengestellt wurde. . 



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B. Albrecht II. v. Halberstadt erweitert das Stiftsgebiet. 275 

Bald inufste der seines Aschersleber Erbes beraubte 
Fürst Bernhard von Anhalt, der gezögert hatte, während 
der Erledigung des Halberstädter Stuhls seine Ansprüche 
durchzukämpfen, die Widerstandskraft des neuen Bischofs 
fühlen. Da vorläufig ein Schiedsspruch Graf Heinrichs von 
Blankenburg den augenblicklichen Rechtsstand aufrecht er- 
hielt und an eine Entscheidung des kaiserlichen Hofgerichts 
verwies, so gewann Bischof Albrecht Zeit, während welcher 
er auch das dem Grafen Albrecht von Regenstein verpfändete 
Schwanebeck wieder einlöste. Zum Verderben des letzteren 
und seines Hauses sollte nun aber ein zwischen diesem und 
der Stadt Quedlinburg ausgebrochener Kampf ausschlagen. 
In der durch Handel und Gewerbe, sowie durch kaiser- 
liche Gunstbriefe ausgezeichneten alten Stadt war im Lauf 
der Jahrhunderte ein mächtiger Drang und entschiedene 
Entwickelung zu gröfserer Selbständigkeit und Freiheit er- 
wacht. Äbtissin und Vögte hatten auch gewisse richter- 
liche Befugnisse und Selbstverwaltung zugestehen müssen; 
aber die Stadt verlangte die gesamte Gerichtsbarkeit und 
eigenes Regiment. Die Gewaltmittel, zu denen Graf Albrecht 
nach der Weise der Zeit schritt, Pfändungen und Bekümme- 
rungen städtischer Güter von seinen Burgen Gersdorf und 
Lauenburg aus, dienten nur dazu, die Leute zu erbittern. 
Diese Stimmung benutzte Bischof Albrecht, um der Stadt 
in einem geheimen Abkommen gegen eine jährliche Abgabe 
seinen Schutz gegen jedermann zuzusichern. Ein Schutz- 
und Trutzbündnis der letzteren mit den anderen bischöflichen 
Städten Halberstadt und Aschersleben erleichterte den Wider- 
stand gegen den Grafen Albrecht, der überdies zu seinem 
Nachteil den Quedlinburgern seine innerhalb der Stadtmauer 
und in der Neustadt gelegenen Besitztümer abtrat. 

Einige Zeit danach schwand für Graf Albrecht wieder 
eine Hoffnung dahin: im Jahre 1323 war Graf Otto IV. 
von Falkenstein gestorben, ohne einen Sohn zu hinterlassen, 
aufser Burchard, der aber im geistlichen Stande als Dom- 
herr zu Halberstadt lebte. Um dem Aussterben seines alten 
Geschlechts vorzubeugen, legte dieser nochmals das geist- 
liche Gewand ab und trat in die Ehe; aber seine Gemahlin 
wurde ihm bald wieder genommen, ohne ihm einen Erben 
zu hinterlassen. Durch solche Erfahrung von der Nichtig- 
keit menschlicher Hoffnungen zum Ernste gestimmt, kehrte 
er in seine geistliche Stellung nach Halberstadt zurück und 
erhielt vom Bischof einen Domherrnhof und ein ansehnliches 
Jahrgehalt, wogegen er diesem und dem Stifte die eigent- 
liche Grafschaft Falkenstein in dem Umfange überliefs, wie 

18* 



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276 



Siebenter Abschnitt. 



sie im Jahre 1386 die aus dem Braunschweigischen stammen- 
den Gebrüder Ernst und Busse von der Asseburg wieder- 
käuflich, seit 1449 als Erblehen eingeräumt erhielten, und 
wie deren Nachkommen sie noch heute besitzen. Dieser 
Vertrag wurde im Jahre 1332 vereinbart. Wenige Jahre 
nachher erlosch mit dem Domherrn Burchard das alte 
Geschlecht Bischof Albrecht aber hatte, dem Vertrage ge- 
mäfs, den Falkenstein und Ermsleben von seinen Kriegsleuten 
besetzen lassen. 

Diese Entziehung einer ansehnlichen Herrschaft, auf die 
er als Gemahl von Graf Burchards Schwester bestimmt ge- 
rechnet hatte, während er auf die Herrschaft Arnstein, ab 
magdeburgisches Mannslehen, auf das auch Graf Burchard 
von Mansfeld, als Gemahl der Mutterschwester Ansprüche 
erhob, seine Blicke ebenfalls gerichtet hatte, mufste Graf 
Albrecht von Regenstein tief kränken. Er brachte denn 
auch in den Grafen von Mansfeld, Honstein und Wernige- 
rode und dem Fürsten von Anhalt, der ein Erkenntnis 
des kaiserlichen Hofgerichts auf Herausgabe des Aschers- 
leber Gebiets erwirkt hatte, einen Bund gegen Bischof Al- 
brecht zustande. Günstig war es für den letzteren, dafs 
aufser den Graten von Blankenburg auch die Grafen Ulrich 
und Heinrich, von der älteren Linie von Regenstein, sich von 
dieser Verbindung fern hielten, die letzteren wohl wegen eine« 
unglücklichen Kampfes mit den Grafen von Woldenberg, von 
denen sich Ulrich mit schweren Kosten hatte aus der Ge- 
fangenschaft lösen müssen. 

Da der Bischof den Kampf voraussah, so kam er den 
Verbündeten zuvor, indem er gegen Graf Albrecht An- 
sprüche auf das Gersdorfer Gericht erhob und ihm im Früh- 
jahr 1334 persönlich in Begleitung zahlreicher Quedlinburger 
Bürger auf der Dingstätte die Hegung des Gerichts unter- 
sagte. Der darauf vom Grafen begonnene Kampf war 
ziemlich erfolglos. Zwar besetzte er die Herrschart Arn- 
stein, alles übrige aber beliauptete der Bischof. Im 
Sommer 1335 vermittelte Herzog Otto von Braunschweig, 
des Bischofs Bruder, einen Frieden, der dem Grafen 
Gersdorf und Arnstein beliefs, und worin der Bischof die 
Stadt Quedlinburg, deren Schutzherrlichkeit er durch Er- 
oberung der gräflich regensteinischen Güntekenburg dicht 
bei der Stadt um Ostern 1325 befestigt hatte, aufgeben 
mufste. 

Nun suchte der Graf die Stadt, die ihm so viel Wider- 
stand entgegengesetzt hatte, zuerst gründlich zu unterwerfen. 
Ziemlich rücksichtslos verwandelte er das Wipertikloster und 



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Kämpfe Bischof Albrechts II. von Halberstadt. 



277 



andere geistliche Gebäude in kleine Festen. Aber die Qued- 
linburger, einigermafsen von Halberstadt und Aschersleben 
unterstützt, hielten tapfer stand, und als Albrecht mit Graf 
Burchard von Mansield und seinen älteren Regensteiner 
Vettern zum Angriff vorgehen wollte, wurde er bei einem 
Ausfall der Belagerten gefangen und in einer im Mittelalter 
nicht unerhörten Weise in einen eisernen Kasten gesperrt. 
Lange wehrte er sich gegen die ihm aufgedrungenen Be- 
dingungen, auch wurde von dem, was man ihm endlich auf 
ernstliches Bedrängen an Zugeständnissen abgeprefst haben 
soll, im späteren Frieden wenig erreicht. 

Vielleicht kamen dem Grafen die ernsten Verwickelungen 
zustatten, die dem Bischof von Halberstadt an seinem Bis- 
tumsitze entstanden waren. Domdechant Jakob Snelhard, 
ein unterrichteter, redebegabter Mann, hatte das der Kriegs- 
lasten müde Domkapitel und die drei KoUegiatstifter der 
Stadt gegen den Bischof, auf dem ohnehin der päpstliche 
Bann lastete, aufgewiegelt. Zwar vermittelte dessen Bruder, 
Herzog Otto, am 17. Juli 1336 einen Vergleich, aber der 
Friede dauerte nicht lange, da es Snelhard auch gelang, 
die nach gröfserer Freiheit strebende Stadt gegen ihren 
Oberherrn aufzureizen. Der um Entscheidung angerufene 
Erzbischof von Mainz entschied gegen Snelhard, der seiner 
Würde entsetzt wurde. Bischof Otto belegte die aufsässigen 
Stifter mit dem Bann und liefs Dom und Liebfrauenkirche 
schliefsen. Aber viele Geistliche kehrten sich an keinen 
Bann, und es erhob sich ein Aufstand in der Stadt, die den 
Bischof nötigte, dieselbe zu verlassen. 

In dieser gefährlichen Lage mufste diesem daran liegen, 
durch Begünstigung Graf Albrechts in einem zwischen 
Quedlinburg und dem Grafen vermittelten Frieden den er- 
neuerten Bund der Grafen von sich abzulenken. So wurde 
denn zwar die Unabhängigkeit Quedlinburgs anerkannt, die 
zerstörten gräflichen Befestigungen nicht wieder aufgerichtet, 
sonst aber die gräflichen Gerechtsame nicht verkürzt. Nun 
konnte der Bischof sich mit ganzer Kraft gegen seine Wider- 
sacher in der Stadt wenden und er wurde derselben auch 
bald Herr. Im Jahre 1338 wurden die Irrungen beigelegt, 
die zwischen den Kapiteln und der Stadt vereinbarten 
Vertragsurkunden ausgeliefert und feierlich vor der Stadt 
verbrannt, der über die Stadt verhängte Bann aufgehoben. 
Froh, von dieser schweren Störung befreit zu sein, bereiteten 
geistliche und weltliche Grofsc dem Bischof einen glänzenden 
Einzug und dieser empfing eine neue Huldigung. Durch 
kluge Milde gewann Albrecht alle Gegner zu Freunden, 



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278 



Siebenter Abschnitt. 



besonders den einstigen Schürer des Widerstandes, den 
Domdechanten Jakob Snelhard. Auch gegen seine aus- 
wärtigen Gegner versuchte er mit allem Eifer die Künste 
des Friedens und vermochte sogar den am meisten ge- 
schädigten Fürsten Bernhard von Anhalt durch Verträge 
hinzuhalten, den Grafen Konrad von Wernigerode aber, 
einen Nebenbuhler der Grafen von Regenstein, gewann 
er zum Bundesgenossen, verstärkte auch seine Stellung 
im Westen durch Erwerbung des festen alten Reichslehens 
Wülperode. 

So konnte er denn die der freien Bewegung des Stifts 
hinderliche Macht der Regensteiner in jener westlichen 
Gegend brechen. Anlafs zum Kampfe boten Streitigkeiten 
der Grafen von Regenstein wegen des Klosterhofs Schauen 
bei Osterwick, wobei Bischof Albrecht die Ansprüche 
Walkenrieds unterstützte, auch seinerseits die gräfliche Ge- 
richtsbarkeit zu Osterwiek bestritt. Da Graf Heinrich, seit 
gegen 1336 Haupt der älteren Linie, auch die Grafen 
Albrecht und Bernhard von der jüngeren Linie zu Mit- 
regenten in dem westlichen Teil seiner Grafschaft ange- 
nommen hatte, so waren an dem Streite mit Walkenried 
beide Linien beteiligt. Sie entschlossen sich, die Entschei- 
dung den Waffen zu überlassen. Auf ihrer Seite stand 
wieder Burchard, Graf zu Mansfeld, Heinrichs Schwieger- 
vater, während Konrad, Graf von Wernigerode, aufseiten 
des Bischofs kämpfte. Die Grafen von Regenstein suchten 
aber den Umstand auszubeuten, dafs Bischof Albrecht vom 
Papste immer noch nicht anerkannt war, und es gelang ihnen 
auch, die niedere Geistlichkeit zu gewinnen, dafs sie den 
Abfall von ihrem Oberhirten predigte. Da geschah es denn 
wieder, wie bei der Belagerung von Quedlinburg und wie 
gar oft in mittelalterlichen Fehden, dafs die glückliche 
Gefangennehmung einer hohen Person die Entscheidung 
herbeiführte. Dem Grafen Konrad von Wernigerode gelang 
es, seinen Gegner Graf Heinrich von Regenstein in seine Ge- 
walt zu bringen. Dadurch sahen sich die Regensteiner ver- 
anlagt, mit dem Wernigeröder sofort unter schweren Be- 
dingungen Frieden zu schliefsen. Abgesehen von aufserhalb 
gelegenen Besitzungen und Orten traten in einem Vertrage 
die regensteinischen Grafen den Wernigerödern eine ganze 
Reihe von Ortschaften ab, die, wie Minsleben, Reddeber, 
Süstedt, Langeln, Waterler oder Wasserleben, den ganzen 
östlichen und nordöstlichen Teil der Grafschaft Wernigerode 
bilden, auch das Gebiet von Hasserode. Der Bischof von 
Halberstadt machte dieses Mal keine besonderen Erwer- 



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Grafsch. Kegenst. Macht geschwächt, Wernigerode vergröfsert. 279 

bungen, nur dafs die Grafen von Wernigerode jetzt statt 
ihrer Vorgänger diese bis dahin regensteinischen Güter vom 
Stifte Halberstadt zu Lehen empfingen, während, wie wir 
sahen, der ältere Teil der Grafschaft seit 1268 von Branden- 
burg zu Lehen rührte. 

Seit diesen regensteinischen Erwerbungen im Jahre 1343 
war aber im wesentlichen alles beisammen, was nun schon 
über ein halbes Jahrtausend die Grafschaft Wernigerode 
bildet, die im Jahre 1429 mit dem Aussterben des alten 
wernigerödeschen Geschlechts an dessen Erben und Rechts- 
nachfolger, die Grafen zu Stolberg, gelangte, die hier auf dem 
durch seine Schönheit hervorragenden Schlosse, sowie in 
jüngeren Linien am Südharze als das einzige Harzgrafenge- 
schlecht noch fortblühen. 

Da nun die Kegensteiner ihre Macht im Westen ge- 
brochen sahen, so verkauften sie Stötterlingen, Hoppenstedt, 
Rimbeck, Bühne, die Vogtei über Kloster Stötterlingenburg 
und das kürzlich ererbte Hessen an die Herzöge zu Braun- 
schweig, um durch den Ankauf von Westerhausen und 
Warnstedt ihre östlichen Besitzungen abzurunden. Dem 
Bischof Albrecht aber gelang es, von dem unglücklichen 
Grafen Heinrich von Regenstein im Jahre 1344 auch noch 
Schianstedt unter sehr günstigen Bedingungen zu erwerben. 
Aus dem Verkaufsvertrage erhoben die Bischöfe von Halber- 
stadt auch erfolgreich Ansprüche auf die den Herzögen von 
Braunschweig verkauften Gebiete. 

Noch einmal erwuchs dem Bischof Albrecht eine gröfsere 
Gefahr, als Papst Klemens VI. ihm im Jahre 1346 nach 
Gisekes Tode in dem Grafen Burchard von Mansfeld, Sohn 
des Schwiegervaters Graf Heinrichs von Regenstein, einen 
Gegenbischof aufstellte und Kaiser Karl IV. sich geneigt 
zeigte, denselben mit Gewalt einzusetzen. Aber der uner- 
müdlich rührige Albrecht hielt sich, und statt dafs der Sieg 
des verwandten Mansfelders dem regensteinischen Hause 
Hoffnungen gemacht hätte, wurde im Frühjahr 1348 Graf 
Albrecht, das derzeit bedeutendste Glied des regensteinischen 
Hauses, von halberstädtischen Vasallen erschlagen, nicht 
ohne dafs der Verdacht geistiger Urheberschaft auf den 
Bischof gefallen wäre, der wenigstens die beteiligten Ritter 
und Knechte in seinem Dienste behielt. Leicht besiegte er 
die zu den Waffen greifenden Grafen, den Bruder und die 
Söhne des Erschlagenen, und nahm ihnen Lauenburg, Gers- 
dorf, Crottorf und verwüstete das Regensteinische und Mans- 
feldische, da Graf Burchard VII. aufseiten seiner regen- 
steinischen Vettern stand. So war Bischof Albrecht am Ziel 



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280 



Siebenter Abschnitt. 



seines eifrig verfolgten Strebens, das Bistum Halberstadt als 
geschossenes Gebiet von der Oker bis über die Bode abzu- 
runden, ziemlich in der Gestalt, wie es nach drei Jahr- 
hunderten an die Hohenzollern überging und endlich ein 
Bestandteil unserer Provinz wurde. 

Gegen Albrecht von Mansfeld, der es höchstens in den 
mansfeldischen Gebieten des Osterbannes und des Bannes 
Eisleben zu einer vorübergehenden Anerkennung brachte, 
behauptete sein gleichnamiger Widerpart aus dem Hause 
Braunschweig mit Hilfe besonders der Städte Braunschweig, 
Halberstadt, Quedlinburg und Aschersleben sein bischöfliches 
Ansehen, und nachdem das Mansfelder Land, vor allem die 
geistlichen Stiftungen, schwer durch diese Gegnerschaft 
hatte leiden müssen, sah der Gegenbischof sich am 13. April 
1350 genötigt, mit seinem Vater, Graf Burchard, den Papst 
zu bitten, seinen bisherigen Widersacher als geeigneten und 
von den Unterthanen gewünschten bewährten rechten Lenker 
und Schirmherrn des Stifts zu Gnaden anzunehmen. Zwar 
behielt er, wahrscheinlich vom Papste genötigt, noch einige 
Jahre seine bischöflichen Ansprüche aufrecht, aber erst als 
der Papst, der um jeden Preis den Braun Schweiger von 
seinem Stuhl verdrängen wollte, demselben im Jahre 1357 den 
Ludwig, einen geborenen Markgrafen von Meifsen, entgegen- 
stellte, der als Sprofs eines mächtigen Fürstenhauses sich 
leichter behaupten konnte, als des Mansfelder Grafen Sohn, 
sah Albrecht, des ewigen Kampfes müde und im wesent- 
lichen am Ziel seines Strebens, sich veranlafst, sich mit 
seinem neuen Widersacher auseinanderzusetzen, indem er 
ihn erst im Jahre 1357 zu seinem Gehilfen im bischöflichen 
Amt annahm, am 26. Juli 1358 aber sich eine Leibrente 
ausbedang und nach Braunschweig zurückzog, wo er an 
einem 13. Oktober, wohl schon 1358, spätestens 1368 
starb. 

Der neue Bischof Ludwig fand nach dem unruhigen 
Regiment seines Vorgängers viel Verwüstung und Zerrüttung 
vor, der er nur zum Teil mittels ansehnlicher Anleihen von 
Domkapitel und Bürgerschaft abzuhelfen vermochte. Für 
jene Geldhilfe überliefs er im Jahre 1363 dem Kapitel und 
der Stadt die Münze. Letzterer bestätigte er auch die Rechte 
und Freiheiten, die während der Regierung seines Vor- 
gängers „biscop Albrechtes, geborn von Brunswich", sich 
nicht unerheblich erweitert hatten. Von jenem war auch 
der Kampf mit den Grafen von Mansfeld wegen der von 
diesen besetzten Gebiete auf ihn vererbt. Er führte ihn mit 
Hilfe seiner Brüder, Landgraf Balthasar von Thüringen nnd 



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Bischöfe Ludwig, Albrecht III. u. Ernst I. v. Halberstadt. 281 



Markgraf Friedrich von Meifsen, erreichte aber bei der ver- 
geblichen Belagerung und entsetzlichen Verwüstung von Eis- 
leben nicht viel. Für den Schutz, den ihm das Kloster 
Sittichenbach gewährte, mufste dieses die schwere Rache 
Graf Gebhards III. fühlen, die diesem wieder teuer zu stehen 
kam, da er in einer am 13. Juli 1362 gestifteten Sühne 
3000 Schock Groschen zahlen und als Pfand Schraplau 
ausliefern, überdies die althalberstädtischen Lehen Stadt 
Eisleben, Polleben, Volkstädt und Wimmelburg aufs neue 
empfangen mufste. Bischof Ludwig vertauschte schon 1366 
Halberstadt mit dem Bistum Bamberg, wurde dann 1373 
Erzbischof von Mainz, 1381, wie wir sahen, von Magde- 
burg. 

Der dritte in der Reihe der Albrechte, welcher zu An- 
fang 1367 als Ludwigs Nachfolger im Bistum nach Halber- 
atadt kam, wo er am 9. Juli 1390 verstarb, war nicht, 
wie seine Vorgänger, aus fürstlichem Stamm, sondern aus 
einem wenig bekannten, aber, wie sich nachweisen läfst, ein- 
heimischen Adelsgeschlecht von Rikmersdorf oder von Berge 
entsprossen. Eine um so merkwürdigere Erscheinung ist er, 
als wir in ihm, dem wissenschaftlich thätigen Scholastiker, 
einen Mann von wirklich höherer Geistesbildung das Bischofs- 
amt verwalten sehen. Schüler der ersten deutschen Hoch- 
schule zu Prag, dann der berühmteren zu Paris , wurde er 
durch Ernennung Herzog Rudolfs IV. erster Rektor der 
Zweitältesten deutschen Universität Wien. Vom Papst zum 
Bischof von Halberstadt bestellt, versah er sein Amt in löb- 
licher Weise. Wider das Fehdewesen hatte er schon seit 
Anfang seines Regiments zu kämpfen; so zerstörte er 1368 
die von Werner von Bodendiek aufgeführte Raubburg 
Gunsleben. Die Schlösser Groningen, die schon genannte 
benachbarte Dumburg und Westorf — letzteres am 25. Mai 
1372 von Herzog Magnus von Braunschweig — brachte er 
ans Stift und löste mit schweren Kosten Gatersleben und 
Hettstädt wieder ein. 

Ernst I. , geborener Graf zu Honstein, wurde einmal 
wieder aus dem Kreise des Domkapitels und von demselben 
im Herbst 1390 als Bischof gewählt, aber erst zögernd vom 
Papste, der sich wieder die Bestellung eines solchen vor- 
genommen hatte, bestätigt. Bischof Ernst wirtschaftete jeden- 
falls nicht so gut, als sein Vorgänger, versetzte manche 
Güter, aber die ihm schuldgegebene gewaltthätige Hin- 
richtung eines Dompropsts Johann von Hardenberg wird 
wegen der inneren Widersprüche der Uberlieferung hinfällig. 
Dompropst war von 1384—1411 Albrecht, geborener Graf 



282 



Siebenter Abschnitt. 



von Wernigerode, während Bischof Ernst am 6. Dezember 
1400 starb. 

Die kurze Regierungszeit der beiden nächsten Ober- 
hirten zu Halberstadt, Rudolfs IL, von 1400 bis 28. No- 
vember 1406, und Heinrichs, geborenen Edeln von Warberg, 
bis 1411 , war voll innerer und äufserer Fehde. Zur Zeit 
Rudolfs erhob sich besonders ein Streit zwischen der Stadt 
und dem Domkapitel. Letzteres, das, wie anderswo, seit 
lange durch Vermehrung seiner Selbständigkeit dem Bischof 
gegenüber eine Herrschaft oder Staat in dem geistlichen 
Staate bildete, war mit dem Rat, der 1399 vom Papst 
Bonifaz IX. das Privilegium erhalten hatte, nicht vor ein 
fremdes Gericht geladen zu werden, in einen Streit der 
Gerichtsbarkeit wegen geraten und war von seinem Wider- 
part mit dem Interdikt belegt worden. Im Jahre 1404 
nahm der Papst sich der Stadt an, und am 11. Dezember 
erfolgte zu Quedlinburg eine Aussöhnung, doch brach der 
Streit wieder von neuem aus und wurde dann erst im Jahre 
1407 durch eine neue Einigung beider Teile beigelegt. 
Zu Bischof Heinrichs Zeit befehdete Heinrich von Held- 
rungen, ein Bundesgenosse des eben so ungefügen Grafen 
Dietrich IX. von Honstein, besonders die östlichen Gegenden 
des Bistums mit seiner Fleglerbande. So ging Ermsleben in 
Flammen auf. Als er aber die Aschersleber, welche unter 
der alten Askanierburg ihren Pfingsttanz feierten, überfiel, 
fand er hier so herzhatten Widerstand, dafs er fliehen mufste 
und bei Molmers wende gefangen wurde. Auch er mufste, 
wie erzählt wird, sich die Haft eines hölzernen Kastens ge- 
fallen lassen, aus der er erst nach Vergütung des angerichteten 
Schadens befreit wurde. 

Bischof Albrecht IV. von Wernigerode, vorher, wie er- 
wähnt, Dompropst, führte seit dem Jahre 1411 bis zu 
seinem am 11. September 1419 erfolgten Ableben als ein 
sehr wohlgesinnter, friedsamer Herr den Krummstab, be- 
teiligte sich auch an der Belagerung und Erstürmung der 
Harzburg wider die von Schwiechelt. Er war der Bruder 
des letzten Grafen Heinrich von Wernigerode, der ihm 
wiederholt bei friedlichen Vermittelungen zur Seite stand. 
Die merkwürdigsten Bewegungen, die sich nicht nur durch 
seine, sondern auch noch durch die längere Regierungszeit, 
seines Nachfolgers Johann von Hoym, der im September 
1436 starb, hindurchziehen, stehen mit inneren Gegen- 
sätzen und Kämpfen im Zusammenhange, die unter dem 
Namen der „Halberstädter Schicht" (Geschichte, Ereignis) 
bekannt sind. 



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Bisch. Rudolf III., Heinrich, Albrecht IV. u. Stadt Halberstadt. 283 



Die alte Bischofstadt, vor dem den Handelsverkehr mehr 
hindernden als fördernden Harze und an keinem sehiif- 
baren Flusse gelegen, hatte sich zwar zu keinem besonderen 
durch Handel und Verfassung ausgezeichneten Gemein- 
wesen erhoben, war aber doch durch den Reichtum der 
umgebenden Landschaft und das Leben, das der in ihr 
errichtete geistliche Staat weckte, zu einer gewissen Be- 
deutung entwickelt. Zu ihrem geistlichen Oberhirten standen 
die Bürger meist in einem guten Verhältnis, und nicht un- 
ansehnliche Kochte und Freiheiten wurden ihnen besonders 
von des unruhigen Albrecht II. Zeit an immer aufs neue 
bestätigt. Aber das Domkapitel, das nebst den angesehenen 
Kollegiat8tiftern besonders seit dem 14. Jahrhundert seine 
Rechte und Freiheiten immer mehr ausdehnte, beschränkte 
nicht nur die Gewalt der Bischöfe, die vielfach lieber aulser- 
halb auf ihrem Schlosse Langenstein, später zu Groningen 
Hof hielten, sondern sie kamen auch, wie wir schon er- 
wähnten, mit der Bürgergemeinde, besonders der Gerichts- 
barkeit wegen, in Streit. Die Reibungen zwischen Geistlich- 
keit und Gemeinde hatten kaum aufgehört, als noch ernstere 
Gegensätze in dieser selbst hervortraten. Wie in anderen 
deutschen Städten, sehen wir auch zu Halberstadt in der 
älteren Zeit an der Spitze der Stadt eine Anzahl alter vor- 
nehmer Familien, aus denen Bürgermeister und Rat hervor- 
gehen, und zwar so, dafs die Wahl nur von untergeordneter 
Bedeutung ist. Neben diesen Geschlechtern traten in Halber- 
stadt deutlicher noch als in den benachbarten sächsischen 
Städten die Nachbarschaften, ursprünglich Strafsengemein- 
schaften, hervor, die, zunächst unter sich polizeiliche An- 
gelegenheiten ordnend, durch alte Gewohnheit und gemein- 
same Feste eine gewisse Bedeutung gewannen. Im Weich- 
bilde der Stadt gab es sechs solcher Körperschaften, zwei 
weitere in der ursprünglich bischöflichen Vogtei. Jede dieser 
Burschaften oder Nachbarschaften stand unter einem burmester 
und zwei bis vier Vorstehern. Bei wichtigen Angelegen- 
heiten, bei Schofs und Umlagen, hatten die Burmeister An- 
teil am Rat. Dazu kamen die Meister aus den vornehmsten 
Innungen. Die eigentliche Verwaltung war in den Händen 
der Geschlechter. Die einflufsreichen Glieder der Geschlechter 
bahnten sich zuweilen auch den Weg zu den Ratstellen 
dadurch, dafs sie in die Innungen, besonders die vornehme 
Kauf- oder Gewandschneiderinnung, eintraten oder Bauer- 
meister wurden. Endlich hatte die aufserhalb der Innungen 
stehende Gesamtheit (meinheit) der Bürger noch eine Ver- 
tretung durch ihre Meister. Da die Allmacht der Geschlechter, 



284 



Siebenter Abschnitt. 



zumal wo es sich um Besteuerungs- und Geldsachen 
handelte, leicht in Versuchung kam, ihre amtliche Gewalt 
in selbstsüchtiger Weise auf Kosten der unteren Schichten 
und Zugezogenen auszubeuten, so gab dies bei den letzteren 
leicht Grund zur Verstimmung, und die Geistlichkeit konnte 
sich dieser Menge in ihren Kämpfen mit der Stadt leicht 
zur Aufreizung wider den Rat bedienen. 

Dem beweglichen Element der Zuzöglinge gehörte jeden- 
falls die zuerst 1387 im Rat vertretene Familie der von 
Hadeber oder Heudeber an, aus der ums Jahr 1410 ein 
Mitglied Matthias, seiner Körpergröfse wegen der „lange 
Matz" genannt, gewaltsame Neuerungen im Rate vorzu- 
nehmen suchte. Trotzdem ihnen teilweise die Innungen, 
doch nicht die vornehmeren, günstig gestimmt waren, 
mufsten sie weichen und die ihnen günstigen Schmiede ver- 
loren Sitz und Stimme im Rai Die Hadeber beunruhigten 
nun die Stadt und beklagten sie vor dem westfälischen 
Gericht; aber die Stadt, auf deren Seite auch der Bischof 
stand, brachte es mit Hilfe des Rates zu Braunschweig nach 
längerem Bemühen 1413 zu einem Vergleiche, nach welchem 
auch der Vertreter des westfälischen Gerichts die Vorladung 
zurücknahm. Bevor diese Sühne zum Abschlufs kam, hatte 
sich ein Teil des Rates wider dieselbe aufgelehnt. Die über- 
wiegende Mehrheit wandte sich aber gegen die Hartnäckigen, 
von denen Gebhard von Ammendorf wohl der hartnäckigste 
war, und in einem Aufstand am 10. August 1413, wobei es 
auch an Gewalttätigkeiten nicht fehlte, wurden sie vom 
gröfsten Teil des Rates, Bauermeistern, Innungsmeistern und 
Richtern, als Feinde der Stadt erklärt, die Widerspenstigen 
zur Flucht genötigt. 

Bischof und Kapitel nahmen sich der Vertriebenen gegen 
die Mehrheit an, die des Bischofs Hoheit in einer nicht ge- 
nau zu bestimmenden Weise verletzt hatte. In der Stadt, 
die nun die Hadeber wieder aufnahm, ging es sehr bewegt 
her, während die Vertriebenen, vor allen die Ammendorfs, 
da die bischöfliche Gewalt nicht ausreichte, beim Fem- 
gericht, beim kömglichen Hofgericht und bei der Kirchen- 
versammlung zu Konstanz wider ihre Feinde klagbar 
wurden. Die Stadt aber suchte sich durch Bündnisse mit 
den Nachbarstädten Magdeburg, Braunschweig, Quedlinburg 
und Aschersleben zu verstärken; sie war aber auch gern 
bereit, den mifslichen Fehden und Prozessen durch einen 
billigen Vergleich vorzubeugen. Graf Heinrich von Wernige- 
rode, des Bischofs Bruder, brachte am 30. April 1417 einen 
solchen zustande, indem ein Schiedsgericht von acht Männern, 



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Die Halberstadter Schicht. 



285 



halb vom Bischof, halb vom Rat aus den befreundeten 
Städten Quedlinburg und Aschersleben erwählt, die Streit- 
fragen entscheiden sollte. Danach kamen denn die Ge- 
ächteten nach Jahr und Tag wenigstens teilweise wieder 
zurück; aber rechter Friede wurde nicht, und nicht ohne 
Grund wollte man die heftigen Ammendorfs nicht wieder 
in den Rat wählen. 

Da nun in den nächsten Jahren die durch kostspielige 
Fehden mit Busse von Alvensleben auf Erxleben geschädigte 
Stadt sich genötigt sah, aufserordentlichen Schofs und Vor- 
schofs aufzulegen, so erhob sich dagegen besonders die 
Geschlechterpartei der Ammendorfs und suchte die bezüg- 
lichen Beschlüsse zu hintertreiben und rechnete dabei auf 
gewaltthätige Unterdrückung ihrer Mitbürger durch den 
Stadthauptmann Ludolf von Marnholt und seine Söldner. 
Auch suchten sie die bestehende Mehrheit der Stadtver- 
tretung gewaltsam durch eine ihnen geneigte zu ersetzen. 
Aber von diesen Plänen in Kenntnis gesetzt, waren die 
letzteren auf ihrer Hut, trafen Vorsichtsmaßregeln und 
forderten die auf dem Rathause versammelten Verschworenen 
auf, die Hauptanstifter der Verschwörung auszuliefern. Da 
nun die meisten und jedenfalls die heftigsten der feindlichen 
Ratspartei geflohen waren oder sich versteckt hielten, so 
wurden bei der steigenden Aufregung vier derselben, Volk- 
mar Lobeck, Henning von Adersleben, Busse Bertram und 
Hartwich Zacharias gewaltsam aus ihren Häusern geholt 
und als Gefangene in dem Keller unterm Rathause unter- 
gebracht und dort ohne ordentliches Gericht am Abend des 
23. November 1423 wegen Aufstandes und Gewaltthat vor 
dem alten Roland enthauptet, nachdem ein Versuch Bischof 
Johanns, die Aufgeregten zur Besonnenheit zuriiekzurufen, 
mifslungen war. Man hatte dem Bischof, der von Groningen 
aus nur bis vor das Breite Thor hatte vordringen können, 
höhnisch geantwortet. Unter den Schürern der Volkswut 
befanden sich besonders die Hadeber. 

Es wurde nun ein neuer Rat eingerichtet, bei dem die 
unteren Schichten stärker vertreten waren. Aufser 14 Rats- 
herren, einschliefslich der Bürgermeister, und den Innungs- 
meistern, waren es 40 Vertreter aus den Nachbar- 
schaften, Bauermeister und Geschworene, oder Sechs- 
männer. 

Die Gewaltthat des 23. November erregte an allen 
Enden Unwillen und Entsetzen, und es wurde dem uner- 
müdlichen Betreiben der Geflohenen leicht, alle möglichen 
Hilfen gegen die Stadt zu gewinnen. Da der Bischof zu 



286 



.Siebenter Abschnitt 



machtlos war, so wies er die Klagenden an die verbundenem 
sächsischen Städte, an die Hanse und an König Sigmund. 
Letzterer forderte aus Totis in Ungarn am 16. Mai 1425 
alle benachbarten Fürsten, Grafen, Herren, Ritter, Knechte 
und Städte ernstlich auf, die Stadt zum Rechte zu nötigen 
und sie widrigenfalls an ihren Gütern zu kränken. Die 
Hanse aber setzte einen Ausschufs aus den Städten Magde- 
burg, Braunschweig, Quedlinburg und Aschersleben ein, der 
mit Bischof Johann wegen eines Angriffs auf die wider- 
spenstige Stadt verhandelte. Am 20. Juli zogen 2000 Ge- 
waffhete vor die Stadt und lagerten vor dem Wardeho, der 
alten Malstätte des Harzgaues. In gehegtem Gericht ver- 
langte man die Auslieferung der Bürgermeister Matthias von 
Hadeber, Werner Winneken und gegen 20 anderer. Bei der 
Schwierigkeit, die eine Belagerung im Mittelalter hatte, war 
an einen Ausgang der Sache noch nicht gleich zu denken, 
daher denn die Stadt die Aufforderung der Belagerer trotzig 
beantwortete. Da aber der Büchsenmeister von Magdeburg 
mit zwei Geschützen vor der Stadt erschienen war und nach 
einem Schufs in die Luft einen zweiten in die Burg that, 
so sank den Trotzigen der Mut. Matthias von Hadeber und 
sein gleichnamiger Sohn, die man bei einem Fluchtversuche 
ergriffen hatte, des ersteren Bruder Hans und Werner 
Winneken wurden zum Tode verurteilt und nach Begnadigung 
von einer ihnen zugedachten Marter am 23. Juli 1425 auf 
dem Wehrstädter Felde enthauptet. Ein Ausschuls, be- 
stehend aus Vertretern des Bischofs und der Städte, welche 
die Widerspenstigen bezwungen hatten, brachte am 19. Au- 
gust einen Vergleich zustande, der durch Vennittelung der 
Städte glimpflicher ausfiel, als Bischof und Geistlichkeit es 
wollten. Die Stadt sollte 3000 Gulden zahlen, die Rechte 
des Bischofs und Domkapitels anerkennen und noch einzelne 
Zugeständnisse machen. Sodann sollte sie die Leichen der 
am 23. November 1423 Getöteten ausgraben, in Ehren 
zu S. Martini begraben lassen und einen Altar mit nötiger 
Bewidmung über dem Grabe errichten. Dies geschah und 
es wurden Seelenmessen für die Ermordeten errichtet, die 
bis zum Schlufs des Mittelalters gefeiert wurden. Die über- 
lebenden Vergewaltigten wurden möglichst entschädigt, aber 
die unversöhnlichsten unter ihnen, die Tangen, sollten auf 
ewige Zeiten die Stadt meiden. An sich von geringer Be- 
deutung, aber bezeichnend für das Verfahren jener Zeit ist 
die von letzterer Familie nachher noch hartnäckig fort- 
gesetzte Klage wider Stadt und Bischof beim König Sig- 
mund und die mit Zähigkeit, doch offenbar umsonst, vom 



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■ 



Stadt Halberstadt. Erfurter Hochschule 1379/92. 287 

Könige und von dem beauftragten Reichsoberkämmerer Jo- 
hann von Weinsberg noch im Jahre 1437 geforderte Ent- 
schädigungssumme wegen dieser „ Schicht u . 

Wenden wir uns von der nordharzischen Bischofstadt 
wieder zu der mächtig emporstrebenden Hauptstadt Thü- 
ringens , so hatten wir früher gesehen , wie sie ihre Rechte, 
wenn auch der doppelten Abhängigkeit von Mainz und 
Thüringen wegen nicht bis zur Reichsunmittelbarkeit, um 
die Mitte des 14. Jahrhunderts bedeutend erhöht hatte, 
während sich Handel und Verkehr und ihr Gebiet noch bis 
ins 15. Jahrhundert weiter ausbreitete. Bei der kaiserlichen 
Belehnung mit den reichsunmittelbaren Stücken des Amts 
Kapellendorf wurden im Jahre 1352 die erfurtischen Rats- 
meister für fähig erklärt, die adeligen Güter zu verleihen, 
womit sie die höchsten Adelsvorrechte erwarben. Seit 1374 
kämpft die Stadt, die schon im Jahre 1338 über stehende 
Krieg8m annschaft verfügt, siegreich für Adolf von Nassau 
als Kandidaten des erzbischöflichen Stuhls zu Mainz gegen 
die mächtigen Landgrafen von Thüringen und die Wettiner, 
die mit Papst und Kaiser vergeblich Ludwig von Thüringen 
durchzubringen suchen. Standhaft hält sie dabei eine sech- 
zehnwöchentliche Belagerung gegen ein Heer von 30000 
Mann aus. 

Aber weit höheren, dauernden Ruhm erwarb die Stadt 
dadurch, dafs sie, als die erste deutsche Stadtgemeinde, 
zwischen 1379 und 1392 aus eigenen Mitteln eine Hoch- 
schule begründete. Da nach wohlwollender Förderung Erz- 
bischof* Adolfs (1381 — 1390) die eigentliche Eröffnung erst 
am 28. April 1392 mit der Wahl des ersten Rektors Lud- 
wig Mülner erfolgte, so war damals allerdings bereits die 
Begründung von vier deutschen Universitäten: Prag 1348, 
Wien 1365, Heidelberg 1386, Köln 1388 voraufgegangen, 
aber Erfurt war doch die erste — und nicht blofs deutsche — 
Hochschule, auf welcher alle vier Fakultäten vertreten 
waren. Sie sollte bald eine hohe Bedeutung für die Samm- 
lung und Wiedererweckung der Wissenschaft in Deutsch- 
land gewinnen, besonders für unsere sächsisch- thüringischen 
Gegenden, die seit den Zeiten der Könige aus einheimischem 
Geschlecht anderen Teilen Deutschlands den Vortritt auf 
den Gebieten der Wissenschaft, Kunst und Dichtung über- 
lassen hatten. Bei den Kirchenversammlungen zu Konstanz 
und Basel hatte Erfurt eine bedeutende Stimme. Die Zahl 
der Hörer, die 1455 schon 538 betrug, stieg von da ab 
ziemlich stetig bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts. Die 
Volkszahl in der Stadt wuchs zur Zeit ihrer höchsten Blüte 



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288 Achter Abschnitt. 

bis auf 80 000 ; ihr Sckofs — zu 6 Pfennigen von der Mark 
löthigen Silbers berechnet — betrug im Jahre 1400 die 
hohe Summe von 34156% Thaler. 



Achter Abschnitt. 

Das Jahrhundert vor der Reformation. 

Wir haben im vorigen Abschnitt die Hauptbewegungen 
der heimiscken Geschichte bis dahin verfolgt, wo im Norden 
und Süden unserer Provinz, in der Altmark und den 
brandenburgischen Marken und im Herzogtum Sachsen- 
Wittenberg zwei mächtige, noch heute fortblühende Fürsten- 
häuser die Herrschaft angetreten haben und wo durch die 
Vereinigung von Fürsten und Städten, aber auch mit Hilfe 
einer grofsen, mit der Erfindung des Schiefspulvers und der 
Verbreitung der Feuerwaffen im Zusammenhang stehenden 
Umwälzung im Kriegswesen dem mittelalterlichen Fehde- 
wesen ein Ziel gesetzt, mindestens ihm die eine allgemeine 
friedliche Entwicklung hindernde Kraft genommen ist. 
Weltliche und geistliche Fürstentümer — unter jenen ziem- 
lich zuletzt das Bistum Halberstadt — haben ihre territoriale 
Ausbildung und Abrundung im wesentlichen abgeschlossen, 
ebenso die Städte ihre innere # mittelalterliche Verfassung, und 
wir haben es nun mit dem Ubergang aus diesen Zuständen 
zur Reformation zu thun. 

Bemerkenswert, aber freilich sehr erklärlich, ist in dieser 
Ubergangszeit das entschieden hervortretende Gefühl der 
Gemeinsamkeit der Interessen besonders zwischen den 
hohenzollernschen und wettinischen Fürsten und die den 
gleichen Übelständen gegenüber ergriffenen gleichen Mafs- 
nahmen. 

Da es zunächst galt, die allgemeine Landfriedensordnung 
der Unsicherheit und den Fehden gegenüber sicher zu 
stellen, so wurden nicht nur, wie früher, einzelne Bündnisse 
zwischen Fürsten und Städten geschlossen oder durch be- 



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Bündnisse u. gemeinsames Handeln der Wettiner u. Hohenzollern. 289 

waffhetc Unternehmungen dem Adel das den Fürsten ge- 
bührende Recht des bewaffneten Geleites antrugen, sondern 
die Häuser Hohenzollern und Wettin suchten auch durch 
Erbverbrüderungen unter einander und mit Hessen, sowie 
durch gegenseitige Ehebündnisse sich zu stärken. So ver- 
bündeten sich am 5. Januar 1435 Kurfürst Friedrich der 
Sanftmütige und die Wettiner mit Kurbrandenburg, welches 
Bündnis dann 1441 erneuert wurde; 1451 trafen die Wettiner 
mit Kurbrandenburg eine neue ewige Erbeinigung, 1457 
auch mit Hessen. Kurfürst Friedrich n. von Brandenburg 
führte am 11. Juni 1441 Katharina, Tochter Friedrichs des 
Streitbaren von Sachsen, heim; Friedrichs des Sanftmütigen 
Tochter Anna wurde am 12. November 1458 die Gemahlin 
des Kurfürsten Albrecht Achilles; des letzteren Tochter war 
die Verlobte des Stifters der albertinischen Linie der Herzöge 
von Sachsen. 

Um aber auch die Wurzel des allgemeinen Übels aus- 
zurotten, suchten beide Fürstenhäuser sich ernstlich ihres 
verkommenen Adels anzunehmen und denselben, indem sie 
seinen Sinn auf höhere Ziele lenkten, sittlich zu heben. So 
stiftete Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg 1445 die 
Brüderschaft des Schwanenordens, durch welche Einigkeit, 
das Gefühl der Ehre und unbefleckten Sittlichkeit nach dem 
Vorbild der Jungfrau Maria gepflegt werden sollte. Und 
um den Unterthanen Frieden und Einigkeit zu erhalten, 
sicherte der Kurfürst den heruntergekommenen Gliedern des 
Adels Unterhaltung am Hofe zu. In ganz gleichem Sinne 
stiftete nur fünf Jahre später Friedrich der Sanftmütige den 
Orden des heiligen Hieronymus, ebenso mit geistlichem 
Charakter. Die Mitglieder sollten keine Strafsenräuber, 
keine Wucherer sein und ihren Ehegenossen die Treue be- 
wahren. 

Wenn aber so zur Sicherung des allgemeinen Wohls 
und des Fürstentums den Adeligen die in unglückseliger 
Zeit angemafsten Rechte genommen und ihre Thätigkeit auf 
allgemeine höhere Ziele gelenkt wurde, so wird eine kurze 
Andeutung genügen, zu zeigen, wie auch die Freiheiten und 
Rechte der Städte zur Erreichung höherer Zwecke des 
Staates, dessen Idee und Wesen in einem der neuen Zeit 
entsprechenden Sinne sich damals auszubilden begann, über- 
all, wenn auch mit einigen Unterschieden und nicht ohne 
Gewalt unterdrückt, wie aber unter der zum Siege gelangen- 
den starken Obmacht der Fürsten die Landstände in geist- 
licl len und weltlichen Herrschaften fester begründet und ent- 
wickelt wurden. 



Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 



19 



290 Achter Abschnitt. 

In der Altmark, wie anderwärts, war die Zeit des fort- 
währenden Wechsels oder meist des Mangels eines allgemein 
anerkannten Oberherrn zwar eine Zeit des allgemeinen Un- 
glücks, für die Städte aber auch die Periode einer überaus 
grofson Ausdehnung der bürgerlichen Freiheit und Selb- 
ständigkeit gewesen. Nach Beseitigung eines bevorrechteten 
Standes innerhalb der Bürgerschaft hatten alle das Recht 
der Wahl und Wählbarkeit erlangt. In den Städten 
magdeburg - stendalschen Rechts war der Schöffenstuhl mit 
dem Ratstuhl vereinigt. Sie hatten die hohe Gerichtsbarkeit, 
das Recht, über markgräfliche Lehensmannen zu richten, 
erlangt, wenn diese bei handfester Tbat ergriffen wurden, 
selbst über markgräfliche Hofleute, wenn sie innerhalb der 
Städte Vergehen übten. Sie hatten das Recht der Ver- 
bindung mit anderen Städten, Münzrecht; die Errichtung 
neuer Burgen war von ihrer Erlaubnis abhängig. In der 
ersten Zeit des Hohenzollernregiinents gingen die Städte mit 
den neuen Landesherren durchgängig Hand in Hand; 1433 
und 1435 trat man gemeinsam den Eingriffen des west- 
fälischen Femgerichts entgegen und wurde die geistliche 
Gerichtsbarkeit in der Altmark beschränkt. Im Jahre 1436 
aber schlössen die sämtlichen Städte ein Bündnis zu gegen- 
seitigem bewaffnetem Schutz. Und wenn auch die Waffen 
nicht gegen den Landesherrn und das römische Reich ge- 
richtet sein durften, so wurde doch bestimmt, dafs, wenn 
der Landesfürst eine allgemeine Bede verlange, keine Stadt 
dieselbe allein entrichten solle, sondern nur in Vereinigung 
mit den übrigen Städten. 

Mit Stendal entstand ein Konflikt, als nicht lange nach 
der Austreibung der Juden aus der Mark infolge kaiser- 
lichen Befehls am 17. Dezember 1446 Markgraf Friedrich 
der Jüngere dem Kurfürsten Friedrich II. 1447 unter Vor- 
behalt der Landeshoheit die Altmark und Priegnitz abge- 
treten hatte, wieder Juden in Osterburg, Tangermünde, 
Arneburg und Seehausen aufnahm und dies auch in Stendal 
versuchte. Der Rat letzterer Stadt weigerte sich und gab 
erst 1454 infolge eines Vertrages nach. Als aber der sorg- 
same, haushälterische Friedrich IL, der 1460 in Tanger- 
münde ein Landgericht eingerichtet hatte, im Jahre 1470 
die Regierung der Mark niederlegte und sie seinem Bruder 
Albrecht übergab, begann der Kampf gegen die Landstände, 
besonders gegen die Städte der Altmark und Priegnitz, 
offen auszubrechen. Albrecht, der in der Zeit des Huma- 
nismus den Zunamen des homerischen Helden Achilles er- 
hielt, hätte weit näher nach einem Recken des Wormser 



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Das Fürstentum beschränkt die städtischen Freiheiten. 291 

Rosengartens benannt werden können, da er, ein Muster 
jdtdeutscher Ritterlichkeit, sich in den Formen der Minne- 
singerzeit wie jene Wormser Kämpfer in Blut zu baden 
und blutige Rosenkränze der Ehren mit zerhauenen Schilden 
und Helmen zu erringen strebte. Er war in den feineren 
fränkischen und höfischen Formen des Rittertums grofs 
geworden, und als er am 17. November 1471 in seine 
Geburtsstadt Tangermünde einritt, war er hier ganz fremd, 
und wie er keine Liebe für die Mark hatte, die ihm zu roh 
und einfach erschien, so fand er auch keine. Ein gleich- 
zeitiger Zeuge aus Salzwedel schildert es mit Entrüstung, 
wie er, obwohl er für die Bestätigimg der Privilegien an- 
sehnliche Felder forderte, die nur Stendal verweigerte, die 
Ehrengaben der ihn festlich empfangenden Stadt verschmähte 
und die edle einheimische Ritterschaft, die von der Schulen- 
burg, von Bartensieben, von Alvensleben, von Bülow, von 
Jagow, von Bodendiek, von dem Knesebeck und andere 
stolz übersah und sie der Pflege der Stadt überliefs, während 
die feinen Franken seines Gefolges sich übermütig und un- 
gesittet aufführten. 

Markgraf Albrecht fand besonders in den Städten der 
Altmark einen heftigen Widerstand gegen die Bezahlung der 
Landbede, der Bierzinse (Accise) und der von ihm erhobe- 
nen Zölle. Aber Ende August war dieser Widerstand der 
Städte gebrochen und bis zum Ii). März 1477 ist von den 
Städten Stendal, Salzwedel, Gardelegen, Tangermünde, See- 
hausen, Üsterburg und Werben der ihnen auferlegte ansehn- 
liche Batzen, 13 642 V» Gulden zur Schuldentilgung geleistet. 
Man suchte aber gegen den mächtigen Oberherrn sich durch 
Bündnisse besonders mit der Hanse ein Gegengewicht her- 
zustellen. So wurde am 26. Juni 1476 ein zehnjähriges 
Bündnis zum Widerstande gegen unrechte Gewalt mit der 
Hanse geschlossen, wobei unter anderen die Städte Stendal, 
Magdeburg, Halberstadt beteiligt waren. Noch unmittel- 
barer nennt den Zweck ein ungefähr dieselben Städte ver- 
einigendes Bündnis vom 31. Oktober jenes Jahres, worin 
man einander zu schützen verspricht, wenn eine Stadt in 
ihren Privilegien, Freiheiten, Gerechtigkeiten, alten Gewohn- 
heiten und Herkommen verkürzt und gekränkt oder mit 
neuen Auflagen und anderen Unpflichten und ungewöhn- 
lichen Beschwerungen belastet wird. Bei einem ähnlichen 
Bündnis der altmärkischen Städte vom 12. März 1478 ist 
nur Gardelegen nicht beteiligt. 

Aber der Landesherr dringt mit seinen für die allge- 
meinen Aufgaben notwendigen Ansprüchen durch. Als im 

19* 



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292 



Achter Abschnitt. 



Jahre 1477 der Markgraf gegen Krossen zu Felde zieht, 
weigert die Altmark auf Grund hergebrachten Rechts den 
Zuzug, da sie nur zur Verteidigung der Altmark Hilfe zu 
leisten brauche. Aber der Kurfürst erschien selbst und 
nötigte Städte und Herren der Altmark, wie der übrigen 
Mark zur Heeresfolge. Auf einem Landtage, am 23. Mai 
1477, werden die Städte der Altmark zur Stellung von 
3200 Mark herangezogen. Ein landständisches Gericht zu 
Köln an der Spree verurteilte am 27. November 1480 die 
Städte der Altmark wegen verweigerter Bede, angemafsten 
alleinigen Gerichts, Annahme von Pfahlbürgern und Pfahl- 
bürgerinnen. 

Die Verwahrung der Städte gegen diesen Spruch war 
erfolglos, aber der Markgraf Johann, der, seit Kurfürst 
Albrecht nach Besiegung der gefährlichsten Feinde die 
Mark für immer verlassen hatte, die Regierung führte, trieb 
seine Forderungen mit grofser Nachsicht und Langmut ein, 
gelangte jedoch zu seinem Ziele. Die Städte konnten noch 
immer die Erfahrung machen, dafs ihr Oberherr grofser 
Hilfsmittel zur Beruhigung seines Landes bedurfte. Mufste 
doch noch im Sommer 1482 der Bischof von Havelberg mit 
dem altmärkischen Landeshauptmann Wilhelm von Pappen- 
heim einen förmlichen Kriegszug gegen die Friedensstörer 
in der Altmark und Priegnitz unternehmen, wobei 14 Burgen 
genommen und den Städten zur Zerstörung übergeben 
wurden. Die Bestrafung der Schlofsherren war eine strenge, 
teilweise wurden sie enthauptet. Noch zu Ende des Jahr- 
hunderts klagte Kurfürst Johann Cicero, es gebe keine 
Gegend in ganz Deutschland, in welchem so viel Räuberei 
und Barbarei zu finden sei, wie in der Mark. Johann, der 
von 1486 bis 1499 die kurfürstliche Würde bekleidete, hatte 
den Kampf gegen die Stände weiter zu fuhren, da, wie 
jede andere alte Landschaft, so auch die Altmark unter 
seinem Herrscherstab doch ein Staat für sich sein wollte. 
Als am 2. Februar 1488 der Landtag zu Berlin durch 
überzeugende Gründe sich bewogen fühlte, dem Kurfürsten 
auf sieben Jahre eine Bierziese zu 12 Pfennig auf die Tonne 
zu bewilligen, wovon 8 dem Landesherrn, 4 den Städten 
zufallen sollten, waren es die Städte der Altmark allein, welche 
sich dagegen erklärt hatten. Die Räte zwar waren ein- 
verstanden, aber die gemeine Bürgerschaft nicht. Bei der 
Erhebung der Ziese kam es teilweise zu Volksaufständen, 
so zu Stendal, wo Nikolaus von Borstel und Hans von 
Gohre denselben zum Opfer fielen. Der Kurfürst mufste 
selbst Ordnung schaffen. Gegen Ende März wurde Tanger- 



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Adel u. Städte der Altmark von den Kurfürsten unterworfen. 293 

münde unterworfen und gelobte künftigen Gehorsam; Mitte 
März folgte Stendal. Hier wurden von den Aufständischen 
drei Tuchmacher mit dem Schwert gerichtet. Die Stadt 
wurde mit doppelter Höhe der Ziese und doppelter Zeit 
für die Erhebung dieser Steuer gestraft. Aufserdem durfte 
sie kein Drittel für sich verwenden und mufste noch eine 
Geldbufse leisten. 

Aber entscheidender war, dafs der Kurfürst in Stendal selbst 
einen neuen Rat einsetzte und sich solche Bestellung auch für 
die Zukunft vorbehielt, und besonders, dafs er sich von der 
Stadt ihre wichtigsten Privilegien ausliefern liefs, betreffend die 
Befreiung von der Heeresfolge aufserhalb der Stadtmauern, 
das Recht, sich unter Umstanden dem Landesherrn gegen- 
über an einen andern Herrn zu halten oder von einem der 
markgräflichen Brüder sich auf einen andern zu berufen, 
die Beschränkung der Geldunterstützung des Landesherrn 
auf die Fälle der Lösung aus der Gefangenschaft, die Frei- 
heit, Bündnisse zu schliefsen, die freie Münze, das obere 
und niedere Gericht, die Beschränkung in der Festsetzung 
von Statuten und Gesetzen. Endlich wurden auch die ge- 
nossenschaftlichen Rechte der Gilden beschränkt. 

Auf Stendal folgten Osterburg und Salzwedel, Seehausen, 
Werben, Gardelegen. Innerhalb sechs Wochen war der 
Widerstand aller altmärkischen Städte gebrochen. Die 
Forderungen des Kurfürsten entsprachen so sehr denen der 
Zeit, dafs nirgendwo von einer gegenseitigen Hilfe der Städte 
unter einander, noch von auswärts die Rede ist. Überall 
wurden neue, der Bestätigung durch den Kurfürsten 
unterworfene Räte bestellt. Von allen Gilden behielten 
nur drei bevorrechtete in Stendal einen politischen Cha- 
rakter. 

Damit hatte in der Altmark das mittelalterliche Städte- 
wesen sein Ende erreicht. Die Städte hatten auch zunächst, 
ebenso wie der Adel, materielle Nachteile. Aber durch das 
Zusammengehen mit dem Fürsten wurde auch wieder die 
Bedeutung der Stände erhöht. Ihnen blieb die Umlage und 
Verteilung der Steuern überlassen, und indem sie die 
Tilgung der landesherrlichen Schulden übernahmen, standen 
sie auch gemeinsam für die Besserung der Verhältnisse ein. 
Und was hier in der Mark auf breiterer Grundlage geschah, 
erfolgte auch fast gleichzeitig und in ähnlicher Weise bis in 
die kleinsten Territorien hinein. 

Johann Cicero starb als der erste Hohenzoller, der 
dauernd in den Marken weilte, am 9. Januar 1499 zu 
Arneburg. Ihm folgten seine Söhne Joachim I. (1499 bis 



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294 



Achter Abschnitt. 



1535) und Albrecht, der jedoch bald in den geistlichen 
Stand trat, während Joachim am 10. April 1502 zu Stendal 
mit Elisabeth, Tochter des Königs von Dänemark, und am 
13. April 1500 des Königs Bruder, Prinz Friedrich von 
Holstein, mit Joachims Schwester Anna vermählt wurde. Die 
sehr feierliche Trauung vollzog persönlich Erzbischof Emst 
von Magdeburg. 

Unter dem neuen Kurfürsten und dessen Nachfolger 
wurde nun die Erhebung der Bierziese eine dauernde; da- 
gegen sicherte Joachim den Ständen zu, aufser bestimmten 
Leistungen in ausserordentlichen Fällen keine neue Steuer 
aufzulegen. Im Jahre 1524 gewährte man eine Ililfssteuer 
zur Tilgung der Landesschuld. Durch Darlehen an den 
Kurfürsten erwarben sich auch die Städte manche, aller- 
dings mehr untergeordnete Privilegien in der Gerichtsbarkeit 
innerhalb der Stadtmauern, im Gebrauch roten Wachses 
beim Siegeln, Jahrmärkten, im Münzrecht u. s. w. Zur 
Hebung der Städte erliefs Kurfürst Joachim im Jahre 
1515 eine sogenannte Reformation, d. h. eine in 35 Ab- 
schriften verfafste festere Ordnung und Gleichmäfsigkeit in 
der städtischen Verwaltung mit Bezug auf Gewerbe, Feuer- 
polizei, Rechnungsführung, Besteuerung, Bestimmungen gegen 
Aufwand, über Mals und Gewicht. 

Merkwürdig für die verschiedene Entwicklung der 
Städte in der Mark ist die durch die Ansprüche Berlins, 
das unter den Hohenzollern bald zur Hauptstadt wurde, ver- 
anlafste Rangordnung der Städte im Jahre 1521. Hin- 
sichtlich der Gröfse hielten sich damals Berlin und Stendal 
noch ziemlich die Wage. Im Felde, bei Landtagen und ge- 
schäftlichen Verhandlungen sollten die Mittel- und Keu- 
märker zur Rechten, die von Stendal neben den von Salz- 
wedel und anderen Altmärkern und Priegnitzern zur Linken 
stehen. Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts 
war Stendal noch mit 4571, Berlin und Köln mit zusammen 
3811 Gulden veranlagt. Noch 1564 hatte Stendal 1210, 
Berlin mit Köln zwar 1316 Feuerstellen, darunter aber 601 
kleinere. Monumental stand Stendal entschieden über seiner 
Nebenbuhlerin. Unter den Bauwerken Stendals sind nächst 
dem seit 1423 erneuerten Dom, der schönen, mächtigen 
Marienkirche, besonders die stattlichen starken Thore.und 
Thortürme zu erwähnen, das um 1440 vollendete Üng- 
linger Thor und das 1460 — 1470 gebaute Tangermünder 
Thor. 

Gerade diese Thorc, Türme und Mauern, die teilweise 
Auch Tangermünde auszeichnen, sind neben Rat- und 



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Bicrziesc dauernd. Mauern u. Thore. Die wetthiischen Lande. 295 



Gildehäusern die sichtbaren stolzen Zeugen mittelalterlicher 
Kraft und Freiheit der deutschen Städte. Da die soge- 
nannten Rolandsbilder neben dem Ilathause als Sinnbilder 
dieser Freiheit, besonders der Gerichtsbarkeit, erseheinen, 
so verdient bemerkt zu werden, dafs nicht blols innerhalb 
der Altmark, sondern auch sonst gerade auf dem Boden der 
Provinz Sachsen jene Bilder bezw. Spuren derselben zahl- 
reicher als irgendwo sonst verbreitet sind, so zu Magde- 
burg, Kalbe a. d. Saale, Halle, Halberstadt, Quedlinburg, 
Nordhausen, vielleicht Querfurt, Erfurt, Belgern, Burg, Zie- 
sar, dann in der Altmark zu Stendal, Salzwedel, Gardelegen, 
Buch (bei Tangermünde), Bömenzien (bei Gardelegen). 
Der Harz erscheint gewissermafsen als der Mittelpunkt. 
Selbst ein Ort wie Questenberg besitzt hier die Spur eines 
Rolands. 

Die wettinisehen Herren der meifsnisch - thüringischen 
Lande hatten , wie schon erwähnt wurde , durch Erb- 
einigungen und Vermählungen mit den Hohenzollern die 
Notwendigkeit gemeinsamen Vorgehens gegen die trotzigen 
Störer des Landfriedens bekundet. In Thüringen hatte 
Landgraf Balthasar (1382 — 140fi) ritterlich gegen die vielen 
Friedensstörer, besonders auch gegen die Herren auf dem 
Eichsfelde, gekämpft und durch Vermählung mit Burggraf 
Albrechts von Nürnberg Tochter Margarete einen Teil des 
Hennebergischen erworben. Bis 1440 folgte ihm dann sein 
einziger Sohn Friedrich IV., der Friedfertige. Derselbe 
kam mit seinen Vettern, den Söhnen Friedrichs des Stren- 
gen, dadurch in Streit, dafs sein Vormund, Graf Günther 
von Schwarzburg, darauf auszugehen schien, sich das Land 
seines Mündels ganz oder teilweise zuzueignen. Als nun 
seine Neffen, die Markgrafen Friedrich der Streitbare und 
Wilhelm der Reiche, zur Sicherung ihrer Ansprüche mit 
Heeresmacht in Thüringen einrückten und Graf Günther 
einen unwürdigen Kämpen in Friedrich von Heldrungen 
fand, der mit allerlei zusammengerottetem Volk, das von 
seiner eigentümlichen Bewaffnung mit Dreschflegeln, wie wir 
bereits früher sahen, den Namen der Flegler erhielt, mor- 
dend und sengend das nördliche Thüringen und einen Teil 
des Halberstädtischen durchzog, liefs Markgraf Friedrich 
Heldrungen erobern und die gefangenen Flegler hinrichten. 
Landgraf Friedrich mufste seinen Vettern Anteil an der 
Regierung einräumen. Der wohlgesinnte Fürst vermochte 
doch den Frieden in seinem Lande nicht hinreichend zu 
schützen, da äufsere und innere Fehden, auch die Hussiten- 
not, aufserdem Mifswachs, Pest und anderes Elend herein- 



Achter Abschnitt. 



brachen. Auch die Plage des heimatlosen Volks der Zi- 
geuner — bei uns zu Lande zuerst Tartaren oder Tatern 
genannt — trat zu dieser Zeit im Jahre 1420, dann in 
Erfurt 1432 auf. Vier Jahre später nahm der Landgraf 
eine Vertreibung der Juden vor. An der Spitze seiner 
Räte stand lange Zeit Graf Botho zu Stolberg. Als er am 
4. Mai 1440 zu Weifsenfeis gestorben war, fiel Thüringen 
an seine Neffen Friedrich IL, den Friedfertigen (1428, 
f 7. September 1464) und Wilhelm HE. den Tapfern 
(1440 bis 17. September 1482). Der erstere hatte, als der 
ältere, das Herzogtum Sachsen mit der Kur voraus bekom- 
men und die übrigen Lande zunächst mit seinen Brüdern 
Siegmund, Heinrich und Wilhelm gemeinsam regiert. Hein- 
rich starb im Jahre 1435, Siegmund trat 1440 von der 
Regierung zurück, und nun kamen die wettinischen Lande 
an die beiden sehr ungleichen Brüder Friedrich und Wil- 
helm, der erstere mit Recht der Friedfertige genannt; der 
letztere, wohl der Tapfere zubenannt, gleich seinem Bruder 
ein merkwürdiger Fürst, in dessen Wesen aber böse und 
gute Eigenschaften merkwürdig gemischt waren. 

Ein verwüstender trauriger Krieg entbrannte zwischen 
beiden Brüdern, die von 1440 — 1445 gemeinsam regiert 
hatten, infolge der Teilung, als am 11. Dezember des letz- 
teren Jahres zu Halle unter Vermittelung des Erzbischofs 
von Magdeburg und des Kurfürsten von Brandenburg 
Wilhelm Thüringen und ein Teil des Osterlandes zugefallen 
war, während der ältere Bruder, aufser dem Herzogtum 
Sachsen mit der Kur Meifsen und Altenburg erhalten hatte. 
Wilhelm war nicht zufrieden und wollte auch das Herzog- 
tum Sachsen geteilt wissen. Den Anlafs zum Ausbruch des 
von 1446 — 1451 währenden, unter dem Kamen des säch- 
sischen Bruderkriegs bekannten Kampfes gab die Weigerung 
Wilhelms, auf das Verlangen seines Bruders die gewissen- 
losen ungetreuen Ratgeber, besonders die Gebrüder Vitz- 
tum, zu entlassen. Der Krieg bestand meist in einzelnen 
fehdeartigen Uberfällen, Plünderungen, Sengen und Morden, 
besonders durch 9000 Tschechen, die Wilhelm zur Hille 
herbeizog. Viele Thüringer traten auf die Seite Friedrichs, 
auch die Stadt Erfurt, Erzbischof Friedrich von Magdeburg 
und die Bischöfe von Merseburg und Naumburg. Ein er- 
wachtes Gefühl der Bruderliebe in Wilhelms Brust soll end- 
lich den Frieden herbeigeführt haben. Als nämlich die 
Heere der feindlichen Brüder sich an der Elster gegenüber- 
standen und ein Schütze dem Landgrafen anbot, seinen 
Bruder zu töten, soll dieser das mit Entrüstung von sich 



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Kurf. Friedr. IL v. Sachsen u. Landgr. Wilh. III. v. Thüringen. 297 

gewiesen, Friedrich aber, von des Bruders Gesinnung 
gerührt, sich mit diesem ausgesöhnt haben. Der Friede 
wurde dann am 27. Januar 1451 zu Naumburg ge- 
schlossen. 

Ein böser Flecken auf Landgraf Wilhelms Charakter 
bleibt seine Untreue und sein unwürdiges Betragen gegen 
seine edle Gemahlin, Kaiser Albrechts II. Tochter, der er 
einen beschränkten Unterhalt zu Eckartsberga anwies, wäh- 
rend er mit seiner sittenlosen Buhlin Katharina, Eberhards 
von Brandenstein Tochter, lebte. Nachdem die Landgräfin 
Anna gestorben war, vollzog der friedliche Bischof Johann 
von Magdeburg die Vermählung Wilhelms mit der Katharina, 
um gröfseres Ärgernis zu vermeiden. Zu erwähnen ist, dafs 
der Landgraf seinem Schwager Heinrich von Branden- 
stein am 21. April 1465 Schlofs Ranis mit Zubehör über- 
liefs. 

Um so inniger war Kurfürst Friedrichs Ehe mit Mar- 
garete, Herzog Emsts von Osterreich Tochter, die auch 
wohl an der Regierung teilnahm und z. B. 1440 die Stadt 
Wittenberg zur Aufrechthaltung des Landfriedens aufbot. 
Zu ihrem Wittum gehörten auch Eilenburg und Lieben- 
werda. 

Landgraf Wilhelm war bei seinen grofsen Schwächen im 
Sinne der damaligen Zeit kirchlich gerichtet, und im Jahre 
1461 sehen wir ihn mit einer grofsen Schaar thüringischer 
Grafen und Herren eine Wallfahrt zum heiligen Lande 
unternehmen. Auch kann dahin gerechnet werden, dafs er 
die Juden, die sich nicht bekehren wollten, aus dem Lande 
trieb. Von grofser, bisher meist zu wenig gewürdigter Be- 
deutung ist aber seine spätere Regierungszeit nicht nur 
durch manche nützliche und weise Einrichtungen und Ver- 
besserungen im einzelnen, so seine Verordnungen gegen 
Aufwand und Putzsucht, sondern durch den Ernst und 
Eifer, mit dem er als Landesfurst besonders mit Hilfe des 
frommen, eifrigen Augustinerpriors Andreas Proles die Re- 
formation der Klöster, zunächst die der Augustiner- Einsiedler, 
in seinen Landen durchführte. Kaum vermöchten wir einen 
Fürsten zu nennen, der, wenn auch ein verwandtes Streben 
bei manchen Landesherren zu jener Zeit hervortrat, mit 
solchem Eifer und Festigkeit seine Aufgabe, auch über 
die kirchliche Ordnung zu wachen und dem verderbten 
Leben und Wesen des Mönchtums jener Zeit gegenüber 
Wandel zu schaffen, erkannt und auch im Konflikt mit den 
Ordensobern und mit Rom durchgeführt hätte, als Landgraf 
Wilhelm. Indem er mit Hilfe des schon genannten Augu- 



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Achtor Abschnitt. 



stiners, der erst Mönch, dann Prior zu Himmclptbrten bei 
Wernigerode gewesen war, die Ausbildung der reformierten 
sächsischen oder deutschen Augustinerkongregation des Proles 
sehr wesentlich förderte, sollte er der Information des 
16. Jahrhunderts, wenn auch nur mittelbar, wesentlichen 
Vorschub leisten. Wie in den hohenzollernschen Landen, so 
war auch in denen des Hauses Wettin das damalige fürst- 
liche Regiment, das Kurfürst Friedrichs des Sanftmütigen 
und Landgraf Wilhelms, sehr bedeutsam für die Ent- 
wicklung des Ständewesens und der seit 1438 aufkommen- 
den Landtage. Ferner entsprach es den gleichzeitigen Be- 
strebungen in den übrigen Teilen unserer Provinz, wenn 
auch die Wettiner den Einflufs auswärtiger Gerichte zu be- 
seitigen suchten. Als am 7. September 1464 Kurfürst 
Friedrich gestorben war, regierten zuerst dessen Söhne Ernst 
und Albrecht gemeinschaftlich und einträchtig, sogar in 
einem und demselben Schlosse, während später eine Teilung 
eintrat, wobei denn Albrecht entweder in Dresden oder in 
Torgau residierte. Im Jahre 1481 wurde erst ein Versuch 
gemacht, unter Überlassung der Regierung an Ernst, dessen 
Bruder Albrecht mit einem Jahrgelde von 11000 Gulden 
und der Überweisung verschiedener Schlösser und Städte, 
darunter Torgau, Schiida, Dommitzsch, abzufinden. Als im 
nächsten Jahre Landgraf Wilhelm gestorben war, folgten 
die Brüder zunächst in des Oheims ungeteilten Landen, 
nötigten Erfurt, das sich 1440 dem Schutze der Wettiner 
unterworfen hatte, am 3. Februar 1483, dieselben als rechte 
Erb- und Schirmherren anzuerkennen und ein jährliches 
Schutzgeld von 1500 Gulden zu zahlen. Emsts Sohn Al- 
brecht war damals auch vom Erzbischof Diether von Mainz 
zum Statthalter auf dem Eichsfelde bestellt, und da von 
1482 — 1484 Emsts zweiter Sohn Herzog Albrecht Erz- 
bischof von Mainz war, der nächste, Emst, seit 1476 und 
1479 den erzbischöflichen und bischöflichen Stuhl zu Magde- 
burg und Halberstadt endlich Sachsen auch die Vogtei zu 
Quedlinburg inne hatte, so war zeitweise der weitaus grölste 
Teil der Gebiete unserer späteren Provinz der Machtsphäre 
des Hauses Wettin unterworfen, der sich auch die Bistümer 
Merseburg und Naumburg-Zeitz und die thüringischen Graf- 
schaften nicht entziehen konnten. 

Eine nicht unwesentliche Schwächung erlitt aber diese 
so ansehnliche Hausmacht bald durch die förmliche Landes- 
teilung, welche am 26. August 1486 nach Sachsenrecht 
zwischen den Brüdern Ernst und Albrecht zustande kam. 
Der Kurfürst, als der ältere Bruder, machte die Teilung, 



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Die WcttinerKurf. Ernst u. sein Br. Albrecht. Teilung 146«). 299 



Albrecht wählte und zwar, gegen Emsts Wunsch, Meilsen, 
während nun jener, aufscr dem Herzogtum {Sachsen mit der 
Kur, Thüringen bekam. Diese Teilung in eine ernestinische 
und albertinische Linie des Hauses Sachsen - Wettin dauert, 
wenn auch in veränderter Gestalt, noch heute fort. Zum 
Meifsner Teile, der ziemlich weit in den südöstlichen Teil 
des heutigen Regierungsbezirks Merseburg eingriff, auch 
Weifsenfeis einschloß», wurde noch das Stift Merseburg und 
die Vogtei über Quedlinburg gelegt, während Naumburg - 
Zeitz dem thüringischen Anteile zugewiesen wurde. Die 
schriftsässigen Grafen und Herren unseres Thüringer- 
landes kamen auch meist zu Meifsen , so die Grafen zu 
Stolberg mit ihrem südharzischen Gebiet, die Grafen zu 
Honstein, Beichlingen, Mansfeld -Heldrungen, Arnstein, Quer- 
furt, während z. B. die Grafen von Gleichen an Thüringen 
gewiesen wurden. Zu den gemeinschaftlich bleibenden 
Stücken gehörten die Bergwerke, Anwartschaften, die Schutz- 
gelder der Städte Erfurt, Mühlhausen, Nordhausen und die 
Einteilung des sächsischen Anteils an Treffurt und der 
zum gleichnamigen Amte gehörigen Vogtei Dorla bei Mühl- 
hausen — die beiden letzteren innerhalb des hessischen 
Stammgebiets, das nur hier in unsere Provinz hineinreicht. 
Treffurt war seit der Verdrängung des im Kaubwesen unter- 
gehenden Geschlechts der Herren von Treffurt ums Jahr 1533 
eine zuerst zwischen Mainz und dem Landgraftum Thüringen 
geteilte sogenannte Ganerbschaft mit gemeinschaftlichen Amts- 
unterthanen , aber geteilten Hoheits - und Patronatsrechteu ; 
1572 kam, um dies vorwegzunehmen, der sächsische Anteil 
an die ernestinische Linie, bis später, 1648, die Hälfte 
davon wieder an Hessen kam, so dafs es nun sogar dre. 
Oberherren gab. 

Zu einer Quelle späteren Streites wurde es, dafs weder 
bei der ersten Teilung noch bei dem Schied zu Naumburg 
am 25. Juni 1486 über die Pfalz Sachsen, die Burggraf- 
sebaft Sachsen nebst dem Gräfengeding zu Halle vorläufig 
eine Bestimmung getroffen war. Der ältere Bruder über- 
lebte die Teilung nicht lange, da ihm schon am 26. August 
1486 ein Sturz mit dem Pferde den Tod brachte. Von 
seinen Söhnen folgten ihm der erste und vierte, Friedrich, 
der Weise zubenannt, bis 1525, und Johann der Beständige, 
bis 1532, in einem einmütigen gemeinschaftlichen Regiment, 
doch hatte der ältere die Kur bis zu seinem am 5. Mai 
1525 erfolgten Tode inne. Abgesehen von der Thätigkcit, 
die Kurfürst Friedrich für das Reich, wo er mit Erzbisehof 
Berthold von Mainz zugunsten der Reichsturstensteliuug 



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m 



Achter Abschnitt. 



der Übermacht des Kaisertums entgegenzuwirken suchte und 
nach Kaiser Maximilians Tode die Reichsverweserschaft 
führte, wirkte er im gröfsten Segen für seine Unterthanen. 
Als frommer Fürst im Geiste seiner Zeit und Kirche, unter- 
nahm er nicht nur 1493 eine durch die Zahl und die Per- 
sönlichkeiten der Teilnehmer ausgezeichnete Palästinafahrt, 
sondern suchte auch die unter ihm zu weltgeschichtlicher 
Berühmtheit gelangende Residenz Wittenberg mit geistlichen 
Stiftungen zu zieren. Für das dortige Allerheiligenstift 
brachte er einen Schatz von nicht weniger als 5000 „Heil- 
tümern " oder Heiligenpartikelchen zusammen und baute das 
dortige Augustinerkloster; und wenn er dem Unfug des 
päpstlichen Ablasses entgegentrat, so geschah das nicht aus 
tieferer religiöser Erkenntnis, sondern weil er sich eine so 
schnöde Schätzung seiner Unterthanen nicht gefallen lassen 
wollte. Auch hier behauptete er entschieden seine landes- 
fürstliche Stellung und Gerechtsame, ein Bestreben, das bald 
von weittragender weltgeschichtlicher Bedeutung werden 
sollte. 

Ein mit solchem Streben gepaarter Beweis seines kirch- 
lich-wissenschaftlichen Sinnes war die im Jahre 1502 mit 
Beirat Erzbischof Emsts von Magdeburg, seines Bruders, 
erfolgte Stiftung der Universität Wittenberg. Diese zweite 
auf dem Boden unserer Provinz begründete Hochschule der 
Wissenschaft wurde besonders mit Hilfe von Gliedern der 
reformierten sächsisch- thüringischen oder deutschen Augu- 
stinereinsiedler-Kongregation des Andreas Proles der erste 
Sitz der Gottesgelahrtheit und einer tieferen Bibelforschung. 
Ihre Entstehung und ihr Emporblühen war auch um des- 
willen für das Land um so erwünschter, als Erfurt bald 
infolge städtischer Umwälzungen und Unruhen auf längere 
Zeit sehr geschädigt wurde. 

Der von der weiteren Thätigkeit Friedrichs und der 
seines Bruders im nächsten Abschnitte zu berichten ist, so 
haben wir noch des Stifters der jüngeren sächsisch -wetti- 
nischen Linie zu gedenken. Herzog Albrecht, der durch 
seine Kühnheit und tapfern Mut den Beinamen des Be- 
herzten sich erworben hat, fand den Schauplatz seiner Thaten 
nicht weniger in den meifsnisch-thüringischen Gegenden, wo 
er auch an dem Rektor Mich. Bohemus zu Torgau 1586 
seinen Lebensbeschreiber erhielt, als an den fernsten West-, 
Nordwest- und Nordostenden des Reichs, wo er, wie der 
ihm teilweise geistverwandte Hohenzoller Albrecht Achilles, 
als des Kaisers rechte Hand, die Reichsinteressen in Ungarn, 
den Niederlanden und Friesland kräftigst wahrnahm. Zu 



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Kurf. Friedrich, Univ. Wittenberg, Erzst. Magdeburg. 301 



allerlei Spiel und ritterlicher Kurzweil geneigt, verfelilte er 
doch nicht, 1476 seine Wallfahrt ins gelobte Land zu thun 
und ernsteren Herrscherpflichten obzuliegen, wie er denn mit 
seinem Bruder Ernst 1482 eine Landesordnung erliefs und 
ein Oberhofgericht einrichtete. Auch umgab der kriegerische 
Herr sich mit einer stehenden Mannschaft von Reisigen und 
Fufsknechten. Mit Weisheit setzte er durch letztwillige 
Verfugung die Unteilbarkeit der albertinischen Linie fest, 
so dals Georg, der ältere Sohn, ihm in Meifsen und dem, 
was dazu gehörte, der zweite, Heinrich, in Friesland folgen 
sollte, das Herzog Albrecht erworben hatte. Nach Heinrich 
erhielt jedoch 1505 — 1515 Georg Friesland, ohne es be- 
haupten zu können. Zu frühe starb der tüchtige und edle, 
von den Friesen geehrte und geliebte Graf Heinrich zu 
Stolberg- Wernigerode, der Vertreter des Herzegs, schon im 
Jahre 1508. 

Während so in den weltlichen Fürstentümern im Norden 
und Süden friedliche mit kriegerischen Herren wechselten, 
erfreute sich das mitteninne gelegene Erzstift Magdeburg 
mehr als zwei Menschenalter hindurch rechter Friedens- 
fürsten und ausgezeichneter Regenten. Erzbischof Friedrich 
(1445 — 1464), vom Stamm der Grafen von Beichlingen, 
wurde, obwohl Nichtgeistlicher, einstimmig vom Domkapitel 
gewählt, und ob er gleich einen weltfbrmigen glänzenden 
Hofhalt führte und nach der damaligen Sitte hoher und 
niedriger Adeligen keine wissenschaftliche Bildung besafs, 
so schämte er sich doch nicht, beim Domherrn Heinrich 
Tocke, nicht ohne Erfolg, noch bei vorgerückten Lebens- 
jahren Unterricht zu nehmen. Die geistlichen Amtsver- 
richtungen seiner Würde versah er selbst und verschmähte 
es, gleich seinen Vorgängern sich für seine A m tsp mc ^* en 
einen Vertreter zu halten. Während damals sonst das 
römische Recht mehr Eingang gewann, gab Erzbischof 
Friedrich am 29. August 1445 die Zusicherung, dafs in 
Magdeburg nur der Sachsenspiegel und sächsisches Recht 
gelten solle. Die von seinem Vorgänger begangene Refor- 
mation der Klöster setzte er mit grofser Festigkeit und Er- 
folg fort, hierin von Heinrich Tocke, Zolter, besonders auch 
von dem bekannten Propst Johann Busch zu Sülte, nach- 
her Propst zu Neuwerk bei Halle , fördersamst unterstützt. 
Das berühmte Prämonstratenserstift zu Unser Lieben Frauen 
in Magdeburg wurde neu besetzt und aus allgemeinem Ver- 



Franziskaner gelang erst 1461. 

Gegen den greulichen Unfug zu Wilsnack setzte er den 



lalle wieder 




Die Reformation der trotzigen 



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302 



Achter Abschnitt 



unter seinem Vorgänger begonnenen Kampf unerschrocken 
fort und liefs sich nicht abschrecken, als um schnöden Ge- 
winnes willen der Bischof von Havelberg, der am Kur- 
fürsten Friedrich II. von Brandenburg einen Rückhalt fand, 
dafür eintrat und der Papst, trotzdem ein Nikolaus von 
Kues auf die Seite der Wahrheit trat, erst halbe Mafs- 
regeln ergriff, dann dem Aberglauben entselüeden Vorschub 
leistete. 

In den Kämpfen der benachbarten Fürsten suchte Erz- 
bischof Friedrich möglichst zu vermitteln, wenn er sich auch 
zeitweilig veranlafst sah, gegen den unruhigen Landgrafen 
Wilhelm von Thüringen und dessen schlechte Räte zu 
ziehen. Die Stadt Halle half ihm im Jahre 1446 Kurfürst 
Friedrich von Sachsen, der hier seine gerichtlichen Rechte 
als Burggraf von Magdeburg zur Geltung brachte, zur 
Huldigung zu bringen. Er schlofs dann mit dem Kurfürsten 
ein Bündnis wider die Strafsenräuber , wie er im nächsten 
Jahre ein ähnliches mit den Bischöfen von Halberstadt, 
Hildesheim und anderen sächsischen Städten abschlofs. Durch 
die sächsischen Ansprüche bedrängt, suchten die Grafen von 
Mansfeld beim Erzbischof Schutz und trugen ihm 1446 
Schlofs und Grafschaft Mansfeld zu Lehen auf. Merkwürdig 
ist, dafs Friedrich im Jahre 1448 der Stadt Magdeburg 
grofse Vergünstigungen inbetreff der Erhebung der Bierziese 
zu ihrem Besten gewährte, während die weltlichen Fürsten 
diese bereits zur Deckung der Landesschulden sich bewilligen 
Helsen. 

In überaus klarer Erkenntnis für das wahre Beste des 
Landes geschah es, dafs im Jahre 1449 der Erzbischof den 
Kurfürsten Friedrich von Brandenburg veranlafste, gegen- 
seitige Ansprüche zwischen der Mark und dem Erzstifte 
friedlich und endgültig zu schlichten. Der erstere verzichtete 
nämlich auf sämtliche aus der markgräflichen Lehensauf- 
tragung im Jahre 1196 hergeleiteten Ansprüche des Erz- 
stifts auf die Altmark und einen Teil der Mittelmark, die 
jahrhundertelang den Anstofs zu so viel „Zweifertigkeit 
und Teidingen" gegeben hatten. Seinerseits traten aber 
auch die Markgrafen alle ihre Rechte und Ansprüche auf 
Wolmirstädt, Möckern, Jerichow, Sandow, Milow, Buckau, 
Alvensleben, Angern, Altenhausen, Altenplathow mit der 
Lehenshoheit über Rogätz an Magdeburg ab. Derselbe Ver- 
gleich zu Zinna, der nach langen Verhandlungen diese An- 
gelegenheiten ordnete, gab aber auch die 1381 von Magde- 
burg erstrittene Lehenshoheit über die Grafschaft Wernige- 
rode wieder an Brandenburg zurück. 



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Erzb. Friedr. von Magdeburg. Graten zu Stolberg. 308 



In dieser Harzgrafachaft war aber mittlerweile das Ge- 
schlecht jenes Konrad, der 12G8 sein Land den Markgrafen 
zu Brandenburg zu Lehen aufgetragen hatte, am 3. Juni 
1429 mit dem Grafen Heinrich erloschen und das an den Süd- 
gehängen des Harzes altangesessene stolbergische Geschlecht 
infolge einer Erbverbrüderung gefolgt. Nach manchen Be- 
deutungen zu schlielsen, waren die Stoiberger Grafen durch 
Erbteilung von dem noch lange in Gemeinsamkeit des Be- 
sitzes oder naher Nachbarschalt gesessenen Geschlechte der 
Grafen von Honstein von einem zu Anfang des 13. Jahr- 
hunderts bereits verstorbenen Grafen Friedrich hervorge- 
gangen. Sie waren in der Gegend von Artern, Vockstädt 
(ungut Voigtstädt geschrieben), Kölleda, dann aber auch 
mitten vor dem Südharz gesessen, von wo ihr Name einem 
um den Anfang des 13. Jahrhunderts erbauten Schlosse in 
den Harzbergen entlehnt war. Als Vorsitzende des lant- 
diue sehen wir sie ihr Grafenamt im alten Helm- und 
Nabclgau z. B. zu den Aspen bei Vockstädt, Bildungen, 
Ichstädt, Rothenburg verwalten. Schon in ihren ältesten be- 
kannten, Heinrich und Friedrich benannten Gliedern zur 
Zeit der Landgrafen Hermann und Ludwig von Thüringen 
angesehen, verbreiteten sie ihren Besitz zunächst am Süd- 
und Ostharz mit dem anhaltischen Lehen Heinrichsburg, 
der halberstädtischen Erichsburg 1320, dem Amt Wolfsburg 
1323 und den erbeigenen Besitzungen und Lehen von Ebers- 
burg, Reveningen (O.-Röblingen a. d. Helme), Rolsla 1341 
(von f Ionstein). Zwar sahen sich die Grafen veranlafst, 
teilweise nicht ohne Nötigung, ihre Grafschaft und Teile 
derselben teils vor. Mainz, teils von Thüringen- Sachsen (1392) 
zu Lehen aufzutragen: dagegen gelang es dem Grafen 
Botho (1412 — 1455), dessen wir schon als landgräflich- 
thüringischen Rates gedachten , den Besitz des Hauses be- 
deutend zu vermehren, seit 1413 mit dem halben Amte 
Kelbra, 1417 in ähnlicher Weise mit Heringen, dann halb 
durch Kauf, halb durch Erbschaft mit dem Stammlande 
der Grafen von Honstein. Die wichtigste Erwerbung war 
nun aber im Jahre 1429 die Grafschaft Wernigerode, 
wo allerdings schon am Martinsabend 1417 Graf Botho 
die Eventualhiüdigung entgegengenommen hatte. Ein paar 
Jahre später folgte noch das Amt Questenberg, während 
späterer Zuwachs meist nicht dauernd im Besitze des 
Hauses blieb. 

Hatte Erzbischof Friedrich unter Darangabe heftig an- 
gefochtener Ansprüche bestimmte Erwerbungen gemacht 
und ein freundliches Verhältnis zu seinen mächtigen Nach- 



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304 



Achter Abschnitt. 



barn hergestellt, so konnte er sich nun um so freier seinen 
sonstigen Aufgaben widmen. 

Das Jahr dieses Zinnaschen Vertrages fühlte übrigens, 
wie in anderen diesseitigen Gegenden, so auch im magde- 
burgischen wieder die Geifsel der Pest. Ein Drittel der 
Lebenden soll diesmal der furchtbaren Seuche erlegen sein, 
die infolge des Jubeljahr -Ablasses für Rom desto einträg- 
licher wurde. 

Vom Erzbischof über Halle nach Magdeburg geleitet, 
zog am ersten Pfingsttage 1451 der berühmte, tüchtige Kar- 
dinal Nikolaus von Kues (Cusanus) überaus feierlich in die 
geistliche Elbhauptstadt ein. Er kam der Kreuzpredigt gegen 
die Türken, insbesondere auch der Klosterreformation wegen 
und hielt dieserhalb im hohen Chor des Domes eine Pro- 
vinzialsynode. Der vielen Gebannten und Geächteten in 
seinem Gefolge wegen kam er mit. dem Rat zu Magde- 
burg in Konflikt, der durch eine Übereinkunft beglichen 
wurde. 

Von Magdeburg reiste der Kardinal nach Halberstadt, 
dann weiter nach Westdeutschland. Wie der Kusaner auf 
dem Neumarkt zu Magdeburg vor dem Volk gepredigt 
hatte, so that es zwei Jahre später der redebegabte Franzis- 
kanermönch Johann Capistran, der, zunächst als Hussiten- 
bekehrer ausgezogen, besonders gegen weltliche Lustbar- 
keit, Kieidertracht, Würfel, Glücksspiele, Haarzöpfe, Schnür- 
leiber, falsche Zöpfe der Frauen und anderes mehr unter 
ungeheurem Zulauf predigte, obwohl seine dem Volk 
unverständlichen Reden erst ins Deutsche übersetzt werden 
mufsten. Er war vorher in Erfurt, Naumburg, Merseburg 
und Halle gewesen und zog von Magdeburg über Witten- 
berg nach der Lausitz. Des Kusaners und des Bar- 
fufsers Wirken war für den Augenblick erfolgreich, hielt 
aber nicht lange vor, weil zumal der letztere das Übel 
nicht bei der Wurzel angriff. Ein Zeichen der Zeit war 
1456 die Betrügerei eines Ablafspredigers Marianus, der 
den Ablafs ohne päpstlichen Auftrag um Geld zu er- 
schwindeln benutzte. 

Auch sein weltliches Gerichts- und Regentenamt vergafs 
der Erzbischof nicht; 1445 veröffentlichte er gemeinsam mit 
Landgraf Wilhelm von Thüringen eine Gesinde-, Zins-, 
Markt- und Gerichtsordnuug ; 1451, und später abermals, 
führte er zu Magdeburg als Burggraf den Vorsitz im 
Schöffengericht und bestätigte sechs neue Schöffen; 1454 
kam er durch den Volksaufwiegler Henning Strobart in 
Halle, der sich an den Kurfürsten von Sachsen gewendet 



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Erzbischöfe Friedrich u. Johann von Magdeburg. 



305 



hatte, beinahe mit letzterem in Streit, doch wurde die Sache 
durch Landgraf Wilhelm beigelegt. 

Notgedrungen griff im Jahre 1455 der Erzbischof gegen 
Herzog Friedrich von Lüneburg zu den Waffen, weil dieser 
als Lehensherr n ; 3ht Genugthuung für die Räubereien ver- 
mitteln wollte, welche von dem Inhaber des Schlosses Klötze 
in der Altmark verübt wurden. Um Blutvergiefsen zu 
vermeiden, kehrte er noch um, als er mit hinreichender 
Mannschaft schon im Begriff stand, das Raubnest zu nehmen. 
Auf diese Weise dauerte freilich das Unwesen nur um so 
länger, bis es unter der Obmannschaft des Kurfürsten von 
Brandenburg am 12. November 1458 zu einem allgemeinen 
Vergleiche kam. Friedrich, der mehrere fürstliche Trauungen 
vollzog und überall gern zur Hand war, wo es galt, einen 
Friedensbund zu besiegeln, segnete im Jahre 1459 auch zu 
Eger eine Doppelehe zwischen Herzog Albrecht von Sachsen 
und einer Tochter des hussitischen Böhmenkönigs Georg 
Podiebrad, sowie zwischen einem Sohne des letzteren und 
einer Tochter Landgraf Wilhelms ein. Ein Zeichen be- 
sonderen Vertrauens war im Jahre 1460 die Lehensauf- 
tragung ihrer Länder seitens der Fürsten von Anhalt an 
ihn. Nachdem noch im Jahre 1463 ein durch pöbelhaftes 
Benehmen einiger Krämer wegen der Stände auf der Messe 
ausgebrochener Streit durch Vermittelung Landgraf Wil- 
helms war beglichen worden, starb der treffliche, friedsame, 
aber thatenreiche Erzbischof in Kalbe zu Martini 1464. 

Obwohl es nicht leicht war, nach einem so ausgezeich- 
neten Herrn sich die Liebe der ihm Anbefohlenen zu er- 
werben, so gelang es doch seinem Nachfolger Johann von 
Bayern, Pfalzgrafen bei Rhein, Enkel König Ruprechts, auf 
den alle Stimmen des Domkapitels fielen, vollkommen. 
Trotz seiner Friedensliebe war er genötigt, gegen die Raub- 
burgen zu ziehen, besonders im Jerichowschen : Altenplathow, 
Sandow, Nigrip, Buckow, Milow, Krüssow, aber auch west- 
lich der Elbe gegen Harbke. Die Bürger bezeugten dem 
Erzbischof für die Wiederherstellung der öffentlichen Sicher- 
heit ihre Dankbarkeit. Die Städte Magdeburg, Halle, 
Halberstadt und andere waren damals der Hanse wegen 
mit den Herzögen von Braunschweig -Lüneburg in einen 
schweren Krieg verwickelt, bis endlich Erzbischof Johann 
und Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg zu Quedlin- 
burg am 15. August 1467 einen Vergleich zustande brachten. 
Mit Freuden verkündigte fünf Jahre später der Erzbischof 
die Beschlüsse des Reichstags zu Regensburg, wo endlich 
das Reich durch ernstliche Mittel dem sogenannten Faust- 
jacobs, Gesch. d. Fror. Sachsen. 20 



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306 



Achter Abschnitt. 



recht ein Ende zu machen suchte, indem die streitenden 
Parteien angewiesen wurden, sich an das kaiserliche Hof- 
oder Kammergericht zu wenden. Die gröfseren Fürstentümer 
fühlten sich mittlerweile stark genug, dem Unwesen mit ihren 
eigenen Hilfsmitteln zu steuern. Das letzte Werk des Erz- 
bischofs war die Schlichtung von Streitigkeiten zwischen 
Rat und PtUnnerschaft zu Halle, worauf er am Lucien- 
tage 1475 auf dem Giebichenstein im Frieden dahin- 
schied. 

Wie schon Johann dem hohen Fürstenstande angehörte, 
so nahmen seit ihm nur Personen dieses Standes jene mehr 
und mehr auf die Bedeutung eines weltlichen Fürstentums 
sich beschränkende Stellung ein, und zwar so, dafs be- 
sonders die benachbarten Häuser Hohenzollern und Wettin 
ihre jüngeren Söhne in diese Stelle zu bringen suchten. 
Zunächst hat das letztere den Erfolg, den im 12. Lebens- 
jahre stehenden Bruder des Kurfürsten und des Herzogs 
zu Sachsen, Herzog Ernst, mit päpstlicher Genehmigung 
zum Administrator erhoben zu sehen. Nachdem er, wie wir 
sehen werden, drei Jahre später als Verweser des Bis- 
tums Halberstadt bestellt war, erhielt er erst am 22. No- 
vember 1489 nach erreichter Volljährigkeit die erzbischöf- 
liche Weihe. 

Da die Stadt Halle, welche unentgeltliche Belehnung for- 
derte, mit der Huldigung Schwierigkeiten machte, so wurde 
dies bald der Anlafs, die erzbischöfliche Gewalt weiter aus- 
zudehnen und den Freiheiten der Stadt ein Ende zu bereiten. 
Der junge Erzbistumsverweser war nämlich in den Jahren 
seiner Unmündigkeit durchaus abhängig von seinem kur- 
fürstlichen Vater und seinen Brüdern, die nach einem klar 
ersichtlichen Plane, getragen von den Bestrebungen ihrer 
Zeit, darauf ausgingen, die Grundlagen des geistlich- welt- 
lichen Fürstentums, und zugleich die des Hauses Wettin, 
auf Kosten der Städtefreiheit auszudehnen, wie schon vor- 
her die in der gesetzlosen Zeit emporgeschossene Gewalt 
des Adels durch die Unterdrückung von Raub, Fehde und 
Kolbenrecht ebenfalls zugunsten des Fürstentums ge- 
brochen war. 

Die Gelegenheit, in Halle einzugreifen, bot ein Aufstand 
der niederen Volkspartei im September 1478 gegen die vor- 
nehmen Geschlechter der Pfanner, die Besitzer der Thal- 
oder Salzgüter, unter dem Obmeister der Schusterinnung 
Jakob Weifsagk. Die erzbischöfliche Regierung lieh diesem 
fanatischen Volksfiihrer ihren Arm und die Thalherren 
mufsten nach längeren Verhandlungen ein Viertel ihrer 



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Ensb. Ernst v. Magdeburg. Grafen von Honstein. 307 



Thalgüter und ein Fünftel ihres übrigen Vermögens an den 
Erzbischof abtreten und 500 Gulden zu Seelmessen für den 
im Aufstand umgekommenen . Kämmerer Schiltpach zahlen. 
Einige Pfänner wurden ihrer Ämter entsetzt, andere mufsten 
aus der Stadt weichen. Im nächsten Jahre wurde eine neue 
Ordnung des Stadtregiments veröffentlicht, worin die bis- 
herigen Freiheiten stark verkürzt waren; im Jahre 1482 
folgte dann eine neue Willkür oder Gerichts- und eine neue 
Thal-Ordnung. Zum Zeichen und zum Mittel der Be- 
herrschung der Stadt durch ihren geistlichen Fürsten 
wurde im Jahre 1484 der Bau der Moritzburg begonnen, 
die freilich erst 1503 vollendet wurde. Bischof Johann von 
Meilsen, der bei der Bewältigung der Stadt besonders ge- 
raten hatte, wurde mit hallischen Salzgütern belohnt. 

Bevor wir zeigen, wie durch dieselbe Macht fast gleich- 
zeitig die Städte Quedlinburg und Halberstadt gedemütigt 
wurden, müssen wir ein wenig bei der Halberstädter Bis- 
tum sgeschichte zurückgreifen. Im Jahre 1436 war auf Jo- 
hann von Hoym Burchard III. aus dem Geschlecht der 
Edeln von Warberg als Bischof gefolgt. Gleich in die ersten 
Jahre dieses Bischof« Helen die verheerenden Plünderungs- 
ziige des unruhigen Grafen Heinrich von Honstein ins 
Halberstädtische und Magdeburgische. Das Geschlecht dieses 
Grafen entsprofste im Mannsstamm von den Graten von 
Ilburg oder Ilfeld, welche im 12. Jahrhundert ihren Namen 
von der bekannten Burg Honstein am Südharz an- 
nahmen. 

Die Glieder und die Besitzungen dieses Grafenhauses 
breiteten sich in der goldenen Aue an der Helme und Un- 
strut aus, wo sie auch die gräfliche Gerichtsbarkeit aus- 
übten. Ein ansehnliches Stück ihrer Güter fiel 1356 infolge 
eines Erbvertrags an Schwarzburg. Im 13. bis 14. Jahr- 
hundert erwarben sie teils vorübergehend, teils dauernd 
Klettenberg, wozu auch Ben neckenstein gehörte, Lohra, 
Vockstädt, Worbis. Im Jahre 1312 erfolgte eine Erb- und 
Todteilung, eine weitere 1373. Ein Graf Heinrich VII. er- 
hielt als seinen Anteil die Gratschaft Klettenberg und Lohra, 
halb Benneckenstein, und die Vogtei über Walkenried und 
die Jungfrauenklöster Münchenlohra und Dietenborn, sowie 
die Reichsvogtei über Nordhausen. Diese Linie, deren Ge- 
biet hauptsächlich den heutigen Kreis Nordhausen bildet, 
erlosch 1593. Graf Dietrichs V. Söhne erhielten, als Gründer 
der Linie Honstein -Heringen Kelbra, das Stammland Hon- 
stein (welfisches Lehen) und die Herrschaften Heringen, 
Kelbra, Vockstädt (1390 veräufsert), sowie halb Bennecken- 

20* 



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808 



Achter Abschnitt. 



stein. Diese letztere Linie teilte sieb nochmals. Ein Sprofs 
derselben war es nun, gegen dessen Plünderungszüge im 
Jahre 1437 Bischof Burchard von Halberstadt sich mit Erz- 
bischof Günther von Magdeburg, dem Herzoge von Braun- 
schweig und den Städten Aschersleben und Quedlinburg 
verbündete und von den Grafen zu Stolberg und Honstein 
freien Durchzug durch ihr Land erbat. Da aber die unter 
des Bischofs Führung verbundenen Mannschaften zur goldenen 
Aue vordrangen und sich viele Gewalttätigkeiten erlaubten, 
so verbanden sich Graf Botho zu Stolberg und Graf Hein- 
rich zu Schwarzburg, die seit 1433 mit den Honsteinern 
erbverbrüdert waren, mit Graf Heinrich, überfielen die 
durch einen Hohlweg — seitdem der Totenweg genannt — 
bei Rottleberode beutebeladen zurückziehenden Scharen 
und brachten ihnen eine schwere Niederlage bei, und es wurde 
eine grofse Zahl Gefangener gemacht. Bischof Burchard, 
der sich tapfer wehrte, entging selbst kaum der Gefangen- 
schaft. Abgesehen von dem bedeutenden Menschenverlust, 
hatten die Verbündeten, besonders die Halberstädter, eine 
hohe Auslösungssumme zu zahlen. Im Jahre 1439 kam es 
unter Vermittelung von Sachsen, den Fürsten zu Anhalt und 
den Grafen von Mansfeld zu einem Landfriedensbündnis 
und Aussöhnung. 

Eine merkwürdige wirtschaftliche Unternehmung war es, 
dafs der Bischof von Halberstadt und die Stadt Aschers- 
lebcn 1446 das Wasser der Selke in die bruchige Gegend 
zwischen letzterer Stadt und Gatersleben leiteten. Dadurch 
entstand der bis ins vorige Jahrhundert bestehende, ungemein 
fischreiche gaterslebischo See, dessen Anlage freilich nicht 
die zuerst ins Auge gefafsten Grenzen innehielt und zu 
einem langen Rechtsstreit mit dem Stift Quedlinburg Ver- 
anlassung gab. Wir gedenken hier auch einer im Jahre 
1465 erwähnten ähnlichen Anlage im Gebiet der Grafen zu 
Stolberg- Wernigerode, durch welches das Wasser der Bode 
durch den Wormkegraben herab in den Zilligerbach und 
weiter in die Holtemme geleitet wurde. 

Wenn man dem Bischof Burchard Mangel an Kraft und 
Eifer vorgeworfen hat, so war Gebhard von Hoym, der ihm 
im Jahre 1458 folgte, der schweren weltlichen Herrscher- 
aufgabe in der unruhigen fehdereichen Zeit noch weniger 
gewachsen. Besonders war ihm aber auch das ungemein 
selbständige Domkapitel schwierig, das im Besitze der Vogtei 
und Gerichtsbarkeit seitens der Stadt eine Verkürzung der 
stiftischen Hoheitsrechte erblickte. Der Streit war nahezu 
bereits zum Nachteil der Stadt entschieden, als diese beim 



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B. Burchard III. u. Administrator Ernst v. Halberstadt. 309 



Neubau der Stadtmauern dem Domkapitel zu Klagen An- 
lai's gab, besonders aber, als ein auf der Mauer lust- 
wandelnder achtbarer Priester vom Pöbel in die Holtemme 
gestürzt wurde und ums Leben kam; doch wurde noch 
einmal 1469 durch den Dompropst zu Hildesheim und 
den Bürgermeister von Braunschweig ein Friede ver- 
mittelt. 

Vor der Entscheidung in Halberstadt sollte aber ein 
Streit wegen der Vogtei über Quedlinburg für diese Stadt 
und den Bischof verhängnisvoll werden. Jene dem Rat zu 
Quedlinburg verpfändete Vogtei wurde von der Äbtissin 
Hedwig, Schwester des Administrators Ernst von Magde- 
burg, den Brüdern Emst und Albrecht von Sachsen, wahr- 
scheinlich auf deren Veranlassung, abgetreten. Da die Stadt 
sich dem widersetzte, so zogen die Herzöge mit genügender 
Mannschaft unter dem Edeln von Querfurt herbei, nahmen 
erst Aschersleben, dann Quedlinburg, wo sie die städtischen 
Freiheiten nach ihrem und der Äbtissin Wunsch kürzten, 
den Roland zerschlagen und die nicht gefügigen Ratsmit- 
glieder enthaupten liefsen. Bischof Gebhard, der unthätig 
bei Ditfurt gestanden hatte, wurde gezwungen, auf die 
Vogtei über Quedlinburg zu verzichten und sie an die 
Äbtissin, oder vielmehr an die Herzöge zu Sachsen ab- 
zutreten und letzteren überdies ziemlich ansehnliche Kriegs- 
kosten zu zahlen. 

Durch solche Zugeständnisse wurde der Bischof unmög- 
lich, was gerade nach dem Sinn der sächsischen Herzöge 
war, die es nun leicht hatten, in einer Wahlkapitulation mit 
dem Domkapitel vom Sonnabend nach Epiphanien 1479 
ihren Bruder Ernst, Erzbischof zu Magdeburg, auf den 
Bischofstuhl zu Halberstadt zu bringen, wobei sie denn die 
als Kriegsentschädigung geforderte Summe dem Stift er- 
liefsen. Burchard wurde mit einem Jahrgehalt von 500 
Gulden lind mit der Burg Wegeleben abgefunden, wo er 
1484 starb. Kurfürst Ernst, der der eigentliche Urheber 
dieser Veränderung war, erwirkte ohne grofse Mühe in Rom 
die Vereinigung des Erz- und Bistums in einer Hand, 
wufste auch mit den Waffen seinem Sohne Gehorsam zu 
verschaffen. Es liefs sich auch bald eine Gelegenheit finden, 
die Freiheiten der Stadt Halberstadt zu kürzen. Als der 
Rat den Nachlafs des von der „Schicht" her bekannten, 
erbelos verstorbenen Kämmerers Alsleben eingezogen hatte, 
wurde dies als Anlafs benutzt, der Stadt entgegenzutreten. 
Da diese im Domkapitel ihren heftigen Gegner erkannte, 
so suchte sie dasselbe durch ein silbernes S. Martinsbild zu 



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810 



Achter Abschritt. 



gewinnen. Aber das Geschenk wurde zurückgewiesen und 
am 1. August 1486 war Halberstadt, das sich verteidigte, 
vom Kurfürsten Ernst von Sachsen bezwungen. Der edle 
Domdechant Johann von Querfurt blieb fest auf der Seite 
der Stadt. Es kam zu einem Vertrag, in welchem die Stadt 
versprach, 10000 Gulden zu zahlen und 500 Mann Be- 
satzung einzunehmen, wogegen die Privilegien bestätigt 
werden sollten. Als der Bischof Herr der Stadt war, wurden 
aber diese Bedingungen nicht gehalten. Der Bischof nahm 
Vogtei und Stadtgericht zurück, liefs sich die Schlüssel von 
zwei Thoren ausliefern und behielt sich vor, die Gerichts- 
ordnung nach Belieben zu ändern. Die Stadt nahm nicht 
blofs an Rechten, sondern auch am Wohlstand erheblichen 
Schaden. 

So waren denn die einzigen politisch selbständigen und 
ansehnlichen geistlichen Fürstentümer innerhalb der späteren 
Provinz Sachsen unter einem Regiment vereinigt, um es auf 
längere Zeit zu bleiben ; die Städte Quedlinburg und Halber- 
stadt waren, wie Halle, ihrer Freiheiten entkleidet worden. 
Vom Standpunkte des Rechts und der Billigkeit läfst sich 
gegen diese Dinge vieles einwenden, und Erzbischof Ernst, 
der diese Unternehmungen seines Vaters und seiner Räte 
höchstens zuliels, soll später wegen mancher Härte aus jener 
Zeit seine Unmündigkeit bereut haben. Gleichwohl kann 
man jene Entwickelung vom Standpunkt einer späteren Zeit 
aus, die eines mächtigen Fürstentums und der Unterordnung 
der ständischen Glieder bedurfte, als eine segensreiche und 
notwendige anerkennen. 

Auch Magdeburgs städtische Freiheiten wurden gegen 
Ende des Jahrhunderts herabgedrückt, wenn auch weniger 
hart weil die Entscheidung in eine Zeit fiel, wo Erzbischof 
Ernst selbständig regierte. Schon im Jahre 1483 beganneu 
Mifsverständnisse, als die Stadt die Türkensteuer verweigerte. 
Als man sie zu zwingen suchte, wandte sie sich nach allen 
Seiten um Hilfe, nach Braunschweig, an die Hanse und an 
den Kaiser. Letzterer beauftragte am 16. September 1483 
den Kurfürsten Albrecht von Brandenburg und den Bischof 
von Eichstädt mit einer Untersuchung. Infolge hiervon, 
auch einer Pest, vor der der Erzbischof auf den Peterb- 
berg flüchtete, trat ein Stillstand ein, doch dauerte die 
Spannung fort. Am 8. Dezember 1486 erkennt sich in 
einem Vergleich die Stadt als eine erzbischöfliche, die Ein- 
wohnerschaft als Unterthanen des Erzbischofs. Letzterer 
soll mit dem Schultheifsenamt den belehnen, welchen der 
Rat innerhalb sechs Wochen nach der Erledigung der Stelle 



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Erzb. Ernst u. die Städte Magdeburg und Halberstadt. 311 



präsentiert hat. Die Stadt überläfst dem Erzbischof am 
3. Juli 1487 den Blutbann und zahlt demselben 8000 Gulden 
wegen der verweigerten Türkensteuer. Als sich aber einige 
Zeit nachher wieder Streitigkeiten über die Gerichtsbarkeit, 
Bier- und Kornzinse erhoben, kam es nach langen Ver- 
handlungen am 21. Januar 1497 zu einem merkwürdigen 
Vergleich zwischen dem Erzbischof und der Stadt, wobei 
unter andern Dompropst Adolf und Barfufserguardian Lud- 
wig, beides Fürsten zu Anhalt, und der Begründer der 
sächsisch-deutschen reformierten Kongregation der Augustiner, 
Andreas Proles, thatig waren. Die Stadt erkannte ihr 
Unterthanen Verhältnis , der Erzbischof aber auch ihre von 
ihm zu schützenden Rechte und Freiheiten an. Ihre An- 
sprüche auf reichsfreie Stellung hatte die Stadt damit auf- 
gegeben und konnte eine solche auch später nie mit Aus- 
sicht auf Erfolg wieder erstreben, doch behielt sie immer 
noch eine ehrenvolle Stellung. Zu Anfang des 16. Jahr- 
hunderts war sie im deutschen Reichstag, wozu sie einge- 
laden wurde, mit 30000, Nordhausen und Mühlhausen mit 
£0 000 Gulden versanschlagt (das reiche Danzig mit 80000 
Gulden). Erzbischof Ernst war auch iur die Stadt ein 
milder Herrscher. Wie in Ilaiberstadt vertrieb derselbe 
auch 1493 in Magdeburg die Juden, über deren Wucher 
grofse Klage gefuhrt wurde; von ihrem Eigentum eignete 
er sich jedoch nichts an. Vom Erlöse der verkauften 
Häuser erhielten sie zurück, was nach Befriedigung der 
Gläubiger übrig blieb. 

Des Gottesdienstes nahm Ernst sich mit Eifer an. Im 
Dom zu Halberstadt hielt er am 3. August 1491 die hohe 
Messe in eigener Person, was seit hundert Jahren dort nicht 
mehr geschehen war, und 25 Tage später nahm er unter 
Assistenz der Äbte zu Ilsenburg und Huysburg die feierliche 
Weihe des herrlichen gotischen Dombaues und des hohen 
Chors vor. Ein halbes Jahrtausend vorher, am 16. Oktober 
991 , hatte die erste Domweihe zu Halberstadt stattge- 
funden. 

Wie er gleich seinen Vorgängern Johann und Friedrich 
gern zu Friedensbündnissen die Hand reichte, so vollzog er 
am Sonntag vor Fasten 1500 zu Torgau feierlich die 
Trauung Herzog Johanns des Beständigen mit Sophia von 
Mecklenburg und am 10. April 1502 zu Stendal die Kur- 
fürst Joachims von Brandenburg mit Elisabeth, Tochter 
König Johanns von Dänemark, Schweden und Norwegen, 
sowie die Herzogs Friedrich von Holstein mit Anna, der 
Schwester des Kurfürsten. Im inner n Regiment suchte er 



312 



Achter Abschnitt. 



durch Kleiderordnungen und Aufwandgesetze , wie sie 1482 
die wettinischen Brüder Kurfürst Ernst und Herzog Albrecht 
erliefsen, dem Luxus zu steuern. Das landständische Wesen 
entfaltete sich auch in seinen Landen. So fand im Herbst 
1500 ein Landtag zu Halle statt, wo z. B. Fürst Georg 
von Anhalt, die Grafen zu .Stolberg, Honstein, Mansfeld, 
Barby - Mühlingen und die Äbte, Prälaten und Städte ver- 
treten waren. Auf einem andern Tage der magdeburgischen 
und halberstädtischen Landstände zu Magdeburg, den 
28. September 1507, wurden die 7000 Gulden für die 
Römermonate, dann auch der hundertste Pfennig durch 
aufserordentliche Beiträge aufgebracht Für die spätere 
Entwickelung ist auch merkwürdig die Reise des päpst- 
lichen Kardinals Bischof Raimund von Gurk, der als über- 
aus geschickter Gnaden- oder Ablafsprediger Papst Alexan- 
ders VI. in unsere Gegenden kam und mit seinen massen- 
haft ausgefertigten Ablässen viel Geld für Rom aufbrachte. 
Zu Magdeburg wurde er am 22. Januar 1503 mit grofsem 
Gepränge empfangen. 

Noch sind ein paar kleinere Erwerbungen Erzbischof 
Ernsts zu erwähnen. Nachdem er im Jahre 1487 sich hatte 
gezwungen gesehen, wegen des Raubwesens, dem die von 
Honlage zu Weferlingen oblagen, gegen diesen Ort zu 
ziehen, eroberte er das Schlofs mit Zubehör und behielt es 
in einem Vergleich mit den Lehnsherren, den Herzögen von 
Braunschweig. Nachdem am 26. Februar 1496 mit Bruno VIII. 
der Stamm der Edelherren von Querfurt, eines der berühm - 
testen Geschlechter unserer sächsisch - thüringischen Lande, 
erloschen war, fiel das Land an das Erzstift Magdeburg als 
erledigtes Lehen zurück, während die sächsischen Lehen von 
Herzog Albrecht eingezogen wurden. Schafstädt, dann durch 
Tausch die Dörfer Ostrau und Bennewitz, fielen ans Stift 
Merseburg. Das letzte erst im Jahre 1553 verstorbene 
Fräulein von Querfurt war Professe im Kloster Drübeck. 
Allerdings blühte ein Zweig des Geschlechts noch in den 
Grafen von Mansfeld fort, die aber nicht erbten. 

Am 3. August 1513 starb mit Ernst dem Wettiner auf 
der Moritzburg zu Halle, die seit zehn Jahren die eigent- 
liche Residenz der Erzbischöfe war, einer der besten Fürsten, 
deren das Stift sich zu erfreuen hatte. 

Wir wenden nun noch einmal unsere Aufmerksamkeit 
den Städten zu, soweit diese noch eine gröfsere oder ge- 
ringere Selbständigkeit behauptet hatten. Es wurde schon 
erwähnt, dafs Erfurt, welches in der zweiten Hälfte des 
15. Jahrhunderts sehr unwirtschaftlich mit seinen Gütern 



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Erzb. Emst v. Magdeburg. Erfurt, Nordhausen, Mühlhauseu. 813 



schaltete, den planmäfsigen Bestrebungen des mächtigen 
Hauses Sachsen, das im Jahre 1482 sogar in Erzbischof 
Albrecht den Mainzer Stuhl bestieg, nicht widerstehen konnte, 
sondern 1483 ihre Schutzherrlichkeit anerkennen mufste. 
Mit Freuden gewährte der Erzbischof der niederen Bürger- 
schaft seine Hilfe gegen die Geschlechter, welche in eigen- 
nütziger Weise ihre Amter verwalteten. Ganz besonders 
wurde die Macht und das Ansehen der Stadt durch den 
Aufruhr im „tollen Jahre" 1510 geschädigt. Der Ober- 
vierherr Heinrich Kellner, dem man zumeist die Ver- 
pfändung der reichsunmittelbaren Herrschaft Kapellendorf 
an Sachsen zur Last legte, wurde mit dem Schwerte ge- 
richtet und ein grofser Teil der Geschlechter mufste fliehen. 
In anderer Weise wurde ein Studentenaufruhr verderblich, 
da in demselben die Bücherschätze und Urkunden der Hoch- 
schule fast gänzlich zugrunde gerichtet wurden. Im Jahre 
1514 wurde der Stadtsvndikus Barthold Lobezahn, den man 
zur Schlichtung der Streitigkeiten herbeigerufen hatte, ge- 
vierteilt, der Ratsherr Georg Tauffenbach enthauptet. Die 
Beilegung des unseligen Zwistes erfolgte erst 1515 durch 
das entschiedene Vorgehen des Erzbischofs Albrecht von 
Magdeburg und Mainz, des Ratsmeisters Hüttener und des 
Rechtsgelehrten Henning Göde. Auch die sächsischen 
Herzöge wurden im nächsten Jahre zufriedengestellt, aber 
die Stellung, Macht und Freiheit Erfurts litten dabei ent- 
schiedene Einbufse. 

Während in Nordhausen seit 1375 die Zünfte die Vor- 
herrschaft hatten und die unter einem Reichsvogt stehende 
Stadt nur durch rege nüchterne Verwaltung und die Be- 
triebsamkeit der Bürger ein in engeren Verhältnissen sich 
bewegendes Stadtwesen bildete, hatte Mühlhausen eine voll- 
ständige Reichsunmittelbarkeit errungen und behauptet. Dem 
Reiche leistete es nicht einmal Abgaben, nur Kriegshilfe. 
In der Stadt und ihrem Gebiet mit seinen freien Bauern 
galt Stadtrecht und fand von ihren Rechtssprüchen keine 
Berufung an das Reichsgericht statt. Die Klöster und 
Kirchen hatte es sich unterworfen und gestattete, wie Nord- 
hausen, nicht die Ausbreitung von Besitzungen zur toten 
Hand. Nur vereinzelte Güter in seinem Bereich rührten 
von Auswärtigen zu Lehen. Dagegen war es seit 1351 den 
Zünften gelungen, einen Teil des Regiments, später eine 
zweite Bank im Rat an sich zu bringen, doch erhielten die 
Geschlechter bis zum Ende der reichständischen Freiheit 
ihre ehrenvolle Stellung, nur dafs sie seit der Ausbreitung 
der Wissenschaft statt durch Schild und Wappen durch 



3U 



Achter Abschnitt. 



höhere rechtswissenschaftliche Bildung sich auszeichnen 
mufsten. 

Wenn es aber im allgemeinen gegen Ende des 15. Jahr- 
hunderts mit der Selbstherrliehkeit unserer Städte zu Ende 
ging, so reiften dagegen in ihnen die Früchte des geistigen 
Lebens, welche sie vorzugsweise zu Trägern der weiteren 
Entwicklung machten. Im Zusammenhange mit dem Auf- 
blühen und der Verbreitung der Wissenschaft in weiteren 
bürgerlichen Kreisen steht es, dafs schon im 15. Jahrhundert 
die erst um 1440 erfundene Buchdruckerkunst in mehreren 
unserer Städte ihre Thätigkeit begann. Voran ging in 
Merseburg, das schon in früheren Jahrhunderten eine Burg 
und Vorhut deutsch- christlicher Kultur gewesen war, 1473 
bis 1479 Lukas Brandis, aus Delitzsch gebürtig. Demnächst 
gewann die edle Kunst auch unter der regsamen Bürger- 
schaft Stendals eifrige Pflege, und während Albrecht von 
Stendal schon 1473 — 1476 zu Venedig und Padua druckt, 
begann Joachim Westfal, ein Sprofs der Kaufmannsgilde, 
der seine Typen von Peter Schöffer in Mainz bezog, seit 
1483 in Gemeinschaft mit Albrecht Ravenstein erst in Magde- 
burg, wo dann Koch und Brandis ihm folgten, seit 1486/87 
aber in seiner Vaterstadt Da Merseburg damals als Stadt 
weniger bedeutend war, so möchte man hier an einen 
freilich unmittelbar nicht bezeugten Einflufs des trefflichen 
Bischofs Thilo von Trotha denken, der von 1466 — 1516 
sein Amt versah, das bischöfliche Schlofs und den freilich 
erst unter seinem Nachfolger vollendeten schönen Dom mit 
grofsem Eifer — bis auf den älteren Chor — baute und 
1503 die Brüder vom gemeinsamen Leben in seinen Bis- 
tumsitz aufnahm. Der im Jahre 1493 von den Cister- 
ziensern zu Zinna im Erzbistum Magdeburg (allerdings jen- 
seit der Grenzen unserer heutigen Provinz) schön gedruckte 
Marienpsalter ist ein Beispiel davon, wie auch mehrfach 
Mönche die zunächst noch wenig von ihnen beargwöhnte 
Kunst pflegten. 

Die gröfste Verbreitung fand natürlich der Buchdruck am 
Sitze unserer ältesten Hochschule zu Erfurt, wo der dortige 
Lehrer Johann von Lutrea 1489 eine Schrift drucken liefs, 
in welcher offen der Vorwurf der Simonie in der üblichen 
Pfründenverleihung, der einst gegen das weltliche Fürsten- 
tum erhoben worden war, gegen die päpstliche Kirche selbst 
sich richtete. Wie dieses offene Wort ein Zeugnis von 
der Unbefriedigtheit und dem immer wachsenden Wider- 
spruch gegen den ganz verderbten Brauch und Leben, aber 
auch gegen die durch Irrtum und Aberglauben überwucherte 



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Geistiges Leben. Buchdruck. Kirchl. Reform. Humanisten. 315 



Lehre der herrschenden päpstlichen Kirche war, so gab es 
überhaupt damals kaum einen Ort in der ganzen Christen- 
heit, wo mit solchem Ernst und Entschiedenheit auf eine 
Reformation der Kirche gedrungen wurde, als zu Erfurt. 
Hier wirkte der am 30. April 1465 im achtzigsten Lebens- 
jahre als Karthäuserprior und Lehrer der Gottesgelahrtheit 
verstorbene bescheidene und sittenstrenge Jakob von Jüter- 
bogk, der vom Baseler Konzil eine Heilung der verderbten 
Kirche erwartete und sehr entschieden bekennt, dafs Papst 
und Kardinäle am meisten der Reformation bedürften. Hier 
wirkte weiter zwanzig Jahre lang mit gröfstera Erfolge 
Johann Rucherath aus Oberwesel (von Wesel), der mit einem 
bis dahin unerhörten Freimut gegen den Ablals predigte. Der 
angesehene Hochschullehrer der Augustiner Joh. von Dorsten 
trat wie Tocke und Zolter gegen den Heiligenblutunfug zu 
Wilsnack auf, erklärte solches Laufen zu den Heiltümern 
für das Zeichen eines krankenden geistigen Lebens und 
hegte überhaupt im evangelischen ..Sinne einen Widerwillen 
gegen die Reliquien Verehrung. Ahnlich dachte über die 
Heiltümer das Haupt der thüringisch-sächsischen Augustiner- 
kongregation Andreas Proles. Der fromme Franziskaner 
Johann Hilten, in seiner Jugend Zögling der Erfurter Uni- 
versität, gehörte zu denen, welche auf Grund ernster Bibel- 
forschung mit prophetischem Geiste den Sturz der ver- 
derbten Kirche und eine bevorstehende Reformation vorher- 
sagten. 

Aber welchen Einflufs solche Männer, von denen Johann 
von Wesel und Hilten in enger Klosterhaft endeten, haben 
mochten, wie merkwürdig ihr Zeugnis ist, als ein Beweis, dafs 
es nicht ganz an einer Erkenntnis kirchlich-religiöser Ver- 
derbnis und an Verlangen nach Besserung fehlte, so hatte man 
doch keine Aussicht auf eine Erneuerung und Verjüngung 
des römisch -päpstlichen Kirchentums. Dagegen herrschte 
in unserer Erfurter Hochschule wie auch anderwärts ein 
ganz anderer moderner Geist, der statt in dem in Verfall 
und Verachtung geratenen Kirchenglauben in der Verehrung 
und Wiederbelebung des klassischen Altertums wurzelte. 
Hier wirkte z. B. seit 1504 ein Eoban, der Hesse, mit 
Mutian, Johannes Crotus, Euricius Cordus. Von hier ging 
Ulrich von Hutten, Schüler der Universität, von hier die 
Brandschrift: Briefe der Dunkelmänner (Epistolae obscuro- 
rum virorum) aus. Während das Wiederaufleben der 
klassischen Studien im Dienste der geoffenbarten höchsten 
Wahrheit zum gröfsten Segen ausschlagen mufste, hätten 
hier, auf sich allein gestellt, die Grundlagen der christlichen 



316 



Neunter Abschnitt. 



Entwicklung untergraben und zur tötenden Verneinung 
führen müssen. Die Scheidung und Entscheidung sollte gar 
bald und auch auf dem Boden unserer engeren Heimat er- 
folgen, aber nicht unmittelbar von Erfurt ausgehen, sondern 
von einer anderen Hochschule, die in mehr als einer Be- 
ziehung als eine Tochter Erfurts angesehen werden kann. 



Neunter Abschnitt. 

Das Zeitalter der Reformation. 



Indem wir uns anschicken, die Hauptmomente unserer 
Provinzialgeschichte im Zeitalter der Reformation vor Augen 
zu führen, sind wir aus einer doppelten Rücksicht an dieser 
Stelle auf eine kurze Übersicht angewiesen. Zunächst der 
Gröfse und Fülle wegen, denn der Boden unserer späteren 
Provinz war der Ausgangspunkt und Schauplatz jener Be- 
wegungen und Ereignisse, welche die eigentliche und tiefste 
weltgeschichtliche Grenzscheide zwischen Mittelalter und 
Neuzeit bilden. Sind damit diese Ereignisse, die sich be- 
sonders an Erfurt, Eisleben - Mansfeld , Magdeburg, Halle, 
Torgau, besonders Wittenberg knüpfen, nicht nur von all- 
gemein deutscher, sondern weltgeschichtlicher Bedeutung, so 
reichen sie insofern auch über den Rahmen einer Provinzial- 
geschichte hinaus; auch gehören sie. teilweise der speziellen 
Kirchengeschichte an. 

So bunt auch noch im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahr- 
hunderts die Landesherrschafts- und Hoheitsverhältnisse bei 
uns aussahen, so hatten sie doch bereits viel von der krausen 
Gestalt verloren, die sie noch kürzere Zeit vorher zeigten. 
Zunächst kamen in. Norden nnd Süden zwei mächtige 
Fürstentümer, hier das der Hohenzollern , dort das der 
Wettiner in Betracht, letzteres allerdings in zwei Linien ge- 
teilt. Sie hatten aber ein gleichförmiges Ständewesen aus- 
gebildet und die Vielheit adeliger und städtischer Freiheiten 
gemindert und ihren monarchischen Zwecken dienstbar ge- 
macht. Völlig selbständig dauerten daneben eigentlich nur 
noch die geistlichen Fürstentümer Magdeburg und Halber- 



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Die polit. Lage beim Beginn der Reformation. 



317 



stadt, die mainzischen Gebiete in Thüringen und die Städte 
Mühlhausen und Nordhausen fort. Wie im branden- 
burgischen Machtgebiet die Bischöfe von Havelberg und 
Brandenburg, so waren im wettmischen die von Meifsen, 
Merseburg und Naumburg- Zeitz der Hoheit ihrer weltlichen 
Herren untergeben, wie z. B. 1499 der damalige tüchtige 
Merseburger Bischof Thilo von Trotha den Kaiser Maxi- 
milian an die Herzöge von Sachsen, als seine Schutzherren, 
verwies, als er von Kaiser und Reich zu einem Kriegszuge 
gegen die Schweizer aufgefordert wurde. Seit länger als 
hundert Jahren waren alle sächsischen Bischöfe in politischen 
und Reichsangelegenheiten durch ihre Landesherren vertreten 
worden. 

Aber nicht nur war in unsern mittelelbi sehen Gegenden 
beim Beginn des 16. Jahrhunderts die Zahl der staatlichen 
Selbständigkeiten etwas verringert, sondern die selbständigen 
geistlichen Fürstentümer waren schon seit dem Ende des 
15. Jahrhunderts unter den Einflufs jener genannnten Haupt- 
fürstentümer geraten. 

Zuerst waren seit 1476, 1479 und 1482 — 1513 teils 
vorübergehend, teils länger, Magdeburg, Halberstadt, selbst 
Mainz in die Hand von Gliedern des Hauses Wettin ge- 
bracht und der politische Einflufs jenes Hauses auf die 
Stifter ein vielfach entscheidender gewesen. Seitdem aber 
der geborene und bisherige Markgraf Albrecht von Branden- 
burg am 30. August 1513 zum Erzbischof von Magdeburg, 
im September zum Bischof von Halberstadt, am 9. März 
des folgenden Jahres auch zum Erzbischof von Mainz ge- 
koren war, herrschte noch in weit gröfserem Umfange der 
Einflufs der Hohenzollern fast allenthalben vor. Und jener 
Vorfahr der heutigen Landesherren unserer Provinz hatte in 
der Altmark und in den rechtselbischen Ländern in Kiu'- 
furst Joachim 1. einen willensstarken Bruder, der in der bis 
dahin in Deutschland unerhörten Machtstellung seines Bruders 
zumeist auch die seines Hauses sah. Endlich sehen wir in 
der Person Albrechts, der ein ganzes Menschenalter hin- 
durch zwei Erzbistümer verwaltete, abgesehen von Kaiser 
und Papst alle, auch die entferntesten Teile der Provinz 
unter einer einzigen Metropolitangewalt vereinigt. Dafs diese 
an sich keine weltliche, sondern eine geistliche war, kam 
wenig in Betracht, weil der Kern der nächstfolgenden Ent- 
wickelung ein religiös - kirchlicher war. Dazu kommt noch, 
dafs Kardinal-Erzbischof Albrecht als Primas von Deutsch- 
land, Sprecher im Kreise der Kurfürsten und Rat der Kaiser 
' Maximilian und Karl V., Berater verschiedener Päpste, als 



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Neunter Abschnitt. 



„Meister über die zu Rom", wie Luther sich ausdrückt, 
eine persönliche Stellung einnahm, die zu keiner Zeit so 
entscheidend sein mufste, als da, wo über die bestehenden 
kirchlich - religiösen Zustände, die er vertrat, das ernsteste 
Gericht erging. 

Je mehr sich nun in Kardinal Albrecht der eine Pol 
der kommenden Bewegungen darstellt, um so wichtiger ist 
es, zunächst seine Person und Stellung ins Auge zu fassen. 
In mehr als einer Beziehung stellt sich uns in ihm das Bild 
des Papstes in etwas verjüngter Gestalt auf deutschem Boden, 
die innigste Verquickung weltlicher und religiös - kirchlicher 
Gewalt dar. War Gregors VII. Ideal die äufsere Macht- 
tülle und Herrlichkeit des Papsttums, so stellte sie sich in 
ihm dar ; freilich war diese Konsequenz die Karikatur eines 
evangelischen Seelenhirten. Infolge politischer Konnivenz 
und Berechnung auf die fürstlichen Bischofsthrone erhoben, 
mufste er aulser ansehnlichen Konfirmation»- und Annaten- 
geldem 24000 Gulden für sein Pallium in Rom zahlen und 
sah sich genötigt, 30 000 Gulden bei den Fugger aufzu- 
nehmen, zu deren Deckung ihm Papst Leo X. in seinen 
Ländern einzutreibende Ablalsgelder verschrieb. Er nahm 
keinen Anstand, sich hierzu geschickt erscheinende Werk- 
zeuge auszusuchen, und bei allem Aufblühen formaler Bildung 
war das Glaubensleben so erstarrt, der auf der heiligen 
Schrift beruhende Glaube so unbedingt von Rom abhängig, 
dafs ein Widerspruch auch bei dem beziehungsweise reg- 
samen Teil in und aufserhalb der Kirche nicht zu be- 
fürchten war. 

Ebenso fest wie inbezug auf die Machtfülle des geist- 
lichen Amts, des Ablasses und der Schlüsselgewalt stand 
der hohe Kirchenfürst treu zum römischen Bekenntnis und 
kirchlichen Brauch inbezug auf den Colibat. Während er 
nicht nur von der herrschenden Sittenlosigkeit der Geistlich- 
keit keine Ausnahme machte, sondern öffentlichen Anstofs 
erregte, strafte er doch Geistliche, welche wirklich in die 
Ehe traten, strenge mit Gefängnis. Und inbezug auf 
Heiligendienst, Reliquienverehrung und als Kunstmäcen wett- 
eiferte er mit den gleichzeitigen Päpsten Julius IL und 
Leo X. In Mainz kaufte er 100 Heiltümer und drei ganze 
Körper, der Anfang jener Herrlichkeit, nach dem damals 
herrschenden Kirchenglauben, die er zu Halle sammeln 
wollte. Schon 1523 belief sich die Zahl der hier aufge- 
speicherten Heiligenpartikelchen, in Gold und Edelstein ge- 
fafst, auf 21441. Tonnen Goldes hatte er dafür aulgebracht, 
wenigstens für so viel Schulden gemacht. Sie sollten freilich 



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Kardinal-Erzb. Albrocht v. Magdcb. B. Philipp v. Naumburg. 319 



auch etwas einbringen, denn an bestimmten Tagen sollten 
sie stückweise gezeigt werden. Der in Ubertülle zu kaufende 
Ablafs wurde auf ein Kapital von 39 245 121 Jahre und 
220 Tage Fegefeuerstrafen - Erlafs und 6 540000 Quadra- 
genen berechnet. Allerdings geriet Albrecht des für solche 
Liebhabereien erforderlichen gewaltigen Aufwands wegen 
seinen Landständen gegenüber, an die er immer neue An- 
forderungen stellte, in eine schwierige Lage. Mit seinen 
Bauten, mit denen er besonders seine Lieblingsresidenz Halle 
schmückte, und mit seinen Reliquienunternehmungen be- 
schäftigte er die gröfsten Künstler. 

Auch zu Humanismus und Wissenschalten stand unser 
Fürst im Kardinalshut in einem so befreundeten Verhält- 
nisse, wie der Mediceer mit der dreifachen Krone. Von 
Natur reich beanlagt, hatte er auf der Universität Frank- 
furt sich mit Ulrich von Hutten und den humanistischen 
Ideen befreundet und beabsichtigte, in diesem Geiste in seiner 
Residenz Halle eine Hochschule, ein Studium generale, zu 
errichten. Wie die Humanisten ihm zujauchzten, so setzte 
doch auch Luther, der diesem seinem höchsten geistlichen 
Vorgesetzten in Deutschland in einem gehorsam unter- 
gebenen Schreiben seine 95 Thesen gegen den Ablafs über- 
sandte, anfangs Hoffnungen auf ihn. Auch wäre Albrecht sehr 
froh gewesen, wenn ihm Luthers ernster Handel keine Sorgen 
bereitet hätte. 

Neben dem Kardinalerzbischof traten unsere übrigen 
sächsisch - thüringischen Bischöfe sowohl an Macht wie an 
persönlicher Bedeutung sehr zurück. Persönlich weit unter 
ihm stehend, war doch Philipp geborener Pfalzgraf bei 
Rhein, Bischof zu Nauniburg-Zeitz (151 7— 1541 ), in seinem 
Amt und Regiment in kleinem Mafsstab ein Bild und 
Zeichen des äufsersten Verderbens der damaligen Kirche. 
Gleich Albrecht durch seine Herkunft und kirchlieh - welt- 
liche Politik zu jener Stellung gelangt, war er zugleich im 
entfernten Süddeutschland Bischof zu Freising, wo er zu- 
meist lebte. Fern dem religiösen Glauben und Leben, war 
er ein gutmütiger Lebemann, der an Turnieren und Schützen- 
festen seine Freude hatte, fast stets in Süddeutsclüand lebte, 
während in Naumburg-Zeitz Männer wie Eberhard von Thor 
und Wolfgang von Thor als Verweser kein übles Regiment 
führten. Bei dem beschränkten Umfang des zerteilten 
Stiftsgebietes und seiner Einschliefsung von den Gebieten 
der Kurfürsten und Herzogs Georg von Sachsen wurde der 
Gang der Reformation wie der städtischen Ent wickelung 
vielfach durch diese Nachbarschaft bestimmt. Naumburg 



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320 



Neuuter Abschnitt. 



wandte sich 1528 im Kampf um seine Freiheiten nicht 
ohne Erfolg an den Kurfürsten Johann, und da die An- 
hänger des alten Kirchenwesens bei Geistlichen und Nicht- 
geistlichen immer mehr zusammenschmolzen, so konnte nicht 
verhindert werden, dafs reformatorische Männer allmählich 
die Kirchen- und Schulstellen einnahmen. 

Zu Merseburg war der bisherige Coadjutor Adolf, ge- 
borener Fürst von Anhalt (f 1526), der 1514 sein bischöf- 
liches Regiment mit einer Vertreibung der Juden begann, 
am 25. September 1520 von Eck die Bulle gegen Luther 
anschlagen, am 23. Mai 1521 dessen Schriften öffentlich ver- 
brennen liefs, ein entschiedener Anhänger der alten Kirche, 
wenn er sich auch der Einsicht von deren Verderbnis nicht 
verschliefsen konnte. Seine Macht, die Reformation zu 
dämpfen, reichte nur soweit er innerhalb seines Sprengeis 
zugleich die weltliche Macht besafs. Sein Nachfolger Vin- 
cenz von Schleinitz (1526 — 1535) war ein wohlgesinnter, 
der Reformation geneigter Kirchenfürst, doch suchte Herzog 
Georg ihn soweit, er nur konnte, bei dem alten Kirchen- 
wesen zu erhalten. Zwischen 1535 und Neujahr 1544 unter 
Sigismund von Lindenau liefs sich die Reformation, die seit 
1541 durch Justus Jonas in dem benachbarten Halle durch- 
geführt wurde, nicht mehr aufhalten, und sie siegte voll- 
ständig, als dann Herzog August von Sachsen, Bruder von 
Moritz, die weltliche Verwaltung, der fromme evangelische 
Fürst Georg von Anhalt, der freilich schon am 25. Juli 1544 
starb, die Leitung der geistlichen Geschäfte als Coadjutor in 
die Hand nahm. 

Während der Einflufs der übrigen Bischöfe, deren 
Sprengel in unsere Gegenden eingriff, für die geschichtliche 
Bewegung der Reformationszeit nicht in Betracht kommt, ist 
wenigstens der Bischof von Brandenburg, dessen geistlicher 
Oberhoheit Wittenberg und Luther unmittelbar untergeben 
waren, zu nennen: Hieronymus Schulz , der Sohn eines 
schlesischen Dorfschulzen, ein wohlunterrichteter, geschäfts- 
gewandter und redebegabter Mann, der, im Jahre 1504 
Pfarrer zu Kottbus, bald zu höheren geistlichen Würden 
stieg. Seit Oktober 1507 Bischof von Brandenburg, wurde 
er 1520, als Dietrich von Hardenberg (—1526) jenes Bis- 
tum bekam, Bischof von Havelberg, als welcher er 1522 
starb. Auf Dietrich folgte dann der erste zur Reformation 
übertretende Bischof Matthias von Jagow (f 1544). 

Bischof Hieronymus, zumal er in der kurfürstlichen 
Residenz der weltlichen Machtmittel gegen Luther beraubt 
war, suchte diesen durch kluge Verhandlungen nicht ohne 



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Martin Luther und die Hoheuzollern. 



321 



Erfolg zur 0 bedien z und zum Schweigen zu bringen. Erst 
als Tetzel und Wimpina in Frankfurt gegen den Refor- 
mator mit Eifer und Schelten loszogen, übergab dieser dem 
Bischof am 22. Mai 1518 seine Entgegnung mit einer be- 
scheidenen Rechtfertigungsschrift. 

Unter den der Reformation widerstrebenden weltlichen 
Fürsten war, mit seinem Bruder Kardinal- Erzbischof Albrecht 
zusammenhaltend, Kurfürst Joachim I. von Brandenburg der 
mächtigste durch das nach seinem Urheber Kurfürst Albrecht 
Achilles genannte Hausgesetz vom 24. Februar 1473, das 
die Unteilbarkeit der Marken festsetzte, während die frän- 
kischen Lande höchstens unter zwei Erbberechtigte geteilt 
werden konnten. Auch durch sein Eingreifen in die 
städtischen Freiheiten und durch die Feststellung seines An- 
sehens dem Adel gegenüber vereinigte er in seinen Landen 
eine solche Machtfülle, wie noch kein Fürst vor ihm. Und 
wenn er, den auflebenden Studien nicht abhold, eine eigene 
Hochschule gründete, so mehrte diese durch Einführung 
des römischen Rechts auch seine Fürstenmacht. Besonders 
durch Förderung der Gewalt der Landesbischöfe und durch 
persönlichen Einflufs suchte er die Reformation niederzu- 
halten, doch wollte er nicht, wie anderswo geschah, mit 
Blut und Gewalt den Unterthanen seinen Glauben auf- 
zwingen. Als er am 11. Juli 1535 gestorben und die Re- 
formation bereits überall in seinem Lande eingedrungen war, 
wurde dasselbe in eine gröfsere westliche Hälfte unter 
Joachims gleichnamigem ältesten Sohne (1535 bis 2. Januar 
1571) und eine kleinere östliche unter dessen Bruder 
Johann I. (f 13. Januar 1571) geteilt, da Joachim I. keine 
Rücksicht auf das grofsväterliche Hausgesetz genommen hatte. 
Wenn dieser aber gewollt hatte, dafs seine Söhne dieselbe 
ablehnende Stellung zur Reformation einnehmen sollten wie 
er, so erfüllte sich dieser Wunsch nicht; vielmehr folgten 
sie ihrem Gewissen und dem innigen evangelischen Bekennt- 
nisse ihrer frommen Mutter, der dänischen Königstochter 
Elisabeth, die von ihrem ungetreuen Gemahl um ihres 
Glaubens willen hart bedroht und 1528 zur Flucht zu ihren 
fürstlichen Verwandten in Torgau genötigt worden war. Sie 
hatte sich von dort, an äufseren Mitteln Mangel leidend, nach 
Wittenberg begeben und wohnte dann als Markgräfin von 
Lichtenburg auf dem gleichnamigen Schlosse bei Prettin, bis 
sie 1545 zu ihrem Sohne Johann zurückkehrte, bei welchem 
sie am 10. Juni 1555 starb. 

Nächst dem Hohenzollem Joachim I. war unter den 
zeitgenössischen weltlichen Fürsten unserer mittelelbischen 

Jacobs, Gesch. d. Prov. Sachsen. 21 



822 



Neunter Abschnitt. 



Lande der mächtigste und entschiedenste Gegner der auf- 
keimenden Reformation Herzog Georg von Sachsen, der, 
wenn auch seine Lande vielfach in die Gebiete der heutigen 
Provinz Sachsen eingriffen, vorzugsweise Herrscher des heute 
zum Königreich Sachsen gehörenden Meifsnerlandes war. 
Am 27. August 1471 geboren und anfänglich für den 
geistlichen Stand erzogen, wurde er doch schon 1500 zur 
Regierung der albertinischen Lande berufen und erwies sich 
als gewissenhafter, wohlwollender, tüchtiger Landesherr. 
Gerade seine geistliche Erziehung lehrte ihn auf die trost- 
losen religiös- kirchlichen Zustände merken, daher er anfangs 
einer Reformation nicht abhold war. Luther wufste diesen 
gegnerischen Fürsten zu schätzen. Aber sein gespanntes 
Verhältnis zur sächsischen Kurlinie, seine Eifersucht auf die 
aufblühende Universität Wittenberg, die sein älteres Leipzig 
ganz in den Schatten stellte und veröden machte, sowie auf 
seine wittenberger Vettern, die als Schützer der Reformation 
die allgemeine Liebe und Verehrung genossen, trieben ihn 
mehr und mehr in die Gegnerschaft von Luther und der 
deutschen Reformation, die er dennoch nicht einmal in 
seinem eigenen Lande zu unterdrücken vermochte. Der 
Ablafsunfug war ihm aus tieferen Gründen als Friedrich 
dem Weisen zuwider, auch stand er nicht so einseitig der 
Leipziger Disputation gegenüber, wie sein Landesbischof zu 
Merseburg. Er gab sich der Hoffnung hin, die Erneuerung 
der Kirche, auf die er noch entschiedener als seine Stände 
drang, werde von Rom ausgehen; dafs aus dem Kreise der 
Mönche und kirchlichen Untergebenen die Erneuerung von 
Lehre, Glauben und Leben in der Christenheit ausgehen 
sollte, widersprach zu sehr seinen Grundsätzen. Da er zu 
seinem Schmerz erkannte, dafs er seine Glaubensanschauungen 
seinen Unterthanen nicht über seinen Tod hinaus auf- 
nötigen könne, so versuchte er wenigstens alles mögliche, 
um das alte Kirchen wesen aufrecht zu erhalten. Er ver- 
handelte mit seinen Ständen zu Mühlberg und Leipzig, 
und da ihm seine Söhne wegstarben und er 1537 ver- 
geblich versuchte, seinen erbberechtigten Bruder Heinrich 
von der Reformation zurückzuhalten, so mutete er, ob- 
wohl vergeblich, den Ständen zu, den Bruder zu ent- 
erben und dem römischen Könige Ferdinand das alber- 
tinische Herzogtum der Wettiner in die Hände zu liefern. 
Der Tod entrifs ihn am 17. April 1539 seinen vergeblichen 
Bemühungen. 

Den Ruhm, die treuen Schützer und Pfleger der Kirchen- 
erneuerung in Deutschland, und dadurch wenigstens mittel- 



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Die sächsischen Fürsten und die Reformation. 



323 



bar der kirchlichen Reformation überhaupt vom Ad fange 
bis zu ihrer festeren Ausgestaltung geworden zu sein, haben 
vor allen anderen die Kurfürsten von Sachsen von dem 
älteren ernestinischen Zweige des Hauses Wettin erworben. 
Des ältesten der drei zunächst in Betracht kommenden 
Kurfürsten, Friedrichs des Weisen, eines mit seinen kirch- 
lich-religiösen Anschauungen treu im altrömischen Kirchen- 
wesen stehenden Fürsten, haben wir schon gedacht, da die 
Zeit seiner Wirksamkeit meist vor der Reformation liegt. 
Gerade als Friedrich zur Zeit des Bauernaufruhrs, dem es 
ihm freilich wesentlich mit Hilfe der Reformation im Kur- 
kreise vorzubeugen gelang, am 15. Mai 1525 gestorben war, 
bedurfte es den Anfechtungen gegenüber, denen die Refor- 
mation infolge dieser Bewegungen ausgesetzt war, bei den 
grundlegenden Reichsverhandlungen zu Speier und Augsburg 
eines unerschütterlich festen und treuen Bekenners im Stamm- 
lande der Reformation. Durch die vollständige Erfüllung 
dieses Berufs erwarb sich Johann der Beständige, geboren 
am 30. Juni 1467, am 1. März 1500 zu Torgau mit Sophie 
von Mecklenburg vermählt, eine grofse weltgeschichtliche 
Bedeutung, wenn auch sein kurfürstliches Regiment, da er, 
so lange sein älterer Bruder lebte , hinter diesem bei ein- 
trächtigem Gesamtregiment zurückgetreten war, nur bis zu 
seinem am 16. August 1532 zu Schweinitz erfolgten Tode 
dauerte. Seinem am 20. Juni 1503 zu Torgau geborenen 
Sohne und Nachfolger Johann Friedlich vermochte Luther 
zuerst nicht die besonnene Weisheit und tiefe Frömmigkeit 
des Oheims und Vaters nachzurühmen, aber sein stolzeres 
Streben sollte bald im Kampfe bewährt und der schwer 
geprüfte Fürst zu einem der edelsten Bekenner des evange- 
lischen Glaubens geläutert werden, als welcher er zwar an 
Land und Leuten verkürzt, aber innerlich stark und zu- 
frieden, am 3. März 1554 heimging. 

Anders geartet als die geborenen treuen Beschützer des 
evangelischen Glaubens von der ernstinischen Linie sind die 
unter sich selbst sehr verschiedenen Nachfolger Herzog 
Georgs von der jüngeren albertinischen Linie. Georgs jüngerer 
Bruder Heinrich, geboren am 17. März 1473, gestorben am 
18. August 1541, der in wenig entsprechender Weise den 
Zunamen des Frommen erhalten hat, war ein der Bequem* 
lichkeit und sinnlichen Neigungen lebender Fürst, und wenn 
gleichwohl die wenigen Jahre seines Regiments für die Ent- 
faltung der Reformation in seinen Gebieten von grofser Be- 
deutung sind, so ist dieser Erfolg wesentlich seiner that- 
kräftigen Gemahlin Katharina, der Tochter Herzog Magnus II. 

21* 



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324 



Neunter Abschnitt. 



von Braunschweig, und der Unterstützung Kurfürst Johann 
Friedrichs, die er sich gefallen liefs, zu verdanken. Um so 
selbsttätiger und entschieden grofsartig angelegt war sein am 
21. März 1521 geborener, am 11. Juli 1553 verstorbener 
Sohu Moritz. Wenn ihn der von ihm schwer gekränkte grofs- 
mütige Johann Friedrich nach seinem Ableben als einen 
„ungemeinen hochwunderbaren Mann" bezeichnete, so mufs 
man ein so edles merkwürdiges Zeugnis von dem jugend- 
lich verstorbenen Helden gelten lassen, aber trotz seines 
nicht verleugneten religiösen Bekenntnisses, trotz seiner 
Schöpfungen für Kirche und Schule, kann man den Mann, 
der aus berechnender Politik den Bund der Glaubens- 
genossen verliefs und das schwere Mifsgeschick und die 
Beraubung seines edeln nahen Anverwandten ins Werk 
setzte, nicht als einen wahrhaft evangelischen Fürsten be- 
zeichnen. 

Aber nicht nur die wärmsten, eifrigsten Förderer wie die 
entschiedenen mächtigen Gegner fanden» sich zur Zeit der 
Reformation unter den weltlichen und geistlichen Fürsten 
innerhalb des Bereichs unseres thüringisch-sächsischen Landes, 
sondern auch jene Richtung, welche, zwar überzeugt von der 
Nötigkeit einer Reformation, doch aus politisch-patriotischen 
Interessen nicht von der überkommenen Gestalt der Kirche 
lassen und eine Vermittelung zwischen dem Neuen und Alten 
unter der Herrschaft des alten kirchlich-politischen Systems 
erstrebte, hatte hier in dem Bischöfe Julius Pflug von Naum- 
burg-Zeitz (1541, 1545, 1547—1564) ihren merkwürdigsten 
Vertreter. 

Gegen Ende 1499 aus einem einheimischen adeligen 
Geschlechte geboren, hatte er erst in Leipzig, dann in 
Bologna und Padua mit äufserstem Fleifse und schönstem 
Erfolge den klassischen Studien obgelegen und eine so hohe 
Ausbildung darin erlangt, dafs er als Freund und Geistes- 
verwandter des Erasmus die allgemeinste Verehrung genofs, 
auch durch seinen edeln Charakter entschieden über jenem 
gemächlichen, jedem Kampf ausweichenden Humanisten stand. 
In Pflug und seinen Gesinnungsgenossen lebte die hohe Idee 
von einem grofsen deutsch -christlichen Kaisertum, und man 
kann wohl behaupten, dafs zu seiner Zeit sich kaum einer ein 
so klares Bild von den Hauptmomenten der vaterländischen 
Geschichte seit der frühesten Zeit, soweit es damals möglich 
war, entworfen hatte, wie er. Als Stilist und Historiker, 
als Staatsmann und Patriot zieht Bischof Pflug uns an, der, 
nur um die freilich schmerzliche Spaltung, welche infolge 
der Reformation das Deutsche Reich erlitt, zu verhüten, alle 



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Bischof Julius Pflug von Naumburg-Ziitz. 325 

möglichen Vermittlungsversuche willkommen hiefs. Gern 
möchte man einem, vom rein menschlich - natürlichen Stand- 
punkt betrachtet, so verlockenden idealen Streben Beifall 
zollen, wenn man nicht an dem sonst bedeutenden Manne 
die traurige Beobachtung machen müfste, wie sehr er diesem 
kirchlich -patriotischen Streben den Kern des evangelischen 
Glaubens opferte. Im Jahre 1524 der feurige Vertreter des 
im Frieden dahingeschiedenen Peter Mosellanus, ist er doch 
schon im Jahre 1531 mit Erasmus darüber eins, dafs „um 
der Zeitläufte halben" auch das zu dulden sei, was an sich 
(der Idee, der Uberzeugung nach) nicht zu dulden wäre. 
JSo arbeitete er denn zum Behuf einer Vereinigung, an dem 
am 31. Mai 1541 Kaiser Karl V. überreichten „Kaiser- 
lichen Buch", dem Ergebnis des Regensburger Religions- 
gCHprächs, das in der Folge als das verrufene Interim er- 
schien. Hatte hier schon Pflug an der Kernlehre von der 
Rechtfertigung durch den Glauben herumgeflickt, so machte 
er im Jahre 1546 infolge des zweiten Religionsgesprächs den 
Älitredaktoren noch weitere Zugeständnisse. Und als dann 
das Tridentiner Konzil eine seiner Uberzeugung ganz wider- 
sprechende Auffassung bestimmte, fordert er auch hier all- 
gemeine Unterwerfung. Und er und mit ihm Karl V. 
mufsten erleben, dafs das unglückliche Werk, das Interim, 
statt beide Teile zu vereinigen, schliefslich nur einem Teile 
der Evangelischen aufgenötigt wurde, während die Gegen- 
partei sich ganz davon ausschlofs. Hier war der ent- 
scheidende Grundunterschied von dem evangelischen Grund- 
satze Luthers (im Jahre 1539), dafs man in Aufserlichkeiten 
und was menschliches Thun sei, flicken möge, aber in dem, 
was den Glauben an Christi Reich belangt, jedes Bessern 
und Flicken müsse bleiben lassen. Neben Pflug ist auf 
dieser Seite noch, als sein Mitarbeiter am Interim, Michael 
Heldring, der letzte Bischof von Merseburg (1548— 15G1), zu 
nennen. 

Neben den geistlichen und den gröfseren vollkommen 
selbständigen Fürstentümern kommen nun aber gerade für 
die Bewegungen der Reformationszeit auch noch mehrere 
Graf- und Herrschaften in Betracht, deren grofste geschicht- 
liche Bedeutung teilweise gerade in dem Einflüsse liegt, den 
sie für die erste Entwicklung und Ausbreitung der Refor- 
mation gewannen. 

Die Grafschaft Mansfeld, das geliebte engere Heimatland 
Luthers und eine der ältesten Wiegenstätten der erneuerten 
evangelischen Lehre, erlangte zu dieser Zeit nach dem Er- 
werbe von Heldrungen (1484), durch den der Amter All- 



826 Neunter Abschnitt. 

städt (1525), Rothenburg (1527) und des säkularisierten 
Sittichenbach (1539) seine gröfste Ausdehnung, und es 
wurden darin 8 Städte, 3 Flecken, 184 Dörfer, 14 bewohnte 
Burgen gezählt. Wenig später sollte dann Mansfeld aus 
der Reihe der selbständigen Existenzen ausscheiden. Im 
Jahre 1501 wurde unter Beirat der Grafen Günther zu 
Schwarzburg und Botho zu Stolberg eine Erbteilung in fünf 
völlig unabhängige Herrschaften vorgenommen, wobei nur 
die Städte Eisleben und Hettstädt, die Bergwerke, Jagd und 
Fischerei in den Seen gemeinschaftlich blieben. Jeder Graf 
oder Linie bekam eine Wohnung auf der Stammburg Mans- 
feld, die aus zwei, seit 1511 drei Schlössern bestand, wo- 
nach die Linien sich als Vorder-, Mittel- und Hinterort be- 
zeichneten. Der Vorderort besals 3 ;ß des auf drei Linien, 
der Mittel- und Hinterort 2 /s des auf zwei Linien verteilten 
Gebiets. Da diese geteilten Herrschaften mit Kindern ge- 
segnet waren, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn in- 
folge dieser traurigen Teilung bald der reiche und fest 
zusammengehaltene Schatz der Grafschaft sich zersplitterte 
und die Klage laut wurde, dafs sonderlich wegen der 
„Vielheit der jungen Herrlein und Fräulein" der wirtschaft- 
liche Niedergang des berühmten edlen Hauses herbeigeführt 
wurde. 

Von den älteren Zeitgenossen der Reformation blieben 
die vorderörtischen Grafen Günther III. (f 1526), Ernst IL, 
oberster Kriegshauptmann Herzog Georgs (f 1531), und 
Hoyer IV. (f 1540), kaiserlicher Rat, der 1521 ausdrück- 
lich als freier Reichsgraf anerkannt wurde, in der alten 
Kirche. Dagegen war Gebhard L, Stifter des Mittelorts 
(i486 — 1558), der zu Seeburg Hof hielt, einer der ersten 
Bekenner und Beschützer der Reformation. Er, den Luther 
als den „alten, frommen Herrn" bezeichnet, trat schon 
1526 dem Torgauer Bunde bei und war ein Gegner des 
Interim. Der bedeutendste der damaligen Grafen war 
Albrecht III., kursächsischer Rat und Statthalter zu Loburg 
(1486 — 1560). Mit Luther bereits seit 1516 in andauernder 
Verbindung, führte er schon 1525 die Reformation in seinen 
Landesteilon ein und berief tüchtige Männer an Kirchen 
und Schulen. Er focht tapfer im Schmalkaldischen Kriege 
und half 1551 Magdeburg verteidigen. Schweren Kampf 
hatte er mit Kursachsen, das unter August am 24. August 
1557 die Grafen und Herren zu Schwarzburg, Mansfeld, 
Barby, Gleichen, Stolberg, Honstein, Beichlingen und andere 
mehr als landsässige Stände und Unterthanen der Kurfürsten 
und Fürsten zu Sachsen ansprach. 



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Die Grafschaft Mansfeld zur Zeit der Reformation. 



327 



Um die Zerstückelung noch weiter zu treiben, kam der 
Vorderort 1563 auf den unglücklichen Gedanken, wieder 
eine Teilung in sechs Linien: Bornstädt, Eisleben, Friede- 
burg, Arnstein, Artern und Heldrungen vorzunehmen. Eine 
solche Schwächung der Leistungskraft des Hauses machte 
die zahlreichen Gläubiger besorgt und man griff zuuächst 
die Städte Eisleben, Hettstädt und Mansfeld, die für grofse 
Summen Bürgschaft geleistet hatten, an. Damit nahm der 
unglückliche und unerquickliche mansfeldische Schulden- 
prozefs seinen Anfang. 

Im Jahre 1566 wurde zur Befriedigung der Gläubiger 
ein kaiserlicher Ausschuß in Kurfürst Joachim II. von 
Brandenburg, Erzbischof Siegmund von Magdeburg und den 
Herzögen Johann Friedrich von Sachsen und Heinrich von 
Braunschweig eingesetzt. Da darin eine Anerkennung der 
mansfeldischen Reichsstandschaft lag, so widersetzte sich 
Kurfürst August und nahm die Ordnung der Schulden als 
Aufgabe des Lehens- und Landesherrn in Anspruch. Wirk- 
lich wurden daraufhin von Kursachsen, Magdeburg und 
Halberstadt, als Lehensherren, Bevollmächtigte ernannt. 
Die Schulden beliefen sich auf die gewaltige Summe von 
2 721 916 Gulden. Die meisten Güter des Grafen waren 
versetzt. Arn i;j. September 1570 erfolgte nun die mans- 
feldische Sequestration: die sechs Grafen des Vorderorts 
mufsten ihre sämtlichen Güter in die Hände ihrer drei 
Lehensherren übergeben und in den Privatstand zurück- 
treten. Der Riesenprozefs nahm nun seinen Verlauf und 
endete erst nach dreihundert Jahren. Im Jahre 1573 er- 
tauschte Kurfürst August die Lehen über Eisleben, Hett- 
städt und andere mehr von Magdeburg, das dann */ ß gegen 
3 / 5 sächsische Anteile an den mansfeldischen Lehen besafs. 
Seit 1579/80 hörte Mansfeld auf, eine selbständige Graf- 
schaft zu sein. Während aber die vorderörtischen Grafen 
Privatleute geworden sind, erscheinen die mittel- und hinter- 
örtischen noch als Mediatisierte. 

Durch Aussterben erlischt um dieselbe Zeit das edle, 
zuletzt gefürstete Grafengeschlecht der Hennoberger, dessen 
w r ir bei seinen abgelegenen Sitzen in Franken jenseit des 
thüringischen Bergwaldes höchstens gelegentlich in einzelnen 
Gliedern bisher zu gedenken Anlafs fanden. Diese bedeu- 
tenden Würzburger Lehensträger, deren Verwandtschaft mit 
den Babenbergern nur auf einer allerdings wahrscheinlichen 
Vermutung beruht, begegnen uns in der ersten Hälfte des 
11. Jahrhunderts im Grabfeld und Saalgau. Der im Jahre 
1144 verstorbene Graf Gott wald I. besafs Schleusingen, Suhl, 



328 



Neunter Abschnitt. 



Hallenberg, Schwarza, Vefsra. Dieselben Güter nebst 
Aschach, Benshausen hatte der im Jahre 1262 verstorbene 
Graf Heimich III. inne. Seine Söhne Berthold V., Her- 
mann II. und Heinrich IV. nahmen eine Teilung vor, wo- 
durch die Linien von Schleusingen, Ascha und Hartenberg 
entstanden. Da die letzte 1378 ausstarb und von der 
Aschaer Linie beerbt wurde, so blieben noch zwei Linien 
übrig. Von der durch Hermann II. begründeten zu Ascha 
erlebten die Reformation, abgesehen von zwei geistlichen 
Herren, nur noch die Brüder Berthold XVI. und Albrecht, 
die beide 1549 starben. Der erstere verarmte und trat seine 
Rechte an seine Schwäger von Mansfeld und Römhild ab, 
während seinen haushälterischen Bruder Albrecht zu Schwarza 
seine Gemahlin Katharina, die ihm 1537 vermählte Tochter 
Graf Bothos des Glückseligen zu Stolberg, überlebte. Sie starb 
erst 1577 und verteidigte, unterstützt von ihren Brüdern und 
Vettern, ihre Ansprüche aufs entschiedenste. Der Refor- 
mation waren Katharina und ihr Gemahl zugethan. Graf 
Wilhelm VI., der zur Zeit der Reformation die Länder der 
Schleusinger Linie vereinigte, hielt erst an der alten Kirche 
fest, wurde aber gerade da ein entschiedener Anhänger der 
Reformation, als er dieselbe in den Wirren beim Beginn 
des Schmalkaldischon Krieges durch den Kaiser, dann selbst 
durch Herzog Moritz gefährdet sah. So gestattete er 1544 
seinem Sohne Georg Ernst, der ein weises, tüchtiges Regi- 
ment führte, die Einführung der Reformation in seinen 
Landen, wozu Dr. Förster aus Wittenberg berufen wurde. 
Die geistlichen Güter wurden gewissenhaft zu Kirchen- und 
Schulzwecken verwandt. 

Während Wilhelm im Jahre 1559 starb, wurde dem am 
27. Dezember 1583 verewigten Fürsten, Graf Georg Ernst, 
als dem letzten seines Geschlechts, Schild und Schwert mit 
ins Grab gelegt. Durch einen Erbvertrag zwischen Sachsen, 
Henneberg und Hessen vom 1. September 1554, bestätigt 
von Kaiser Karl V. am 20. Januar 1555, fiel das Erbe an 
Sachsen und Hessen. Kurfürst August von Sachsen, der 
damals die Vormundschaft über seinen Vetter von der 
ernestinischen Linie führte, hatte sich am 25. September 
1573 die Anwartschaft auf ö / 12 des zu erwartenden Erbes 
zu verschaffen gewufst und überliefs dann das übrige dem 
Weimarer. 

Das Blankenburg-Regensteinische Grafengeschlecht hatte, 
wie wir sahen, im 14. Jahrhundert einen grofsen Teil seiner 
Besitzungen besonders an Halberstadt und Wernigerode ver- 
loren und war sehr zurückgegangen. Die gröfsere Hälfte 



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Graten zu Henneberg, Regenstein mul Honstein. 



329 



des übrigen Gebietes war wellisches Lehen und liegt ausser- 
halb unserer Provinzialgrenzen. Die altgandersheimische 
Herrschaft Derenbui-g wurde von Ilaiberstadt und Branden- 
burg als Lehen in Anspruch genommen. In der zweiten 
Hälfte des 15. und noch mehr im 16. Jahrhundert geriet 
das Grafenhaus tief in Schulden, aus denen es sich zum 
Teil durch Verschwägerung mit den benachbarten Stolbergcrn 
zu befreien suchte. Schon der von gegen 1490 an regierende 
Graf Ulrich XV. (f 1530) begann die Einführung der Re- 
formation in seinem Lande, die dann sein gleichnamiger 
Sohn (gestorben am 22. März 1551), der im Jahre 1546 
seine edle zweite Gemahlin Magdalene, geborene Grätiii zu 
Stolberg, bei einem Brande des Blankenburger Schlosses 
verlor, mit Eifer fortsetzte. Mit seinem Urenkel Johann 
Ernst starb im Jahre 1599 das alte angesehene Harzgrafen- 
geschlecht aus. 

Das Haus der Grafen zu Honstein, das sich bis gegen 
Ende des 15. Jahrhunderts durch Fehden und Teilungen 
geschwächt hatte, hob sich gegen Ende desselben unter dem 
Grafen Ernst (1492 — 1508) wieder. Sein gelehrter Sohn 
Wilhelm war 1486 Rektor der Erfurter Hochschule. Ernst V. 
(t 1552), der allein den Stamm fortsetzte und zur Re- 
gierung gelangte, widersetzte sich erst mit Eifer der Ein- 
führung der Reformation in seinem Gebiete, während 
seine Söhne Ernst VI. und Volkmar ihr entschieden er- 
geben waren. 

Teils den letzteren, teils auch den verbrüderten Grafen 
zu Stolberg und Schwarzburg nachgebend, verstand er sich 
am 31. März 1546 zu einer Unterredung mit Heinrich 
Rosenberg, honsteinischem Kanzler und Propst zu München- 
lohra, dem Marschall Heinrich von Bülzingsleben und dem 
trefflichen Johann Spangenberg, damals Pfarrer zu Nord- 
hausen, behufs der nun allgemein durchzuführenden Refor- 
mation im Honsteinischen. Nur der tüchtige, höher gebil- 
dete, entschieden evangelische Graf Volkmar setzte den Stamm 
fort und mufste, als Kurfürst August von Sachsen die Herr- 
schaft Lohra gegen mansfeldische Lehensstücke an Halber- 
stadt vertauschte, diese vom Stift zu Lehen nehmen. Er 
starb am 5. Februar 1580. Von seinen vier Söhnen über- 
lebte ihn nur Ernst VII., dem als letztem Sprossen der 
Ilonstein - Klettenberger Linie, als er am 3. Juli 1593 zu 
Lohra gestorben war, Wappen, Schwert und Siegelring seines 
Geschlechts mit ins Grab gelegt wurden. Die andere Linie 
Ilonstein -Heldrungen hatte unter dem tüchtigen und unter- 
nehmenden Grafen Johann II. 1484 Heldrungen an Mans- 



330 



Neunter Abschnitt. 



feld veräußert und hatten dessen Nachfolger als tüchtige treue 
Kämpfer der Kurfürsten von Brandenburg von diesen die Graf- 
schaft Vierraden an der unteren Oder zu Lehen erhalten. Diese 
im IG. Jahrhundert unter der Bezeichnung Vierraden-Schwedt 
auftretende Liniestarb zwar erst im Jahre 1609 mit dem 
Deutschordensmeister Graf Martin aus, konnte aber die 
Klettenbcrgischen nicht beerben, weil die Heldrungen - Vier- 
radener Linie nicht zur gesamten Hand mitbelehnt war. 

Während so die übrigen Harzgrafengeschlechter im 
Reformationsjahrhundert entweder ausstarben oder, wie das 
Haus Mansfeld, durch Teilungen und Schuldenwesen ihre 
selbständige Stellung verloren, erlebte das Haus Stolberg in 
der Reformationszeit die erste Glanzperiode seiner durch die 
Jahrhunderte bis zur Gegenwart dauernden Blüte. Nachdem 
1455 auf Botho, den glücklichen Erwerber der Grafschaft 
Wernigerode und anderer Herrschaften und Amter, dessen 
Sohn Heinrich ( — 1511) gefolgt war, nahm zwar auch unter 
diesem das zur Entfaltung der Stände in seinem Herrschafts- 
gebiet bedeutsame Schuldenwesen überhand, aber der fromme 
Herr, obwohl er sonst mit Wallfahrten, Heiltümerverehrung 
und Marienkult dem Kirchenwesen seiner Zeit huldigte, er- 
warb sich durch die klare Erkenntnis vom Verfall des 
geistlichen Standes und die Förderung des Werkes der 
Klosterreformation ein entschiedenes Verdienst. Er umgab 
sich mit gründlich studierten Geistlichen, und die stolber- 
gischen Lande hatten ihrer evangelischen Prediger wegen 
einen weiten Ruf. Heinrichs Kaplan , der gelehrte Dr. Jo- 
hann von Seydewitz (Sitewitz), später Dechant zu Wernige- 
rode, wurde dem Herzog und Landgraf Wilhelm von 
Sachsen als Vermittler in Rom für das Werk der augusti- 
nischen Klosterreformation empfohlen und neben seiner grofsen 
Gelehrsamkeit seine „Liebe zu göttlichen Sachen" hervorge- 
hoben. Den Gipfel weitreichender ruhmvoller Wirksamkeit 
erstieg aber das Haus Stolberg unter Heinrichs Sohne Botho, 
der Glückselige zubenannt, und dessen Söhnen. Der Vater, der 
auch die wirtschaftlichen Verhältnisse des Hauses wieder in 
gute Ordnung brachte, und die Söhne dienten dem Kaiser und 
Reich mit ihrem Rate. Graf Botho war gerade zur Zeit der 
aufkeimenden Reformation als Hofmeister oder Rat für die 
Erz- und Bistümer Magdeburg und Halberstadt Erzbischof 
Albrechts rechte Hand. Und wenn er auch äufserlich, gleich 
seiner Gemahlin Anna, einer geborenen Gräfin zu Königstein- 
Eppstein, im Bekenntnis der alten Kirche lebte und starb, 
so gebrauchte er doch nie zur Unterdrückung des reli- 
giösen Bekenntnisses das weltliche Schwert, suchte vielmehr 



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Die Grafen zu Stolberg und die Reformation. 



381 



Gewaltthat zu verhüten. Bei seinen Lebzeiten verbreitete 
sich, geleitet und gefordert von seinen Söhnen, die refor- 
raatoriscbe Lehre in den Grafschaften Stolberg und Wernige- 
rode, von denen namentlich die letztere eine Zeit lang eine 
Zufluchtsstätte für die Evangelischen der Umgegend wurde. 
Graf Bothos Kinder waren alle von Jugend auf der evan- 
gelischen Lehre zugethan. Die ältesten, Wolfgang und Lud- 
wig, besuchten die Universität Wittenberg, wo Wolfgang im 
Sommer 1521 Rektor war. Ludwig, der dann auch die 
Reformation in seinen königsteinschon Landen förderte, ge- 
hörte zu der kleinen Zahl der hohen Herren, auf welche 
ein Melanchthon besondere Hoffnung für Kirche und Schule 
setzte. Heinrich, der dritte, mufste zwar mit Rücksicht auf 
die Drohungen des Lehensherrn Herzog Georg von Sachsen 
1527 in Leipzig studieren, bewährte aber sein treues evan- 
gelisches Bekenntnis als Domdechant zu Köln. Bei ent- 
schiedener Parteinahme für die altkirchliche Richtung 
winkten ihm zu Köln und selbst zu Mainz seiner Tüchtig- 
keit wegen Aussichten auf die Erlangung dieser geistlichen 
Fürstentümer. Während in der Grafschaft Stoiberg die 
Reformation in ihren frühesten Anfangen unter wesentlicher 
Mithilfe Johann Spangenbergs, in Wernigerode 1537/41 auch 
des Autor Lampadius, besonders durch den Pfarrer und Hof- 
prediger Tileman Platner (seit 1519), einen Freund und 
Schüler Melanchthons , durchgeführt wurde, war es Graf 
Bothos älteste Tochter Anna , welche als Äbtissin zu Qued- 
linburg mit Hilfe Platncrs im Stift reformierte. Und wenn 
ein ähnlicher Einflufs der Töchter Magdalene und Katharina, 
als Gräfinnen zu Regenstein und Henneberg, sich auf einen 
engeren Kreis beschränkte, so mag hier wenigstens im 
Vorbeigehen erwähnt werden, welche Bedeutung Graf 
Bothos zweite Tochter Juliana, die fromme, treffliche Ge- 
mahlin Wilhelms von Nassau - Dillenburg , als Mutter Prinz 
Wilhelms von Oranien, des Befreiers der Niederlande, 
gewann. 

Versuchen wir nach dieser kurzen Rundschau über die 
geistlichen und weltlichen Herren, Fürstentümer und Graf- 
schaften, wie sie die Reformation, die eine so aufserordent- 
liche Fülle von Richtungen und Persönlichkeiten zeitigte, 
vorfand, in gedrängten Zügen den Gang der Reformation 
selbst in unseren Ländern zu verfolgen, so haben wir noch- 
mals daran zu erinnern, wie gerade von hier, besonders von 
den geistig regsamen Mittelpunkten Magdeburg und Erfurt 
aus, im Gegensatze zum Papsttum die konziliaren Be- 
strebungen und der Widerspruch gegen mancherlei herr- 



382 



Neunter Abschnitt. 



sehenden Mißbrauch gegen Ende des Mittelalters ausgingen. 
Die Reformation der Klöster hatte zwar in der Person eines 
Nikolaus von Kues auch einen Vertreter am päpstlichen 
Hofe gefunden, aber auch dieser blieb seinem ursprünglichen 
Streben nicht treu und meist ging jene zunächst äufsere 
Reform von den Landesfürsten, weltlichen wie geistlichen, 
aus, die durch das immer weiter um sich greifende Ver- 
derben zu diesem Werke gedrungen wurden, dabei aber zu- 
gleich ihre Machtfülle der Kirchengewalt gegenüber be- 
festigten. Im Konflikt mit den Ordensgeneralen und mit Rom 
wurde unter thätiger Unterstützung unserer bereits genannten 
Fürsten das Werk eines Zolter, Proles und Johann Staupitz 
in der Begründung der reformierten thüringisch-sächsischen 
Kongregation der Augustiner, die zu Magdeburg und Erfurt 
ihre hohen Schulen (studium generale) hatten, durchgeführt. 
Nicht, dafs diese Genossenschalt, die sich die allgemeine An- 
erkennung und Liebe von Fürsten und Volk, zuletzt auch 
von Papst und Kardinälen, erwarb, sich zunächst durch eine 
innere religiöse Erkenntnis in der Lehre ausgezeichnet hätte, 
sie war vielmehr grünes Holz der mittelalterlichen Kirche, 
und es gab z. B. auch in ihren Gliedern namhafte Gnaden- 
oder Ablafsprediger. Aber dieser thüringisch - sächsische 
Klösterbund hatte sich durch Verbindung mit der hoch be- 
vorrechteten lombardischen Bruderkongregation in dem merk- 
würdigen juristischen System der römischen Kirche eine 
eigentümlich freie, nur mittelbar abhängige Stellung errungen, 
die bald von ungeahnter Bedeutung werden sollte. War nun 
schon um den Beginn des 16. Jahrhunderts diese Kongre- 
gation für die Hochschulen Tübingen, Heidelberg, Erfurt 
von grofsem Einflufs, so läfst sich Wittenberg geradezu 
als ihre Pflanzung ansehen, denn nicht nur ihr Mitglied 
Luther wurde von Erfurt als Lehrer der heiligen Schrift 
dahin berufen, sondern, wie der erste Blick auf die Matrikel 
zeigt, herrscht bei der Begründung diese Kongregation unter 
Lehrern und Hörern. 

So wenig nun aber auch der in tieferen persönlichen An- 
trieben und Erfahrungen liegende Grund der Reformation 
Luthers aus der Entwicklung der mönchischen Kongre- 
gation , der er angehörte , hergeleitet werden kann , ebenso 
wenig war doch deren Ursprung und erster Gang in der Ge- 
schichte unabhängig davon. 

Schon bei einem flüchtigen Blick mufs es auffallen, dafs 
in der südlichen Hälfte unserer Provinz, dem Wiegenlande 
der Reformation, zu Erfurt, Magdeburg, Wittenberg, Himmel- 
pforten, Quedlinburg, Langensalza, Nordhausen, Sangerhausen, 



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Die thür.-sachs. Kongregation der Aug.-Einsiedler. 338 



Eisleben und Herzberg nicht weniger als zehn Konvente 
dieses sonst verhältnismäfsig nicht sonderlich ausgebreiteten 
Bettelordens gelegen waren, von denen die drei ersten als 
Brennpunkte ihres damaligen Lebens zu bezeichnen sind, 
alle zehn aber bald eben so viele Pflegestätten in der 
Reformation Luthers werden sollten. Nicht die viel zahl- 
reicheren älteren, ebenfalls reformierten Orden oder die viel 
angeseheneren Prediger- und Barfüfsermönche wurden die 
Urheber und Anfänger dieser gewaltigen Bewegung. 

Kaum hatte Erzbischof Albrecht am 7. Mai 1514, be- 
gleitet unter anderen von den Suffraganbischöfen zu Naum- 
burg, Merseburg, Brandenburg und Havelberg, seinen Ein- 
zug in Magdeburg, dann am 14. Mai des nächsten Jahres 
in ähnlicher Weise in Halle gehalten, als er sich genötigt sah, 
zur Deckung seiner besonders wegen der Palliengelder und 
Einzugskosten bei den Fugger gemachten Anleihen, sich nach 
Geldquellen umzusehen. Die Stände bewilligten hierzu die 
Steuer des fünften Pfennigs und am 19. Dezember 1515 eine 
Steuer auf zwei Jahre, wobei nur die Städte sich Bedenk- 
zeit ausbaten und Magdeburg sich der Auflage entzog. 
Aber da diese Gelder, sowie ein ziemlich einträglicher bei 
der Einzugsfeier gespendeter Ablafs nicht genügten, so ge- 
währte ihm der Papst, sein Hauptgläubiger, einen aufser- 
ordentlichen Ablafs auf acht Jahre. Die Hälfte der ein- 
kommenden Gelder sollte zum Bau der Peterskirche, die 
andere vom Erzbischof zur Tilgung seiner Palliumschulden 
verwandt werden. 

Als geschicktes Werkzeug für ein solches Geschäft hatte 
sich durch frühere Erfolge beim Sammeln der Ablafsgelder 
der aus Leipzig gebürtige, redefertige Dominikanermönch 
Johann Tetzel empfohlen, dem daher das Kommisariat für 
die Erhebung des magdeburgischen Ablasses übertragen 
wurde. Er begann denn auch sein Wesen mit grofsem Ge- 
räusch, zog in der ersten Woche des Juni 1517 in Magde- 
burg, dann noch in derselben zu Halle mit grofsem Pompe 
ein. Ein wackerer Franziskaner zu Magdeburg trat dem 
rohen, plumpen Gesellen zwar mit ernstem Zeugnis entgegen, 
wurde aber durch Bedrohung zum Schweigen gebracht. Als 
er nun weiter in dem seit 1170 magdeburgischen Jüterbogk, 
wo besonders durch Erzbischof Wichmann deutsch - christ- 
liches Wesen gepflanzt war, im Spätherbste 1517 seinen 
Handel anfing und auch aus dem nicht zu entfernten Witten- 
berg Zulauf erhielt, fühlte sich Dr. Martin Luther, als Lehrer 
der heiligen Schrift an der dortigen Hochschule, in seinem 
Gewissen gedrungen, gegen diesen Unfug zu zeugen und 



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334 



Neunter Abschnitt. 



erbot sich, nach damaligem akademischem Brauch unter Auf- 
stellung von 95 Sätzen, die am Sonnabend den 31. Oktober 
1517 an die Thür der Schlofskirche zu Wittenberg an- 
geschlagen wurden, zur öffentlichen Verteidigung derselben. 
Zwar suchte Tetzel polternd mit Bedräuen von Feuer und 
Schwert Luther, wie jenen Franziskaner in Magdeburg, 
zum Schweigen zu bringen, aber dieser suchte und fand 
Schutz bei seinem Landesherrn, dem Kurfürsten Friedrich. 
An seinen obersten geistlichen Herrn, den Erzbischof Albrecht, 
sandte er seine Thesen mit einem unterwürfigen Schreiben, 

O 7 

da er diesen zu gewinnen hoffte. Zur Widerlegung der Sätze 
zeigte sich in Wittenberg niemand bereit; sie fanden viel- 
mehr eine unglaublich schnelle Verbreitung, denn so wenig 
sie, als das Ergebnis eines augenblicklichen Anlasses, irgend- 
wie ein ausgearbeitetes Lehrgebäude enthielten, so waren 
doch darin die Fragen, die das innerste Wesen des Christen- 
tums, Sünde, Bufse, Rechtfertigung betreffen, enthalten. Die 
Tausende, die sie aller Enden m lasen und hörten, fanden 
darin eine in ihnen lebende Überzeugung ausgesprochen. 
Aber dafs damit eine Wiedergeburt des apostolischen Christen- 
tunis, ein neues Lebensprinzip in die Weltgeschichte ein- 
treten sollte, hätte wohl kaum der Mönch in Wittenberg, 
noch sonst jemand ahnen können. Dennoch traten sich von 
hier an mächtiger als je innerhalb der abendländischen 
Christenheit die Gegensätze von Rom und Wittenberg ent- 
gegen, hier die stolze Erbin der vom Altertum überlieferten 
Weltmacht, dort der fast dorfartige Hauptort des auf geistig 
eroberten Boden verpflanzten sächsischen Herzogtums, das 
aber nun die oberdeutsche Sprache redete, deren Herrschaft 
von hier aus vollendet wurde. 

Indem wir aber bei dem Uberblick über unsere Provin- 
zialgeschichte an diesem grofsen Wendepunkte angelangt 
sind, sehen wir uns mehr als an irgend einer anderen Stelle 
veranlafst, uns das Verhältnis der Lokalgeschichte , ja der 
individuell persönlichen Führungen und Erfahrungen zu den 
Bewegungen der Weltgeschichte zu vergegenwätigen. Noch 
heute führen uns Luthers Geburts- und Sterbehaus zu Eis- 
leben den unermefslichen Abstand zwischen den bescheide- 
nen Anfängen und den weltgeschichtlichen Wirkungen vor 
Augen. 

Wenn Martin Luther am 10. November 1483 zu 
Eisleben, wo er auch am 18. Februar 1546 aus dieser 
Zeitlichkeit schied, geboren wurde, dann im heimischen 
Mansfeld, zu Magdeburg, Eisenach seine Kindheit verleben, 
ferner besonders in Erfurt als Student und Klosterbruder 



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Eisleben, Wittenberg und die Anfänge der Information. 



seine inneren Kämpfe bestehen sollte, endlieh seit 1508 von 
Wittenberg aus in immer ausgedehnteren Kreisen als Hoch- 
schullehrer, Schrifterklärer und Reformator wirkte, so gehört 
die Betrachtung dieser persönlichen Entwicklung und Wirk- 
samkeit der Biographie oder der Kirchengeschichte an und 
wir werden daran erinnert, dafs es nicht die Aufgabe einer 
allgemeinen, geschichtlichen Darstellung sein kann, die in 
ihr berührten Erscheinungen individuell und allseitig nach 
ihren Quellen zu verfolgen. Sie hat vielmehr nur die Auf- 
gabe, die einzelnen Erscheinungen und Persönlichkeiten in 
ihrem Zusammenhange mit der gesamten Entwicklung der 
Zeit und in ihrem Verhältnis zu den sie umgebenden 
Mächten darzustellen. Der heute nach vier Jahrhunderten 
so geschäftige Hais der Gegner, der, statt dem inneren Ent- 
wicklungsgänge zu folgen, nur menschliche Schwächen an 
dieser weltgeschichtlichen Persönlichkeit aufzuweisen sich 
bemüht, vermag den geschichtlichen Zusammenhang der 
Erscheinungen und die Bedeutung der von einem Einzel- 
willen nicht abhängigen Entwicklung der neuen Zeit nicht 
zu verstehen. 

So wenig nun ein Mensch die volle Tragweite der 
lutherschen Sätze berechnen konnte, so hatte doch Luthers 
geistlicher Oberhirt, Bischof Hieronymus Schulz von Branden- 
burg, eine Ahnung von ihrer Bedeutung. Was sollte er 
aber thun? Die äufsere Einheit der abendländischen Kirche 
konnte nur so lange erhalten werden, als die weltlichen 
Fürsten sich bereit fanden, dieselbe auf päpstlichen Befehl 
mit Feuer und Schwert gegen jede Abweichung zu be- 
haupten. Da Schulz nun sah, dafs Kurfürst Friedrich seinen 
Unterthanen Sicherheit der Person gewährte, so handelte er 
gütlich mit Luther und vermochte ihn, über den Handel zu 
schweigen, ohne ihm sonst etwas zu thun. Dieser liefs sich 
auch dazu gewinnen, sandte die Thesen auch an seinen 
Ordenssenior Johann Staupitz und schrieb in devoter Weise 
an den Papst. Das Ungestüm Tetzeis und die Gegenthesen 
Wimpinas zu Frankfurt a. d. Oder sorgten aber dafür, dafs, 
wenn dies überhaupt möglich gewesen wäre, die einmal an- 
geregte Frage nicht totgeschwiegen wurde. Luther schrieb 
Erläuterungen seiner Thesen, die nicht geringen Eindruck 
machten. Aber je tiefer diese Fragen die Menschen zu- 
nächst in unseren Gegenden zu beschäftigen begannen, um 
so mehr kam Luther in persönliche Gefahr und um so 
wichtiger war es, dafs Kurfürst Friedrich sich weder durch 
das Dräuen noch durch die Schmeichelei des Papstes, letzte- 
res in der Übersendung einer geweihten Rose, bestimmen 



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Neunter Abschnitt. 



liefs, den Hochschullehrer ins Gefängnis zu werfen. Nichts 
verschlug es auch, dafs der äufserliche Veranlasser dieses 
inneren Kampfes, der sonst unbedeutende unwürdige Tetzel, 
um seiner schlechten sittlichen Führung willen, auf Veran- 
lassung des Papstes am 13. Dezember 1517 zurechtgewiesen 
wurde. 

Unsere Aufgabe ist nun nicht, dem ganzen Gange der 
Reformation nachzugehen, sondern nur insoweit die Bewe- 
gungen sich innerhalb unserer Grenzen verfolgen lassen. Da 
sehen wir nun, wie sich in den schon genannten Augustiner- 
klöstern, dann in der mansfeldischen und gesamten harzischen 
Heimatgegend, im Kurkreise und dessen nächster Umgebung 
von den ersten Anfangen an das intensivste Interesse an den 
einmal angeregten Fragen, besonders auch an dem Religions- 
gespräch Luthers mit Dr. Eck in Leipzig 1519 spürbar 
macht. Als auf Ecks Betreiben der Papst am 14. Juni 
1520 ihn in den Bann zu thun versuchte, bat dieser noch- 
mals den Erzbischof, ihn und seine Schriften nicht ohne ge- 
hörige Untersuchung zu verurteilen und verbrannte dann 
am 10. Dezember 1520 die Bannbulle, das päpstliche Recht 
und mehrere andere Schriften vor dem Elsterthore zu 
Wittenberg. Durch diese sinnbildliche Handlung wurde 
öffentlich bezeugt, dafs hinfort in # Glaubenssachen nicht mehr 
die äufsere Gewalt die innere Überzeugung der Gläubigen 
beherrschen solle. Am 17. und 18. Aprü 1521 war es dann 
auf dem Reichstage zu Worms, wo übrigens Erzbischof 
Albrecht, als Reichskanzler, in der Reichsmatrikel auch 
Magdeburg und Halle als seine ihm untergebenen Städte be- 
zeichnete, dafs Luther, diesmal unter sicherem Geleite — ohne 
solchen polizeilichen Schutz war nun einmal damals eine 
Reformation nicht möglich — sich unerschütterlich fest auf 
die heilige Schrift, als den Grund seines Glaubens, stellte. 
Und als er dann, in des Kaisers Acht und Aberacht ge- 
than, von seinem vorsorglichen Landesherrn auf das hohe 
Patmos der Wartburg in Sicherheit gebracht war, fühlte er 
sich um so mehr gedrungen, diese heilige Schrift, zunächst 
Neuen Testaments, zwar nicht zum erstenmal, aber doch 
zuerst in einer vom heiligen Geist durchwehten, auch dem 
schlichten Manne und der Gemeinde verständlichen Gestalt 
in die deutsche Muttersprache zu übersetzen. Am 17. März 
1522 ist er wieder in Wittenberg, da ihn die Nachricht von 
der Bilderstürmerei und dem schwärmerischen Lehren und 
Treiben Karlstadts veranlafst hatte, der geistig bedrohten 
Gemeinde beizustehen. Bald war die Ordnung hier her- 
gestellt, und von 1521 — 1524 breitete sich nicht nur im 



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Der Bauernaufruhr l. r >2ü. 



837 



Kursächsischen, am Harz, sondern auch unter Erzhischof 
Albrechts Augen zu Magdeburg durch Männer wie den 
Augustiner Melchior Miritz und den Prediger Andreas 
Kauxdorf aus Torgau die Reformation immer mehr aus. 

Da regten sich schon in den Jahren 1524 und 1525 
unruhige und schwärmerische Geister, die, teilweise mit ge- 
trieben von einer mifsverstandenen Auffassung von mensch- 
licher und christlicher Freiheit, die geheiligten Schranken 
gesetzlicher Ordnung zu sprengen strebten, und es erhob 
sich besonders in Thüringen und am Harz der Bauern- 
aufruhr, letzterer zumeist im Frühjahr bis Mai 1525. Waren 
auch solche gesellschaftliche Stürme, wozu auch der harte 
Druck, unter dem die Bauern durchweg seufzten, einen An- 
lafs bot, schon in früheren Jahrhunderten vorgekommen, so 
wurde doch der jüngste wegen des Verhältnisses, in das er 
zu der geistigen Erregung der Reformation trat, der be- 
merkenswerteste. Mit den Bauern in Thüringen und am 
Harz erhoben sich auch unruhige Elemente aus der Bürger- 
schaft zunächst gegen die Klöster, von denen eine überaus 
grofse Zahl schwere Schädigung und Zerstörung erfuhr. 
Der Hafs gegen dieselben erklärt sich besonders aus den 
Arbeiten und Lasten, die diesen Stiftungen zu leisten, viel- 
fach aus den Gütern und Vorräten, die hier zu rauben 
waren. 

In Thüringen war es der aus Stolberg gebürtige Thomas 
Münzer, der die niederen Leidenschaften des Landvolkes 
mit seinen religiösen Schwärmereien verband und dem es 
nebst dem entlaufenen Mönche Heinrich Pfeifer aus Kloster 
Reifenstein gelang, am 16. März 1525 in der Reichsstadt 
Mühlhausen den Rat abzusetzen und an dessen Stelle einen 
neuen „ewigen" Rat unter des im Deutschordenshofe resi- 
dierenden Münzers Leitung aufzurichten. Während Luther 
mit allem Ernst, ja mit aufserordentlicher Schärfe die geistigen 
Waffen gegen die aufrührerischen Bauern ins Feld führte, 
die eine Zeit lang die Herren des Landes, so die Grafen zu 
Mansfeld und Stolberg, zur Annahme ihrer Artikel nötigten, 
gelang es zumeist den zur Reformation haltenden Fürsten, 
das Bauernheer am 15. Mai 1525 hei Frankenhausen zu 
schlagen, worauf die Empörer und die beteiligten Ort- 
schaften teilweise sehr hart, im allgemeinen aber milde mit 
Geldbufsen bestraft wurden. Münzers Haupt fiel unterm 
Beil. 

Wie im allgemeinen der Bauernaufruhr von den Gegnern 
der Reformation dazu benutzt wurde, diese zu verdächtigen, 
so sollte er insbesondere in der Stadt Mühlhausen das Werk 

Jacobs. Gösch, d. Proy. Sachsen. 22 



338 



Neunter Abschnitt. 



der Kirchenerneuerung längere Zeit aufhalten. Als nämlich 
nach der Schlacht von Frankenhausen die siegreichen Fürsten, 
Kurfürst Johann und Herzog Georg von Sachsen und Land- 
graf Philipp von Hessen die Stadt eroberten, nahmen sie 
davon zunächst in abwechselnder Jahresregierung namens 
des Reiches Besitz, aber es schien ihnen eine willkommene 
Gelegenheit, selbst in dauernden Besitz der an ihren Grenzen 
gelegenen aufblühenden Stadt zu gelangen. Sie belegten sie 
mit schweren Strafen und Schutzgeldern, nahmen ihr das 
Reichsschultheifsenamt und die wohlhabenden Dörfer und 
versuchten auch, Mühlhausen, wie andere Städte in ihrem 
Machtgebiet, seiner Freiheiten zu entkleiden. Da aber der 
entschieden reformationsfeindliche Herzog Georg um den 
Preis des Widerstandes gegen die Reformationsbestrebungen 
des Kurfürsten und Landgrafen der Stadt Schutz und 
Freundschaft zusagte, so kam es, dafs man in der Nieder- 
haltung der Reformation das Mittel zur Behauptung der 
städtischen Freiheiten erblickte. Wirklich erhielt nach der 
schweren Niederlage der Evangelischen im Jahre 1547 
Mühlhausen seine volle alte Selbständigkeit wieder zurück. 
Aber trotzdem der Abscheu vor den Greueln des Bauern- 
kriegs und der Schwärmerei eines Münzer auf die Refor- 
mation selbst übertragen wurde, trotzdem eine durch den 
Erfolg sich bewährende Politik die Stadt auf die Seite ihrer 
Gegner trieb, sollte doch gerade sie beweisen, wie die Refor- 
mation, wo man sie nicht dauernd mit Gewalt niederhielt, 
um ihrer selbst willen zum Siege gelangen mufste. Freilich 
wurden erst 1536 unter dem Schutze Sachsens die Deutsch- 
ordenskirchen dem evangelischen Bekenntnisse geöffnet, worauf 
dann die der alten Kirchenform huldigende Gemeinde bald 
ausstarb. 

Ganz anders vollzog sich, doch ebenfalls unter sich 
kreuzenden Einflüssen verschiedener Obergewalten und den 
Stürmen der unteren Stände, die kirchliche Bewegung in 
Erfurt. Während infolge des tollen Jahres 1509 von 
Erzbischof Uriel von Gemmingen ein ganz auf mainzischer 
Seite stehendes, ihm unterthäniges Stadtregiment in Erfurt 
durchgesetzt worden war, hatte sich die Stadt durch einen 
Vertrag vom 3. November 1516 dem Kurfürsten Friedrich 
dem Weisen wieder als ihrem Schutz- und Schirmherrn und 
zur Zahlung eines ermäfsigten Schutzgeldes verpflichtet. Im 
Sommer 1521 bedrohte sie aber der mächtige Erzbischof 
Albrecht von Mainz, das frühere Verhältnis wieder zurück- 
zuführen und ihn unbedingt als Landesherrn anzuerkennen. 
Die Stadt trat aber in Anlehnung an Kursachsen der geist- 



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Einführung der Reformation in Mühlhausen und Erfurt. 339 

liehen Gerichtsbarkeit entschieden entgegen und zog die 
Geistlichen zu bürgerlichen Lasten heran. Die Klöster be- 
gannen sich durch den Austritt der Insassen bedeutend zu 
leeren; die Ehelosigkeit der Priester, Privatmessen und der 
Heiligendienst traten zurück, doch veranlafsten die stürmi- 
schen Bewegungen des Jahres 1521 den auf der Reise nach 
Worms in der Stadt predigenden Luther ihr mit allem Ernst 
ein „Habt Frieden " zuzurufen. Die Reformation nahm aber 
einen schnellen Verlauf: schon 1522 wurde ein auswärtiger 
Prediger berufen, 1524 die Besoldungs Verhältnisse der Geist- 
lichen geregelt, 1525 bereits die deutsche Form des evan- 
gelischen Gottesdienstes eingerichtet Ein kaiserliches Man- 
dat aus Madrid vom 1. Dezember 1524, welches unter Be- 
drohung mit Acht und Aberacht die Abschaffung der 
„boshaften verdammten lutherischen Ketzerei" verlangte, 
schreckte nicht, doch stellte das Jahr 1525 die jungen Ein- 
richtungen auf eine schwere Probe. Während Erzbischof 
Albrecht der kirchlichen Bewegung feindlicher entgegentrat, 
brachte die Ratsveränderung in Adolar Hüttener und Georg 
Friederun seine entschiedenen Gegner ans Ruder. Dazu 
kam der Ansturm des Bauernheeres, der sich freilich be- 
sonders gegen die Klöster und Anhänger der alten Kirche 
wendete, aber dadurch um so mehr den Zorn des Kirchen- 
fürsten erregen mufste. Nach Besiegung der Bauern trat 
aber die Reformation wieder in ihr ruhiges Geleise; aus den 
25 kleinen Pfarreien waren 8 bis 10 größere, auch der Dom 
zur evangelischen Pfarrkirche gemacht worden. 

Dafs nach so stürmischen Bewegungen und durch- 
greifenden Veränderungen die Reformation zum entschie- 
denen Siege gelangen konnte, erklärt sich weniger dadurch, 
dafs die Stadt den Aufforderungen des schwäbischen Bundes 
auf Abstellung der Neuerungen und dem Drohen Herzog 
Georgs gegenüber sich auf den Kurfürsten von Sachsen 
stützte, als aus dem Umstände, dafs die wirklich geistig 
lebendigen Elemente der Reformation zugefallen waren, 
während die feindliche Stiftsgeistlichkeit geistig lau und 
weltlich gesinnt und nur auf äufsere Dinge gerichtet war. 
Dennoch sah sich Erfurt zu einem Vergleich mit seinem 
geistlichen Oberherrn genötigt, der infolge einer Zusammen- 
kunft zu Querfurt am 7. Januar 1526 zustande kam. 
Albrecht forderte aufser vollständiger Anerkennung seiner 
Hoheits- und Herrenrechte auch die „Restitution der 
Divina" oder des altkirchlichen Religionswesens, freilich mit 
dem Zusatz: „wer nit 'neingehen will, der pleibe heraufsen." 
Wirklich wurde das römische Kirchenwesen in gröfserem 

22* 



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340 



Neunter Abschnitt. 



Umfange wieder eingerichtet, wenn auch die Stadt aufs ent- 
schiedenste aufseiten der Reformation blieb, auch an die 
Kurfürsten und Fürsten zu Sachsen, als an die „Land- 
fursten, Lehen- und Schutzherren" sich anlehnte. Und 
auch als nach einiger Zeit eine papistische Mehrheit der 
Ratsmeister und Vierherren an der Spitze des Stadtregiments 



Vergleich, der am 4. März bestätigt wurde, in welchem die 
Gleichberechtigung und Duldung der abweichenden Lehr- 
meinungen zur Anerkennung gelangte. Die Stadt versprach 
dagegen, sich ihrem Herrn, dem Erzbischof, wie es treuen 
Unterthanen gebühre, zu erzeigen. Der sächsische Schutz 
wirkte freilich bei diesem Erfolge nicht unwesentlich mit 
und die Stadt konnte sich nun ungestört und ruhig ent- 
wickeln, auch in der Begündung eines evangelischen Gym- 
nasiums einem dringenden Bedürfnisse der reformatorischen 
Gemeinde abhelfen. 

Ganz das Widerspiel zu jenen thüringischen Schwester- 
städten bildete bei Einführung der Reformation die Stadt 
Kordhausen. Keine grofsen Gegensätze im Innern, kein 
Reichtum und Gebiet nach aufsen, das benachbarte Fürsten 
zur Unterwerfung der Stadt angelockt hätte, störten das 
Üeifsige Streben der rührigen Bürgerschaft, während nächst 
der inneren Gewalt des wiedererwachten Evangeliums auch 
alle äufseren Umstände zusammenwirkten, sie der Refor- 
mation zuzuführen. Dazu gehörte die landsmannschaftliche 
Freundschaft mit Mansfeld und Luther, der reformierte 
Konvent des dortigen Augustinereinsiedler- Klosters, dessen 
wackerer, milder und Luther befreundeter Prior, Lorenz 
Süfse, am 16. Februar 1522 seine evangelische Antrittspredigt 
zu S. Petri hielt, endlich die Wirksamkeit mehrerer refor- 
matorischer Männer. Der erste war der 1493 zu Nord- 
hausen geborene Freund und Genosse Luthers, Justus 
Jonas, der zweite der entschiedene, aber sehr besonnene 
Reformator Johann Spangenberg, der, nachdem er seit 1520 
als Rektor, dann Diakonus zu Stolberg segensreich gewirkt 
hatte, im Jahre 1524 nach Nordhausen berufen wurde, wo 
er die eigentliche Durchführung und Einrichtung der Refor- 
mation, auch seit 1525 die Begründung des später ins 
Dominikanerkloster verlegten Gymnasiums in die Hand nahm, 
bis er auf Luthers dringenden Wunsch 1546 nach Eisleben 
ging, wo er nach vier Jahren aufopfernder Thätigkeit 
verstarb. Von der Bürgerschaft war der schon 1526 als 
Stadtschreiber, dann Syndikus thätige, hochgebildete, auch 
kunstliebende Bürgermeister Michael Meienburg (f 1555) 



stand, kam es am 5. Februar 




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Die Reformation in Nordhausen und Magdeburg. 



341 



eine Hauptstütze des Reformationswerkes. Er stand auch in 
lebhaftem, einflufsreichem Verkehr mit Grafen und Herren, 
so mit den Grafen zu Stolberg. Neben Meienburg ist noch 
der Rathausapotheker und spätere Bürgermeister Blasius 
Michel zu nennen, der seinen Mitbürgern besonders die 
reformatorischen Schriften vermittelte. 

Der einzige Widerspruch wurde seit 1523 vom Kapitel 
S. Crucis erhoben, das bald das Patronat über die Kirche 
verlor imd als einziger Rest der päpstlichen Kirche bis zu 
Anfang unseres Jahrhunderts in der evangelischen Stadt 
übrig blieb. Allerdings entstanden der Stadt, aber mehr 
von aufsen, ernstliche Gefahren, als nach der zu Mühlhausen 
durchgeführten Münzerschen Umwälzung im April 1525 
Pfeifer mit seinem Gesindel gegen die Edelhöfe, und be- 
sonders gegen die Klöster des Eichsfeldes raubend und 
plündernd auszog und am 2. Mai sich mit gröfseren Scharen 
aufmachte, um die „Ungläubigen" zu unterwerfen und ein 
neues Weltreich aufzurichten. Der Rat war nicht stark genug, 
die Klöster vor Plünderung zu schützen; aus Klettenberg- 
Hon stein, der goldenen Aue und anderswo erhoben sich die 
ländlichen Elemente, aber nach der schnellen Besiegung 
Münzers trat bald die Ruhe wieder ein. Der Rat fand sich 
mit den Klosterpersonen ab, nahm die Klöster in Besitz und 
das Religionswesen wurde dauernd auf feste, den Frieden 
sichernde Grundlagen gestellt. 

In der erzbischöflichen Hauptstadt Magdeburg, die nun 
mit Erfurt denselben Oberherrn hatte, lagen die Verhält- 
nisse für die Entwickelung der Reformation in mehrfachem 
Betracht ähnlich. Auch hier gab es schon ein sehr reges 
geistiges Streben, einen bedeutenden durch seine Sehlde aus- 
gezeichneten Konvent der Augustiner vom Einsiedlerorden; 
auch hier stand den bedeutenden Rechten des Erzbischofs 
und mächtiger Stifter ein starkes Streben der Bürger nach 
Freiheit gegenüber; auch hier machte sich auf Grund der 
burggräflichen Rechte und Pflichten der Einflufs Kursachsens 
geltend. Schon ums Jahr 1521 begannen aufscr dem 
Augustiner Melchior Miritz und Johann Isleb oder Eisleben 
an den verschiedenen Gemeinden nach und nacli eifrige 
Prediger im Sinne Luthers aufzutreten. 

Im Volke gab sich ein grofses Verlangen nach evan- 
gelischer Predigt kund. Selbst Nichtstudierte fühlten sich 
gedrungen, vor dem Volke ihrer Glaubensüberzeugung Aus- 
druck zu geben. Sie mufsten es, da man ihnen die Kirchen 
dazu nicht einräumte, auf öffentlichen Plätzen thun. Ein 
mächtiger Bundesgenosse für den Sieg des reforraatorischen 



342 



Neunter Abschnitt. 



Geistes wurde das kräftige deutsch- evangelische Kirchenlied, 
das, von schlichten Bürgern und Handwerkern in Einblatt- 
drucken auf der Gasse verbreitet, bald in Herz und Gemüt 
der Leute eindrang, so dafs man diese geflügelten Glaubens- 
zeugnisse bald in den Kirchen auswendig singen konnte. 
Luther, der sich für die bedeutende Stadt, die er selbst in 
seiner Knabenzeit 1497/98 besucht hatte, lebhaft interessierte, 
schrieb am 15. Juni 1522 einen merkwürdigen Brief an 
seinen Freund, den Bürgermeister Nikolaus Sturm, der mit 
mehreren vom Rate zu den warmen Beförderern der Refor- 
mation gehörte. Im Jahre 1523 kam der aus Halberstadt 
geflüchtete ehemalige Augustiner Dr. Eberhard Weidensee 
nach Magdeburg; im nächsten Jahre wurde er erst Pastor 
zu S. Ulrich, dann zu S. Jakob. Graf Botho zu Stolberg, 
der als des Erzbischofs Hofmeister oder Vertreter das 
Regiment im Erzbistum hatte, übte nur gegen offenbare 
Ausschreitungen Gewalt, und so geschah es, dafs mit dem 
Jahre 1524 oder 1525 die Reformation in der Stadt nach 
allen Seiten, aufser im Domstift, siegreich vorgedrungen war. 
Da aber das Werk der kirchlichen Neugeburt nicht von 
oben ausgehen sollte, so war es merkwürdig, wie schnell 
und im wesentlichen einmütig die Bildung kirchlicher 
Kollegien von den Gemeinden selbst ausging. Bald nahm 
jedoch der Rat die Bestellung evangelischer Prediger in die 
Hand. Am 22. Mai 1524 wurden die Artikel einer ersten 
neuen Kirchengemeinde- Ordnung, die mit Erklärung In dem- 
selben Jahre zu Eilenburg erschienen, im Augustinerkloster 
unter dem besonnenen Dr. Melchior Miritz vereinbart. Noch 
im Augustinerhabit, das er erst am 9. Oktober desselben 
Jahres ablegte, kam Luther am 24. Juni 1524 nach Magde- 
burg, kehrte bei seinem Freunde Sturm ein und hielt be- 
sonders am 3. Juli eine zündende Predigt zu S. Johannis, 
der alten Kaufmanns- und Stammkirche der Stadt. 

Aber bei einer so grofsen mannigfaltigen Bevölkerung 
und bei den sehr verschiedenen, gerade bei Geistlichen und 
Mönchen nicht immer edeln Beweggründen zum Verlassen 
der Klöster und des alten Bekenntnisses konnte es nicht 
fehlen, dafs auch unwürdige Elemente sich in die grofse 
Bewegung hineindrängten. So kam es denn an mehreren 
Stellen, selbst in den Kirchen und besonders in der Neu- 
stadt, Sudenburg und S. Michael zu wüsten Auftritten. In 
der Franziskanerkirche gerieten die Mönche mit Prügeln 
und Steinen aneinander. Die pöbelhaftesten Szenen fanden 
am 1 5. August mittags in der Franziskanerkirche statt, dann 
durch eine grofse Rotte im Dom, wo das Gesindel mancher- 



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Die Reformation in Magdeburg 1522/26. 



iei Zerstörungen vornahm und der stark beleibte Doni- 
dechant so mifshandelt wurde, dafs er bald danach starb. 
Tags darauf sagte Kurfürst Joachim von Brandenburg der 
Stadt alle Freundschaft ab und auf die Klage einiger junger 
Domherren wurde am 27. September dem Hat ein Mandat 
des Reichsregimen ts überreicht, um sich wegen der Aus- 
schreitungen und Unruhen zu rechtfertigen. Der Rat, der 
eine ansehnliche Bufse zahlen und die lutherische Ketzerei 
aus der Stadt entfernen sollte, legte Verwaltung ein, er- 
wählte den kursächsischen J {echtsieh rer Dr. Schürf zu seinem 
Sachwalter und fertigte auch unter dem Stadtsyndikus 
Dr. Merz eine Gesandtschaft ab, durch welche er beim Reichs- 
regiment sein Thun und Verhalten rechtfertigte, während 
gleichzeitig für alle Fälle die Stadt in bessern Verteidigungs- 
zustand gesetzt wurde. Die Sache wurde in Güte beigelegt, 
aber die üble Stimmung gegen die Stiftsgeistlichkeit, be- 
sonders die drei Domherren, welche durch ihre Klage der 
Stadt den unangenehmen Prozels verursacht hatten, aufs 
äufserste gesteigert. Zu Kurfürst Joachim von Branden- 
burg und Herzog Georg von Sachsen wurde ein gutes 
Verhältnis hergestellt, weil beide Fürsten aus Handels- 
rücksichten sich die Magdeburger nicht verfeinden wollten. 

In den Verhältnissen der Geistlichkeit traten seit dem 
Herbst des ereignisvollen Jahres 1524 mehrere Veränderungen 
ein. Der entschieden lutherische aber leidenschaftliche 
Amsdorf bezog . im September seine Wohnung bei der 
Ulrichskirche; Weidenscc, Scultetus, Fritzhans, Grauert 
traten in die Ehe. Im Juni 1526 wurde auch Martin 
Luther mit der früheren Klosterjungfrau Katharina von 
Bora als seinem „frommen getreuen Weib", verbunden, 
ein Vorgang, welcher für die Reformation von grofser und 
segensreicher Bedeutung wurde. 

Auch die Begründung einer reformations- und schul- 
geschichtlich merkwürdigen Unterrichtsanstalt fallt noch ins 
Jahr 1524. Anfangs in der Stephanskapclle bei der S. 
Johanniskirche untergebracht, wurde sie bald in das ge- 
räumige August inerkloster verlegt; 1527 wurde Kaspar 
Cruciger, 1529 Georg Major als Rektor derselben berufen. 
Ihre Schülerzahl stieg bald auf 600 und darüber. 

Unter der mit der Reformationsbewegung zusammen- 
hängenden Gährung führten die Unruhen des 24. Februar 
1525 eine erwähnenswerte Veränderung in der Stadtver- 
fassung herbei. Es wurde nämlich durch den Druck der 
niederen Bürgerschaft 1526 festgesetzt, dafs die beiden sie 
vertretenden Mitglieder nicht aus den Innungen genommen 



341 



Neunter Abschnitt. 



werden sollten, vielmehr sollten die neuerwählten Ratsherren 
aus den sechs Pfarreien Kör- oder Kür-(YVahl-)herren be- 
stimmen. Diese hatten die beiden Ratsherren aus der Bürger- 
schaft zu wählen. Übrigens hatten der Rat und die besonnenen 
evangelischen Geistlichen in der unruhigen Zeit des Bauern- 
krieges, wie auch ein Jahrzehnt später, als die wieder- 
täuferischen Ideen auch in der grofsen erzbischöflichen Stadt 
Eingang fanden, ihre Arbeit, um Ruhe und Ordnung auf- 
recht zu erhalten. Mit dem Erzbischof wurde am 15. August 
1528 ein vorteilhafter Vertrag abgeschlossen, besonders mit 
Hilfe der ihm gewährten 10000 Gulden, deren er bei seinen 
vielen Schulden benötigt war. Ein hartes Mandat Kaiser 
Karls V. vom 30. September 1527, das dem Kurfürsten 
von Brandenburg und Herzog Georg die Exekution gegen 
die Stadt auftrug, scheint gar nicht veröffentlicht zu sein. 

Aufser der ewigen Geldnot waren es noch mancherlei 
Umstände, welche den Willen Albrechts, des Kaisers und 
der katholischen Fürsten, die Reformation gewaltsam zu 
unterdrücken, banden. Eine Zeit lang war es die Rück- 
sicht auf den König von Frankreich, weit mehr aber die 
lange drohende Türkengefahr. So konnten, nicht sonderlich 
zur Ehre Gottes und zum allgemeinen Besten, heftige Streit- 
schriften zwischen Amsdorf auf der einen und dem Dom- 
prediger Cubito und Bonifazius in der Sudenburg auf der 
anderen Seite gewechselt werden. Wegen Magdeburgs Be - 
teiligung am schmalkaldischen Bunde wurde zwar ein scharfes 
kaiserliches Mandat erwirkt, aber der Erzbischof setzte sich 
doch friedlich mit der Stadt auseinander. Dieselbe gewann 
sogar durch die Form, in welcher dieses Bündnis geschlossen 
wurde, und die ihr gewährte Teilnahme am Nürnberger 
Religionsfrieden an Selbständigkeit. 

Einen höchst erwünschten Freund erhielt die Reformation 
im Erzstift Magdeburg, wie später auch im Bistum Merse- 
burg, in dem trefflichen Fürsten Georg III. von Anhalt, 
einer der edelsten Persönlichkeiten der Reformationszeit. 
Geboren am 13. August 1507 und eifrig katholisch erzogen, 
seit 1524 wirklicher Dompropst zu Merseburg, wandte er 
sich seit seiner Mutter Tode (8. Juni 1530) allmählich, aber 
um so entschiedener, zur Reformation. Luthers scharfe, 
derbe Feder suchte er durch freimütige Vorstellung nicht 
ohne Erfolg zu mildern und der Reformator bekennt von 
einem solchen Freunde: „Fürst Georg ist frömmer, denn 
ich; wo der nicht in den Himmel kommt, werde ich wohl 
herausbleiben." Der Einflufs des auch vom Kaiser Karl V. 
sehr verehrten Mannes war, abgesehen von seiner nicht un- 



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Reformation iii Magdeburg und Halle. 



bedeutenden schriftstellerischen Thätigkeit, wegen seiner 
Stellungen eine sehr bedeutende, denn Erzbischof Albrecht 
hatte den einsichtsvollen Fürsten 1529 zu seinem Rat in 
der Regierung des Erzbistums Magdeburg ernannt und 1544 
auf die Bitten des zum Administrator in Merseburg bestellten 
Herzogs August als dessen Koadjutor erwählt, und als solcher 
war er feierlich von Luther im Dom daselbst ordiniert. Um 
jene Zeit arbeitete er zumeist für Herzog Moritz die für 
dessen Lande bestimmte Kirchenordnung aus. Seit 1548 
aus Merseburg verdrängt, wirkte er hinfort meist nur in 
den anhaltischen Landen und starb am 17. Oktober 1553 
zu Dessau. 

In Halle trat Erzbischof Albrecht der Ausbreitung der 
Reformation mit besonderem Eifer entgegen. Denn da er 
die Stadt, wie auch schon sein Vorgänger, zum Sitz seines 
Hofhaltes erwählt hatte, so wollte er sie zur Burg eines 
päpstlichen Kirchentums machen, an dem er besonders wegen 
seines äufseren Pompes, Heiltümer- und Ablafswesens hing. 
So gründete er denn 1520 in der Kapelle auf seiner Moritz- 
burg dem heiligen Moritz und der Maria Magdalena ein 
Stift „ zum Schweifstuch Christi das aber dann ins Domini- 
kanerkloster verlegt wurde. Am 23. August 1523 fand die 
Einweihung der neuen Domkirche statt. Eine Hochschule 
oder Studium generale sollte die Neuerungen nachdrücklichst 
bekämpfen. Reliquien, an deren Besichtigung reicher Ablafs 
geknüpft war, sah man hier bald in erstaunlicher Menge 
aufgehäuft. 

Zu seinem Verdrufs inulste der prunkliebende Kirchen- 
fürst erfahren, dafs die neuen Stiftsherren selbst sich zur 
Reformation bekannten. Er wandte sich daher mit seinem 
„Sclmtze" nach Mainz. Den Domprediger Georg Winkler 
liefs er seiner reformatorischen Predigten wegen nach 
Aschaffenburg vorladen. Er wurde zwar entlassen, aber 
unterwegs meuchlerisch ermordet. Dagegen trat ihm Kur- 
fürst Johann Friedrich 1534 entschieden entgegen, als er 
sechzehn neugewählte Ratspersonen auswies, weil sie das 
Abendmahl nicht unter einer Gestalt nehmen wollten. Der 
Kurfürst sah darin eine Verletzung der ihm der Burggraf- 
schaft wegen zustehenden Gerichtsbarkeit, erteilte auch Schult- 
heifs und Schöffen einen Verweis wegen ihrer Willfährigkeit 
gegen den Erzbischof. 

In Stadt und Stift Halberstadt hatte die Reformation mit 
vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Bald nach 1520 tritt 
der gelehrte und tüchtige Propst des Augustiner klosters zu 
S. Johannes, Dr. Eberhard Weidensee als Zeuge des Evan- 



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34G 



Neunter Abschnitt. 



geliums auf und zwei Kapläne, Thomas Wissel und Hein- 
reich Gefferdes predigen zwei Jahre evangelisch; bis sie 1523 
ausgewiesen werden. Gefferdes wird vom Rat mit der 
Pfarre im benachbarten Gr. - Quenstedt belehnt, aber der 
Stiftshauptmann Hans von Werthern läfst ihn gefangen setzen, 
dann wird er ausgewiesen, erhält aber 1528 eine Berufung 
nach Goslar. Auch der Domprediger Hammenstedt, Bürger- 
meister Heinrich Schreiber, aus Wernigerode gebürtig, und 
Valentin Mustaeus im Servitenkloster waren teils Ver- 
kündiger, teils Anhänger der evangelischen Predigt. Gegen 
den bedrohten Schreiber, der unter dem Geleite von 
Freunden nach Wernigerode entweichen wollte, verübte der 
Stiftshauptmann auf regensteinischem Gebiete ungesetzliche 
Gewalt. Während viele seiner Glaubensgenossen getötet 
wurden, brachte man Schreiber und andere Gefangene nach 
Halberstadt, wo sie enthauptet worden wären, wenn nicht 
der Domherr Levin von Veltheim und mehrere Jungfrauen 
Fürbitte eingelegt hätten. Gegen eine Schätzung von tausend 
Gulden wurde Schreiber freigegeben, mufste aber Halber- 
stadt verlassen. Den Mustaeus, der sich wegen der gegen 
ihn gerichteten Anklage vor dem Erzbischof rechtfertigt 
hatte, liefs der fanatische Weihbischof Heinrich von Akkon 
knebeln und durch einen Eseltreiber in einem Bierkeller 
entmannen. Später erhielt er auf Luthers Verwendung eine 
Anstellung im Kursächsischen. Nun wurde gegen Weiden- 
see vorgegangen. Ohne ordentliche Prüfung seiner Predigten 
und Schriften wurde er gefangen gesetzt, entfloh aber aus 
dem Karthäuserkloster Konradsburg nach Magdeburg, wo- 
hin auch Hammenstedt entweichen mufste. 

Als nun so die Zeugen des reformatorischen Bekennt- 
nisses entfernt waren, kam der Frühling des Jahres 1525 
mit dem Bauernsturm , der weithin im Stift und Sprengel 
von Halberstadt, zu Helfta, Sittichenbach, Gerbstedt, Wieder- 
stedt, Hettstedt, Konradsburg, Wendhausen, Huysburg, 
Stötterlingenburg, Hamersleben, Aderslcben und an den 
wernigerödischen Stiftungen Himmelpforten, Drübeck, llsen- 
burg, Wasserleben und Langeln, sowie dem Hofe Schauen 
sein Zerstörungswerk übte. Als aber dieses Gewitter schnell 
vorübergegangen war, meinte man die reformatorische Predigt 
ganz unterdrücken zu können oder man suchte die immer 
wieder auftretenden evangelischen Geistlichen, bei denen das 
Volk Trost und Erbauung fand, besonders in der äufseren 
Form bei der päpstlichen Kirche zu erhalten. So sollte 
Heinrich Winkel aus Wernigerode, der mit besonderer Kraft 
zu S. Martini wirkte, die römische Messe feiern. Da er 



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Schwierigkeiten der Reformation in Halber3tadt. 347 



diesem Ansinnen fest widerstand, mußte er den Platz 
räumen. Johann Winnigstedt aus dem S. Johanniskloster 
trat an seine Stelle. Da aber auch er sich zur Reformation 
bekannte, so wurde er genötigt, in seine Zelle zurückzu- 
kehren, wo er dann harte Behandlung erleiden mufste. Nun 
bat der Rat wieder um Heinrich Winkel als Prediger und 
ein Konrad Feigenbutz aus Nymwegen trat ihm zur Seite. 
Da sie aber ihres entschieden evangelischen Bekenntnisses 
wegen nicht bleiben durften, so versuchte man es wieder 
mit Winnigstedt, bei dem sich jedoch dieselbe Erfahrung 
wiederholte, indem er 1529 deutschen Gesang und Messe 
einführte und schriftgemäfs vom Abendmahl lehrte. Im 
Jahre 1530 erliefs der Erzbischof ein scharfes Mandat gegen 
die lutherische Ketzerei, wollte auch nur solche Ratsherren 
bestellen, die derselben nicht verdächtig seien. Die Evan- 
gelischen mufsten ins Regensteinische nach Derenburg, sowie 
nach Wernigerode und Quedlinburg ziehen, um evange- 
lischem Gottesdienst anzuwohnen, sammelten sich aber auch 
bei Bürgern zu Hausandachten. Aber der Widerstand 
Albrechts war vergeblich; in Stadt und Land drang die 
Reformation siegreich vor: 1527 dankte der katholische 
Pfarrer zu Aschersleben ab, um einem vom Rat berufenen 
evangelischen, dem Kantor Peter Lenz vom Domstift in 
Halle, dann 1531 Andreas Sachse Platz zu machen. In 
gleicher Eigenschaft wurde 1535 ein Johann Senger nach 
Ermsleben, Konrad Beyne nach Osterwick berufen. In letzterer 
Stadt war schon 1526 die reformatorische Bewegung in 
Flufs; 1538 kam Augustin Steinkopf aus Börnecke als evan- 
gelischer Prediger nach Croppenstedt. Als dann im Jahre 
1535 in Kurfürst Joachim I. von Brandenburg, 1539 Herzog 
Georg von Sachsen, die Hauptgegner der Reformation in der 
Nachbarschaft, starben, war vollends die Bewegung nicht mehr 
niederzuhalten. Erzbischof Albrecht, der dies erkannte, 
handelte darüber zuerst 1539 mit den Ständen auf dem 
Landtage zu Kalbe und liefs dann den Stiftern Magdeburg 
und Halberstadt die Religionsfreiheit gegen die Übänahm! 
von 500000 Gulden Schulden, wovon 8 /ö auf Magdeburg, 2 5 
auf Halberstadt entfielen. Es sollten nur die Stifter, Klöster 
und seine Residenz Halle frei bleiben. Aus persönlicher 
Rücksicht wurde jedoch jenes Zugeständnis nicht aus- 
drücklich in den Landtagsabschied vom 23. Januar 1541 
aufgenommen. 

Für die Predigt zu S. Martini in Halberstadt wurden 
die Hofprediger Jodocus Otto vom Grafen Ulrich von Regeu- 
stein und Lic. Autor Lampadius vom Grafen Albrecht Georg 



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348 



Neunter Abschnitt. 



zu Stolberg in Wernigerode überlassen ; bei der S. Johannis- 
gemeinde wurde Johann Schacht aus Gardelegen bestellt. 
Nach Stadtgröningen kam 1544, nach Wegeleben 1545 der 
erste reformatorische Prediger. Im wesentlichen hatte, als 
am 24. September 1545 der Kardinalerzbischof zu Aschaffen- 
burg starb, die Reformation im Stift Halberstadt ebenso wie 
im Erzstift Magdeburg gesiegt, wenn auch hier und da auf 
dem Lande die formliche Durchführung erst später gelang, 
so 1556 zu Köchstedt, 1559 zu Schwanebeck und so fort. 
Meist vollzog sich die Umwandlung äufserlich geräuschlos. 
Für die Predigt des römisch-katholischen Bekenntnisses fehlte 
es bald an Männern. Im Zusammenhang mit den refor- 
matorischen Bestrebungen stand es auch, wenn Albrechts 
Nachfolger Johann Albrecht den Konkubinat der Dom- 
herren, sowie das Adamsaustreiben und andere unwürdige 
Domherrenspiele zu Halberstadt abschaffte und sein Nach- 
folger Sigismund (1551 — 1566) in diesem Bestreben fortfuhr. 

Gelangte so die Reformation selbst im Kampfe gegen die 
widerstrebende weltgeistliche Oberherrschaft zum Siege, so 
kam sie natürlich in Kursachsen unter dem Schutze der 
ihr von Herzen zugethanen Fürsten viel schneller zum 
völligen Abschlufs. Die Universität Wittenberg, Luther und 
Melanchthon und manche andere Väter der Reformation 
an der Spitze, war nicht nur der Herd des geistigen Lebens 
für die sächsischen Kurlande, sondern für die ganze Refor- 
mation in Deutschland, ja in Europa. Sie überstrahlte mit 
ihrem Ruhm und geistigen Leben alle Hochschulen der da- 
maligen Zeit. Der Besuch war ein so gewaltiger, dafs 
Luther und Melanchthon dabei manche Sorge hatten. Die 
Menge reformatorischer Druckschriften, besonders der Bibel 
in deutscher Sprache in der kleinen Stadt war eine erstaun- 
lich grofse, aber neben Wittenberg begannen auch andere 
Orte, die bisher der Druckereien ganz entbehrten, wie Eis- 
leben, Eilenburg und aufserhalb Sachsens Nordhausen, 
Halberstadt und andere. Durch diese meist dem ernsten 
und heiligen Schrifttum dienende Thätigkeit in Orten wie 
Erfurt und besonders Magdeburg mehrte sich der Buchdruck 
mächtig. 

Kaum hatte Kurfürst Johann seinen Arm der Unter- 
drückung des Bauernaufrnhrs geliehen, als unter seinem 
Schutz im Jahre 1525 der Gottesdienst in deutscher Sprache 
in seinen Landen durchgeführt wurde. Aber es bedurfte 
auch schon einer politischen Sicherung der Evangelischen, 
und als die Herzöge von Braunschweig, der Kurfürst von 
Brandenburg, Herzog Georg und Erzbischof Albrecht auf 



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Wittenberg. Kurf. Johann der Beständige von Sachsen. 849 



die gemeinsame Unterdrückung der Reformation dachten, 
beredete sich Kurfürst Johann in seiner gewöhnlichen Re- 
sidenz Torgau mit dem Landgrafen von Hessen und den 
Grafen Gebhard und Albrecht zu Mansfeld am 4. Mai 1526 
wegen eines evangelischen Bundes, dem bald die Stadt 
Magdeburg beitrat. So kam es, dafs der speiersche Reichs- 
tagsabschied vom 27. Juli 1526 so günstig lautete, wie die 
Evangelischen es nur erwarten durften, nämlich dahin, dafs 
in Religionssachen auf ein künftiges allgemeines Konzil 
verwiesen wurde ; bis dahin sollten sich die Reichsstände ein 
jeder in seinem Gebiete so verhalten, wie er sich getraue, 
es gegen Gott und den Kaiser zu verantworten. 

Darauf liefs Kurfürst Johann 1528 in allen seinen Landen 
eine erste allgemeine Kirchenvisitation vornehmen, wobei 
neben weltlichen Räten im Kurkreise und im kurfürstlichen 
Meifsnerlande Luther, Jonas, Bugenhagen, Melanchthon, in 
Thüringen Mykonius, Menius thätig waren. Die Grund- 
lagen dieser Visitations-, Kirchen- und Schulordnung wurden 
von Melanchthon unter Luthers Billigung verfafst. Diese 
erste gründliche Ordnung einer evangelischen Landes- 
kirche war teils an sich, insbesondere aber auch als 
Vorbild für spätere und auswärtige Visitationen von Be- 
deutung. 

Um sich gegen einen kriegerischen Uberfall zu sichern, 
schlofs der Kurfürst, am 9. März 1528 ein Bündnis mit 
Landgraf Philipp von Hessen. Die Theologen rieten ihm, 
wenn irgend möglich, den Krieg zu vermeiden und sich auf 
die Verteidigung zu beschränken. Der Aufrechterhaltung 
eines friedlichen Verhältnisses galt dann auch die zu Stafs- 
furt am 11. Juni 1528 mit Erzbischof Albrecht getroffene 
Vereinbarung. Als nun am 5. April 1529 der Reichstag 
zu Speier die weitere Ausbreitung der Reformation reichs- 
gesetzlich zu hindern suchte, verfafsten die evangelischen 
Stände schon am nächsten Tage dawider eine gründliche 
Gegenschrift und von diesem am 19. April an Kaiser und 
Reich übergebenen Proteste oder Verwahrung, der also nur 
gegen die Hemmung der Ausbreitung des reformatorischen 
Bekenntnisses gerichtet war, erhielten die Bekenner der 
Kirchenerneuerung den meist und zunächst in gegnerischem 
Munde gebrauchten Namen Protestierende. 

Verdiente sich Kurfürst Johann schon bis dahin durch 
sein gleichmäfsiges, überzeugungstreues Vorgehen den ihm 
später beigelegten Namen des Beständigen, so doch noch 
ganz besonders in dem entscheidenden Jahre 1530. Als im 
Juni dieses Jahres der Reichstag zu Augsburg abgehalten 



350 



Neunter Abschnitt. 



werden sollte, wurden am 21. März die sogenannten Tor- 
gauisehen Artikel als wesentlicher Inhalt des evangelischen 
Bekenntnisses abgefafst. Auf Grund derselben arbeitete dann 
Melanehthon, doch mit Prüfung und Beratung Luthers und 
der übrigen theologischen Amtsbrüder, die Augsburgische 
Konfession aus, die am 25. Juni 1580 bei lautloser Stille 
in der bischöflichen Kapelle zu Augsburg von dem kur- 
hessischen Kanzler Beyer klar und deutlich verlesen wurde 
und einen gewaltigen Eindruck machte. Als die Witten- 
berger Theologen allein nach Augsburg gehen wollten, sagte 
der Kurfürst fest und freudig: „Ich will mit euch meinen 
Herrn Christum bekennen", und brach am 3. April von 
Torgau auf. Am 23. September desselben Jahres erklärte 
er: „Ich weifs, dafs die Lehre, so in meiner Konfession 
enthalten, so fest und unbeweglich in der heiligen Schrift 
begründet ist, dafs auch die Pforten der Hölle sie nicht über- 
wältigen können." Am 11. Oktober war er wieder in Torgau. 
Am 27. Februar 1531 schlofs er zu Schmalkalden mit 
Herzog Philipp von Braunschwcig-Grubenhagen, dem Land- 
grafen von Hessen, Fürst WoJfgang zu Anhalt, den Grafen 
Gebhard und Albrecht von Mansfeld und elf Städten, da- 
runter Magdeburg, ein Bündnis zu gegenseitiger Verteidigung. 
Dafs es nicht zum Kampfe kam, war der friedlichen Ver- 
mittelung Erzbischof Albrechts und des Kurfürsten von der 
Pfalz zu verdanken, so dafs es am 25. Juli 1532 zu dem 
am 2. August vom Kaiser zu Regensburg bestätigten 
Nürnberger Reiigionsfrieden kam, nach welchem bis zu 
einem künftigen Konzil keiner den andern bekriegen 
sollte. 

Während Kurfürst Johann, von dem noch zu erwähnen 
ist, dafs er das Hofgericht zu Wittenberg gründete, sein 
Regiment im Frieden führte und beschlofs, sollte sein Sohn 
und Nachfolger für die Sache der Reformation einen lange 
vorausgesehenen schweren Krieg führen. Durch sorgfältige 
Erziehung wohl ausgebildet, wurde Johann Friedrich am 
2. Juni 1527 in der clevischen Herzogstochter Sibylle eine 
treffliche Lebensgefährtin beschieden. Wie sein Vorgänger 
hielt er meist zu Torgau Hof, wenn er auch zuweilen nach 
Wittenberg kam, für dessen Hochschule er sehr viel that. 
Im Jahre 1533 nahm er eine zweite grofse Kirchenvisi- 
tation vor. 

In den ersten Jahren liefs sich alles friedlich an. In 
dem unter eifriger Beteiligung Erzbischof Albrechts und 
Herzog Georgs am 29. Juni 1534 getroffenen Vergleich zu 
Kadan wurde der Nürnberger Religionsfriede bestätigt. Der 



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Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen. 



Kurfürst erkannte Ferdinand als römischen König an und 
wurde seinerseits am 20. November 1535 zu Wien von 
diesem namens Kaiser Karls V. belehnt. 

Im September des nächsten Jahres wurde dann auf zehn 
Jahre unter dem Hinzutritt von Württemberg und Pommern 
der Schmalkaldische Bund und am 19. März 1537 in Zeitz 
die alte Erbverbrüderung zwischen Sachsen, Brandenburg 
und Hessen erneuert, am 7. November 15:38 zu Miihl- 
berg _mit Herzog Georg Gerichtsbarkeitsstreitigkeiten wegen 
der Amter Liebenwerda , Schweinitz und Mühlberg gütlich 
beglichen. Seit den späteren dreifsiger Jahren begannen sich 
aber die Gegensätze der Parteien immer mehr zuzuspitzen . 
Die evangelischen Glaubensverwandten versammelten sich 
anfangs 1537 wieder zu Schmalkalden, wo auch als feste 
gemeinsame Grundlage Luthers „Schmalkaldische Artikel" 
aufgestellt wurden. Dem gegenüber entstand nun am 10. Juni 

1538 unter Vermittelung des Vizekanzlers Held zu Nürn- 
berg der „Heilige Bund" (Liga), bei welchem von unseren 
Fürsten Erzbischof Albrecht wegen Magdeburg und Halber- 
stadt und Herzog Georg beteiligt waren. Auch der hitzige 
Federkrieg zwischen Luther und dem reformationsfeindlichen 
Herzog Heinrich dem Jüngeren von Braunschweig steigerte 
auf beiden Seiten die Verbitterung. Da schien das Jahr 

1539 durch das Ableben Herzog Georgs und den entschiedenen 
Anteil, welchen die Söhne Joachims I. von Brandenburg 
an der Reformation nahmen, eine Wendung zugunsten der 
letzteren herbeizuführen. Sowohl in den Marken als in Herzog 
Georgs Landen wurde die Reformation allgemein durch- 
geführt, was auch wieder nachhaltig auf die benachbarten 
Gegenden einwirkte. Unter unmittelbarer Beteiligung Kur- 
fürst Johann Friedrichs, der die Visitatoren sandte, und 
unter eifriger Förderung seiner Gemahlin Katharina liefs 
Georgs Bruder Heinrich (der Fromme) sofort das Refor- 
mationswerk in seinen Landen, wozu innerhalb unserer 
Provinz besonders die thüringischen Gegenden, dann Lands- 
berg, Bitterfeld, Zörbig und der gröfste Teil des Kreises 
Liebenwerda gehörte, durchführen. Hierbei fand sich 
wenig Widerstand, da der verstorbene Herrscher die evan- 
gelischen Überzeugungen seiner meisten Unterthanen nur 
mit Gewalt niedergehalten hatte. So genügte denn die 
kurze ihm für sein Regiment beschiedene Zeit von 1539 
bis zum 18. August 1541 zur Neuordnung der kirchlichen 
Verhältnisse, die auch für die als solche geltenden alber- 
tinischen Landesbistümer Merseburg und Meilsen entscheidend 
wurden. 



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352 



Neunter Abschnitt. 



In der Altmark und den übrigen jetzt zu unserer Pro- 
vinz gehörigen brandenburgischen Gebieten konnte zwar bis 
zum Tode Joachims L, des entschiedenen Gegners von 
Luther, die Reformation nicht zu ungestörter Entfaltung 
und Gestaltnng kommen, zumal auch die Geschlossenheit 
dieser Gebiete und die Nachbarschaft der katholischen 
Fürstentümer Magdeburg und Braunschweig es verhinderte, 
sich, wie es im albertinischen Thüringen geschah, an evan- 
gelische Nachbarn anzulehnen. Aber der äufsere Druck 
vermochte auch hier die reformatorische Bewegung nicht zu 
ersticken. Wie sehr man in der Altmark, besonders in den 
Städten, nach der Kirchenerneuerung verlangte, zeigt der 
zahlreiche Besuch dort Eingesessener auf der Universität 
Wittenberg. Und wenn zu Augsburg im Jahre 1530 auch 
Joachim I. aufseiten der Evangelischen fehlte, so neigten sich 
doch seine Söhne Joachim und Johann ihnen zu. Am 15. August 
des letzteren Jahres kam es in Stendal zu einem mit der 
Reformation im Zusammenhange stehenden Aufruhr, im De- 
zember abermals zu stürmischen Auftritten, worauf sechs Übel- 
thäter enthauptet wurden. Am 23. März 1531 ging dann 
die Stadt der seit Albrecht dem Bären besessenen Zollfrei- 
heit in der Altmark und Priegnitz verlustig, sie mufste eine 
Geldbufse von 10 000 Gulden zahlen, die Herstellung aller 
im Aufruhr beschädigten Gebäude der Geistlichen und kur- 
fürstlichen Räte übernehmen ; den Tuchmachern ward der 
Pantaleonsschmaus untersagt und die Haupturheber des Auf- 
ruhrs mufsten die Stadt räumen. Sobald Kurfürst Joachim I. 
gestorben war, ging die Saat des Evangeliums besonders in 
den Städten auf, auch noch bevor der gleichnamige Sohn, 
der sich dann auch in den Zeremonieen möglichst an die 
römische Weise anschlofs, offen mit seinem Bekenntnis 
hervortrat. 

Am 24. März 1538 predigte Luthers Mitarbeiter Justus 
Jonas in der Marienkirche zu Stendal; am Vorabend des 
Reformationsfestes 1539 wird zu Stendal und in anderen 
altmärkischen Städten das Abendmahl nach der heiligen 
Schrift unter beiderlei Gestalt gespendet. In demselben 
Jahre arbeitete Konrad Cordatus (er wurde am 16. No- 
vember 1540 zum Vizedechant und Superintendenten an der 
Stiftskirche zu Stendal bestellt) mit Matthias von Jagow, 
Bischof von Brandenburg, Jakob Starkner und dem Propst 
Georg Buchholzer die 1540 gedruckte evangelische Kirchen- 
ordnung Kurfürst Joachims II. für die Mark aus. Die 
Visitation begann in der Altmark zu Stendal anfangs No- 
vember 1540. Für die altmärkischen Städte, von denen 



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Die Altmark zur Roformationszeit. Stift Naumburg-Zeitz. 353 



hundert Jahre früher besonders Salzwedel und Stendal an- 
gesehene Glieder der Hanse gewesen waren, war die Re- 
formationszeit mit ihrer anders gearteten, das Fürstentum 
und gemeine Stände hoch entwickelnden Gestalt des öffent- 
lichen Lebens nicht günstig. Im Jahre 1518 schrieben 
Stendal und Salzwedel, von denen ersteres noch ums Jahr 
1466 mehr als Hamburg beim Genter Tuchhandel, auch mit 
Antwerpen und London, beteiligt war, dem Hansebunde ab. 
Als im Jahre 1553 der Londoner Stalhof erneuert wurde, 
verhandelten die altmärkischen Städte auf einer Versamm- 
lung zu Mefsdorf, Kreis Osterburg, wegen einer Wieder- 
aufnahme in die hansische Vereinigung, aber es kam nicht 
dazu. Die letzten Versuche wurden noch von Stendal, eben- 
so wie von Erfurt und Mühlhausen, 1 604 gemacht. Vorüber- 
gehend wurden im 16. Jahrhundert den altmärkischen 
Städten auf Kosten des geächteten Magdeburg Ilandels- 
vergünstigungen erteilt. So nahm am 20. Juli 1547 Karl V. 
Magdeburg das Niederlagsrecht zugunsten von Tangerraünde, 
Stendal und anderen. Am 27. Juli 1548 erhielt Stendal 
das Niederlagsrecht der Magdeburger Heermesse, einen Rofs- 
und Jahrmarkt in der Fastenwoche, Pfingstmarkt auf Trini- 
tatis und anderes mehr. 

Kehren wir bei unserer Umschau über die Anlange der 
Reformation in den einzelnen Gebieten unserer Provinz 
zurück , so gelangte nicht nur in dem zum albertinischen 
Sachsen gehörenden Bistum Merseburg mit wesentlicher 
Förderung durch den Dompropst Fürst Georg zu Anhalt 
— während Bischof Sigismund von Lindenau (1533 — Neu- 
jahr 1544) nur keinen Widerstand leistete — die Refor- 
mation zum Siege, sondern auch für das zum emestinischen 
Teile gerechnete Naumburg - Zeitz erhielt der Kurfürst mit 
dem Jahre 1539 freiere Bewegung; denn das aus zwei in 
den heutigen Kreisen gleichen Namens noch erkennbaren 
Teilen bestehende Stift war mehr von herzoglichen als von 
kurfürstlich sächsischen Landesteilen begrenzt. Um die Zeit 
des Ablebens von Herzog Georg war auch zu Zeitz, wo das 
Evangelium länger als zu Naumburg durch den kurfürst- 
lichen Hof bei Rat und Volk durch Genufs- und Prunksucht 
erstickt war, das reformatorische Bekenntnis zum Durch- 
bruch gelangt. Nur fast das ganze Kapitel und ein Teil 
des Stiftsadels widerstanden ihm. Als nun am 5. Januar 
1541 der unthätige, weltgesinnte Bischof Philipp in Frei- 
singen gestorben war, kam viel darauf an, wer seine Stelle 
einnehmen würde. Der Kurfürst war entschlossen, sie in 
seinem Sinne zu besetzen. Gerade deshalb wurde hinter 

Jacobs, Gösch, d. Prov. Sachsen. 23 



354 



Neunter Abschnitt. 



dessen Rücken und insgeheim und ohne kurfürstliche Zu- 
stimmung der hochgebildete, vermittelnde, doch der eigent- 
lichen Reformation widerstrebende Julius Pflug gewählt, 
der für den Kaiser stets der gesetzliche Bischof von 
Naumburg blieb, wenn er auch bis zu Anfang 1547 
nicht ins Stift kommen konnte und bis 1545 in Mainz 
lebte. 

Kurfürst Johann Friedrich nahm inzwischen die Ver- 
waltung zu Naumburg - Zeitz in die Hand , führte mit 
Unterstützung der auf seiner Seite stehenden Behörden und 
Einwohnerschaft die Reformation durch und hob die welt- 
liche Macht des Bistums auf. Dann schritt er, nachdem 
man von dem Fürsten Georg zu Anhalt abgesehen hatte, 
zur Einsetzung eines neuen Bischofs, bei dem nicht auf 
weltliche Macht und Glanz, sondern auf Lehre, Gottesfurcht 
und Klugheit gesehen wurde. Als solcher wurde, nach einer 
zu Eilenburg mit den kurfürstlichen Räten getroffenen Ver- 
einbarung, Nikolaus von Amsdorf, geboren 1483 wahr- 
scheinlich zu Torgau, aus einem ansehnlichen einheimischen 
Geschlecht, ein tüchtig gebildeter, streng am reformatorischen 
Bekenntnis haltender, aus freier Wahl unvermählter Mann 
und Freund Luthers, bestellt und am 20. Januar 1542 von 
Luther und anderen Reformatoren zu Naumburg feierlich 
als erster evangelischer Bischof geweiht Der Stiftsadel 
leistete meist heftigen Widerstand,., so auch bei der erst seit 
1545 begonnenen Visitation. Aufserlich war Amsdorfs 
Stellung sehr bescheiden: er bezog neben freier Tafel und 
anderem nur 600 Gulden an Gelde. Die Magdeburger 
hatten ihn nur ungern von sich scheiden sehen und Luther 
sagt, Amsdorf sei aus einem reichen Pfarrherrn ein armer 
Bischof geworden. 

Durch sein entschiedenes und eigenmächtiges Vorgehen 
in den Bistümern, besonders in der Bestellung eines Bischofs 
in Naumburg-Zeitz gegen den Willen des Kaisers, hatte Jo- 
hann Friedrich sich dessen entschiedene Feindschaft zu- 



erst werden durch den Verrat seines nahen Verwandten und 
natürlichen Bundesgenossen Herzog Moritz. Kaum war 
dieser, zwanzig Jahre alt, 1541 seinem Vater Heinrich ge- 
folgt, als er eine überaus grofse Entschiedenheit und Willens- 
kraft bekundete. Der Reformation war und blieb er fest 
ergeben und diente ihr z. B. 1544 durch Einführung einer 
Kirchenordnung, sowie durch seine Sorge für das Schul- 
wesen. Unter seinen Gründungen erhält z. B. in unserer 
Provinz die Kloster- und Fürstenschule zu Pforta sein ehren- 




sollten ihm diese Mafsnahmen aber 



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Kursachsen u. Bistum Kaumburg. Herzog Moritz. 



355 



des Gedächtnis. Aber er ging sonst, getragen von hohen 
politischen Gedanken und Berechnungen, seine eigenen. Wege. 
Die Bestimmung seines Vaters, der letztwillig die Herrschaft 
des albertinischen Sachsens unter seine Söhne geteilt hatte, 
erkannte er nicht an. Dem Schmalkaldischen Bunde lieh 
er zwar noch 1545 gegen Heinrich den Jüngeren von 
Braunschweig seinen Arm; während aber im April des 
nächsten Jahres Kurfürst Johann Friedrich auf dem Regens- 
burger Tage die Naumburger Bistumsangelegenheit im re- 
formatorischen Sinne erledigt zu sehen sich bemühte, geht 
Moritz am 24. Mai ins Lager des Kaisers über und trifft 
mit demselben am 19. Juni ein geheimes Abkommen, worin 
ihm die Kurwürde und das Land seines Vetters, ebenso die 
Oberherrlichkeit über die Stifter Magdeburg und Halber- 
stadt, deren Wahlfreiheit nur nicht beschränkt werden solle, 
zugesichert wird. Es war für die Reformation in unseren 
Gegenden nicht nur, sondern für deren Bestand überhaupt 
eine sehr gefahrliche Lage. Während in Italien die Refor- 
mation erstickt wird, in den Niederlanden Feuer und Schwert 
gegen sie wüten, in Frankreich selbst Parlamente sie er- 
würgen und in Deutschland schon der Orden auf keimt, der 
mit Künsten und Listen die auf geradem Wege nicht zu 
besiegende evangelische Wahrheit zu dämpfen sucht, betritt 
der natürliche, geistgewaltige und tapfere Bundesgenosse der 
Evangelischen die verschlungenen Pfade selb&tgewäblter 
Politik, um unter der Demütigung, Gefahrdung und Be- 
raubung seines nächsten Verwandten und Bundesgenossen 
ehrsüchtige Ziele zu verfolgen. 

Am 20. Juli 1546 wird der Kurfürst und $ein hessischer 
Bundesgenosse in die Acht erklärt. Der Kaiser vereinigt 
seine italienischen, spanischen, niederländischen und deutscheu 
Regimenter, um in Deutschland seinen Willen durchzusetzen, 
während Moritz die Besitznahme der Länder seines Vetters 
beginnt. Julius Pflug wird unter dem Schutz von Herzug 
Moritz, König Ferdinand und Graf Hans von Mansfeld in 
sein JBistum eingeführt, wo mit einem Te Deuni — freilich 
nicht von der Bevölkerung, sondern nur im Stift ange- 
stimmt — der römische Gottesdienst wieder eingeführt wir4- 
#war gelingt es dem Kurfürsten noch einmal, nicht nur 
seine Lande wieder zu erobern, sondern auch in 4es Usur- 
pators Gebiet einzudringen und den im Jahre 1545 auf 
Albrecht gqfolgten Erzbiscbof Joliann Albrecht, geborenen Mark- 
grafen von Brandenburg-Ausbach, Bruder Herzog Albrechts 
von Preufsen, in Halle am Neujahrsabende 1547 zum Ver- 
zicht auf Magdeburg und Haiberstadt zu nötigen, worauf 

23* 



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856 



Neunter Abschnitt. 



denn Stände und Kapitel am 13. Januar 1547 dem Kur- 
fürsten huldigen — auch wurde damals zu Merseburg die letzte 
Spur des römisch - päpstlichen Kircheuwesens beseitigt und 
Pflug Ende 1546 nochmals aus Zeitz verjagt, während 
Amsdorf zurückkehrte — aber bald sollte sich das Glück 
wenden. Der Kaiser rückte aus Oberdeutschland von Eger 
her mit seinem Heere heran, verband es mit dem König 
Ferdinands und dem des Herzogs Moritz und seines Bruders 
August, so dafs er dem Kurfürsten um das Vierfache über- 
legen war. Zwar bot jetzt Moritz seinem Vetter noch ein- 
mal Vergleichsverhandlungen an, aber in dieser Lage und 
nach so schlimmen Erfahrungen konnte dieser seine Sache 
nur Gott und seinen eigenen Schutz- und Trutzmitteln anver- 
trauen. Er zog sich gegen den ihm bei Meifsen gegenüber- 
tretenden Kaiser elbabwärts zurück und lagerte sich bei 
Mühlberg. Trotz der Nähe der Gefahr hielt Johann Fried- 
rich am Sonntag Misericordias, den 24. April , im Lager 
den Gottesdienst ab. Er beabsichtigte, sich mit seinem 
Heere weiter stromabwärts unter den Schutz der Festung 
Wittenberg zu begeben. Aber mit Hilfe spanischer Sol- 
daten wurde die Schiffbrücke, die der Kurfürst hatte ab- 
brechen lassen, wieder hergestellt. Da es aber dem Kaiser 
auf einen schnellen Schlag ankam, so liefs er die Reiterei 
eilends über den Flufs setzen, wobei ihm ein Müller Barthel 
Strauch, ein Unterthan des Herzogs Moritz, der als Verräter 
seitdem bei seinen Landsleuten in allgemeine Verachtung 
kam, eine Furt zeigen mufste. Drei Meilen nordwärts Mühl- 
berg in der lochauer Heide erreichten die kaiserlichen Reiter 
den Kurfürsten, der nur einen Teil seiner Truppen bei- 
sammen hatte. Besonders der kursächsischen Reiterei, die 
das Fufsvolk in Verwirrung brachte und sich nicht mann- 
haft genug hielt, wird der Verlust der nun sich entspinnenden 
Schlacht zugeschrieben, in der der Kurfürst so tapfer focht, 
dafs er sich die ehrende Anerkennung der Feinde gewann. 
Im Gesicht verwundet, hatte Johann Friedrich sich todmüde 
in das sumpfige Gehölz des Schweinert zurückgezogen und 
wurde hier von den Spaniern umringt. Da er sich keinem 
Feinde ergeben wollte, so soll er sich dem Thilo von Trotha 
im Gefolge des Herzogs Moritz gefangen gegeben haben. 
Von neapolitanischen Reitern wurde er erst zum Herzog 
Alba, dann zum Kaiser geführt, dem er unter der Be- 
deckung spanischer Hakenschützen folgen mufste. Mit 
grofser Standhaftigkeit und Ergebung ertrug er die schwere 
Demütigung. 

Während Torgau und das platte Land bald in die Hände 



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Dio Schlacht bei Mühlberg und ihre Folgen. 



857 



von Moritz fielen, befand sich das feste Wittenberg noch in 
verteidigungsfahigem Zustande. Da der Kaiser sah, dafs es 
schwer zu erobern sei, suchte er auf den gefangenen Kur- 
fürsten einen furchtbaren Druck zu üben, indem er am 
10. Mai durch ein Kriegsgericht das Todesurteil über ihn 
sprechen liefs. Zur Vollstreckung kam das Urteil, bei dessen 
Verkündigung Johann Friedrich grofse Seelenruhe bewies, frei- 
lich nicht, indem Herzog Moritz, Herzog Wilhelm von Cleve 
und besonders lebhaft Kurfürst Joachim II. von Brandenburg 
sich beim Kaiser für den Gefangenen verwandten. Hart 
genug war aber die sogenannte Wittenberger Kapitulation 
vom 19. Mai, welche der Kaiser dem gefangenen Kurfürsten, 
der darin blofs Johann Friedrich der Altere von Sachsen 
hiefs, vorschrieb: Er mufste alle seine Länder an den Kaiser 
abtreten, demselben auch die Festungen Wittenberg und 
Gotha überliefern, allen Ansprüchen auf die Stifter Magde- 
burg und llalberstadt und besonders auf Halle entsagen, 
auch alle seine Eroberungen und Gefangenen ausliefern, 
sich dem lieichskammergericht unterwerfen und einen vom 
Kaiser zu bestimmenden Beitrag dazu zahlen. Von des 
Gefangenen, an Herzog Moritz geschenkten, Gütern wurde 
dessen Kindern ein jährliches Einkommen von 50000 Gulden 
zugesichert. 

Die den letzteren eingeräumten und hinfort bei deren 
Nachkommen verbliebenen Orte und Gebiete gehören zu- 
meist dem südlichen Thüringen und den gegenwärtigen 
sächsisch-ernestinischen Herzogtümern an. Wir haben dem- 
nach von Johann Friedrich und seinem Geschlecht für 
unsere nur die Provinz Sachsen betreffende Aufgabe Ab- 
schied zu nehmen. Nur kleine vereinzelte Stücke, wie ein 
Anteil an Treffurt, Schutzzoll und Geleit zu Erfurt, Ziegen- 
rück, dann durch den Naumburger Hauptvertrag vom 
29. Februar 1554 Sachsenburg, blieben noch bei den Nach- 
kommen Johann Friedrichs. 

Ohne Zweifel gehören aber die Kurfürsten des erpesti- 
nischen Zweiges der Wettiner zu den vorzüglichsten Fürsten 
aller Zeiten. Sie haben durch ihre teils ruhig-besonnene, 
teils standhafte und mutige Pflege und Verteidigung der 
Reformation deren sichere Entfaltung nicht nur in ihren 
eigenen Landen, sondern mittelbar auch in den meisten 
übrigen Teilen unserer Provinz, ja in ganz Deutschland und 
darüber hinaus wesentlich fördern helfen. Am 25. Mai zog 
der Kaiser in die Hauptstadt Wittenberg ein und besah die 
Schlofskirche mit Luthers Grab. Dem von religionseifrigen 
Spaniern an ihn gerichteten Ansinnen, die Gebeine des Erz- 



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358 



Neunter Abschnitt. 



ketzers ausgraben und sie, nach römisch-kirchlichem Brauch, 
verbrennen zu hissen, soll er mit dem nicht blofs edeln 
sondern auch klugen Einwurf widerstanden haben, er 
führe nur Krieg mit Lebenden, nicht mit den Toten. 

Nachdem der gefangene Kurfürst vom 28. Mai bis zum 
3. Juni noch einmal in seiner Hauptstadt Wittenberg ge- 
weilt, dann von seiner treuen Gemahlin und seinen Kindern 
rührenden Abschied genommen und seine früheren Unter- 
thanen mit ihren Pflichten an Herzog Moritz gewiesen hatte, 
wurde diesem am 4. Juni 1547 im Felde vor Wittenberg 
vom* Kaiser die Kurwtirde tibertragen. 

Von dem gröfsten Einflufs war die Niederlage Johann 
Friedrichs auf die sächsischen Bistümer; besondere Naum- 
burg-Zeit«. Schon am 23. Mai 1547 wurde Pflug wieder 
an die Stelle des vertriebenen Amsdorf in das Stift ein- 
gesetzt. Auch in dem schon vorher mit zu Moritz' Landen 
gerechneten Bistum Merseburg wurde auf Befördern Pflugs 
dessen Freund Michael Sidonius Heldring, ein geborener 
Wtirttem berger, zum Bischof befördert (1548 — 1561), gleich 
ihm ein eitriger, wenn auch von den Gebrechen seiner 
Kirche überzeugter Papist. An den Bischofssitzen zog 
vorübergehend wieder römisch-katholisches Kirchenwesen 
und Priesterschaft in die Stiftskirchen ein, aber die Refor- 
mation war nicht mehr zu unterdrücken. Als Pflug später 
den Geistlichen zumutete, sich von ihren Frauen zu scheiden, 
wollten die Bauern aus guten Gründen nichts davon wissen. 
Pflug selbst, dessen eheloser Stand zu keinem Verdachte 
Anlafs gab, kannte „die sittenlosen Zustände des Klerus so 
gut, dafs er der Überzeugung war, es müsse entweder 
den Geistlichen die Ehe verstattet oder „das Konkubinat 
zugelassen werden, um noch gröfseres Ärgernis zu ver- 
meiden. 

Als nun so der Kaiser wieder die Macht in seinen 
Händen, auch im evangelischen Sachsenlande in Johann 
Pflug und Michael Heldring ein paar tüchtige Vertreter der 
alten Kirche zurückgeführt sah, war seine Absicht, die 
höchste Macht in seiner Hand zu stärken, indem er eines- 
teils der zu grofsen Selbständigkeit der Landesfürsten gegen- 
über ein Gegengewicht zu gewinnen suchte, anderseits 
durch Vermittelung und gegenseitiges Entgegenkommen die 
Bevölkerungen in den alles beherrschenden religiösen Fragen 
zu befriedigen und zu vereinigen suchte. Hier war es nun 
der geistvolle patriotische Bischof von Naumburg, der den 
Entwurf einer in diesem Sinne veränderten Reichsvcrfassung 
aufstellte. 



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B. Ptiug nach Naumburg zurückgeführt. Das Interim. 359 



Der kirchlich - religiöse Ausgleich sollte durch die vom 
Kaiser erlassene Kirchenordnung, das sogenannte Interim, 
d. h. eine Ordnung der kirchlichen Fragen in der Zwischen- 
zeit bis zu einer allgemein anerkannten Kirchenversammlung, 
hergestellt werden. Aber der von Pflug im Einvernehmen 
mit Heldring für den Augsburger Reichstag verfafste Ent- 
wurf wurde besonders hinsichtlich der Rechtfertigungslehre, 
der Kernlehre der Reformation, durch spanische Einflüsse 
im kaiserlichen Kabinet so umgestaltet, dafs er der evan- 
gelischen Uberzeugung nicht entsprach. Das Abendmahl 
unter beiderlei Gestalt nach der Lehre der heiligen Schrift, 
die Priesterehe wurde freigegeben, die äufserlichen Kirchen- 
gebräuche für indifferent erklärt. 

Ab er wenn auch auf protestantischer Seite vom Kurfürsten 
von Brandenburg und seinem Hoftheologen Johann Agricola 
dieses Unternehmen gebilligt wurde, so fand es doch im 
allgemeinen bei offenen festen reformatorischen Männern 
als Flickwerk die entschiedenste Mifsbilligung. Und während 
es besonders flir die Altgläubigen bestimmt schien, so nahmen 
diese es im Sinne des Papstes nirgend an, so dafs es nur 
den Evangelischen aufgenötigt wurde. Aber hier sollte es 
sich nun zeigen, wie tief die Reformation die Herzen er- 
griffen hatte 

Das am 15. Mai 1548 als Reichsgesetz verkündigte 
Werk erfuhr von allen Seiten Widerspruch. Glaubens- 
freudig gingen Hunderte von evangelischen Geistlichen un- 
verzagt ins Elend, da sie ihren Glauben in nichts verraten 
wollten. Die Arbeit, die auf äufserliche Weise in inneren 
Fragen Frieden hatte herstellen sollen, wurde zum Anlafs 
des erbittertsten Streits, der nirgendwo leidenschaftlicher, 
auch mit Spott und Satire, gefuhrt wurde, als zu Magde- 
burg, wo der Kroate Flacius der furchtbarste und leiden- 
schaftlichste aller Bekämpfer dieser kaiserlichen Kirchen- 
ordnung war. Die Fülle von theologischen und Streitschriften, 
die gerade in dieser und der nächsten Zeit von Magde- 
burg ausgingen, gab besonders Veranlafsung dazu, dafs 
man die Stadt wohl als „unseres Herrgotts Kanzlei" be- 
zeichnete. 

Der Kampf der Evangelischen wider das Augsburger 
Interim war die Abwehr eines von aufserhalb aufgenötigten 
Bekenntnisses. Bedenklicher war es, als auf Veranlassung 
des Kurfürsten Moritz, der den Kaiser nicht durch gänzliche 
Abweisung der Unionsbestrebungen sich entfremden wollte, 
Melanchthon und die übrigen Wittenberger Theologen eine 
vermittelnde Schrift zustande brachten, worin dem Papst 



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360 



Neunter Abschnitt. 



und den Bischöfen die Gerichtsbarkeit wiedergegeben, die 
bischöfliche Firmung, letzte Ölung, Zeremonien, Fron- 
leichnamsfest zugestanden wurden. Gegen dieses „ Leipziger 
Interim" von 1549 erhob sich Flacius mit besonderer Heftig- 
keit und fand zu Magdeburg, wo er sich eine Zeit lang 
kümmerlich nähren mufste, an Amsdorf und Gallus (Hahn), 
auch Erasmus Alber eifrige Bundesgenossen. Besonders griff 
er die melanchthonische Aufstellung von den Mitteldingen 
(Adiaphora) an, die man um des Friedens willen ohne Sünde 
annehmen könne. So entstanden die „adiaphoristischen" 
Streitigkeiten, in die auch weitere Kreise des Volks hinein- 
gezogen wurden. 

Dur«h diesen Widerstand gegen das von ihm freilich 
nur mit Rücksicht auf den Kaiser zustande gebrachte Interim 
kam besonders Herzog Moritz in eine peinliche Stellung. 
Da er überdies sehen mufste, wie der Kaiser nicht nur den 
blutsverwandten Herzog Johann Friedrich, sondern auch 
wider gegebene Zusage seinen eigenen Schwiegervater, den 
Landgrafen von Hessen, nicht aus strenger Gefangenschaft 
löste, auch durch seine Allgewalt die Freiheit der Reichs- 
fürsten bedrohte, so sann er darauf, wie er diesen Bann des 
deutschen Fürstentums und des Protestantismus brechen 
könne. Die seinem Geist und Charakter eigentümliche 
Weise, in welcher er dies ausführte, werden wir bei einem 
Blick auf die gleichzeitige Geschichte und Geschicke Magde- 
burgs kennen lernen. 

Wir müssen hier auf die späteren Regierungsjahre Erz- 
bischof Albrechts zurückgreifen. Derselbe war durch sein 
entschiedenes Auftreten gegen die Reformation in seiner 
Residenz Halle in ernstlichen Konflikt mit dem Kurfürsten 
von Sachsen, als Burggrafen von Magdeburg, geraten. Auch 
als er am 31. Juni 1535 seinen ehemaligen Günstling, Ober- 
baumeister, Rechnungsführer und Kammerdiener Hans Schanz 
wegen Unterschleif zu Giebichenstein hatte aufhängen lassen, 
wurde er besonders von Luther hart angegriffen, dafs er 
Kläger und Richter in einer Person sei, und der Verdacht 
lag nahe, dafs der Erzbischof bei seiner grofsen Verschwen- 
dung und Schuldenlast in der Hinrichtung seines Günstlings 
einen Justizmord begangen habe, um sich aus Verlegenheiten 
zu retten. 

Wider ein Gutachten benachbarter Fürsten am 24. Fe- 
bruar 1538, wodurch dem Kurfürsten von Sachsen, als Burg- 
grafen , die Beleihung des Schultheifsen und Salzgräfen zu 
Halle mit dem Blutbann, die Einweisung der Schultheifsen, 
Salzgräfen und Schoppen in ihr Amt, sowie das Recht, drei- 



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Leipziger Interim. Spätere Lebensjahre Erzb. Albrechts. 861 



mal im Jahre zu Halle Gericht zu halten, zuerkannt wurde, 
erwirkte Albrecht einen Einspruch des Kaisers, der als 
oberster Schiedsrichter selbst die Entscheidung in Anspruch 
nahm, so dafs die Sache vorläufig liegen blieb und erst 
1570 im Vertrage zu Eisleben völlig beglichen wurdo. Im 
Jahre 1538 löste der Erzbischof auch sehr gegen den 
Wunsch der Stadt das verpfändete Gommern nebst Elbenau, 
Ranis und Gottau ein. Schon 1536 hatte er seinen Vetter 
Johann Albrecht zum Ooadjutor angenommen, der mit der 
Stadt ein Verteidigungsbündnis schlofs, in welchem derselben 
das im Nürnberger Religionsfrieden von 1532 festgesetzte zu- 
gestanden wurde. 

Magdeburg strebte damals mächtig empor , wenngleich 
sein Handel auf der Elbe besonders durch das empor- 
kommende Hamburg etwas gedrückt wurde. Zu erwähnen 
ist, dafs auf eifriges Betreiben des Bürgermeisters Jacob 
Rode 1537 beim Brückthor eine Wasserkunst angelegt 
wurde, welche das Wasser aus der Elbe in ein Gefäfs am 
alten Markt beim Otto-Denkmal leitete, wie ein ähnliches 
Werk in Halle schon 1532 zustande gekommen war. Die 
Stadt baute und besserte ums Jahr 1540 mancherlei am 
Rathause und Roland. 

Der siegreiche Durchbruch der Reformation im Branden- 
burgischen, wo am 31. Oktober 1539 Bischof Matthias von 
Jagow das Abendmahl nach biblischer Einsetzung feierte, 
äufserte auch bald seine Rückwirkung auf Magdeburg, wo 
1541 und 1544 Neustadt und Sudenburg ihre evangelischen 
Prediger erhielten. Auch Halle drang, als es den Anteil an 
den von den Landständen dem Erzbischof bewilligten Geldern 
zahlen sollte, erfolgreich auf Anerkennung der Religions- 
freiheit, worauf Justus Jonas aus Wittenberg das evange- 
lische Kirchenwesen in der Stadt durchführte. Seitdem litt 
es Albrecht nicht mehr in der ketzerischen Stadt, die er so 
gern als eine glanzvollo Vertreterin des Gottesdienstes nach 
römisch-päpstlicher Weise und zu einer Burg desselben ge- 
macht hätte. Er lebte hinfort im Stifte Mainz, wo er am 
24. September 1545 zu AschafFenburg starb. In beiden 
Stiftern Magdeburg und Halberstadt folgte ihm von 1545 
bis 1550 sein Vetter, der bisherige Ooadjutor Johann 
Albrecht, Bruder Herzog Albrechts von Preufscn. Da die 
Stadt Magdeburg ihn als eifrigen Katholiken nicht aner- 
kannte, so wurde er nie im Dom eingeführt. Halle dagegen 
huldigte ihm am 20. April 1546 nach einem durch Kur- 
fürst Jobann Friedrich für sie vermittelten sehr günstigen 
Vertrage. In diesem Jahre war auch Martin Luther nach 



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362 



Neunter Abschnitt. 



der Schlichtung von Streitigkeiten zwischen den Graten von 
Mansfeld am 18. Februar in seiner Vaterstadt Eisleben ge- 
storben und am 22. Februar 1546 vor der Kanzel der 
Schlofskirche zu Wittenberg bestattet worden. Nachdem 
der Erzbischof im Jahre 1547 den siebenzehnjährigen Sohn 
Kurfürst Joachims von Brandenburg als Coadjutor bestellt 
hatte, wurde er am 12. Juli 1548 nach seinem Verzicht 
infolge des Schmalkaldischen Krieges in beiden Stiftern 
wieder eingesetzt. Als er am 24. August 1548 auf einem 
Landtage zu Halle die Annahme des Interims forderte, er- 
baten sich die Städte Bedenkzeit; es kam aber zu keiner 
Annahme. Am entschiedensten widerstand Magdeburg, das 
mit dem Erzbischof durchaus auf Kriegsfufs und unter der 
kaiserlichen Acht stand. Die Stadt hatte mannigfache 
Gründe; der erste war ihr entschieden reformatorisches Be- 
kenntnis, dann die verweigerte Unterwerfung nach dem 
Sturze Kurfürst Johann Friedrichs. Statt sich zu unter- 
werfen, war sie aufs eifrigste bedacht, sich in Verteidigungs- 
zustand zu setzen, wobei denn Klöster, Kirchen und Dom- 
herrnkurien, wo es das Bedürfnis zu fordern schien, nicht 
geschont wurden. Als das Domkapitel trotz der dringlichen 
Vorstellungen des Dompropstes Georg von Anhalt die Re- 
formation nicht annehmen wollte, hatte man den Dom ge- 
schlossen, die Klöster zu Berge und Unser Lieben-Frauen 
besetzt, dann am 6. Februar 1547 im Dom die erste .evan- 
gelische Predigt halten lassen. Die erzbischöflichen Amter 
um die Stadt herum: Wanzleben, Dreileben, Egeln, Wolmir- 
stedt waren von dieser besetzt. Vergeblich bemühten sich 
im April 1550 Ritterschaft und Landstände, die Stadt mit 
dem Erzbischof zu vergleichen. Diese verlangte vor Heraus- 
gabe der Amter die Befreiung von der Acht, Aussöhnung 
mit dem Kaiser und freie Religionsübung. Darüber starb 
nun am 17. Mai 1551 Erzbischof Johann Albrecht auf der 
Moritzburg zu Halle im 51. Lebensjahr und es folgte wieder 
in beiden Stiftern Magdeburg und Halberstadt des Kurfürsten 
von Brandenburg Sohn, der bisherige Coadjutor, in einem 
Alter von zwanzig Jahren. 

Während nun auch bei ihm ein von Kurfürst Joachim 
gemachter Versuch eines Vergleichs zwischen der Stadt und 
dem neuen Erzbischof an den eben genannten Bedingungen 
scheitern mufste, wurde die Lage der ersteren eine sehr 
schwierige. Am 26. Juli 1550 drang Karl V. eifrig auf 
Annahme des Interims und auf die Bestrafung Magdeburgs. 
Dieses allein war es jetzt, welches die Annahme jener kaiser- 
lichen Kirchenordnung kühn und entschieden ablehnte und 



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Magdeburgs Widerstand gogen Kaiser und Interim. 



368 



so allein der Verwirklichung des kaiserlichen Bestrebens, die 
Einheit der Herrschalt auch durch Beherrschung des Glauben 8 
herzustellen, im Wege stand. So richtete sich denn allermeist 
gegen diese Stadt der Zorn des siegreichen Kaisers, und nach 
Verhängung der Acht und Aberacht suchte er auch die 
Vollstreckung derselben ins Werk zu setzen. Nur einzelne 
Fürsten, wie Wolfgang von Anhalt und Markgraf Johann 
von Brandenburg, erklärten mutig, sie würden in keiner 
Weise dazu helfen. Die Folgen der Acht machten sich aber 
doch bald geltend, indem von den Märkern und den 
Adeligen der Nachbarschaft mit Befehdungen und Plünde- 
rungen gegen die für vogelfrei erklärten Städter vorgegangen 
wurde. 

Die Zeiten des sogenannten Faustrechts schienen hier 
zurückgekehrt. Der unruhige Prinz Georg von Mecklenburg 
nahm die von Heinrich dem Jüngeren nach der Belagerung 
von Braunschweig entlassenen Krieger in Sold, um damit 
im Magdeburgischon und Halberstädtischen zu freibeutern. 
Am 16. September 1550 nahm er Wanzleben. Als dio 
Burg von 300 Magdeburgern tapfer verteidigt wurde, liefe 
er das Städtchen seinen Zorn schwer entgelten. Und da 
die Städter grösstenteils mit Hilfe bewaffneter Bauern gegen 
den Rat ihrer befähigten Führer eine Unternehmung gegen 
ihre Befehder wagten, so erlitten sie am 21. September 
1550 bei Hillersleben eine blutige Niederlage. Dieser Ver- 
lust ermutigte die Achtsvollstrecker, mehr und mehr ihre 
Streitkräfte zu einer Belagerung zusammenzuziehen. Aufser . 
Herzog Georg waren es die Kurfürsten von Brandenburg 
und Sachsen, Herzog Heinrich der Jüngere von Braun- 
schweig, Domkapitel und Adel, die sich zur Vollstreckung 
des Auftrags von Kaiser und Reich vereinigten. Ein Heer 
von 10 000 — 15 000 Mann war beisammen; Kurfürst 
Moritz wurde zum Oberbefehlshaber des Belagerungshecres 
ernannt. 

Magdeburg, das durch die eben von der Belagerung be- 
freiten Braunschweiger einigen Zuzug erhielt, brachte seine 
Besatzung wieder auf 3000 Mann zu Fufs und 300 zu 
Pferde, und man gab sich das Versprechen, fest verbuuden 
für Glauben, Haus und Hof, Volk und Freiheit zusammen- 
zuhalten und alles dafür zu wagen. Zwischen Volk und 
Geistlichkeit herrschte volle Einigkeit. Bei allen Unter- 
nehmungen, Vergleichsversuchen und Verhandlungen wurde 
ihr Rat gefragt, ohne denselben nichts unternommen. Ihrer- 
seits sprachen die Stadtprediger den Gemeinden Mut zu und 
befeuerten sie zu standhafter Ausdauer. 



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364 



Neunter Abschnitt. 



Damals stand die Elbfeste, die von Otto dem Grofsen 
als Vermittlerin deutsch - christlicher Kultur an der Grenze 
des Wendenlandes erhöhte Lieblingsstadt auf der höchsten 
Warte der Weltgeschichte , denn was aus allen Gegenden 
Deutschlands und darüber hinaus gegen das Interim, d. h. 
im letzten Grunde gegen den äufserlichen Zwang in Glaubens- 
sachen, des Geistes Schwert oder das von Eisen zu 
schwingen gesonnen war, zog in die belagerte Stadt, unter- 
stützte sie oder setzte wenigstens wünschend und betend 
sein Hoffen auf ihre Behauptung. Graf Albrecht von Mans- 
feld mit zwei Söhnen, Graf Christoph von Oldenburg, der 
württembergische Feldherr Freiherr von Heydeck, der böh- 
mische Kaspar Pflug liehen ihr Arm und Schwert, die 
Städte Braunschweig, Hamburg, Lüneburg, Lübeck, Danzig, 
Nürnberg, Ulm, Strafsburg leisteten ihr grölsere oder klei- 
nere Hilfe, ebenso Herzog Johann von Mecklenburg und 
der König von Dänemark. Selbst von der englischen 
Königin Johanna Grey wurde ihr durch den edeln Polen 
von Laski Unterstützung zugedacht. Wenn auch die Summe 
dieser Hilfe gering, ja verschwindend gegen die Opfer war, 
welche Magdeburg selbst zu bringen hatte, so waren sie 
doch ein bedeutsames Zeugnis dafür, dafs man an allen 
Enden, wo das evangelische Bekenntnis Wurzel gefafst 
hatte, erkannte, dafs in der belagerten Stadt die allgemeine 
Sache religiöser Freiheit verfochten werde. Ebenso war 
Magdeburg der Mittel- imd Brennpunkt für die litterarisch- 
geistige Bekämpfung des Interims. Die ganze Stadtgeistlich- 
keit stand in Verteidigung des unverkürzten evangelischen 
Bekenntnisses zusammen. Am bedeutendsten traten Matthäus 
Flacius, von Amsdorf, Hahn und der dichterisch begabte 
Rheinfranke Erasmus Alber hervor. Da überall anderswo 
der Druck religiöser Schriften unter strenger Zensur stand, 
so war Magdeburg allein der Ort, von wo die freie Ver- 
teidigung der reformatorischen Lehre ausging. Man be- 
greift, ohne die aufscrordentliche, furchtbar ernste Lage zu 
bedenken, kaum die Innigkeit und Begeisterung, womit die 
Ideen des Glaubens die Massen beherrschten. Neben heiligem 
Ernst fehlte es aber auch nicht an Spott und Satire bis 
zum Übermut, worin sich besonders Alber auszeichnete. 
Auch ein Handbüchlein geistlicher Lieder in der nieder- 
deutschen Mundart des Volkes, dessen gesamte Auflage, wie 
es bei solchen echten kirchlichen Volksbüchern nicht selten 
geschieht, fast vollständig durch fleifsigen Gebrauch ver- 
schwunden ist, wurde als höchst bedeutsames Erhebungs- 
mittel, wie es auf dem Titel heifst: 



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Die Belagerung von Magdeburg 1550/51. 3C5 



gedruckt tho Magdeborch, in der Belagerung, 

in grother vahr 
am 30. Mai 1551 durch Hans Walthcr vollendet. 

Die eigentliche Belagerung der Stadt, in der mit Ein- 
schlufs von 6000 Flüchtlingen gegen 40 000 Menschen bei- 
sammen waren, wurde am 4. Oktober 1550 von Herzog 
Georg von Mecklenburg begonnen. Auf die am 12. dieses 
Monats gemachten Vergleichsvorschläge, in denen kein Wort 
von der Religionsfreiheit die Rede war, einzugehen, fand die 
Stadt unverantwortlich „vor der Welt und vor der Nach- 
kommenschaft" — sie hatte also ein volles Bewufstsein von 
dem, was sie zu vertreten hatte. Für das Domkapitel, das 
am 25. Oktober die Stadt offener Rebellion anklagte, wurden 
erhebliche Hilfsgelder bewilligt, die aber zum grofsen Teil 
das Stift aufbringen mufste. Die sächsische Ritterschaft 
aber verweigerte die ihr zugemutete Stellung von Ritter- 
pferden, weil sie die Belagerung als eine Religionsverfolgung 
ansah. 

Unter Kurfürst Moritz von Sachsen, als oberstem Achts- 
vollstrecker, dem Lazarus von Schwendi als Reichsbevoll- 
mächtigter beigegeben war, zog sich nun die Belagerung 
lange hin, während der Kaiser auf dem Reichstag dem 
spanischen Philipp die Kaiserkrone zu verschaffen und König 
Ferdinand zum Verzicht auf seine Ansprüche zu bestimmen 
suchte. Die